Archive for April 2015

PROBLEME DES MARXISMUS

12. April 2015

Sah der utopische Sozialist und Industrielle Robert Owen die industrielle Tätigkeit noch als Anhängsel der landwirtschaftlichen 1., so sprach der utopische Sozialist Charles Fourier bereits von den „Wunderwerken der Industrie“ und erkannte, dass die sich rasant entwickelnde neuzeitliche Industrie die Elemente des Glücks erzeuge, nicht aber das Glück selbst. Der 24jährige Friedrich Engels rief 1844 begeistert aus: „Die der Menschheit zu Gebote stehende Produktivkraft ist unermeßlich“. 2. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte konnten entgegen der damaligen Behauptung des Pfaffen Malthus alle Menschen satt werden. Noch der französische Aufklärer Condorcet sah die Möglichkeit einer neuen zivilisierten Barbarei aus einer Überbevölkerung und empfahl als Gegenmittel eine Geburtenkontrolle. Nach marxistischer Lesart ist die industrielle Revolution im weltrevolutionären Kontext wichtiger als die politische französische Revolution. James Watt, der die von Papin ab 1695 entwickelte Dampfmaschine bis in die industrielle Nutzanwendung steigerte und  Richard Robert, der 1825 die automatische Spinnmaschine (self-acting mule) erfunden hatte, waren größere Revolutionäre als Danton und Robespierre. Den Kommunisten Marx und Engels hatte die industrielle Revolution die Weltrevolution vorgemacht, sie war irreversibel und bot zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Möglichkeit, die Produktion ins Unendliche zu vermehren. 3. Man brauche nur ihrer Entfaltung zu folgen, da sie in sich im Stillen und im Hintergrund die Lösungsmittel vorbereite zur Überwindung des fundamentalen Gegensatzes der bürgerlichen Gesellschaft, der darin besteht, dass diejenigen, die am meisten arbeiten auch am meisten hungern. Die Praxis des Klassenkampfes wurde die große Lehrmeisterin, der man das Konstruieren einer Idealgesellschaft am Schreibtisch zu opfern hatte. Im politischen Geschehen sehen wir nur Triebkräfte an der Oberfläche, hinter denen noch tiefere wirken, der Marxismus behauptet also, dass in der Weltgeschichte hinter den vordergründigen sichtbaren Triebkräften der Geschichte noch tiefere Kräfte am Werk sind, die es aufzufinden und primär zu erforschen gilt. Inwiefern dahinter das hegelsche Konzept einer „List der Vernunft“ in der Weltgeschichte steht, ist hier nur als Frage aufzuwerfen. In seiner Studie über den Philosophen Feuerbach gibt uns Engels ein Beispiel: „Die Philosophen wurden aber in dieser langen Periode von Descartes bis Hegel und von Hobbes bis Feuerbach keineswegs, wie sie glaubten, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben. Im Gegenteil. Was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende  Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie“. 4. Große Philosophen fehlten also bei der Idee ihrer Wissenschaft.

Die mittelalterliche Abgeschlossenheit der Kontinente war durch eben diesen Fortschritt aus ökonomischem Bedürfnis an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert aufgebrochen und dieser Aufbruch im doppelten Sinne ging von Europa aus, nicht zufällig ist „Englisch“ durch die „christliche Seefahrt“ heute die führende Welt- und Handelssprache. Der Begriff „Weltgeschichte“ war im Bezugsfeld des kapitalistischen Weltmarktes von Europa aus emporgekommen, von Europa aus gelang der Durchbruch zu den anderen Kontinenten und dem Kommunismus als Erbe des industriellen Fortschritts ging und geht es um die Verwandlung von Geschichte in Weltgeschichte 5. eben im Bezugsfeld des kapitalistischen Weltmarktes, der alle feudalen Lokalmärkte aufgesogen hatte. Im Begriff des Kapitals ist schon die Tendenz angelegt, einen Weltmarkt durch Unterwerfung der Produktion unter den Austausch zu schaffen. Der Handel geht von vornherein in die Produktion ein. Zu dem Gedanken einer Gesellschaft im Überfluß, nachdem die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen revolutionär überwunden worden sei, kam der der Kollektivität. Marx deutete die „Grosse Industrie“ im „Kapital“ so aus, dass sie die Arbeitsmittel in nur noch gemeinsam verwendbare verwandele. 6. Das Verschwinden der einzelnen Arbeit durch gesellschaftliche sollte ineinander verwobene internationale und nationale Auswirkungen haben. Die Gleichförmigkeit der industriellen Produktion ließe mehr und mehr die nationalen Gegensätze verschwinden und die bisher durch die (niedrige) Entwicklungshöhe der Produktivkräfte bedingten Gegensätze von Hand- und Kopfarbeit, Mann und Frau, Stadt und Land, öffentlicher und privater Sphäre würden sich nach und nach aufheben. Lenin sah in der für den Imperialismus typischen Verwandlung der Konkurrenz zum Monopol einen gigantischen Fortschritt in der Vergesellschaftung der Produktion. 7. Von der unvermeidbaren Kombination „Überfluss und Kollektivität“ rührt die Siegeszuversicht der Kommunisten her, wenn man akzeptiert, dass die „Große Industrie“ von ihrer Anlage her sich weltweit letztendlich unaufhaltbar durchsetzen müsse. Schematisch und gradatim betrachtet wäre der Kommunismus ein additives Produkt der „Großen Industrie“, er käme ohne Krise, ohne Krisenperiodizität, also ohne Krisennotwendigkeit, ohne Theorie, besonders ohne Zusammenbruchstheorie und ohne revolutionäre Kriegspartei aus. Eine „Dialektik“ der Natur in einer „Dialektik“ der Geschichte und umgekehrt könnten es schon richten. In diesem Kontext wäre es allerdings richtiger, statt von Dialektik von Evolution zu sprechen und man käme automatisch auf Benthams „größtes Glück für die größte Zahl“. Die Verlockung, so falsch zu denken, lag darin, dass es ja zunächst tatsächlich galt, die kapitalistische Gesellschaft in der Richtung der eigenen Entwicklung dieser Gesellschaft zu verändern 8. Aber eben zu verändern und nicht: sich verändern zu lassen. Das Proletariat kann sich nur befreien, nachdem es die seine gesellschaftliche Lohnsklavenposition bedingenden Entwicklungsgesetze der modernen, krisenbeladenen Gesellschaft begriffen hat. Die mehr oder weniger regelmäßig  stattfindenden Lohnerhöhungen verdecken, dass mit dem Wachstum des produktiven Kapitals der Lohn „mit der Fatalität eines Naturprozesses“ (Rosa Luxemburg) abnehmen muss. Wer glaubt, durch Lohnerhöhungen die Lohnsklaven zu befreien, hält die Sonne für so groß, wie sie das bloße Auge des Menschen sieht. Stiege mit dem Wohlstand der kapitalistischen Schmarotzer der der produktiven Klasse gleichermaßen, so läge kein antagonistischer Klassenwiderspruch in der bürgerlichen Gesellschaft vor.  Man sieht nicht sofort, daß das „eigentliche Resultat ihrer Kämpfe nicht der unmittelbare Erfolg ist, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter“. 9. Man erfasst nicht sofort, dass die Charakterisierung der spätbürgerlichen Gesellschaft als eine Wegwerfgesellschaft primär nicht auf Sachen zu beziehen ist. Die avantgardistischen Berufsrevolutionäre und die unaufgeklärten Lohnsklaven sehen sich daher ineinander zunächst jeder als das Verkehrte der Wahrheit an. Damit aber ist die Wahrheit schon vorhanden, denn diese ist das Ineinander gegen sich, hier konkret: Der Lohnsklave hat einen Doppelsprung zu vollziehen, den er ohne Berufsrevolutionär nicht schafft, er muss aus der Unzufriedenheit mit seiner Arbeisstelle, an der er zunächst nur Lohnsklave an sich ist, auf die von Marx zum ersten Mal 1844 formulierte weltgeschichtliche Mission des Proletariats, zum Lohnsklaven für sich  kommen, ein Fürsich, das nicht subjektiv, sondern objektiv ist. Eine Mission enthält Subjektives als Objektives. Das „Ineinander gegen sich“ vollzieht sich emanziptiv so, dass der Arbeiter Berufrevolutionär wird, das Gegeneinander wird eins, und zwar doppelt: der Berufsrevolutionär wird im Kommunismus wieder Arbeiter. Erst im doppelten „Gegen-sich-einswerden“ erschöpft sich der Sozialismus und der Kommunismus ist die Postion als Negation der Negation. Die Revolution des Lohnsklaven ist über die Vermittlung seiner knechtischen Position im kapitalistischen Produktionsprozess ein sich mit Bewußtsein  auf der Ebene der Wissenschaft vollziehender, über die alte Gesellschaft hinausführender Sprung, dessen richtigen Zeitpunkt es als unaufgeklärtes nicht bestimmen könnte. Also doch mit Bewußtsein, also doch Theorie bzw. Revolutionswissenschaft und aparte Kriegspartei des Klassenkampfes. Die proletarische Revolution als letzte in der Geschichte der Menschheit geht einher mit dem wissenschaftlichen Innewerden ihrer eigenen Bedeutung im weltgeschichtlichen Gattungszusammenhang, der Kommunismus als begriffne und gewußte Bewegung seines Werdens, wie es der 26jährige Marx 1844 in den sog. Pariser Manuskripten formulierte. Engels war 24 Jahre alt, als er der arbeitenden Menschheit zurief: „Produziert mit Bewußtsein, als Menschen, nicht als zersplitterte Atome ohne Gattungsbewußtsein …“. 10. Das sich gegen die Zersplitterung in Atome wendende Revolutionsbewußtsein ist ein Bewußtsein über die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Bewegungen und ihrer historischen Kontinuitäten, ein Bewußtsein, das sich im Kommunismus erübrigt. Der Marxismus als Anleitung zum revolutionären Handeln wird obsolet, da eine Theorie der Gesellschaft noch eine Klassenspaltung in ihr indizieren würde. Was soll eine Soziologie, eine Jurisprudenz, eine Wissenschaft von der Politik in einem klassenlosen Volk schließlich auch ohne kommunistische Partei ? Dem Absterben der kommunistischen Partei geht die Liquidierung der konterrevolutionären Parteien durch diese voraus. Wilhelm Weitling sah im Kommunismus eine große Zukunft der Humanmedizin. Die höchste Reife, die der Marxismus erreichen wird, ist die, in der sein Untergang beginnt wie schon der Idealismus im objektiven Hegels seine höchste Reife und sein Ende zugleich fand. Mit der Industrialisierung etwa in Form der Elektrifizierung allein ist der Kommunismus nicht getan und auch die Hinzufügung des Sowjet reicht nicht hin. Während Lenin die Kombination beider zu einem gefügelten Wort gemacht hatte 11., ist heute so gut wie unbekannt, was denn Lenin als den entscheidenden Schritt zum Kommunismus zu seinen Lebzeiten ausgemacht hatte. Es waren dies die seltenen kommunistischen Subbotniks, die er als den „faktischen Beginn des Kommunismus“ 12. wertete, weil in ihnen mit Gattungsbewußtsein gearbeitet wurde. Wer heute in Moskau auf dem Roten Platz eine versammelte Menschenmenge zum Subbotnik aufriefe, würde nur einen Lacherfolg ernten, aber die Menge würde ja einesteils auch über sich selbst lachen. Wer auch nur einen kleinen Bruchtteil der Werke Lenins gelesen hat, dem muss aufgegangen sein, dass Kommunismus keineswegs bedeutet, dem inneren Schweinehund freien Lauf zu lassen, im Gegenteil. Aber Lenin ging eben davon aus, dass man eines Tages dieses Problem ohne Staat wird lösen können, wie man schon heute „Raufende auseinander bringt oder eine Frau vor Gewalt schützt“. 13.

Die marxistische Theorie geht von der Einheit der Welt aus, die in ihrer Materialität besteht. Aber eins teilt sich in zwei, zum Beispiel in eine industrielle und politische Revolution, die in ihrer Reziprozität auseinanderfallen. Ihre klassische Form erreichte letztere in Frankreich und nicht in England, wo die ursprüngliche Akkumulation in ihrer klassischen Form verlief und das daher zum Mutterland der großen Industrie geworden war, wo also die Produktivkräfte zweifellos höher entwickelt waren und wo sie von Manchester, konkret vom Stadtteil „Little Ireland“, wo das Arbeiterelend am konzentriertesten war,  hätte ausgehen müssen. Engels sagt selbst, dass die Franzosen die große Industrie erst nach 1848 kennengelernt hatten 14., also sechzig Jahre nach dem Ausbruch ihrer bürgerlichen Revolution !! Noch mehr verrückt wird der Sachverhalt, wenn die Aussage von Rosa Luxemburg richtig ist, dass die französische Industrie noch beim Übergang zum 20. Jahrhundert „zum großen Teil kleingewerblich“ 15. war. Und doch schaffte die französische bürgerliche Revolution die Feudalität in einer Nacht ab (11. August 1789), wie es klassischer nicht hätte gehen können, ja in ihrer theoretischen Vorbereitung erarbeiteten sich Morelly und Mably eine kommunistische Weltanschauung. Diese eben bezeichnete Widersprüchlichkeit kommt in einem Ereignis krass zum Vorschein, das sich an einem schwülen Frühnachmittag im Oktober 1749 zwischen Paris und Vincennes ereignet und in dem Form und Inhalt völlig disparat zueinander geraten. Gemeint ist die Metanoia Rousseaus, nachdem er im „Mercure de France“ die Preisfrage der Akademie von Dijon gelesen hatte: „Haben Künste und Wissenschaften zum Fortschritt der menschlichen Kultur beigetragen ?“  In dem bizarren Erleuchtungsanfall erkennt Rousseau blitzartig, dass die Institutionen die Menschen verderben. Das Kernstichwort der französischen Revolution war geboren, denn welche Institution auf der Welt steht zu den Prinzipien „Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit“ in Harmonie ? Das Stichwort war geboren, aber unter welcher Form ? In der Tat ist Rousseau der letzte bestimmende Denker des Abendlandes, der den Spaziergang ausgesucht hat, um zu philosophieren. Seine letzte Schrift trägt den Titel: „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, auf denen Rousseau herausfinden möchte, wer er ist. Dagegen schreibt der Göttinger Professor Lichtenberg in einem Brief vom 10. Januar 1775 an Ernst Gottfried Baldinger aus London: “ … niemand sieht aus, als wenn er spazieren ginge …“. Zwar schildert uns noch Beaudelaire den Flaneur, aber die Lyrik gehört nicht zum bestimmenden Denken. Der Flaneur ist heute zum Passanten verkommen, der nicht mehr herausfinden will, wer man ist.

