ÜBER DAS WISSENSCHAFTLICHE STUDIUM DES MARXISMUS LENINISMUS oder das arrogante Wesen muss erscheinen

Die uns heute bewegende Philosophie, ihr Kreis, aus dem heraus gedacht wird, hebt an mit Kant. Als Aufklärer pochte er darauf, dass der Mensch sich seines eigenen Versandes bedienen soll, als Mittel — zu welchem Zweck ? Das vehementeste Problem der Gattung sah Kant im Krieg als dem Gräßlichsten, was Menschen sich gegenseitig antun können und er vergatterte die Aufklärung, auf den „Ewigen Frieden“ hinzuwirken. Primär in diesem Punkt liegt die gesellschaftswissenschaftliche Aktualität Kants. Kant war kein reinrassiger Idealist. Diesem und den ihm nachfolgenden Idealisten gelang auf Grund der ökonomischen und damit auch politischen Zurückgebliebenheit Deutschlands nicht der Durchbruch zum militanten Atheismus. Dass man mit der kantischen Trennung zwischen Wissen und Glauben immer bereits auf beiden Seiten zugleich ist, war ein Impuls zum dialektischen Denken Hegels. In Hegels Antrittsrede an seine Studenten in Berlin fällt der Satz: „Ich habe mein Leben der Wissenschaft geweiht“ (kursiv von H.A.). Wir würden heute nüchtern sagen ‚gewidmet‘, aber Hegel wollte eben ausdrücken, dass die Trennung zwischen Wissen und Glauben wieder aufzuheben sei, Philosophie und Religion kreisen um das absolute Wissen, wenn auch nicht gleichgewichtig. Hegel musste also die kantische Trennung zwischen Wissen und Glauben, zwischen Erkenntnis und Weltanschauung  aufheben. Jede Erkenntnis, auch die der sinnlichen Gewißheit, ist immer auch absolutes Wissen. Die „Phänomenologie“ ist das allseitige Sichdurchwirken von sinnlicher Gewißheit und absolutem Wissen ineinander, jeder ihrer Sätze ist ein Spiegel dieser Synthesis, (wie etwa der Mensch für Leibniz ein Spiegel des Universums ist). Gerade durch die Weltfülle, die der Geist sie durchdringend einsaugt, wird dessen Suprematie gesichert. Für Hegel konnte nur die Philosophie dem Ansturm der Wirklichkeit und ihren mächtigen Bedürfnissen des Tages standhalten und den Geist in einer zunehmend geistfeindlichen Zeit retten. Die Phänomenologie ist ein bewußt widersprüchliches Werk wie die Logik, in der das undifferenzierte Sein zugleich auch immer differenziertes Sein ineinanderfließend ist.  Es gibt keine Erkenntnis der Wirklichkeit ohne Interpretation der Wirklichkeit, es gibt kein Unmittelbares bar jeglicher Vermittlung. Die Interpretation der Wirklichkeit fiel bei Hegel christlich aus und provozierte die Kritik des sich von einem Hegelianer zu einem Atheisten wandelnden Ludwig Feuerbach: das hegelsche Philosophieren entzünde sich ständig an einem theologischen Glutkern. Cirka vierzig Jahre nach der französischen Revolution war in Deutschland über den Umweg der Hegelkritik  endlich die Höhe des atheistischen Flügels der französichen Aufklärung erreicht. Dem päpstlichen Segen „Urbi et Orbi“ (für Rom und den ganzen Erdkreis) entspricht die Vernünftigkeit der Wirklichkeit. Für Karl Marx aber, darin mit Bakunin einig,  hatte Feuerbach nur die halbe Arbeit geleistet: er hatte zwar die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie entdeckt, aber er kämpfte nicht gegen die irdische Familie, weder theoretisch noch praktisch. Seit dieser Feuerbachkritik hatte Marx die praktische Vernichtung der bürgerlichen Familie auf seine rote Fahne geschrieben. Die Geschichte scheint sich eine witzig-bittere Pointe erlaubt zu haben: gerade in den Zeiten des Elends der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen war die Fortpflanzungssexualität dominierend und potenzierte das Elend, während in der zukünftigen Welt der freien Arbeit die Geschlechterfortpflanzung ganz peripher wird. Das Schlimmste, was dem Sozialismus passieren könnte, wäre seine Paarung mit der protestantischen Verzichtsethik, die in dem Satz Luthers zum