Die Darstellung der Physiognomien der politischen Parteien in der russischen Revolution von 1905 durch Lenin

Im Zusammenhang mit der Analyse der gesellschaftlichen Prozesse in der russischen Revolution von 1905 musste  Lenin auch die Profile der wichtigsten politischen Parteien unter Rückführung ihrer politischen Intentionen auf ihre ökonomischen Konstellationen  in der gegebenen zaristischen Klassengesellschaft erstellen. Er hielt es immer für die Pflicht eines Revolutionärs, die Klassenwurzeln alle politischen Parteien zu enterden und sich über das Wechselverhältnis aller Klassen Klarheit zu verschaffen. Die Menschewiki hielten den Zeitpunkt der Leninschen Analyse noch für zu früh, da sie die Substanz der politischen Parteien noch als unausgereift und noch als zu fragil betrachteten. Für Lenin hatte sich das Klassengesicht der verschiedenen Parteien schon genügend abgezeichnet. Am Anfang der Revolution waren alle für die Demokratie, je mehr sich die Revolution entwickelte, desto mehr zeichnete sich ab, dass alle unter Demokratie etwas anderes verstehen. Stets beanspruchte Lenin eine sozialistische Sonderstellung der Arbeiterpartei im Parteiengefüge gegenüber allen bürgerlichen Parteien, wie revolutionär diese auch immer auftreten, für welche demokratische Republik sie auch immer kämpfen mögen. Denn nur die revolutionäre Arbeiterpartei trii konsequent gegen jede Ausbeutung auf. Neben einer mehr oder minder progressiven Bourgeoisie gilt es auch immer eine reaktionäre zu beachten. In der konkreten Situation der Revolution von 1905 lag die zweite Hauptlinie in der gemeinsamen Aktion der bolschewistischen Partei mit der kleinbürgerlichen Demokratie gegen den verräterischen Liberalismus. Die ganze Parteienvielfalt kreist indeß für Lenin um zwei Pole: um den liberalen und um den volkstümlichen. „In jeder einigermaßen breiten gesellschaftlichen Bewegung gibt es stets solche „Pole“ und eine mehr oder weniger „goldene“ Mitte“. 1.

Die Periode der Oktoberfreiheit und die Periode der Dumen 19o6 lieferte interessantes Material über die in kürzester Zeit stattfindende Herausbildung politischer Parteien. Die Existenz politischer Parteien, die alle klassencharakterlich geprägt sind, zeigte eine Steigerung des politischen Bewußtseins an. Aus elf verschiedenen politischen Parteien eruierte Lenin fünf Grundtypen unter Außerachtlassung der Anarchisten, die keine Partei bildeten: 1. die Schwarzhunderter, 2. die Oktobristen, 3. die Kadetten, 4. die Trudowiki und 5. die Sozialdemokraten.

Nur die letzteren kämpften als Partei des Proletariats gegen jede Form von Ausbeutung und strebten in der Revolution von 1905 die demokratische Republik an. Die SDAPR vertrat diejenigen, die die völlige Veränderung der Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erstrebten, also eine sozialistische Großproduktion. Der Prolet machte sich keine Hoffnung mehr, Kapitalist zu werden, wohl aber der Kleinbesitzer. Die proletarische Partei drängte ebenfalls darauf, das stehende Heer und die Polizei durch die allgemeine Volksbewaffnung zu ersetzen.

Trudowiki nannte man die Bauernabgeordneten in der Duma, die eine Verschmelzung von Proletariern und Kleinproduzenten anstrebten, sie  stützten sich primär auf die Bauernschaft. „Der typische Trudowik, das ist der bewußte Bauer“. 2. Die Trudowiki sprachen sich für den Übergang des ganzen Grund und Bodens der Gutsbesitzer an die Bauern aus, ließen aber auch die Ablösung zu., „die die Bauern an den Bettelstab bringt“. 3. Sie waren also ohne Zweifel keine konsequenten Demokraten. Aber ihre Organisation war noch zu lose, um bereits als politische Partei in Erscheinung zu treten. Festumrissene politische Gestaltungen gelingen dem schwankenden und unbeständigen Kleinbürgertum eben nur sehr schwer, besonders in einem so großflächigen Agrarland, in dem die bäuerlichen Kleineigentümer weit zerstreut waren. Jede Zuspitzung der revolutionären Krise werde diese typische Unbeständigkeit noch verstärken und das Kleinbürgertum, diese ständig veränderliche Größe, ideologisch noch mehr in die Irre treiben. „In einem Land wie Russland hängt der Ausgang der bürgerlichen Revolution vor allem von der politischen Haltung der Kleinproduzenten ab“. 4. Von dieser Überlegung aus verpflichtete Lenin die Bolschewiki, das Kleinbürgertum für die revolutionäre Sache zu gewinnen, was von entscheidender Bedeutung sein konnte und 1917 im schwankenden Sowjet auch von entscheidender Bedeutung war.

