War die russische Revolution von 1905 die Generalprobe der Oktoberrevolution ? Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.

In seiner Polemik mit dem Menschewiken Larin im Jahr 1906 über den Charakter der russischen Revolution von 1905 wackelt Lenin erheblich an dem Bild der russischen Rückständigkeit gegenüber den führenden Ländern in Westeuropa und streicht heraus, dass der Opportunismus unter der Flagge des Europäertums durch die Menschewiken in die SDAPR eingeimpft wird. Die Opportunisten stellen den spontanen Ausbrüchen russischer Barbaren die planmäßige Aktion der Europäer entgegen, während Lenin gerade in den Ausbrüchen wenigstens einen Schatten von Freiheit sieht 1. und Rosa Luxemburg sogar schwärmerisch einen Epochenwechsel in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Die Frage, ob das Fehlen einer substantiellen Breitenwirkung der bürgerlichen russischen Aufklärung bei einer extrem hohen Analphabetenquote verhinderte, dass es bereits 1905 zu einem Sturm auf das Winterpalais kommen konnte, ist nicht leicht zu beantworten, schwierig deshalb, weil man ebenso gut argumentieren kann, ihr Fehlen hatte dafür gesorgt, dass weniger bürgerlich-reaktionärer Ideologieballast in den Köpfen der russischen Untertanen spukte als in denen westeuropäischer „Republikaner“, so dass die Februarrevolution 1917 nach nur wenigen Monaten durch die Oktoberrevolution weltgeschichtlich entwertet wurde. Kautsky hatte schon 1906 bemerkt, dass das städtische Kleinbürgertum kein festes Rückgrat der Revolution abgebe, dass die Bourgeoisie bereits nicht mehr zu den Triebkräften der Revolution gehöre. 2.  Im Kontext der bürgerlichen Revolutionen war die demokratische von 1905 eine überspätete, im Kontext der proletarischen eine verfrühte: zwar war das Proletariat in Russland in einigen Großstädten in hoher Quantität in einer Dichte konzentriert wie in keinem anderen Land, aber da war noch die russische Provinz, in der das Landproletariat extrem verstreut war. Die russische Provinz ist riesengroß und ohne diese fällt kein Würfel der Entscheidung. In ihr herrscht das Regiment der Popen und damit das des Aberglaubens, sozialdemokratischen Agitatoren aus den Städten wurde der Zugang zu Dörfern verwehrt, ja es kam vor, dass sie auf bestialische Weise vom tumben Bauernmob erschlagen wurden. Das war die eine extreme, die häßliche Seite der Revolution von 1905, im Reich der Zaren hatten sich jahrzehnte-, ja jahrhundertelanglang Konflikte gestapelt, die in Westeuropa so nie vorgelegen hatten. Es war zu einer paradoxen Situation gekommen: der Klassenantagonismus war 1905 gravierender als in den früheren bürgerlichen Revolutionen im Westen, und doch war seine Wirkkraft nicht tieferschütternd, er bewirkte nicht das Entscheidende, zum Sieg über die Selbstherrschaft war er noch zu schwach, zu schwach zum bürgerlichen Sieg über die fast 300 Jahre alte Romanow-Dynastie. Für Lenin war der Zarismus um ein ganzes Jahrhundert hinter der Geschichte zurückgeblieben 3., wenigstens hatte die demokratische Revolution von 1905 die Weichen für eine europäische, nicht für eine asiatische Entwicklung des Kapitalismus gestellt. So deutete es auch der Soziologe Max Weber.