Die französische  Revolution, von Paris ausgehend, war aber primär eine Bauernrevolution und fand in einem im Vergleich mit England rückständigen Land statt, in dem man noch spazieren gehen konnte. Der prozentuale Anteil der Bourgeoisie an der Gesamtbevölkerung war viel zu gering, um ohne Bauernmobilisierung die alte Feudalmacht zu bezwingen, und ein französisches Proletariat war nur in größeren Städten in Keimformen vorhanden. Die marxistische Geschichtsschreibung über die französische Revolution darf nicht der zentralistischen Tendenz des Jakobinismus folgen. Man vertieft die Forschung, wenn man von Paris aus „aufs Land“ geht. In einer bäuerlichen Revolution, zudem unter bürgerlicher Führung, vermischen sich revolutionäre und reaktionäre Motive, so dass der radikalen Jakobinerdiktatur nur eine kurze Lebensdauer beschieden war und die kommunistisch-anarchistische Strömung peripher bleiben musste. Gewichtiger als diese war die Bewegung der armen Pfaffen auf dem Lande, die eine Stütze der Revolution bildete. Im weltrevolutionären Kontext kam achtzig Jahre später nur die Pariser Kommune an das Ideal einer Diktatur des Proletariats heran, die in demokratischer Hinsicht zwei Vermächtnisse hinterlassen hatte: die der Demokratie Verantwortlichen waren gesetzgebend und ausführend in einem und jederzeit absetzbar durch ihre Wähler. Damit hat sie uns nicht nur zwei Maßstäbe hinterlassen, mit denen wir ablesen können, dass es heute weltweit keine Demokratie gibt, sondern auch das schwere Vermächtnis, demokratische Maximen, wo auch immer,  politisch durchzusetzen. Der aus einer Süffisanz der Überlegenheit hervorgebrachten Frage, wo denn heute ein Kommunismus existiere, ist zu erwidern, man solle zunächst einmal zeigen, wo es denn Demokratie gäbe. Ich mache in diesem Kontext auf etwas aufmerksam, was eine Bagatelle zu sein scheint: In der akademischen Parlamentarismuskritik wird regelmäßig übersehen, dass sich die bürgerlichen Parlamente sogenannte Saaldienerinnen und Saaldiener halten. Die Bezeichnung eines Menschen als Saaldiener ist ehrenrührig und stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. Selbst den bürgerlichen Linken im deutschen Bundestag stößt nicht auf, dass es sich bei dieser „Institution“ um ein Relikt aus der Feudalzeit handelt, deren Prinzip nach Karl Marx die Menschenverachtung war. (Vergleiche Karl Marx, Brief an Ruge vom Mai 1843, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,340). Die Kommune hatte rein urbane Wurzeln in der Welthauptstadt der Revolution. Aber gerade ihr Vorteil war ihr Nachtteil, Paris blieb isoliert und die Provinzen kippten zur Konterrevolution in Versailles. Obwohl Marx das Pariser Proletariat vor einem bewaffneten Aufstand gewarnt hatte (er sei eine verzweifelte Torheit), sah er dann in der Kommune doch den Keim des Kommunismus, der für kurze Zeit Weltgeschichte geworden war. Die Sonne schien noch nicht „ohn‘ Unterlaß“, sondern nur für 72 Tage. Es hat sich ein Mythos der Kommune herausgebildet, dessen Entstehen man begreifen muss, bevor man ihn kritisiert. Die Warnung von Marx war angesichts der durch den deutsch-französischen Krieg bedingten Truppenkonstellationen durchaus berechtigt, eine bewaffnete Erhebung war in der Tat eine verzweifelte Tat. Wider Erwarten sprühte dann die sich spontan und überraschend bildende Kommune doch mehr Lebenskraft aus als erwartet und Marx nahm ihr Beispiel dann doch als Praxisbeleg seiner Geschichtstheorie, seitdem hängt das Wohl der marxistischen Welt an Paris. Ein Praxisbeleg für die Marx’sche Theorie war zwingend geboten, ja überfällig: die wohl schwerste Erschütterung seines Lebens erlebte der Revolutionswissenschaftler Karl Marx beim Besuch der ersten Weltausstellung der Industrie 1851 in London. Die Eindrücke, die er durch sie über die kolossalen Produktivkräfte der Gegenwart gewann, ließen seine Erwartungen auf eine in wenigen Monaten ausbrechende Revolution auf dem Kontinent als romantische Träumerei zerplatzen. Seine Kenntnis der Ökonomie war noch zu oberflächlich gewesen, um  aus ihrer kapitalistischen Entfaltung kommunistische Kollektivität durch die Figur der Negation der Negation aus (und in) der Produktion zu begründen, so dass sich die programmatische Forderung des 25jährigen, der Mensch müsse seine „forces propres“ (eigenen Kräfte) als gesellschaftliche Kräfte erkennen und organisieren 16. in weltgeschichtlich unabwendbare Realität verwandele. Seine Kritik am Linkshegelianismus hatte bisher nur ergeben, dass der Schlüssel zur Erklärung gesellschaftlicher Prozesse nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie zu suchen sei. Er warf sich also erneut auf das Studium der Ökonomie, das natürlich die Bindung der Notwendigkeit einer proletarischen Revolution an die Entwicklung der Produktivkräfte bestätigte. Eine Komplementierung der Entwicklungshöhe der Produktivkräfte und der wissenschaftlichen Theorie der proletarischen Revolution durch eine praktisch stattfindende war überfällig. Nur die Ursache-Wirkung-Relation war nicht ganz stimmig. Im Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals schrieb Marx 1867: „In England ist der Umwälzungsprozess mit Händen greifbar. Auf einem gewissen Höhepunkt muß er auf den Kontinent rückschlagen“. Also hielt Marx auch kontinentale Länder als durchaus schon reif für die proletarische Umwälzung, sollte von England aus ein Anstoß kommen.  Bei der Kommune griff Marx zu, obwohl ihr spontanes Entstehen quer zur Auffasung stand, Revolutionen aus  der Gesetzmäßigkeit der Geschichte „ablesen“ zu können. Deshalb finden wir bei ihm nach der Niederschlagung der Kommune den Verzicht auf eine Rechthaberei des Theoretikers, die er hätte leicht ausspielen können und in der Vergangenheit doch so oft gegen von ihm abweichende Revolutionäre, oft in verletzender Form, ausgespielt hatte. Nebenbei brachte ihm die Kommune die Genugtuung, dass in ihr der Proudhonismus endgültig untergegangen war. Nach der Kommune war es völlig abwegig, alle Stadtbewohner in Kleineigentümer und alle Dorfbewohner in Kleinbauern zu verwandeln. Vergleicht man den „18. Brumaire“, Marxens Schrift zur 48er Revolution in Frankreich, mit dem „Bürgerkrieg in Frankreich“, seiner Schrift zur Kommune, so enthält der letztere über mehrere Passagen reine Propaganda. War 1789 nur eine Bauernrevolution unter bürgerlicher Führung, so konnte von einer weltgeschichtlichen Rolle des Proletariats im Jahre 1848 in der Tat noch nicht die Rede sein, Marx nannte seine Zeitung „Die Neue Rheinische Zeitung“ lediglich ein „Organ der Demokratie“. Sie war mehr eine antifeudale als eine proproletarische Zeitung, von der Arbeiterbewegung ist in ihr, wie Franz Mehring richtig bemerkte und was oft übersehen wird, wenig zu finden.

Aber auch für Lenin reichte die weltgeschichtlich marginale Zeit der Pariser Kommune aus, in seinem Revolutionskonzept, am konzentriertesten in der Schrift „Staat und Revolution“, die Kommune als leuchtendes Vorbild hinzustellen. 17. Etwas Weiteres kam hinzu, und das war beileibe keine Marginale: 1917 kamen auf einen russischen Proletarier 7,7 Bauern, deren revolutionäre Bewegung auf eine bürgerlich-demokratische beschränkt blieb. Die Bolschewiki mussten mehr um die Köpfe der Bauernmassen kämpfen als um die Köpfe proletarischer Massen. Die Vorbereitung der sozialistischen Revolution war vor allem ein Kampf um die Aufklärung der Köpfe. Es kam darauf an, die werktätigen Massen besonders in den Sowjets von den kleinbürgerliche Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki zu lösen. Politisch gelang es, aber nicht mental. Die Übernahme des Agrarprogramms der von Lenin verachteten Sozialrevolutionäre, das jedem Bauern seine kleine Scholle zusprach,  war mehr als nur ein Schönheitsfehler, die Möglichkeit sozialistisch organisierter Kollektivität in großräumigen Wirtschaftsbetrieben lag am Anfang der Oktoberrevoltion im die Gesamtwirtschaft bestimmenden landwirtschaftlichen Sektor im Gegensatz zum industriellen kaum vor. In der Sowjetunion ist es den Bolschewiki nie gelungen, die kleineigentümlerische Mentalität ganz zu überwinden, der kleine Kolchos-Garten war nie ganz verschwunden. Diese Tatsache belegt immerhin, dass das Bewußtsein hinter der objektiven Höhe einer Gesellschaftsformation, hier einer Kollektivgesellschaft, zurückbleiben kann. Der Theorie nach sollten grosse landwirtschaftliche Musterbetriebe (Bauernarbeiterassoziationen) den Kleinbauern als Beispiel dienen, deren Vorteile zu erkennen. Die Menschen verließen zwar nach der Oktoberrevolution in Massen die Städte, aber nicht, um den Gegensatz zwischen Stadt und Land aufzuheben, sondern um nicht vor Hunger zu sterben. Von 1917 bis 1920 nahm im europäischen Teil Russlands die Stadtbevölkerung um 35,2 Prozent ab. 18. Als  es nach dem Matrosenaufstand von Kronstadt endgültig klar war, dass sich die Diktatur einer Kaderpartei gegen die der Räte durchgesetzt hatte, verblasste das Vorbild der Pariser Kommune mehr und mehr, zumal die Partei dazu überging, aus Gründen verwaltungstechnischer Effizienz Personal des alten zaristischen Verwaltungsapparates zu Rate zu ziehen. Es musste zum Beispiel das Kunststück vollbracht werden, durch Einstellung von zaristischen Offizieren in die Rote Armee, diese durch das Korrektiv durch Politkommissare als allgemeine Volksbewaffnung zu halten, die es nach Trotzki ohnehin nur auf dem Papier gab. In demokratischer Hinsicht hatte die Pariser Kommune zwei Vermächtnisse hinterlassen: die ihr Verantwortlichen  waren gesetzgebend und vollziehend in einem und jederzeit absetzbar durch ihre Wähler. Marx und Lenin mussten also die Wahrheit eines Nietzsche Wortes als bittere Pille schlucken, dass es in der Wirklichkeit nichts gibt, was der – hier marxistischen – Logik streng entspräche. Die Logik der Dinge ist immer triftiger als die Logik der Worte. Immerhin kann diese Tatsache die Sensibilität für die Einsicht steigern, dass dialektische Beziehungen sich komplexer gestalten als es die Schulbuchweisheit vorsieht. Dass die erste proletarische Revolution in einem im Vergleich mit England ökonomisch rückständigen Land, dass die zweite in einem im Vergleich mit den industriell fortgeschrittenen Ländern Westeuropas ausbrach – ist dieser Umstand nicht ein Beleg dafür, dass auch der Überbau eine essentielle Bedeutung bekommen kann ? Dass die Tradition – ja ! die Tradition – der großen französischen Revolution mit für den Ausbruch der Pariser Kommune verantwortlich ist und dass die Tradition – ja ! die Tradition – der russischen Revolution von 1905 mit für den Ausbruch der Oktoberrevolution es ist ?  19. Die Revolution von 1905 brachte die Abkehr Russlands von Asien, die im Oktober 1917 seine Hinwendung zu dem erwachenden Riesen. Das Korrespondenzverhältnis zwischen 1905 und 1917 ist recht merkwürdig, merkwürdiger, als es auf den ersten Blick scheint, der nur sieht, dass die Keime der Revolution von 1905, aus der die Bourgeoisie gestärkt hervorging, das Proletariat zwar unterlag, aber bewußtseinsmäßig den größten Sprung nach vorn machte und in der Trotzkis Theorie der permanenten Revolution geboren wurde, im Jahr 1917 einfach zur Blüte gegen diese Bourgeoisie gekommen waren. Schrieb Lenin im Jahr 1905 noch: „Nur ganz unwissende Leute können den bürgerlichen Charakter der vor sich gehenden demokratischen Umwälzung ignorieren; nur ganz naive Optimisten können vergessen, wie wenig die Masse der Arbeiter bisher von den Zielen des Sozialismus und den Mitteln seiner Verwirklichung weiß“ 20., so klang das zwölf Jahre später in den berühmten „Aprilthesen“ bereits ganz anders: jetzt war das halbbarische, rückständigste Land Europas mit der höchsten Analphabetenquote, die besonders unter den Bauern hoch war, auf einmal reif für die sozialistische Umwälzung. Aber sind zwölf Jahre für die Entfaltung von Produktivkräften in eine Höhe ausreichend, die einen Sprung in eine höhere geschichtliche Epoche, die des Sozialismus-Kommunismus gelingen  lässt ?