Ausdruck kommt: „Wenn ich wüßte, dass morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen“. Eine halbe Sache machte auch Bruno Bauer in der Frage der Judenemanzipation, er wollte sie nur politisch, nicht menschlich emanzipieren. Während Marx mit seinem dialektisch-materialistischen Hammer den Idealismus, den er „Deutsche Ideolgie“ taufte, zertrümmerte, formulierte er doch zugleich einen bei Kants Konzept des Ewigen Friedens und in Hegels Denken explizit dargelegten Gedanken aus: den der Gesetzmäßigkeit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und den des sich daraus ergebenden Gedanken der Periodisierung der Weltgeschichte, während Feuerbach in Anthropologie endete.  Es ging und geht vernünftig zu in der Welt. Während Hegel diese vernünftige Gesetzmäßigkeit aus der Weltgeschichte herausphilosophiert, fordert Marx im Laufe seiner Entwicklung die Gründung einer klassenkämpferisch aktiven kommunistischen Arbeiterpartei, nachdem er die Arbeiterklasse als Vollstreckerin der weltgeschichtlichen Gesetzmäßigkeit in ihrer Endphase der klassenkämpferischen Periode ausgemacht hatte. Bei aller Entgegensetzung zwischen idealistischer und materialistischer Dialektik ist doch im Marxschen Kapital gerade Hegels Gesetzmäßigkeit der Geschichte zur Blüte gekommen. Im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals sagt Marx selbst, dass der Fehler der deutschen Philosophen in den letzten Jahrzehnten darin bestand, „Hegel zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeit den Spinoza behandelt hat, nämlich als ‚toten Hund‘ „. (Karl Marx, Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, in: Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,27). Der Kern der marxistischen Wissenschaft ist die materialistische Dialektik, die Engels als das beste Arbeitsmittel und als die schärfste Waffe bestimmte. Diese Methode ist das Entscheidende. 14 Jahre nach Lenins Kritik an Bucharin, dass er diese Methode nur mangelhaft beherrsche, steht Bucharin 1938 vor dem Moskauer Militärtribunal der Revolution, es blieb ihm in seinem Geständnis nichts anderes übrig, als die Aussage Lenins wortwörtlich zu wiederholen. Der Angeklagte Bucharin, den Lenin zum „Liebling der kommunistischen Partei“ auserkoren hatte,  wurde zum Tode verurteilt und erschossen.

Doch am Anfang der wissenschaftlichen Tätigkeit steht die Dialektik noch nicht im Mittelpunkt – es soll eine Studie, sagen wir über die USA, angefertigt werden – wie ist nun vorzugehen ? Zu den Gesamtwerken von Marx, Engels, Lenin (leider nicht von Stalin, ich habe noch nie eins gesehen) gibt es Registerbände und wir schlagen in diesen zunächst unter dem Stichwort: „Vereinigte Staaten von Amerika“ nach. Es gilt, sämtliche Stellen der Klassiker, in denen sie sich zu diesem Thema geäußert haben, zur Kenntnis zu nehmen, sie gründlich zu studieren, sie zu durchdenken, Exzerpte anzufertigen. Haben wir diese Passagen in ihrer Gesamtheit studiert, beginnt das Sieben: was war zeitbedingt, was ist heute noch aktuell ? 1891 führt Engels aus, dass wir in den USA „zwei grosse Banden von politischen Spekulanten“ (Friedrich Engels, Einleitung zur Ausgabe von 1891 Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,269) vor uns haben, was noch heute den Tatsachen entspricht. Diese Feststellung von Engels hat mehr als hundert Jahre Weltstürme und Weltkriege überdauert, indeß — es gibt auch Gegenbeispiele. Nicht in der Einleitung zum Bürgerkrieg in Frankreich, aber in der Einleitung zu den Klassenkämpfen in Frankreich aus dem Jahr 1895 finden wir das Eingeständnis: „Die Geschichte hat aber auch uns unrecht gegeben …“ (Friedrich Engels, Einleitung zu: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 von Karl Marx, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,673). Also muss gesiebt werden.