In Keimformen finden wir in der russischen demokratischen Revolution von 1905, die 1907 abebbte, Klassenkampfformationen, die für die Epoche des Imperialismus eine archetypische Bedeutung  haben, u. a. dialektische Prozesszusammenhänge zwischen Imperialismus  – Krieg – Militärrevolte – Demonstrationen – Straßenkämpfe – Partisanentaktik und die Herausbildung von Abteilungen einer revolutionären Armee (Panzerkreuzer Potjemkin). Darüber hinaus können wir in dieser großen bürgerlich-bäuerlichen demokratischen Revolution Prozesszusammenhänge zwischen proletarischer und (revolutionärer) bürgerlicher Demokratie, zwischen Bauernbewegung, die durch Milliarden Fäden auch mit der städtischen Armut verknüpft sind,  parteilosen Organisationen und kleinbürgerlichen Vereinbarern (Kadetten) verfolgen. Mannigfaltige Schattierungen der politischen Parteien bildeten sich heraus, die sich auf der Tribüne der zweiten, der Witteschen Duma in ihrer wahren Gestalt deutlicher abzeichneten als unten im Volksleben. 4.  Die revolutionäre Gärung führte eine politische Klärung herbei, trennte in der Duma die Kadetten von den Trudowiki, die Land für die Bauern forderten und das Gesetz zur Abschaffung der Todesstrafe einbrachten. Für Lenin galt es, drei Strömungen: Arbeitererhebung – Bauernaufstand – Militärrevolte zu einem großen Strom zu vereinen. Große Bedeutung legte er auf die Beachtung des Prozesscharakters der Revolution, mit ihrem Fortschritt ändert sich auch die Zusammensetzung der Klassen und die Elemente des Volkes, die positiv zu ihr beitragen. Die Revolution gebar den in den entwickelteren kapitalistischen Ländern noch nicht angewandten politischen Massenstreik, der sich im Dezember 1905 mit dem bewaffneten Aufstand verband und bildete Sowjets (und eine Sowjetbewegung) als Organe des Aufstandes, als Keimzellen einer provisorischen Regierung und als Keimformen des Absterbens jedes Staates 5. heraus, um aus der Komplexität der Ereignisse nur einige herauszugreifen. Der Ausgang der Revolution hing vor allem von der politischen Haltung der Kleinproduzenten ab. Für das Studium des Verhältnisses von Streik und Aufstand und über die Spaltung der revolutionären Partei (in Russland in Bolschewiki und Menschewiki) gibt uns diese Revolution ein überaus reichhaltiges Material. Auch nach der Auflösung der zweiten Witteschen Duma im Juli 1906 sah Lenin in der Vereinigung des politischen Massenstreiks mit dem bewaffneten Aufstand das Gebot der ganzen politischen Lage. Schon in dieser Revolution können wir eine fehlerhafte Politik des rechten Flügels der SDAPR verfolgen, beispielsweise eine der Mäßigung, der konstitutionellen Illusionen und des parlamentarischen Taumels, eine Politik, die sich in der Kontroverse zwischen Lenin und Plechanow, dem ideologischen Repräsentanten der Rechten, widerspiegelte. Sobald es um politische Praxis geht, fällt Plechanow unangenehm auf, er hatte die Menschewiki auf eine politische Position rechts von der revolutionären bürgerlichen Demokratie geführt. Und auf Grund ihrer Keimformen kann ein Studium der Grossen Sozialistischen Oktoberrevolution trotz ihrer einzigartigen weltgeschichtlichen Kardinalität nicht in ausreichende wissenschaftliche Tiefen dringen, wenn man nicht ihre Vorläuferevolution mit ihren sowjetischen Ansätzen berücksichtigt, wie spontan, verschwommen und embryonal diese auch immer in der Zusammensetzung und im Funktionieren gewesen sein mögen. Sie waren schon 1905 Organe der Staatsmacht, Keime einer Diktatur, die gegen Organe einer anderen Staatsmacht stand. Die Sowjets waren außerhalb der Norm entstanden und waren als Diktatur der Volksmassen an keine Norm gebunden.  