In China war es das 1927 inszenierte Kuomingtangmassaker an Kommunisten in Shanghai, das die Revolutionäre auf die agarrrevolutionäre Linie Maos einschwor. Es war dann im maoistischen Kontext nur folgerichtig, dass Lin Biao den Sieg im Volkskrieg als Einkreisung und Vernichtung der Stadt durch das Dorf konzipierte. Der Verlagerung des revolutionären Schwergewichts auf die ruralen Potenzen der Weltgeschichte ist es geschuldet, dass das 20. Jahrhundert trotz seiner beiden globalen Makrokriege auch ein Jahrhundert der Bauernguerilla wurde, deren hinterhältige Kampfweise dem Schwächeren gegenüber dem Stärkeren als Handlungsmöglichkeit bleibt. Marx und Engels konnten es beim Abfassen des Manifestes noch nicht ahnen, dass die „Runkelrüben“ noch so zäh in der Erde steckten. 21. Die kommunistische Emanzipation des Landproletariers vollzieht sich indeß anders als die oben skizzierte des Stadtproletariers. Er emanzpiert sich zum Guerillakämpfer und sodann zum Arbeiter so, dass der Gegensatz zwischen beiden Arten von Proletariern in sich zusammenfallen soll. Erst am Ende des 20. Jahrhunderts, das als Jahrhundert des Imperialismus in die Weltgeschichte eingegangen ist, wurde gerade durch den Zusammenbruch der Sowjetunion deutlich, wie gravierend Lenins 1916 vorgenommene Weiterentwicklung des Marxismus durch seine Imperialismusanalyse gewesen war.  Das universelle Terrain  der kommunistischen Revolution, von dem Engels 1847 sprach 22. und das als Ideal immer voranleuchtete, schrumpfte auf Grund der sich im Imperialismus ergebenden Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und damit auch der politischen Entwicklung, realpolitisch auch auf den Ansatz zusammen, dass die kommunistische Revolution isoliert auch nur in einem Land bedingt siegreich sein kann. Der unbedingte Sieg setzte die kommunistische Weltherrschaft voraus, aber „kommunistische Weltherrschaft“ ist eine contradictio in adjecto, das Proletariat strebt natürlich nicht die Weltherrschaft an, sondern eine Welt ohne Herrschaft. 23. Lenin hatte in seiner Revolutionseuphorie keineswegs die schlichte Tatsache verkannt, dass in der Komplexität  der menschlichen Gesellschaft das Reißen der Kette an ihrem schwächsten Glied nicht automatisch das Herunterkullern der stärkeren und stärksten Glieder nach sich zieht. Als er im plombierten Waggon nach Russland fuhr, hatte er beide Revolutionskonzepte und eine Variante im Kopf, wobei natürlich das Konzept, dass die imperialistische Kette an ihrem schwächsten Glied reißen werde und dieser Riss eine weltweite Kettenreaktion auslösen werde, den unbedingten Vorzug erhielt, schon Marx hatte im Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals die Revolutionäre vergattert, dass die Enthüllung des ökonomischen Bewegungsgesetzes der modernen Gesellschaft (also die Theorie), nur dazu dienen könne, bei der Geburt einer neuen Gesellschaft (in der weltgeschichtlichen Praxis) die Geburtswehen abzukürzen und zu mildern. 24.  Die Variante offenbarte Lenin vier Jahre nach seiner Ankunft auf dem Finnischen Bahnhof in seiner Broschüre „Über die Naturalsteuer“: Ein rotes Rußland und ein rotes Deutschland wären die halbe Miete der Weltrevolution. Es ist bekanntlich beim Konjunktiv geblieben und mehrere erfolgreiche Folgerevolutionen auf dem europäischen Kontinent blieben ohnehin aus. Es war nur zu einer verdeckten Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet gekommen, was den Klassenkampf in Deutschland natürlich auch nicht nennenswert in kommunistische Richtung voranbrachte und was einigen Offizieren der Roten Armee den Kopf kosten sollte. Angesichts dieser Ebbe der Revolution  verfochten Stalin und seine Anhänger konsequent Lenins Konzept des Aufbaus des Sozialismus in einem Land, während Trotzki und seine Anhänger der klassischen Lehre von Marx und Engels aus der Mitte des 19. Jahrhunderts folgten, als würde eine Imperialismusanalyse Lenins gar nicht vorhanden sein. Es hat im 20. Jahrhundert keine Kettenreaktion im weltkommunistischen Sinn gegeben (was kurioserweise die Stimmigkeit der Imperialismusanalyse bestätigte), als imperialistisches blieb es entgegen dem Ideal nicht nur ein Jahrhundert isolierter Revolutionen, aus denen „der Funke keine Flamme schlug“ 25., sondern wir wurden in ihm auch Zeugen, wie  der revolutionäre Schwerpunkt entgegen der Theorie nicht nur von der Stadt ins Dorf, sondern auch von der Nordhalbkugel zur Südhalbkugel  umschlug. Erste Andeutungen zu diesen Verkehrungen finden wir in den Studien von Marx und Engels in ihrer letzten Schaffensperiode über die englische Arbeiterbewegung, in Deutschland trat der Sozialreformist Bernstein erst 1897/98 nach dem Tode von Engels (1895) auf. Mit Bernstein setzte sich Rosa Luxemburg in ihrer Schrift „Sozialreform oder Revolution“ 1898 auseinander. Die englische Arbeiterbewegung wurde mit dem Fortschritt der Industrie nicht automatisch immer revolutionärer, wie es das ursprüngliche Konzept der beiden 1848 vorgesehen hatte, sondern im Gegenteil durch die koloniale Vernetzung Englands und der damit gegebenen Möglichkeit der Bestechung aus Extraprofiten immer opportunistischer. Das Gleiche gilt natürlich auch für imperialistische Vernetzungen und diese Tatsache hatte Trotzki in seiner „Theorie der permaneneten Revolution“ übersehen, die von einer im Kern gesunden und nicht sozialdemokratisch verseuchten westeuropäischen Arbeiterklasse ausging. Ohne diese und deren Revolution müsse die Oktoberrevolution untergehen. Lenins bekannte Aufforderung aus dem Jahr 1922, die Hegelsche Dialektik materialistisch zu studieren, um sich die Dialektik zu erarbeiten, die Marx im „Kapital“ und in seinen historischen und politischen Schriften praktisch angewandt hat, ist von ihm direkt mit dem Hinweis auf die Millionenvölker Japans, Indiens und Chinas verbunden worden, deren politisches Erwachen den  Marxismus bekräftigten. Bereits 1920 hatte in Baku eine Konferenz der Völker des Ostens stattgefunden. Gerade die ideologische Verunreinigung der proletarischen Bewegungen in den industriell fortgeschrittensten Ländern Westeuropas, den ehemaligen Kernländern der proletarischen Revolution,  verschob den Focus der Revolution – notgedrungen ? – immer mehr nach den Agrarländern des Ostens. Die Stimmigkeit dieser Überlegung vorausgesetzt würde sich aus ihr auch ein die Mentalität befruchtender Impuls für die russische Oktoberrevolution geben. Lenin verhieß den Bolschewiki Anfang der 20er Jahre den Sozialismus in einigen Jahren allein aus den bäuerlichen Genossenschaften. Theoretisierte Lenin vor der Oktoberrevolution, dass der Aufbau des Sozialismus auch in einem einzigen Land möglich sei, ja dass das unter imperialistischen Bedingungen wahrscheinlich der „typische Fall“ sein wird, so legte er nach dieser gegen Trotzki dar, dass in Russland alles hinreichend vorhanden sei, diesen in Angriff zu nehmen.

Es scheint am Beginn des 21. Jahrhunderts trotz des gewaltigen und  immer schneller voranstürmenden Fortschritts der Industrie  und der weltweiten Vernetzung, der intelligenten Fabriken mit ihren sich selbst konfigurierenden Maschinen (hochkomplexe Nachfolgerinnen der ersten, von Nicholas Cugnot 1769 erfundenen selbstfahrenden Dampfmaschine), die alle Bedingungen einer kommunistischen Lebensweise zugleich erstellen und uns unter massenhafter Entwertung selbst hochqualifizierter Arbeitskraft von ihr entfernen, die Frage erlaubt zu sein, ob nicht im weltgeschichtlichen Kontext die Geschichte der Menschheit bis jetzt primär eine ist, die sie durch Ackerbau und Viehzucht prägte. Strenggenommen ist das keine Frage, sondern eine Tatsache, die allerdings in keiner Weise rechtfertigt, Mitglied der Grünen zu werden. In der umweltzeitgeschichtlichen Chronologie bliebe dann die Periode der neuzeitlichen Industrialisierung und die  mit ihr verbundene unbeschränkte Mobilität von Kapital und vogelfreier 26. Proletarier als Träger von Arbeitskraft, also die letzten 250 Jahre der Weltgeschichte 27., und damit auch des wissenschaftlichen Sozialismus, den man vom „Elend der Philosophie“, also ab 1847, datieren kann,  bis jetzt marginal, wenn auch nicht mehr im Sinne des utopischen Sozialismus Owen’scher Prägung. Schon die Utopisten Owen und Fourier wollten den Gegensatz zwischen Stadt und Land aufheben, der alte Engels forderte im Geiste Rousseaus  und Liebigs ganz explizit die Beseitigung der modernen großen Städte, im „Anti-Dühring“ sprach er von ihrem „Untergang“. 28. Wie eng die politischen Emanzipation des Bürgertums mit der Dominanzentwicklung der Urbanität verwoben ist, wird am Gesellschaftsvertrag von Rousseau deutlich. Während in der Metropole Paris alle Intellektuellen über dessen politische Implikationen für die Zentralregierung debattierten, blieb Rousseaus anarchistischer Gedanke der Abschaffung einer Hauptstadt unbeachtet. Man ließ sich von einer angeblichen Allgewalt der Industrie blenden und übersah, dass diese doch im Vergleich zur Allgewalt der Weltgeschichte, die sich auch nicht durch ihre Periodisierung hat abmildern lassen, nur peripher sein konnte. Im Gesellschaftsvertrag Rousseaus heißt es: „Bevölkert das Staatsgebiet gleichmäßig, verbreitet überall gleiches Recht, tragt Überfluß und Leben überall hin …“. 29. In seinen Schriften über die Chemie des Ackerbaus forderte Liebig stets, dass der Mensch  an den Acker das zurückgeben müsse, was er von ihm erhält. Und gerade das verhindern nach Engels die großen Städte (auch das wird man heute nicht mehr so halten können), und nicht nur das, sie verhindern auch die möglichst gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung über das ganze Land, die schon Rousseau 1762 vertrat und die in der kommunistischen Finalität der Aufhebung der Differenz zwischen Arbeiter und Bauer gesteigert ist. Die Weltgeschichte geht nicht gleichmäßig vorwärts, sie macht manchmal Riesensprünge rückwärts. 30. Es gibt für diese Leninsche Bestimmung der Dialektik (leider) keinen besseren Beleg als das Schicksal „seiner“ Oktoberrevolution.

Auch sie war eine an den Krieg gebundene. Er war es, der die essentiellen proletarischen Revolutionen initialisierte, zugleich aber auch die Hindernisse auftürmte, die sie scheitern ließen. Für die Pariser Kommune war es der deutsch-französische Krieg, für die  russische Revolution von 1905 der russisch-japanische, für die Februarrevolution 1917 der erste Weltkrieg und sicherlich trug auch die Brusilow-Offensive erheblich zum Ausbruch der Oktoberrevolution bei. Liegt also eine bei aller Bewegung der Geschichte invariante Konstellation vor, die den Primat des Militärischen über das Soziale stets garantiert ? Ist die destruktive Kraft des Krieges immer größer als die heilsame Kraft der Revolution ? Bedingt erstere den Umschwung, jedoch so, dass die Grundlage zwar noch für einen Neuaufbau reicht, aber nicht für einen radikalen, der das Sicherleben der Revolution auf Dauer unumkehrbar macht ? Die klassischen bürgerlichen Revolutionen als Minoritätsrevolutionen in England und Frankreich, auch noch die 48er,  gedeihten unabhängig von einer äußeren Kriegskonstellation, das Anführen der Niederlage Frankreichs im siebenjährigen Krieg ist als Primärgrund der französischen Revolution zu weit hergeholt, dieser Krieg tangierte nicht ihren Fokus, der den Aufbruch aus einer immanenten sozialen Widersprüchlichkeit explodieren ließ. Dagegen reicht diese Widersprüchlickeit allein für den Ausbruch  proletarischer Massenrevolutionen offensichtlich nicht hin, die Massen sind auch durch den Krieg zum Umsturz angehalten worden. Der Krieg ist der schlechteste Vater der Revolution. Er hält gegen die revolutionären Sprünge den „Riesensprung rückwärts“ in der Hinterhand. Ein flüchtiger Blick in die Geschichte, mehr noch ein präziser, machen deutlich, dass es eine reinrassige, idealtypische Revolution nicht geben kann. Doch der Eigenwert einer Revolution besteht natürlich darin, dass sie aus ihren immanenten sozialen Wurzeln erblüht und eine riesige Entfaltung der Produktivkräfte mit sich bringt. Fassten die bürgerlichen Aufklärer den sozialen Widerspruch einer von antagonistischen Widersprüchen zerrissenen Gesellschaft noch als einen zwischen arm und reich, fleißigem Bürger und fleißigem Landmann und schmarotzenden Adel auf, so fassten und fassen sozialistische Theoretiker die antagonistischen Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft in den Kategorien von Lohnarbeit und Kapital. Ein äußerer Krieg, nicht nur als Stimulator, noch mehr als Initiator ist kontraproduktiv – ein Krieg zerstört Produktivkräfte, oft im immensen Ausmaß. Lenin versprach sich eine Revolutionierung auch durch eine imperialistisch bedingte Militarisierung der Gesellschaft 1916 mitten im imperialistsichen Krieg.  Auch sie bringe uns der Umwandlung des stehenden Heeres in eine Volksbewaffnung näher. Aber sie weckt eben auch reaktionäre Potentiale und gibt ihnen Auftrieb. Durch den Krieg wird das bürgerliche Offizierskorps immer reaktonärer als es ohnehin schon ist. Für Kant war der Krieg deshalb so gräßlich, weil er mehr schlechte Menschen schafft als er deren wegnimmt. In seiner Polemik gegen Kautskys Diktaturvorwurf weist Lenin auf die Vorteile hin, die den ehemaligen Ausbeutern auch nach der Revolution bleiben und hebt unter diesen „die unvergleichlich größere Routine im Militärwesen“ 31. besonders hervor.

Ohnehin ist im Kontext des Kommunismus übersehen worden, dass sein Rätselcharakter beschworen wird, gerade als es um dessen Auflösung geht. Gemeint sind zwei sich widersprechende Passagen aus den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahr 1844“. Der Kommunismus, heißt es dort, sei das Ineinanderübergehen von Humanismus und Naturalismus, er sei das aufgelöste Rätsel der Geschichte und wisse sich als dessen Lösung. 32. Zugleich sei er aber zehn Seiten später nicht das Ziel der menschlichen Entwicklung – die Gestalt der menschlichen Gesellschaft. 33. Dieser Widerspruch ist um so erstaunlicher, als Marx im Satz davor den Kommunismus als Position bestimmt hat, und zwar als „die Position als Negation der Negation“, die ihn zu einem ehrnen Abschluß der Geschichte vergattert. 1852 hatte Marx im „18. Brumaire“ geschrieben, dass der Kommunismus für die Arbeiterklasse zunächst eine „unbestimmte Ungeheuerlichkeit“ sei, er scheint es 2015 noch viel mehr zu sein. Der Kommunismus als Negation der Negation formuliert, verbietet es, den Widerspruch auf geistige Schwankungen des jungen Marx zurückzuführen. Selbst beim reifen Lenin finden wir ein Infragestellen des Endziels: es sei keinem Sozialisten je eingefallen „zuzusichern“, „daß die höhere Phase der Entwicklung des Kommunismus eintreten wird …“ 34. Sind die Millionen Toten, die ja heute mit ihm verknüpft sind, nur auf dialektische Gedankenspiele genialer Menschen zurückzuführen ? Wem ist nicht unheimlich zumute, wenn er sich in diesem Zusammenhang an eine der  ersten schriftlichen Darlegungen Hegels zur Dialektik erinnert: „Je besser die Methode ist, desto greller werden die Resultate“. 35. Und dem jungen Hegelianer Friedrich Engels gelang aus einer Abwehrhaltung gegenüber den Vorlesungen Schellings in Berlin, die er zusammen mit Kierkegaard und Bakunin hörte, die Bestimmung, dass die Dialektik eine „tief innerliche ruhelose Bewegung“ 36. sei. Der dialektische Revolutionär ist ein tief ruheloser Mensch, der sich häufig auf den Boden wirft und der sein Ohr an die Erdoberfläche presst , um Vibrationen einer Revolution, woher sie auch immer kommen, aufzunehmen.

