HEGEL UND DIE BÜRGERLICHE AUFKLÄRUNG

Die bürgerliche Aufklärung bringt im 18. Jahrhundert zwei Kardinalphilosophen hervor, die ihr Denken bereits kritisch gegen sie selbst richten. 1758 schreibt Rousseau in einem Brief an d‘ Alembert, dass vor lauter Wissenschaft die Tugend unbeachtet bliebe. Rousseau deutet die Aufklärung als Höhepunkt der Fehlentwicklung zu einer Deformation des Verhältnisses von Natur und Kultur. Durch eine Kulturrevolution will er die durch Zivilisation entstellte Natur wieder in ihre Rechte einsetzen. In Deutschland ist Kant auf Grund seiner Zwitterstellung zwischen Idealismus und Materialismus in einer Position, in der er als Agnostiker zugleich zum Kritiker der enzyklopädisches Wissen anstrebenden Aufklärung wird: wir sind noch nicht aufgeklärt, sondern leben lediglich in einem Zeitalter der Aufklärung. Kantens Programm der kritischen theoretischen Philosophie hatte im Prospekt, alle Schwärmerei mit der Wurzel auszurotten und die Dialektik auf immer zu vertilgen. Es darf nicht übersehen werden, dass Kant trotz seiner Abweisung des dialektischen Denkens den rousseauschen Widerspruch zwischen Natur und Kultur durch eine doppelte Negation lösen will: Natur und Kultur tun sich gegenseitig Abbruch, „bis vollkommene Kunst wieder Natur wird“. (Immanuel Kant, Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1989,38).  Das letzte Ziel der sittlichen Bestimmung der Menschheit ergibt sich aus abgebrochenem Abbruch, ergibt sich daraus, dass Natur und Kultur sich gegenseitig (ab)brechen. Als grübele Kant immer noch über die unbestimmte Ungeheuerlichkeit seiner Behauptung, ist ihm entweder im Kontext des „Mutmaßlichen Anfangs der Menschengeschichte“ in der entscheidenden Aussage das Wort „Kunst“ statt Kultur gerutscht, oder Kant sieht als Climax der kulturellen Entwicklung die Kunst als vollkommene. In der Weltgeschichte war für Kant die vollkommene Kultur (oder die vollkommene Kunst / Staatskunst) der mit dem „Ewigen Frieden“ unter den Philosophen verbundene „Ewige Frieden“ unter kosmopolitisch orientierten Staatsbürgern, die unter republikanischen Verfassungen leben, ein Zustand, der für Hegel in einer nur noch in sich reflektierenden Menschheit bestand, für die es nichts Fremdes mehr gibt und die auch nicht mehr auf Fremdes reflektieren kann. Der Frieden ist eben das Nahe, das nicht mehr fremd ist. Hegel und auch Engels deuten die bürgerliche Aufklärung als vorletzten Emanzipationsschritt der Menschheit. Gerade dieser Aufklärung ist es nach Hegel zuzuschreiben, dass unser Leben in einer Epoche der Zerrissenheit zur Leidensgeschichte wird. Die Niederlage der französischen Revolution, mag man sie nun im Sturz Robespierres (1794), im Staatsstreich Napoleons („Die Revolution ist beendet“) oder im Desaster von Waterloo (1815) verankern, hat auch zu einer neuen Sichtweise der bürgerlichen Aufklärung und ihres „Prinzip Hoffnung“ geführt. In sich gebrochen war die Erwartung einer ungebrochenen Vervollkommnungsfähigkeit der Menschheit, die im vorigen Jahrhundert noch einmal durch den Faschismus in eine  Schockstarre geriet, die eine Selbstmordwelle unter Intellektuellen auslöste. Statt wie in der Aufklärung versprochen, die Menschheit zur Erlösung von der Politik zu führen, wurde die Bourgeosie zum „Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor“. (Karl  Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1974,467). Nüchterner als Marx und Engels hat Hegel die bürgerliche Gesellschaft als eine Welt der kalten Verstandesherrschaft gedeutet, gegen die er eine Dialektik der Unruhe als Kind der Vernunft mobilisieren will. Der Hexenmeister soll listigerweise durch dialektische Hexerei überführt werden.

