Archive for November 2015

Islamischer und christlicher Terrorismus

27. November 2015

„Ich habe mich nachts in einem rieisgen Wald verirrt und habe nur ein kleines Licht, um mich zurechtzufinden. Da kommt ein Unbekannter hinzu und sagt zu mir : „Lieber Freund, blase deine Kerze aus, um deinen Weg besser zu finden“. Dieser Unbekannte ist ein Theologe“. (Denis Diderot).

Angesichts  des islamischen Faschismus‘ ist heute auf die perverse Substanz der Religion überhaupt hinzuweisen:  Lenin lehrte uns, dass die Religion eine Art geistiger Fusel ist, mit dem der Lohnsklave sein Sklavendasein betäubt. Wer die Religion für normal erklärt, muss zugleich erklären, dass der Mensch keine humane Potenz habe, dass er auf immer Sklave sein wird, dass fremde Wesen ihn beherrschen und dass er diese auf immer anbeten wird. Dekadenz beginnt dort, wo die Ohnmacht des Menschen vor dem historischen Schicksal bestätigt wird. Es war der französische Dorfpfarrer Meslier, der größte politische Schriftsteller der französischen Aufklärung, der forderte, dass man die Reichen und Vornehmen dieser Welt an den Gedärmen der Pfaffen aufhängen müsse und es war der Deist Voltaire, der 1762 Auszüge aus dem Werk Mesliers veröffentlichte (Extraits des Sentiments de Jean Meslier). Nach der Oktoberrevolution setzte sich Lenin vehement dafür ein, das atheistische Schriftgut gerade der französischen Aufklärung ins Russische zu übersetzen und er meinte Stellen wie oben von Meslier. Für den ‚IS‘ ist Paris, die Stadt der Aufklärung und der Commune, natürlich die Stadt der Sünde …. eine Stadt, aus der Walter Benjamin schrieb: „Kaum hat man die Stadt betreten, so ist man beschenkt“. Und nun überlege man mal, wer denn außer dem ‚IS‘ die Stadt dem Erdboden gleich machen wollte und welche Rolle der General Dietrich von Coltitz dabei spielte, der diesen Wahnsinn noch zu verhindern wusste.

Gerade die Erklärung des  Zusammenhanges zwischen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und der Religion  müssen aber die bürgerlichen Medien unterlassen, es darf in den produktiven Klassen nicht zur Erkenntnis der primär sozialen Ursachen der Religion kommen, die zugleich die wissenschaftliche Haltlosigkeit jeglicher Religion aufzeigen würde. Argumentierte die französische Aufklärung gegen die Religion weitgehend mit einem naturwissenschaftlichen Ansatz, die metaphysischen Begriffe seien, so der mechanische Materialist Holbach, relativ auf den Stand der Naturbeherrschung, so hat der Marxismus primär einen gesellschaftswissenschaftlich-sozialen Ansatz: „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen“ (Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,94). Der Atheismus ist heute eine culpa levis (kleine Sünde) verglichen mit der Kritik überlieferter Eigentumsverhältnisse. (Vergleiche a.a.O.,16). Holbach argumentierte insofern schief, als es durch die Anlage des Schlosses von Versailles, seiner Gebäudeeinbettung und seines Gartensystems architektonisch und ästhetisch schon in einem katholischen Land gelungen war, eine totale Raumkontrolle zu erobern. Die Spitze dieses Landes bildete Ludwig der XIV., ein Katholik durch und durch. In Versailles rief der Herzog von Saint-Simon aus: “ … dieses herrliche Vergnügen, die Natur zu bezwingen …“, ohne deswegen aber Atheist geworden zu sein, ebensowenig wie der mit ihm verwandte gleichnamige 1760 in Paris geborene utopische Sozialist Henri de Saint-Simon einer werden sollte, trotz seiner Vision einer globalen Industrialisierung.

Trotz aller verbalradikalen Distanzierung vom Islamischen Staat darf nicht untergehen, dass der Christliche Staat, der „Staat der Heuchelei“, der auf „Menschenkehricht“ (Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,358f.) basiert, ebensosehr dem Mittelalter zugewandt ist und sich in der Notwendigkeit, die Völker  auszurauben, mit den Dschihadisten einig ist. (Siehe nur die Tätigkeit von Frau Birgit Breuel an der Spitze der Treuhandgesellschaft). Während den Kindern in der DDR bis 1956 ein wissenschaftliches Weltbild vermittelt wurde und für die Pfaffen auf persönliche Anweisung Stalins („Es gibt an den Schulen keinen Religionsunterricht“.) ganz im Geiste Mesliers eine Bannmeile um das einheitliche sozialistische Bildungssystem gezogen worden war, prügelten in der BRD klerikale Sadisten Heimkinder grün und blau. Ich verweise auf das 2006 erschienene Buch von Peter Wensierski: „Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik“. Am 8. September 2015 demonstrierten Opfer der Heime in Hannover gegen das Kirchenamt der hannoverschen Evangelischen Landeskirche: „Ehemalige Heimkinder fordern Entschädigung – keine Almosen“ stand auf ihrem Transparent. Ein 73jähriger aus Hannover berichtete, dass die Jugendlichen ohne Entgelt Torf stechen mussten, sexuell missbraucht und geschlagen wurden und dass sie (wie bei den Talibans) nicht zur Schule gehen durften. „Ich habe zugesehen, wie sie einen Freund von mir totgeschlagen haben“. (Gabriele Schulte: „Einst gedemütigt, heute abgespeist“, Ehemalige Bewohner kirchlicher Kinderheime fordern höhere Entschädigung, in: Hannoversche Allgemeine vom 9. September 2015). Wer heute noch behauptet, die Religion habe einen humanen Kern und keine perverse Substanz, gehört ganz einfach mit dem Lasso eingefangen und unter die Kängurus Australiens ausgesetzt.

 Die islamischen Terroristen und die christlichen Terroristen stecken unter einer Decke, die christliche Kritik am ‚IS‘ ist hohl und unwissenschaftlich. Einig sind sich die islamisch-christlichen Kreaturen des Mittelalters darin, dass es zur Unterdrückung der internationalen Arbeiterklasse Staatsterror und religiöse Verdummung der Massen geben muss. Die Werke von Marx und Engels, das Gold der arbeitenden Menschheit, landeten nach dem Ende der DDR auf der Müllkippe und in Palmyra wird heute aus mittelalterlicher Intention heraus lediglich kirchlicher Tinnef ohne kulturellen Wert in die Luft gesprengt. Über diese ‚culpa levis‘ wird mehr Geschrei gemacht als es bei der zweiten Büchvernichtung in Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert der Fall war. Es ist also festzustellen, dass die christlichen Terroristen barbarischer, faschistoider sind als der ‚IS‘. Es besteht heute die Gefahr, dass der Hass der Völker gegen die mittelalterlichen Dunkelmänner durch die bürgerlichen Verdummungsmedien nur in eine Richtung gegen den ‚IS‘, nicht gegen den Islam und gegen das Christentum überhaupt gerichtet wird. Hier gilt es, gegen den Strom zu  schwimmen und mit atheistischer Militanz gegen den menschenverachtenden Menschenkehricht anzutreten. Logik ist nie einseitig. Gerade durch den Terror im Namen Allahs kann es weltweit zu einer Aufwertung der christlichen Barbarei kommen zum Nachteil der Arbeiterklasse und aller fortschrittlichen Menschen auf der Welt. Indem die christlichen Terroristen sich lauthals weltweit vom islamischen Terror distanzieren, und die Massenmedien stellen ihnen dazu jede beliebige Sendezeit zur Verfügung, spreizen sie sich auf in dem Sinne, dass es eben eine schlechte intolerante und eine gute tolerante Religion gäbe.

„Kyrie eleison, daß wir de Pfaffe net dürfe todtschlagen, Kyrie eleison  …“, diese Strophe aus einem revolutionären Kampflied der Bauern erschall im ‚Großen Deutschen Bauernkrieg‘ aus den Kehlen des Hegauer Haufens. Bereits 1525 warfen also fortschrittliche Bauern die Frage auf, warum sie die Pfaffen nicht ganz einfach totschlagen ? Dieser Geist des Hegauer Haufens ist eines der großen Vermächtnisse des Bauernkrieges an das deutsche Volk, er darf niemals aus dem deutschen Volk weichen.  Es wäre verloren, wenn es diesem Geist untreu werden würde, es wäre auf immer Sklave des Kapitals und aller sich um ihn gruppierenden finsteren Mächte. Es wird auch auf immer ein Sklave des Staates BRD sein, einer der reaktionärsten Staaten der Welt. Dieser ‚Christliche Staat‘ treibt für das faule Pfaffenpack die Steurn ein, was weltweit fast einmalig ist, nur in Bhutan wird es auch so gehandhabt, aber da bewegen wir uns bereits im Kreis des Buddhismus. Die Kirche in der BRD ist eine der reichsten der Welt und das Eigentum der Dunkelmänner à la Tebartz-van Elst muss dem deutschen Volk zurückgegeben werden.