Warum ist der Marxismus heute nicht obsolet, obwohl eine fast 70jährige Existenz der Sowjetunion ihn nicht bestätigt, sondern von seiner gesellschaftswissenschaftlichen Anlage her widerlegt ? Deren Existenz ist nach der ganzen Anlage kein „Immerhin“, sondern ein „Lediglich“. Rosa Luxemburg spricht von einem Marxschen „Zauberschlüssel“ und sieht diesen darin, dass Marx sich mit dem Kapitalismus als einer  historischen Erscheinung auseinandergesetzt habe. 37. Das ist ohne Zweifel völlig richtig, der Kapitalismus ist wie alle anderen ökonomischen Gesellschaftsformationen eine historisch vorübergehende Erscheinung. Ideologiekritik ist in ihrer rudimentärsten Form zunächst Verflüssigung fix gewordener, durch Partikularinteressen eingefrorener Theoriekonstellationen durch eine höhere Objektivität, die ohne einen prozessualen Wahrheitsbegriff nicht auskommt, soll Meinung nicht gegen Meinung stehen. Man müsse, so der junge Marx, die „versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorspielt !“ 38. Und spätestens hier kommt die „Schuld“ Hegels ins Spiel. In Bezug auf den Marxismus hat Hegel drei große Verdienste, und nicht nur in Bezug auf ihn. Er hat in seinem Denken die Welt als Komplex von Prozessen widergespiegelt und zugleich die Entwicklungsgesetzmäßigkeiten dieser Prozesse freigelegt. Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht – und die Ideologen des Kapitals hätten es zu gerne, den Kapitalismus als Ausnahme von der Regel zu präsentieren und Geschichte damit zu kristallisieren. Zudem ist es das grosse Verdienst Hegels, das Wesen der Arbeit erfasst “ … und den gegenständlichen, wahren, weil wirklichen Menschen , als Resultat seiner eignen Arbeit begriffen zu haben. 39. Die Arbeit hat den Menschen selbst geschaffen. Prozess – Gesetzmäßigkeit – Arbeit — das ist die Trias, die noch heute eine ungemein große Suggestivkraft auf das menschliche Denken ausübt und besonders auf das derjenigen, die die Knechte der Arbeit sind. Der Materialist Marx kam nicht umhin, in seinem Hauptwerk, das in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit den roten Faden fasste zum Verständnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft, auf die Bedeutung Hegels für ihn hinzuweisen und diejenigen Zeitgenossen zu kritisieren, die glaubten, Hegel als „toten Hund“ behandeln zu können.  Bereits Hegel durchschaute die liberale Ideologie der Menschenrechte in einer Zeit, in der die Masse immer mehr ein bloßes Zubehör zur Maschine wurde. Zugleich betont aber Marx ganz explizit, dass seine Methode der Dialektik nicht nur von der Hegelschen verschieden sei, sondern ihr direktes Gegenteil. Dem objektiven Idealismus gelang es nicht, in der Kritik des Bestehenden die Objektivität der Überwindung des Bestehenden, nicht einmal als Kontur, mitzuentwickeln, denn indem die Idee zum selbständigen Subjekt konstituiert wird, schreibt sich die Unselbständigkeit des menschlichen Maschinenzubehörs als anthropologische Konstante einer Gesellschaft fest, die sich durch eine Herr-Knecht-Dialektik in Bewegung hält und in der aufgehäufte Arbeit immer nur durch die Lohnknechte vermehrt wird,  diese nicht bereichert und somit die Vergangenheit über die Gegenwart herrscht. 40. Hegel löste die vorhandene Wirklichkeit philosophisch auf und restaurierte sie zugleich. Am krassesten, ja impulsiv ist Friedrich Engels in einem Brief an Conrad Schmidt vom 27. Oktober 1890 gegen die Fetischherrschaft der Vergangenheit über die Gegenwart angegangen. Die Geschichte der Wissenschaften sei die allmähliche Beseitigung von Blödsinn durch neuen, immer weniger absurden  Blödsinn. 41. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zum Proletkult Bogdanows. Für die philosophischen Anhänger des Proletkultes Bogdanows sollte gerade durch die Oktoberrevolution ein radikaler, die kulturelle Vergangenheit abtrennender  Schnitt erfolgen. Es ist bekannt, daß Lenin gegen den Proletkult als Kulturtraditionalist auftrat, er sprach nicht von Blödsinn, sondern davon, dass sich die Marxisten „alles, was in der zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war“ 42. aneignen und verwerten müssen.

Führte die eine Dialektik entgegen ihrer eigenen Implikation zur Rechtfertigung der preußischen Monarchie, die interpretiert wird, “ wobei uns noch die Notwendigkeit des Adels auf spekulativem Weg demonstriert wird“ 43., so die andere zum Kommunismus als Resultat der Weltveränderung durch die produktiven Klasse, über den eine Kontur zumindest skizziert wurde. Welche Dialektik spiegelt die Wirklichkeit in Form der wissenschaftlichen Wahrheit richtig wider ? Auf ihre Hegelsche Bestimmung, sie sei die Identität des Begriffes mit seinem Gegenstand, reagierte der junge Marx in der elften Feuerbachthese, die das inzestuöse Verfahren der Philosophie aufsprengen und damit eine Revolution in der Wissenschaftsgeschichte darstellen sollte. 44. Diese These markiert die fast tödliche Krise der abendländischen Philosophie seit Platon, primär die ihres Wahrheitsbegriffes seit Descartes,  der die scholastische Meinungspluralität durch eine strenge Wissenschaft von der Philosophie mit dem Epizentrum der wissenschaftlichen Wahrheit verbannen wollte. Dadurch ist Descartes bis heute einer der wenigen Philosophen, die genuin nur philosophisch, nicht, wie es die Mode verlangt, soziologisch zu lesen sind. Für die Wissenschaft ist eine plurale, sogenannte offene Gesellschaft (der Lohnsklaverei), die Grundbedingung der Soziologie, Ausdruck mangelhafter Naturbeherrschung. Eine Kritik der Aufklärung mit dem Hintergedanken, ihre fatale Dialektik zu eruieren, sollte m.E. mit einer Kritik Descartes beginnen. Sie bewegt sich dann aber auf einem Drahtseil ohne Netz und doppelten Boden bei ständiger Gefahr, ins Mittelalter hinabzustürzen. Mit den Thesen über Feuerbach behauptet nun Marx,  dass erst durch die revolutionäre Weltveränderung die richtige Übereinstimmungserkenntnis von Subjekt und Objekt herzustellen sei.   Völlig falsch wäre es, die elfte Feuerbachthese so zu interpretieren, als entlasse die Philosophie ihre Kinder, als könne man auf Wissenschaft verzichten. Der Mensch verändert ohnehin ständig die Welt, was im Mittelalter bereits in der Mystik als Denkmöglichkeit verborgen angelegt war.  Der Marxismus paart strenge und höchste Wissenschaftlichkeit mit revolutionärem Geist. Damit aber wird das Verhältnis des Marxismus trotz der elften Feuerbachthese zur philosophischen Tradition des Abendlandes selbst ambivalent und Bakunin gibt sich alle Mühe, diesen Strang in seiner 1870 publizierten Schrift: „Das knutogermanische Reich und die soziale Revolution“ herauszuarbeiten, um Marx als Traditionalisten und Preußen zu denunzieren. Es hält sich das Gerücht, Bakunin und Nietzsche wären radikalere Revolutionäre als Marx und Engels gewesen. In dem bis heute ungelösten und daher vor Spannung vibrierenden Verhältnis zwischen Marx und Hegel kommt durch Hegel und Marx zugleich eine philosophische Tradition zum Tragen, zwar nicht die der Metaphysik, für die Hegel allein als Verantwortlicher zeichnet, aber die des Rationalismus. Hegel hatte bereits den Ausdruck für die Bewegung der Geschichte gefunden, nur diesen Ausdruck noch spekulativ ausgedrückt. Es galt, die Wirklichkeit richtig widerzuspiegeln und die ganze Schwierigkeit lag darin, dass Marx die materialistische Dialektik gegen Hegel und zugleich aus Hegels entwickelt hatte. Man müsse nur die mystische Form abstreifen. Marx hatte vor, nach dem „Kapital“ eine „Dialektik“ zu verfassen, wie er 1868 in einem Brief an Dietzgen mitteilte. Leider blieb es beim Projekt, eine „Dialektik“ von Marx nach seinem „Kapital“, also keineswegs eine „Logik des Kapitals“, hätte sicherlich viele Fragen beantwortet, die uns im Marxismus bis heute bewegen. Zwischen der traditionellen Dialektik und der materialistischen herrschen Einheit und Kampf. Engels sah in seiner Kritik an Dühring, in der er auf die Dialektik der Gleichheit bei Rousseau zu sprechen kommt, in dem Genfer einen Theoretiker sechzehn Jahre vor Hegels Geburt, dessen Gedankengang über die Entwicklung der menschlichen Gleichheit dem vom Marx im „Kapital“ „bis auf ein Haar gleicht“ und der auch im einzelnen eine ganze Reihe dialektischer Wendungen aufzuweisen hat , deren Marx sich bedient. Und Engels selbst legt in seiner Studie über die Menschwerdung des Affen eine intellektuelle Entwicklung des Menschen dar, die der Hegels in der Vorrede der Phänomenologie bis auf ein Haar gleicht. Dagegen polemisiert er gegen Hegels geschichtsphilosophische Darstellung des alten Griechenland. Dessen Geschichte werde nicht aus ihrem eigenen inneren Zusammenhang erklärt, sondern durch Redensarten von der Herausarbeitung der „Gestaltungen der schönen Individualität“ und der „Realisation des Kunstwerkes“. 45. Den Niedergang Griechenlands deutet Hegel u. a. aus dem Zerfall des Geistes, der Geist hat für Hegel im Gegensatz zur Einseitigkeit der Aufklärung nicht nur genuin kreative Kräfte. Der Dialektiker Hegel ist nicht in Einklang zu bringen mit dem stufenhistorischen Vernunftoptimismus Condorcets, den er in seinem „Esquisse d‘ un tableau historique des progès de l‘ esprit humain“ 1794 kurz vor seiner Guillotinierung propagierte, im Werden des Geistes wird in der „Phänomenologie“ die gesetzgebende Vernunft zu einer nur prüfenden herabphilosophiert, die also als die historisch spätere nicht automatisch die begrifflich höhere ist. 46.

Für Marx kann Dialektik mystifizieren oder rationell sein, gerade er sieht in der Diktatur des Proletariats allererst rationelles Handeln an die Stelle der „Anarchie der Produktion“ mit ihrer Kraft- und Stoffvergeudung in Massen in die Welt-Geschichte einbilden. Eine Planwirtschaft, eine Zerstörung von Umnittelbarkeit, verträgt sich nicht mit einer mystifizierenden Methode. Es kann mit Fug und Recht die These aufgestellt werden, dass eine Behauptung der kapitalistischen Anarchie eine Entwertung der rationalistischen Philosophie für diejenigen in sich einschließt, die sich mit ihr abfinden und einer verstärkte Hinwendung zu ihr durch diejenigen, die dagegen angehen. 47. Für Marx war Feuerbach, wie er 1865 in einem Brief an J.B.v. Schweitzer mitteilte, im Vergleich zu Hegel arm, es ist darauf zu insistieren, dass sich die berühmte elfte Feuerbachthese primär gegen Hegel, nicht so sehr gegen Feuerbach richtet. Ohne revolutionäre Praxis wird Dialektik als Prozesswissenschaft das Sich-Selbst-Erfassen der Gesetzmäßigkeit der Prozesse in immanenter Selbstreflexivität dialektisch widergespiegelter dialektischer Gesetze. Geschichte ist dann ein Prozess der Selbsterkenntnis ihrer Gesetze, daher fallen für Hegel das Ende der Philosophie als dialektischer Prozesswissenschaft mit dem Ende der Geschichte zusammen. Und doch gelingt Hegel aus dieser „Metaphysik des Absoluten“, aller bisherigen Philosophie ihre Grundlage dadurch gegeben zu haben,  dass sein Denken im Gegensatz zum philosophischen Denken schlechthin die bisherigen Philosophien als Teile einer Philosophie bestimmt zu haben, die als notwendige damit zugleich auch absolute sind, die Erkenntnis von der Relativität der Wahrheit, Philosophie sei ihre Zeit in Gedanken gefasst, lediglich ihre. Wer weiterdenkt, für den tut sich schon hier der Zeitkern des Kapitals auf. In der Religion klärt Hegel über das Wesen Gottes auf, das ihm selbts noch verborgen ist, in der Philosophie klärt Hegel über die weltphilosophische Bedeutungen der anderen Philosophien auf, die ihren Urhebern unbekannt bleiben mussten. Der alte Engels warf 1888 Hegel in seiner Studie über Feuerbach vor, daß durch die Identität von Begriff und Gegenstand „das zu Beweisende im stillen schon in der Voraussetzung enthalten“ 48. sei. Für Engels verlaufen Begriff und Gegenstand nebeneinander wie zwei Asymptoten, so dass sich beide nicht prima facie decken. Die Bindung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit der wissenschaftlichen Wahrheit an die ökonomische Produktion im Marxismus ist indeß selbst zu problematisieren. Rosa Luxemburg schreibt: „Je näher der Standpunkt zum eigentlichen Produktionsprozess, um so näher steht die Auffassung zur Wahrheit“. 49. Sie behauptet, dass die Erkenntnis der wissenschaftlichen Wahrheit exklusiv der produktiven Klasse vorbehalten ist und diese ihr nicht von außen (bei)gebracht werden muss. Demnach hätte der Schneider Wilhelm Weitling der Arbeiterklasse mehr wissenschaftliches Licht bringen müssen als der Intellektuelle Karl Marx, der fern ab der Produktion seine Tage im Lesesaal der Bibliothek des Britischen Museums zubrachte. Marx war nie in der Produktion tätig, war nie Lohnarbeiter, kannte die Praxis nur vom Hören, Sehen und vor allem Lesen. Und doch gelang ihm die Entlarvung des Fetischcharakters der Ware auf streng wissenschaftlicher Grundlage. Es ist zu bezweifeln, ob ohne Marx diese Fetischthematik heute in den Gesellschaftswissenschaften an exponierter Stelle stünde. Die Marxexegese musste bis 1932 ohne die sogenannten Pariser Manuskripte auskommen, in denen Marx u. a. den Hegelschen Arbeitsbegriff kritisch durchleuchtete. Hegel kenne und anerkenne nur die abstrakt geistige Arbeit. 50. Bis zur Entdeckung  der Maunuskripte Ende der 20er Jahre durch Rjasanow und Landshut in einem Archiv der SPD stand die Sozialdemokratie im Bann eines idealistischen Bildungsbegriffes aus der Aufbruchsphase der industriellen Revolution, der 1806 in der „Phänomenologie des Geistes“ seinen Niederschlag fand: „Die Arbeit … ist gehemmte Begierde, aufgehaltenes Verschwinden, oder sie bildet„. 51. Obwohl dieser Arbeitsbegriff  seinen Zenit überschritten hat, ist er von erstaunlicher Aktualität. Im Spätkapitalismus verschwindet der klassische Arbeiter immer mehr aus selbstdenkenden Fabriken und aus den nichtuniversitären Bildungseinrichtungen sind die Angebote von Seminaren, die Genesis und Entwicklung von sozialen Massenbewegungen schwerpunktmäßig thematisieren und was noch im Gefolge der 68er Bewegung ihre Stärke war, verschwunden. Indem die menschliche Arbeit durch Roboter auf ihr Minimum reduziert wird, wird die Begierde ungehemmter und das Verschwinden immer weniger aufgehalten. Der Arbeiter wird nicht nur Pauper, seines Kerns beraubt und immer flüssiger werdend, er begreift die Welt immer weniger und nähert sich den armseligen Kreaturen, die im Mittelalter in den Kirchen katholische Predigten in einer Sprache anhören mussten, die sie nicht verstanden. Wir nähern uns jetzt durch die Zerstörung der im klassischen Kapitalismus wenigstens rudimentär angelegten polytechnischen Arbeit mit raschen Schritten einer Periode der kulturellen Barbarei, die alles erfassen wird und neben der sich die Verwüstungen des ersten und zweiten Weltkrieges zusammen wie eine Marginale ausnehmen. Das Fatale aber wird an ihrem Ausgang der endgültige Triumph der genormten Mittelmäßigkeit sein, die schon heute stumpf ist gegenüber dem sehr wertvollen Hinweis von Lenin, dass die Barbarei im kapitalistischen Arbeitsprozess „tausendmal mehr entsetzliche Leiden und unmenschlichste Qualen bereitet als irgendwelche außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege, Erdbeben usw.“52. Die ganze Hoffnung besteht heute darin, dass unter den Überlebenden einige Wenige sein werden, sensibel genug, um zu erkennen, dass dann die Werke der französischen Aufklärung, die der klassischen deutschen Philosophie und die von Marx, Engels und Lenin das Überleben der Gattung sichern.