Durch das ganze Denken Hegels zieht sich das Axiom, dass die Verstandesrationalität den Menschen nicht aus seinem Zwiespalt „bourgeois-citoyen“ erlöst, sondern ihn verursacht. Hier wird das Defizit der bürgerlichen Aufklärung bereits auf den Begriff gebracht, das Adorno und Horkheimer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts lediglich umtauften. Aber Hegel reagiert im Verlauf seiner intellektuellen Entwicklung ganz unterschiedlich auf diese „Dialektik der Aufklärung“, legt ganz unterschiedliche, auch sich widersprechende Lösungswege an. Der junge Hegel hat gegen die politische Verstümmelung des Menschen in einem System die „Liebe“ kultiviert. Statt sich im Gesellschaftsvertrag Rousseaus, im Terror Robespierres oder im Krieg Napoleons zu vernichten, vernichtet sich der Mensch in der Liebe in einem anderen, aber so, um sich durch diese Hingabe als glücklicher Mensch zurückzuerhalten. Von diesem dialektischen Motiv seiner Jugend nimmt Hegel bald Abschied. Für ihn wird nun die Vernunft der Speer, der die Wunde heilen soll, die der Speer des Verstandes geschlagen hat. In einem Brief vom 2. November 1800 schreibt er, mittlerweile dreißig Jahre alt, an seinen Jugendfreund Schelling, dass sich für ihn das Ideal des Jünglingsalters zur Reflexionsform, in ein System verwandeln musste, “ … ich frage mich jetzt … welche Rückkehr zum Eingreifen in das Leben der Menschen zu finden ist“. Ist schon der Übergang von der Liebe zum philosophischen System hart, so kommt es noch härter: 1821, mittlerweile ist Hegel über fünfzig Jahre alt, hat sich in seinem Denksystem der Staat fest etabliert, statt der Liebe soll er jetzt das Medium der Versöhnung mit der durch die bürgerliche Aufklärung und durch die bürgerliche Revolution zerrissenen Welt sein. Wie Babeuf sieht auch Hegel die Zerissenheit der bürgerlichen Gesellschaft in sozialer Hinsicht als eine zwischen „arm und reich“, die bürgerliche Gesellschaft ist unfähig, die Armut des Pöbels zu steuern. Kaum eine andere Philosophie hat eine derart krasse Opposition (Liebe:Staat) ausgehalten und ertragen. Hegels Jugendfreund Hölderlin ist an dieser Zerrisenheit wahnsinnig geworden, Nietzsche, der im Staat den „Tod der Völker“ sah und uns damit eine der tiefsten Einsichten in sein Wesen schenkte, ereilte kein besseres Schicksal. Liebe kann man nicht befehlen, im Staat wird alles befohlen. Man beweist nicht, dass man geliebt werden muss, sagt Pascal, um aber im Verhältnis des Menschen zu Gott in den Widerspruch zu geraten, dass er verpflichtet sei, Gott zu lieben. Wahre Liebe kann es nur unter Atheisten und Atheistinnen geben, sie haben keine Nebengedanken. Der religiöse Mensch ist zur wahren Liebe unfähig, die fanatischen unter ihnen kriechen mehr oder minder freiwillig in den Käfig des Zölibats.
Hegels Philosophie sprüht eine herbe Ästhetik der Accomodation aus. Hatte er als junger Theologiestudent im Tübinger Stift noch zusammen mit Hölderlin und Schelling den Staat als das Monster schlechthin satanisiert (für Kant waren es nur die stehenden Heere, die sich nicht mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinbaren lassen; nicht das Staatsganze): es gäbe keine Idee vom Staat, er sei etwas Mechanisches, wir müssen über den Staat hinaus. „Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln, und das soll er nicht, also soll er aufhören (kursiv von H.A.)“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, Theorie Werkausgabe Band I, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 1972,234f. ). 1821 in Berlin zum preußischen Staatsphilosophen avanciert, verkündet der gleiche Hegel nun, der Staat sei das Ebenbild Gottes auf Erden. Den Schlusspunkt aber setzt er in seiner Religionsphilosophie, dem vielleicht reaktionärsten Werk der klassischen deutschen Philosophie. Von einer Rückkehr zum Eingreifen in das Leben der Menschen ist hier nicht mehr die Rede: die Philosophen müssen sich analog religiöser Orden von der Welt abschließen. Die Philosophie sei “ … ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Friedrich Fromann Verlag, Stuttgart Bad Canstatt, 1965,356). Wir sehen, wie Recht Dietzgen der Ältere hatte, als er die Philosophen als diplomierte Lakaien der Pfafferei charakterisierte, wir sehen aber auch, wie ein Staat wie Preußen eines der größten Genies der Weltphilosophie verhunzt hat. Auch Feuerbach flüchtete nach der 48er Revolution in die dörfliche Idylle von Bruckberg, um dort und zu verbauern und zu versauern. Karl Marx, für den die Existenz des Staates und die der Sklaverei unzertrennlich waren, revolutionierte mit den „Thesen über Feuerbach“ die Wissenschaftsgeschichte, eine ihrer Konsequenzen war die Bildung einer Kommunistischen Partei als Kampfpartei. Lenin gab 1907 Stalin nicht die Anweisung, in einem abgesonderten Klostergarten philosophische Meditationen zu betreiben, sondern die Staatsbank in Tiflis auszurauben.
Heinz Ahlreip

heinzahlreip@aol.com

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