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Der politische Wandel Russlands und der USA im 20. Jahrhundert

28. März 2015

Revolutionen richten sich nicht nach vor ihnen für sie konzipierten Büchern. So verlockend es auch ist, Lenins „Staat und Revolution“ als die Programmschrift für die Oktoberrevolution heranzuziehen, so ernüchtert uns doch der Zickzackkurs der Weltgeschichte im 20. Jahrhundert. Es verlief zu Lenins Überlegungen nicht nur vom Ende her betrachtet kontrovers, sondern schon zum Beginn seiner Revolution. Die Weltrevolution der geldlosen Arbeiterklasse gegen die Geldklasse blieb aus.  Schien der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt noch einmal auf seiner Linie zu liegen, Lenin ging nach dem ersten Weltkrieg von einer historischen Sonderrolle Russlands und Deutschlands aus, so wissen wir heute, dass das weltgeschichtliche Recht der Existenz der Sowjetunion in der Zerschlagung des deutschen Faschismus lag. Das ist gewiß nicht wenig, kann aber marxistische Revolutionäre nicht befriedigen, für die sich das 20. Jahrhundert, wenigstens im europäischen Kontext, als eines der nicht erfüllten Hoffnungen erwies. Bereits 1905 hatte sich die Hoffnung der bolschewistischen Revolutionäre, dass die bürgerliche Bauernrevolution in Russland dem Proletariat in Westeuropa das Signal gäbe für eine historisch (längst) fällige proletarische Revolution nicht erfüllt. Noch enttäuschender musste es für sie sein, dass selbst eine proletarische russische Revolution im Jahr 1917 ohne effektive Signalwirkung blieb. Die russischen Bolschewiki, und nicht nur sie, hatten also zweimal vergeblich auf ein fortschrittlicheres Proletariat spekuliert. Stalin erkannte nüchtern, dass die Oktoberrevolution für längere Zeit, lax formuliert, in ihrem eigenen Saft wird schmoren müssen. Es spricht für Stalin, dass er trotz dieses enormen Widerspruchs – eine bürgerliche Revolution kann aus ihrer Ideologie heraus ein nationales, singuläres geschichtliches Ereignis bleiben – der Fahne des Oktobers treu blieb und ihr folgerichtig die Direktive gab: alles oder nichts ! An der Spitze des Weltproletariats zu stürmen oder unterzugehen. Dieses „nationalbolschewistische“ Unterfangen brach die phantastischen Weltrevolutionspläne aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts ab, keineswegs abrupt, es gab lange und langatmige Debatten in bolschewistischen Versammlungen und in Zeitschriften, ehe Stalin sich durchsetzen konnte. Sozialistische Anfangserfolge waren durchaus zu verzeichnen (zum Beispiel Stachanow und die nach ihm benannte Bewegung), ehe der kolossalste Krieg der Weltgeschichte alles in Frage stellte. Die Eiszeit des „Kalten Krieges“ ließ keinen Frühling mit kommunistischen Keimen aufkommen und gegen Ende des Jahrhunderts wurden wir Zeuge, wie die Oktoberrevolution durch Politiker, die in ihrem Namen und als ihre Nachfolger handelten, abgebaut wurde. Der Fall der Berliner Mauer kam für alle, auch für alle Experten völlig überraschend. Über die Gründe für den Zusammenbruch des Leninschen Kontinentalkomplexes sind ungeheure Mengen von Büchern geschrieben worden, die ganze Bibliotheken füllen. Eine Kleinigkeit wurde nicht berücksichtigt. Bereits 1918 stellte Lenin nüchtern fest, dass der russische Arbeiter im Vergleich zum westlichen ein schlechter Arbeiter sei und dass in dieser Tatsache das Hauptproblem der Oktoberrevolution liege, dessen Lösung Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Nun, Jahrzehnte Zeit hatte die Sowjetunion. Man findet die Hauptursache für das Scheitern einer Revolution in der Regel in ihrer theoretischen und inspirativen Immanenz.  Doch kehren wir an den Anfang des Jahrhunderts zurück.

Die Kapitalisten der USA hielten sich auch auf Grund ihrer Isolationspolitik in der immer schwächer werdenden Tradition des progressiven Generals Washingtons mit Investitionen in das zaristische Russland noch zurück, lediglich acht Milliarden Rubel im Jahr 1900 (im Vergleich das kleine Belgien 296,5 Milliarden Rubel, das grosse Russland war ihm gegenüber ein Schuldnerstaat), ihre Stunde sollte erst im ersten Weltkrieg schlagen, als sie zum Hauptkreditgeber der Alliierten avancierten und diese in ihre finanzielle Abhängigkeit brachten. 1. Noch schwerere Ketten wurden gegen Ende des zweiten Weltkrieges angelegt, als in der Konferenz von Bretton Woods (im Bundesstaat New Hampshire) im Juli 1944 mit Repräsentanten aus 44 Ländern im Beisein von John Maynard Keynes die führenden Währungen der Welt an den Dollar gebunden wurden. Ein Jahr vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges erschien Konstantin Leontjews Buch „Der Durchschnittseuropäer. Ideal und Werkzeug universaler Zerstörung“, das von der Dekadenz des Europäers handelte. Schon vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges dozierte laut Riezler der deutsche Kanzler Bethmann-Hollweg 1914 über die Morschheit des Bestehenden, alles sei überlebt, ideenlos, so sehr alt.  Ein Jahr nach dem Ende des ersten Weltkrieges sprach der Philosoph Georg Simmel in seiner Studie „Europa und Amerika“ bereits vom europäischen Siechtum und das Schlagwort vom Untergang des Abendlandes machte die Runde, den Oswald Spengler geschäftstüchtig ausformulierte. Sie alle reflektierten unbewußt auf das endgültig konterrevolutionäre Umkippen der französischen Bourgeoisie durch die Pariser Kommune, das Marx als erster erfasste und festhielt. Marx sah es als erwiesen an, dass sich durch die konterrevolutionären Mordexzesse, ein Rückfall in die Zeiten Sullas, der heutige Bourgeois für den rechtmässigen Nachfolger des Feudalherren ansehe. 2. Schon der Krieg mit Spanien 1898 hatte die USA in das Fahrwasser des Imperialismus gezogen, keine Stadt auf der Welt wuchs so schnell wie Chicago. Überhaupt erlebten die USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Urbanisierungswelle: Lebten 1900 30 Millionen Amerikaner in den Städten und 46 Millionen auf dem Land, so lebten 1920 bereits mehr US-Amerikaner in Städten als auf dem Land, nämlich 54 Millionen. In „God’s Own Country“ waren enorme Slums entstanden, in den die Säuglingssterblichkeit doppelt so hoch war wie in der Stadtkernen. Die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert markierte den Beginn der Ära des Imperialismus und es ist gewiß kein Zufall, dass die erste Ausgabe von Lenins Zeitung „Iskra“ Ende Dezember 1900 gedruckt wurde (in einer kleinen Druckerei in Probstheida). Ein Jahr später funktionierte die erste drahtlose Nachrichtenübermittlung zwischen den USA und Europa. Man kann den Imperialismus auf seiner eurozentristischen Höhe zugleich als eine historische Entwertung des Eurozentrismus deuten, was mehr als nur eine seiner Facetten ist. Der Untergang geht durch die höchste Reife hindurch. Die geschichtslose USA und das durch die fast drei Jahrhunderte währende Romanowherrschaft, die nicht durch Pestel und anarchistische Attentate, sondern nur durch den Aufstand Pugatschows (1773 bis 1775) einmal real gefährdet war, historisch vereiste Russland wurden im 20. Jahrhundert zu expansiv ausgerichteten Hegemonialmächten im globalen Sinn.  Es waren die deutschen Faschisten, die der Osterweiterung der UdSSR in den Geheimklauseln des deutsch-sowjetischen Freundschaftspaktes (nicht im Nichtangriffspakt) Vorschub leisteten: die baltischen Republiken, große Teile Polens und Bessarabiens. Die Prophezeiung Hegels war eingetroffen, dass sich einst ein mächtiger slawischer Schatten über Europa legen wird.

Im Pazifik hatte sich 1904 / 05 das kleine Japan gegen das große Russland erhoben, frech und brutal. Der völkerrechtswidrige Überfall auf den Hafen Port Arthur kündigte die imperialistische Brutalität an, die in Russland eine patriotische Welle für den innerlich schon verfaulten Zarismus auslöste. Diese Brutalität kulminierte  im zweiten sino-japanischen Krieg im Dezember 1937 im Massaker von Nanking, ein Kapitalverbrechen, das man denen der Hitlerschen Wehrmacht in Russland und anderswo getrost an die Seite stellen kann. Der wachsende internationale Einfluß der USA wurde bereits im August 1905 sichtbar: sie traten mit ihrem Präsidenten Theodore Roosevelt in den Vereinbarungen von Portsmouth als Vermittler im Krieg zwischen Japan und Russland auf, der durch diese beendet wurde.  Durch den Krieg mit Japan war es zur russischen Revolution von 1905 bis 1907 gekommen. 1906 reiste Gorki im Auftrag der Partei Lenins in die USA und schaute sich nach  politischer und materieller Unterstützung für die Revolution um. Einer der wichtigste proletarischen Romane, „Die Mutter“, wurde in den USA geschrieben und über New York veröffentlichte Gorki das Buch „Die Stadt des gelben Teufels“. In den USA wandte sich der starke Gewerkschaftsführer Gomperz gegen die russische Revolution und warnte vor einer roten Tyrannei. 3.  Auch die Regierung unter Roosevelt war besorgt über den Verlauf der russischen Revolution und stützte den Zaren. Russland wäre in einer revolutionären Lage, so der Senator Henry Cabot Lodge, ein Freund Roosevelts, eine Bedrohung für die Welt. 4. War auch Russland durch Japan geschlagen, durch die Beteiligung an der Niederwerfung des Boxeraufstandes 1900 in China hatten sich die USA politisch engagiert, eine Kontur zeichnete sich ab, die in der Schlacht um die Midway-Inseln vom 4. bis 7. Juni 1942 zu einem prächtigen maritimen Kriegsgemälde auswachsen sollte. Um den politischen Bedeutungswandel Russlands und der USA im 20. Jahrhundert auszuleuchten, müssen wir auf den grundsätzlichen Charakter dieses Jahrhunderts eingehen. In ihm kam eben vollends zum Tragen, was Marx der Pariser Kommune entnommen hatte: die einstmals fortschrittliche Bourgeoisie ist in ihre dekadente Phase eingetreten und hat ihr politisches Banner gegen Aufklärung und gesellschaftlichen Fortschritt entrollt. Deutlich sichtbar wurde das in Deutschland und in den beiden sogenannten Supermächten. Es galt, die Vernunft zu zerstören und Kant politisch zu entwerten, den progressiven Gehalt der bürgerlichen Aufklärung zu verstümmeln.

Als Aufklärer pochte Kant darauf, dass der Mensch sich seines eigenen Versandes bedienen soll, als Mittel — zu welchem Zweck ? Das vehementeste Problem der Gattung sah Kant im Krieg als dem Gräßlichsten, was Menschen sich gegenseitig antun können und er vergatterte die Aufklärung, auf den „Ewigen Frieden“ hinzuwirken. Primär in diesem Punkt liegt die gesellschaftswissenschaftliche Aktualität Kants. Im 20. Jahrhundert, also in der weltgeschichtlichen Phase des Imperialismus, war das erste Signal der Oktoberrevolution an die Völker der Welt das des Friedens. Aber dieses Jahrhundert machte seinem imperialistischen Charakter alle Ehre, in ihm sind die größten und gräßlichsten Kriege der Weltgeschichte zu verzeichnen. In der ersten Hälfte dieses schrecklichen Jahrhunderts erwies sich das Geburtsland von Kant, dem zentralen Aufklärer, der allenfalls Defensivkriege für sittlich gerechtfertigt hielt, worauf sich auch die Aufklärung allgemein verständigt hatte, als das Land, das die Weltkriege offensiv vorantrieb, in seiner zweiten Hälfte waren gerade die beiden Länder aggressiv und expansiv ausgerichtet, die historisch ohne die Strömung einer tieferen Aufklärung auskommem mussten: Russland und die USA, ihr Verhalten als fast geschichtslose Nationen war im Gegensatz zu Deutschland mit seiner kulturgeschichtlichen Tradition defizitkonform. Hätte Lenin den Russen keine Disziplin beigebracht, so wären diese genauso wurzellos wie die US-Amerikaner. Bürgerliche Ideologen stellen den Unabhängigkeitskrieg der USA als befruchtend für den Aufbruch der französischen Revolution heraus, was historisch richtig ist, ohne die Schattenseite der USA zu erwähnen: sie wurden gegründet von einer verbiesterten religiösen Sekte, den „Pilgrim Fathers“, die in England nicht wohl gelitten war, so dass an der Wiege der USA zutiefst antiaufklärerische Kräfte standen; die zwar fromme Lieder sangen, aber für die sozialen Bedürfnisse der Menschen, die Pech gehabt hatten, nichts übrig hatten, da man das Wohlwollen Gottes an dem weltlichen Reichtum ablesen könne. Mit dieser Einstellung waren die Eliten der USA prädestiniert für imperialistische Expansionen, die im Inneren durch Ausrottungsversuche der Ureinwohner schon mal geübt wurden. Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshimas und Nagasaki, die unsinnigsten militärischen Taten in der Geschichte der Menschheit, lag auf einer Traditionslinie, für die der Name Jefferson prototypisch steht. Jefferson gilt als ein Begründer von Menschenrechten und hielt sich zugleich schwarze Menschen als Eigentum. Der Großgrundbesitzer und dritte Präsident der USA hielt auf seinem Landsitz „Monticello“ Hunderte von Negern als Sklaven, die er planmäßig ausbeutete und die er für dümmer als Weiße hielt. In der von ihm mitentworfenen Unabhängigkeitserklärung von 1776 ist der Satz „All Men are created equal“ zwar untergebracht, aber der erste nationale Zensus in den USA ein Jahr nach Ausbruch der französischen Revolution ergab, dass es in den USA 700 000 Sklaven gab. In seinem Haushaltsbuch hatte Jefferson festgehalten, dass zwei Wochen Kinderarbeit ausreichten, seinen Lebensmittelbedarf für ein Jahresquartal zu sichern. Er ließ Sklavenkinder auspeitschen. 5. 1865 schafften die USA die Sklaverei formal ab, vier Jahre, nachdem in Russland die Leibeigenschaft beseitigt wurde, ebenso formal. Indianer, Neger, Anarchisten, Kommunisten — das Establishment der USA hat klare Feindbilder.

Zu Lebzeiten Hitlers konnte die Führung der USA die Atombombe noch nicht einsetzen, erst auf der Konferenz von Potsdam wurde dem Präsidenten Truman ein Zettel gereicht, auf dem er lesen konnte, dass das „Manhattan-Projekt“ in Los Alamos ausgereift sei. Roosevelt gab dieses in Auftrag, nachdem er von Albert Einstein über den Stand der deutschen Atombombenentwicklung informiert worden war. Diese Bombe war die größte denkbare Entscheidungswaffe und es ist eine Überlegung wert, ob sie bei früherer Fertigstellung oder bei einer Fortsetzung des Ringens auf dem europäischen Kriegsschauplatz nicht auch gegen Deutschland eingesetzt worden wäre. Hitler lebte nicht mehr, als Japan der Kapitulation unter der Bedingung zustimmte, dass Kaiser Hiroito seinen Thron behielt. Die Frage, ob der Einsatz dieser barbarischen Waffe überhaupt militärisch sinnvoll war, ist bis heute umstritten. Es genügt einfacher gesunder Menschenverstand, um zu erkennen, dass die Anti-Hitler-Koalition nach dem Tod des Diktators in die Brüche gehen würde. Es ergab sich daher in Potsdam die merkwürdige Konstellation, dass die USA die Kampfkraft der Roten Armee zwar noch für die militärische Niederwerfung des Tenno-Reiches brauchte, zugleich aber gegenüber der Sowjetunion den Joker in der Hand hatte. In drei Tagen Anfang August 1945 überstürzte sich dann auf dem pazifischen Kriegsschauplatz die Ereignisse bis zur Entscheidung: am 6. August 130 000 Tote in Hiroshima, am 8. erging die Kriegserklärung der Sowjetunion an Japan und am 9. dann 73 000 Tote in Nagasaki. Nach Nagasaki hörte das japanische Volk zum ersten Mal die Stimme des Tennos im Radio: „Der Feind besitze eine so höllische Waffe, dass er Japan vernichten könne“. Aber eben nicht nur Japan, auch den in amerikanischen Bankenkreisen verhassten Kommunismus. 1945 waren die USA auf dem Höhepunkt der Macht, der Krieg hatte zwar über 400 000 amerikanischen Soldaten das Leben gekostet, 670 000 waren verwundet worden, aber außer der Vernichtung von Pearl Harbor hatten die USA im Vergleich mit der Sowjetunion und anderen europäischen Staaten keine riesenhaften Verwüstungen zu erleiden. Insbesondere war die Sowjetunion durch einen Krieg geschädigt worden, den Hitler als einen weltanschaulichen, rein kriminellen führte. 6. Der Krieg kostete den USA 2896,3 Milliarden Dollar, der erste Weltkrieg 190,6. 7. In diesen Krieg wurden die USA am 18. März 1917 gerissen, als deutsche U-Boote drei amerikanische Schiffe versenkten. Zunächst unterstützten die USA ihre europäischen „Assoziierten“ mit einem zehn Milliarden Dollar Darlehen, sowie Waffen- und Lebensmittellieferungen. Die Zahl der Soldaten wurde zwar verzwanzigfacht, aber erst noch mussten Schiffe gebaut werden, um sie zum Einsatz nach Europa zu bringen. Das war im Sommer 1918 der Fall und damit war der Krieg entschieden. 8. Traten die USA nach dem ersten Weltkrieg in den 14 Punkten von Präsident Wilson noch als Hüter des Liberalismus, der Demokratie und des Humanismus auf (Freiheit der Meere, Ende des Kolonialismus, Kollektive Sicherheit … usw.) und sollten die Verlierer auch schonend behandelt werden, so sah das nach dem Ende des zweiten Weltkrieges schon ganz anders aus. Jetzt waren die Eliten aggressiv und forderten im Februar 1943 in Casablanca die bedingungslose Kapitulation Deutschlands, was dem deutschen Propagandaminister nicht einmal ungelegen kam, der jetzt die Tradition von 1813 beschwören konnte, und 1945 in Potsdam die von Japan, andernfalls werde man zum Mittel der „utter destruction“ (der völligen Zerstörung) greifen. Es konnte nur die atomare aus der Arroganz einer Macht sein, die mittlerweile zu einer Weltmacht geworden war. „Ihre politischen Interessen und ihr Einfluß reichten bis in den letzten Winkel der Erde“. 9. Es störte der Kommunismus, und was stört ist zu beseitigen. So merkwürdig es klingt, dadurch wurde der Verlierer des zweiten Weltkrieges der Gewinner des kalten: Deutschland. In seiner „Stuttgarter Rede“ im September 1946 verkündete der amerikanische Außenminister Byrnes die Abkehr von einer harten Politik gegenüber Deutschland, das zum Schlüsselgebiet des kalten Krieges geworden war. Hier befürchteten die US-Finanzkreise den Ansturm der Kommunisten, den zu stoppen am 12. März 1947 die „Truman-Doktrin“ versprach. Im Juli 1947 erschien ein Artikel von George Kennan in „Foreign Affairs“ unter dem Zeichen „X“ mit dem Tenor, man müsse eine „langfristige, geduldige, aber starke und umsichtige Eindämmung (containment) der expansiven Tendenzen Russlands“ verfolgen. Der Journalist Walter Lippman gab wenig später seinem Buch, in dem er Kennans Vorschlag scharf zurückwies, den Namen „The Cold War“. Hier taucht der Ausdruck zum ersten Mal auf, der die Welt die nächsten Jahrzehnte vereiste. 10. In den USA begann eine militärische Hochrüstung sowohl auf konventionellem als auch auf atomaren Gebiet auf der Grundlage einer Studie, die Paul Nitze nach der Zündung der ersten sowjetischen Atombombe im September 1949 anfertigte und die streng geheim die Dokumenten-Nummer „NSC-68“ trug. Am 30. November 1950 kündigte Truman dann eine weltweite Mobilmachung gegen den Kommunismus an. Eisenhowers Außenminister Dulles ersetzte die Politik des containment durch die Rollbackstrategie, „ … weil ‚Eindämmung‘ nur ein „Laufrad ist, das uns im besten Falle an der selben Stelle halten wird, bis wir erschöpft umfallen“. 11.