Rosa Luxemburg waren die Pariser Manuskripte unbekannt, als sie, wohl ohne zu wissen, dass sie in Deutschland in Hegelscher Tradition stand, das Begreifen  der wissenschaftlichen Wahrheit räumlich vom Standpunkt zum eigentlichen Produktionsprozess verortete. Ja nicht nur in Hegelscher, sondern in einer jakobinistischen, auf die Hegel rekurriert und die ihr nicht geschmeckt hätte, da sie so oft gegen Lenins Neigungen zu einem Jakobinerzentralismus gewettert hatte. Im Feudalsystem war es dem Adel traditionell untersagt, überhaupt handwerklich tätig zu werden und es ist heute zu fragen, ob nicht durch die sich abzeichnende Verwaltung der Produktionsstätten durch Roboterkompanien bei minimaler menschlicher Primärsteuerung die Masse der Völker einer Degeneration entgegengeht, die für den dekadenten Adel vor der bürgerlichen Revolution so charakteristisch war. Aus dem Hass gegen den Adel entwickelten Rousseau 53. und Marat eigenständig einen sich ähnlich sehenden Kult der Arbeit, der Härte und der Disziplin, der sich befruchtend  auf die polytechnischen Schulkonzepte der Jakobiner (zum Beispiel die Anlage von Schulgärten, die Förderung einer paramilitärischen Ausbildung) auswirkte. Die polytechnische Substanz des jakobinistischen Arbeitsbegriffes nahm der Hegelsche wieder auf und vererbte ihn an die deutsche Sozialdemokratie, die die Arbeit als die Quelle allen Reichtums unabhängig von der Eigentumsfrage sogar in das die Arbeiterpartei demoralisierende Gothaer Programm schrieb. Dieses provozierte bekanntlich sowohl Marx als auch Engels zu Gegenschriften, neben der Hauptkritik des Programms durch Marx insbesondere auch zwei erhellende Briefe von Engels an Bebel vom 18. und 28. März 1875. Die Sozialdemokratie hatte schlicht überlesen und damit hinter Rousseau zurückfallend, bei dem sich zum Kult der Arbeit einer der Natur, deren Erde keinem und deren Früchte allen gehört, aufeinander verweisend dazugesellte, dass bereits  Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ holzschnittartig den von Ideologie abzugrenzenden Wissenschaftsbegriff abhängig vom Privateigentum (an den Produktionsmitteln) gemacht hatten. „Die interessierte Vorstellung, worin ihr eure Produktions- und Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, in dem Lauf der Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und Vernunftgesetze verwandelt, teilt ihr mit allen untergegangenen herrschenden Klassen. Was ihr für das antike Eigentum begreift, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürt ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum“. 54. Eigentum bedingt subjektiv eine Blockade dialektischen Denkens, eine Befangenheit im status quo und objektiv Ideologie. So konnte sich für Marx zum Beispiel das Judentum theoretisch nicht weiterentwickeln, „weil die Weltanschauung des praktischen Bedürfnisses ihrer Natur nach borniert und in wenigen Zügen erschöpft ist“. 55. Erst die Vergesellschaftung des Privateigentums an den Produktionsmitteln entwertet die Ware als Ware. Lenin sprach davon, dass Geld der Welt von gestern angehören werde. In der Geschichte der Sowjetunion gab es Phasen, in denen die Warenproduktion auf Gegenstände des persönlichen Bedarfs beschränkt war. Man kann die Dialektik von Revolution und Konterrevolution in einem sozialistischen Land an der Zu- und Abnahme der Warenproduktion ablesen. Zum Beispiel durch die Libermanschen Reformen 1965 in der Sowjetunion; zum Beispiel durch die Einführung der Maschinen-Traktor-Stationen  daselbst. Ihre Auflösung 1958, vor der Stalin gewarnt hatte, war einer der wesentlichen Gründe ihres Zerfalls. Für die Kommunisten ist die Eigentumsfrage die Grundfrage der Arbeiterbewegung.

Nicht der Weitlingismus, sondern der Marxismus wurde die Anleitung zum Handeln der Arbeiterklasse durch die Dialektik, durch die materialistische. Er bleibt dies natürlich auch in einer Gesellschaft, die erste und erfolgreiche Schritte getätigt hatte, den Kapitalismus zu überwinden. Im November 1938 erschien in der Sowjetunion die „Geschichte der KPdSU (Bolschewiki) Kurzer Lehrgang“, nachdem im März 1938 der dritte Moskauer Prozess gegen den Liebling der bolschewistischen Partei Bucharin und andere zu Ende gegangen war. Der Zusammenhang der Ereignisse ist offenkundig. Die Parteigeschichte sollte  die Begründung für die Prozesse liefern und die durch diese erschütterten Sowjetbürger ideologisch festigen. Und wieder war der Leitstern des Buches die Dialektik, jetzt in der Form eines kurzen, teilweise hölzern geratenen Aufsatzes von Josef Stalin, den er schlicht mit dem Titel versah: „Über dialektischen und historischen Materialismus“. In Lenins sogenannten Testament vom 4. Januar 1923, 15 Jahre vor dem Prozess gegen Bucharin diktiert, tauchen über ihn zwei bemerkenswerte Ausführungen auf: Bucharin sei der „Liebling der Partei“ und habe die Dialektik nie gründlich studiert und nie richtig begriffen. Vor dem Moskauer Militärtribunal der Revolution wiederholt Bucharin in seinem Geständnis die Bemerkungen Lenins über seine mangelhafte Dialektikbeherrschung wortwörtlich. Der Liebling der Partei wird zum Tode verurteilt und erschossen. Zugleich enthielt das Testament den dringenden Fingerzeig, Stalin von seinem Posten als Generalsekretär der Partei wegen charakterlicher Mängel, sie sich später als richtig eingeschätzt und als fatal erwiesen, abzulösen. Dies geschah bekanntlich nicht. Es erwies sich, dass diejenigen, die die innere und äußere Naturbeherrschung anstrebten, nicht einmal in der Lage waren, ein Testament zu vollstrecken. Jahre später wird Stalin vor der Partei auf Grund des vorliegenden Lenintestaments seinen Rücktritt anbieten, aber die Delegierten rufen ihm zu, auf seinem Posten zu bleiben. Damit ist das Testament Lenins, wie es im Juristendeutsch heißt, „verbraucht“. Ein „weltlicher Gott“ und der Kult um ihn hatte über die Idee der Kollektivität gesiegt. Ist für diesen Auswuchs die theoretische Wurzel in Lenins „Was tun ?“, in seinem Konzept einer Kaderpartei  zu suchen ? Benötigt der Mensch eine menschliche Sonne außer sich, so liegt auch sein Mittelpunkt nicht in ihm und der aufrechte Gang endet durch viele Kotaus in einem Bandscheibenvorfall.

Der aufrechte Gang und das Ende der Philosophie ist gebunden an den der Arbeit. In der antiken Sklavenhaltergesellschaft lag in philosophischen Kreisen eine Verachtung der körperlichen Arbeit vor und sie versuchten passiv eine ewige kosmische Ordnung zu vernehmen. Dazu konträr wurde, durch Descartes, noch mehr durch die Umwälzung der Produktivkräfte initiiert, die Quelle der Wahrheit ins Subjekt verlegt. Das cartesianische „Ich denke“ manifestiert das gegen die mittelalterliche Fetischverblendung aufstrebende, weltzugewandte und in der Mittagssonne der Philosophie in der Welt aktive, der Emanzipation der bürgerlichen Klasse nützliche bürgerliche Subjekt, das noch im anschauenden Materialismus Feuerbachs nur als einzelnes Individuum gefasst wird. Sowohl für Marx als auch für Engels gehört die ganze nachhegelsche Philosophie bereits einer Dekadenzphase der Philosophie an. In seiner philosophischen Dissertation 1841 vergleicht Marx Hegel mit Aristoteles mit dem Resultat, dass die Philosophie nach beiden Vollendern zur Ohnmacht verdammt war. Nach beiden können  in der Geschichte der Philosophie nur „bodenlos dürftige Versuche“ neuer Philosophen vermerkt werden. Für Engels (wie für Heinrich Heine) schließ mit Hegel die ganze Philosophie überhaupt ab. Mit der Kritik am Linkshegelianismus geht in der „Deutschen Ideologie“ eine Kritik der ganzen bürgerlichen philosophischen Tradition des „Heiligen Geistes“ einher. „Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium“ 56.  Aus dieser fast totalen Entwertung der Philosophie, lediglich die Hegelsche Dialektik wird noch von den sozialistischen Klassikern hinübergerettet, um an ihrer Kririk den dialektichen und historischen Materialismus zu entwickeln, steigt aus der Negation der antiken Philosophie durch die bürgerliche und durch die Negation dieser die jetzt noch entfremdete Arbeit als die zentrale Kategorie der menschlichen Emanzipation und der wissenschaftlichen Erkenntnis hervor. Wenn schon trotz einer entfremdeten Arbeit wissenschaftliche Erkenntnisse möglich waren, welche Blüten der Wissenschaften sind zu erwarten in der Periode einer befreiten, in der ihnen keine Ideologie mehr beigemengt werden kann. Über die Darwinisten schrieb Engels, „daß selbst die materialistischsten Naturforscher der Darwinschen Schule sich noch keine klare Vorstellung von der Entstehung des Menschen machen können, weil sie unter jenem ideologischen Einfluß (des Idealismus/H.A.) die Rolle nicht erkennen, die die Arbeit dabei gespielt hat“. 57.  Der verächtliche Bedeutungsgehalt der Arbeit in der Antike ist in ihr Gegenteil umgeschlagen, während die Philosophie aus den Wissenschaften so gut wie verbannt wurde. Alle Versuche der Wiederbelebung einer Natur- oder Geschichtsphilosophie wären reaktionär. 58. Der Geschichtsprofessor Schiller bemühte noch in seiner am 26. Mai 1789 in Jena gehaltenen Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte ?“ einen philosophischen Verstand, der die Bruchstücke der Universalgeschichte zu einem Ganzen kitte, das Aggregat zu einem System erhebe. Die Geschichte der Wissenschaften geht ihren eigenartigen Weg der Verblüffung. Indem die Gesellschaft vollends ein System der Bedürfnisse geworden ist, erhält sie das Resultat, das sich ergibt, wenn der Geist gegen sich selbst arbeitet und als letztes Wort der Wissenschaft ermittelt, dass der Idealismus sich im Irrtum befindet, wenn er behauptet, das sich das Tun des Menschen aus seinem Denken gründet. Das damit erreichte Ende der Metaphysik ist zugleich das der Philosophie, die heute ihre Geschichte ist. Die Dialektik Hegels, sein Prozessdenken beflügelte gerade nicht die Philosophie, sondern die Gesellschaftswissenschaften insgesamt, die ihren Schwerpunkt auf die Erforschung der ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft warfen und meinten, dass sie dabei um so tiefer durchdringen, je stiefmütterlicher sie die Philosophie behandelten. Dennoch besteht ein qualitativer Unterschied zwischen Philosophie und Religion, beide sind als Formen des Überbaus an die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft in welcher Form auch immer gebunden, die Religion aber verlegt die Anerkennung des Arbeitssklaven als Menschen in ein Jenseits, während diese in der Philosophie geistige Waffen für den Klassenkampf (Dialektik, Atheismus … Ich meine hier nicht den schmutzig-jüdischen Atheismus: „Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen – und verandelt sie in eine Ware“ 59. ) finden können. Die Religion bringt Unglück über die Völker, denn sie lehrt, dass sie ihr Glück auf Erden nicht werden finden können. Aber auch die menschliche Hand arbeitet gegen sich selbst. Ihre Emanzipation gegen gesellschaftliche Verhältnisse der Passivität, die ein kontemplatives Weltbild erstellen, geht einher mit ihrer Entwertung. Vom Proletarier wird nur der „einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt“. 60. Aus der Evolution des Menschen kann der Nachweis erbracht werden, dass die Entwicklung seiner Intelligenz nach dem Darwinschen Gesetz der Korrelation des Wachstums mit der der Hand Schritt hält. Die Veränderung der Natur fällt auf die Menschen zurück, die in der Produktion nicht nur auf die Natur, sondern auch aufeinander einwirken. Indem die Masse der Arbeiter unter das Juggernaut-Rad geworfen wird, degeneriert sie nicht nur zum Pauper, die Eintönigkeit der kapitalistischen Produktion hält sie auf dem Niveau von apolitischen Kulturbanausen und verhindert den Sprung aus dem trade-unionistischen zum sozialistischen Bewußtsein und damit die Möglichkeit der Gründung einer neuen kommunistischen Gesellschaft jenseits von Lohnarbeit und Kapital, in deren sozialistischer Übergangsperiode die Politisierung eine Entpolitisierung ist. Aus ihren eigenen Eingeweiden bringt die kapitalistische Produktion fortwährend den apolitischen Arbeiter hervor. Andererseits sind die qualitativ hochstehenden Arbeiten quantitativ zu singulär und zu weit verstreut, um einen Umschlag von Quantität in Qualität im Klassenkampf zu bewirken. Für die Masse der Arbeiter, die im Umschlag der Revolution den Ausschlag gibt, gilt, dass der Lohn als Bezahlung der Ware Arbeitskraft in demselben Maße abnimmt wie die Widerwärtigkeit der Arbeit wächst. 61. So wird eine fatale Polarisierung der bürgerlichen Gesellschaft fixiert: die Masse der Handarbeiter kommt nicht in den Genuß der Raffaelschen Gemälde, der Thorvaldschen Statuen und der Paganinischen Musik, obwohl diese Kunstwerke indizieren, welch hohen Grad von Vollkommenheit die Menschenhand mittlerweile erreicht hat. 62. Mit der Abnahme der Widerwärtigkeit der Handarbeit und der ihr gegenläufigen Steigerung des Lohnes nimmt die kulturelle Entwicklung einer kleinen Schicht von Arbeitern zu … bis zur Arbeiteraristokratie, die zum Hindernis für die Revolution wird. Man muss nicht nur fragen, warum ist der sich selbst real existierend nennende Sozialismus im Osten Europas implotiert, man muss auch fragen, warum ist der Kapitalismus im Westen Europas noch nicht explodiert ? Mit einer Heroisierung der Arbeiterklasse ist also äußerst vorsichtig umzugehen. Während der Kommune 1871 ist ein Teil des Pariser Proletariats zu den weißen Versaillern übergelaufen und nach den Erfahrungen mit dem Faschismus ist erst recht nachzuvollziehen, warum Lenin seinen Bolschewiki riet, sich nur bis zu einem gewissen Grade  mit den proletarischen und in erster Linie mit den nichtproletarischen Massen zu verschmelzen. 63. Zugleich liegt hier die Gefahr, dass sich die revolutionären Kader von den Massen entfernen können auf dass sich der ganze bürgerliche Repressionsapparat reproduziere.