Dieses Korrespondenzverhältnis zwischen 1905 und 1917 ist indeß verwickelter, als es auf den ersten Blick scheint, der nur sieht, dass die Keime der Revolution von 1905, aus der die Bourgeoisie gestärkt hervorging, das Proletariat zwar unterlag, aber bewußtseinsmäßig den größten Sprung nach vorn machte, im Jahr 1917 einfach zur Blüte gegen diese Bourgeoisie gekommen waren. Schrieb Lenin im Jahr 1905 noch: „Nur ganz unwissende Leute können den bürgerlichen Charakter der vor sich gehenden demokratischen Umwälzung ignorieren; nur ganz naive Optimisten können vergessen, wie wenig die Masse der Arbeiter bisher von den Zielen des Sozialismus und den Mitteln seiner Verwirklichung weiß“ 6., so klang das zwölf Jahre später in den berühmten „Aprilthesen“ bereits ganz anders: jetzt war das halbbarische, rückständigste Land Europas mit der höchsten Analphabetenquote, die besonders unter den Bauern hoch war, auf einmal reif für die sozialistische Umwälzung. Aber sind zwölf Jahre für die Entfaltung von Produktivkräften in eine Höhe ausreichend, die einen Sprung in eine höhere geschichtliche Epoche, die des Sozialismus-Kommunismus gelingen  lässt ? Viele Weg- und Kampfgefährten Lenins empfanden die Aprilthesen als eine Fieberphantasie ohne jeden Realitätsbezug. Wir finden schon 1905/06 nach der Niederlage des Dezemberaufstandes in Moskau einen überschäumenden Revolutionsoptimismus in den Schriften Lenins , er ist eifrig bemüht, Tatsachenmaterial zusammenzutragen, aus dem sich ein neuer Aufstand bereits im Frühjahr 1916 ableiten ließe,  allerdings nicht, um in eine sozialistische Revolution in Russland überzugehen, das geschah erst 1917, sondern um vielleicht die Epoche der sozialistischen Revolutionen im Westen einzuleiten. 7.  Plechanow beurteilte die russische Aussicht wesentlich nüchterner. Es bleibt eine historische Tatsache, dass das erste Parlament in Russland durch die Initiative der Massen, durch den Oktoberstreik von der historischen Bühne verschwand, während der Witteschen Duma das gleiche Schicksal durch einen Federstrich der Selbstherrschaft ereilte. Auch diese zweite Auflösung deutete Lenin als einen revolutionären (obschon in der Form konstitutionellen) Akt 8. und musste sie gemäß seinem Revolutionskonzept so deuten. Durch sie sei eine Lage entstanden, die nur noch den bewaffneten Aufstand als Lösung ließe. Der Aufruf zum Generalstreik ist mittlerweile auch einer zum bewaffneten Aufstand. Lenin blieb unbeirrt bei der Notwendigkeit eines zweiten Aufstandes der Arbeiter, der Bauern und der Armee, den er wie Kautsky bereits im Frühjahr 1906 erwartete. Beide machten einen ähnlichen Fehler, wie ihn Marx und Engels nach der 48er Revolution in der Überschätzung der revolutionären Kräfte begingen. Erst die Oktoberrevolution brachte den entscheidenden Durchbruch zum proletarischen Sieg, durch den auch die Völker des Ostens in den Focus der Weltgeschichte gerieten. Es spricht für Lenins politische Weitsicht, dass er noch vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges im März 1913 darauf aufmerksam machte, dass in Asien ein neuer Herd der heftigsten Weltstürme entstanden sei. 9. Er konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass das Emporschnellen Ostasiens seinem weltrevolutionärem Konzept den zentralen Puzzlestein entwertete: Westeuropa, dessen Arbeiterklasse vorrangig von der deutschen SPD verraten wurde. Das Verhältnis der russischen Revolution von 1905, die von Rosa Luxemburg zu epochal und von Plechanow zu defaitistisch eingeschätzt worden war,  zur Oktoberrevolution 1917 wurde auf den Kopf gestellt: die erste Revolution brachte die Abkehr Russlands von Asien, die zweite seine Hinwendung zu dem erwachenden Riesen. Der Georgier Stalin hatte für diese Entwicklung ein feineres Gespür als der zivilisationsbesessene, urban ausgerichtete Trotzki, der stets auf das mittlerweile dekadente Westeuropa als Rettungsanker der Oktoberrevolution setzte.