Anmerkungen zum deutschen Faschismus

24. November 2015

Die ‚unsichtbare Hand‘ vom Adam Smith aus dem Jahr 1776 ist Ausdruck, dass der Produktionsprozess der menschlichen Hand entglitten ist, dass das Gesellschaftliche in der bürgerlichen Gesellschaft ohne Selbstbewusstsein ist und die Monade Mensch ihre Bestimmung als Gattungswesen verfehlen muss. In ihr hat nur eine hauchdünne Minderheit die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung in der Arbeit, nur ganz wenige haben einen Beruf, der schöpferische Selbstentfaltung zulässt. Der Arbeitsprozess wird in einer Kette von Zuweisungen versklavt. Der Arbeiter ist unter kapitalistischen Bedingungen ein aus seiner eigenen Achse gesprungener Mensch, für den im Arbeitsprozess keine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung besteht. Die fichtesche Bestimmung des Menschen liegt vielmehr darin, irgendein Zubehör zu irgendeiner Maschine in irgendeiner Fabrik zu sein. Die bürgerliche Gesellschaft bewegt sich in einem ihr einsitzenden Terrorzusammenhang, der ihre Charakterisierung als freiheitlich-demokratische von vornherein als deplatziert verurteilt. Gegen die Humanisten forderte Marx immer die Verkürzung des Arbeitstages, die eine Einschränkung des Fabrikdespotismus beinhaltete. Ein Despotismus,  den sein Schwiegersohn Paul Lafargue mit den Worten brandmarkte, “ … es wäre besser, man vergiftete die Brunnen, man säte die Pest, als inmitten einer ländlichen Bevölkerung kapitalistische Fabriken zu errichten“ (Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit, Aus dem Französischen von Eduard Bernstein, Anaconda Verlag, Köln, 2015,22). Aus seinen eigenen Eingeweiden produziert der kapitalistische Produktionsprozess fortwährend Menschen ohne Selbstbewusstsein, verstümmelte Menschen, die allen möglichen religiösen und politischen Demagogen in die Hände fallen, um sich unter deren Hierarchien kauernd zur zweiten, ideellen Versklavung niederzulassen. Die Illusion des Sozialliberalismus bestand darin, den wilden Kapitalismus durch Demokratie zähmen zu können, als ob es so etwas wie einen demokratischen Kapitalismus geben könne. Wer von der Möglichkeit der Politik faselt, sie könne den Arbeitsprozess per Gesetz demokratisch gestalten, gehört ganz einfach eingefangen und unter die Kängurus Australiens ausgesetzt. Wie kann man denn in einer wirtschaftlich despotisch angelegten Gesellschaft die Worte Republik und Demokratie überhaupt affirmativ in den Mund nehmen ? Eine Basis von Lohnsklaven kann in der Regel keinen Überbau von Republikanern und Demokraten produzieren, aber ihr Extrem: Kommunisten. Und deren Gegenpart: Faschisten.

Unter dieser spezifischen Schizophrenie der bürgerlichen Gesellschaft liegt, bedingt durch die doppelte Versklavung, die Latenz des Faschismus, in dem insofern eine Pseudoidentität hergestellt wird, als die Lohnsklaven die demokratische Heuchelei abwerfen und ausrufen: Wir wollen gar keine Republikaner und Demokraten sein. Das von Carlyle in seinen späten Schriften „Past and Present“ (1843) und „History of Friedrich II. of Prussia (1858) antizipierte ‚Führer befiehl, wir folgen Dir‘ ist nur die Verlängerung der Fabriktyrannei ins allgemein Politische. Das aber ist die Volksgemeinschaft, in der sich sowohl die Lohnsklaven als auch die Kapitalisten unter Ausschaltung des Mehrparteiensystems in einer autoritären Identität vereinen und in der die Dialektik von Lohnarbeit und Kapital aufgehoben zu sein scheint. Die fixe Konstellation von Befehl und Gehorsam ist verinnerlicht worden und wird nicht mehr in Frage gestellt, die perverseste Form der Sklaverei wird von den faschistischen Ideologen und vom Spießer als „Gesetz und Ordnung“ hochgehalten. Die Ideologen einer bürgerlichen Republik verfahren im Unterjubeln einer Volksgemeinschaft raffinierter, indem sie die Wirklichkeit der kapitalistischen Produktion verkehrt, ja schizophren widerspiegeln im Rollentausch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Arbeiter ist nicht der Empfänger der Arbeit, die der Kapitalist ihm gibt. Das ist einer der roten Sterne, die trotz des Zusammenbruches der DDR der Arbeiterklasse voran leuchten, die marxistische Gesellschaftswissenschaft kann nicht mehr zurück und der kapitalistischen Ausbeutung irgendeinen humanistischen Kern bescheinigen, im Gegenteil, immer wird diese die Ausbeutung in ihrem Kern offenlegen und auf die Verbindung mit den Bedürfnissen der arbeitenden Massen hinarbeiten. Der Kommunismus ist nicht tot. Immer wieder muss es zur Frontbildung im Klassenkampf kommen, zu einem neuen Ansturm auf die kapitalistische Bastion, die fallen wird durch den Blitz, der aus der zündenden Vereinigung von Wissenschaft und Arbeiterbewegung welterschütternd einschlägt. Es war deshalb keineswegs eine intellektuelle Entgleisung, als der weißgardistische Bürgerkriegsgeneral Horst Herold zwei Jahre nach der Auflösung der RAF im Mai 2000 zu der Einsicht kam, dass das Scheitern des Kommunismus Probleme hinterlassen habe, die zu seinem Entstehen geführt hätten (Vergleiche Horst Herold, Die Lehren aus dem Terror, Süddeutsche Zeitung Nr. 116, 30./31. Mai 2000, 9). In der naiven, darum perversen Malerei des Faschismus findet der Sklave sich als Sklave ab, aber als mit sich identisch, sich aufhebend über einen Dritten, ohne zersetzenden Schmerz über das Sklavendasein in seinem Innersten. Im Personenkult findet die Bestätigung dieser künstlichen Identität statt, in der das Sklavenbewusstsein über einen Dritten, über einen messianischen Mittler ausgelöscht ist. Die Affinität des Faschismus zur Religion liegt hier auf der Hand, deutlich wurde dies auf dem Nürnberger Reichsparteitag von 1936, der unter dem Motto “Ehre und Frieden” stand. “So kommt ihr aus euren kleinen Dörfern, aus euren Marktflecken, aus euren Städten, aus Gruben und Fabriken, vom Pflug hinweg an einem Tag in diese Stadt. Ihr kommt, um aus der kleinen Umwelt eures täglichen Lebenskampfes…einmal das Gefühl zu bekommen: Nun sind wir beisammen, sind bei ihm und er bei uns, und wir sind jetzt Deutschland !” Wir sind bei ihm und er bei uns – der Kreis schließt sich: der Messias wird eins mit seiner Gemeinde. J.P. Stern hat in seiner Studie über Hitler darauf aufmerksam gemacht, dass die Sehnsucht nach dem metaphysischen Absoluten ein deutsch-lutherisches Phänomen ist. Wenn Rudolf Hess auf einem Parteitag der NSDAP ausrief: Hitler ist Deutschland wie Deutschland Hitler ist, so weist dieser Satz genau auf die künstliche Identität hin, die naive Malerei „auszeichnet“. Es ist nun ein Leichtes für die Totalitarismustheoretiker, auf die Identität des sowjetischen und nationalsozialistischen Personenkultes hinzuweisen, auf Stalins Satz, bei uns im Lande Lenins kann es nur eine Partei geben, die Partei Lenins; aber sie verfahren nur einseitig, nach ihnen hätte es die Jahrhundertschlacht von Stalingrad, mit der die Schwangerschaft der DDR begann, nicht geben können – als Kampf der Gegensätze im Jahrhundert der Extreme. Diese auf den englischen Marxisten Eric Hobsbawm zurückgehende Charakterisierung, die er fünf Jahre vor dessen Ende vorgenommen hatte, ist insofern sehr treffend, nicht nur, weil sich das 20. Jahrhundert in vielem bei geringen Kontinuitätslinien gegen das 19. Jahrhundert kehrt, sondern weil das Jahr 1900 genau den Zeitpunkt des Umschlags, des Beginns des imperialistischen Zeitalters des Kapitalismus anzeigt. Anders ist das Verhältnis des 18. Jahrhunderts zum 19. Letzteres stand ganz im Zeichen der französischen Revolution. Es „hat überall in der Welt nur das durchgesetzt, stückweise verwirklicht und zu Ende gebracht, was die großen französischen Revolutionäre geschaffen hatten, die den Interessen der Bourgeoisie dienten, auch wenn sie sich dessen nicht bewußt waren und das durch die Worte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verschleierten“ (Lenin, I. Gesamtrussischer Kongress für außerschulische Bildung, Werke Band 29, Dietz Verlag Berlin, 1960,360).  Man könnte  die Charakterisierung von Hobsbawm auch leicht variieren: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der extremen Dekadenz. Der Ausbruch der französischen Revolution und der Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution geborenen Sowjetunion umfasst einen Zeitraum von zwei hundert Jahren; es ist, als schlösse sich ein Kreis. Denn das Jahrhundert der Extreme war auch ein Jahrhundert extremer Kriege. Der erste war der Geburtshelfer der tiefsten Revolution in der Geschichte der Menschheit, die wie keine andere die Formen der gesellschaftlichen Beziehungen unter den Menschen in nur wenigen Monaten regelrecht durcheinandergewirbelt hatte. Der zaristische Doppeladler wurde eingezogen, die Trikolore, die rote Fahne wurde gehisst.