 Wir werden im 20. Jahrhundert Zeuge, wie sich in den USA die reaktionäre Linie immer mehr durchsetzt gegen die liberale im Geiste des Generals Washington. Die Truman-Doktrin vom 12. März 1947 und der (aus) ihr folgende Marshallplan (17 Milliarden Dollar für 16 europäische Staaten in einem Fünfjahreszeitraum) hatten eindeutige antikommunistische Implikationen. Im Koreakrieg wollte General Mac Arthur Atombomben auf China werfen lassen und im Vietnamkrieg wollte General Curtis Le May Vietnam in die Steinzeit zurückbomben. Curtis Le May hatte bereits in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945 Napalmbomben über Tokio abwerfen lassen, die über fünfzehn Quadratmeilen  der Stadt vernichteten, wobei 83 793 Männer, Frauen und Kinder zu einem „Haufen von rauchendem Fleisch“ 12. wurden. Mitte der 50er Jahre plädierte der besonnene Verteidigungsminister Charles Wilson dafür, unverzüglich und vollständig aus Indochina herauszugehen, man hörte nicht auf ihn. Immer mehr dominierte ein hysterischer Antikommunismus die us-amerikanische Öffentlichkeit und der Chef des Inlandgeheimdienstes, der Transvestit J. Edgar Hoover litt in den 50er Jahren unter wahren Paranoiaschüben, er war vom Blitz eines zweiten, diesmal sowjetischen Pearl Harbors geradezu besessen. So taumelten die USA direkt in den „quagmire“, in dem Schlamassel des Vietnamkrieges. Horst Dippel spricht von einer „Militarisierung der Außenpolitik und die sie im Innern begleitende antikommunistische Hysterie“ 13. In einer wahren, fast fünfjährigen  Hexenjagd, an deren Spitze der Gouverneur von Wisconsin Mc Carthy stand, wurde die politische Linke dezimiert, Millionen und Abermillionen US-Bürger wurden Sicherheitsüberprüfungen unterworfen, wie sie bei religiösen Sekten üblich ist. Die 1785 auf Bundesebene vollzogene Trennung von Staat und Kirche hatte in den USA eine ganz eigenartige Wirkung, auf die bereits Beaumont hinwies: „On ne croit pas aux État-Unis qu’un homme sans religion puisse etre un honnéte homme“ (Man glaubt in den Vereinigten Staaten nicht, daß ein Mensch ohne Religion ein anständiger Mensch sein könnte“). 14. Schon der 25jährige Marx hatte im Herbst 1843 die Hysterie des Geldmenschen gegen seine Mitmenschen und gegen die Natur in den USA geahnt, nicht weil es ein Land ist, in dem es von religiösen Sekten nur so wimmelt, sondern weil der schmutzigste Jude der Welt der Jude der USA ist. Dieser Satz mag in Deutschland beim ersten Hören hart in den Ohren klingen, er steht aber so bei Marx.Was können die Marxisten dafür, dass die Vulgärwissenschaftler sich der  Judenfrage zuwenden, ohne von der Existenz des wichtigsten Werkes zu dieser Frage zu wissen ?

Es dauerte zirka zwanzig Jahre, bis sich die GIs aus Vietnam zurückzogen. Wofür Wilson plädierte, das hatte sich die Antikriegsbewegung Ende der 60er Jahre auf die Fahnen geschrieben. Der Imperialismus ist durchwachsen, er ist primär ein stinkender und faulender Kapitalismus, aber nicht generell, er spaltet die Politik der Bourgeoisie in zwei Lager: “ … einzelne Schichten der Bourgeoisie und einzelne Länder offenbaren in der Epoche des Imperialismus mehr oder minder stark bald die eine, bald die andere dieser Tendenzen“. 15.  Die eine faulende Tendenz erreichte ihren Höhepunkt im Watergate-Skandal, den die jungen Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein aufgedeckt hatten und durch den es zum Rücktritt Nixons kam, dem bisher einzigen Präsidentenrücktritt in der Geschichte der USA. Das kriminelle Gebaren Nixons zeigte endgültig an, dass die liberale Tradition der USA, die ihren Ausgang von den „Grundrechten von Virginia“ nahm, in ihr Gegenteil umgeschlagen war. (Die Verfassung von Maryland enthielt sogar ein Widerstandsrecht). Wie wenig machtbesessen die legislativen und exekutiven Volksvertreter sein sollten, wird deutlich im Artikel 5 der „Rechtserklärung des Staates Virginia“, um die Lasten des Volkes mitzufühlen und mitzutragen, sollten sie in bestimmten Zeitabschnitten ins Volk zurückgehen, aus dem sie gekommen waren. Endlich schrieb der Freiheitskämpfer Thomas Paine, dass „die Regierung noch in ihrer besten Verfassung nur ein notwendiges Übel“ 16. sei.  Und nun schaue man sich den Veitstanz von Nixon an, nur um an der Macht zu bleiben. Es gibt naive Zeitgenossen, die glauben, man könne über Menschen regieren und unschuldig bleiben.

Glaubte die eine Linie, mit Kant, dem bürgerlichen Aufklärer, fertig geworden zu sein, so war man noch lange nicht fertig mit Lenin, dem proletarischen Revolutionär, dessen Truppen 1945 Berlin erobert hatten. Mit Lenin war eine Titanengestalt in die Weltgeschichte mit einer epochalen Dimension eingetreten, das 20. Jahrhundert war einerseits das des Imperialismus und es war zugleich das Jahrhundert Lenins, der als erster der fortschrittlichen Menschheit das Wesen des Imperialismus offenbart hatte. Es waren die Aprilthesen Lenins, die bereits 1917 den Focus der Weltgeschichte auch auf die Völker des Ostens verschoben und man kann sowohl im ersten als auch im zweiten Weltkrieg eurozentristische Dekadenzkriege sehen. Es spricht für Lenins politische Weitsicht, dass er noch vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges darauf aufmerksam machte, dass in Asien ein neuer Herd der heftigsten Weltstürme entstanden sei. 17. Er konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass das Emporschnellen Ostasiens seinem weltrevolutionärem Konzept den zentralen Puzzlestein entwerten würde: Westeuropa, dessen Arbeiterklasse vorrangig von der deutschen SPD verraten wurde. 18. Ausgerechnet von der deutschen SPD, die so lange das Lieblingskind von Lenin gewesen war. Auch nach der Oktoberrevolution hoffte er darauf, mögen auch alle weltrevolutionären Träume zerplatzen, dass wenigstens Deutschland rot werden würde, er sah das als halbe Miete der Weltrevolution an. Im Hintergrund von Lenins Überlegung stand ein Brief von Friedrich Engels vom 23. April 1887 an Sorge: Bismarck will alles fertig machen, damit nach dem  Ausbruch der Revolution in Russland auch in Deutschland gleich losgeschlagen werden kann. Die Imperialisten der USA und Englands haben bis heute einen Horror vor einer russisch-deutschen Allianz gleich unter welchen politischen Vorzeichen, die USA sind umso stärker, je mehr sie Ost- und Westeuropa, die Ost- und Westukraine spalten können. Die Behauptung der russischen Revolutionen von 1905 und die von 1917 war für Lenin immer daran geknüpft, dass Westeuropa mitzog. Das Verhältnis der russischen Revolution von 1905, die von Rosa Luxemburg zu epochal (schon der Generalstreik in ihr war „eine ganze Revolution im kleinen“) und von Plechanow zu defaitistisch (man hätte nicht zu den Waffen greifen dürfen) eingeschätzt worden war  und die gemeinhin als Generalprobe für eine sozialistische gehandelt wurde, das Verhältnis also  der 05er zur Oktoberrevolution 1917 wurde durch den Verlauf von dieser auf den Kopf gestellt: die erste Revolution brachte die Abkehr Russlands von Asien, die zweite seine Hinwendung zu dem erwachenden Riesen. Atatürk konnte viel leichter viel westlicher sein als Lenin, denn die Abstriche, die die Oktoberrevolution von den Idealen einer proletarischen Revolution machen musste, gingen durchaus ins Mark hinein: innenpolitisch musste in einem Agrarland das Agrarprogramm der kleinbürgerlichen Sozialrevolutionäre übernommen werden (jedem Bauern seine Scholle), außenpolitisch blieb der rote Oktober auf dem breiten Flur der Weltrevolution allein und erntete lediglich Sympathien weltweit. Zudem brachte der Frieden von Brest-Litowsk Russland den Verlust von einem Drittel seiner Bevölkerung und von über fünfzig Prozent seiner industriellen Anlagen. Eine weitere Schwierigkeit kam hinzu und das war keine nur rein politische, sondern auch eine infrastrukturelle: Wenn Lenin in „Staat und Revolution“ die sozialistische Gesellschaft als „ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleicher Lohn“ ausmalt, so ist zu fragen, ob das weiträumige Russland wirklich als ideales Einstiegsland dienen kann ? Sicher nicht ! Zwar war das Eisenbahnnetz 1900 fertiggestellt, aber rein von der technischen Entwicklung der Infrastruktur her war Russland, wie es auch Rousseau sah, ein unregierbares Land. Russland stand auch beim Jahrhundertwechsel industriell nicht auf eigenen Beinen, sondern krankte wie eh und je an dem eingefahrenen Austauschmodus zu den modernen Industrienationen: Russland exportierte Rohstoffe und importierte technische Fertigprodukte, die seinem Standard entsprachen. So blieb der technische Vorsprung des Westens nach wie vor. Im „Gesellschaftsvertrag“ schrieb Rousseau zudem noch über Russland, dass Peter der Grosse die Reife seines Volkes nicht hat abwarten können. 19. Und Lenin ? Ist er vom Leben bestraft worden, weil er zu früh gekommen war  ?

Die Geschichte wäre ganz anders verlaufen, hätten die USA ihre Politik der ’splendid isolation‘ über die Jahrhundertwende hinaus fortgesetzt und wäre der rote Oktober der Auftakt einer Serie von Revolutionen echt proletarischen Charakters ohne sozialrevolutionäre Agrarprogramme in der internationalen Arena geworden. Die Isolation der USA war eine gewollte gewesen, die der UdSSR eine erzwungene und schmerzhafte. Zu fragen ist, ob nicht beide Weichenstellungen, sowohl die innen- als auch die außenpolitische, dazu führten, dass 1929 eine Kollektivierungsrevolution von oben statt von unten, wie es sich im klassischen Revolutionsverständnis gehörte, befohlen wurde. Zu fragen ist, ob nicht beide Weichenstellungen dazu führten, dass die UdSSR den Charakter eines künstlichen Staatsgebildes nie ganz los wurde und dass es schließlich die politische Geheimpolizei war, die notwendige Kurskorrekturen mit konspirativen Methoden vornahm ? Zu fragen ist, ob nicht die Partei Lenins angesichts einer mit katastrophalen Rückschlägen verbundenen gesellschaftlichen Transformation der voranleuchtende Stern wurde, der als fixer Punkt und alleinige Instanz immer Recht hatte ? Zu fragen ist, ob die sowjetische Kulturrevolution mit dem Schwerpunkt der Alphabetisierung zu kurz geriet, denn es war kein anderer als Lenin, der 1919 die spezifische russische Kulturlosigkeit dafür verantwortlich machte, dass die Sowjets Organe nicht durch die Arbeiter, sondern nur für die Arbeiter waren, „nicht aber durch die werktätigen Massen selbst“. 20. Hier lag ein ganz wunder Punkt der Oktoberrevolution, vielleicht ihr wundester. Ja man kann noch tiefer fragen, ob diese Weichenstellungen und dieser wunde Punkt schon die waren, die knapp siebzig Jahre später zum Zusammenbruch des künstlichen Gebildes führten, gleichwohl die Sowjetunion nach der Eroberung von Berlin nun eine kolossales Landmassiv beherrschte und dann gegenüber der NATO-Bedrohung durch einen Staatengürtel geschützt war. Aber die interkontinentalen Atomraketen hatten wohl dieses geopolitische Denken obsolet gemacht. Max Weber sagte der Oktoberrevolution nur eine kurze Lebensdauer voraus und sah aus ihr eine Militärdiktatur emporsteigen. Beides erwies sich als nicht zutreffend. Das von Lenin vor der Oktoberrevolution geschriebene  Fundamentalwerk „Staat und Revolution“ war Maßarbeit, auch wenn es unvollendet blieb, nach der Oktoberrevolution ging Lenin in zwei weiteren Hauptschriften genau auf die beiden beunruhigenden Kardinalprobleme der Revolution ein: In seiner Schrift gegen den Renegaten Kautsky (1918) arbeitete er heraus, dass es sich bei dem „Überbau“ der Oktoberrevolution um eine wirkliche Diktatur des Proletariats handele, in seinem „Linken Radikalismus“ (1920) betonte er den internationalen Charakter der Revolution, in der sich der Bolschewismus als Vorbild der Taktik für alle herausgestellt habe. Zugleich befindet sich in diesem letzten großen fundamental-theoretischen Werk das Wort, das die durch die Oktoberrevolution herbeigeführte weltpolitische Situation am besten bezeichnet: „Die Geschichte im allgemeinen und die Geschichte der Revolutionen im besonderen ist stets inhaltsreicher, mannigfaltiger, vielseitiger, lebendiger, „vertrackter“ 21. … vertrackt … Lenin hatte selbst das beste Wort gefunden. Gleichwohl, Russland, im 19. Jahrhundert der Gendarm der europäischen Reaktion, 1849 schickte der Zar Nikolaus I. Truppen nach Ungarn zur Unterdrückung der Revolution und bot Friedrich Wilhelm IV. Kosaken zur Unterdrückung der Märzrevolution an, war zur Bastion der proletarischen Weltrevolution geworden. Gescheitert waren die französischen und englischen Kapitalisten, die in der Februarrevolution manipulierten, gescheitert war das deutsche OKH, das durch Lenins Einschleusung Russland chaotisieren wollte und der Oktoberrevolution unfreiwillig Hebammendienste leistete. Rosa Luxemburg sah schon 1906 das russische Proletariat durch die Revolution von 1905 in einer Avantgardeposition. Das zurückgebliebenste Land weise den fortgeschrittensten den Weg. 22. Die deutsche Arbeiterklasse habe folglich die russische Revolution von 1905 als ihre eigene Angelegenheit zu betrachten, die zugleich ihr Reflex sei.

Der Georgier Stalin hatte für die Tatsache, dass die Revolution singulär blieb und anfing, sich um ihre eigene Achse zu drehen ein feineres Gespür  als Trotzki, der stets auf das mittlerweile sozialdemokratisch abgestumpfte Proletariat Westeuropa als Rettungsanker der Oktoberrevolution setzte. Hatte Bucharin die Dialektik nie gründlich studiert, so weist auch die theoretische Biographie Trotzkis auf, dass er leider keinen philosophischen Beitrag zur Vertiefung der Dialektik erbracht hatte, die ihm die faschistische Dekadenz der westlichen Sozialdemokratie hätte aufschlüsseln können und vor einer aus dieser Blindheit herrührenden Zusammenarbeit mit dem deutschen Faschismus hätte bewahren können. EXKURS: Die sich ständig ändernde Dialektik von Lohnarbeit und Kapital als dem fundamentalen Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft birgt in sich die Aufhebung der Seite des Kapitals durch den Umschlag von Quantität in Qualität, ohne tendenzielles Hinwirken darauf die Dialektik nicht kritisch und revolutionär sein kann. Dem entspricht auf der anderen Seite das geistige Abstumpfen zu einer anti-kritischen und konterrevolutionären Grundhaltung, die platt-identisch eins wird mit dem Kapital und seiner ihm immanenten faschistischen Tendenz. Die in den Volksmassen wirkende Dialektik von Lohnarbeit und Kapital kann zu beiden Polen ausschlagen, wobei die faschistische Variante dieser Dialektik zwar nicht die Seite der Lohnarbeit aufheben kann, aber die Tendenz hat, sie auf eine abendliche Wassersuppe im Arbeitslager zu reduzieren. ENDE DES EXKURSES. In der russischen Revolution von 1905 hatte sich der ebenfalls von Trotzki vom politischen Gewicht her  zu gering eingeschätzte Bauer angekündigt und er bedeutete, dass das 20. Jahrhundert nicht nur ein Jahrhundert des Proletariats sein werde, wie es in der klassischen Lehre des auf die industriell fortgeschrittensten Länder ausgerichteten Marxismus von 1848 vorgesehen war. Überspitzt formuliert verharrte Trotzki auf dem Erkenntnisstand von 1848 und konnte von daher gar nicht voll hinter dem Oktoberexperiment stehen. Für die aber, die hinter der Revolution standen, die sie als vollproletarische und nicht als ein Experiment begriffen, musste es bei ausbleibenden Nachfolgerevolutionen im Westen immer schmerzhafter werden ab etwa 1925 in Betracht zu ziehen, dass die Oktoberrevolution eventuell eine in sich kreisende blieb. Die Revolutionäre im Kreml griffen nach jedem Fitzelchen in der weltpolitischen Arena, dass sich irgendwie in das Puzzle der Weltrevolution einfügen ließ. In Lenins Imperialismusanalyse lagen Verheißung und Ernüchterung gleichermaßen vor. Der Imperialismus zeige den Kapitalismus in seinem höchsten Fäulnisstadium; die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und damit auch der politischen Entwicklung zwischen den einzelnen Ländern lasse es jedoch auch zu, eine singuläre, also eine blockierte internationale dennoch im weltrevolutionären Kontext zu denken. Die Widersprüchlichkeit des Imperialismus ist es in ihrer ganzen Totalität, die einerseits etwas Faszinierendes hat: noch nie waren die Bedingungen einer Weltrevolution verlockender, andererseits war von vornherein klar, dass sie eine Welt voller Widerstände vorfinden werde.  Was sich in der Revolution von 1905 ankündigte, dass das ungeheure Gewicht der armen Bauernmassen auch der proletarischen Emanzipation ihren Stempel aufdrückte, das bestätigte ihr Verlauf bis in die maoistische Kulturrevolution hinein, in der die radikalen Roten Garden aus den urbanen Universitätsstädten aufs Land geschickt wurden, um von Bauern umerzogen zu werden. Das Korrespondenzverhältnis zwischen 1905 und 1917 ist also verwickelter, als es auf den ersten Blick scheint, der nur sieht, dass die Keime der Revolution von 1905, aus der die Bourgeoisie gestärkt hervorging, das Proletariat zwar unterlag, aber bewußtseinsmäßig den größten Sprung nach vorn machte, im Jahr 1917 einfach zur Blüte gegen diese Bourgeoisie gekommen waren, unter die diese einfach erstickte. Schrieb Lenin im Jahr 1905 noch: „Nur ganz unwissende Leute können den bürgerlichen Charakter der vor sich gehenden demokratischen Umwälzung ignorieren; nur ganz naive Optimisten können vergessen, wie wenig die Masse der Arbeiter bisher von den Zielen des Sozialismus und den Mitteln seiner Verwirklichung weiß“ 23., so klang das zwölf Jahre später in den berühmten „Aprilthesen“ bereits ganz anders: jetzt war das halbbarische, rückständigste Land Europas mit der höchsten Analphabetenquote, die besonders unter den Bauern hoch war, auf einmal reif für die sozialistische Umwälzung. Aber sind zwölf Jahre für die Entfaltung von Produktivkräften in eine Höhe ausreichend, die einen Sprung in eine höhere geschichtliche Epoche, die des Sozialismus-Kommunismus gelingen  lässt ? Viele Weg- und Kampfgefährten Lenins empfanden die Aprilthesen als eine Fieberphantasie ohne jeden Realitätsbezug. Immerhin war in Russland  das quantitative Verhältnis der Fabrikarbeiter zu den Bauern 1:7,7. Das historische Schicksal der Oktoberrevolution hing für Lenin innenpolitisch von einer richtigen Bauernpolitik ab, die Bauern waren keine graue Masse, es galt, den Kulak zu isolieren, den Mittelbauern zu neutralisieren und die grosse Masse der Kleinbauern und Landproletarier zu gewinnen. Diesen Angelpunkt der Revolution hatte Trotzki 1905 nicht erfasst, als er die Parole aufstellte: „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung“. Bei einem Verhältnis von 7,7 : 1 war diese utopisch. Die Revolution von 1905 war für Lenin deshalb gescheitert, weil zwar das Proletariat entschlossen gekämpft hatte, aber „die Bauernschaft ihm unentschlossen folgte“. 24.

