Über das Scheitern des real existierenden Sozialismus

Das Experiment des real existierenden Sozialismus nach sowjetrussischem Modell ist gescheitert, weil die Produzent/innen sich in ihrem Produkt nicht mehr erkannten und ihre „forces propres“ nicht als gesellschaftliche Kräfte organisieren konnten. Der junge Marx hatte im Herbst 1843 in der „Judenfrage“ geschrieben: „ … erst wenn der Mensch seine „forces propres“ als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat … ist die menschliche Emanzipation vollbracht“ (MEW 1,370). Aus dem Menschen war die Arbeiterklasse geworden, die ihre „forces propres“ zwar als gesellschaftliche Kräfte erkannt hatte, sie aber noch nicht als solche organisieren konnte. Ihr Produkt war sinnlich übersinnlich, das heißt, sie bemeisterten nicht ihren eigenen Produktionsprozess (Vergleiche: Das Kapital, MEW 23,95), was die Anhänger der Anarchie der Produktion trotz der heutigen Computertechnologie, die man sehr gut zur Gestaltung eines wirtschaftlichen Gesamtplans einsetzen könnte, sowieso für ausgeschlossen halten. Im Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“ hatte Marx 1859 den Gedanken vorgetragen, dass sich die Menschheit immer nur Aufgaben stelle, die sie auch lösen könne. Hatte die Oktoberrevolution die Aufgabe zu früh gestellt ? So dass man sagen könnte, das Leben bestrafe nicht nur diejenigen, die zu spät kommen, sondern auch diejenigen, die zu früh kommen ? Im Brief an Ruge aus Kreuznach im September 1843 vertrat der junge Marx noch die Auffassung, dass die Menschheit längst den Traum von einer Sache besitze, von der sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen. Obwohl der Marxismus die herrschende Theorie war verbunden mit der Macht der Gewehre, ist der Traum in Osteuropa einstweilen zerplatzt. Das Erkennen der „force propres“ als gesellschaftliche reichte allein nicht aus. Damit ist auch dort wie in Westeuropa schon immer ein gesellschaftlicher Zustand eingetreten, der die Menschen mehr knechtet als der Feudalismus. „Der Mensch hat aufgehört, Sklave des Menschen zu sein und ist Sklave der Sache geworden; die Verkehrung der menschlichen Verhältnisse ist vollendet; die Knechtschaft der modernen Schacherwelt ist … unmenschlicher und allumfassender als die Leibeigenschaft der Feudalzeit …“.  (Friedrich Engels, Die Lage Englands, Das achtzehnte Jahrhundert, Werke Band 1, 1960,557). Dieser fundamentalen Erkenntnis des jungen Engels schloss sich der junge Marx an, in der „Deutschen Ideologie“ stellten sie gemeinsam fest, dass die Individuen in ihrer Vorstellung unter der Bourgeoisherrschaft freier sind als früher … in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert“. (MEW 3,76). Marx wird den inneren Kern dieser sachlichen Gewalt als Ware freilegen, durch die die gesellschaftliche Bewegung der Produzenten die Form einer Bewegung von Sachen für sie annimmt (Das Kapital MEW 23,89). Marx bemüht sodann Robinson, um zu zeigen, dass ein auf einer Insel isoliertes Individuum keine Waren produzieren kann, obwohl in seinen Produkten alle wesentlichen Bestimmungen des Werts enthalten sind. Ein Gebrauchswert realisiert sich erst durch Austausch als Ware. Nicht ein Einzelner, aber ein „Verein freier Menschen“, der mit kollektivierten Produktionsmitteln schafft, kann den kapitalistischen Fluch brechen. „Alle Bestimmungen von Robinsons Arbeit wiederholen sich hier, nur gesellschaftlich statt individuell“ (a.a.O.,92). Warum ist der 1917 in bolschewistischer Form angedachte und angefangene Kommunismus nicht als ein ‚Robinson ins Kollektiv empor- und aufgehoben‘ gelungen ?