Unter Berücksichtigung der aktuellen Passagen aus den Werken der Klassiker gilt es jetzt, ein Studie anzufertigen und bei ihrem Abfassen sind wir bereits dialektisch tätig. Um den roten Faden der wissenschaftlichen Ausarbeitung des Themas in die Hand zu bekommen, müssen wir die Passagen untereinander vergleichen und einen systematischen Zusammenhang unter ihnen herstellen. Vor uns wird sich ein Gesamtbild der USA auftun, wie die Klassiker es gezeichnet haben und nach dem vielen Durchforsten der Werke der Klassiker bekommen wir endlich Land unter den Füßen. Wir taumeln nicht länger in dem unendlichen Ozean des Weltwissens über die USA, das selbst für Megakollektive von Wissenschaftlern nicht zu durchqueren ist, wie Betrunkene umher, sondern sehen klar  und brauchen auf das Geschwätz zweit- und drittklassiger Schönredner nicht mehr zu hören. Mit diesem festen Boden unter den Füßen können wir uns dem reaktionären Schriftgut über Revolutionen zuwenden, dessen Studium und Entlarvung zu den vordringlichsten Aufgaben gehören. 2017 jährt sich zum hundertsten Mal der Ausbruch der Oktoberrevolution. Um ihre welthistorische Bedeutung zu würdigen, ist das Studium der Werke Lenins allein nicht ausreichend, ich verweise nur auf so wichtige Bücher wie die Memoiren Kerenskis und Trotzkis Studien zum „Trikolore“-Februar und zum Roten Oktober. Der Dialektiker muss an die Vielseitigkeit einer Erscheinung denken, an die Unzahl von Schattierungen, die er nie wird vollständig in ihrer Allseitigkeit erfassen können, er muss aber nach der Vollständigkeit des Erfassens streben. In der Oktoberrevolution steckt die Weltgeschichte in ihrer Totalität.

Jetzt aber, wo wir Land unter den Füßen haben, beginnt der Aufstieg an einer steilen Felswand, wir müssen Eigenständiges über das Thema entwickeln und den Marxismus bereichern, ihn themenspezifisch weiterentwickeln, denn bis jetzt haben wir nur Bücherwissen akkumuliert. Auch wenn dieses von genialen Menschen stammt, so ist die Seite der Theorie allein nicht ausreichend, es fehlt die Seite der Praxis. Um den Marxismus in dieser Thematik weiterzuentwickeln, muss man aktiv an Klassenkämpfen, hier in den USA teilgenommen haben. Man kann den Marxismus-Leninismus nicht weiterentwickeln, wenn man nicht die Revolution der Arbeiter und armen Bauern (hier die der USA) vorbereitet, und umgekehrt, man kann die Revolution der Arbeiter und armen Bauern (hier die der USA) nicht vorbereiten, wenn man nicht den Marxismus-Leninismus weiterentwickelt. Lenin starb 1924, er kann uns also wertvolle Hinweise über die USA noch in diesem Jahr gegeben haben, heute schreiben wir aber das Jahr 2015 und diese Lücke können wir ohne die Praxis des Klassenkampfes nicht schließen. Aber selbst wenn wir Zeitgenossen Lenins gewesen wären, würden wir ohne Praxis des Klassenkampfes nicht auskommen, denn bis jetzt war unser Studium rein scholastisch. Die Praxis ist das Entscheidende und Tausende und Abertausende Wissenschaftler scheiterten, sagt Mao, weil sie die Bedeutung der klassenkämpferischen, der revolutionären Praxis nicht begriffen. Sie lasen tausend Bücher über die USA und schrieben dann ein (weiteres) Märchen?buch. Warum ist die weltverändernde Praxis letztendlich wichtiger