Die Analyse ideologischer Verblendungszusammenhänge greift ohne Thematisierung der Wechselwirkung zwischen Hand- und Kopfarbeit zu kurz. Je mehr sich falsches Bewußtsein steigert, bis es schließlich in der Religion gipfelt, desto mehr wird die Bedeutung der Hand herabgesetzt zugunsten des Kopfes, bis dieser Prozess schließlich im apriorischen Idealismus gipfelt. Ist die Religion der Seufzer der bedrängten Kreatur, so ist auch der Idealismus nicht einseitig zu kritisieren und nur zu verwerfen. Durch äußeren Zwang gibt sich befangenes Denken als das Gegenteil  seiner selbst aus bis hin zum Wahn, zu den Gedanken Gottes vor der Schöpfung der Welt und eines endlichen Wesens. Und doch: die im Frühjahr 1845 geschriebene erste These über Feuerbach legt den Finger auf die gleiche Wunde des Materialismus im Vergleich zum Idealismus, auf die Marx fast dreißig Jahre später im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals noch einmal hinweist. Es ist die sekundäre Diskrepanz zwischen Weltanschauung und Methode. Ein Idealist  hat in philosophischer Verblendung die allgemeinen Bewegungsformen der Dialektik „zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt“. 64. Die Diskrepanz ist eine sekundäre, da der Idealismus durch Hegel die Methode entwickelt hatte, die ihm zukommt und der Materialismus durch Marx die diesem entsprechende. Im philosophischen Idealismus kommt zum Vorschein, dass die Hand nur ein ausführendes Organ ist, gleichwohl ist sie es, die die Welt in Bewegung setzt und hält. Archimedes saß am Ufer und machte mühelos ein großes Schiff flott. Der Marxismus entwickelte sich in dem Spannungsverhältnis einer vordergründigen völligen Verachtung des deutschen Vaterlandes, in dem nach dem jungen Marx außer der Philosophie alles mißraten war, und einer Erwartung, dass der Radikalismus der deutschen Philosophie die  Menschheit  heilen kann. Plechanow beendete seinen Aufsatz zum 60. Todestag Hegels mit einem Gedanken, den er für die Quintessenz des deutschen Idealismus hielt: „Rücksichtsloses Streben nach einem großen historischen Ziel – dies ist das Vermächtnis der idealistischen Philosophie“. 65. Indem Hegel von der Philosophie einfordert, sich dem objektiven Gang der Sache selbst zu überlassen, bleibt das denkende philosophische Subjekt der Tradition wichtig und wird zugleich unwichtig. Das dem deutschen Idealismus immanente Schwergewicht an Ideologie ließ ihn dennoch die der Wissenschaft immanente Kollektivität ausdrücken, wie es keiner anderen philosophischen Strömung gelang. Diese wird in einer Dichte vermittelt, die der ganze nichtmarxistische Materialismus des 19. Jahrhunderts nicht erreichte, im Gegenteil, gerade Feuerbach steuerte die Philosophie bedenklich in die Nähe zur Anthropologie, Vogt hatte anarchistische Anwandlungen. „Das Höchste, wozu der anschauende Materialismus kommt, d.h. der Materialismus, der die Sinnlichkeit nicht als praktische Tätigkeit begreift, ist die Anschauung der einzelnen Individuen und der bürgerlichen Gesellschaft“. 66. Die beiden durchgehenden Grundmängel der materialistischen Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts müssen in den Unfähigkeiten gesehen werden, nur die Natur materialistisch gedeutet zu haben, nicht aber die Geschichte, selbst Feuerbach blieb hier Idealist, und im Vorherrschen eines mangelhaften dialektischen Denkens, ja dessen Ablehnung, etwa durch Vogt. Moleschotts Auseinandersetzung mit der Hegelschen Phänomenologie blieb durchaus unfruchtbar. Es ist ein ganz komischer Gedanke, von Denkern wie Hegel, Marx oder Lenin, den Eugen Kogon einen „Mönch des Marxismus“ nannte, eine Autobiografie zu erwarten. Heute ist es Mode geworden, dass sich selbst Augenblicksgötzen aufspreizen und ein nach Millionen zählendes Lesepublikum erreichen, das von ihnen nichts lernen kann und nichts lernen will. Wem es um die Sache selbst, um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geht,  der kann nicht von einem ruhigen Punkt aus in sein Inneres einkehren, um es vor einem Vulgärpublikum nach außen zu kehren. Aus ihm werden niemals rastlose, sich aufopfernde Diener der Weltgeschichte kommen, damit die Völker zu  Herren derselben werden.

 

 1. Robert Owen, Report to the Country of Lanark, in: A New View of Society and Other Writings, London, 1927,266

2. Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,517.Das Glück des Menschen lag für Friedrich Engels im seinem Einssein mit der Natur. (Vergleiche Friedrich Engels, Dialektik der Natur, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,453).

3. Vergleiche Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1957,369. Am kompaktesten hat Engels den Zusammenhang zwischen Industrialisierung und Kommunismus 1876 dargestellt: „Die Männer, die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert an der Herstellung der Dampfmaschine arbeiteten, ahnten nicht, daß sie das Werkzeug fertigstellten, das mehr als jedes andre die Gesellschaftszustände der ganzen Welt revolutionierten und namentlich in Europa durch Konzentrierung des Reichtums auf Seite der Minderzahl, und der Besitzlosigkeit auf Seite der ungeheuren Mehrzahl, zuerst der Bourgeoisie die soziale und politische Herrschaft verschaffen, dann aber einen Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat erzeugen sollte, der nur mit dem Sturz der Bourgeoisie und der Abschaffung aller Klassengegensätze endigen kann“. (Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, Ausgwählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,382).

4. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1961,277. Es ist dieses Phänomen nicht nur auf die Philosophen zu beschränken. Die Koryphäen der Medizin verspotteten Semmelweis, als er als Mittel gegen das Kindbettfieber  Händewaschen vorschlug.

5. Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Die Deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1957,36

6. Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1957,79. Im dritten Band des Kapitals führt Marx aus, dass der spekulierende Großhändler in Aktiengesellschaften gesellschaftliches Eigentum riskiert, nicht seins. (Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1957,455). 

7.  Vergleiche Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,209

 8. Vergleiche Lenin, Kleinbürgerlicher und proletarischer Sozialismus, Werke Band 9, Dietz Verlag Berlin, 1958,446. Der Revisionismus, diese politische Form des mechanischen Materialismus, hat darin die Möglichkeit gesehen, sich an der Revolution vorbeizumogeln, indem er eine Bändigung des Kapitals durch demokratische Wahlen und Parlamentsmehrheit in Aussicht stellte. Er begriff den bürgerlichen Staat nicht als Kriegswerkzeug der kapitalistischen Klasse, das durch die Gründung einer neuen Gesellschaft abzuschaffen ist.

9. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1961,471. Im Satz von Marx und Engels liegt im Kern eine Abgrenzung vom Opportunismus vor, denn diesem geht es in der Tat immer nur um den unmittelbaren Erfolg. Das ist die im Trade-Unionismus schlummernde Gefahr, der man nur mit der Wissenschaft, mit dem wissenschaftlichen Sozialismus beikommen kann. Schon Lassalle wußte: „Erst wenn Wissenschaft und Arbeiter, diese entgegengesetzten Pole der Gesellschaft, sich vereinigen, werden sie alle Kulturhindernisse in ihren ehernen Armen erdrücken“. (Ferdinand Lassalle, Die Wissenschaft und die Arbeiter, Zürich 1897,19).

10. Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,515. Folgt man den Experten des Marxismus, so hatte Engels mit dieser kleinen Schrift Marx auf die Bedeutung der Ökonomie für die Untersuchung gesellschaftlicher Fragen gestoßen. Der reife Marx sagt im dritten Band des Kapitals nichts anderes: „Vom Standpunkt einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem anderen Menschen“. (Karl Marx, Das Kapital, Band III, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,784).

11. Vergleiche Lenin, Unsere außen- und innenpolitische Lage und die Aufgaben der Partei, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,414

12. Lenin, Die Grosse Initiative, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,536. Die Subbotniks hatten für Lenin ungefähr die gleiche Qualität, die für Robespierre die Tugend hatte. Die Tugend war ihm der Garant für die Befreiung der ganzen Menschheit, wenn sie „alle Privatleidenschaften der allgemeinen Leidenschaft für das allgemeine Wohl“ unterwirft. Die Jakobinerdiktatur vollzog das Wohl der Gattung terroristisch. „In den Momenten seines besonderen Selbstgefühls sucht das politische Leben seine Voraussetzung, die bürgerliche Gesellschaft und ihre Elemente, zu erdrücken und sich als das wirkliche , widerspruchslose Gattungsleben des Menschen zu konstituieren“. (Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,357).

13. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,478. Man kann sich den Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus auf die Merkformel bringen: die Klassenantagonismen werden durch die gesellschaftliche Entwicklung aufgehoben, nichtantagonistische Widersprüche in ihr bleiben.

14. Vergleiche Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage, Werke Band 18, Dietz Verlag Berlin, 1960,248. Eine Disproportionalität wird von Engels selbst konstatiert, und zwar auf dem Gebiet der Philosophie. Er betont in seinem Brief an Conrad Schmidt vom 27. Oktober 1890 ausdrücklich, dass die französische Philosophie trotz der ökonomischen Zurückgebliebenheit Frankreichs gegenüber England weiter fortgeschritten sei als die englische und setzt dem noch die Krone auf mit der Festlegung, dass die Philosophie in Deutschland, in dem die Ökonomie noch unentwickelter war als in Frankreich, überragt. (Vergleiche Brief von Friedrich Engels an Conrad Schmidt vom 27. Oktober 1890, in: Friedrich Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890 bis 1895), Dietz Verlag Berlin, 1979,38).

15. Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution ?, in: Rosa Luxemburg, Politische Schriften, Reclam Verlag Leipzig, 1970,26

16. Vergleiche Karl Marx, Zu Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,370

17. Nicht zufällig entwarf Lenin im Februar und im März 1905 einen Plan einer Vorlesung über die Pariser Kommune. (Siehe Lenin, Plan einer Vorlesung über die Kommune, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1958, Seite 195 bis 198). Und im März 1905 schrieb er einen Artikel über den Strassenkampf, in dem er die Memoiren des Kommunegenerals Cluseret, der auch im amerikanischen Bürgerkrieg gegen die Sklavenhalter kämpfte, auswertete. (Siehe Lenin, Über den Strassenkampf, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1958,228f.).

18. Vergleiche Lucio Colletti, Lenin, die Bolschewiki und die Widersprüche der sowjetischen Revolution, in: Sozialistische Hefte, Dezember 2007,7f. Petrograd, das im Jahr 1916 2 400 000 Einwohner zählte, kam 1920 nur noch auf 740 000, Moskau erlebte im gleichen Zeitraum einen Bevölkerungsrückgang von 1 900 000 auf 1 120 000.

19. Antonio Carlo sieht im Werk von Marx sowohl eine objektivistische (im Kapital Band III, 892f. ) als eine subjektivistische (im Brumaire MEW 8,198ff) Tendenz angelegt. (Vergleiche Antonio Carlo, Politische und ökonomische Struktur der UdSSR (1917 – 1975), Diktatur des Proletariats oder bürokratischer Kollektivismus, Rotbuch 36, Wagenbach Verlag Berlin, 1972,122). Engels spricht von der „Wechselwirkung zweier ungleicher Kräfte“ (Friedrich Engels, Brief an Conrad Schmidt vom 27. Oktober 1890, Werke Band 37, Dietz Verlag Berlin, 1961,490).

20. Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Werke Band 9, Dietz Verlag Berlin, 1960,14f.

21. Aus ihnen erwuchs auch noch die faschistische Bodenideologie. Der vom im Kern anti-urban ausgerichtete Faschismus, die Zerstörung von Moskau, Stalin- und Leningrad und von Paris war vorgesehen, bewirkte Kulturschock lag darin, unerbittlich aufgezeigt zu haben, dass der Geist des Fortschritts nicht zugleich mit dem Geist der Freiheit Hand in Hand geht. Kracauer graute schon 1930 vor der anti-urbanen Aggressivität des Faschismus, der in Hermann Lons seinen Blut-und-Boden-Dichter fand.

22. Die kommunistische Revolution “ … ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben“. (Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1957,375).

23. Durchdenkt man das unter der vierten Anmerkung angegebene Zitat von Engels, so wird ablesbar, dass der Kommunismus eine Gesellschaft ohne Gesellschaftswissenschaften sein wird. Sonst wäre Lenins Satz: „Die Menschen waren in der Politik stets die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug“ nur ein Sinnspruch eines Kalenderphilosophen. (Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,9).

24. Vergleiche Karl Marx, Vorwort zu ersten Auflage des Kapitals, in: Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1957,15f.

25. Diese Worte waren die Antwort der Dekabristen, Revolutionäre aus dem Adel, die sich im Dezember 1825 gegen den Absolutismus und Feudalismus erhoben hatten, an den Dichter Puschkin entnommen, der ihnen in die sibirische Verbannung eine Begrüßung geschickt hatte.

26. Friedrich Engels hat in seiner Artikelserie „Zur Wohnungsfrage“ aus dem Jahr 1872 dieses Wort kursiv abdrucken lassen. (Siehe: Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage, Werke Band 18, Dietz Verlag Berlin, 1960,219). Das gerade diese Vogelfreiheit das ungeheure revolutionäre Potential des Proletariats in sich birgt, hatte er als erster 1845 in seiner Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ behauptet.

27. Wenn wir die Weiterentwicklung der von Papin Ende des 17. Jahrhunderts erfundenen Dampfmaschine durch James Watt, die im separaten Kondensator bestand, als Ausgangspunkt annehmen, also das Jahr 1769. Watt hatte die Dampfmaschine derart weiterentwickelt, dass sie die industrielle Revolution auslösen konnte.

28. Vergleiche Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,277

29. Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart, 2011,103. Es ist gerade der autoritäre Charakter, der die Orientierung auf einen Mittelpunkt, auf „Germania“ oder auf den Vatikan in Rom braucht.

30. Vergleiche Lenin, Über die Junius-Broschüre, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,315

31. Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1960,252. Für Rosa Luxemburg war der Militarismus bereits 1898 zur kapitalistischen Krankheit geworden. (Vergleiche Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution ?, in: Rosa Luxemburg, Politische Schriften, Reclam Verlag Leipzig, 1870,41).

32. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr 1844, MEW Ergänzungsband I, Dietz Verlag Berlin, 1960,536

33. a.a.O.,546

34. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,483 f.

35. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Differenz des Fichte’schen und Schelling’schen Systems der Philosophie, Gesammelte Werke Band 4, Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf 1980,28

36. Vergleiche Friedrich Engels, Schelling und die Offenbarung, Kritik des neuesten Reaktionsversuch auf die freie Philosophie, MEW Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Zweiter Teil, Dietz Verlag Berlin, 1982,179

37. Vergleiche Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution ?, in: Rosa Luxemburg, Politische Schriften, Reclam Verlag Leipzig, 1970,63

38. Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,381

39. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr 1844, MEW Ergänzungsband I, Dietz Verlag Berlin, 1960,574.

40. Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1961,476

41. Friedrich Engels an Conrad Schmidt, Brief vom 27. Oktober 1890, Werke Band 37, Dietz Verlag Berlin, 1960,492

42. Lenin, Über proletarische Kultur, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1961,308

43. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1961,269

44. Die Thesen über Feuerbach, die sich auch gegen die Hegelabhängigkeit der Linkshegelianer richten, klären u. a. das Verhältnis von Theorie und Praxis und das von Philosophie und Politik. Die spezifische Theorielastigkeit der Philosophie, ihr Hineingeraten in eine Sackgasse, kommt in Hegels Religionsphilosophie sehr prägnant zum Ausdruck. Dort heißt es, Philosophie sei “ … ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbar praktische Seite und Angelegenheit der Philosophie“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, herausgegeben von Hermann Glockner, Band 16,  Friedrich Fromann Verlag, Stuttgart Bad Canstatt 1965, 356). Marx will nun gerade seine Gegenwart aus dem Zwiespalt der Klassen und ihrer Kämpfe herausführen. Schon in seiner Schrift gegen Bruno Bauers Behandlung der Judenfrage vom Herbst 1843 kommt deutlich die Kontur zum Vorschein, dass es gilt, nicht den Sabbatsjuden zu betrachten, sondern den Alltagsjuden, also den theologischen Kreis der Frage aufzubrechen und auf ein Bündnis der Philosophie mit der Politik hinzuwirken. Wissenschaftsgeschichtlich revolutionär sind die Thesen über Feuerbach, weil sie die revolutionäre Praxis in einem eminent politischen Sinn in einer Betonung hervorbringen, die in der bisherigen Wissenschaftsgeschichte kein Seitenstück findet  und durch die nun auch das bisherige Bündnis zwischen Politik und Philosophie gesprengt wird. Ab den Thesen ist Marx ein revolutionärer Politiker. In der „Deutschen Ideologie“ bekennt er zusammen mit Engels Farbe: von allen Formen des Überbaus stehe die politische Illusion der Wirklichkeit, der Basis  noch am nächsten. (Vergleiche Karl Marx, Die deutsche Ideolgie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,39). Marx begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Idealist, schrieb eine Dissertation auf dem Gebiet der Philosophie und ist jetzt als Revolutionär im Dienste der Arbeiterklasse, als praktischer Materialist, für den es sich darum handelt, die Dinge praktisch anzufassen, angekommen. Die Thesen über Feuerbach als auch das Feuerbachkapitel in der „Deutschen Ideologie“ sind vor allem Schlüsseltexte der Wissenschaft von der Politik. Gern weisen Pragmatiker aus dem Gebiet der Politik auf die Phantastereien von Marx und Engels aus der „Deutschen Ideologie“ hin,  in der bekanntlich der berühmte Satz steht, dass die Menschen im Kommunismus in einer Muße leben, die es ihnen ermöglicht, “ …morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben und nach dem Essen zu kritisieren“ (a.a.O.,33). Jäger, Fischer, Viehzüchter – schon diese archaischen Berufsbilder aus dem ruralen Bereich lassen vermuten, dass diese Passage von Marx und Engels nicht ernst gemeint war, denn sie verfochten keinen primtiven Bauernkommunismus, sondern einen Kommunismus, der sich auf der Grundlage der urbanen „Großen Industrie“ errichtete. Diese Passage war polemisch gemeint, wie das Schlußglied in der Aufzählung : „nach dem Essen zu kritisieren“ nahelegt. In der Tat ist diese Passage gegen den Linkshegelianer und „kritischen Kritiker“ Bruno Bauer gerichtet, auf den auch die Bilderwelt der archaischen Tätigkeiten zurückgeht. Hier handelt es sich um ein Problem des Marxismus, das keines ist.

45. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1961,298

46. Vergleiche Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademieausgabe, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1980,232

47. Wie kann man heute von Kapitalisten erwarten, dass sie pfleglich mit unserer Umwelt umgehen, wenn sie sich nur um den unmittelbaren Nutzeffekt ihres Produkts kümmern, ja selbst dieser vor der Profitmaximierung in den Hintergrund tritt ?

48. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1961,276

49. Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution ?, in: Rosa Luxemburg, Politische Schriften, Reclam Verlag Leipzig, 1970,123

50. Vergleiche Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr 1844, MEW Ergänzungsband I, Dietz Verlag Berlin, 1960,574

51. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Gesammelte Werke Band 4, Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf 1980,115.

52. Lenin, Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion, Werke Band 15, Dietz Verlag Berlin, 1960,408

53. „In einem wirklich freien Staat tun die Bürger alles eigenhändig und nichts mit Geld … ich bin von den gängigen Vortsellungen weit entfernt; ich halte Hand- und Spanndienste für weniger freiheitswidrig als eine Besteuerung“. (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag Stuttgart, 2011,105). Gerade in der Aufklärung wird die Bedeutung der Handarbeit für die Evolution des Menschen herausgestrichen, die von Diderot betriebene Enzyklopädie nimmt tabubrechend als erstes Lexikon der Zeit explizit die Handwerke in seinen Themenkreis mit auf, eine Bedeutung, die Darwin später wissenschaftlich belegte. Die Hand ist nicht nur Organ der Arbeit, sondern im Vollzug des aufrechten Ganges auch deren Produkt. Bereits in den Schriften des 1493 geborenen Paracelsus, eigentlich Philippus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, finden wir den Gedanken, dass sich der Mensch durch die Arbeit der Bäcker, Winzer, Weber oder Bauhandwerker die Natur gemäß seinen Erkenntnissen nutzbar mache.

54. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1961,478. Man findet in den Werken von Marx und Engels häufiger Beispiele einer holzschnittartigen Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse, am hervorstechendsten wohl im „Elend der Philosophie“: „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,130). Diese Bilder schaffen Klarheit, dürfen aber nicht mechanistisch aufgefasst werden im Sinne einer reinen Sukzession. In jeder ökonomischen Gesellschaftsform sind nicht nur mehrere Produktionsweisen vorhanden, sondern auch noch ineinander verflochten, eine Produktionsepoche wird immer nur durch das vorherrschende Produktionsverhältnis charakterisiert.

55. Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,375

56. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,27

57. Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379

58. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1961,295f.

59. Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957, 374f.

60. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1961,469

61. Vergleiche a.a.O.

62. Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,374

63. Vergleiche Lenin, Der ‚Linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,567

64. Karl Marx, Das Kapital, Nachwort zur zweiten Auflage, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1957,27. Schelling kam in seiner Lehre vom Galvanismus dicht an die Negation der Negation heran.

65. G. W. Plechanow, Zur Geschichtsphilosophie Hegels, in: Das Argument 65, 13. Jahrgang 1971,288

66. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1957,7.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

ÜBER DAS WISSENSCHAFTLICHE STUDIUM DES MARXISMUS LENINISMUS oder das arrogante Wesen muss erscheinen

5. April 2015

Die uns heute bewegende Philosophie, ihr Kreis, aus dem heraus gedacht wird, hebt an mit Kant. Als Aufklärer pochte er darauf, dass der Mensch sich seines eigenen Versandes bedienen soll, als Mittel — zu welchem Zweck ? Das vehementeste Problem der Gattung sah Kant im Krieg als dem Gräßlichsten, was Menschen sich gegenseitig antun können und er vergatterte die Aufklärung, auf den „Ewigen Frieden“ hinzuwirken. Primär in diesem Punkt liegt die gesellschaftswissenschaftliche Aktualität Kants. Kant war kein reinrassiger Idealist. Diesem und den ihm nachfolgenden Idealisten gelang auf Grund der ökonomischen und damit auch politischen Zurückgebliebenheit Deutschlands nicht der Durchbruch zum militanten Atheismus. Dass man mit der kantischen Trennung zwischen Wissen und Glauben immer bereits auf beiden Seiten zugleich ist, war ein Impuls zum dialektischen Denken Hegels. In Hegels Antrittsrede an seine Studenten in Berlin fällt der Satz: „Ich habe mein Leben der Wissenschaft geweiht“ (kursiv von H.A.). Wir würden heute nüchtern sagen ‚gewidmet‘, aber Hegel wollte eben ausdrücken, dass die Trennung zwischen Wissen und Glauben wieder aufzuheben sei, Philosophie und Religion kreisen um das absolute Wissen, wenn auch nicht gleichgewichtig. Hegel musste also die kantische Trennung zwischen Wissen und Glauben, zwischen Erkenntnis und Weltanschauung  aufheben. Jede Erkenntnis, auch die der sinnlichen Gewißheit, ist immer auch absolutes Wissen. Die „Phänomenologie“ ist das allseitige Sichdurchwirken von sinnlicher Gewißheit und absolutem Wissen ineinander, jeder ihrer Sätze ist ein Spiegel dieser Synthesis, (wie etwa der Mensch für Leibniz ein Spiegel des Universums ist). Gerade durch die Weltfülle, die der Geist sie durchdringend einsaugt, wird dessen Suprematie gesichert. Für Hegel konnte nur die Philosophie dem Ansturm der Wirklichkeit und ihren mächtigen Bedürfnissen des Tages standhalten und den Geist in einer zunehmend geistfeindlichen Zeit retten. Die Phänomenologie ist ein bewußt widersprüchliches Werk wie die Logik, in der das undifferenzierte Sein zugleich auch immer differenziertes Sein ineinanderfließend ist.  Es gibt keine Erkenntnis der Wirklichkeit ohne Interpretation der Wirklichkeit, es gibt kein Unmittelbares bar jeglicher Vermittlung. Die Interpretation der Wirklichkeit fiel bei Hegel christlich aus und provozierte die Kritik des sich von einem Hegelianer zu einem Atheisten wandelnden Ludwig Feuerbach: das hegelsche Philosophieren entzünde sich ständig an einem theologischen Glutkern. Cirka vierzig Jahre nach der französischen Revolution war in Deutschland über den Umweg der Hegelkritik  endlich die Höhe des atheistischen Flügels der französichen Aufklärung erreicht. Dem päpstlichen Segen „Urbi et Orbi“ (für Rom und den ganzen Erdkreis) entspricht die Vernünftigkeit der Wirklichkeit. Für Karl Marx aber, darin mit Bakunin einig,  hatte Feuerbach nur die halbe Arbeit geleistet: er hatte zwar die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie entdeckt, aber er kämpfte nicht gegen die irdische Familie, weder theoretisch noch praktisch. Seit dieser Feuerbachkritik hatte Marx die praktische Vernichtung der bürgerlichen Familie auf seine rote Fahne geschrieben. Die Geschichte scheint sich eine witzig-bittere Pointe erlaubt zu haben: gerade in den Zeiten des Elends der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen war die Fortpflanzungssexualität dominierend und potenzierte das Elend, während in der zukünftigen Welt der freien Arbeit die Geschlechterfortpflanzung ganz peripher wird. Das Schlimmste, was dem Sozialismus passieren könnte, wäre seine Paarung mit der protestantischen Verzichtsethik, die in dem Satz Luthers zum Ausdruck kommt: „Wenn ich wüßte, dass morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen“. Eine halbe Sache machte auch Bruno Bauer in der Frage der Judenemanzipation, er wollte sie nur politisch, nicht menschlich emanzipieren. Während Marx mit seinem dialektisch-materialistischen Hammer den Idealismus, den er „Deutsche Ideolgie“ taufte, zertrümmerte, formulierte er doch zugleich einen bei Kants Konzept des Ewigen Friedens und in Hegels Denken explizit dargelegten Gedanken aus: den der Gesetzmäßigkeit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und den des sich daraus ergebenden Gedanken der Periodisierung der Weltgeschichte, während Feuerbach in Anthropologie endete.  Es ging und geht vernünftig zu in der Welt. Während Hegel diese vernünftige Gesetzmäßigkeit aus der Weltgeschichte herausphilosophiert, fordert Marx im Laufe seiner Entwicklung die Gründung einer klassenkämpferisch aktiven kommunistischen Arbeiterpartei, nachdem er die Arbeiterklasse als Vollstreckerin der weltgeschichtlichen Gesetzmäßigkeit in ihrer Endphase der klassenkämpferischen Periode ausgemacht hatte. Bei aller Entgegensetzung zwischen idealistischer und materialistischer Dialektik ist doch im Marxschen Kapital gerade Hegels Gesetzmäßigkeit der Geschichte zur Blüte gekommen. Im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals sagt Marx selbst, dass der Fehler der deutschen Philosophen in den letzten Jahrzehnten darin bestand, „Hegel zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeit den Spinoza behandelt hat, nämlich als ‚toten Hund‘ „. (Karl Marx, Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, in: Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,27). Der Kern der marxistischen Wissenschaft ist die materialistische Dialektik, die Engels als das beste Arbeitsmittel und als die schärfste Waffe bestimmte. Diese Methode ist das Entscheidende. 14 Jahre nach Lenins Kritik an Bucharin, dass er diese Methode nur mangelhaft beherrsche, steht Bucharin 1938 vor dem Moskauer Militärtribunal der Revolution, es blieb ihm in seinem Geständnis nichts anderes übrig, als die Aussage Lenins wortwörtlich zu wiederholen. Der Angeklagte Bucharin, den Lenin zum „Liebling der kommunistischen Partei“ auserkoren hatte,  wurde zum Tode verurteilt und erschossen.

Doch am Anfang der wissenschaftlichen Tätigkeit steht die Dialektik noch nicht im Mittelpunkt – es soll eine Studie, sagen wir über die USA, angefertigt werden – wie ist nun vorzugehen ? Zu den Gesamtwerken von Marx, Engels, Lenin (leider nicht von Stalin, ich habe noch nie eins gesehen) gibt es Registerbände und wir schlagen in diesen zunächst unter dem Stichwort: „Vereinigte Staaten von Amerika“ nach. Es gilt, sämtliche Stellen der Klassiker, in denen sie sich zu diesem Thema geäußert haben, zur Kenntnis zu nehmen, sie gründlich zu studieren, sie zu durchdenken, Exzerpte anzufertigen. Haben wir diese Passagen in ihrer Gesamtheit studiert, beginnt das Sieben: was war zeitbedingt, was ist heute noch aktuell ? 1891 führt Engels aus, dass wir in den USA „zwei grosse Banden von politischen Spekulanten“ (Friedrich Engels, Einleitung zur Ausgabe von 1891 Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,269) vor uns haben, was noch heute den Tatsachen entspricht. Diese Feststellung von Engels hat mehr als hundert Jahre Weltstürme und Weltkriege überdauert, indeß — es gibt auch Gegenbeispiele. Nicht in der Einleitung zum Bürgerkrieg in Frankreich, aber in der Einleitung zu den Klassenkämpfen in Frankreich aus dem Jahr 1895 finden wir das Eingeständnis: „Die Geschichte hat aber auch uns unrecht gegeben …“ (Friedrich Engels, Einleitung zu: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 von Karl Marx, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,673). Also muss gesiebt werden.