DER GEIST DES KOMMUNISMUS UND SEIN SCHICKSAL

22. November 2015

Der junge Hegel hatte in seiner erst 1907 veröffentlichten Schrift „Der Geist des Christentums und sein Schicksal“ den Weg des Niedergangs des Christentums von einer Religion der Liebe zur orthodoxen Verhärtung des Vatikanstaates nachgezeichnet und für diesen Verfallsprozess den Begriff „Positivität“ geprägt. Die Assoziation zum Niedergang des europäischen Kommunismus ist zu naheliegend, als dass man sie unter dem Diktat des historischen Materialismus ganz unterdrücken könnte, zumal ja Engels in seinem Artikel „Zur Geschichte des Urchristentums“ 1894 ausführte, dass das Christentum merkwürdige Berührungspunkte mit der modernen Arbeiterbewegung biete. Walter Benjamin wies 1927 in seinem Essay „Moskau“ darauf hin, dass Russland die gleiche Gefahr drohe wie einst der Kirche: die Eröffnung einer „schwarzen Börse der Macht“ wäre das Ende des Kommunismus. Auch der Marx‘ sche Kommunismus war ja wie Jesus und seine Jünger zunächst eine Sekte, der Herrschaft und Unterdrückung fremd waren und die nach den Worten des jungen Friedrich Engels die Einheit der Menschheit mit der Natur und mit sich selbst anstrebte (Vergleiche Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,505). Aber der Einfluss von Marx und Engels in der internationalen Arbeiterbewegung wuchs, 1864, sechzehn Jahre nach der 48er Revolution und dem Erscheinen des „Manifestes der Kommunistischen Partei“ gründete Marx die erste Internationale Arbeiterassoziation, die acht Jahre Bestand hatte. Der Marxismus setzte sich zwischen dem Ende der Kommune und dem Ausbruch der russischen Revolution von 1905 durch und lieferte die theoretische Grundlage einer Massenbewegung. Die sozialdemokratische Partei Deutschlands galt vor der Pariser Kommune durch ihre mustergültige ablehnende Haltung zum deutsch-französischen Krieg und nach dem Desaster dieser Kommune als die organisatorisch vorbildlichste Partei auf dem Kontinent, die Lenins Anerkennung fand. In theoretischer Hinsicht allerdings wies bereits der Gothaer Programmentwurf von 1875 erhebliche Schnitzer aus und Marx und Engels verhielten sich in ihrer Kritik des Programmentwurfs wie das wissenschaftliche Bewusstsein zum unwissenschaftlichen, beide schienen füreinander das Verkehrte der Wahrheit zu sein. Im Zusammenhang mit dem ersten Weltkrieg versagte dann diese deutsche Elite der Sozialisten bis auf Liebknecht, Luxemburg und Mehring kläglich und Lenins Aprilthesen waren das vielleicht letzte Dokument eines genuin revolutionären Marxismus, dass schon so sehr außerhalb eines schablonenhaften Denkens der Sozialisten lag, dass sie den in den Thesen liegenden revolutionären Gehalt gar nicht mehr witterten. Lenin wollte im April 1917 die Revolution hier und jetzt, ein Ansinnen, das ihn leicht in die anarchistische Ecke bringen konnte. Auf der anderen Seite aber lässt sich gerade auf Lenin eine Organisationsbesessenheit und ein Kult der Disziplin zurückführen, die jeden anarchistischen Gedanken ausmerzen. In diesem Zusammenhang ist es äußerst wichtig, die Marksteine zu eruieren, die die Verwässerung der materialistischen dialektischen Methode anzeigen, die Engels 1886 als „unser bestes Arbeitsmittel und unsere stärkste Waffe“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,293) bezeichnet hatte. War schon Stalins Studie „Über dialektischen und historischen Materialismus“ kein Glanzstück, aber völlig korrekt; so kommt ihre dilettantische Handhabung in der Geheimrede Chruschtschows zum Vorschein. Eine friedliche Koexistenz zwischen Sozialismus und Kapitalismus und die Ersetzung der Diktatur des Proletariats durch einen Staat des ganzen Volkes zeigen allerdings die Verlotterung dialektischen Denkens ganz deutlich an. Ich will ein kleines, aber nicht unerhebliches Beispiel aus der DDR anführen. Marx‘ ens Kritik an Ludwig Feuerbach, dass dieser trotz seiner atheistischen Religionskritik eine doppelte Welt bestehen ließ, dass er in der irdischen Familie zwar das Geheimnis der himmlischen erkannte, aber erstere nicht auch der Kritik unterwarf, dass er nur Religionskritiker blieb und kein Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und kein Kämpfer gegen sie wurde, bekanntlich trat Feuerbach erst 1869 in die von Liebknecht und Bebel gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei ein, läuft für Marx auf die Forderung hinaus, die Familie praktisch zu vernichten (Vergleiche Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,6). Von bürgerlicher Familie und ihrer Ersetzung durch eine proletarische ist hier nicht die Rede. Die Kritik von Charles Fourier an der französischen Revolution, dass diese nicht auf die Vernichtung der Ehe zielte, lässt sich mühelos auch auf die russische Oktoberrevolution übertragen, obwohl es in den sowjetischen Fabrikstädten zum Bau von Einküchenhäusern kam, wie das auch beim zwischen 1927 bis 1930 gebauten Karl-Marx-Hof in Wien, dem „Versailles der Arbeiter“, der Fall war. 1972 erschien in der DDR im ‚Verlag der Frau‘ ein Buch, das den Titel trug: „Marx Engels Lenin, Über die Frau und die Familie“. In der Einleitung breitet sich ein Joachim Müller aus, dass die Existenz der Familie ewig sei. (Vergleiche Marx Engels Lenin, Über die Frau und die Familie, Verlag für die Frau, Leipzig, 1980,10).  Zwischen den Seiten 144 und 145 ist ein Schwarzweißbild eingebunden, auf dem eine Frau, ein Mann und drei Kinder in lockerer Atmosphäre gezeigt werden. Unter dem Bild liest man: „Entspannung für die ganze Familie“. Wenn man eine erfolgreiche Revolution daran erkennt, dass sich die Formen der Beziehungen unter den Menschen geändert haben, so ist auf dem Bild davon nichts zu bemerken, Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es zwar Kommunen in Westberlin, nicht aber in Ostberlin. Im Gegenteil, für die SED-Spießer waren die Kommunen rote Tücher, es gab in der DDR Plattenbauten, aber keine Architekten, die Wohnungen explizit für eine kommunale Lebensweise von Kollektiven entwickelten. Durch die verhängnisvolle Vereinigung der KPD mit der SPD unter der „Schirmherrschaft“ von Tulpanow, wurde nur bestätigt, was Marx und Engels im Manifest über das deutsche Kleinbürgertum geschrieben hatte: Das Kleinbürgertum bildet die „eigentliche gesellschaftliche Grundlage der bestehenden Zustände“. Man sieht, wozu Revolutionen in der Geschichte für eine Zeitlang gut sind: In Russland konnte Lenin nach 1905, nach dem Februar und nach dem Oktober 1917 den kühnen Satz aussprechen, dass die Kommunisten nur ein Tropfen im Volksmeer seien, im klassischen Land der Konterrevolution hätte eine SED als ein Tropfen im Spießermeer keine Chance gehabt. Kurz vor dem Ende der Sowjetunion warnte Gorbatschow dann vor revolutionären Sprüngen. Der offizielle Marxismus war ganz Positivität geworden.

Philosophie Medizin Sterbehilfe

20. November 2015

Für gewöhnliche Menschen ist es nicht möglich, aus einer aktuellen politischen Situation sich aus ihr herleitende Konturen der weiteren Entwicklung treffsicher herauszufiltern. Das macht den alltäglichen Dilettantismus der Talkshows im Fernsehen aus, in dem der subjektive Maßstab und das objektive Ausmaß nicht zur Kongruenz kommen. Man müsste ein Karl Marx sein, der in der lebendigen Tagesgeschichte die Begebenheiten in ihrer Tendenz so klar durchschaute, wie sie beispiellos in der Geschichte der politischen Theorie ist und der diesbezüglich mit dem 18. Brumaire des Louis Bonaparte sein Meisterwerk abgeliefert hat. Karl Marx war ein Ausnahmerevolutionär, dessen Name und Werk  durch die Jahrhunderte fortleben wird. Die Natur- und Gesellschaftswissenschaftler täten heute gut daran, nicht auf die bürgerliche Ideologie hereinzufallen, der gemäß jeder für sich und Gott für uns alle arbeitet, sondern auf einen atheistischen Gesellschaftszustand hinzuwirken, der es erst ermöglicht, in Kollektiven zu wahren Herren ihrer Materie zu werden gemäß der humanen Maxime, alle für einen, einer für alle.

Nietzsche jammerte, dass der Sozialismus das Aufkommen „großer Männer“ verhindere, er endete in der Irre. Eric Hobsbawm nannte das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Extreme und man muss sich wirklich fragen, ob es nicht mehr im Zeichen von Nietzsche als im Zeichen von Marx stand ? Immanuel Kant hatte als erster den zukünftigen völligen Untergang unseres Universums in seiner Nebulartheorie dargelegt und Friedrich Engels würdigte ihn diesbezüglich als bahnbrechenden Denker. 1888 wies Engels in seiner Rezension von Starckes Buch über Ludwig Feuerbach auf den Stand der Naturwissenschaft hin, nach dem der Bewohnbarkeit der Erde ein ziemlich sicheres Ende vorausgesagt wird. In der Kubakrise 1962 war die Menschheit nahe dran, einen Teil dieses Universums zu vernichten. Kants Entdeckung in seiner Dissertation „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ kann auch den Selbstmord des Menschen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Der Selbstmordattentäter, der ja die klassische Lehre, nach der es im Krieg darauf ankommt, sich selbst zu erhalten und den Feind zu vernichten, zur Hälfte auf den Kopf stellt, sogar mehr, wenn er unschuldige Zivilisten, die nicht der Feind sind, mit in seinen Tod reißt, wäre heute der höchste Ausdruck des Soldatseins. Er verliefe synchron vorwegnehmend mit der Selbstvernichtung unseres Universums, durch die alles gleichgültig und unser aller Leben entwertet wird, das blödsinnigerweise auf Anerkennung statt auf Lustgewinn ausgerichtet war und ist. Die Selbstvernichtung des Universums schlösse die Vernichtung einer ihr Leben verpfuscht habenden  Menschheit ein. Für Kant aber stimmt der Selbstmord des Menschen nicht mit dem kategorischen Imperativ überein, denn der Selbstmörder würdigt sich zu einem bloßen Mittel zur Erlangung einer Glückseligkeit (Befreiung von der Last des Lebens) herab. Der Nihilismus des Universums, der alles zum Mittel degradiert, und der kategorische Imperativ, der alles zum Zweck erhebt, werden immer ein merkwürdiger Widerspruch in der Philosophie Kants bleiben.

Friedrich Engels pflichtete Kant bei, dass unser ganzes Sonnensystem eines Tages verschwunden sein wird. Alles wird relativiert, ja seiner Substanz beraubt, selbst der Begriff des Fortschritts verkommt zu einer leeren Worthülse. Condorcet sah die menschliche Vernunft noch auf ihrem Weg zur Vervollkommnung über ein zehnstufiges Entwicklungsmodell, er huldigte „une idole d‘ échelle“. Aber was, wenn die Leiter am Ende selbst zerbricht ? Irrt dann der Mensch, solange er strebt ? Wenn alle Erfindungen der Menschen letztendlich keinen Zweck erfüllen können ? Engels tat die Idee der von bürgerlichen Aufklärer vertretenen ständigen Vervollkommnungsfähigkeit des menschlichen Geschlechts (Perfectibilité) als „Gerede“ ab.  Ist die Frage noch wert, untersucht zu werden, ob die beiden Höhepunkte der Weltphilosophie, die antike und die klassische deutsche, synchron gehen mit den  Höhepunkten des Humanismus ?Ja eine wissenschaftliche Disziplin wie die Medizin, die auf den ersten Blick den Anspruch und die Aufgabe hat, das menschliche und tierische Leben zu erhalten und Leiden zu lindern und zu beenden,  wäre in Frage gestellt. Dr. Stefan Sahm, Chefarzt am Offenbacher Ketteler-Krankenhaus und Ethiklehrer an der Universität Frankfurt am Main, hat sich zum Thema Sterbehilfe durch einen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ festgelegt: „Es ist die Grundlage eines jeden Gemeinwesens, jeglicher staatlichen Gemeinschaft und letztlich der durch unverbrüchliche Rechte verbundenen Menschheitsfamilie, dass die Existenz eines jeden Mitgliedes der Gemeinschaft seiner Nichtexistenz vorzuziehen ist. Diese Regel gilt ausnahmslos. Grundlage der Menschenrechte ist eine Präferenz für das Leben. Was abstrakt anmutet, ist auch der Alltagsintuition zugänglich. Daher sind Handlungen, die auf die Unterstützung eines Suizids gerichtet sind, verwerflich und ein unmoralisches Angebot“ (Stephan Sahm, Ein unmoralisches Angebot, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. November 2015,8). Dass die Existenz der Nichtexistenz vorzuziehen ist, ist eine assertorische Aussage, denn wir wissen heute, dass das Universum letztendlich die Nichtexistenz der Existenz vorzieht, unterlassene Sterbehilfe könnte von daher auch als widernatürlich (ergo pervers) gedeutet werden. Adolf Hitler gab in einem seiner letzten Befehl, in dem sogenannten Nerobefehl, Albert Speer den Auftrag, alle ökonomischen Grundlagen und Infrastrukturen in Deutschland radikal zu vernichten, damit das deutsche Volk aus der Weltgeschichte ausgelöscht werde. Mao Tse Tung sah einer thermonuklearen Weltkatatsrophe mit einer stoischen Gelassenheit entgegen, einige Chinesen werden es sein, die sie überleben, um dann den Sozialismus-Kommunismus aufzubauen.

