Lenin über die politische Rolle des russischen Liberalismus in der Revolution von 1905

Durch den Blutsonntag am 22. Januar 1905 war die Legende zerplatzt, dass Nikolaus II. ein „Zar des Volkes“ sei, es wurde auch im russisch-japanischen Krieg immer deutlicher, dass er seinen Aufgaben nicht gewachsen war. Der Lehrer seines Vorgängers Alexander III., der von 1881 bis 1894 regierte, der Pope Pojedonoschtschew hatte die These vertreten, dass die Kraft Russlands aus dem grenzenlosen Vertrauen herrühre, das zwischen dem Volk und dem Zaren, der „Geheiligten Person seiner Majestät“ bestehe. Und dieser These folgte im Grunde der vom Sozialismus zum Liberalismus konvertierte Peter Struve, der noch Anfang November 1905 nach einer ganzen Serie hauptsächlich von weißen Kosaken blutig niedergeschlagner Arbeiteraufständen, besonders in Odessa, in einer Rede behauptete, der Zar habe lediglich schlechte Berater, der Zar selbst sei also gut. Und in einer lediglich beratenden Nationalversammlung bestand ja dann auch die politische Hauptforderung der Liberalen. Hier haben wir die politische Physiognomie der Liberalen, denn die Liberalen können aus Gründen des Privateigentums nur behutsam mit der Monarchie umgehen, besonders in Zeiten revolutionärer Stürme, die sie nötigen, ihren Monarchismus zu verschweigen. Der Liberalismus kann nie ganz mit den alten Mächten brechen, er benötigt den Zaren und vor allem sein stehendes Heer, um gegen die unausbleiblichen Angriffe aus der Arbeiterklasse gegen das Privateigentum an den Produktionsmitteln gewappnet zu sein. Aber auch die politische Bewegung der Bauernschaft bleibt nicht ohne Wirkung auf ihn, sobald der Bauer sich erhebt, driftet der Liberale nach rechts, obwohl die russische Bauernbewegung keinen sozialistischen Charakter trug und auch nicht tragen konnte. Er stellt dann die Forderung nach einer konstituierenden Versammlung auf, um mit dem Zaren offen oder heimlich zu „politisieren“, nie aber die nach einer provisorischen revolutionären Regierung, die den Zaren beseitigen muss. Die von den Liberalen angestrebte konstituierende Versammlung endet als Parlament, das eine Marionette der alten Bürokratie wird. Der Liberale will als „aufgeklärter“ Feind der Revolution Frieden mit dem Zaren und fürchtet den Volkskrieg gegen ihn. Also muss der Liberalismus in seiner politischen Tätigkeit den Schwerpunkt auf die Herbeiführung eines möglichst friedlichen Ausgleichs zwischen Reaktion und Revolution legen. 1. Die liberalen Bourgeois verabscheuen die Anarchie des Pöbels noch mehr als die Willkür der Selbstherrschaft. Deshalb müssen sie die Revolution antäuschen und sich dann mit der Reaktion gegen sie verbünden, sie laufen bei einer Verschärfung des Klassenkampfes zu dieser über. Lenin wies die Arbeiter auch auf eine Broschüre von Wilhelm Liebknecht hin: „Kein Kompromiss, kein Wahlbündnis“. Liebknecht zeigte in ihr, dass es die deutschen Liberalen selbst in einer revolutionären Epoche nicht vermocht hatten, revolutionär zu bleiben. „Von dem Augenblick an“, sagt Liebknecht, „wo das Proletariat als vom Bürgertum losgelöste und ihm interessenfeindliche Klasse auftritt, hört das Bürgertum auf, demokratisch zu sein“. 2.  Die Extreme dürfen nicht gegeneinander ausbrechen, im liberalen Bild der Geschichte liegt dieser keine tiefe, innerliche und ruhelose Dialektik zugrunde. Die Stunde des Liberalismus schlug daher in der Periode vom Oktober 1905 bis zum Moskauer Aufstand im Dezember, der die Entscheidung zugunsten des alten Regimes brachte. In dieser Periode herrschte ein gewisses „Gleichgewicht“, die Selbstherrschaft hatte nicht mehr die Kraft, offen gegen die Revolution vorzugehen, die Revolution hatte noch nicht die Kraft, dem alten Regime den Todesstoß zu versetzen. Die Truppen schwankten. Lenin forderte daher äußerste revolutionäre Wachsamkeit gegenüber den süßen Verfassungsworten des Liberalismus, die Arbeiter und Bauern dürfen den allgemein-demokratischen Losungen der Gutsbesitzer, der Finanzmagnaten, der Kaufleute und Fabrikanten nicht trauen. Als eine Delegation liberaler Würdenträger zum Winterpalast des Zaren zog, wurde diese nicht niedergeschossen wie der „abhängige Arbeiterpöbel“ 3. im Januar. Die Würdenträger wertete Lenin als Makler zwischen dem Zaren und dem Volk, zwischen der Staatsmacht und der Revolution. Marx bezeichnete die deutschen Liberalen als Vereinbarer. Die Liberalen tragen Schwankungen in beide Seiten hinein, sowohl in die Selbstherrschaft als auch in die Arbeiterklasse. „Von ernster Bedeutung, von entscheidender Bedeutung wird nur der offene revolutionäre Kampf sein, der alle liberalen Hühnerställe und als liberalen Dumas in die Rumpelkammer werfen wird“ 4. Lenin hatte zum offenen Boykott der Duma aufgerufen, denn die Duma sollte nach den politischen Vorstellungen der Liberalen die Selbstherrschaft lediglich einschränken, nicht vernichten, wie es die aufgeklärten Arbeiter, Bauern, Soldaten und Matrosen forderten, nicht aber Axelrod, der die Politik des aktiven Boykotts für „reaktionär und utopisch“ hielt. Lenin lehnte eine liberal initiierte Duma ab, weil sie das Proletariat im Nebel konstitutioneller Illusionen desorganisieren und demoralisieren würde.  