Zu denjenigen, die Lenin im April 1917 Realitätsferne vorwarfen, zählte Josef Stalin nicht. Indem er 1924 aus Lenins Festlegung, dass auf Grund der ökonomischen und damit auch der politischen Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der einzelnen Länder unter dem Imperialismus der Aufbau des Sozialismus auch in einem Land möglich sei, die Weltrevolution, wie es schien, ganz auf das Blühen und Gedeihen der Sowjetunion fixierte, wurde der technisch fortgeschrittenere Westen Europas (Stalin sprach von hundert Jahren) von der sowjetrussischen Lokomotive der Revolution politisch auf eines ihrer Nebengleise abgeschoben. Keiner hatte gedacht, dass Dostojewskis Puschkinrede aus dem Jahr 1880, in der er von der besonderen weltgeschichtlichen Mission Russlands sprach, auf diesem Umwege wieder aktuelle Bedeutung zwar nicht für die Marxisten, auch Stalin war bis zu seinem letzten Atemzug ein Revolutionär in welthistorischer Mission, aber für die Slawophilen bekam. Lucio Colletti deutet  Stalin hingegen als national-sozialen Konterrevolutionär mit  slawophiler Richtung, als einziger der bolschewistischen Führer hätte er keine westliche Sprache lesen oder sprechen können. Die Kollektivierung der Landwirtschaft 1929 war eine eindeutige Weichenstellung in Richtung Kommunismus sowjetrussischer Prägung, im gleichen Jahr, es war das zwölfte der Oktoberrevolution, kam es in den USA im Oktober zum Zusammenbruch der New Yorker Börse. Lenin schien Recht zu behalten, die Oktoberrevolution liege nicht außerhalb des weltrevolutionären Konzepts der marxistischen Arbeiterbewegung. Im gleichen Jahr, in dem sich Mao und seine stark dezimierten Truppen in die Berghöhlen von Yennan zurückzog, stellte der Hauer Alexej Stachanow am 31. August 1935 in der UdSSR einen atemberaubenden Rekord in der Kohlegewinnung auf und bestätigte die Vorhersage Lenins, dass der Sozialismus zu einer weitaus höheren Arbeitsproduktivität als der Kapitalismus führen wird als Folge entfesselter Produktivkräfte, die im Kapitalismus teilweise immer auch wieder zerstört werden. Aber generell war die Sowjetunion in technisch-industrieller Hinsicht noch immer rückständig, als es 1941 zum Todesduell mit den deutschen Faschismus kam. Dass die rückständige Sowjetunion als Sieger des Weltkrieges hervorging, widerlegte die Theorie der Produktivkräfte und bestätigte, dass die Menschen die wichtigsten Produktivkräfte sind. Der Fetischwahn der ökonomischen Kennziffer zeigt an, dass die Produzenten noch vom Produkt beherrscht werden. So setzte die aus der Febraurrevolution 1917 hervorgegangene „Provisorische Regierung zur Rettung der Revolution“ wie der Zar auf den Krieg als Lösungsweg fundamentaler sozialer Widersprüche. Immer wieder begegnen wir diesem Fehler, der Widerspruch des Krieges könne den sozialen überlagern.

Auch in den USA hatte die New-Deal-Politik Franklin D. Roosevelts zu einem Fortschrittsoptimismus geführt, als sich der Schatten des Faschismus über Europa abzeichnete. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland brachte durch Hitler, der hervorhob, in seinem Leben immer va banque gespielt zu haben, ein Moment der Unberechenbarkeit in die Weltpolitik. Stalin hielt es einfach nicht für möglich, dass Hitler ohne Beendigung des Krieges im Westen in weltgeschichtlicher Verblendung wie Napoleon seine Arme in die Weiten Russlands ausstrecken und die größte natürliche Festung auf der Erde angreifen würde. Im Ausgang des Kampfes der Giganten, der in Stalingrad entschieden wurde, sah Mao schon sehr früh, bereits am 12. Oktober 1942 den Wendepunkt im antifaschistischen Weltkrieg, während die anglo-amerikanischen Kapitalisten ab Februar 1943 ihre Chance sahen. Da nach ihrer kriegsgewinnlerischen Logik die Kolosse sich gegenseitig ausbluten sollten, zögerten sie die Eröffnung einer zweiten Front im Westen zunächst solange wie möglich hinaus, nach der Behauptung Stalingrads begann der Wettlauf nach Berlin. Die Wende in Stalingrad war der Beginn des Änderns dieses abwartenden Verhaltens. Diese welthistorische Entwertung Westeuropas, durch den Faschismus und durch die Landung in der Normandie mit dem Marschallplan im Gefolge ungemein beschleunigt, war in der Mitte des Jahrhunderts abgeschlossen, man denke nur an den Niedergang des Commonwealth. Indien hatte seine Unabhängigkeit im August 1947 erkämpft und Mao proklamierte am ersten Oktober 1949 die Volksrepublik China, als sollte die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts noch rasch abgerundet werden. Der westeuropäische Teilkontinent litt fortan unter dem bleiernden Schatten eines stagnierenden kalten Krieges, in den sich der zweite Weltkrieg festgefahren hatte. Wie sehr hätte ein Napoleon an diesem kalten Krieg gelitten, der schon auf St. Helena schrieb: „Cette vielle Europe m‘ ennuie“. (Dieses alte Europa langweilt mich). Den kulturrevolutionären Maler Paul Gauguin zog es schon im 19. Jahrhundert als Einzelgänger in die Südsee, letztlich ein stiller Protest gegen ein Jahrhundert, das wie kein anderes unter den Diktaten der Kapitalakkumulation und der nationalen Leidenschaften die Kultur an die äußerste Peripherie und van Gogh in den Freitod getrieben hatte. Der Freitod Hitlers am 30. April 1945 riss die alliierte Kriegskoalition bereits ein, bis zu Churchills Fulton-Rede dauerte es nicht mal ein Jahr, er hielt sie am fünften März 1946, exakt sieben Jahre vor Stalins Tod.

EXKURS: In Westdeutschland kam es zu einem verhängnisvollen Überschneiden von politischer Emanzipation und politischer Reaktion: der studentischen 68er Bewegung wurde durch die in der Septemberwahl 1969 siegreiche, miltant-antikommunistisch ausgerichteten SPD der Todesstoß versetzt. Der Verzweiflungskampf der RAF gegen die Vernichtung des Kommunismus in Westdeutschland war und blieb ohnmächtig. Die Hinrichtung der Revolutionäre in Stammheim zeigte an, dass die sozialdemokratisch ausgerichtete Arbeiterbewegung in der Tradition Noskes auch zugleich den letzten Rest ihres eigenen revolutionären Potentials zu Grabe getragen hatte. Die Ermordung Gudrun Ensslins wiederholte die Ermordung Rosa Luxemburgs. Das Geburtsland von Marx und Engels war zum Todesland des wissenschaftlichen Sozialismus geworden, ähnlich wie für Rosa Luxemburg durch die  Revolution von 1905 in Russland Bakunis Geburtsland zur Grabstätte seiner anarchistischen Lehre geworden war. Seitdem fault Deutschland, das Land der Herrenrasse, an der die ganze Welt genesen sollte, vor sich hin. Sowohl in der Zeit von 1933 bis 1945 als auch ab 1945 vegetierte und vegetiert das deutsche Volk in einem Zustand, den Engels so charakterisierte: „Der Naturzustand des Tiers erscheint als Gipfelpunkt der menschlichen Entwicklung“.25. Hitler hatte im Delirium seiner letzten Lebenstage ein verheerendes Schicksal Deutschlands kommen sehen, er ging davon aus, dass es von den roten Mongolen von der Landkarte ausradiert werden würde  und erteilte seinem Rüstungsminister Albert Speer den zuvorkommenden sogenannten Nerobefehl, alle ökonomischen Strukturen in Deutschland so zu vernichten, dass das deutsche Volk den zweiten Weltkrieg nicht überleben könne. Speer und sein Stab sabotierten diesen Befehl und retteten so das deutsche Volk als Volk, was ein Grund gewesen sein mag, dass er in Nürnberg nicht zum Tode verurteilt worden war, Speer starb friedlich in London in den Armen seiner Geliebten. Inwiefern aber Speers Sabotage sinnvoll war, muss dahingestellt bleiben. Im weltgeschichtlichen und im weltraumgeschichtlichen Kontext hätte das Hinwegoperieren des deutschen Volkes, das sich als das reaktionärste der Welt erwiesen hatte,  im Jahr 1945 sicherlich eine Marginale dargestellt, insbesondere wenn man auf die Vision des Begründers der sowjetischen Astronautik, Konstantin Ciolkovskij, näher eingeht: Die Eroberung des Kosmos eröffnete für ihn die Möglichkeit, dass sich eine Kosmosbevölkerung heranbilden kann, die um viele Milliarden Mal größer an Zahl sein wird als die jetzige Erdbevölkerung. „Dann werden im Umkreis der Sonne Milliarden von Milliarden menschlicher Wesen wachsen und sich vervollkommnen. Von dort, aus der Sonnensphäre, wird die Besiedlung des ganzen Weltalls beginnen. Daran glaube ich fest, das ist die Bestimmung des Menschen dieser Erde. Er muß den ganzen Kosmos umgestalten“. 26. Aber mit Visionen muss man im gesellschaftswissenschaftlichen Kontext äußerst vorsichtig umgehen, zu sehr erinnern die Visionen Ciolkovskijs auch an Trotzkis Visionen eines Übermenschen im Sinne Nietzsches, zu dem sich Trotzki noch in seinem Werk „Literatur und Revolution“ bekannte. Der erste Artikel Trotzkis war ein Nachruf auf Nietzsche und Hitler war von Trotzkis Autobiografie begeistert. Gab es in der Weltgeschichte einen charakterlich grösseren Sieger als Josef Stalin, der gegen Ende des zweiten Weltkrieges den legendären Satz aussprach: Die Hitlers kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt bestehen ? Er sagte keinesfalls, wie das die Revisionisten fälschten, das deutsche Volk, der deutsche Staat bleiben bestehen. Der deutsche Staat stirbt bekanntlich ab. Selbst außerhalb des marxistischen Kontextes ist der Stalin unterstellte Satz Nonsens. Die deutsche Bourgeoisie hat Stalin die Befreiung vom Faschismus durch die Rote Armee nicht gedankt, die Abweisung der Stalin-Note im März 1952, ein Jahr vor Stalins Tod, setzte die unheilvolle Kette deutscher Fehlentscheidungen in den großen Fragen der Politik fort, der deutsche Spießer, dem Stalingrad durch Mark und Bein gegangen war, drückte sich. Das Schlußglied dieser Kette bildete 1989 die Entscheidung der politischen und militärischen Führung der DDR, dem Kapital kampflos das Feld zu räumen. Keiner aus diesen Eliten erinnerte sich an den Brief von Marx an Kugelmann vom 12. April 1872: Hätte die Pariser Kommune nicht aufopfernd gekämpft, wäre die „Demoralisation der Arbeiterklasse … ein viel größeres Unglück gewesen als der beliebige Untergang einer beliebigen Anzahl von Führern“. Vielleicht wollten sich diese „Führer“ auch einfach nicht an diesen Brief an Kugelmann erinnern und einfach nur ihre eigene Haut retten. ENDE DES EXKURSES

In Churchills Fulton-Rede kam bereits der Spaltpilz zum Vorschein, der letztendlich die Welt von Wladiwostok bis San Fransisco spaltete. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion war diese Ära des Kalten Krieges geprägt durch ein relatives Gleichgewicht auf dem Schauplatz des zweiten Weltkrieges, dessen Hauptkonfliktzentren Moskau-Berlin hatten sich durch die Landung von US-Truppen auf Sizilien, an der Cote d’Azur zwischen Toulon und Cannes (Operation Dragoon)  und  in der Normandie auf die Konfliktzentren Moskau-Washington verlagert. Unter der atomaren Dunstglocke des Kalten Krieges spielte sich ein Wettlauf zweier  Systeme von kontinentalem Ausmass ab,  die man sich zunächst ganz handgreiflich als das Prinzip „Einer für alle, alle für einen“ und „Jeder für sich, Gott für uns alle“ plastisch vor Augen stellen kann. Das östliche Gesellschaftssystem war geprägt durch Jahrespläne in der Produktion und der Favorisierung einer atheistischen Weltanschauung, das westliche durch eine Anarchie der Produktion und einer religiösen Ausrichtung. Es bedingen sich Versuche kollektiver Naturbeherrschung mit atheistischen Konsequenzen und einem Laissez-faire der Egoismen (irrtümlich als Freiheit ausgegeben) und religiösen. Recht deutlich zeichnete sich das an den entgegengesetzten Konzepten einer Umweltpolitik, an Stalins Plan zur Umgestaltung der Natur und Roosevelts Tennessee-Projekt ab. Und doch auch welch bizarre Konstellation, auf der atheistischen Seite der Égalité ein weltlicher Gott, der politisch alles zusammenhielt, auf der anderen Seiten eine Gewimmele von Individuen, das alles Gebildete wieder zerfallen ließ. Und diese beiden Systeme rangen nicht nur auf der Erde, sondern auch im Weltraum.

Wenden wir uns also zunächst dem ersten, einem Vergleich der Umweltkonzepte zu, den ich mit einem in der Aussage richtigen, lapidaren, gleichwohl ungewöhnlichen Zitat beginnen möchte: „Der russische Mensch ist ein schlechter Arbeiter im Vergleich mit den fortgeschrittenen Nationen“. 27. Ungewöhnlich ist es, dass dieser Satz nicht etwa aus dem Munde eines russischen Kapitalisten stammt, sondern aus der Feder Lenins, der in dieser spezifisch russischen Rückständigkeit das schwierigste Problem der Oktoberrevolution sah, dessen Lösung Jahrzehnte in Anspruch nehmen werde. Dreißig Jahre nach der Oktoberrevolution veröffentlichte die Sowjetregierung in nur zwei Jahren von 1948 bis 1950 eine rasante Serie von Großplänen zur Umgestaltung der Natur und der Landschaft, die in der damaligen Welt ohne Beispiel war und die als „Stalinplan der Naturumwandlung“ (Stalinskij plan preobrazovanija pirody) in die Geschichte einging. Die Mutter Stalins war noch Leibeigene eines Kulaken, die bisher bewußte und größte planmäßige Umgestaltung der Natur und der Landschaft in der Weltgeschichte trug den (Deck-)Namen ihres Sohnes, der ja nach der Geburt zunächst Josef Wissarionowitsch Dschugaschwilli hieß. Um diesen komplexen und atemberaubenden Prozess zu verfolgen, ist es angebracht, mit dem Umgang der Natur unter dem Zarismus zu beginnen, dessen Romanow Dynastie das Land 300 Jahre gequält hatte. Es ist also zunächst nach der Umweltpolitik zu fragen, die jahrzehntelang vor der Oktoberrevolution betrieben wurde. Man weiß, wie der Zarismus mit den Naturschätzen Rußlands umging. Zum Beispiel führte exzessiver Holzexport und der Holzbedarf beim Ausbau des Eisenbahnschienennetzes zu einer regelrechten Entwaldung weiter Gebiete; die Petersburger Adelsclique beschäftigte sich mit mehr oder minder schöngeistigen Dingen statt mit dem Gedanken der planmäßigen Wiederaufforstung der Kahlschläge. Schon Friedrich Engels hatte 1893 in seiner Schrift “Kann Europa abrüsten ?” auf die verheerenden Folgen dieses Raubbaus hingewiesen: Regen- und Schneewasser wurde nicht aufgesogen, Bäche und Ströme schwollen an zu Überschwemmungen. Im Sommer aber sank die Bodenfeuchtigkeit , so daß sie für die Wurzeln der Getreidehalme unerreichbar wurden. Hungersnöte in weiten Gebieten waren die Folge, erinnert sei nur an das sogenannte “böse Jahr” 1891, in dem der Viehbestand der Bauern rapide abnahm. 28.  “Zerschluchtung und Abschwemmung des fruchtbaren Schwarzerdebodens, Flugsandbildung, Senkung des Grundwasserspiegels führten zur Zerstörung der traditionell fruchtbaren Gebiete im Südwesten … zu periodisch wiederkehrenden Dürren, Mißernten und damit Hungersnöten. Der Vormarsch der Steppe schien unaufhaltsam.” 29. Durch die fehlenden Waldgebiete konnten die trockenen Winterwinde aus Sibirien ungehindert die schützende Schneedecke der Wintersaat wegfegen, so daß die Durchtränkung der Erde durch das Schmelzwasser im Frühjahr ausblieb. Im Sommer waren die Felder gegen die heißen, aus den Steppen Mittelasiens kommenden Ostwinde ohne Schutz. Schon vor 1917 hatte Dokutschajew (1846 bis 1903) Experimente mit Waldschutzstreifen unternommen. Aber erst die Sowjetmacht gab seine Schriften neu heraus und setzte seine Pläne in die Praxis um. “Mit der Anlage der Waldschutzstreifen wurde eine Waffe geschaffen, um die Heftigkeit der Winde zu brechen, wurde ein riesiges natürliches Wasserreservoir angelegt, das einerseits den zerstörerischen Abfluß plötzlicher Regengüsse verhinderte, andererseits als ausgleichender Wasserspeicher fungierte.” 30. Auf Feldern, die der Wald schützte, konnte schon bald eine Ernte erzielt werden, die drei – bis viermal höher war als auf Fluren ohne Schutzstreifen. Im Jahr 1949 wurden allein 70 000 Spezialisten für Waldanpflanzungen ausgebildet. Neben der Entwaldung war die zunehmende Versteppung und systematische Verschlechterung des Bodens eine Erblast des Zarismus. Der Boden war besonders durch Staubstürme und Zerschluchtung (Ovragi) gefährdet. Seit Liebig glaubte man, dass sinkende Bodenfruchtbarkeit allein auf den Entzug mineralischer Substanzen zurückzuführen sei. Auch ein Wechsel der Frucht halte die Abnahme der Fruchtbarkeit nicht auf. Der Moskauer Agarwissenschaftler W. Wiljams stellte diese überlieferte Thematik einer Autorität in Frage. Er fand heraus, dass die Bodenbildung nicht nur das Produkt eines geografisch-klimatischen Prozesses ist, sondern auch von der Evolution und Tätigkeit lebender Organismen, besonders Pflanzen, abhängt. Er entwickelte das “Grasfeldersystem” (travopolnaja sistema), bei dem die allgemeine Fruchtfolge durch die Aussaat mehrjähriger Gräser unterbrochen wurde. Deren biologisches Verhalten und Wurzelsystem förderte die Humusbildung und hielt die Versteppung auf. 31. Sind diese Erfolge bei der Bodenmelioration auf Spezialisten wie Dokutschajew und Willjams allein zurückzuführen ? Schon Descartes hatte durch das Heraufkommen der neuzeitlichen Naturwissenschaften eine Zukunft erblickt, in der die Bauern bessere Wissenschaftler und Philosophen abgeben werden als die Scholastiker der Akademie. Unter der Diktatur der Arbeiterklasse hatte sich ein vertrauensvolles Zusammenwirken von Bauern und Spezialisten herausgebildet, der gigantische Reichtum der bäuerlichen Naturbeobachtung und wissenschaftliche Fachkenntnisse befruchteten sich wechselseitig. Die reichen Erfahrungen der Bauernmassen wurden wissenschaftlich zusammengefasst.