Epikur, ein Philosoph der Freude und der Weltbejahung, wollte der Menschheit die Angst vor dem Tod nehmen, er scheint mir von allen antiken Philosophen der wahre Inspirator der Renaissance und ihrem Ideal des allseits gebildeten Menschen zu sein, wie ihn in der Antike Aristoteles, in der Neuzeit Leibniz und Hegel verkörperten. Nur in der besten aller Welten kann auch das absolute Wissen statthaben, ein Agnostiker kann ein Buch nicht mit einem Kapitel über das absolute Wissen beenden. Im Marxismus lacht uns die Materie an, er ist die höchstentwickelte Materie, in der ihr Untergang beginnt. Der Marxismus ist heute in der Zeit, in ihrer Endphase. Für Engels war ein kommender Wendepunkt in der Geschichte wissenschaftlich ausgemacht, „von wo an es mit der Geschichte der Gesellschaft abwärtsgeht“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,268). Harich sah ihn bereits in der globalen Ökokrise und plädierte für einen Kommunismus ohne Wachstum. Es war nach Friedrich Engels der utopische Sozialist Charles Fourier, der mit einer Hegel ebenbürtigen Dialektik hervorhob, dass jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast habe (Vergleiche Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschft, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975, 424). Der absteigende Ast wird das „Duell“ gewinnen.

Für Heraklit waren in aristokratischer Überheblichkeit die meisten Menschen anwesend-abwesend – und das ist auch ganz gut so, auch wenn Heraklit unterschlägt, dass in präsozialistischen Klassengesellschaften  nur die wenigsten Menschen Zugang zu Kultur und Bildung haben und deshalb die Mehrheit anwesend-abwesend ist. Was bürgerliche Ideologen als Bildungsgesellschaft bezeichnen, ist heute in Wirklichkeit das Abrichten für die Verwertung des Kapitals. Die meisten Menschen wissen ebenso nichts über das zukünftige Schicksal unseres Universums wie über die Tatsache, dass Marx, Shakespeares Gedicht „Timaios“ interpretierend, das Geld als „allgemeine Hure“ bezeichnete und leben geistig abwesend und borniert in den Tag hinein auf der Jagd nach der „allgemeinen Hure“. Wahrscheinlich ließe sich ein Leben mit der ständigen Präsenz des absoluten Nichts und dem ständigen Kontakt mit einer Hure nicht durchhalten. Sinnlosigkeit ist das Insich-Einsinken der Kommunikation, in dem der allseitig gebildete Mensch verkümmern würde. Sensible Menschen, die dieses von Beckett auf die Bühne gebrachte Grauen irgendwie vernehmen, können zur Droge getrieben werden, um sich im Rausch unbewusst dem Nichts einzustellen. Der Misere der Klassenkampfgeschichte ist es geschuldet, dass dem Humanismus Gegenwart versagt wird, dass er nur perspektivisch auf zukünftiges Glück heute konzipierbar zu sein scheint. Auch der Kommunismus als vollendeter Humanismus und Naturalismus wäre in der totalen Depression seiner Substanz beraubt. Lenin schrieb in seinem Fundamentalwerk „Staat und Revolution“, dass es keinem Sozialisten je eingefallen ist, zuzusichern, dass die höhere Phase des Kommunismus jemals eintreten wird. Und doch setzen heute Menschen ihr Leben für den Sieg des Kommunismus ein, für einen Zustand, in dem, nach den Worten Auguste Blanquis „kein einziger Mensch mehr der Narr eines anderen sein wird“ (Louis-Auguste Blanqui, Der Kommunismus, die Zukunft der Gesellschaft, in: Louis-Auguste Blanqui, Schriften zur Revolution, Nationalökonomie und Sozialkritik, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1971,126). Wenn überhaupt nach einer Gültigkeit des Kant‘ schen kategorischen Imperativs heute gefragt wird, so sind es, widersprüchlich genug, diese Kommunisten, die ihn bestätigen. Ist dieser Imperativ in Klassengesellschaften ungültig, kann er in ihnen höchstens zur Täuschung der Ausgebeuteten missbraucht werden, so würde erst im Kommunismus sein humaner Kern relevant sein. Ich erinnere mich noch an eine Demo gegen Hartz IV und Sozialabbau in Berlin, die auch an den letzten Ruinen des Palastes der Republik vorbeikam. Welches Lied wurde spontan angestimmt ? Es war die Internationale !

 

Die Geier des Westens Zur Einverleibung der DDR

17. November 2015

Marx hatte im Kapital-Kapitel „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ am Beispiel eines Tisches entwickelt, dass er als Gebrauchsgegenstand ein ordinäres Ding, als Ware aber ein sinnlich übersinnliches Ding sei. Er stelle sich dann allen anderen Waren gegenüber auf den Kopf und entwickle aus einem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, „als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne“. 108. Am 7. Dezember 1989 trat im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Berlin-Mitte zum ersten Mal ein ‚Runder Tisch‘ zusammen, das war bereits so ein Tisch, an dem Personen Platz nahmen mit Grillen im Kopf, viel wunderlicher, als wenn sie aus freien Stücken zu tanzen begännen. Platt gemacht war die DDR unwiderruflich am 1. Juli 1990, als die DM die einzige Währung in Deutschland wurde. Im Hochgefühl eines chauvinistischen Taumels ging unter, dass am 12. September 1990 Deutschland in Versailler Tradition durch internationales Diktat seine Truppe von 500 000 Mann auf 365 000 zu reduzieren hatte. Katzenbuckelte man außenpolitisch, so gab das Treuhandgesetz nach innen die Handhabe zu einer schamlosen und ekelerregenden Enteignung des deutschen Volkes, die in seiner Geschichte ihresgleichen sucht. Die Geier des Westens, neben der russischen Perestroikamafia allerdings Spatzen, haben heute keine Recht mehr, mit dem Finger auf die sogar verständlichen Reparationsforderungen der Russen nach dem zweiten Weltkrieg zu zeigen. Über die Perestroikamafia schreibt Hans Kalt: „Es hat in der Wirtschaftsgeschichte noch keine Enteignungsaktion gegen so viele, von solchem Umfang und so eindeutig zugunsten einer offenkundig kriminellen Minderheit gegeben“. (Hans Kalt, Stalins langer Schatten, Das Scheitern des sowjetischen Modells, papyrossa Verlag, Köln, 1994,210). Wie bunt und pluralistisch war doch die deutsche Republik nach dem Sturz des SED-Monoliths geworden, und während die Regenbogenfahne des ‚Prinzips Hoffnung‘ hochgezogen wurde, schlug die Reaktion aus dem Hinterhalt eiskalt zu. Sie hatte ja von jeher ‚gut lachen‘ in einem Land der Dichter und Denker – und Träumer. Was ist aus den Träumen von 1989 geworden ? Nun – der Russe kam nicht mehr, der Russe war gegangen, die Rote Armee, die NVA waren weg. „Der Russe“ war nicht mehr in fünfzehn Minuten auf dem Kurfürstendamm. Diese Tatsachen hätten zum sofortigen Abbau der reinen Verteidigungsarmee ‚Bundeswehr‘ führen müssen ! Träume ich ? Ja, aber meine Träume zerplatzen rasch … als erster fiel am 14. Oktober 1993 der Feldwebel Alexander Arndt durch einen Angriff auf offener Straße in Phnom Penh, bei einem Angriff in Georgien der 23jährige Stabsunteroffizier Jens Klünder, in Rajlovac bei Sarajewo fiel die 21jährige Unteroffizierin Corinna Dietrich … u.s.w. … Die Namen der Soldaten, die bei Einsätzen von Spezialkräften fielen, unterliegen der Geheimhaltung. Wir dürfen noch nicht einmal die Zahl der Gefallenen erfahren. Während der Erosion der Sowjetunion bot sich nach der Stalin-Note von 1952 eine zweite Chance wiederum für einen christdemokratischen Bundeskanzler, ein neutrales Deutschland zu bewirken. Auch diese Chance wurde bewusst vertan und der Kniefall vor einem amerikanischen Präsidenten wiederholt. Der sowjetrussischen Führung wurde nur mündlich zugesichert, dass die NATO keinen Zentimeter nach Osten gehen werde. Der naive Gorbatschow glaubte das. Die Rote Armee zog sich aus Deutschland zurück und die NATO folgte ihr. Nicht sofort, das wäre zu auffällig gewesen, aber nach und nach. Heute finden NATO-Wehrübungen auf dem Territorium der Ukraine gegen die Atommacht Russland statt. Dass die NATO ihre schnelle Eingreiftruppe im ukrainischen Bürgerkrieg trainiert, ist eine neue Dimension im neuen kalten Krieg, die es in dieser Dreistigkeit im alten nicht gegeben hat. Heute ist die BRD der drittgrößte Waffenexporteur der Welt und allein schon die Rüstungsmafia, die ständig die Ausfuhrbeschränkungen des Grundgesetzes unterlaufen darf, stellt ein immenses Hindernis für die Emanzipation der Völker dar, denn seit ihrem Bestehen hat die BRD weltweit Waffen fast ausschließlich in die Hände von Konterrevolutionären gelegt, was der Rüstungsmafia wurscht sein dürfte. Wie hatten die Pfaffen in der DDR ihre Hände zu Friedensgebeten gefaltet, nach dem Zusammenbruch der DDR bleiben sie heute steif beim tragischen Schicksal junger Menschen, die ihr Leben für die Interessen volksfeindlichen Ausbeuterabschaums gelassen haben, der sich hinter den Begriffen Demokratie und Republik versteckt. Gauck wirbt offen für Auslandseinsätze der Bundeswehr und ordnet diese klösterliche Zwergmissgeburt als „Teil unseres Demokratiewunders“ ein. Es wäre auch nicht mit rechten Dingen, es wäre auch nicht mit rechten Menschen zugegangen, wenn in Himmerod keine kriminelle Energie vorgelegen hätte. Mit der Einverleibung der DDR hatten die deutschen Kapitalisten ihr Gesellenstück abgeliefert, sie durften jetzt an den Eroberungskriegen zur Neugestaltung der Weltordnung teilnehmen.