Die politische Kunst des Liberalismus besteht darin, Siege des Volkes gegen das Volk auszunutzen und die Ausgeraubten mit den Räubern zu versöhnen, „die Arbeiter nasführen“ 5.   Der Liberalismus, dem der Gedanke des Klassenkampfes fremd ist und der sich nach historischen Perioden des Gleichgewichts sehnt, scheut also das Entweder-oder, das die Geschichte unerbittlich stellt, und lanciert ein Sowohl-als- auch. Und herausgekommen war ? Folgende politische Formel: „Eine Reichsduma mit konstituierenden Funktionen zur Ausarbeitung einer vom Herrscher gutzuheißenden Verfassung“. Den liberalen Autoren ging nicht auf, dass in ihrer Formel der Bürgerkrieg zweier Gewalten steckt, den es nach ihnen zu vermeiden gilt. „Dieser Widerspruch ist vom Standpunkt der einfachen formalen Logik unerklärlich. Aber die Logik der Klasseninteressen der Bourgeoisie erklärt ihn vollauf … Die Losung der konstituierenden Versammlung verwandelt sich zur Phrase, die große Forderung des für die Freiheit aufgestandenen Proletariats wird zur Posse herabgewürdigt; so besudelt die Bourgeoisie buchstäblich alles auf der Welt, weil sie an die Stelle des Kampfes den Schacher setzt. 6. Einen Fürsprecher fanden die russischen Liberalen in Max Weber, der in den Wirren nach einem Staatsmann rief, der Reformen durchführen sollte und den die Eitelkeit der Selbstherrschaft nicht aufkommen ließ. Politisch stand Weber auf verlorenem Posten, als er sich 1906 sowohl gegen den bürokratischen als auch gegen den jakobinischen Zentralismus in Russland wandte. Man müsse an der Durchdringung der Massen mit dem alten individualistischen Grundgedanken der „unveräußerlichen Menschenrechte“ arbeiten, „welche uns Westeuropäern so ‚trivial‘ geworden sind, wie Schwarzbrot es für den ist, der satt zu essen hat“. 7. Das 20. Jahrhundert wurde ein Jahrhundert der Extreme und es wird am besten von der „Schlange“ Benito Mussolini repräsentiert, der sich vom Linksradikalen zum Rechtsradikalen häutete und immerhin fast doppelt so lange wie Hitler regierte, mit 23 Jahren fast ein halbes Jahrhundert. Aber auch Hitler, Goebbels und Röhm kamen aus der linken Ecke, Hitler trug bei der Beerdigung Eisners eine rote Armbinde und irrlichte in München zwischen den politischen Polen zunächst hin- und her. Der Liberalismus wurde in Europa zwischen den Blöcken zerrieben, zunächst zwischen dem bolschewistischen Osten und dem faschistischen Westen, nach 1945 zwischen dem Osten, der rot blieb und weiter nach Westen vorrückte, und den Hegemonialansprüchen der USA, die keine liberale Tradition kennen und Politik durch grellen Kitsch, religiösen Plunder und Atombomben ersetzen. Welcher anderen Nation wäre es eingefallen, in einem bereits siegreichen Krieg noch Atombomben abzuwerfen ? In politischer Hinsicht sind die USA eines der rückständigsten Länder der Erde, ohne philosophische Substanz und ohne Weisheit, die sie aus Fehlern lernen ließe. Alle fortschrittlichen Menschen können gegenüber dem politischen Establishment in Washington nur Ekel empfinden. Den letzten „großen Coup“ landete der Liberalismus in dem Versprechen Genschers an Gorbatschow, nach dem Rückzug der Roten Armee aus Osteuropa werde es keine Nato-Erweiterung nach Osten geben. Heute führt die Nato bereits von der Ukraine aus Krieg gegen Russland. Der Liberalismus ist zu einer der großen Lebenslügen im 20. Jahrhundert geworden, man mag das aus seinem humanistischen Ansatz heraus, den er einmal hatte, bedauern, in einem Zeitalter des rigorosen Kollektivismus werden wir Zeuge eines bizarren Schauspiels, dass dieser mit einem größenwahnsinnigen Personenkult einhergeht, gerade das zwanzigste Jahrhundert war eines der grossen Götzen: Lenin, Mussolini, Stalin, Hitler, Mao, Kim, Castro. Der Kult um sie zeigt an, wie inhaltlich leer die Massen geworden sind, heute setzen diese sich aus Personen zusammen, nicht aus Persönlichkeiten. Aus dem Computerzeitalter mit seiner intellektuellen Verdummung können neue, noch größere Götzen aufsteigen, ja es ist dem technikgläubigen Menschen zuzutrauen, dass er einen Roboter auserkoren wird, den er als Götze anbetet. Der Durchschnittsmensch versteht heute die technischen Zusammenhänge und die Funktionsweise des Digitalen so wenig wie die Bauern im Mittelalter die auf Latein verlesene Messe in den Kirchen.