Lenin erkannte nach der Oktoberrevolution, dass dem Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion nach der klassischen Bedingung einer Industrialisierung des Landes eine Kulturrevolution vorausgehen müsse. Im Januar 1923 findet sich dieser Gedanke in den Notizen aus Anlass der Aufzeichnungen von N. Suchanows. „Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau notwendig ist … warum sollten wir also nicht damit anfangen, auf revolutionärem Wege die Vorausssetzungen für dieses bestimmte Niveau zu erringen und dann schon, auf der Grundlage der Arbeiter- und Bauernmacht und der Sowjetordnung, vorwärtsschreiten …“. 10. Arbeitermacht und Sowjetordnung aber sind primär politische Kategorien, keine ökonomischen. Vielen kam die bolschewistische Herrschaft fragil vor, Max Weber deutete sie als Militärdiktatur und gab ihr nur eine kurze Lebensdauer. Man muss deutlich sehen, dass Lenin wusste, dass eine gewisse Abweichung der russischen Revolution vom klassischen marxistischen Revolutionsmodell vorlag, die aber immer noch „auf der allgemeinen Linie der Entwicklung der Welt“ 11. lag und dass er für die Eigentümlichkeit der Sowjetrevolution zwei Argumente ins Feld führte: die Oktoberrevolution hing mit dem ersten imperialistischen Krieg zusammen und sie fand auf einem Terrain statt, das man als euro- asiatisch bezeichnen kann. Die asiatische Komponente Russlands galt vor 18 Jahren noch als Fluch, als Ausdruck der Tatsache, dass die rein kapitalistischen Widersprüche in Russland noch „in sehr, sehr hohem Grade von den Widersprüchen zwischen ‚Kultur‘ und Asiatentum, Europäertum und Tatarentum, Kapitalismus und Leibeigenschaft verdeckt werden … „ 12., so dass sich die ökonomischen und politischen Forderungen der Arbeiterklasse in der Revolution von 1905 in der Regel im Rahmen des Kapitalismus bewegten. In Lenins Schrift über die Revolution aus dem Jahr 1923 erscheint der Fluch als Segen. Aus Lenins Weltanschauung heraus konnte keine vollständige Abweichung des roten Oktober von der klassisch-marxistischen Gesetzmäßigkeit der proletarischen Revolution vorliegen, dann hätte wirklich alles auf dem Kopf gestanden. Die Sache war aber merkwürdig genug, die Abstriche, die die Oktoberrevolution von den Idealen einer proletarischen Revolution machen musste, gingen durchaus ins Mark hinein: innenpolitisch musste in einem Agrarland das Agrarprogramm der kleinbürgerlichen Sozialrevolutionäre übernommen werden (jedem Bauern seine Scholle), außenpolitisch blieb der rote Oktober auf dem breiten Flur der Weltrevolution allein und erntete lediglich Sympathien weltweit. Eine weitere Schwierigkeit kam hinzu und auch das war keine nur rein politische, sondern auch eine infrastrukturelle: Wenn Lenin in „Staat und Revolution“ die sozialistische Gesellschaft als „ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleicher Lohn“ ausmalt, so ist zu fragen, ob das weiträumige Russland wirklich als ideales Einstiegsland dienen kann ? Sicher nicht ! Zwar war das Eisenbahnnetz 1900 fertiggestellt, aber rein von der technischen Entwicklung der Infrastruktur her war Russland, wie es bereits Rousseau sah, noch immer ein unregierbares Land. In seinem „Gesellschaftsvertrag“ schrieb er zudem noch über Russland, dass Peter der Grosse die Reife seines Volkes nicht hat abwarten können. 13. Und Lenin ? Ist er zu früh gekommen und vom Leben bestraft worden ? Die Vermutung drängt sich auf, dass erst im Nachhinein durch eine forcierte Kollektivierung der Landwirtschaft und durch eine „nachholenden Industrialisierung“ die ökonomischen Fundamente der Oktoberrevolution gelegt werden mussten und dass bis dahin die Kampferfahrungen dreier Revolutionen: die von 1905, die der Februar- und die der Oktoberrevolution als Surrogat dienten, um letztere dadurch zu legitimieren, dass das russische Proletariat die tiefsten Revolutionserfahrungen in der Phase des Imperialismus gesammelt hätte und damit das revolutionärste der Welt sei. Schon Rosa Luxemburg hatte 1906 in ihrer Analyse der Revolution von 1905 von der russischen Arbeiterklasse geschwärmt: „Dem russischen Proletariat hat deshalb ein Jahr der Revolution jene ‚Schulung‘ gegeben, welche dem deutschen Proletariat 30 Jahre parlamentarischen und gewerkschaftlichen Kampfes nicht künstlich geben können“. 14. Ja, sie ging noch weiter: Das zurückgebliebenste Land weise den fortgeschrittensten den Weg. 15. Der Generalsekretär dieses Proletariats müsste von daher dann auch der größte Revolutionär der Epoche sein. Die Machterhaltung Stalins wäre dann wesentlich davon abhängig gewesen, dass die ökonomische Einholung der politisch bereits vorausgeeilten Oktoberrevolution mit ihm gelänge, ja mehr noch, dass der technologische Fortschritt des Westens, der für ihn hundert Jahre betrug, in zehn Jahren aufzuholen sei. Oder die UdSSR werde zermalmt werden. Das alles aber stellt den historischen Materialismus vor Probleme, die man wohl kaum als nebensächliche abtun kann, im Gegenteil, sie bilden den Kern der Kontroverse zwischen Stalin und Trotzki um den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR, den Stalin auch als singulär beschränkten für möglich hielt, während für Trotzki auf Grund der schiefen Lage zwischen Basis und Überbau in der Sowjetunion das Heil der Weltrevolution im Idealfall in der Weltarena, wenn nicht,  wenigstens in den fortgeschrittenen Ländern Westeuropas zu finden war. Das war eine alte menschewistische Position, die von den „russischen Girondisten“ schon während der demokratischen Revolution 1905 vertreten wurde.  Durch die proletarische Revolution, nach Lenin die tiefste der Weltgeschichte, in einem Agrarland, 1917 arbeiteten nur sieben Prozent aller Arbeiter in der Industrie, hatten sich politische Dispositionen ergeben, die in den Gedankengängen der kühnsten Sozialisten nicht vorgekommen waren. Es dauerte wiederum zwölf Jahre, von 1917 bis 1929, bis eine weitere Revolution zu verzeichnen war, die Kollektivierung der Landwirtschaft als Kuriosum einer „Revolution von oben“ — nach einer proletarischen Revolution !! Lenin sah die Möglichkeit einer weltgeschichtlichen Grundsicherung des Sozialismus weder gobal noch (west-)europäisch, sondern in der politischen und ökonomischen Ergänzung Russlands und Deutschlands. Die aus dem imperialistischen Weltkrieg geborene Oktoberrevolution hatte die Eigenart hervorgebracht, dass Russland alles an politischen Strukturen aufweisen konnte, was dem Sozialismus entsprach, Deutschland hingegen in ökonomischer Hinsicht die besten Bedingungen für diesen besaß. Sozialismus wäre, wenn Rußland Deutschland politisch und Deutschland Rußland ökonomisch ergänzte. “Die Geschichte (von der niemand, vielleicht außer den menschewistischen Flachköpfen ersten Ranges, erwartet hatte, daß sie uns glatt, ruhig, leicht und einfach den “vollen” Sozialismus bringen werde) nahm einen so eigenartigen Verlauf, daß sie im Jahr 1918 zwei getrennte Hälften des Sozialismus gebar, eine neben der anderen, wie zwei künftige Küken unter einer Schale des internationalen Imperialismus. Deutschland und Rußland verkörpern 1918 am anschaulichsten die materielle Verwirklichung einerseits der ökonomischen, produktionstechnischen, sozialwirtschaftlichen Bedingungen und anderseits der politischen Bedingungen für den Sozialismus”. 