Obwohl Lenin die Bemerkungen von Marx und Engels über das konterrevolutionär verseuchte Deutschland kannte, obwohl er Zeitzeuge des Kapp-Putsches war, vom Marsch Mussolinis im Oktober 1922 auf Rom gehört hatte, einen zweiten Weltkrieg in Europa für nicht ausgeschlossen hielt, konnte er die spezifische deutsche Variante bürgerlicher Reaktion, den deutschen Faschismus, noch nicht erahnen. Aber seine Ahnung, dass man unbedingt Deutschland gewinnen müsse, dass das konterrevolutionär verseuchte Deutschland unbedingt eine rote Farbe annehmen müsse, wurde durch die weitere historische Entwicklung auf tragische Art als in sich stimmig erwiesen. In diesem Kontext ist das Telegramm Stalins zu lesen, dass er aus Anlass der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 nach Ost-Berlin schickte: Die Bildung der Deutschen Demokratischen friedliebenden Republik ist ein Wendepunkt in der Geschichte Europas. Eine DDR neben der friedliebenden Sowjetunion schließe die Möglichkeit neuer Kriege in Europa aus. Dass das Adjektiv ‚friedliebend‘ gleich zweimal, einmal sogar an einer ungewöhnlichen Stelle, verwendet wurde, verdeutlicht den historischen Hintergrund: der zweite Weltkrieg. Durch die DDR wenigstens hatte Deutschland seinen Charakter völlig umgekehrt: von einem Hort des Krieges zu einem Hort des Friedens. Der Krieg in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als kalter bestätigte diese Voraussicht Stalins. Mit dem Wegbrechen der Sowjetunion, mit dem der DDR ist der Krieg aus seinem Erholungsschlaf wieder erwacht.

 

Führer befiehl – wir folgen Dir

7. November 2015

Die ‚unsichtbare Hand‘ vom Adam Smith aus dem Jahr 1776 ist Ausdruck, dass der Produktionsprozess der menschlichen Hand entglitten ist, dass das Gesellschaftliche in der bürgerlichen Gesellschaft ohne Selbstbewusstsein ist und die Monade Mensch ihre Bestimmung als Gattungswesen verfehlen muss. In ihr hat nur eine hauchdünne Minderheit die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung in der Arbeit, nur ganz wenige haben einen Beruf, der schöpferische Selbstentfaltung zulässt. Der Arbeitsprozess wird in einer Kette von Zuweisungen versklavt. Der Arbeiter ist unter kapitalistischen Bedingungen ein aus seiner eigenen Achse gesprungener Mensch, für den im Arbeitsprozess keine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung besteht. Die fichtesche Bestimmung des Menschen liegt vielmehr darin, irgendein Zubehör zu irgendeiner Maschine in irgendeiner Fabrik zu sein. Die bürgerliche Gesellschaft bewegt sich in einem ihr einsitzenden Terrorzusammenhang, der ihre Charakterisierung als freiheitlich-demokratische von vornherein als deplatziert verurteilt. Gegen die Humanisten forderte Marx immer die Verkürzung des Arbeitstages, die eine Einschränkung des Fabrikdespotismus beinhaltete. Ein Despotismus,  den sein Scwiegersohn Paul Lafargue mit den Worten brandmarkte, “ … es wäre besser, man vergiftete die Brunnen, man säte die Pest, als inmitten einer ländlichen Bevölkerung kapitalistische Fabriken zu errichten“ (Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit, Aus dem Französischen von Eduard Bernstein, Anaconda Verlag, Köln, 2015,22). Aus seinen eigenen Eingeweiden produziert der kapitalistische Produktionsprozess fortwährend Menschen ohne Selbstbewusstsein, verstümmelte Menschen, die allen möglichen religiösen und politischen Demagogen in die Hände fallen, um sich unter deren Hierarchien kauernd zur zweiten, ideellen Versklavung niederzulassen. Wer von der Möglichkeit der Politik faselt, sie könne den Arbeitsprozess per Gesetz demokratisch gestalten, gehört ganz einfach eingefangen und unter die Kängurus Australiens ausgesetzt. Wie kann man denn in einer wirtschaftlich despotisch angelegten Gesellschaft die Worte Republik und Demokratie überhaupt affirmativ in den Mund nehmen ? Eine Basis von Lohnsklaven kann in der Regel keinen Überbau von Republikanern und Demokraten produzieren, aber ihr Extrem: Kommunisten, die eine Welt ohne Herrschaft anstreben. Und deren Gegenpart: Faschisten, die die Weltherrschaft anstreben.

Unter der soeben skizzierten spezifischen Schizophrenie der bürgerlichen Gesellschaft liegt, bedingt durch die doppelte Versklavung, die Latenz des Faschismus, in dem insofern eine Pseudoidentität hergestellt wird, als die Lohnsklaven die demokratische Heuchelei abwerfen und ausrufen: Wir wollen gar keine Republikaner und Demokraten sein. Das ‚Führer befiehl, wir folgen Dir‘ ist nur die Verlängerung der Fabriktyrannei ins allgemein Politische. Der proletarische Produzent „produziert“ sich nicht nur sozial zum Pauper, er kann sich auch zum Kommunisten oder zum politischen Pauper: sprich: Sozialdemokraten und Faschisten hervorbringen. Das letztere aber ist die Volksgemeinschaft, in der sich sowohl die Lohnsklaven als auch die Kapitalisten unter Ausschaltung des Mehrparteiensystems in einer autoritären Identität vereinen und in der die Dialektik von Lohnarbeit und Kapital aufgehoben zu sein scheint. Die fixe Konstellation von Befehl und Gehorsam ist verinnerlicht worden und wird nicht mehr in Frage gestellt, die perverseste Form der Sklaverei wird von den faschistischen Ideologen und vom Spießer als „Gesetz und Ordnung“ hochgehalten. Die Ideologen einer bürgerlichen Republik verfahren im Unterjubeln einer Volksgemeinschaft raffinierter, indem sie die Wirklichkeit der kapitalistischen Produktion verkehrt, ja schizophren widerspiegeln im Rollentausch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Arbeiter ist nicht der Empfänger der Arbeit, die der Kapitalist ihm gibt. Das ist einer der roten Sterne, die trotz des Zusammenbruches der DDR der Arbeiterklasse voran leuchten, die marxistische Gesellschaftswissenschaft kann nicht mehr zurück und der kapitalistischen Ausbeutung irgendeinen humanistischen Kern bescheinigen, im Gegenteil, immer wird diese die Ausbeutung in ihrem Kern offenlegen und auf die Verbindung mit den Bedürfnissen der arbeitenden Massen hinarbeiten. Der Kommunismus ist nicht tot. Immer wieder muss es zur Frontbildung im Klassenkampf kommen, zu einem neuen Ansturm auf die kapitalistische Bastion, die fallen wird durch den Blitz, der aus der zündenden Vereinigung von Wissenschaft und Arbeiterbewegung welterschütternd einschlägt. Es war deshalb keineswegs eine intellektuelle Entgleisung, wenn der weiße Bürgerkriegsgeneral Horst Herold zwei Jahre nach der Auflösung der RAF im Mai 2000 zu der Einsicht kam, dass das Scheitern des Kommunismus Probleme hinterlassen habe, die zu seinem Entstehen geführt hätten (Vergleiche Horst Herold, Die Lehren des Terrors, Süddeutsche Zeitung Nr. 116, 30./31. Mai 2000,9).  In der naiven, darum perversen Malerei des Faschismus findet der Sklave sich als Sklave ab, aber als mit sich identisch, sich aufhebend über einen Dritten. Im Personenkult findet die Bestätigung dieser künstlichen Identität statt, in der das Sklavenbewusstsein über einen Dritten, über einen messianischen Mittler ausgelöscht ist. Die Affinität des Faschismus zur Religion liegt hier auf der Hand. Wenn Rudolf Hess auf einem Parteitag der NSDAP ausrief: Hitler ist Deutschland wie Deutschland Hitler ist, so weist dieser Satz genau auf die künstliche Identität hin, die naive Malerei „auszeichnet“. Es ist nun ein Leichtes für die Totalitarismustheoretiker, auf die Identität des sowjetischen und nationalsozialistischen Personenkultes hinzuweisen, auf Stalins Satz, bei uns im Lande Lenins kann es nur eine Partei geben, die Partei Lenins; aber sie verfahren nur einseitig, nach ihnen hätte es die Jahrhundertschlacht von Stalingrad, mit der die Schwangerschaft der DDR begann, nicht geben können – als Kampf der Gegensätze im Jahrhundert der Extreme. Diese auf den englischen Marxisten Eric Hobsbawm zurückgehende Charakterisierung, die er fünf Jahre vor dessen Ende vorgenommen hatte, ist insofern sehr treffend, nicht nur, weil sich das 20. Jahrhundert in vielem bei geringen Kontinuitätslinien gegen das 19. Jahrhundert kehrt,  sondern weil das Jahr 1900 genau den Zeitpunkt des Umschlags, des Beginns des imperialistischen Zeitalters des Kapitalismus anzeigt. Der Kern der materialistischen Dialektik des 19. Jahrhunderts, dass die Einheit der Gegensätze relativ, ihr Kampf aber absolut ist, kam rechtens im 20. Jahrhundert zur Explosion. Man könnte so die Charakterisierung von Hobsbawm auch leicht variieren: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der extremen Kriege und damit zugleich ein Jahrhundert der Dekadenz. Der erste war der Geburtshelfer der tiefsten Revolution in der Geschichte der Menschheit, die wie keine andere die Formen der gesellschaftlichen Beziehungen unter den Menschen in nur wenigen Monaten regelrecht durcheinandergewirbelt hatte. Der zaristische Doppeladler wurde eingezogen, die Trikolore, die rote Fahne wurde gehisst. Noch nie sind in der Geschichte der Menschheit die Landkarten so durcheinandergewirbelt und neu gestaltet worden worden wie im Zeitraum zwischen 1939 und 1945. Auch das sind Früchte der technisch-industriellen Revolution.  Hitler hatte va banque gespielt – und verloren. Die Folge war u.a., dass die Sowjetunion, die vernichtet werden sollte, stäkste Macht in Europa und eine Herausforderung für die USA wurde. Die McCarthy-Hysterie zeigte, dass für das politische Establishment in Washington die nicht vorliegende Bedrohung durch die SU weit gefärhlicher war als die frühere durch Hitler-Deutschland.  Der Ausbruch der französischen Revolution und der Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution geborenen Sowjetunion umfasst einen Zeitraum von zwei hundert Jahren; es ist, als schlösse sich ein Kreis.