als die Theorie ? Weil erst durch die revolutionäre Weltveränderung die richtige Übereinstimmungserkenntnis von Subjekt und Objekt herzustellen ist, mithin erst durch sie Wissenschaft begründet werden kann. Deshalb schrieb  Marx im Mai 1875 an Wilhelm Bracke, dass ein Schritt wirklicher Bewegung wichtiger sei als ein Dutzend Programme. Jeder Klassenkampf ist ein Schritt wirklicher Bewegung und jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf. Jetzt ist an den Gedanken Lenins zu erinnnern, dass die Menschen in der Politik immer einfältige Opfer von Betrug und Selbstbetrug sind. (Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,8). Dieser Gedanke ist heute verschüttet und müsste  am Anfang jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Politik, ja am Anfang jedes Studiums der Wissenschaft von der Politik stehen. Und so stecken wir schon tief in der Dialektik: gefordert wird die politische Betätigung — in der man Opfer von Betrug und Selbstbetrug wird. Ein Mensch, der ein Staatsbürger ist, ist politisch, ist ein Sklave und ein betrogener Betrüger und er hört auf, ein Sklave und ein betrogener Betrüger zu sein, wenn er als marxistischer Revolutionär auftritt. Was heißt es, heute als marxistischer Revolutionär aufzutreten ? Ein Revolutionär ist heute ein Kollektivist, der die Arbeiterklasse bewaffnet, um die Bourgeoisie völlig zu vernichten. Man kann den Marxismus-Leninismus in zwei praktisch-politische Forderungen zusammenfassen: a) das Proletariat ist zu bewaffnen, um b) die Bourgeoisie völlig zu vernichten.  Das ist der Kern, von dem aus man zum Beispiel die Typen nichtproletarischer Revolutionen eruieren kann. 1917 setzte ja die Revolution nicht als rein proletarische ein, sie kann niemals als rein proletarische einsetzen, sondern als bürgerliche, die sich radikalisierte, aber immer noch eine bürgerliche blieb, ja sogar rote Soldaten an die imperialistische Kriegsfront schickte, um die Liquidierung der bürgerlichen Revolution durch diese zu entgehen – Haftbefehl gegen Lenin. Alles, was dazu dient, diese Vernichtung in sozialistischer Intention herbeizuführen, ist revolutionär. Warum hat Marx das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft enthüllt ? Um die revolutionären Geburtswehen einer neuen Gesellschaft abzukürzen und zu mildern (Vergleiche das Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,15f.). Die Dialektik der Revolution ist nun die: je härter und grausamer der Revolutionär gegen die Reichen und Mächtigen vorgeht, desto mehr schützt er die Kleinen und Schwachen. Schon dem großen Jakobiner Robespierre war klar: „Die Feinde des Volkes bestrafen ist Gnade, ihnen verzeihen Barbarei“. Es ergibt sich ein doppeltes ABC des Revolutionärs: A: Bewaffnung der fortgeschrittendsten Klasse und ihrer Verbündeten, B: Vernichtung der Bourgeoisie und ihrer Verbündeten, C: Konzentration der Vernichtung auf das militärische und polizeiliche Offizierskorps. Die Macht der bürgerlichen Reaktion basiert immer auf der Armee und der Polizei.  Das zweite ABC des Revolutionärs setzt sich aus den Elementen zusammen: A: klares Feindbild, B: gesunder Klassenhass, C: ständige und fanatische Gewalt- und Vernichtungsbereitschaft gegen den bürgerlichen Staat.