Der Große Stalin Plan zur Umgestaltung der Natur wurde vom Ministerrat der UdSSR am 28.10. 1948 angenommen. Der Plan sah die Anlage von Waldschutzpflanzungen, die Verankerung des Fruchtfolgesystems, die Anlage von Teichen und Kanälen zur Sicherung höherer und stabiler Ernten in den Steppen- und Waldsteppengebieten des europäischen Teils der UdSSR vor. Das war ein Gebiet von 160 Millionen Hektar. Und dieser Plan wurde anfangs in die Tat umgesetzt. Die staatlichen Schutzwaldgürtel zogen sich in einer achtfachen Staffelung in einer Gesamtlänge von 5 300 Kilometer zwischen Ural und Kaspisenke hin. Die Wolga wurde zu einem See von 600 Kilometer Länge und 33 Kilometer Breite aufgestaut. Bis 1952 war ein Drittel des Waldaufforstungsplans erfüllt, am 31.5.1952 wurde der Wolga Don Kanal eröffnet. Heute kann die anglo-amerikanische Forschung zugeben, dass die Zeit Stalins keineswegs eine der exzessiven Naturausbeutung ohne Rücksicht auf umweltschädliche Folgen war. Stalin unterstützte die Waldschutzbehörden, die nach seinem Tod rapide an Bedeutung und Einfluß verloren. 32.

In den USA gab es ähnliche Probleme. Die Wasserstände des Tennesseeflußes  (mit einer Länge von 1600 km der größte Nebenfluß des Ohio, zum Vergleich die Länge des Rheins: 1300 km) wiesen bei starken Regenfällen erhebliche Schwankungen auf und extreme Überschwemmungen richteten große Schäden für cirka viereinhalb Millionen Menschen in einer der ärmsten Regionen der USA an. So waren 1936 nur zwei Prozent der Farmer im Tennessee Tal am Stromnetz angeschlossen. Der Tennessee-Plan (TVA-Projekt) von Roosevelt sah, nachdem der „Supreme Court“ es im Jahr 1936 für verfassungskonform erklärt hatte, im Gesamtrahmen des „New Deal“ Flußregulierungen, Staudämme zur Energiegewinnung, eine von Regenperioden unbeeinflußte Schiffahrt, vor allem aber die Aufforstung gegen Bodenerosion vor, zumal die durch kapitalistischen Raubbau bedingte Entholzung  dazu geführt hatte, dass die feineren Bodenbestandteile durch Regen herausgespült werden  konnten, “…das Land wurde unfruchtbar, und der Grundwasserspiegel senkte sich. In den Trockenzeiten konnte der Wind ungehindert weitere Krume verwehen…” 33. In gewisser Weise wies dieser Roosevelt Plan etwas für eine kapitalistische Proftimaximierungswirtschaft Atypisches auf: er umfasste das Gebiet mehrerer Bundesstaaten und war auf 15 Jahre (1933 bis 1948)  mit bis zu 40 000 Arbeitskräften unter der Leitung der staatlichen Tennessee Valley Authority veranschlagt. In der kapitalistischen USA aber konnte sich dieser TVA – “Kollektivismus”  nicht durchsetzen, das Gesetz der Profitmaximierung erwies sich als stärker. Nach der Umstellung auf die Kriegswirtschaft im Jahr 1941 “schluckten” große Konzerne den Rahm des Tennessee Valley ab. Formal blieb die Tennessee Valley Authority zwar bestehen, aber die Krafterzeugung ging zum Beispiel in den Machtbereich der General Electric Company über. Und an den Staudämmen prangte immer noch die Inschrift: “Gebaut für das Wohl der Vereingten Staaten”. “Während ursprünglich die T.V.A. dafür sorgte, dass die Ausbeutung der Bodenschätze in die komplexe Entwicklung und Umgestaltung  des Gebietes hineinpaßte und daß keine Schädigungen der natürlichen Verhältnisse mehr erfolgten, sind seit der Übernahme des Bergbaues durch die Rüstungskonzerne vielfach wieder die alten kapitalistischen Raubbaumethoden eingerissen…”. 34. In den USA hatte sich die kleinbürgerliche Devise behauptet: „Ich reiße an mich, was ich kann, alles andere ist mir schnuppe“. 35. Ein Vergleich zwischen den Plänen Stalins und Roosevelts verdeutlicht, was bewußtes Handeln im Kollektiv leistet und zu welchem Dilettantismus die Anarchie der Produktion führt. 36. Dieses Urteil fällen nicht alle “Marxisten” ! „Sicherlich sind die führenden Industriestaaten in der Lage, in bedeutendem Umfang Umweltschutzmaßnahmen in ihren Ländern durchzuführen. Sie sind auf jeden Fall in höherem Maße dazu in der Lage als es je ein sozialistisches Land war.” 37. Sicherlich und auf jeden Fall kennt Gregor Gysi Leistungen von Industriestaaten, die die der Werktätigen des Stalingrader Bezirkes in den Schatten stellen, die die auf fünfzehn Jahre berechneten Waldschutzpflanzungen in sieben Jahren anlegten.

Der Stalin-Plan sollte bis 1965 verwirklicht werden. Aber nach 1956 ist die Fähigkeit zum sinnvollen Umgang mit der Natur so ziemlich den Bach heruntergegangen. Es fing bereits an mit den sogenannten Crutschowschen Experimenten zur Neulandgewinnung in Mittelasien. Zwar brachte das Jahr 1958 eine Rekordernte, doch in der kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik, dem Hauptgebiet der Neulandexperimente, ist es versäumt worden, Waldschutzgürtel anzulegen, so daß der dünne Humusboden der mittelasiatischen Steppen ständig aufbrach, was zu unvermeidlichen Erosionen führte. Als rettender, aber von vornherein zum Scheitern verurteilter Manager wurde der Sekretär des Zentralkomitees Beljajew in die Problemzone gesandt. (Siehe die Prawda vom 14. November 1958), um am 20. Januar 1960 als Sündenbock zurückgerufen zu werden. (Er wird noch für fünf Monate als Sekretär des Kreisparteikomitees  nach Stawropol geschickt und gilt seit dem 25. Juni 1960 als verschollen. “Er ist einer der ersten Mitglieder des Parteipräsidiums und Sekretäre des Zentralkomitees unter Crutschow, der als Sündenbock sang- und klanglos verschwindet.” 38.). Primär durch die Auflösung der Maschinen-Traktor-Stationen im Jahr 1958 bedingt, entwickelte sich die sowjetische Gesellschaft zu einer profanen warenproduzierenden zurück, in der die Produzenten unter der Kontrolle der Produkte stehen, statt sie zu kontrollieren. Objektiv waren zum Beispiel die Kollektivbauern Kollektivisten, aber ihr Bewußtsein kann noch lange das von Privateigentümern sein. Auch die Revisionisten machten sich über diese Ausführungen Stalins Gedanken. Den Rest der  zu seinen Lebzeiten zum größten Teil aufgedeckten noch vorrätigen konterrevolutionären Ansätze fortsetzend, sammelten und konzentrierten sie alle noch auffindbare feudal-klerikale und kapitalistische Denkweise, um durch Mästung des tendenziell rückständigen Überbaus die Entwicklung zum Kommunismus zu hemmen. So lebte zum Beispiel die bürgerliche Soziologie wieder auf, die indiziert, daß die Formen der Beziehungen unter den Menschen zunehmend entfremdeten Charakter annehmen. Wie die Religion das Verhältnis Mensch : der wahre Gott reflektiert, so die Soziologie das Verhältnis der Ware Mensch zur Ware Mensch. (Eine warenproduzierende Gesellschaft wird immer mit dem mittelalterlichen Makel der Religion behaftet sein und erst in der warenfreien Produktion bricht der Atheismus sich die Bahn seiner Vollendung und Aufhebung. 39.). Und so nimmt auch ihr Verhältnis zur Natur einen entfremdeten Charakter an, in einer warenproduzierenden Gesellschaft verlieren die Menschen die Übersicht über ihre Beziehungen, ihre Denkweise wird statt dialektisch metaphysisch und ihre metaphysischen Begriffe sind, was schon der materialistische Aufklärer Holbach herausgearbeitet hatte, relativ auf den Stand der Naturbeherrschung. “Wenn der einzelne Fabrikant oder Kaufmann die fabrizierte oder eingekaufte Ware nur mit dem üblichen Profitchen verkauft, so ist er zufrieden, und es kümmert ihn nicht, was nachher aus der Ware und deren Käufer wird. Ebenso mit den natürlichen Wirkungen derselben Handlungen. Die spanischen Pflanzer in Kuba, die die Wälder an den Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger genug für eine Generation höchst rentabler Kaffeebäume vorfanden, – was lag ihnen daran, daß nachher die tropischen Regengüsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten Felsen hinterließen. Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste , handgreifliche Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entfernteren Nachwirkungen die hierauf gerichteten Handlungen ganz andere, meist ganz entgegengesetzte sind”. 40. Hiervon ist das bewusste Vernichten von Gebrauchsgegenständen zu unterscheiden, um die Preise hochzuhalten, zum Beispiel die Vernichtung immenser Mengen von Gewürzen von den Sundainseln und von den Molukken durch die im Jahr 1600 gegründete Niederländisch-Ostindische Kompanie, die in Konkurrenz zur englischen Kompanie stand. Auf den Molukken wurden alle Plantagen zerstört, als deren Erträge stiegen. Es ist dies ein Widersinn, der bezeichnet, dass die gesellschaftlichen Widersprüche solange antagonistische sind, solange das Privateigentun an Produktionsmitteln vorherrscht. Das Verhältnis des Kommunismus zur Natur ist das einer Vernichtung des bürgerlichen Eigentums an der Natur, der Marxismus hat hier sozialrevolutionäre Impulse der kleinbürgerlichen Aufklärung (Rousseau) kritisch weiterentwickelt. Nach der kommunistischen Aufhebung des bürgerlichen Eigentums an den Produktionsmitteln ist der „Kommunismus als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus = Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen …“. 41. Überall geht die industrielle Exploitation, die Konzentration der Kapitale, dem kommunistischen Naturalismus = Humanismus allerdings voraus.

EXKURS (der mehr eine Gedankenspielerei ist, die man mir erlaube): Hatte sich die Sowjetunion in der Umweltpolitik in der Mitte des Jahrhunderts als Sieger erwiesen, so hatte sie auch in der Konkurrenz um die Eroberung des Weltraums zunächst deutliche Vorsprünge zu verzeichnen, die Washington und die Oberhäupter der westlichen Welt in periodische Schockzustände versetzte. Mit der Hündin Laika war am 3. November 1957 das erste Lebewesen in den Weltraum geschossen worden, im April 1961 mit Gagarin der erste Mensch und im Jahr 1963 mit Valentina Tereschkowa die erste Frau. Es war der amerikanische Präsident Kennedy, der die Herausforderungen annahm, so dass dann der Mond doch ein Ami wurde, wie es ein primitives Boulevard Blatt in Deutschland am 21. Juli 1969 formulierte. Sollte nach dem markantesten Ausdruck der Frauenemanzipation im 20. Jahrhundert gefragt werden, so sei auf den Weltraumflug der Russin zu verweisen. Keine Frau war bisher höher hinaus gekommen. Doch welch eigenartige Widerspruchskonstellation. Sicherlich war das 20. Jahrhundert nicht das einer totalen Frauenemanzipation, schon der immer noch ungleich ausgezahlte Lohn für gleiche Arbeit verbietet den Superlativ, das Bemerkenswerteste ist, dass sich das Jahrhundert, das den bisher größten Fortschritt in der Frauenemanzipation aufzuweisen hat, zugleich durch die Mondrakete symbolhaft ganz im Zeichen des Phallus stand, in dem sich die fortgeschrittenste Frau des Jahrhunderts befand. Vielleicht wird an dieser Stelle zum ersten Mal auf das „Korrespondenz“verhältnis zwischen der Mondrakete und der sexuellen Revolution hingewiesen.  In der Entzündung der Rakete und ihr transzendierendes Abheben von der Erde ins All erschäumt sich das überirrdisch Orgastische, der das All im Alles ist. Nietzsches Verherrlichung des Phalluskultes war jetzt auf das Universum schlechthin ausgerichtet. Dies alles lief aber im Unterbewußtsein ab, da selbst im 20. Jahrhundert der Eispickel der mittelalterlichen Leibfeindlichkeit  in den Gehirnen steckte und die Augustinische Sexualaskese diese paraysierte. ENDE DES EXKURSES.

Stumpfte nach 1950 in Westeuropa der Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital vordergründig immer mehr auf sozialdemokratische Weise ab mit dem Ergebnis einer Entaktualisierung der Oktoberrevolution, so war mit dem Siegeszug der Maoisten in China, mit dem Koreakrieg, den beiden Vietnamkriegen, mit den nationalen antikolonialistischen Befreiungskriegen in Afrika und den anti-imperialistischen Emanzipationsbewegungen in Lateinamerika, die 1959 zu einem sozialistischen Kuba vor der Haustür der USA führten, die welthistorische Initiative nicht nur vollends auf die Völker der südlichen Halbkugel der Erde übergegangen, für diese Befreiungsbewegungen in industriell zurückgebliebenen Ländern blieb auch die Oktoberrevolution ein naheliegendes Modell der Orientierung. Von dem einstigen Protektorat Kuba behielten die USA bis heute nur den Marinestützpunkt Guantanamo, auf dem ihre Exektutivbeamten ihren sadistischen Neigungen freien Lauf lassen können. Es war kein Zufall, dass der Schlüsselgeneral des 20. Jahrhunderts der Vietnamese Giap wurde, ein Oberbefehlshaber von Fahrradsoldaten in Sandalen. War in den Dakadenzkriegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Guerillakriegführung recht marginal gewesen, so kann man in der zweiten Hälfte von einem wahren Boom dieser hinterhältigen Kampfweise sprechen, die in der Regel der (jüngere) Schwächere gegen den (älteren) Stärkeren ergreift und die in Che Guevara ihre Ikone, in Mao ihren Haupttheoretiker fand. Auf der nördlichen Halbkugel der Erde dachten nur wenige Revolutionäre und kein Staatsmann an einen „großen Sprung nach vorn“, wie Mao 1958. Erst die chinesische Kulturrevolution legte ab 1966 für zehn Jahre frei, dass die kommunistische Revolution die tiefste der Weltgeschichte ist mit einer Methode, von der der junge Hegel euphorisch schrieb, dass sie um so grellere Resultate zeitige, je besser sie sei. 42. In weltgeschichtlich grau gewordenen Westeuropa erlebte die Stadtguerilla hingegen ein Fiasko nach dem anderen. Zudem wurde sie der am 9. Oktober 1967  der Hinrichtung Che Guevara im bolivianischen Higuera gewahr. Am 4. November 1969 geriet Carlos Marighela, der Verfasser des brasilainischen Handbuches für die Stadtguerilla, das besonders die Tupamaros in Uruguay prägte, in Sao Paulo in eine Falle der Militärpolizei und wurde erschossen.  Diese Guerilla, an deren Konzept in Westdeutschland Rudi Dutschke mitgewirkt hatte, verstand sich als bereits im urbanen Feindesland operierende Speerspitze innerhalb der Metropole im Konzept Lin Biaos, dass das Dorf die Stadt einkreisen und zerschlagen müsse, eine Ansicht, die Marighela teilte. Trotz eines intensiven Studiums der Schrift Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ aus dem Jahr 1961, das Vorwort hatte Jean Paul Sartre geschrieben, entkamen die Theoretiker der Stadtguerilla nicht dem typischen Schicksal der Theoretiker, sie blieben milieubefangen und meinten entgegen der Lehre der Pariser Kommune, in der die Verdammten dieser Erde aufgewacht waren, ohne eine Landguerilla auskommen zu können. Die Kommune, die erste Diktatur des Proletariats war gescheitert, weil Paris auf sich allein gestellt blieb und die bürgerliche Konterrevolution mit Rückendeckung Bismarcks die Provinz gegen die Metropole aufhetzen konnte. Durch den Zusammenbruch der UdSSR, der zweiten Diktatur des Proletariats auf Erden, hat sich nicht nur die Front des neuen, andersartigen kalten Krieges, den Dimitrios Kisoudis sehr verkürzt und sehr fragwürdig als einen zwischen östlichem autoritären Liberalismus und westlichem postmodernen Geldsozialismus deutet 43., von der Elbe in die Ostukraine verschoben, ihr Kollaps hat vor der Weltöffentlichkeit der fortschrittlichen Menschheit am Ende des 20. Jahrhunderts einerseits die USA zum Terrorstaat allerersten Ranges entblößt, der heute aus einer perfiden Taktik heraus die Schlinge um den Hals des sozialistischen Kuba legt. Gegen diesen Terrorstaat kann es nur einen Kriegszustand allerersten Ranges geben, eine friedliche Koexistenz kann in keiner Weise greifen und zeigt an, dass man von allen guten dialektischen Geistern verlassen ist. Nordkorea macht es völlig richtig, in  jeden erwachsenen US-Bürger zunächst als Spion zu behandeln. Verwandelte sich das Arbeiter- und Bauernparadies im Verlauf des 20. Jahrhunderts in einen kapitalistischen Despotismus mit mafiaähnlichen Strukturen, an dem nichts fortschrittlich ist, so verwandelten sich die USA, die am Beginn des modernen, antikolonialen Unabhängigkeitskampfes standen, in eine ultraimperialistische, weltweit agierende Nation, die bestrebt ist, jedem Freiheitsruf der arbeitenden Menschen, wo auch immer er auf Erden ertönen mag, die Kehle durchzuschneiden. Am Ende behielt Voltaire Recht, der schon in den Briefen über die Engländer sah, dass die Sekte der Pilgrim Fathers zu diesem Kontinent aufgebrochen sei, um ihn zu verwüsten. Auf der anderen Seite muss heute nach 25 Jahren des Endes der Perestroika aus der Retrospektive die Frage erlaubt sein, ob nicht diese für Russland ein größeres Unheil bedeutet habe als der Einfall der Hitlerschen Wehrmacht am 22. Juni 1941 ? Wer heute in Moskau eine Volksmenge zu einem Subbotnik aufruft erntet nur Spott und Gelächter, wobei diese aber sich selbst auslacht ! Näher betrachtet schloß die Perestroika eine jahrzehntelange konterrevolutionäre Entwicklung ab, die 1958 mit der Auflösung der Maschinen-Traktor-Stationen zwar nicht begann, aber durch diesen Schritt, vor dem Stalin gewarnt hatte, ganz offenkundig wurde. Durch die Auflösung der Maschinen-Traktor-Stationen wurden ungeheure Mengen von Produktionsinstrumenten der Landwirtschaft in die Bahn der Warenzirkulation geworfen und diese Erweiterung des Wirkungsbereiches der Warenzirkulation ging bis zu dem Punkt, an dem ein Umschlag von Quantität in Qualität erfolgte – für das Proletariat in negativer, für die Bourgoisie in positiver Hinsicht, imsofern durch diese ökonomische Verschiebung das Wertgesetz auch wieder Regulator der Produktion wurde. Durch Überhandnehmen der Warenzirkulation aus der Kurve zum Kommunismus geschleudert, nahm die Lokomotive einen Weg in Richtung Konsumismus, an dessen Ende sich die Staatsstreichgewinnler an ihren Gulaschhäppchen übergeben mussten. Die gesellschaftlichen Prozesse gerieten völlig unter den Strudel der Warenzirkulation und rissen auch bald Crutschow von der politischen Bühne. Sein Sturz ist selbst nur Beweis, dass beim Handeln der Individuen unter den Bedingungen der Warenproduktion noch etwas anderes herauskommt als sie unmittelbar wissen und so unmittelbar wollen. Keineswegs darf man einem die Dialektik nur dilettantisch handhabenden Generalsekretär die Macht zuschreiben, aus revisionistischer Intention heraus durch Staatsstreich per Geheimrede einen sozialistischen Wirtschaftsorganismus in einen kapitalistischen zu verwandeln, man würde ihm eine persönliche Gewalt der Initiative zuschreiben, wie sie beispiellos in der Weltgeschichte dastehen würde.