Die Erde ist ein Garten. August Bebels „Frau und der Sozialismus“ und der Umweltschutz

6. November 2015

DIE ERDE IST EIN GARTEN

AUGUST BEBELS „FRAU UND DER SOZIASLISMUS“ UND DER UMWELTSCHUTZ

Das Buch von August Bebel „Die Frau und der Sozialismus“ , das 1879 zum ersten Mal erschien, gehört ohne Zweifel zu den Klassikern der sozialistischen Literatur, erreichte es doch bis 1910 bereits fünfzig Auflagen. Es gab, so Erhard Lucas, kein sozialistisches Buch, dass Arbeiter und Arbeiterinnen häufiger in Bibliotheken ausliehen. Es wurde rasch eine Art Handbuch des Sozialismus und beeinflusste das Denken ganzer Generationen von Arbeitern und Arbeiterinnen. Bebel entwickelt und beantwortet in diesem Buch aus seinem Kernthema einen ganzen Komplex hochwichtiger Fragen der Arbeiterbewegung, so auch die Frage, wie wird in einer „sozialistischen Gemeinwirtschaft“ und wie in einer „bürgerlichen Individualwirtschaft“ mit der Umwelt umgegangen ?

Es war Friedrich Engels, der die Sozialisten bereits 1893 in seiner Schrift “Kann Europa abrüsten ?” auf die verheerenden Folgen der Entwaldung Russlands durch Holzexport und für den Bau des Eisenbahnnetzes hingewiesen hatte. Durch die Entwaldung wurde die Landwirtschaft arg in Mitleidenschaft gezogen, immer mehr konnten die aus Zentralasien herüberziehenden sehr staubhaltigen Trockenwinde (suchovej) den Schnee von agrarischen Nutzflächen wegfegen. Das Schneewasser und durch die Verstaubung auch Regenwasser wurden zum Frühling hin nicht mehr aufgesogen, Bäche und Ströme schwollen dagegen an zu Überschwemmungen. Im Sommer aber sank die Bodenfeuchtigkeit, so daß sie für die Wurzeln der Getreidehalme unerreichbar wurden. Hungersnöte in weiten Gebieten waren die Folge, erinnert sei nur an das sogenannte “böse Jahr” 1891, in dem der Viehbestand der Bauern rapide abnahm. (Vergleiche Friedrich Engels, Kann Europa abrüsten ?, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,390). Auch August Bebel wies in seinem Buch „Die Frau und der Sozialismus“ auf den Einfluß des Waldes auf die Feuchtigkeitsentwicklung der Region hin. In dem Buch von Parvus und Dr. Lehmann „Das hungernde Russland“ wird festgestellt, dass die Missernten ganz wesentlich mit den maßlosen Waldausrodungen zusammenhingen. Im Regierungsbezirk Stawropol verschwanden mit der Zeit fünf kleine Flüsse und sechs Seen, im Regierungsbezirk Busuluk vier Flüsschen und vier Seen, im Regierungsbezirk Samara sechs kleine Flüsse und im Regierungsbezirk Buguruslaw zwei kleine Flüsse. Dörfer hatten fließendes Wasser verloren und in manchen Regionen stieß man erst nach sechzig Meter Bohrung auf Wasser. Infolgedessen wurde der Ackerboden hart und war mit Rissen durchzogen. Mit dem Fällen der Wälder versiegten allmählich die Quellen und verminderten sich die Regen. (Vergleiche August Bebel, Die Frau und der Sozialimus, Dietz Verlag Berlin Bonn, 1980,335).

Wie später Lenin sieht auch Bebel in technischer Hinsicht in der Elektrizität die entscheidende Produktivkraft im Sozialismus. Für ihn ist sie die gewaltigste aller Naturkräfte, die eine revolutionierende Wirkung auch bei der Sprengung der bürgerlichen Gesellschaft ausüben wird. Durch sie werden die Schornsteine aus dem sozialistischen Stadtbild verschwinden, nachdem die Sonne und das Wasser als Energieträger die Kohle verdrängt haben werden. Professor Rehbock aus Karlsruhe hatte die Rohenergie des auf der ganzen Erdoberfläche abfließenden Wassers auf acht Milliarden Pferdestärken geschätzt. Energie werde im Sozialismus in der Natur im Überfluss vorhanden sein. „Unsere Wasserläufe, Ebbe und Flut des Meeres, der Wind, das Sonnenlicht liefern ungezählte Pferdestärken, sobald wir erst ihre volle und zweckmäßige Ausnützung verstehen“. (a.a.O.,353). Das kann nach Bebel aber erst im Sozialismus der Fall sein.

Bebel, der am 13. August vor 102 Jahren starb, aktualisierte sein Buch bis 1913 ständig und bezog sich in seinen Forschung zur Umwelt und ihrer Darstellung auch auf Koryphäen der bürgerlichen Wissenschaft, so auch auf das 1900 erschienene Buch von Professor Kohlrausch (Universität Berlin): „Die Energie der Arbeit und die Anwendung des elektrischen Stromes“, in dem der Professor auch auf die Bedeutung der Sonnenenergie für die Wirtschaft aufmerksam gemacht hatte. Er pflichtet Kohlrausch in technischer Hinsicht zu, dass einige Quadratmeilen mit Kollektoren in Nordafrika ausreichten, den Energiebedarf des Deutschen Reiches zu decken. Bebel führt des weiteren ein Zitat aus der Eröffnungsrede des englischen Physikers Sir S. Thomson auf dem 79. Kongress der „British Association“ in Winnipeg an: „Nicht all zu fern ist der Tag, da die Ausnutzung der Sonnenstrahlen unser Leben revolutionieren wird, von der Abhängigkeit von Kohle und Wasserkraft befreit sich der Mensch, und alle großen Städte werden umringt sein von gewaltigen Apparaten, regelrechte Sonnenstrahlenfallen, in denen die Sonnenwärme aufgefangen und die gewonnene Energie in mächtigen Reservoirs aufgefangen wird …“ (a.a.O.,354). Das ist heute wenigstens zu einem kleinen Teil der Fall. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgte Bebel auch die geothermischen Forschung des französischen Professors Berthelot, der neben der Sonnenwärme noch auf die Hitze des Erdinneren als regenerativen Energieträger hinwies. Man sei heute technisch in der Lage, einen Schacht bis 4. 000 Meter zu bohren, so dass man gleichbleibende Energievorräte für Jahrhunderte hätte. So sei eine Zukunft in Aussicht gestellt, in der die Erde ein Garten (kursiv von A.B.) sein wird, „in dem man nach Belieben Gras und Blumen, Busch und Wald wachsen lassen könne …“ (a.a.O.,359f.).

Ich habe bei der Wiedergabe vorstehender professoraler Gedanken, denen Bebel weitgehend beipflichtete, betont, dass sie nur erst in technischer Hinsicht zu verstehen sind. Gerade um die Jahrhundertwende bildeten sich in Deutschland kleinbürgerliche Gartenvereine heraus, die Konzepte von Gartenstädten entwickelten. Ohnehin gab es eine Flut utopischer Literatur, die sich um ein „naturgemäßes Leben“ in der Zukunft drehte. (Vergleiche Gerd Spelsberg, Rauchplage, Zur Geschichte der Luftverschmutzung, Kölner Volksblatt Verlag, 1988,193ff.). Spelsberg weist auf Bellamys Roman „Im Jahr 2000“ (ein fiktiver Rückblick aus einem kommunistisch gewordenen Boston, in dem es kein Geld mehr gibt mit einer auf ein Minimum reduzierten Bürokratie) hin, der sowohl in den USA als auch in Deutschland (in preiswerten Reclamausgaben) in sehr hohen Auflagen erschien. 1902 wurde die „Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft“ auf genossenschaftlicher Grundlage gegründet, deren Vorstand u.a. Werner Sombart und Franz Oppenheimer angehörten. Die Gesellschaft betont „deutlich die völkische Entwicklungslinie“ (a.a.O.,226). 1891 erschien in England eine Schrift gegen Bellamy mit dem Titel „News from Nowhere“ von William Morris, der die Fabrikstädte vor allem aus ästhetischen Gründen ablehnte. Morris war einer der letzten Maschinenstürmer des Jahrhunderts und ein Agrarromantiker, der von der Auflösung der großen Städte träumte. In der „Deutschen Ideologie“ hatten Marx und Engels festgestellt, dass die Individuen in ihrer Vorstellung unter der Bourgeoisherrschaft freier sind als früher … in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie,  Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,76). Das ist die Entzauberung des Menschen, gegen die die Romantik rebellierte. 1896 hatten der antisemitische Ingenieur Theodor Fritsch (Die Stadt der Zukunft) und 1897 der Engländer Ebenezer Howard (Garden Cities of Tomorrow) Konzepte von Gartenstädten entworfen. Allen Utopisten ist eine Verherrlichung der Elektrizität als eine Art Allheilmittel gemein. Durch Lenins Aussage, der Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes, ist zwar eine griffige Parole entstanden, die aber im innersten Kern noch nicht den Kommunismus verbürgen kann. Um den entscheidenden Schritt zur Abgrenzung von kleinbürgerlichen und technizistischen Gartenstadtkonzepten zu vollziehen, müssen wir fragen, was denn für Lenin zu seinen Lebzeiten das sichtbarste Zeichen des Kommunismus war ? Es waren dies die kommunistischen Subbotniks, die er als den „faktischen Beginn des Kommunismus“ (Lenin, Die Große Initiative, in: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,536) wertete: Kollektives Arbeiten mit Gattungsbewusstsein ohne Geld. Kollektives Arbeiten mit Gattungsbewusstsein ohne Geld war aber in den kleinbürgerlichen Gartenstadtkonzepten nicht vorgesehen.

