Über die Widersprüchlichkeit unserer Epoche

Wir leben fürwahr in einer widersprüchlichen Welt. Die Dialektiker, die im Widerspruch den Reflex der Selbstbewegung der Welt sehen, streben danach, seine antagonistischen Formen in der Gesellschaft aufzuheben, die Metaphysiker, die keine Selbstbewegung der Materie anerkennen, sondern in Gott immer noch den ersten Beweger von allem sehen, tun alles, damit die Ausbeutung des Volkes durch eine Handvoll Kapitalmagnaten beibehalten wird, als sei die Misshandlung der Mehrheit der Geschöpfe Gottes durch eine Minderheit seiner Geschöpfe nach dem Dogma der Gnadenwahl und der Elitetheorie Calvins selbst sein letztes Wort. Nach Calvin ist es der nicht zu hinterfragende Wille Gottes, dass die Mehrheit der Menschen leide. Es sei Frevel, diesen Willen überhaupt anzuzweifeln. Alle bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien, die für eine Aufrechterhaltung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, für die indirekte Sklaverei eintreten, halten zugleich diese calvinistische Perversion aufrecht. Sie täuschen sich. Der alte Engels schrieb ein Jahr nach dem Tode von Marx, der 1883 starb: „Aber unsre Konservativen sind nun einmal unsre größten Revolutionäre“. 1. Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein und sie ist gut beraten, sich immer an die Worte Lenins zu erinnern: ZERSPLITTERT IST SIE NICHTS, ORGANISIERT IST SIE ALLES. 2. Proletarier aller Länder, vereinigt Euch.

Mit der Aufklärung kam unweigerlich der Begriff des Fortschritts auf mit einer Eindringlichkeit, dass wir heute trotz zweier verheerender Weltkriege nicht an ihm zweifeln. Es ist der technische Fortschritt, der uns blendet. Mit dem Gedanken des Fortschritts hat sich der Gedanke der Vollendung der Geschichte verankert, der Fortschritt, der in unendliche Weiten geht, scheint uns nicht zu befriedigen, Fortschritt als fassbarer verharrt im Horizont seiner Konsumierbarkeit. In unserem Alltag sind wir in einer völligen Diesseitsbefangenheit verstrickt, die jedoch nicht die Stärke hat, die Religion als den Sonntag des Lebens zu ersticken. Wir werden Zeuge einer Entkoppelung des substantiellen, erfüllten Lebens von der auf höchsten technischen Niveau basierenden westeuropäischen und us-amerikanischen Zivilisation. Ein Schub von Heilserwartungen kann aus diesen kalten Regionen nicht mehr kommen, nach der Oktoberrevolution waren die vom ersten Weltkrieg nicht verbrauchten „Bauernvölker des Ostens“  Träger einer kulturellen Zivilisationserwartung, die mit Lenins Kommunismus verschmolz und durch Maos Kulturrevolution menschheitsbefreiende Dimensionen annahm. In gewisser Weise hat sich Armut heute gerecht verteilt. Die Region, in der die technische Entwicklung ihren höchsten Stand erreicht hat, verarmt in kultureller Hinsicht zur Nullität. Die Genies der klassichen deutschen Philosophie, die sie zur zweiten Hochblüte der Weltphilosophie trieben, hatten auf den ersten Blick einen infantilen Zug: um die schwierige kantische Philosophie zu verstehen, schrieben sie mit der Hand ganze Passagen aus seinen Kernwerken, den drei Kritiken, einfach ab. Was man einmal aufgeschrieben hat, hat man im Gehirn. Heute verkümmert dieses durch den Mouskelick. Die Digitalisierung der Welt durch eine kalte, instrumentelle Vernunft und der politisch-kulturelle Komplex, in den wir eingebunden sind, gehen auseinander. Von jener allein das Glück der Menschheit zu erwarten endet in der Sackgasse eines leeren Lebens, das nur für die Statistik gelebt wurde.

1. Friedrich Engels, Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe „Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,568
2. Vergleiche auch Friedrich Engels: „ Produziert mit Bewußtsein, als Menschen, nicht als zersplitterte Atome ohne Gattungsbewußtsein“. (Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,515. Bei denen Worten Lenins muss man auch immer an den Abbè Sièyes denken: Was ist der Dritte Stand ? Nichts ! Was könnte er sein ? Alles ! Vollzieht sich dies realgeschichtlich, wird aus dem „Nichts“ ein „Alles“, so haben wir hier am Ende auch wieder historischer Dialektik innezuwerden. Es wäre sicherlich verfehlt, in Abbé Sièyes einen Revolutionär zu sehen. Die Revolution schleudert gewisse Leute auf das politische Parkett, die in bestimmten Augenblicken zu scharfen Formulierungen gezwungen sind, als Sprecher des „Dritten Standes“ kommt der Abbé zu interessanten und richtigen heute ausschließlich auf der Arbeit begründet; die produktiven Fähigkeiten der Menschen sind alles; kaum versteht man es, Vorteil auch aus den moralischen Fähigkeiten zu ziehen, die doch die fruchtbarste Quelle wirklichen Genusses werden können. Wir sind also gezwungen, in der Mehrzahl der Menschen nichts als Arbeitsmaschinen zu sehen“. (Zitiert bei Jean Jaurès, Histoire socialiste, Bd. I., La Constituante, Paris, o. J.,380). Und das, nachdem die „Enzyklopädie“ das Glück als Menschenrecht ausgerufen hatte. „Diese Vorstellung vom diesseitigen menschlichen Glück ist wichtig zum Verständnis des Geistes, der das ganze enzyklopädische Unternehmen beherrscht; alles Wissen der Welt und über die Welt soll verfügbar gemacht werden und die Menschen zur Tat treiben, ihnen ihre Begabung zum Handeln und zum Glücklichsein bewußt machen“. (Hauptwerke der französischen Literatur, Einzeldarstellungen und Interpretationen, Edition Kindlers Literaturlexikon, München, 1976,193).

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