Ein extrem großer Betrug findet heute durch die Massenmedien statt, denn wir leben in einer Zeit, in der man in allen Gebieten nach dem „dernier cri“ lechzt, so auch in der Politik. Aktualität wird mit Wissenschaft verwechselt. Engels hatte die Unzulänglichkeit der modernen Massenmedien erkannt und uns am Beispiel der Zeitungen wertvolle Hinweise gegeben. Keinesfalls dürfen wir, nachdem wir uns theoretisch einen festen marxistischen Boden erarbeitet haben, auf die erbärmlichen Augenblicksgötzen der Massenmedien hereinfallen und das Hinzumengen ihres aktuellen Unrats zum gesellschaftswissenschaftlichen Fundament als eine Weiterentwicklung der Wissenschaft begreifen. Über die Verwertung von Zeitungen im gesellschaftswissenschaftlichen Kontext hat uns, wie gesagt, Engels Aufschlußreiches hinterlassen: zunächst führt er in seiner Schrift über die Philosophie Ludwig Feuerbachs aus, dass es das gewöhnliche „gebildete“ Bewußtsein sei, das seinen Gedankenstoff aus der Tagespresse beziehe. (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,270). Vor allem aber ist sie eine große Fehlerquelle, den „Preßbengels“, wie er mit Marx zu sagen pflegte (Marx begann sein gesellschaftskritisches Schriftwerk mit einem Artikel über die preußische Presseinstruktion), bleibt nicht die Zeit, durch die Oberfläche des politischen Ablaufs auf die dahinter wirkenden ökonomischen Gründe zu stoßen und aus dieser Unzulänglichkeit grassiert heute die politische Halbbildung, die den Sumpf des politischen Halbanalphabetismus bildet, in dem sich das gewöhnliche gebildete Bewußtsein als allumfassend informiert und aufgeklärt gilt und in seinem abgerundeten Weltbild zufrieden grunzt. Es grunzt über seine eigene Dummheit, denn „der klare Überblick über die ökonomische Geschichte einer gegebenen Periode ist … nur nachträglich … zu gewinnen“. (Friedrich Engels, Einleitung zu: „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ von Karl Marx (1895)), in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,669). Engels hat Recht, denn schauen wir uns eine beliebige Nachrichtensendung der Kulturbarbarei an, in keiner wird uns ein klarer Überblick über die ökonomische Geschichte, die das Fundamentale im Hintergrund ist, gegeben. Im Gegenteil, sie sind ganz diffus, springen von einem Außenministertreffen zur Erhöhung einer Steuer, von dem Tod eines Filmstars zu einer Geburt eines Pandabären in einem europäischen Zoo — und am Ende ist das gewöhnliche Bewußtsein dümmer als vor der Nachrichtensendung. Diese Nachrichtensendungen geben uns ein Musterbeispiel an Oberflächlichkeit, die auch politisch geschulte Augen und politisch geschulte Ohren nicht erfassen. Die Darstellung der Tagesgeschichte kann nur fehlerhaft sein und der Wissenschaftler endet in einer Sackgasse, der sich mit der bloßen Tagesgeschichte vorliebnimmt. (Vergleiche a.a.O.,669f.). Es ist also nur folgerichtig, dass die „Preßbengels“ uns mehr und mehr verdummen, je mehr sie schreiben, dass uns die Nachrichtensprecher und Sprecherinnen mehr und mehr verdummen, je mehr sie labern, weil sie nicht auf die „Triebkräfte der Triebkräfte“ stoßen bzw. stoßen können. Engels bringt selbst ein Beispiel: „Die Philosophen wurden aber in dieser langen Periode von Descartes bis Hegel und von Hobbes bis Feuerbach keineswegs, wie sie glaubten, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben. Im Gegenteil. Was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende  Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,277). Wenn schon überragende Philosophen bei der Idee ihrer eigenen Wissenschaft fehlten, wieviel weniger sieht ein dahergelaufener Preßbengel, wie die industrielle, wie die technische und die ihr entsprechende politische Revolution