Der Marxismus in der Zeit

5. November 2015

Das Experiment der Khmer Rouge in Kambodscha war bislang einzigartig und gilt in der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung als völlig abwegig. Es wurde der Versuch unternommen,  sofort ohne Wertkategorien, also auch ohne Geld, durch eine abstrakte Negation jeder individuellen Wirtschaftsaktivität zu einer einzigen Bauernkommune bei Auflösung der urbanen Zentren zu gelangen. Das Geld kann nicht sofort abgeschafft werden, aber es muss bei der Höherentwicklung des Sozialismus immer mehr zur technischen Recheneinheit, zum Plangeld werden. Das Volk der Kambodschaner musste das wahnwitzige Experiment am teuersten bezahlen. Es zahlte mehr als die Russen, die Kubaner, die Ostdeutschen. Jede/r fünfte Bewohner/in Kambodschas fiel der Schreckensherrschaft zum Opfer.

Das Spezifische in der Ideologie der Khmer Rouge ist in der Obsession zu sehen, die vom jugendfrischen Marxismus ausgeht, der sich ganz der Hektik der wirtschaftlichen Entwicklung überlässt. Ein beredtes Zeugnis dafür findet sich in der um die Jahreswende 1843/44 geschriebenen „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“, dort sehnt Marx den Augenblick herbei, in dem der Blitz des Gedankens gründlich in den naiven deutschen Volksboden einschlagen wird, durch den der Deutsche erst Mensch wird. Das „Manifest“ gehört m. E. noch ganz in diese Periode, die deutsche bürgerliche Revolution sei nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen.  Nicht schnell genug konnte es gehen. Nach der 48er Revolution und nach seinem Besuch der ersten Weltausstellung der Industrie in London 1851 („The Great Exhibition“ vom 1. Mai bis 11. Oktober) erkannte Marx, dass die kapitalistischen Produktivkräfte sich enorm entwickeln und eine Phase wirtschaftlicher Prosperität bevorstehe. Jetzt trat er gegen die revolutionäre Ungeduld auf, was eine Konfrontationsstellung gegen den Blanquismus, den Anarchismus und anderen Spielarten des kleinbürgerlichen Revoluzzertums nach sich ziehen musste. Die revolutionäre Ungeduld der anarchistischen Akteure rührt her aus ihrer krassen Individualität, die Revolution noch zu ihren Lebzeiten erleben zu müssen. Es waren die Anarchisten, die in der Pariser Julirevolution 1830 auf die Kirchturmuhren schossen.  Marx betonte nun dagegen den Gedanken des notwendigen Reifungsprozesses der Produktivkräfte gegen die Hektik der industriellen Revolution und ihrer Wirbelstürme, was seine Theorie in wissenschaftlicher Hinsicht schwergewichtiger machte und schwerfälliger für kleinbürgerliche Intellektuelle. Allerdings wurde die für Marx vor 1848 feststehende welthistorische Mission des Proletariats durch den Reifegedanken in keiner Weise variiert, sondern bildete mit ihm zusammen fortan einen nicht leicht zu lösenden Knoten in seiner Theorie. Wir können in der marxistischen Theorie der Weltrevolution eine Entwicklung verfolgen, die durch die Vertiefung ökonomischer Studien in die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise und in die der kapitalistischen Akkumulation zu einer Tendenz führte, den Reifegedanken belastend auf den genuin anarchistischen Impuls der Revolutionstheorie zu legen. Dieser kommt am deutlichsten im Feuerbachkapitel der „Deutschen Ideologie“ zum Vorschein, dass die proletarische Revolution sich global auf einmal ereigne. In den „Grundsätzen des Kommunismus“ von 1847 reduziert Engels diesen Rahmen auf die vier fortgeschrittensten Länder des Globus (England, USA, Frankreich, Deutschland). Im „Kapital“ ist nur noch England das Musterland der Revolution, das für Trotzki das konservativste Land der Welt war. Lenin kam auf Grund seiner Imperialismusanalyse zu der Einsicht, eine Revolution könne sich auch nur in einem Land als sozialistische behaupten, er sah das sogar als den typischen Fall an. Darauf fußte Stalin, der unter Verkennung dieser leninistischen Wurzel von Trotzki auf einer Politbürositzung des ZK der KPdSU (B) 1926 als Totengräber der Weltrevolution denunziert wurde. Aber nicht nur Marx, auch Engels musste einen kühnen Gedanken seiner Jugend im Alter stutzen, wenn nicht gar zurücknehmen. In den Grundsätzen des Kommunismus, die er noch vor dem Manifest verfasst hatte, rief er begeistert aus, dass es der großen Industrie zu verdanken sei, die industrielle Produktion in kurzer Zeit und mit wenigen Kosten ins unendliche zu vermehren. Seine Gedanken blühten auf angesichts der Perspektive einer Gesellschaft, die endlich im Überfluss leben wird und das Horrorgemälde des Pfaffen Malthus, dass eine rapide Bevölkerungsexplosion zu einer immensen Hungersnot führe, als alten Schinken von der Wand nimmt. 1880, Marx sollte noch drei Jahre leben, erschien in Wien ein Buch von Karl Kautsky mit dem Titel: „Einfluß der Volksvermehrung auf den Fortschritt der Geschichte“, in dem er darlegte, dass auch eine sozialistische Regierung sich eines Tages die Frage der Bevölkerungsregulierung zu stellen habe. Und wie reagierte Engels ? Nach seinem Jugendtraum musste er Kautsky als einen sozialistischen Denker hinstellen, der auf den Gedankenspuren von Malthus wandele, aber in einem Brief vom ersten Februar 1881 schrieb er an Kautsky, dass jetzt die abstrakte Möglichkeit vorhanden sei, dass der Menschenvermehrung Schranken zu setzen sind. 1888 wies Engels in seiner Rezension von Starckes Buch über Ludwig Feuerbach auf den Stand der Naturwissenschaft hin, nach dem der Bewohnbarkeit der Erde ein ziemlich sicheres Ende vorausgesagt wird. Der Marxismus ist ganz offensichtlich keine Dogmensammlung, die man auswendig lernen kann, keine Sammlung von Zitaten, die man verinnerlichen sollte, um in einen Zitatenkrieg zu ziehen. Der Marxismus fließt, er fließt in Widersprüchen, wie das Leben der Menschen und ihre Geschichte in Widersprüchen dahinfließt. Der rote Faden des Marxismus ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Um den vielleicht krassesten Purzelbaum vorzuführen: War es für Marx und Engels im Manifest in der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgemacht, dass die die proletarische Diktatur die der proletarischen Mehrheit über nichtproletarischen Minderheiten ist, so brach im 20. Jahrhundert die proletarische Revolution nach einem sehr kurzen Vorspiel einer bürgerlichen und einer Doppelherrschaft in einem Land aus, in dem das Proletariat eine Minderheit war. Die These Lenin-Stalins, dass sich mit der Entwicklung des Sozialismus der Klassenkampf verschärfe, ist in Russland nach 1917 entwickelt worden.

Mit Ernüchterung muss heute konstatiert werden, dass die beiden genuinen Revolutionen in Europa, die bürgerlich-französische, die den Kapitalismus, und die proletarisch-russische, die den Sozialismus durchzusetzen hatte, unter dem vereinsamten und blassen Stern der Singularität und nicht unter dem funkelnden Sternenhimmel der Weltrevolution das Licht der Welt erblickten. Wir verdanken Wolfgang Harich den Hinweis, dass Christian Otto, der beste Freund des Dichters Jean Paul,  1793 der Illusion anhing, dass die französische Revolution über ganz Europa überschwappen werde. Im politischen Raum des ehemaligen Warschauer Paktes hatte es nur in Russland eine proletarische Revolution gegeben, die zudem nicht ohne weiteres als genuin zu bezeichnen war. Das ergab einen schwammigen Boden, den die Propaganda zu stabilisieren hatte, zumal außer der DDR und der CSSR die anderen Länder überwiegend Agrarländer waren, auch die „abtrünnigen“ Systeme in Jugoslawien und Albanien fielen. Beide Fundamentalrevolutionen führten nicht zu einer erfolgreichen Kettenreaktion, die Mainzer Republik und der Negeraufstand auf Tahiti können als marginal ebenso vernachlässigt werden, wie die rätekommunistischen Umsturzversuche in Ungarn und in Bayern. Beide großen Revolutionen verdanken ihre Expansion militärisch geschlossenen Formationen, die ihr Bajonett in den Himmel Europas ragen ließen. „Niemand liebt bewaffnete Missionare“ hatte Robespierre den kriegstreiberischen Girondisten zugerufen. Das Ausbleiben von Kettenreaktionen gab natürlich sofort sowohl inländischen als auch ausländischen restaurativen Bestrebungen ein günstiges Terrain und erhob die Frage der militärischen Organisation gegen das feudale bzw. bürgerliche Ausland zu einer erheblichen, wofür die Namen Napoleon und Stalin stehen, die insofern für den Thermidor repräsentativ sind, als die Organisationen, denen sie vorstehen, mehr und mehr Militärdiktaturen gleichen (müssen ?) denn anti-repressiven Volksinitiativen. Der Krieg erfordert eiserne Disziplin und Zentralismus, er kann keine Demokratie in Reinkultur zulassen. Hätte Stalin nach dem siegreichen Ende des zweiten Weltkrieges gut daran getan, seinen militärischen Rang eines Generalissimus abzulegen und wieder nur ein einfacher Soldat Lenins zu sein ?