1.  Der Trudowik Sedelnikow sagte über den Liberalen: „Schimpft man den Liberalen, so sagt er: Gott sei Dank, daß man mich nicht geschlagen hat. Schlägt man ihn, so dankt er Gott, daß man ihn nicht erschlagen hat. Erschägt man ihn, so wird er Gott dafür danken, daß man seine unsterbliche Seele von der vergänglichen irdischen Hülle befreit hat“. (Vergleiche Lenin, Die Verfälschung der Duma durch die Regierung, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958, 385).

2. Lenin, Vorwort zur russischen Ausgabe der Broschüre: W. Liebknecht „Kein Kompromiss, Kein Wahlbündnis !“, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,405

3. Lenin, Die ersten Schritte des bürgerlichen Verrats, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1958,526

4. Lenin, Die Lehren der Moskauer Ereignisse, Werke Band 9, Dietz Verlag Berlin, 1958,383. Auch spricht Lenin vom „Kasperleliberalismus der kadettischen Verräter“. (Lenin, Wie stehen die Parteien zu den Dumawahlen ?, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,421).

5. Lenin, Gleichgewicht der Kräfte, Werke Band 9, Dietz Verlag Berlin, 1958,416

6. Lenin, Revolutionärer Formelkram und revolutionäre Tat, Werke Band 10, Dietz Verlag Berlin, 1958,49f.

7. Max Weber, Zur Lage der bürgerlichen Demokratie in Russland, Die Zembstvobewegung in Russland, in: Max Weber, Zur Russischen Revolution von 1905, Schriften und Reden 1905 – 1912, Studienausgabe, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Verlag, Tübingen, 1996,98

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