Unter Berücksichtigung der aktuellen Passagen aus den Werken der Klassiker gilt es jetzt, ein Studie anzufertigen und bei ihrem Abfassen sind wir bereits dialektisch tätig. Um den roten Faden der wissenschaftlichen Ausarbeitung des Themas in die Hand zu bekommen, müssen wir die Passagen untereinander vergleichen und einen systematischen Zusammenhang unter ihnen herstellen. Vor uns wird sich ein Gesamtbild der USA auftun, wie die Klassiker es gezeichnet haben und nach dem vielen Durchforsten der Werke der Klassiker bekommen wir endlich Land unter den Füßen. Wir taumeln nicht länger in dem unendlichen Ozean des Weltwissens über die USA, das selbst für Megakollektive von Wissenschaftlern nicht zu durchqueren ist, wie Betrunkene umher, sondern sehen klar  und brauchen auf das Geschwätz zweit- und drittklassiger Schönredner nicht mehr zu hören. Mit diesem festen Boden unter den Füßen können wir uns dem reaktionären Schriftgut über Revolutionen zuwenden, dessen Studium und Entlarvung zu den vordringlichsten Aufgaben gehören. 2017 jährt sich zum hundertsten Mal der Ausbruch der Oktoberrevolution. Um ihre welthistorische Bedeutung zu würdigen, ist das Studium der Werke Lenins allein nicht ausreichend, ich verweise nur auf so wichtige Bücher wie die Memoiren Kerenskis und Trotzkis Studien zum „Trikolore“-Februar und zum Roten Oktober. Der Dialektiker muss an die Vielseitigkeit einer Erscheinung denken, an die Unzahl von Schattierungen, die er nie wird vollständig in ihrer Allseitigkeit erfassen können, er muss aber nach der Vollständigkeit des Erfassens streben. In der Oktoberrevolution steckt die Weltgeschichte in ihrer Totalität.

Jetzt aber, wo wir Land unter den Füßen haben, beginnt der Aufstieg an einer steilen Felswand, wir müssen Eigenständiges über das Thema entwickeln und den Marxismus bereichern, ihn themenspezifisch weiterentwickeln, denn bis jetzt haben wir nur Bücherwissen akkumuliert. Auch wenn dieses von genialen Menschen stammt, so ist die Seite der Theorie allein nicht ausreichend, es fehlt die Seite der Praxis. Um den Marxismus in dieser Thematik weiterzuentwickeln, muss man aktiv an Klassenkämpfen, hier in den USA teilgenommen haben. Man kann den Marxismus-Leninismus nicht weiterentwickeln, wenn man nicht die Revolution der Arbeiter und armen Bauern (hier die der USA) vorbereitet, und umgekehrt, man kann die Revolution der Arbeiter und armen Bauern (hier die der USA) nicht vorbereiten, wenn man nicht den Marxismus-Leninismus weiterentwickelt. Lenin starb 1924, er kann uns also wertvolle Hinweise über die USA noch in diesem Jahr gegeben haben, heute schreiben wir aber das Jahr 2015 und diese Lücke können wir ohne die Praxis des Klassenkampfes nicht schließen. Aber selbst wenn wir Zeitgenossen Lenins gewesen wären, würden wir ohne Praxis des Klassenkampfes nicht auskommen, denn bis jetzt war unser Studium rein scholastisch. Die Praxis ist das Entscheidende und Tausende und Abertausende Wissenschaftler scheiterten, sagt Mao, weil sie die Bedeutung der klassenkämpferischen, der revolutionären Praxis nicht begriffen. Sie lasen tausend Bücher über die USA und schrieben dann ein (weiteres) Märchen?buch. Warum ist die weltverändernde Praxis letztendlich wichtiger als die Theorie ? Weil erst durch die revolutionäre Weltveränderung die richtige Übereinstimmungserkenntnis von Subjekt und Objekt herzustellen ist, mithin erst durch sie Wissenschaft begründet werden kann. Deshalb schrieb  Marx im Mai 1875 an Wilhelm Bracke, dass ein Schritt wirklicher Bewegung wichtiger sei als ein Dutzend Programme. Jeder Klassenkampf ist ein Schritt wirklicher Bewegung und jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf. Jetzt ist an den Gedanken Lenins zu erinnnern, dass die Menschen in der Politik immer einfältige Opfer von Betrug und Selbstbetrug sind. (Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,8). Dieser Gedanke ist heute verschüttet und müsste  am Anfang jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Politik, ja am Anfang jedes Studiums der Wissenschaft von der Politik stehen. Und so stecken wir schon tief in der Dialektik: gefordert wird die politische Betätigung — in der man Opfer von Betrug und Selbstbetrug wird. Ein Mensch, der ein Staatsbürger ist, ist politisch, ist ein Sklave und ein betrogener Betrüger und er hört auf, ein Sklave und ein betrogener Betrüger zu sein, wenn er als marxistischer Revolutionär auftritt. Was heißt es, heute als marxistischer Revolutionär aufzutreten ? Ein Revolutionär ist heute ein Kollektivist, der die Arbeiterklasse bewaffnet, um die Bourgeoisie völlig zu vernichten. Man kann den Marxismus-Leninismus in zwei praktisch-politische Forderungen zusammenfassen: a) das Proletariat ist zu bewaffnen, um b) die Bourgeoisie völlig zu vernichten.  Das ist der Kern, von dem aus man zum Beispiel die Typen nichtproletarischer Revolutionen eruieren kann. 1917 setzte ja die Revolution nicht als rein proletarische ein, sie kann niemals als rein proletarische einsetzen, sondern als bürgerliche, die sich radikalisierte, aber immer noch eine bürgerliche blieb, ja sogar rote Soldaten an die imperialistische Kriegsfront schickte, um die Liquidierung der bürgerlichen Revolution durch diese zu entgehen – Haftbefehl gegen Lenin. Alles, was dazu dient, diese Vernichtung in sozialistischer Intention herbeizuführen, ist revolutionär. Warum hat Marx das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft enthüllt ? Um die revolutionären Geburtswehen einer neuen Gesellschaft abzukürzen und zu mildern (Vergleiche das Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,15f.). Die Dialektik der Revolution ist nun die: je härter und grausamer der Revolutionär gegen die Reichen und Mächtigen vorgeht, desto mehr schützt er die Kleinen und Schwachen. Schon dem großen Jakobiner Robespierre war klar: „Die Feinde des Volkes bestrafen ist Gnade, ihnen verzeihen Barbarei“. Es ergibt sich ein doppeltes ABC des Revolutionärs: A: Bewaffnung der fortgeschrittendsten Klasse und ihrer Verbündeten, B: Vernichtung der Bourgeoisie und ihrer Verbündeten, C: Konzentration der Vernichtung auf das militärische und polizeiliche Offizierskorps. Die Macht der bürgerlichen Reaktion basiert immer auf der Armee und der Polizei.  Das zweite ABC des Revolutionärs setzt sich aus den Elementen zusammen: A: klares Feindbild, B: gesunder Klassenhass, C: ständige und fanatische Gewalt- und Vernichtungsbereitschaft gegen den bürgerlichen Staat.

Ein extrem großer Betrug findet heute durch die Massenmedien statt, denn wir leben in einer Zeit, in der man in allen Gebieten nach dem „dernier cri“ lechzt, so auch in der Politik. Aktualität wird mit Wissenschaft verwechselt. Engels hatte die Unzulänglichkeit der modernen Massenmedien erkannt und uns am Beispiel der Zeitungen wertvolle Hinweise gegeben. Keinesfalls dürfen wir, nachdem wir uns theoretisch einen festen marxistischen Boden erarbeitet haben, auf die erbärmlichen Augenblicksgötzen der Massenmedien hereinfallen und das Hinzumengen ihres aktuellen Unrats zum gesellschaftswissenschaftlichen Fundament als eine Weiterentwicklung der Wissenschaft begreifen. Über die Verwertung von Zeitungen im gesellschaftswissenschaftlichen Kontext hat uns, wie gesagt, Engels Aufschlußreiches hinterlassen: zunächst führt er in seiner Schrift über die Philosophie Ludwig Feuerbachs aus, dass es das gewöhnliche „gebildete“ Bewußtsein sei, das seinen Gedankenstoff aus der Tagespresse beziehe. (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,270). Vor allem aber ist sie eine große Fehlerquelle, den „Preßbengels“, wie er mit Marx zu sagen pflegte (Marx begann sein gesellschaftskritisches Schriftwerk mit einem Artikel über die preußische Presseinstruktion), bleibt nicht die Zeit, durch die Oberfläche des politischen Ablaufs auf die dahinter wirkenden ökonomischen Gründe zu stoßen und aus dieser Unzulänglichkeit grassiert heute die politische Halbbildung, die den Sumpf des politischen Halbanalphabetismus bildet, in dem sich das gewöhnliche gebildete Bewußtsein als allumfassend informiert und aufgeklärt gilt und in seinem abgerundeten Weltbild zufrieden grunzt. Es grunzt über seine eigene Dummheit, denn „der klare Überblick über die ökonomische Geschichte einer gegebenen Periode ist … nur nachträglich … zu gewinnen“. (Friedrich Engels, Einleitung zu: „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ von Karl Marx (1895)), in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,669). Engels hat Recht, denn schauen wir uns eine beliebige Nachrichtensendung der Kulturbarbarei an, in keiner wird uns ein klarer Überblick über die ökonomische Geschichte, die das Fundamentale im Hintergrund ist, gegeben. Im Gegenteil, sie sind ganz diffus, springen von einem Außenministertreffen zur Erhöhung einer Steuer, von dem Tod eines Filmstars zu einer Geburt eines Pandabären in einem europäischen Zoo — und am Ende ist das gewöhnliche Bewußtsein dümmer als vor der Nachrichtensendung. Diese Nachrichtensendungen geben uns ein Musterbeispiel an Oberflächlichkeit, die auch politisch geschulte Augen und politisch geschulte Ohren nicht erfassen. Die Darstellung der Tagesgeschichte kann nur fehlerhaft sein und der Wissenschaftler endet in einer Sackgasse, der sich mit der bloßen Tagesgeschichte vorliebnimmt. (Vergleiche a.a.O.,669f.). Es ist also nur folgerichtig, dass die „Preßbengels“ uns mehr und mehr verdummen, je mehr sie schreiben, dass uns die Nachrichtensprecher und Sprecherinnen mehr und mehr verdummen, je mehr sie labern, weil sie nicht auf die „Triebkräfte der Triebkräfte“ stoßen bzw. stoßen können. Engels bringt selbst ein Beispiel: „Die Philosophen wurden aber in dieser langen Periode von Descartes bis Hegel und von Hobbes bis Feuerbach keineswegs, wie sie glaubten, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben. Im Gegenteil. Was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende  Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,277). Wenn schon überragende Philosophen bei der Idee ihrer eigenen Wissenschaft fehlten, wieviel weniger sieht ein dahergelaufener Preßbengel, wie die industrielle, wie die technische und die ihr entsprechende politische Revolution zusammenhängen. Das zu erkennen setzt eben ein längeres Studium, ein jahrelanges Studium des historischen und dialektischen Materialismus  voraus. Mehr Information und weltweite Kommunikation per Internet bedeutet nicht automatisch mehr Aufklärung. Schon Engels wies uns darauf hin, dass der Kampf gegen den menschenverachtenden Kapitalismus nicht nur ökonomisch und politisch geführt werden darf, sondern auch ideologisch. Wir müssen heute gegen den Strom schwimmen und die Köpfe von Millionen und Abermillionen Menschen in den Bahnen des wissenschaftlichen Sozialismus schulen. Angesichts der vom Kapital angelegten wildwuchernden Medienlandschaft kommt dies einem Marsch durch einen dichten, noch nie von Menschen durchschrittenen Dschungel gleich.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Mitglied der Linkspartei, in dem ich ihn auf den Satz von Lenin aufmerksam machte, dass die Menschen in der Politik immer einfältige Opfer von Betrug und Selbstbetrug seien, er aber das Gespräch mit der Mitteilung fortsetzte, dass er morgen zu einem Bundesligaspiel nach Dortmund fahre. Hier hatte ich ein Opfer vor mir, das deutlich machte, wie sehr die Massenmedien die Menschen schon abgestumpft haben. Rosa Luxemburg hatte mit ihrer Aussage tausendmal Recht, dass in einem sibirischen Dorf mehr Humanität anzutreffen sei als in der deutschen Linken. Die deutlichsten Zeichen für die kulturelle Barbarei der Linken ist heute, dass in ihren Presseorganen die Rubrik „Arbeiter/innen-Korrespondenzen“ fehlt, ja mehr noch, dass sie die Kommunikation mit der Arbeiterklasse völlig abgebrochen haben und für sie ein Landproletariat gar nicht mehr zu existieren scheint. Man zeige mir heute eine linke Zeitung in Deutschland, die eine Rubrik „Korrespondenz des Landproletariats“ unterhält. Auch die Frankfurter Schule lebte ihr Leben lang am Bauern vorbei. Legt man die Aussage von Stalin, er sei immer ein Schüler Lenins und der Arbeiterklasse gewesen und sein Wort: „Hüte Deine Dorfkorrespondenten wie deinen Augapfel“ (An die „Krestjanskaja Gaseta“, Werke Band 6, 289), als Maßstäbe an die heutige Linke an, so kommt man zwangsläufig zu der Einsicht, dass nur ein ganz geringer Prozentsatz in ihr nicht konterrevolutionär verseucht ist. Mitte April 2015 fand in Hannover im „gig“ am Lindener Markt eine Veranstaltung der Linken zur Wohnungsfrage statt. Man sollte meinen, dass es zum allgemeinen Bildungsgut eines Durchschnittseuropäers gehört, dass man ein Thema von möglichst allen Seiten durchleuchten muss, auch wenn man es nie ganz erreichen wird. Nun, man muss bei diesem Thema zum Beispiel nicht die Ansichten der Zeugen Jehovas berücksichtigen, aber als Linke eine Veranstaltung von 90 Minuten abzuhalten, auf der nicht ein einziger Hinweis auf die wissenschaftliche Kernschrift der Arbeiterklasse, auf die Schrift „Zur Wohnungsfrage“ von Friedrich Engels erfolgte, obwohl ein Experte, ein Berliner Professor für Stadtsoziologie anwesend war, das ist dann doch extrem starker Tobak ! Als dann aus dem Publikum gefordert wurde, die 850 000 deutschen Obdachlosen in freistehenden Wohnraum unterzubrigen, und niemand anders als Engels hat auf diese Bequartierungsmöglichkeit hingewiesen, da ging das Podium mit dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Schostsok ganz einfach über diesen Antrag hinweg. So wird das Volk im Interesse der wohlhabenden steinreichen Vermieter verdummt, im unklaren gelassen. Die Schrift von Engels wird Schostok ohnehin nicht schmecken, denn Engels fordert in ihr die Auflösung der grossen Städte in ihrer heutigen Form. Wie das mit der Wohnungsfrage zusammenhängt, auf der Höhe dieses Niveaus stand diese Veranstaltung nicht.