zusammenhängen. Das zu erkennen setzt eben ein längeres Studium, ein jahrelanges Studium des historischen und dialektischen Materialismus  voraus. Mehr Information und weltweite Kommunikation per Internet bedeutet nicht automatisch mehr Aufklärung. Schon Engels wies uns darauf hin, dass der Kampf gegen den menschenverachtenden Kapitalismus nicht nur ökonomisch und politisch geführt werden darf, sondern auch ideologisch. Wir müssen heute gegen den Strom schwimmen und die Köpfe von Millionen und Abermillionen Menschen in den Bahnen des wissenschaftlichen Sozialismus schulen. Angesichts der vom Kapital angelegten wildwuchernden Medienlandschaft kommt dies einem Marsch durch einen dichten, noch nie von Menschen durchschrittenen Dschungel gleich.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Mitglied der Linkspartei, in dem ich ihn auf den Satz von Lenin aufmerksam machte, dass die Menschen in der Politik immer einfältige Opfer von Betrug und Selbstbetrug seien, er aber das Gespräch mit der Mitteilung fortsetzte, dass er morgen zu einem Bundesligaspiel nach Dortmund fahre. Hier hatte ich ein Opfer vor mir, das deutlich machte, wie sehr die Massenmedien die Menschen schon abgestumpft haben. Rosa Luxemburg hatte mit ihrer Aussage tausendmal Recht, dass in einem sibirischen Dorf mehr Humanität anzutreffen sei als in der deutschen Linken. Die deutlichsten Zeichen für die kulturelle Barbarei der Linken ist heute, dass in ihren Presseorganen die Rubrik „Arbeiter/innen-Korrespondenzen“ fehlt, ja mehr noch, dass sie die Kommunikation mit der Arbeiterklasse völlig abgebrochen haben und für sie ein Landproletariat gar nicht mehr zu existieren scheint. Man zeige mir heute eine linke Zeitung in Deutschland, die eine Rubrik „Korrespondenz des Landproletariats“ unterhält. Auch die Frankfurter Schule lebte ihr Leben lang am Bauern vorbei. Legt man die Aussage von Stalin, er sei immer ein Schüler Lenins und der Arbeiterklasse gewesen und sein Wort: „Hüte Deine Dorfkorrespondenten wie deinen Augapfel“ (An die „Krestjanskaja Gaseta“, Werke Band 6, 289), als Maßstäbe an die heutige Linke an, so kommt man zwangsläufig zu der Einsicht, dass nur ein ganz geringer Prozentsatz in ihr nicht konterrevolutionär verseucht ist. Mitte April 2015 fand in Hannover im „gig“ am Lindener Markt eine Veranstaltung der Linken zur Wohnungsfrage statt. Man sollte meinen, dass es zum allgemeinen Bildungsgut eines Durchschnittseuropäers gehört, dass man ein Thema von möglichst allen Seiten durchleuchten muss, auch wenn man es nie ganz erreichen wird. Nun, man muss bei diesem Thema zum Beispiel nicht die Ansichten der Zeugen Jehovas berücksichtigen, aber als Linke eine Veranstaltung von 90 Minuten abzuhalten, auf der nicht ein einziger Hinweis auf die wissenschaftliche Kernschrift der Arbeiterklasse, auf die Schrift „Zur Wohnungsfrage“ von Friedrich Engels erfolgte, obwohl ein Experte, ein Berliner Professor für Stadtsoziologie anwesend war, das ist dann doch extrem starker Tobak ! Als dann aus dem Publikum gefordert wurde, die 850 000 deutschen Obdachlosen in freistehenden Wohnraum unterzubrigen, und niemand anders als Engels hat auf diese Bequartierungsmöglichkeit hingewiesen, da ging das Podium mit dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Schostsok ganz einfach über diesen Antrag hinweg. So wird das Volk im Interesse der wohlhabenden steinreichen Vermieter verdummt, im unklaren gelassen. Die Schrift von Engels wird Schostok ohnehin nicht schmecken, denn Engels fordert in ihr die Auflösung der grossen Städte in ihrer heutigen Form. Wie das mit der Wohnungsfrage zusammenhängt, auf der Höhe dieses Niveaus stand diese Veranstaltung nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: