Lenin über die Guerillakriegführung in der russischen Revolution von 1905

In Revolutionen eine gradlinige und gleichmäßige Entwicklung der Ereignisse zu erwarten zeugt von einer geringen Vertrautheit mit den Ablauf historischer Prozesse, die für die Anhänger des alten Regimes eine Krise, wenn nicht eine Katastrophe bedeuten, für die fortschrittlichen Kräfte aber Festtage sind. Eine kurze Skizze des Verlaufs der Revolution von 1905 in Russland mag genügen: Am 22. Januar, der als Blutsonntag in die Geschichte eingehen sollte, herrschte eine Einmütigkeit und Geschlossenheit unter den gewaltigen Arbeitermassen, die sich auf den Zarenpalast zubewegten. Diese Massen waren unbewaffnet und die Reaktion begann den Bürgerkrieg durch ein schreckliches Massaker vor dem Palast. In den Aufständen in Polen und im Kaukasus können wir höhere Kampfformen wahrnehmen, denn in diesen war die Arbeiterklasse bereits teilweise bewaffnet. Im Aufstand von Odessa ging ein Teil der zaristischen Truppen zu den Aufständischen über. Im Oktober brach in Moskau und Umgebung, im bisher so stabilen russischen Zentralgebiet, ein machtvoller Streik aus, der im Dezember direkt in einen bewafneten Aufstand mündete. In der Tat spielte sich das Bahnbrechende für die Theorie und Praxis des Marxismus in Moskau ab, obwohl dem Moskauer Aufstand insgesamt der Angriffsschwung fehlte. In Aufständen ist es immer so, dass die Zahl der unorganisierten Kräfte die der organisierten weit übersteigt.  Und schon lamentierte der gleiche Plechanow, der im Februar 1917 die Arbeiter zum Kampf aufgerufen hatte: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen“. Lenin schrieb gegen Plechanow, dass die Mehrheit der Sozialdemokraten für den Aufstand gewesen sei und daß er die ganze Bewegung auf eine höhere Stufe gehoben habe. Das Proletariat war an seinen Endkampf, an „das letzte Gefecht“ herangekommen, jeder Revolutionär brennt darauf, seine Waffe der Kritik in eine der Waffe zu verwandeln. Er zeige, dass der Kampf gegen reguläre Truppen möglich sei und dass dies auch eine so besonnener Mann wie Kautsky anerkenne. 1.  Deutlich wurde  dieses Defizit zum Beispiel in Lettland, die Revolutionäre zweifelten und zögerten und bemächtigten sich nicht der Geschützbatterien. 2. Bis zum Dezember 1905 bewegte sich die Revolution in aufsteigender Linie, überschritt im Dezember ihren Höhepunkt und war erst im Sommer des Jahres 1907 endgültig abgeflaut. Dass die Revolution von 1905 noch anderthalb Jahre nachvibrierte, ist ein deutliches Zeichen ihrer Mächtigkeit und ihres progressiven Gewaltpotentials. Stolypin, der 1911 von einem Sozialrevolutionär ermordet wurde, versuchte durch eine Agrarreform einen starken Mittelbauern heranzuziehen, der als zuverlässige soziale Stütze des Zarentums ein Interesse an politischer Stabilität hatte. Ein Unterfangen, zu dem auch bereits Witte in etlichen Denkschriften geraten hatte. Wörtlich sagte er, dass sich die Regierung nicht auf die Bedürftigen und die Betrunkenen stützen darf, sondern auf die Standhaften und Starken. Die Dezemberaufstaufstände enthalten  eine ungeheure Fülle an Lehren für den revolutionären bewaffneten Aufstand und für den Klassenkampf. Obwohl die überwiegende Mehrheit des Moskauer Proletariats nur an friedlichen Streiks und friedlichen Demonstrationen teilnahmen, die also die Hauptformen der „Oktober-Dezember-Revolution“ waren, erwies sich der Generalstreik als überlebt, denn er hatte eine höhere Kampfform, den bewaffneten Aufstand hervorgebracht. Die Arbeitermassen handelten selbständig und waren ihren Organisationen voraus, die Führer des Proletariats erwiesen sich als Nachzügler, auch gegenüber der Reaktion beim Kampf um das Heer. Kautsky zog aus dieser Revolution bemerkenswerte Schlußfolgerungen