Andererseits haben sowohl der Kollaps der Sowjetunion, der unter anderem den Sieg des Vietcong und die aus ihm folgende Traumatisierung der US-Armee relativierte und  der für dialektisch denkende Gesellschaftswissenschaftler nicht überraschend kommen konnte, da in der Geschichte nie von einer Unumkehrbarkeit ausgegangen werden darf, als auch das Siechtum der westeuropäischen Sozialdemokraten die fundamentale Bedeutung der europäischen Aufklärung hervorgehoben, so dass man nicht von einer astreinen Dekadenz Westeuropas ausgehen darf. Während sich China  mehr und mehr in konfuzianistische Traditionen verwurzelt und Mao Tse Tung nur noch durch die Geldzirkulation massenhaft in Erscheinung tritt 44., der Islam für alle Welt sichtbar das inhumane Wesen der Religion insgesamt zum Ausdruck bringt, die weltlichen und konfessionellen Eliten in Osteuropa sich gegenseitig in altbewährter opportuner Art bestätigen (Putin wurde nach seiner Geburt heimlich in Leningrad getauft und hat diese Schande bis heute nicht von sich abgewaschen), die USA ohnehin auf primitivste Art mit beiden Ohren im religiösen Sumpf stecken, hat sich nur in Westeuropa gegenwärtig der Bruch mit dem Mittelalter als radikal und endgültig erwiesen, gleichwohl die Aufklärung soooo antitraditionalistisch gar nicht war. Es scheint bis heute hinzureichen, eingedenk der historischen Tatsache, dass dem Faschismus der Nachweis gelang, wie sandig der Boden der Rationalität in der Politik ist. Nach dem Zusammenbruch der genuin atheistisch ausgerichteten Sowjetunion hebt sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch die bürgerliche Aufklärung, insbesondere durch die französische, das Profil des Atheismus in Westeuropa deutlicher ab als sonstwo auf der Welt als weltanschauliche Grundlage eines rational-humanen Konzepts der wissenschaftlichen Lebensgestaltung  in einer sich immer mehr der mittelalterlichen Finsternis zuwendenden  und in ihr abtauchenden Welt. Der Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland“ (wohl mehr als der Fasching in Braunschweig) kann nur als gehaltvoll empfunden werden, wenn man die europäische und die deutsche Aufklärung ausblendet. Ein Verdienst von Kants Kritizismus ist die Verortung der Religion in reiner Subjektivität im Sinne eines ästhetischen Urteils: Der Moslem kann nur sagen: „Nur für mich gibt es Allah“ wie ein Konzertbesucher nach der Musikdarbietung nur sagen kann: „Mir hat es gefallen“.  Wer in seiner Aussagesubstanz darüber hinausgeht, dass es nur für ihn  ein höchstes oder höheres Wesen gibt, verlässt den Boden der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, der auf Erfahrung geeichten Wissenschaft und den der Toleranz. Schon der große Jakobiner Jean Paul Marat hatte in seinen „Ketten der Sklaverei“ auf die schädliche Neigung der weltlichen Mächte  hingewiesen, mit Hilfe der  Religion Völker zu verdummen. Ideengeschichtlich betrachtet sind es drei Wurzeln, die unausrottbar unter der heute von Blut und Banalität verschmutzten westeuropäischen Friedhofserde ausharren und nur erst von intellektuell sensiblen Menschen als eine Art Trüffelschweine aufgespürt werden. Diese Wurzeln sichern wahrscheinlich dereinst das Überleben der Gattung:  die französische Aufklärung, die klassische deutsche Philosophie und die Lehre von Marx und Engels. Und in diesem Wurzelwerk treibt sich der zum Tageslicht der Revolution drängende Maulwurf umher, eingedenk des 125. Aphorismus Nietzsches (Der Wanderer und sein Schatten): „Es ist ein hoher Zustand der Menschheit möglich, wo das Europa der Völker eine dunkle Vergessenheit ist, wo Europa aber noch in dreißig sehr alten, nie veralteten Büchern lebt …“. Westeuropa zehrt immer noch im Gegensatz zu den USA von seinem enormen historischen Sinn, der durch Hegel in erster voller Blüte Generationen prägte. Die Welt als ungemein schwierig verwobener Komplex geschichtlicher Prozesse wird in dem unter  us-amerkanischem Einfluß stehenden Weltregionen mit der in ihnen vorherrschenden bürgerlichen schematisch-graduellen Denkweise nur unzulänglich, letztendlich falsch abgebildet. Mögen sich die Großkapitalisten in ihren kontinental konzipierten Wirtschaftskriegen, die sich wie alle Kriege im Element des Widerspruchs zwischen Faszination und Ekel bewegen (Kant sprach von ungeselliger Geselligkeit), bornieren, für die Revolutionäre steht der Vorsprung vor den USA fest. Durch Alexander Herzen und andere ist in Russland, das ohne essentielle naturrechtliche Tradition auskommen musste, der Hegelianismus zum Durchbruch gelangt, so dass sich aus dieser Tradition heraus das einfache Entwicklungsdenken nicht unangefochten behaupten konnte und kann. Dobroljubow ging über Herzen hinaus, denn er war ein konsequenter Materialist und frei von Schwankungen zum Liberalismus, die bei Herzen stören. Als Dialektiker legte er den historischen Charakter aller Erscheinungen in der Natur und in der Geschichte frei. Und das ist eben die Algebra der Revolution. Nur bei der internationalen Arbeiterklasse, auch bei der fortgeschrittenen us-amerkanischen und russischen, „besteht der deutsche theoretische Sinn unverkümmert fort“. 45. Kehrt der Maulwurf nach seinem Gewühle in russischer und chinesischer Erde, wo er ein GULAG-System erbuddelte und laut Maos Äußerung gegenüber Nixon „lediglich einige Vorstädte von Peking revolutioniert hatte“, wieder in westeuropäische zurück ? Es lebe die Pariser Kommune ! 46. Leicht wird sie es nicht haben angesichts der russischen Mafia und des us-amerikanischen Terrors.

1. Vergleiche Sigrid Wegner-Korfes, Blutsonntag 1905 Fanal der Revolution, illustrierte historische hefte Nr 5, herausgegeben vom Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1976,12. Bereits 1910 hatten Produkte aus den USA einen Weltmarktanteil von fünfzehn Prozent. Zwei Wochen nach Beginn des ersten Weltkrieges wurde der Panamakanal eröffnet. Panama war eine Provinz Kolumbiens gewesen, deren Loslösung vom Mutterland die USA betrieben hatten, weil Kolumbien dem Bau des Kanals nicht zugestimmt hatte. Im Verlauf des ersten Weltkrieges erhielten die Alliierten 2,3 Milliarden, Deutschland nur 27 Millionen Dollar (Vergleiche Horst Dippel, Geschichte der USA, Beck Verlag München, 2010,82).

2. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,321

3. Vergleiche Samuel Gompers, Seventy Years of Life and Labor, Band II, New York, 1943,400.

4. Vergleiche Theodore Roosevelt and Henry Cabot Lodge, Selections from the Correspondence, Band II, New York, 1925,162 (2. Juli 1905).

5. Siehe Thorsten Gräbe, Der Makel von Monticello, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. Januar 2013, Seite N4).

6. Vor seinen Generälen hatte er dargelegt, dass der Krieg im Osten grausamer zu führen sei als im Westen. Am besten hatte ihn Feldmarschall von Reichenau verstanden, der am 10. Oktober 1941 einen Befehl erließ, dass das Ziel des Krieges die Ausrottung des asiatischen Einflusses im europäischen Kulturkreis sei und dass der deutsche Soldat als Rächer für Bestialitäten aufzutreten habe, die deutschem und artverwandten Volkstum zugefügt worden sei. Deshalb muß der Soldat für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben. Am 22. August 1941 befahl Reichenau die Ermordung von 90 jüdischen Kindern in Belaja Zerkow, deren Eltern man erschossen hatte. Den Bewachern der gefangenen Rotarmisten auf ihren Märschen in die Lager gab Feldmarschall von Reichenau den Befehl: „Wer schlapp macht wird erschossen“.

7. Vergleiche The Economist vom 22. Februar 2003,71

8. Vergleiche Stephan Bierling, Geschichte der amerikanischen Außenpolitik, becksche Reihe, Beck Verlag München, 2007,73f.

9. a.a.O.,85

10. Vergleiche a.a.O.,105

11. Vergleiche Fred I. Greenstein, The Hidden Hand-Presidency, Eisenhower as Leader, New York 1982 und Stephen E. Ambrose, Eisenhower, The President, New York, 1984

12. Kent R. Greenfield, Die amerikanische Luftkriegführung in Europa und Ostasien 1942 bis 1945, in: Probleme des Zweiten Weltkrieges, herausgegeben von Andreas Hillgruber, Neue Wissenschaftliche Bibliothek Geschichte, Kiepenheuer & Witsch, 1967,306

13. Horst Dippel, Geschichte der USA, Beck Verlag München, 2010,103

14. Gustave de Beaumont, Marie oder die Sklaverei der Vereinigten Staaten, Paris 1853,214. „Das religiöse Bewußtsein schwelgt in dem Reichtum des religiösen Gegensatzes und der religiösen Mannigfaltigkeit“. (Karl Marx, Die Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,361).

15. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,305f.

16. Thomas Paine, Common Sense, herausgegeben von Adkins, New York 1953,4f.

17. Lenin, Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx, Werke Band 18, Dietz Verlag Berlin, 1980,578

18. Für die SPD reduzierte sich der Sozialismus auf das Huhn in der Suppe, von dem Heinrich IV. geträumt hatte. Rosa Luxemburg traf den Kern, als sie schrieb: „In irgendeinem sibirischen Dorf spürt man mehr Menschentum als in der deutschen Sozialdemokratie“. Heute grassiert dieser Antihumanismus in der ganzen deutschen pseudomarxistischen Linken, die Korrespondenz und Kommunikation mit der Arbeiterklasse schon lange eingestellt hat, ja diese Pseudolinke ist das Sammelbecken für Antileninisten der arrogantesten und menschenverachtendsten Art geworden.

19. „Für Menschen wie für Nationen gibt es eine Zeit der Reife, die man abwarten muß, bevor man sie Gesetzen unterwerfen kann; aber die Reife eines Volks ist nicht immer leicht zu erkennen, und wenn man zu früh kommt, ist das Werk fehlgeschlagen“. (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart, 2011,50).

20. Lenin, Bericht über das Parteiprogramm, Werke Band 29, Dietz Verlag Berlin, 1961,168f. Der Maoismus beanspruchte, besonders durch die Kulturrevolution, die Verwaltung durch die werktätigen Massen und legte den Finger in diese offene, durch die Sowjetbürokratie geschlagene  Wunde. Der Transformationsprozess zum Sozialismus wurde in der Sowjetunion natürlich durch den zweiten Weltkrieg erheblich zurückgeworfen, aber für Mao und seine Anhänger verlief er auch nach der Erholungsphase in einem Grau in Grau, das Hegel einer altgewordenen Gestalt der Geschichte anhaftete. Maos Vision war, dieser Gefahr durch eine periodisch auftretende Serie von Kulturrevolutionen entgegenzuwirken, Revolutionen sind Festtage im Kalender der Geschichte.

21. Lenin, Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,630

22. Vergleiche Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag Hamburg, 1970,141

23. Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Werke Band 9, Dietz Verlag Berlin, 1960,14f.

24. Lenin, Über die zwei Linien der Revolution, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,424. In „Was tun ?“ hatte Lenin seinen Gedanken dargelegt, dass von allen nächsten Aufgaben des Klassenkampfes das russische Proletariat die revolutionärste  Aufgabe zugeteilt bekommen habe: das sei die Zerschlagung des Zarismus, den er nicht nur als Bollwerk der europäischen Restauration bezeichnete, sondern auch als das der asiatischen. Lenin zitierte den Arbeiterrevolutionär Peter Alexejew mit den Worten, dass die Millionenmasse des Arbeitervolks ihren muskulösen Arm erheben werde, so dass das von Soldatenbajonetten gestützte Joch der Despotie in Staub zerfallen werde.

25. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau 1975,441

26. Vergleiche Peter Brang, Fortschrittsglauben in Russland einst und jetzt, in: Das Problem des Fortschritts — heute, Wissenschftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1969,51. Das Kriegsende brachte ja nicht nur eine Selbstmordserie unter Nazigrößen, sondern durch das deutsche Volk selbst ging eine riesige Selbstmordwelle, es war ein Volk ohne Mitgefühl, das in seiner seelischen Leere nicht mehr trauern konnte. An diesem „Herrenvolk“ konnte die Welt nicht mehr genesen.

27. Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,456. Vico schrieb über Russland, dass der Zar über Menschen mit faulem Geist herrsche. Es war in seiner Geschichte ein Land mit sehr magerer urbaner Potenz, weder Pugatschow noch weniger Pestel konnten an der zaristischen Selbstherrschaft rühren.

28. Friedrich Engels, Kann Europa abrüsten, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,390

29. Der Große Stalin Plan zur Umgestaltung der Natur, in: Dem Volke dienen 4/1976,30

30. a.a.O.,31

31. Vergleiche Erwin Bachholz; Der Kampf gegen die Dürre in der Sowjetunion, Hamburg Reinbek, 1950,21

32. Vergleiche Stephen Brain, Stalin’s Environmentalism, in: Russian Review Nr. 69, 2010, 97ff.

33. Arnulf Sieber, Das Tennessee-Projekt – und das kapitalistische Wirtschaftssystem, in: Urania, Zeitschrift über Natur und Gesellschaft, Jahrgang 16, Heft 7, Juli 1953, 241. Dieser Aufsatz enthält eine sehr kenntnisreiche und detaillierte Darstellung des Projektes.

34. a.a.O.,246f.

35. Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, in: Lenin, Ausgewählte Progress 1975,463. Aufschlußreich ist auch folgende Äusserung Roosevelts: „Was wir in diesem Land tun, wird zum Teil unter Hitler in Deutschland getan. Aber wir tun es auf eine ordentliche Art“. (Vergleiche Alan Posener, Stalin / Roosevelt, EVA Duographien, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg, 1993, 102 f.).

36. Aufschlußreich ist auch ein direkter Vergleich zwischen Stalin und Roosevelt. Stalin war hochgebildet, immer lernend, man sah ihn schon in Georgien nur mit einem Buch unter dem Arm, eine Koryphäe des Marxismus-Leninismus. Über Roosevelt sagte Thomas Mann nach einem Besuch im Weissen Haus, daß dieser außer Krimis zum Einschlafen nichts lese. (Vergleiche Alan Posener, Stalin/Roosevelt, EVA Duographien, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg, 1993,83)

37. Gregor Gysi, Rede auf dem 2. Parteitag der PDS. in: Neues Deutschland vom 28.1.1991,7

38. Werner Scharndorff, Moskaus permanente Säuberung, olzog verlag, München und Wien, 1964,325

39. „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtige vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen“. (Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,94).

40. Friedrich Engels, Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,383f. Bereits Thomas Münzer hatte es in seiner Kampfschrift von 1524 gegen den Doktor Luther „Hoch verursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg, welches mit verkehrter Weise durch den Diebstahl der heiligen Schrift die erbärmliche Christenheit also ganz jämmerlich besudelt hat“ als unerträglich gefunden, „daß alle Kreatur zum Eigentum gemacht worden sei, die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden – auch die Kreatur müsse frei werden“. (Thomas Münzer, Hoch verursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg, welches mit verkehrter Weise durch den Diebstahl der heiligen Schrift die erbärmliche Christenheit also ganz jämmerlich besudelt hat, in: Leopold Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, Band 1 bis 2, Berlin, 1839). Als einer der ersten Sozialisten hatte Charles Fourier auf Probleme der Umweltzerstörung durch die Zivilisation hingewiesen. was “Wasser und Wälder anlangt, stehen wir sogar weit unter den Wilden, denn wir beschränken uns nicht wie sie darauf, die Wälder in ihrem Urzustand zu belassen, sondern rücken ihnen mit Keilen zu Leibe und verwüsten sie, woraus Bergrutsche und Klimaverschlechterung resultieren, Dieses Laster führt auf zweifache Weise zur Unordnung des Wassersystems, indem es Quellen zerstört und Unwetter auslöst. Unsere Flüsse, die zwischen extremer Trockenheit und plötzlichen Überschwemmungen wechseln, verursachen periodenweise Schäden und können nur sehr wenige Fische ernähren … Wir sind also völlig barbarisch in unserem Umgang mit Wäldern und Gewässern. Wie viele unserer Nachkommen werden nicht die Zivilisation verfluchen, wenn sie so viele kahl gewordene Berge sehen…”. (Charles Fourier, Théorie d  Unité Universelle, Band 4, 159f.). “Man ist über die Armseligkeit der Landwirtschaft unter der “Zivilisation” erstaunt, wenn man die Berichte antiker Dichter über die Freuden des Landlebens liest…” (a.a.O.,499). Fourier hatte den Widerspruch der kapitalistischen Zivilisation prägnant herausgearbeitet. Weil “….jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit ist”. (Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,528). Die älteren Bewohner im Osten Deutschlands werden sich noch an die Mondlandschaften erinnern, die der Tagebau im „Schwarzen Dreieck“, dem Grenzgebiet von der DDR, Polen und der Tschechoslowakei hinterlassen hat. Dennoch ist der sogenannte Ostblock keineswegs Opfer eines Ökozids, wie dies die us-amerikanischen Autoren Murray Feshbach und Alfred JR. Friendly behaupten. (Siehe Murray Feshbach / Alfred JR. Friendly, Ecocide in the USSR, Health and Nature under Siege, New York, 1992).

41. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1974,536

42. Vergleiche Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Differenz des Fichte’schen und Schelling’schen System der Philosophie, Gesammelte Werke Band 4, Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf 1980,28

43. Vergleiche Dimitrios Kisoudis, Goldgrund Eurasien, Der neue kalte Krieg und das dritte Rom, Edition Sonderwege, 2015,97

44. Vergleiche Peter Kunze, Chinas konservative Revolution oder Die Neuordnung der Dinge, Schnellroda 2014

45. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,307. Es wäre eine Untersuchung wert, wie in der Sowjetunion und in den ihr angeschlossenen Staaten nach 1956 einfaches Entwicklungsdenken anfing, dialektisches zu überlagern. 1974 erschien zum Beispiel in der DDR die Übersetzung eines Buches, das ein russisches Kollektiv von Offizieren verfasst hatte, in ihr lesen wir den Satz: „Die Wissenschaft ist der gesellschaftlich bedingte Prozeß der Erkenntnis der objektiven Welt, dessen Ergebnisse ein sich ständig entwickelndes System von Erkenntnissen darstellen, das von der Gesellschaft für die Umwandlung der Wirklichkeit ausgenutzt wird“. (Autorenkollektiv, Das philosophische Erbe W.I. Lenins und Probleme des modernen Krieges, Unter der Redaktion von Generalmajor A.S. Milowidow und Oberst W.G. Koslow, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1974,113). 1988 war der Geisteszerfall dialektischen Denkens endlich auf seinen Tiefpunkt angelangt, es war Gorbatschow selbst, der ihn verkündete: „Wir haben viel Zeit dafür aufwenden müssen, die Gesellschaft, in der wir leben, die Vergangenheit, in der viele heutige Erscheinungen wurzeln, die uns umgebende Welt und unsere Wechselbeziehungen zu ihr zu begreifen. All das mußte aufgefaßt werden, damit wir nicht in revolutionären Sprüngen verfahren, die außerordentlich gefährlich sind“. (Michail Gorbatschow, Rede auf der Schlußsitzung der XIX. Unionskonferenz der KPdSU, Dokumente und Materialien, APN-Verlag, Moskau, 1988,121). Das war bereits der Abgesang auf den Kommunismus, der eines Sprunges der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das der Freiheit bedarf. (Vergleiche Friedrich Engels, Hern Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,264).

46. Und hier mache ich auf eine Merkwürdigkeit aufmerksam, die aufschluß- und lehrreich ist. Die Nachkommen der Kommunekämpfer von 1871 stellen bis heute vergeblich Anträge an die bürgerliche Justiz, ihre oft zum Tode verurteilten Vorfahren zu rehabilitieren. Ich verdanke dieses Wissen dem Historiker Florian Grams aus Hannover. (Siehe Florian Grams, Die Pariser Kommune, Papy Rossa Verlag). Seit Jahrzehnten werden ihre Anträge abgewiesen. So sehr steckt der bürgerlichen Canaille also der Schrecken durch die Roten in den Knochen. Aber warum will man denn unbedingt eine Rehabilitierung durch eine perverse Justiz, die ohnehin doch wertlos wäre, denn juristisch saubere Rehabilitierungen können nur von einer korrekten Justiz ausgesprochen werden. Gibt es einen größeren Beweis für die moralische Verkommenheit der französischen Bourgeoisie als die Teilnahme der Fremdenlegion an der Truppenparade am Nationalfeiertag ? St. Just und Robespierre würden sich im Grabe umdrehen. Dieser Feiertag fand zur Zeit der französischen Revolution noch nicht statt und war von Marat, der am 13. Juli (einen Tag vor dem späteren Feiertag) 1793 ermordet wurde, doch vorausgesehen.


 

Griechenland und kein Ende – oder doch ?

25. März 2015

In Griechenland ziehen grausige Bilder sozialer Verelendung vor unseren Augen vorüber: Redakteure werden entlassen, Kliniken werden geschlossen, die Selbstmordrate, besonders unter Arbeitslosen, ist enorm gestiegen, es gibt ab 2009 kein Tarif- und Arbeitsrecht mehr, der Kündigungsschutz ist aufgehoben. Das Land weist die höchste Staatsverschuldung der gesamten Europäischen Union auf. Von den 1,5 Millionen Arbeitslosen (die Quote liegt bei 26 Prozent, bei Jugendlichen über 50 Prozent) bekommen nur cirka 100 000 Arbeitslosengeld, das nur ein Jahr bezahlt wird. Der Arbeitsrechtsforscher Apostolos Kapsalis hat festgestellt, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Landes die Zahl der nichtarbeitenden Menschen größer ist als die der arbeitenden. (Siehe ver.di publik 02 / 2015). Cirka eine Millionen sogenannte Arbeitnehmer warten seit  zwei bis fünfzehn Monaten auf ihren Lohn. Viele Griechinnen und Griechen wandern aus und lassen damit ihr Volk im Stich, gerade in einer Situation, in der ungefähr die Hälfte,  6,3 Millionen unterhalb der Armutsgrenze leben. Der Proletarier ist durch „Reformen“ zum Pauper geworden. Die Bautätigkeit hat einen Einbruch von achtzig Prozent zu verzeichnen und liegt praktisch am Boden. Der Mindestlohn ist von 751 Euro brutto im Monat auf 580 Euro gefallen, für Jugendliche unter 25 Jahren auf 510 Euro. Und doch werden durch die Krise einige wenige Familienclans, die das Land ökonomisch und damit auch politisch beherrschen, immer reicher, insbesondere die Reeder mit ihrer Handelsflotte, die immer noch keine Steuern zahlen und von der für sie vorteilhaften Tatsache zehren, dass 98 Prozent aller Unternehmen nur bis zu zwölf Beschäftigte haben. Dementsprechend sind die Gewerkschaften in Griechenland auffallend zersplittert (cirka 4 000 Basis-, Betriebs- und Branchengewerkschaften). Die Milliarden, die nach Griechenland flossen, kamen nicht dem Volk zugute, sondern dienten mehr schlecht als recht der Stabilisierung des Finanzsektors. Durch die Affäre um Andreas Georgiu, dem Chef des Statistikamtes, kam die jahrelange Manipulierung des Haushaltes ans Tageslicht. In Griechenland ist das System der Betriebsrente nicht bekannt. Besonders in der Landwirtschaft gibt es ganz niedrige Renten, ein Landwirt erhält 350 €. Zwanzig Prozent aller griechischen Rentner bekommen weniger als 500 € Rente, 17 Prozent aber erhalten eine Rente von über 1 500 €. Das Renteneintrittsalter ist von 62 auf 65, schließlich auf 67 Jahre erhöht worden. Und nicht nur das. Die griechischen Rentnerinnen und Rentner bekamen immerhin elf Prozent aus dem Haushalt, in Europa liegt der Schnitt bei vier Prozent. Zu den Auflagen, unter denen die finanziellen Hilfspakete zugestanden wurden, gehörte die „Korrektur“ dieser Rentanausgaben hin zum europäischen Schnitt.

Und in dieser depressiven Situation erhoben auf einmal die Athener Putzfrauen ihr Haupt.  595 Reinigungskräfte waren beim griechischen Wirtschaftsministerium beschäftigt, als sie im September 2013 ihre Entlassung aus den Medien erfuhren. Die Frauen, in der Regel zwischen 45 und 60 Jahre alt, setzten sich zur Wehr und stießen auf eine Welt voller Widerstände: sie waren zunächst über ganz Athen zerstreut, da das Ministerium viele dezentralisierte Zweigstellen hat (Zoll-, Steuerbehörde u.s.w.), mehr als drei bis sechs Putzfrauen arbeiteten nicht zusammen. Die Gewerkschaft gab ihnen keine Unterstützung, die Kommunisten aber sind verpflichtet, „…TIEFER (kursiv von Lenin) zu den UNTERSTEN (kursiv von Lenin), zu den wirklichen Massen zu gehen…” (Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1957,117). Die Putzfrauen zum Beispiel – das sind unsere Leute, während die Gewerkschaftselite darauf giert, Frauen mit Universitätsabschluß im Aufsichtsrat von börsennotierten Unternehmen zu prostituieren und das der Arbeiterklasse als einen Fortschritt unterjubeln will. Was wäre aus der französischen Revolution geworden, wenn nicht die robusten Markthallenweiber von Paris bei strömenden Regen nach Versailles marschiert wären, um den König und seine Marie Antoinette zu Gefangenen der Revolution zu machen ? Der grosse Jakobiner Robespierre sprach sich sofort für diese Aktion aus, der grosse Jakobiner Marat marschierte mit ihnen. Als die Athener Putzfrauen ein Zelt zum Dauerprotest vor dem Ministerium aufschlugen, wurden sie von der Polizei massiv angegriffen und zum Teil schwer verletzt, so dass einige ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Das Fernsehen gab aber in den abendlichen Nachrichtensendungen bekannt, dass die Putzfrauen die Polizisten angegriffen hätten. Die Behörden glaubten ob des angeblich niedrigen Bildungsniveaus der Putzfrauen leichtes Spiel zu haben und hatten sich getäuscht, gerade die Putzfrauen erwiesen sich aus Gewohnheit, am Rande des Existenzminimums leben zu müssen, als Meisterinnen im alltäglichen Überlebenskampf. „In Griechenland darf  man sich nicht mit den Müttern anlegen“, sagte die Putzfrau Vasiliki Gkova, die auch im Krankenhaus behandelt werden musste. Die Polizisten, die sich der schweren Körperverletzung schuldig gemacht hatten, sind bis heute nicht vor Gericht gestellt und bestraft worden. Sie stammen aus derselben Polizei, die im Dezember 2008 in Athen einen 15jährigen auf offener Strasse erschossen hatte. Als Reaktion auf diesen Mord bildete sich die militante Gruppe „Konspiration der Zellen des Feuers Athen-Thessaloniki“. Es wird mit Händen die Richtigkeit der Analyse von Karl Marx greifbar, dass sich der bürgerliche Staatsapparat immer wieder als ein nationales Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit erweist. (Vergleiche Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,300). Lenin hatte völlig Recht, als er in seinem vor der Oktoberrevolution und im Hinblick auf sie geschriebenen Fundamentalwerk „Staat und Revolution“ es der Arbeiterklasse zur weltgeschichtlichen Aufgabe machte, den bürgerlichen Staatsapparat völlig zu zerbrechen, völlig zu zerschlagen, völlig zu vernichten. Wo kommen wir denn auch hin, wenn faschistische Polizisten friedliche und wehrlose Putzfrauen ungestraft misshandeln dürfen ? „Der Opportunismus macht in der Anerkennung des Klassenkampfes gerade vor der Hauptsache halt, … vor der Periode des Sturzes der Bourgeoisie und ihrer VÖLLIGEN VERNICHTUNG“. (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,425). Also die VÖLLIGE VERNICHTUNG der Bourgeoisie. Man kann diesen Satz von Lenin nicht mißdeuten, nicht falsch interpretieren.  Von hier aus sind auch die bei ihrer Vereidigung von Popen eingesegneten und im Bündnis mit dem rechtsradikalen Verteidigungsminister Kammenos stehenden Tsipras, Varoufakis und Konsorten zu beurteilen, auch Gysi, Kipping und Konsorten, die eine Besteuerung der Reichen fordern und auch der „Europäische Investitionsplan“, den die Gewerkschaften seit langem fordern. WIR MÜSSEN DIE EUROPÄISCHEN VÖLKER AUF EINEN BÜRGERKRIEG DER SCHRECKLICHSTEN ART VORBEREITEN, statt Aufrufe zu verfassen, dass Europa neu zu begründen sei (Altvater, Deppe / Schäfer-Gümbel, Stegner und Konsorten), statt Unsinn von sich zu geben wie Gysi: „Tsipras ist ein Glücksfall für Europa“ (Siehe Frankfurter Allgemeine vom 25. März 2015,4). Dahinter verbirgt sich eine reaktionäre Politik: den kommunistischen Bürgerkrieg in Griechenland und in Europa abzuwürgen. Die fortschrittlichen Menschen in Griechenland sind gut beraten, genau das Offizierskorps der Armee als ihrem Hauptfeind im Auge zu behalten, das neben den ökonomischen Ketten der Troika bereits die politischen schmiedet. Nur die VÖLLIGE VERNICHTUNG der Bourgeoisie und ihres Offizierskorps mit Feuer und Schwert nicht nur in Griechenland, sondern vor allem auch in Deutschland, letztendlich weltweit, weist den Weg aus der Krise, weist zu den lichten Höhen, die die kleinbürgerlichen und bürgerlichen Politiker im Wahlkampf als Köder hinwerfen.

Wie helfen sich die Griechinnen und Griechen über die Tagesnot der Krise hinweg ? Vor drei Jahren gab es einen Boom von Genossenschaftsgründungen und es entstand eine regelrechte Genossenschaftsbewegung, deren Kern die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln bildet. Es gab die Gründung von cirka 70 Genossenschaften zu verzeichnen, allein in Athen zehn, die die Versorgung unter möglichster Ausschaltung der Zwischenhändler knapp über den Erzeugerpreis sichern wollen. Das Wort von der Kartoffelbewegung kam auf. Die Genossenschaftsbewegung hat sich vorgenommen, besonders die kleinen Erzeuger zu unterstützen und die Transportkosten so gering wie möglich zu halten. Ein Schwerpunkt liegt auf der Produktberatung, was sicherlich ein Vorteil gegenüber den kalten und unfreundlichen Supermärkten ist. Die Verkäuferinnen sind hier viel zu viel mit Ladenarbeiten beschäftigt, um noch Zeit über zu haben für einen kundenorientierte Produktberatung, ja manche zeigen alten Menschen nicht einmal das gesuchte Lebensmittel, sondern sagen den hilflosen Menschen nur, wo es zu finden ist, was aber voraussetzt, dass man sich in dem Supermarkt schon recht gut auskennen muss. In der Krise sind die griechischen Supermärkte  vom Gesetzgeber gedeckt und konnten per Gesetz schnell dazu übergehen, die Mindesthaltbarkeit von Lebensmitteln zu verlängern.

Und das ist neben dem Putzfrauenstreik ein weiterer Lichtblick, die Genossenschaftsbewegung kann sich als Brücke zum Sozialismus erweisen, denn der krisenanfällige Kapitalismus erweist sich als unfähig, frische Milch und frischen Honig für die große Masse fließen zu lassen. Sie kann sich aber nur unter einer Bedingung als Brücke zum Sozialismus erweisen, wenn sie durch eine starke Diktatur des Proletariats geschützt wird, der Genossenschaftsbewegung unter kapitalistischen Bedingungen eine revolutionäre Bedeutung beizumessen wird sich als kleinbürgerliche Illusion erweisen, in einer Genossenschaftsbewegung kann eben auch ein kleinbürgerlich-reaktionärer Gehalt am Werk sein. In einer revolutionären Situation wird die entscheidende Frage sein, ob die Arbeiterklasse bewaffnet ist ? Vergessen wir niemals den Hinweis von Lenin, dass der Blutverlust des Volkes in einer Revolution diesem billiger kommt als in einem Krieg kapitalistischer Länder gegeneinander. (Vergleiche Lenin, a.a.O.,477). Die eurogeilen Bankiers, die Spitze des perversen kapitalistischen Ausbeuterabschaums, betrachten sich als Gläubiger Griechenlands, auch ein Einmarsch einer €päischen Armee in Griechenland als Gerichtsvollzieher ist nicht ausgeschlossen. Aus den derzeitigen NATO-Manövern sind gewisse Konturen abzulesen, in Bezug auf Russland sogar sehr deutliche. Vergessen wir nicht den Militärputsch der Obristen vom 21. April 1967 und ihren ESA-Foltergeneral Demetrios Ioannidis, der 1961 in der Bundeswehr an Fortbildungsprogrammen für Infanterie-Einheiten teilgenommen hatte.


Kapital und Politik in den USA Mehr als nur eine Handvoll schäbiger Dollars

22. März 2015

Durch  ein aufsehenerregendes Urteil des Supreme Court Anfang April 2014  sind politische Spenden in den USA an keine Grenzen mehr gebunden. Spendenbegrenzungen, so der Vorsitzende Richter John Roberts, widersprächen der Meinungsfreiheit, es gebe kein wichtigeres Recht in der Demokratie als das Recht, auf Wahlen Einfluß zu nehmen.  Das Urteil fiel mit fünf zu vier Richterstimmen knapp aus. Die fünf Richter, die für eine Aufhebung der Obergrenze stimmten, waren alle von republikanischen Präsidenten ernannt worden, die vier Gegner alle von Demokraten. Der demokratische Präsident Barack Obama hatte noch vor einer Abschaffung der Obergrenze gewarnt, denn  der Einfluss der Reichen auf die Politik werde durch dieses Urteil größer. Bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2012, als dieses Urteil noch nicht vorlag, hatten die Reichen das damals bestehende Wahlkampfspendengesetz zu unterlaufen gewußt. Das Wahlgesetz der USA, dem gemäß jeder US-Bürger „nur“ 2 500 Dollar im Jahr für einen Kandidaten spenden darf, wurde unterlaufen durch Überweisungen an die sogenannten „Super Political Action Committees (Super PACs), für die es kein Limit gab. Der US-Wahlkampf 2012 war mit sieben Milliarden Dollar der teuerste der Welt. Dollarmilliardäre gingen dazu über, durch fette Spenden die Politik zu beeinflussen.  Besonders der republikanische Präsidentschaftskandidat Mett Romney, damals Manager bei Bain Capital & Company und Bischof  der Mormonen,  erhielt zum Beispiel vom dem Juden Sheldon Adelson 100 Millione Dollar aus seinem auf 25 Milliarden Dollar geschätzten Privatvermögen für die Bestreitung seines Wahlkampfes. Adelson machte einst in Computer und saugt heute die Dollars aus dem Betrieb von Spielhöllen. In seinem Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ zitiert Lenin einen amerikanischen Milliardär: „Dollars haben wir, Waffen werden wir kaufen und morgen gehört uns die Welt“. In diesem Satz stecke nach Lenin  mehr Weisheit als in manchen Vorlesungen von Soziologieprofessoren. Adelson, der eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern ablehnt, hat an der stockkonservativen Forschungseinrichtung  Shalem Center in Jerusalem ein Institut für strategische Studien finanziert, das seinen Namen trägt. Als der israelische Präsident Benjamin Netanjahu vor kurzem seinen umstrittenen Auftritt vor dem us-amerikanischen Kongress hatte, saß Adelson auf der Galerie, denn er ist auch einer der potentesten Unterstützer des Wahlkampfes Netanjahus in Israel. Mit Adelson ist ein neuer Spendentyp aufgetreten, heute wandert das Geld der Milliardäre nicht mehr so sehr in Stiftungen, die dann ihren Namen tragen, sondern es wird mit dem Geld massiv die Politik, das öffentlichen Wohl beeinflußt, zum Nutzen der Reichen und zum Nachteil der Armen. Wir werden heute Zeitzeugen des Verkommens des Utilitarismus, der primär von Jeremy Bentham (1748 – 1832) und John Stuart Mill (1806 – 1873) entwickelten Soziallehre, dass ethisch verantwortliches  Handeln auf das größte Glück für die  größte Zahl auszurichten sei. Es ist kein Zufall, dass Benthams „Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ in das Jahr 1789 fällt, als die Bourgeoisie eine aufstrebende war und keine dekadente wie heute. Die Bourgeoisie von 1789 wusste noch, dass sie in ihrem Ringen mit den Feudalmächten auf die Hilfe der Volksmassen angewiesen war, nur in der Theorie wurde ihnen zukünftiges Glück und Wohlfahrt angedacht. Noch nie hat der Kapitalismus das größte Glück für die größte Zahl hervorgebracht, sondern Politmonster wie den genozid denkenden Adolf Hitler und  Spielhöllenmogule wie den Juden Adelson. Heute hat sich die Bourgeoisie von jedem Gedanken an einen sozialen Fortschritt abgewandt, man nehme nur die Bücher John Grays, der europäische Ideengeschichte an der „London School of Economics“ lehrt, zur Hand, in denen er einen Abgesang auf den Humanismus anstimmt. („Von Menschen und anderen Tieren“ aus dem Jahr 2010 und „Raubtier Mensch“ aus dem Jahr 2015, letzteres ist am 7. März 2015 von Thorsten Jantschek in der FAZ besprochen worden).  Zu diesem neuen us-amerikanischen Spendertyp gehören auch Tom Steyer, Peter Lewis, der mit seinem Geld die Legalisierung von Marihuana durchsetzen will, Paul Singer und der Facebook- Gründer Mark Zuckerberg. Die Milliardäre neigen politisch in der Regel zu den Republikanern, Adelson hat es 2014 bereits fertiggebracht, alle aussichtsreichen Kandidaten der Republikaner in einem Hotel in Las Vegas zu versammeln. „Wenn jetzt aber Milliardäre Kandidaten suchen, die zu ihrer politischen Agenda passen, kehrt das die Verhältnisse um. Bisher nahm man an, dass Kandidaten für ihre politischen Programme Geldgeber suchen“ (Winand von Petersdorff, Die Macht der Milliardäre, Frankfutert Allgemeine Zeitung vom 18. März 2015, Seite 15). Adelson verfolgt dabei ein recht eigensüchtiges  Interesse, er hält Ausschau nach einem Kandidaten, der am fähigsten ist, ein Verbot von Online-Kasinos durchzusetzen. Wie immer auch die Manipulierungen der Politik vonstattengehen, der Kapitalismus wird seinem Schicksal des Untergangs nicht entgehen können, er selbst ist es, der ihn herbeiführt. Die Sozialisten müssen seine eigene Bewegung erkennen, auswerten und im Klassenkampf verwerten. Die sozialistische Bewegung ist eine Bewegung in der Entwicklungslinie des Kapitalismus und eine gegen diese, sie selbst reproduziert die der kapitalistischen Entwicklung eigene Negation der Negation, aber anders als diese, als eine zum Kollektiv. „Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation. Es ist die Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf der Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten roduktionsmittel“. (Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,791).

Zum Zerfall der DDR Handelte die militärische Führung der DDR richtig ?

19. März 2015

Im ddr-nostalgischen Rotfuchs Nr. 206 (März 2015) erschien ein zweiseitiger Artikel von Generaloberst a.D. Fritz Streletz zur Gewaltlosigkeit im Herbst 1989 mit der Überschrift: „Die militärische Führung der DDR handelte besonnen“. Der Kerngedanke dieses Artikel lautet: Im Herbst 1989 sei die militärische Führung der DDR vom Primat der Politik ausgegangen, politische Probleme nur politisch, nicht militärisch lösen zu wollen. Streletz verbot in vier Befehlen des Nationalen Verteidigungsrates den Gebrauch von Schußwaffen bei Demonstrationen, wohlgemerkt: bei Demonstrationen, die er nach seinem Weltbild als konterrevolutionär einzuschätzen hatte. Er schreibt selbst: „Die vier Befehle des Vorsitzenden des NVR stellten eine wichtige Voraussetzung dafür dar, daß es im Herbst 1989 in der DDR keine unkrainischenVerhältnisse mit Tausenden von Toten gegeben hat“. (Rot Fuchs-Extra,Seite I). Zudem habe es gar keine Pläne für einen Einsatz der NVA im Inneren der DDR gegeben, weder sahen die Verfassung noch das Verteidigungsgesetz einen Ausnahmezustand vor. „Es fehlte deshalb jede rechtliche Grundlage für einen Einsatz der NVA im Innern der DDR“ (a.a.O.). Oh herrliches Preußentum ! Da prangt es doch wieder, das Reiterstandbild Friedrichs „des Großen“ – direkt vor der Humboldt-Universität. Aber ich tue dem „großen König“ Unrecht — er verlangte von seinen Generälen selbständiges Denken. Nebenbei bemerkt: keiner hat sich so deutlich gegen den preußischen Stechschritt in einer proletarischen Miliz ausgesprochen wie Friedrich Engels. (Siehe seine im Februar 1893 geschriebene Broschüre: „Kann Europa abrüsten ?“). Nach der Logik übrigens handelte die militärische Führung nicht besonnen, sie handelte kommißkopfartig ganz einfach – – – gar nicht. Weil keine Anweisungen vorlagen !? Hatte man denn das Schicksal des unselbständig handelnden Marschall Grouchys vergessen, der nicht mit 30 000 Mann zum Schlachtfeld bei Waterloo zurückkehrte (nachdem er die Preußen unter Blücher und Gneisenau verpasst hatte), weil ihm Napoleon dazu keine rechtliche Grundlage erteilt hatte ?  Er kam vor ein Militärgericht und wurde erschossen. In Telefonaten mit den verbündeten Generalstabschefs in Moskau, Warschau und Prag versicherte Streletz: „Wir werden wie bisher alle eingegangenen Bündnisverpflichtungen und Pläne der Zusammenarbeit erfüllen“ (a.a.O., II). Nach Darstellung von Streletz sei es durch eine Unvorsichtigkeit des SED-Politikers Schabowski beinahe zu einem Bürgerkrieg gekommen. Die „Zeitweiligen Übergangsbestimmungen für Reisen und ständige Ausreisen aus der DDR“ sollten erst am 10. November um 4 Uhr in Kraft treten und nicht, wie Schabowski es verkündete: „Ab sofort, unverzüglich !“ Die Grenztruppen hatten keinerlei Vorlaufzeit, sich auf die neue Situation einzustellen, acht bis zehn Stunden hätten genügt, „um eine klare und abgestimmte Befehlsgebung nach unten durchzusetzen“ (a.a.O.). Aufschlußreich ist die Aussage von Streletz, dass im September und Oktober 1989 sowohl die NVA als auch die Westgruppe der Roten Armee intensiv das Gefechtsschießen geübt hatten. Dieses wurde aber auf Grund der angespannten politischen Lage nicht etwa intensiviert, sondern abgesetzt. Geschlossene Truppenteile sollten die Kasernen nicht mehr verlassen. So in Umrissen das Gesamtbild im November 1989, das uns Streletz gibt.

Ist in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution ein Gewaltverzicht möglich ? Ja, er ist möglich, aber nicht, wenn es um die großen Fragen der Völker geht, wenn es zum Beispiel im Leben der Völker um die Entscheidung zwischen Sozialismus oder Kapitalismus geht. Warum hatte denn Marx das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft auch entschlüsselt ? Auch um die Geburtswehen einer neuen, höheren Gesellschaft abzukürzen und zu mildern. (Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Vorwort zur ersten Auflage, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1989,16) Und doch ! „Braucht man sich eigentlich zu wundern, daß eine auf Klassengegensatz begründete Gesellschaft auf den brutalen Widerspruch hinausläuft, auf den Zusammenstoß Mann gegen Mann als letzte Lösung ? … Kampf oder Tod; blutiger Krieg oder das Nichts. So ist die Frage unerbittlich gestellt. (George Sand)“. (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin,1977,182). Das Blutvergießen ist für die Völker immer billiger, wenn die Konterrevolution blutig niedergeworfen wird als wenn diese die Völker aufeinanderhetzt. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,477). Aus den Ausführungen von Streletz wird deutlich, dass im Denken der militärischen Führung der DDR das Wechselverhältnis zwischen Politik und militärischer Gewalt nicht richtig ausgebildet war. So undialektisch und einseitig hat Clausewitz das Primat der Politik nicht gedacht. Ein Offizier darf niemals einseitig nur politisch denken, insbesondere im Wechselverhältnis zwischen Revolution und Konterrevolution. Im Hinterkopf mag wohl die unsinnige Formel herumgespukt haben, dass die SED-Partei immer recht habe. Auch eine politische Führung macht Fehler und in diesem Fall ist die militärische Führung verpflichtet, korrigierend einzugreifen, eine in einem sozialistischen Staat im Sinne des Marxismus-Leninismus. Erinnern wir uns an Begebenheiten aus dem  deutschen Bauernkrieg, aus der Pariser Kommune und an andere revolutionäre Ereignisse, natürlich nicht als Schemata zur direkten Handlungsanweisung, sondern als Ausdruck der Tendenz revolutionären Denkens:  „Münzer stand mit den Seinen auf dem noch jetzt so genannten Schlachtberg, verschanzt hinter einer Wagenburg. Die Entmutigung unter dem Haufen war schon sehr im Zunehmen. Die Fürsten versprachen Amnestie, wenn der Haufe ihnen Münzer lebendig ausliefern wolle. Münzer ließ einen Kreis bilden und die Anträge der Fürsten debattieren. Ein Ritter und ein Pfaff sprachen sich für die Kapitulation aus; Münzer ließ sie beide sofort in den Kreis führen und enthaupten“. (Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, Werke Band 7, Dietz Verlag Berlin, 1960,403).  Ist es denn von einem Generaloberst einer Volksarmee zuviel verlangt, sich an eine konterrevolutionäre Demonstration gegen die Pariser Kommune zu erinnern ? „Eine Salve zerstreute in wilde Flucht die albernen Gecken, die erwartet hatten, die bloße Schaustellung ihrer ‚anständigen Gesellschaft‘ werde auf die Pariser Revolution wirken wie die Trompeten Josuas auf die Mauern von Jericho“. (Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,296). Also lag in Paris keinesfalls eine Überschätzung der konterrevolutionären Gefahr vor. Hatte nicht Marx die Kommunarden kritisiert, dass das ZK der Nationalgarde die Macht zu früh aus den Händen gegeben hatte ? Und kritisierte nicht Stalin die Moskauer Aufständischen während der Revolution im Dezember 1905 wegen mangelnder Kühnheit und Offensive  (Vergleiche Stalin, Die gegenwärtige Lage und der Vereinigungsparteitag der Arbeiterpartei, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1950,237) ? Stalingrad war im zweiten Weltkrieg bereits zu neun Zehntel von der Wehrmacht besetzt, und doch wurde die Schlacht um diese Stadt zum Wendepunkt des Krieges. Hätte Tschuikow in Stalingrad besonnen gehandelt, so hätte er nach Lage der Dinge kapitulieren müssen.  Er ist als einziger Marschall der Sowjetunion in Stalingrad auf dem Mamajewhügel beigesetzt, um seine Leistungen während der Schlacht von Stalingrad zu würdigen, alle anderen Marschälle der Roten Armee sind in Moskau beerdigt. In Paris gibt es noch heute eine Metrostation, die den Namen der Heldenstadt trägt, die Pariser und Pariserinnen haben sie keineswegs umgetauft — etwa in Eisenhüttenstadt !?! Hätte nicht die NVA eine Chance gehabt, wenn das Territorium der DDR zu neun Zehntel von der Bundeswehr besetzt worden wäre ? Erinnern wir uns an den Koreakrieg, als der Norden schon ganz Korea mit Truppen überschwemmt hatte bis auf die südliche Hafenstadt Pusan, diese Stadt wurde gehalten und mit Hilfe der USA unter der Flagge der UNO setzte ein Rollback ein, bis sich die Militärmassive auf den 38. Breitengrad einpendelten. Vollends unverständlich wird das ganze Handeln, besser: die ganze Passivität der militärischen Führung der DDR, wenn wir uns einem Brief von Karl Marx an Kugelmann vom 12. April 1871 zuwenden, in dem uns jetzt vor allem die Passagen über die Pariser Kommune interessieren, es ist dies ein Brief, den Lenin jedem russischen Sozialdemokraten, jedem lesekundigen russischen Arbeiter an die Wand hängen wollte. Wir werden sehen: zu Recht ! Ich möchte auf einen Kerngedanken von Marx besonders hinweisen: er erkannte, dass es Augenblicke in der Geschichte gibt, „wo ein verzweifelter Kampf der Massen sogar für eine aussichtslose Sache notwendig ist um der weiteren Erziehung dieser Massen und ihrer Vorbereitung zum nächsten Kampf willen“.  Wie gesagt: der Massen !! Ging es im November 1989 um das Fehlverhalten dieses oder jenes Politikers  oder waren in der DDR Augenblicke in der Geschichte gegeben, wo … ? Hätte die Pariser Kommune nicht aufopfernd gekämpft, wäre die „Demoralisation der Arbeiterklasse … ein viel größeres Unglück gewesen als der beliebige Untergang einer beliebigen Anzahl von Führern“. (Brief an Kugelmann vom 12. April 1871). Als der Untergang einer beliebigen Anzahl von Führern ! Hier liegt der Hase im Pfeffer ! Als was bezeichnete Marx in diesem Brief die Konterrevolutionäre ? Er bezeichnete sie als Wölfe, Schweine und gemeine Hunde der alten Gesellschaft !! Wessen Schuld ist es, dass diese Wölfe, Schweine und gemeinen Hunden, die kein menschliches Anlitz tragen, sondern Barbaren sind, die kein Existenzrecht haben, heute mit ihrem Staatsterror das ganze deutsche Volk lähmen und vergiften, quälen und krankmachen, blutsaugen und wie Dreck behandeln ? Warum wurde nicht in der Tradition der Pariser Kommune gehandelt ? „DieWeiber von Paris gaben freudig ihr Leben hin, an den Barrikaden wie auf dem Richtplatz“ (Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,318). In dieser Tradition stehen die Marxisten und Revolutionäre, man kann sie mit dem Gespenst „ukrainischer Verhältnisse mit Tausenden von Toten“ nicht schrecken. Revolution ist Krieg und besonders Bürgerkrieg, in dem doch besonders Marxisten besonders bewandert, besonders flexibel sein sollten. Der Bürgerkrieg ist genau unser Element, pflegte Lenin, der Führer der Bolschewiki, zu sagen; man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen, pflegte Plechanow, der Führer der Menschewiki, zu sagen. Es gibt politische Konstellationen, wo man zu den Waffen greifen muss. Schon in der „Deutschen Ideologie“ wird die Verwandlung von Geschichte in Weltgeschichte zur Aufgabe der Kommunisten erklärt, gerade über die deutschen 48er-Bourgeoisie urteilte Marx, dass sie ohne Initiative, ohne weltgeschichtlichen Beruf wie ein vermaledeiter Greis dagestanden habe. Man kann auch sagen, dass sie besonnen handelte. Was eben der militärischen Führung der DDR im Herbst 1989 fehlte, das war ein Genieblitz wie etwa die „Aprilthesen“ Lenins, die besonnene Leute, u.a. Plechanow, für eine Fieberphantasie hielten. Aber konnte es ihn überhaupt geben ? Nach den Gesetzen des dialektischen und historischen Materialismus hätte es ohne Zweifel zu einem gewaltsamen Zusammenstoß zwischen der SED-Armee und der konterrevolutionären Masse kommen müssen. Es war aber kein tiefer Klassenantagonismus mehr vorhanden — weder war die Eisenhüttenstädter-SED revolutionär im marxistisch-leninistischen Sinn zum Nutzen des Proletariats und der Bauernschaft noch die demonstrierende Masse damit rein konterrevolutionär. Der Sozialismus in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg endete als unblutige Farce, die „Demoralisation der Arbeiterklasse“ ist eines der größten Desaster, das die DDR hinterlassen hat. Aber resignieren braucht die schaffende Klasse noch lange nicht. Gerade zeigt die Euro-Krise um Griechenland, dass die Bourgeoisie sich verheddert hat, dass sie dem Hexenmeister gleicht, „der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor“. Nehmen wir die grossen bürgerlichen Tageszeitungen vom 19. März 2015 zur Hand; „Frankfurt im Ausnahmezustand“ (Süddeutsche Zeitung), „Straßenkampf in Frankfurt“ (DIE WELT), „Schwere Krawalle in Frankfurt“ (FAZ). Frankfurt ist die Bankenmetropole in Deutschland, aus dieser Stadt steigt eine Pestwolke auf und legt sich lähmend über ganz Deutschland. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ganz Deutschland von dieser Pestwolke befreit und sich im Ausnahmezustand befindet, auf dass das Vermächtnis Lenins in Erfüllung gehe: die völlige Vernichtung der Bourgeoisie. (Siehe Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960425). Und diese massenweise Vernichtung der Bourgeoisie kann nicht zwangsläufig nur über Revolutionstribunale ablaufen, die Volksmassen haben selbstredend das Recht, von  ihrem revolutionären Standrecht unbesonnen Gebrauch zu machen. Bekanntlich bezeichnete Marx die Pariser Kommunardinnen (die Hälfte des Himmels) und Kommunarden als Himmelsstürmerinnen und Himmelsstürmer, kann man mit Besonnenheit den Himmel stürmen ?


Die Darstellung der Physiognomien der politischen Parteien in der russischen Revolution von 1905 durch Lenin

16. März 2015

Im Zusammenhang mit der Analyse der gesellschaftlichen Prozesse in der russischen Revolution von 1905 musste  Lenin auch die Profile der wichtigsten politischen Parteien unter Rückführung ihrer politischen Intentionen auf ihre ökonomischen Konstellationen  in der gegebenen zaristischen Klassengesellschaft erstellen. Er hielt es immer für die Pflicht eines Revolutionärs, die Klassenwurzeln alle politischen Parteien zu enterden und sich über das Wechselverhältnis aller Klassen Klarheit zu verschaffen. Die Menschewiki hielten den Zeitpunkt der Leninschen Analyse noch für zu früh, da sie die Substanz der politischen Parteien noch als unausgereift und noch als zu fragil betrachteten. Für Lenin hatte sich das Klassengesicht der verschiedenen Parteien schon genügend abgezeichnet. Am Anfang der Revolution waren alle für die Demokratie, je mehr sich die Revolution entwickelte, desto mehr zeichnete sich ab, dass alle unter Demokratie etwas anderes verstehen. Stets beanspruchte Lenin eine sozialistische Sonderstellung der Arbeiterpartei im Parteiengefüge gegenüber allen bürgerlichen Parteien, wie revolutionär diese auch immer auftreten, für welche demokratische Republik sie auch immer kämpfen mögen. Denn nur die revolutionäre Arbeiterpartei trii konsequent gegen jede Ausbeutung auf. Neben einer mehr oder minder progressiven Bourgeoisie gilt es auch immer eine reaktionäre zu beachten. In der konkreten Situation der Revolution von 1905 lag die zweite Hauptlinie in der gemeinsamen Aktion der bolschewistischen Partei mit der kleinbürgerlichen Demokratie gegen den verräterischen Liberalismus. Die ganze Parteienvielfalt kreist indeß für Lenin um zwei Pole: um den liberalen und um den volkstümlichen. „In jeder einigermaßen breiten gesellschaftlichen Bewegung gibt es stets solche „Pole“ und eine mehr oder weniger „goldene“ Mitte“. 1.

Die Periode der Oktoberfreiheit und die Periode der Dumen 19o6 lieferte interessantes Material über die in kürzester Zeit stattfindende Herausbildung politischer Parteien. Die Existenz politischer Parteien, die alle klassencharakterlich geprägt sind, zeigte eine Steigerung des politischen Bewußtseins an. Aus elf verschiedenen politischen Parteien eruierte Lenin fünf Grundtypen unter Außerachtlassung der Anarchisten, die keine Partei bildeten: 1. die Schwarzhunderter, 2. die Oktobristen, 3. die Kadetten, 4. die Trudowiki und 5. die Sozialdemokraten.

Nur die letzteren kämpften als Partei des Proletariats gegen jede Form von Ausbeutung und strebten in der Revolution von 1905 die demokratische Republik an. Die SDAPR vertrat diejenigen, die die völlige Veränderung der Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erstrebten, also eine sozialistische Großproduktion. Der Prolet machte sich keine Hoffnung mehr, Kapitalist zu werden, wohl aber der Kleinbesitzer. Die proletarische Partei drängte ebenfalls darauf, das stehende Heer und die Polizei durch die allgemeine Volksbewaffnung zu ersetzen.

Trudowiki nannte man die Bauernabgeordneten in der Duma, die eine Verschmelzung von Proletariern und Kleinproduzenten anstrebten, sie  stützten sich primär auf die Bauernschaft. „Der typische Trudowik, das ist der bewußte Bauer“. 2. Die Trudowiki sprachen sich für den Übergang des ganzen Grund und Bodens der Gutsbesitzer an die Bauern aus, ließen aber auch die Ablösung zu., „die die Bauern an den Bettelstab bringt“. 3. Sie waren also ohne Zweifel keine konsequenten Demokraten. Aber ihre Organisation war noch zu lose, um bereits als politische Partei in Erscheinung zu treten. Festumrissene politische Gestaltungen gelingen dem schwankenden und unbeständigen Kleinbürgertum eben nur sehr schwer, besonders in einem so großflächigen Agrarland, in dem die bäuerlichen Kleineigentümer weit zerstreut waren. Jede Zuspitzung der revolutionären Krise werde diese typische Unbeständigkeit noch verstärken und das Kleinbürgertum, diese ständig veränderliche Größe, ideologisch noch mehr in die Irre treiben. „In einem Land wie Russland hängt der Ausgang der bürgerlichen Revolution vor allem von der politischen Haltung der Kleinproduzenten ab“. 4. Von dieser Überlegung aus verpflichtete Lenin die Bolschewiki, das Kleinbürgertum für die revolutionäre Sache zu gewinnen, was von entscheidender Bedeutung sein konnte und 1917 im schwankenden Sowjet auch von entscheidender Bedeutung war.

Als Kadetten bezeichnete Lenin den typisch bürgerlichen Intellektuellen und teils sogar den liberalen Gutsbesitzer. Die Kadetten als Partei der Kaufleute und Kapitalisten, der Advokaten, Professoren, Journalisten und einigen liberalen Gutsbesitzern (die überwiegende Mehrheit der Gutsbesitzer waren Schwarzhunderter) waren in Lenins Augen unfähig zum Klassenkampf. Die Partei bestand im Kern aus bürgerlichen Intellektuellen, die eben keine selbständige ökonomische Klasse bilden und keine selbständige politische Kraft darstellen. Die politischen Parteien spiegeln zwar in den Grundzügen die ökonomischen Verhältnisse einer gegebenen Gesellschaft wider, aber hier haben wir den Fall, dass bürgerliche Intellektuelle stellvertretend für andere Klassen eine bürgerliche Ideologie kreiierten, dass sie aber von der politischen Substanz innen hohl waren. “ … daß die Kadetten leere Schwätzer sind , die das Wort Demokratie im Munde führen, während sie die kämpfende Demokratie verraten“. 5. Man kann von bürgerlichen Intellektuellen nicht erwarten, dass sie irgendwie massiv in die Veränderung der gesellschaftlichen Zustände eingreifen könnten. Promonarchistisch ausgerichtet, erstrebten sie die Ausbeutung des Stadt- und Landproletariats in zivilparlamentarischen Bahnen.

Im Gegensatz zum Kadetten war der Oktobrist der geschäfstüchtige Großbourgeois, der auf die Intelligenz spuckte, er war nicht der Ideologe der bürgerlichen Gesellschaft, sondern ihr Herr, ebenso wie die Kadetten promonarchistisch ausgerichtet, aber antiparlamentarisch eingestellt. Er strebte die unmittelbare Unterordnung der zaristischen Bürokratie an. Lenin betonte, dass eine Verschmelzung von Kadett und Oktobrist unvermeidbar sei.

Die Schwarzhunderter stellten die reaktionärste Partei von allen dar. Unbedingt zarentreu verherrlichten sie die Tradition der mittelalterlichen Finsternis und wollten die Freiheit, Raub und Gewalttaten in ganz Russland verüben zu können, häufig verschmelzen sie auch mit dem Oktobristen. Sie könnten die Revolution tatsächlich ausnutzen, „daß das Volk endgültig an den Bettelstab gebracht wird, daß ganz Rußland durch Standgerichte und Pogrome endgültig in die Barbarei versinkt“. 6.

1. Lenin, Die Stellung zu den bürgerlichen Parteien, Werke Band 12, Dietz Verlag Berlin, 1958,501. Aber immer sind die Grenzen fließend. „Die verschiedenen Unterströme des sozialen Prozesses … durchkreuzen einander, hemmen einander, steigern die inneren Widersprüche …, im Resultat beschleunigen und potenzieren sie aber damit nur … gewaltige Ausbrüche“. (Rosa Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag Hamburg, 1970,107).

2. Lenin, Versuch einer Klassifizierung der russischen politischen Parteien, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,219

3. Lenin, Wen soll man in die Reichsduma wählen ?, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,327

4. Lenin, Versuch einer Klassifizierung der russischen politischen Parteien, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,218

5. Lenin, Zu einem Artikel im Organ des „Bund“, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,380

6. Lenin, Wen soll man in die Reichsduma wählen ?, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958, 324

Der Krieg gegen den Kommunismus darf nicht zu kurz kommen

1. März 2015

Am 23. Februar 2015 erschien in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dem Pflichblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, ein ganzseitiger Artikel zweier bürgerlicher Wissenschaftler, in dem sie sich mit der Gefahr für die deutsche Demokratie durch den Kommunismus nach eigener Auskunft wissenschaftlich auseinandersetzen. Den Autoren, Professor Dr. Klaus Schroeder, dem Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, und Monika Deutz-Schroeder, seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin, treibt die Sorge um, dass durch die gegenwärtige Dominanz islam- und rechtsextremistischer Themen in der politischen Diskussion der Krieg des Kommunismus gegen den bürgerlichen Staat zu kurz komme. Die Sorge ist völlig unbegründet, der bürgerliche Staat als nationales Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit kann gar nicht umhin, den Krieg gegen den Kommunismus, den Krieg gegen die Werktätigen, die das Joch der kapitalistischen Lohnarbeit abwerfen wollen, primär und permanent zu führen. Die sich emanzipierende Arbeiterklasse ist von jeher der Kernfeind des bürgerlichen Staates, der in seinem Vernichtungsfeldzug gegen den Kommunismus entweder mit Faschisten zusammenarbeit oder diesen das Kampffeld überlässt.

Schauen wir jetzt, wie die Autoren sich wissenschaftlich mit der kommunistischen Gefahr für die kapitalistischen Ausbeuter auseinandersetzen. Ihr Artikel trägt die Überschrift: „Gegen eine offene Gesellschaft“, die unterstellen soll, dass die Kommunisten Feinde der „offenen Gesellschaft“ seien. Die Autoren selbst stehen also auf dem Boden einer „offenen Gesellschaft“. Irgendeinen gesellschaftswissenschaftlichen Wert hat dieser Terminus natürlich nicht, in der kapitalistischen Gesellschaft kann nur die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft durch die Eigner der Produktionsmittel offen (aber versteckt unter der vertraglichen Pseudogleichheit zwischen den sogenannten Arbeitnehmern und den sogenannten Arbeitgebern, Marx spricht im „Kapital“ im Kapitel über „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ von „formell freier Arbeit“ 1. sein, die Ausbeuter sind es denn auch, die alle Früchte der gesellschaftlichen Arbeit „offen“ (oder versteckt) genießen, während die Lebenszeit der grossen Mehrheit des Volkes als Arbeitszeit für fremde Ausbeuter „geschlossen“ ist, die noch durch die ekelhafte kulturelle Barbarei des Spätkapitalismus eingesegnet wird. Die bürgerliche Gesellschaft ist nur deshalb eine so „offene“, weil ihr Pferdefuß so versteckt ist, aber am Ende reicht  alle Begriffsakrobatik der bürgerlichen Ideologen nicht hin, um zu verschleiern, dass die bürgerliche Gesellschaft kardinal in kapitalistische Herrenmenschen und proletarische Untermenschen gespalten ist. Und ist denn die sogenannte offene bürgerliche Gesellschaft eine Gesellschaft ganz ohne Geheimdienste, die auf die Verfolgung von fortschrittlichen Menschen dressiert sind ? Die Autoren folgen einem sattsam bekannten „Argumentations“raster: die Kommunisten greifen nicht nur eine „offene“ Gesellschaft an, sondern auch eine „pluralistische“. Der Pluralismus der politischen Parteienvielfalt kann aber nicht als Indiz einer freien Gesellschaft gewertet werden, im Gegenteil, er zeigt an, dass die bürgerliche Gesellschaft in Klassen gespalten ist, die natürlich von jeweils verschiedenen, sich auch gegeneinander bekämpfenden Parteien repräsentiert werden, an deren Spitze die intelligentesten, autoritärsten und charismatischsten Politiker stehen, die man gewöhnlich Führer nennt 2. Die grundlegenden Interessen der verschiedenen Klassen der kapitalistischen Gesellschaft bringen die verschiedenartigen Typen bürgerlicher Parteien hervor. Der Pluralismus ist die Maske, hinter der sich die Narrenfreiheit der kapitalistischen Ausbeuter verbirgt. Nach dem Vorwurf, die Kommunisten seien „geschlossen“ und „antipluralistisch eingestellt“, folgt des weiteren, sie seien totalitär. So auch in der FAZ. Es ist von jeher das Armutszeugnis der Totalitarismusideologen, dass sie zwei Tatsachen miteinander verwechseln: der Kommunismus strebt eine Welt ohne Herrschaft, das imperialistisch-totalitäre Bürgertum aber die Weltherrschaft an. Der bürgerliche Ideologe muss diesen Sachverhalt genau verdrehen. Dieser Drang zur Weltherrschaft entspringt indeß nicht dem bösen Willen der imperialistisch ausgerichteten, zum Faschismus tendierenden  Kapitalisten, sondern rührt aus ihrer nationalen und internationalen Klassenlage her. Die objektive Dialektik der Geschichte offenbart uns die Einheit und den Kampf der Gegensätze und es ist ausschließlich die Einheit, durch die sich die Totalitarismustheorie begründet. Natürlich weisen zwei Armeen, die sich kriegsbereit gegenüberstehen, auch Gemeinsamkeiten untereinander auf und jeder Erstsemestler in den Gesellschaftswissenschaften weiß doch, dass die Geschichte uns immer wieder belegt, dass die Einheit der Gegensätze relativ, ihr Kampf aber absolut ist. Die Totalitarismustheorie wird von den FAZ-Gastautoren indeß nicht in ihrer klassischen Reinheit vertreten, sondern modifiziert und es wird sich zeigen, dass sie sich damit in ihrer Argumentation sofort verheddern: „Das heißt nicht, dass Links- und Rechtsextremismus sich in Theorie und Praxis nicht deutlich voneinander unterscheiden und nicht (dieses „nicht“ gehört hier nicht hin / H.A.) in eins gesetzt werden können. Ihre (strukturelle) Gemeinsamkeit besteht jedoch im Kampf gegen eine offene, pluralistische Gesellschaft“ 3. Die Autoren halten es sich zugute, dass sie nicht nur „Rechts“ und „Links“ als relative Begriffe anwenden, sondern auch den der „Mitte“, die ebenfalls extremistisch werden kann, wenn sie als statisch aufgefasst wird. Für Prof. Dr. Schroeder und Frau Deutz-Schroeder gilt auch der als extremistisch, der verfassungskonform radikale Positionen ausgrenzen will (Extremismus der Mitte). So haben wir jetzt drei Extremismen erhalten, ein zwingendes Ergebnis einer adialektischen Herangehensweise an die bürgerliche Klassengesellschaft. In politischer Hinsicht ist natürlich die Mitte, die „offene“, „pluralistische“, „untotalitäre“ „Demokratie“ der BRD statisch-reaktionär, ihre Ideologen müssen sie aber als dynamisch vordenken, weil mit Statik in den Gesellschaftswissenschaften im 21. Jahrhundert nun wirklich kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Rein logisch betrachtet ist für die beiden Autoren alles totalitär von links über die Mitte bis nach rechts, ein fürwahr schiefes Bild der spätkapitalistischen Gesellschaft, die sich noch immer um die Pole Lohnarbeit und Kapital, Proletariat und Bourgeoisie dreht: wie es in der Mathematik „plus“ und „minus“, in der Mechanik Wirkung und Gegenwirkung, in der Physik positive und negative Elektrizität, in der Chemie Verbindung und Dissoziation der Atome gibt, so gibt es in den Gesellschaftswissenschaften den Klassenkampf 4. Von den vier Extremismen, die die Autoren ausgemacht haben: erstens: rechts, zweitens: links, drittens: islamisch 5. und viertens: mittig, sollen allerdings nur die ersten drei gewaltverherrlichend sein, während eine „wehrhafte Demokratie“, die in der Mitte zwischen rechts und links steht, gewaltfrei sei, also eine „wehrhafte Demokratie“ ohne Staatsgewalt !? Eine Demokratie, die ohne Gewalt !! gegen rechts und links und gegen den IS kämpft ?! Ein Knäuel von Widersprüchen liegt vor uns — und warum ? Weil der kleinbürgerliche Ideologe zwischen den Kardinalpolen der Gesellschaft hin- und herschwankt, keinen ausgereiften, festen Klassenstandpunkt hat und am Ende selbst der Widerspruch in Theorie und Aktion ist. Und dann werden ihm die Spalten der FAZ geöffnet, schreiben Sie bitte einen Artikel über den Linksextremismus aber vermeiden Sie bitte das Wort „Klassenkampf“, verwirren Sie die Leser, aber so, dass es nach ihrer Aufklärung aussieht.  Nachweislich falsch ist die Behauptung, dass nur der Rechtsextremismus von einer anthropologischen Ungleichheit ausginge, ich hatte bereits von kapitalistischen Herren- und lohnabhängigen Untermenschen gesprochen. Diese Scheidung ist doch elementar jeden Tag, jede Stunde im Kapitalismus mit Augen sichtbar und im Arbeitsprozess mit Händen greifbar, ungeachtet der Tatsache, dass die bürgerlichen Juristen ganze Bibliotheken vollschreiben über die grundgesetzlich verbriefte Gleichheit der Menschen unter dem Joch des Kapitals. Sie nehmen die Erscheinung für das Wesen, ihr Papier für wichtiger als die soziale Realität. Für sie fällt der Mehrwert vom Himmel und die Reichen werden vom Klapperstorch gebracht. Nachweislich falsch ist die Behauptung, die Kommunisten erheben Anspruch auf eine totale Welterklärung. In seinem 1888 erschienenen Werk „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ kritisiert Engels Hegel gerade wegen seiner omnipotenten Behauptung, mit seiner Philosophie eine totale Welterklärung geliefert zu haben, es ist also genau umgekehrt, gerade der bürgerlichen Ideologie eignet der Drang zu einer totalen Welterklärung 6., korrespondierend mit dem Drang zur Weltherrschaft in der geschichtlichen Praxis. Deshalb ist es ja für bürgerliche Ideologen so schwierig, den Marxismus als Anleitung zum revolutionären Handeln im Kapitalismus, „zum letzten Gefecht“ zu nehmen, die sich im Kommunismus erübrigt.

Soweit inhaltlich zum FAZ-Artikel, sein letztes Drittel besteht in der Ausbreitung von Umfrageergebnissen von Infratest dimap, die übrigens für die Zukunft des Kommunismus recht positiv ausfallen, zum Beispiel gaben 61 Prozent der Befragten an, dass wir in der BRD keine echte Demokratie haben, „da die Wirtschaft und nicht die Wähler das Sagen haben“, nur knapp die Hälfte der Bevölkerung wünscht sich die Beibehaltung des staatlichen Gewaltmonopols, aber diese Umfragen haben eh einen fragwürdigen Charakter, zumal hier der genaue Zeitraum der Befragung nicht angegeben wird.

1. Karl Marx, Das Kapital, Band I, MEW 23,790

2. Vergleiche Lenin, Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,582

3. FAZ vom 23. Februar 2015,7

4. Vergleiche Lenin, Zur Frage der Dialektik, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Reclam Verlag Leipzig, 1986,43. Exemplarisch für die Außerachtlassung des Klassenkampfes in gesellschaftsanalytischer Hinsicht mag die ideologische Postion des rechten ZK der Bolschewiki 1906 nach der Auflösung der Witteschen Duma zur Frage, wer nach dem angestrebten Sturz des Zarismus machtmäßig an dessen Stelle treten solle ? stehen. Diese neue Macht, so das ZK, müsse im Bewußtsein des ganzen Volkes bereits bestehen. Das war nicht nur idealistisch gedacht, mit der idealistischen Ausblendung des Klassenkampfes konnte das ZK nicht mehr die zukünftige Macht klassenmäßig konkret bestimmen. (Vergleiche Lenin, Die politische Krise und das Fiasko der opportunistischen Taktik, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin 1958,140f.). Es war nur folgerichtig, dass das ZK die Frage des bewaffneten Aufstandes gar nicht mehr thematisierte.

5. Wenn denn der Islam zu Deutschland gehört ?! Die Fratze des Islam gehört zu Deutschland, allerdings zum mittelalterlichen als eine Variante der Volksverdummung und es ist völlig daneben gegriffen, die bornierten Dunkelmänner des Mittelalters in eine Reihe mit linken, extrem-fortschritlichen Menschen zu stellen. Die Fratze des Islam gehört zu Deutschland, wenn man die europäische Aufklärung ausblendet.

6. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,270