16. Kurz: Sozialismus wäre ein Sowjetstaat vom Typus der Pariser Commune plus einer Wirtschaft mit großkapitalistischer Technik und planmäßiger Organisation, noch kürzer: Pariser Commune und deutsche Post, Sowjetmacht und Elektrifizierung. Es ist gewiß nicht falsch, in Lenins internationalem Revolutionskonzept Deutschland, das wie Russland am meisten unter den Folgen des Weltkrieges litt, eine Sonderrolle zuzugestehen, wie er ja die deutsche Sozialdemokratie bis 1914, bis zur Bewilligung der Kriegskredite, als Vorbild revolutionärer Geschlossenheit und Effektivität herausstellte. Die Zustimmung zu den Kriegskrediten hielt Lenin zunächst für eine Falschmeldung alliierter Geheimdienste. Im Hintergrund von Lenins Überlegung stand ein Brief von Friedrich Engels vom 23. April 1887 an Sorge: Bismarck will alles fertig machen, damit nach dem  Ausbruch der Revolution in Russland auch in Deutschland gleich losgeschlagen werden kann. Der Verlauf der Geschichte nach 1917 führte Lenin zu einer realistischen Einschätzung des Verhältnisses von Commune und Post: in Russland war es leicht, die politische Macht zu erobern, es wird dafür schwierig, den Sozialismus aufzubauen, in dem modernen Industrienationen ist es dagegen genau umgekehrt, es wird schwierig, die politische Macht zu erobern, ist diese Herkulesarbeit aber vollbracht, wird der Aufbau des Sozialismus nach dem Muster der deutschen Post relativ leicht sein. Aber die Geschichte verlief zu den Überlegungen der Klassiker kontrovers. Die Schwierigkeit der Oktoberrevolution bestand darin, dass sie in Russland relativ leicht zu machen war. An den stärkeren Kettenglieder des Imperialismus erwies sich das bourgeoise Küken stärker als gedacht, ja in Deutschland war es zu einem gierigen faschistischen Raubadler ausgewachsen, in Italien marschierte Mussolini und seine Gefolgschaft just in dem Jahr auf Rom, in dem die Sowjetunion geboren wurde. Schien der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt noch einmal auf leninistischer Linie zu liegen, so wissen wir heute, dass das weltgeschichtliche Recht der Existenz der Sowjetunion in der Zerschlagung des deutschen Faschismus lag. Das ist gewiß nicht wenig, kann aber marxistische Revolutionäre nicht befriedigen, für die sich das 20. Jahrhundert, wenigstens im europäischen Kontext, als eines der nicht erfüllten Hoffnungen erwies. Bereits 1905 hatte sich die Hoffnung der bolschewistischen Revolutionäre, dass die bürgerliche Bauernrevolution in Russland dem Proletariat in Westeuropa das Signal gäbe für eine historisch (längst) fällige proletarische Revolution nicht erfüllt. Noch enttäuschender musste es für sie sein, dass selbst eine proletarische russische Revolution im Jahr 1917 ohne Signalwirkung blieb. Die russischen Bolschewiki, und nicht nur sie, hatten also zweimal vergeblich auf ein fortschrittlicheres Proletariat spekuliert. Stalin erkannte nüchtern, dass die Oktoberrevolution für längere Zeit, lax formuliert, in ihrem eigenen Saft wird schmoren müssen. Es spricht für Stalin, dass er trotz dieses enormen Widerspruchs – eine bürgerliche Revolution kann aus ihrer Ideologie heraus ein nationales, singuläres geschichtliches Ereignis bleiben – der Fahne des Oktobers treu blieb und ihr folgerichtig die Direktive gab: alles oder nichts ! An der Spitze des Weltproletariats zu stürmen oder unterzugehen. Dieses „nationalbolschewistische“ Unterfangen brach die phantastischen Weltrevolutionspläne aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts ab, keineswegs abrupt, es gab lange und langatmige Debatten in bolschewistischen Versammlungen und in Zeitschriften, ehe Stalin sich durchsetzte. Sozialistische Anfangserfolge waren durchaus zu verzeichnen (zum Beispiel Stachanow und die nach ihm benannte Bewegung), ehe der kolossalste Krieg der Weltgeschichte alles in Frage stellte. Die Eiszeit des „Kalten Krieges“ ließ keine kommunistischen Keime aufkommen, nur die Befreiungsbewegungen auf der südlichen Halbkugel in industriell rückständigen Staaten von China bis Chile wischten den Staub von der Oktoberrevolutin, den sie in Westeuropa (und vielleicht auch in Osteruropa) angesetzt hatte. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden wir Zeuge, wie die Oktoberrevolution durch Politiker, die in ihrem Namen und als ihre Nachfolger handelten, abgebaut wurde. Zwei Ereignisse sind es im 20. Jahrhundert im europäischen Kontext gewesen, die niemand im Prospekt hatte: die Februarrevolution 1917 und der Fall der Berliner Mauer.

 

1. Vergleiche Lenin, Die Krise des Menschewismus, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,347

2. „Bürgerliche Revolution trotz der Unbeständigkeit der Bourgeoisie, mittels Paralysierung der Unbeständigkeit der Bourgeoisie – so formulierten die Bolschewiki die Grundaufgaben der Sozialdemokratie in der Revolution“. (Lenin, Das Proletariat und sein Alliierter in der russischen Revolution, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,371). „Wo aber das Proletariat selbständig auftritt, hört die Bourgeoisie auf, eine revolutionäre Klasse zu sein“. (Karl Kautsky, Triebkräfte und Aussichten der russischen Revolution, zitiert in: Lenin, a.a.O.,370).

3. Vergleiche Lenin, Die Katastrophe, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1958,484. 1893 empfing der erzzaristische Verwaltungsbeamte Pobjedonoszew die Verfasser eines Geseztesentwurfs für die Arbeiterversicherung im Reichsrat mit den Worten: „Meine Herren, Sie haben sich vergeblich bemüht, Sie können ruhig sein: bei uns gibt es keine Arbeiterfrage …„. (Vergleiche Josef Stalin, Die „Fabrikgesetzgebung“ und der proletarische Kampf, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1950,250).

4. Vergleiche Lenin, Über die gegenwärtige politische Lage, Werke Band 10, Dietz Verlag Berlin, 1958,490

5. Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1959,27. Die Keime der Arbeitersowjets, die sich 1905 entwickelten, blieben im Bewußtsein der Massen und es kam gleich in den ersten Tagen der Februarrevolution wiederum zur Herausbildung von Sowjets, und die Februarrevolution gebar im Unterschied zu 1905 zusätzlich noch viele Soldatensowjets.  Die Sozialrevolutionäre und Menschewiki konnten in den ersten Monaten der Februarrevolution in diesen Sowjets die Mehrheit an sich reißen, weil die Masse der Sowjets aus politisch wenig erfahrenen kriegsmobilisierten Kleinbauern und ihren Söhnen bestand. Es setzte eine geduldige Aufklärungsarbeit der Bolschewiki ein.

6. Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Werke Band 9, Dietz Verlag Berlin, 1960,14f. Zu Recht war die Organisierung des Landproletariats für Lenin eine erstrangige Aufgabe, die Bauernbewegung 1905 hatte schon in den ersten Wochen gezeigt, dass die Bauern im Vergleich zum städtischen Proletariat einer zersplitterten und unbewußten Kampfweise anhingen. Es galt, den durch die Zersplitterung bedingten individuellen Terror der Sozialrevolutionäre zu kollektivieren.

7. Vergleiche Lenin, Appell an die Partei, Werke Band 10, Dietz Verlag Berlin, 1958,313

8. Vergleiche Lenin, Die Auflösung der Duma und die Aufgaben des Proletariats, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin 1958,101. Es zeigte sich, das eine vom Zaren einberufene Duma keinen lumpigen Heller wert ist. „Illusion um Illusion wird zerstört …“. (Lenin, Vor dem Sturm, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,121).

9. Lenin, Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx, Werke Band 18, Dietz Verlag Berlin, 1980,578

10. Lenin, Über unsere Revolution, Aus Anlaß der Aufzeichnungen N. Suchanows, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,766

11. a.a.O.,765

12. Lenin, Sozialistische Partei und parteiloser Revolutionismus, Werke Band 10, Dietz Verlag Berlin, 1958,62

13. „Für Menschen wie für Nationen gibt es eine Zeit der Reife, die man abwarten muß, bevor man sie Gesetzen unterwerfen kann; aber die Reife eines Volks ist nicht immer leicht zu erkennen, und wenn man zu früh kommt, ist das Werk fehlgeschlagen“. (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart, 2011,50).

14. Rosa Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag Hamburg, 1970,136

15. a.a.O.,141

16. Lenin, Über die Naturalsteuer, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin,  1961,346f.

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Eine Antwort to “War die russische Revolution von 1905 die Generalprobe der Oktoberrevolution ? Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.”

  1. ali Says:

    Danke,
    1-bitte so organisieren, dass am Ende als ein Artikel oder Buch gelesen werden kann.(Fußnoten nummer)
    2- Gewicht auf 1914 und Imperialismus bis heute, (dass Sie sehr gut angefangen haben) zweck Vergleich zu heutigen Tagen (Neoliberalismus und Globalisierung) zu setzen.
    Ich bin der Meinung Lenin 5 Punkten ist Aktuell wie je zu vor.
    Ich schreibe auch in Persisch darüber, Wegen Alter ist mir sehr sperrlich.
    ali

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