und fügte seiner Schrift „Die soziale Revolution“ auf Grund der Erfahrungen im Dezember 1905 nicht unwesentliche Ergänzungen zu. Vor allem müsse man aus der Tatsache, dass sich eine Handvoll Menschen über eine ganze Woche lang gegen eine Armee auf den Barrikaden behauptet hatte und fast siegte, den vom späten Engels kritisch beurteilten Barrikadenkampf neu überdenken, was ihm auf dem Mannheimer Parteitag von 1906 den Vorwurf des „revolutionaristischen Revisionismus“ eintrug. Die Bevölkerung Moskaus hatte mit den Insurgenten sympathisiert. Lenin erkannte, dass die Agitation für den politischen Streik allein unzureichend ist, der Schwerpunkt müsse auf die Agitation für den bewaffneten Aufstand gelegt werden. 3. Die Dezemberbewegung hatte gezeigt, wie die Reaktion und die Revolution um das Heer kämpften, wie erstere mit Uhren, Geld und Schnaps köderte.  Am 10. Dezember stellten sich zwei junge Arbeiterinnen im Stadtteil Presnja mit der roten Fahne reaktionären Kosaken entgegen: „Tötet uns, lebend werden wir die Fahne nicht hergeben !“ Bewundernd schrieb der Student Wladimir Woytinsky über die Arbeiter, dass neben ihnen die Rolle der anderen Bevölkerungsgruppen fast kläglich schien. 4. Während der Barrikadenkämpfe wandte die Regierung massiv Artillerie gegen die Barrikadenkämpfer an, diese mußten sich also zerstreuen, es bildete sich eine neue Taktik des Barrikadenkampfes heraus (Kautsky war einer der ersten, die dies erkannten): die Partisanentaktik von 10er, 3er, 2er Gruppen, ja sogar der Kampf einer Ein-Mann/Eine Frau-Guerilla. „ … es wird sich nicht vermeiden lassen, daß man sofort, an Ort und Stelle, zu zweit oder allein handeln muß – und man muß sich darauf vorbereiten, auf eigene Faust zu handeln“. 5.  Lenin gab mitunter sehr detaillierte Hinweise für die Guerillakämpfer: sich selber bewaffnen, so gut jeder kann, mit Revolvern, Schlagringen, Knüppeln, Stricke und Strickleitern, Schaufeln für den Bau von Barrikaden, Stacheldraht, Nägel gegen die Kavallerie, Messern, petroleumgetränkten Lappen, um Feuer anzulegen … Zeichen an Fenster machen, Rufe und Pfiffe vereinbaren …  Bombenrezepte sollten kurz und einfach sein. Man müsse sofort mit der Guerillakriegführung beginnen, wozu Lenin auch das Verprügeln von Polizisten rechnete … sofort einen Spitzel töten, sofort ein Polizeirevier in die Luft sprengen, sofort eine Bank überfallen, sofort Gefängnisse überfallen und Gefangeme befreien. Sogar unbewaffnete Abteilungen körperlich ganz schwächlicher Menschen, Jugendliche, Frauen und Greise können eine sehr wichtige Rolle spielen: Verwundete retten, auf Dächern klettern und Truppen mit Steinen bewerfen oder mit kochendem Wasser begießen, Säuren herstellen zum Begießen von Polizisten, Zufluchtsorte für Verfolgte herrichten, Pläne von Gefängnissen und Banken besorgen, Anknüpfen von Beziehungen zu Beamten, Auskundschaften von Waffenläden usw. – kurz: vor uns hat sich das Bild einer totalen Guerilla in einer Totalität des Volkskrieges schlechthin aufgetan. Der Schwerpunkt der Guerilla liege in der Masse der kleinen Zirkel, wobei in der Guerilla Ränge keine wichtige Rolle spielen sollten. Für einen Fehler sah es Lenin an, den Guerillakämpfern einen Eintritt in die SDAPR nahezulegen wie er auch die Sowjets für Kämpfer geöffnet wissen wollte, die nicht der bolschewistischen Partei angehörten. Die essentielle Bedeutung des Moskauer Aufstandes für den Partisanenkampf bleibt in Carl Schmitts „Theorie des Partisanen“ unterbelichtet, später wird sich die RAF der BRD fehlerhaft auf Lenins Schrift: „Der Partisanenkrieg“  beziehen, aber liest man Lenins Instruktionen über die Guerillakriegführung, so erkennt man, dass die RAF vieles richtig gemacht hat. Sie scheiterte, weil das revolutionäre Milieu fehlte.