Als Kadetten bezeichnete Lenin den typisch bürgerlichen Intellektuellen und teils sogar den liberalen Gutsbesitzer. Die Kadetten als Partei der Kaufleute und Kapitalisten, der Advokaten, Professoren, Journalisten und einigen liberalen Gutsbesitzern (die überwiegende Mehrheit der Gutsbesitzer waren Schwarzhunderter) waren in Lenins Augen unfähig zum Klassenkampf. Die Partei bestand im Kern aus bürgerlichen Intellektuellen, die eben keine selbständige ökonomische Klasse bilden und keine selbständige politische Kraft darstellen. Die politischen Parteien spiegeln zwar in den Grundzügen die ökonomischen Verhältnisse einer gegebenen Gesellschaft wider, aber hier haben wir den Fall, dass bürgerliche Intellektuelle stellvertretend für andere Klassen eine bürgerliche Ideologie kreiierten, dass sie aber von der politischen Substanz innen hohl waren. “ … daß die Kadetten leere Schwätzer sind , die das Wort Demokratie im Munde führen, während sie die kämpfende Demokratie verraten“. 5. Man kann von bürgerlichen Intellektuellen nicht erwarten, dass sie irgendwie massiv in die Veränderung der gesellschaftlichen Zustände eingreifen könnten. Promonarchistisch ausgerichtet, erstrebten sie die Ausbeutung des Stadt- und Landproletariats in zivilparlamentarischen Bahnen.

Im Gegensatz zum Kadetten war der Oktobrist der geschäfstüchtige Großbourgeois, der auf die Intelligenz spuckte, er war nicht der Ideologe der bürgerlichen Gesellschaft, sondern ihr Herr, ebenso wie die Kadetten promonarchistisch ausgerichtet, aber antiparlamentarisch eingestellt. Er strebte die unmittelbare Unterordnung der zaristischen Bürokratie an. Lenin betonte, dass eine Verschmelzung von Kadett und Oktobrist unvermeidbar sei.

Die Schwarzhunderter stellten die reaktionärste Partei von allen dar. Unbedingt zarentreu verherrlichten sie die Tradition der mittelalterlichen Finsternis und wollten die Freiheit, Raub und Gewalttaten in ganz Russland verüben zu können, häufig verschmelzen sie auch mit dem Oktobristen. Sie könnten die Revolution tatsächlich ausnutzen, „daß das Volk endgültig an den Bettelstab gebracht wird, daß ganz Rußland durch Standgerichte und Pogrome endgültig in die Barbarei versinkt“. 6.

1. Lenin, Die Stellung zu den bürgerlichen Parteien, Werke Band 12, Dietz Verlag Berlin, 1958,501. Aber immer sind die Grenzen fließend. „Die verschiedenen Unterströme des sozialen Prozesses … durchkreuzen einander, hemmen einander, steigern die inneren Widersprüche …, im Resultat beschleunigen und potenzieren sie aber damit nur … gewaltige Ausbrüche“. (Rosa Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag Hamburg, 1970,107).

2. Lenin, Versuch einer Klassifizierung der russischen politischen Parteien, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,219

3. Lenin, Wen soll man in die Reichsduma wählen ?, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,327

4. Lenin, Versuch einer Klassifizierung der russischen politischen Parteien, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,218

5. Lenin, Zu einem Artikel im Organ des „Bund“, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958,380

6. Lenin, Wen soll man in die Reichsduma wählen ?, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1958, 324

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