Um zur Kernursache des Zusammenbruchs der DDR zu gelangen, müssen wir bis auf das Jahr 1958 zurückgehen. In ihm wurde in der UdSSR vollzogen, wovor Stalin immer gewarnt hatte: Durch die Auflösung der auf bargeldloser Leihbasis wirtschaftenden Maschinen-Traktor-Stationen wurden riesige Mengen von Werkzeugen in die Warenzirkulation geworfen, was derart quantitative Ausmaße annahm, dass immer mehr das Wertgesetz zum Regulator der Produktion wurde und was den Klassenkampf in der UdSSR zugunsten restaurativer Kräfte verschärfte.  1969 erschien im sowjetischen Untergrund Amalriks Buch: „Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 überleben ?“  Die militärische Intervention in Afghanistan, die am 25. Dezember 1979 erfolgte, bildete dann in außenpolitischer Hinsicht den Anfang vom Ende der Sowjetunion und die Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 war ein nicht zu übersehendes Alarmzeichen.  Marx hatte im Kapital-Kapitel „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ am Beispiel eines Tisches entwickelt, dass er als Gebrauchsgegenstand ein ordinäres Ding, als Ware aber ein sinnlich übersinnliches Ding sei. Er stelle sich dann allen anderen Waren gegenüber auf den Kopf und entwickle aus einem Holzkopf Grillen, viel wunderlichen, „als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne“ (a.a.O,85). Am 7. Dezember 1989 trat im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Berlin-Mitte zum ersten Mal ein ‚Runder Tisch‘ zusammen, das war bereits so ein Tisch, an dem Personen Platz nahmen mit Grillen im Kopf, viel wunderlicher, als wenn sie aus freien Stücken zu tanzen begännen. Platt gemacht war die DDR unwiderruflich am 1. Juli 1990, als die DM die einzige Währung in Deutschland wurde. Im Hochgefühl eines chauvinistischen Taumels ging unter, dass am 12. September 1990 Deutschland in Versailler Tradition durch internationales Diktat seine Truppe von 500 000 Mann auf 370 000 zu reduzieren hatte. Katzenbuckelte man außenpolitisch, so gab das Treuhandgesetz nach innen die Handhabe zu einer schamlosen Enteignung des deutschen Volkes, die in seiner Geschichte ihresgleichen sucht. Die Geier des Westens haben heute keine Recht mehr, mit dem Finger auf die (übrigens berechtigten) Reparationsforderungen der Russen nach dem zweiten Weltkrieg zu zeigen. Wie bunt und pluralistisch war doch die deutsche Republik nach dem Sturz des SED-Monoliths geworden, und während die Fahne des ‚Prinzips Hoffnung‘ hochgezogen wurde, schlug die Reaktion aus dem Hinterhalt eiskalt zu. Sie hatte ja von jeher ‚gut lachen‘ in einem Land der Dichter und Denker – und Träumer. Was ist aus den Träumen von 1989 geworden ? Nun – der Russe kam nicht mehr, der Russe war gegangen. Diese Tatsache zusammen mit der Auflösung der NVA hätte zum sofortigen Abbau der reinen Verteidigungsarmee ‚Bundeswehr‘ führen müssen ! Träume ich ? Aber meine Träume zerplatzen schnell … als erster bei einem Einsatz im Ausland fiel am 14. Oktober 1993 der Feldwebel Alexander Arndt durch einen Angriff auf offener Straße in Phnom Penh, bei einem Angriff in Georgien der 23jährige Stabsunteroffizier Jens Klünder, in Rajlovac bei Sarajewo fiel die 21jährige Unteroffizierin Corinna Dietrich … u.s.w. … Die Namen der Soldaten, die bei Einsätzen von Spezialkräften fielen, unterliegen der Geheimhaltung. Wir dürfen noch nicht einmal die Zahl der Gefallenen erfahren. Mit welcher Inbrunst hatten die Pfaffen in der DDR ihre Hände zu Friedensgebeten gefaltet und gen Himmel gestreckt, nach dem Zusammenbruch der DDR bleiben sie zusammen mit Gauck heute eiskalt beim tragischen Schicksal junger Menschen, die ihr Leben für die Interessen einer volksfeindlichen Ausbeuterklasse gelassen haben, die sich hinter den Begriffen Demokratie und Republik verstecken kann. Beweist nicht die Finanzkrise um Griechenland, wie ekelhaft heute ganz Europa geworden ist – ekelhafter als zur Feudalzeit.

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