1. Lenin, Der Sieg der Kadetten und die Aufgaben der Arbeiterpartei, Werke Band 10, Dietz Verlag Berlin, 1960,266. In der Frage der Gewalt in der Geschichte war Lenin ganz pragmatisch und verlangte ihren offensiven Gebrauch. Die Friedensperiode zwischen der Pariser Commune und 1905 habe uns zu sehr an den Anblick defensiver Kämpfe und einer „Politik der Aktion von unten“ gewöhnt, so dass die „Politik der Aktion von oben“ (Beteiligung an einer provisorischen revolutionären Regierung) vielen unbekannt sei. (Vergleiche Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Werke Band 9, Dietz Verlag Berlin, 1960,16f. ). Alle großen geschichtlichen Entscheidungen fallen durch die Anwendung von Gewalt. Schon in der „Bibel der Arbeiterbewegung“ hatte Marx den Gedanken festgeschrieben, dass die Gewalt der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft ist, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst sei eine ökonomische Potenz. (Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1975,779)

2. Tuckum, Talsen, Rujen, Friedrichsstadt und andere Orte wurden von den Revolutionären besetzt, es begann ein hartnäckiger Partisanenkrieg gegen die zaristischen Truppen, aber im Januar siegten deren Generäle Orlob und Solugub.

3. Lenin, Die Lehren des Moskauer Aufstandes, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,160

4. Wladimir Woytinsky, Der erste Sturm, Erinnerungen aus der russischen Revolution 1905, Büchergilde Gutenberg, 1931,20. Die weißen Kosaken, die auch in Polen zum Einsatz kamen, galten als die zaristische Knüppelgarde, brutal und rücksichtslos verkrüppelten und töteten sie fortschrittliche Menschen, dies trifft wenigstens auf die grosse Mehrheit der Kosaken zu, denn nur eine Minderheit von ihnen bildete rote Kosakeneinheiten. Ein besonders schlimmer Vorfall ereignete sich am 11. Januar auf dem Bolschoi-Prospekt, als Kosaken eine vollbesetzte Pferdebahn anhielten und die Fahrgäste nach draußen trieben, eine Frau ließ in der Panik ihr Kind fallen, das von den Pferden der Kosaken zertreten wurde. Hier zeigt sich in einem kleinen Ausschnitt die ganze Menschenverachtung der Monarchie, die diese zum Prinzip erhoben hat. Es ist eine Sache, sich marxistisch zu bilden und sich mit seinem Wissen aufzuspreizen, Marxisten müssen trotz der objektiven Gesetzmäßigkeit des Klassenkampfes und der ökonomischen Gesellschaftsformationen als historischer Prozess auch an diesen kleinen Ausschnitten ansetzen. Neben den Kosaken hatte die Reaktion weitere Mörderbanden zur Hand, die sogenannten „Schwarzhunderter“, die sich schwarz kleideten und die sich aus unaufgeklärten, durch Rassen- und Religionshass verblendeten Elementen zusammensetzten, oft Paupers mit kleinbürgerlicher Ideologie, die alkoholisiert Pogrome veranstalteten, durch die Juden und „Linke“ zu Tausenden erschlagen oder bestialisch zu Tode gequält wurden. Sie marschierten unter der Parole: „Schlagt die Jidden und die Intellektuellen, rettet Russland“ und trugen Ikonen und Zarenbilder. 1906 hatte diese erzreaktionäre Organisation cirka 300 000 Mitglieder und übertraf damit jede politische Partei. In den Ostseeprovinzen trat ein Teil der deutschen Korpsstudenten den Schwarzhunderten bei. Lenin sah gerade in dem Kampf auf Leben und Tod gegen die Schwarzhunderter die Feuertaufe für werdende Revolutionäre. Assistiert wurden diese vom Adel finanziell unterstützten Banden durch Organisationen wie „Bund des russischen Volkes“, die „Gesellschaft zur Bekämpfung der Revolution und der Anarchie“ oder die „Camorra der Volksvergeltung“. Der Zar war nicht nur so töricht und gewährte diesen Horden eine Audienz, er nahm auch noch das Abzeichen der Organisation, die er als sein treuer Gehilfe bezeichnete, entgegen. Schützte sich der Zarismus gegen die alten, einzelkämpferischen Terroristen noch mit schlichten Polizeigesetzen, so reichte Polizei nach dem politischen Erwachen des proletarischen Klassenkampfes nicht mehr aus, man musste eine Politik der nationalen und rassistischen Zwietracht betreiben und rekrutierte aus dem reaktionären Kleinbürgertum in Stadt und Land Schlägerbanden, „ … man muß den Kampf der Polizei gegen Zirkel in einen Kampf des einen Teils des Volkes gegen den anderen Teil des Volkes verwandeln“. (Lenin, Vorwort zur Broschüre „Denkschrift des Direktors des Polizeidepartements Lopuchin“, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1958, 193).

5. Lenin, Die Aufgaben der Abteilungen der revolutionären Armee, Werke Band 9, Dietz Verlag Berlin, 1958,427

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