Hölderlin verzweifelte am napoleonischen Thermidor, während das hegelsche Denken im Spannungsfeld zwischen destruktiv-negativer Methode (das menschliche Wissen schlägt rapide vom Nichtwissen zum Wissen um, das zugleich wieder als unzulänglich überführt wird) und (auf)bewahrendem System (eine feste Organisation des gesamten menschlichen Wissens) das Kernproblem der Revolution widerspiegelte und eine Lösung fand, die mit den napoleonischen Wölfen heulte. Der alte Hegel sprach selbst die bitteren Worte aus, dass die Träume der Jugend an der harten Klippe der Wirklichkeit zerschellen. Viele Intellektuelle werden sich zu den Stalinschen Säuberungen ähnlich positionieren. Auch Lenin machte nach der Oktoberrevolution einen ‚phänomenologischen‘ Weg der Verzweiflung durch und beklagte sich lautstark über den Bürokratismus der Apparate, der die militärisch von Trotzki aufgerissene „Wunde Kronstadt“ um so schmerzhafter werden ließ, je mehr er anwuchs. Auch die KPdSU mit einem Trotzki an der Spitze hätte einer Militarisierung der Gesellschaft nicht gegengesteuert, wenn sie sich auch vielleicht in einer milderen Form eingefunden hätte. Bekanntlich warnte Lenin als Revolutionsführer vor der Grobheit Stalins. Aber zu Lebzeiten Lenins war die Sache noch ambivalent. Seine Forderung, Stalin als Generalsekretär abzulösen, er war es ab 1922, lief ins Leere, was anzeigte, dass  Lenin kein allmächtiger Diktator war, und es wohl auch nicht sein wollte, ja nach seinem ideologischen Konzept auch gar nicht sein durfte. Erst später lag im Aussprechen einer Forderung des Generalsekretärs sofort deren Exekution. Das aber ist kennzeichnend für eine Diktatur in Reinkultur. Und doch weinten Millionen Menschen, als sie die Meldung vom Tode Stalins erhielten. Die Sowjetunion war ein fester monolithischer Block, der den Menschen bescheidene Geborgenheit gab. Er stand im Zenit, an dem sein Umschlag in Auflösung erfolgte. Am Ende dieses Auflösungsprozesses stand Gorbatschow, der überhaupt keine Organisationen mehr aufbaute, sondern eine nach der anderen auflösen musste.

Die Schwerfälligkeit des sowjetrussischen Systems veranlasste Mao, nach einer anderen Lösung zu suchen. Dessen ‚Großer Sprung nach vorn‘ im Jahr 1958, die chinesische Kulturrevolution und das Regiment Pol Pots waren Versuche, das Schwerfällige des reifen Marxismus, man möchte sagen: blitzartig abzuwerfen, das wie ein Alp auf dem Gehirn des überreif gewordenen Sozialismus Moskauer Prägung lag. Dieser war der Sozialismus der alten Männer, die das Pathos der Weltrevolution durch die Parole vom Übergang des Kapitalismus zum Sozialismus im Weltmaßstab ersetzt hatten.  Anders als Japan nach der Meiji-Restauration 1868 hatte sich China westlichen Ideen und einer nach ihnen ausgerichteten technischen Modernisierung verschlossen. War das zunächst ein Vorteil für den japanischen Imperialismus, so zeigte der Sieg der maoistisch indoktrinierten Bauernmilizen über die japanischen Eindringlinge eine souveräne Kraft an, sich weder an Moskau anzulehnen, noch nach dem letzten Schrei der westeuropäischen und US-amerikanischen Technik zu lechzen. Die Kampagne gegen die Musik Beethovens als Reflex der bürgerlichen französischen Revolution sollte China vom westlichen Einfluss erneut abschirmen. Pol Pot (Saloth Sar) hingegen warf mit dem Gedanken eines notwendigen Reifungsprozesses der Produktivkräfte in der Hektik der industriellen Revolution diese zugleich weg. Seine nur drei Jahre währende Herrschaft zeigte an, dass man einen der kardinalsten Widersprüche der letzten beiden Jahrhunderte, die unterschwellig langsam heranreifende proletarische Revolution und die Rasanz der technischen Entwicklung, das mühevolle Sammeln revolutionärer Kräfte im Untergrund und die Hektik an den Wertpapierbörsen bei Tageslicht, die die Gefahr von Trugschlüssen in sich birgt, nicht einfach beiseite werfen kann. Wie sich die Schüler Hegels durch den in seinem revolutionär-restaurativen Denken immanenten Widerspruch zwischen Methode und System in linke und rechte spalteten, so die Schüler von Marx durch den in seinem revolutionswissenschaftlichen Denken angelegten „Widerspruch“ zwischen dem Blitzartigen der Revolution und dem langsam-qualvollen Reifeprozess bis zu dieser in linke und rechte Kommunisten. Verweist dieser letztere auf den blitzartigen Umschlag von Quantität in Qualität, der deshalb auch in Anführungszeichen zu setzen ist, da er kein wirklicher Widerspruch ist, so können linke Ungeduldige doch zu Recht auf den Sachverhalt verweisen, dass es in Westeuropa seit 1789 keinen alles durchdringenden Revolutionsblitz mehr gegeben habe, mit anderen Worten: 225 Jahre historische Quantität ohne Umschlag in Qualität, ohne Faszination des Blitzartigen, das in der Explosion einer anarchistischen Bombe liegt. Wie oft ist dem Bestehenden seine eigene Melodie vorgespielt worden, ohne dass es zu tanzen anfing, wie oft ist die Internationale gesungen worden, ohne einen Widerhall von den Massen zu empfangen ? Erschwerend zu der Abstinenz an revolutionären Aktionen kam ja noch hinzu, dass Marx‘ ens Blitz, der die Deutschen zu Menschen transformieren sollte, niemals in den naiven Volksboden eingeschlagen war, dass aber aus diesem Boden Elemente hochkamen, die das Symbol des Blitzes in Gestalt eines Doppel-S (SS) als Rune auf dem Ärmel oder auf dem schwarz lackierten Stahlhelm trugen. Diese Sachverhalte lasten wie ein Alp auf dem Gehirn der Marxisten, den Totengräbern der bürgerlichen Gesellschaft.

Der Urkommunismus als unmittelbarer war keiner, der Kommunismus bedarf weltgeschichtlicher Vermittlung, eines Hineinstürzens in die Weltgeschichte. Damit war er der reißenden Zeit überantwortet, die durch die industrielle Revolution auf den Begriff gebracht worden war. Sie musste die Lösung in sich entwickeln durch die ihr innewohnenden dialektischen Grundgesetze. Die Zeit ist die Wunde, die durch ihre Negation der Negation geheilt werden kann. War im 19. Jahrhundert der Ausbruch der Pariser Kommune 23 Jahre nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifestes noch in einem nicht beunruhigenden Zeitrahmen, so ist im 20. Jahrhundert durch das Ausrutschen der proletarischen Revolution gen Osten an die industrielle Peripherie, mehr noch durch das Ausbleiben ihr folgender Revolutionen in den industriellen Schwerpunkten Westeuropas, vollends durch das Absterben der Oktoberrevolution, durch die der Staat absterben sollte, die Zeit für die Marxisten Westeuropas zu einer davonrasenden, eventuell nicht mehr einzuholenden geworden. Der Druck wurde gemildert durch vielversprechende Befreiungsbewegungen auf der südlichen Halbkugel und im Fernen Osten. Am 1. Oktober 1949 proklamierte Mao Tse Tung die Volksrepublik China. Der Druck wäre zu mildern durch den Hinweis, dass die bürgerliche und die proletarische Revolution epochale Ereignisse sind und dass zu ihnen in Epochen gedacht werden muss. Dies ist jetzt auszuhalten. Vielleicht war nur in Russland 1917 durch eigenartige, wenn nicht einzigartige Umstände (ein fundamentaler Unterschied) eine Konstellation entstanden, in der tatsächlich Quantität in Qualität umschlug. Dieses Umschlagen war wohl die tiefere Veranlassung für Lenin, der Oktoberrevolution auf Grund einer objektiv gültigen Dialektik, der auch sie unterlag, weltgeschichtliche Vorbildbedeutung zuzusprechen, um sie aus dem Charakter der Einzigartigkeit zu entkleiden, auf den die westeuropäischen Sozialdemokraten unter Ausblendung der kommunistischen Perspektive sie einzwängen wollten. Sie plädierten, wenn überhaupt, dafür, dass die Feuerbachthesen noch immer einen historisch höheren Rang zu beanspruchen hätten als die Aprilthesen. Ihre praktische Politik ließ darauf schließen, dass beide Thesenkomplexe von ihnen, wenn überhaupt, nur mangelhaft verarbeitet worden waren. Vorbildlich an der russischen Entwicklung der proletarischen Revolution war vor allem der Zeitfaktor. Wenn man berücksichtigt, dass es die Strömung des Bolschewismus erst seit 1903 gab, so benötigten die Leninisten 14 Jahre, bis ihr Weg zur Macht endete, eine atemberaubend kurze Zeit, in weltgeschichtlicher Hinsicht fast ein Nichts, in dem doch der erste Weltkrieg lag. Die Kommunistische Partei Chinas wurde am 1. Juli 1921 gegründet und am 1. Oktober 1949 rief Mao die Volksrepublik aus, kurz: Mao brauchte doppelt so lange wie Lenin.

Den Nachweis, dass die Geschichte, Abbild des sich fortsetzenden wechselseitigen Handelns der Individuen, nicht irre verläuft, hatte philosophiegeschichtlich bereits die bürgerliche Aufklärung zu vollbringen, wollte sie mit ihrem Vorhaben geschichtlichen Fortschritts nicht sich selbst widerlegen, da ja das Irre auf ihre Urheber schließen ließe. Nachhaltiger als die utopischen Kommunisten der französischen Aufklärung, deren Wirken auf Frankreich begrenzt und deren Werke kaum Übersetzer fand, hat Rousseau mit seinem zweiten Diskurs auf das Denken der Epoche mit der These, dass das Privateigentum der Pfahl im Fleische der Geschichte sei, gewirkt. Obwohl die klassische deutsche Philosophie den sozialen Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft zwischen Armen und Reichen keineswegs ignorierte, hat sie doch eine abstrakte, der Weltgeschichte innewohnende Vernunft konstruiert, die sich ohne Lösung sozialer Widersprüche behaupte. Ganz krass bei Hegel: Die Philosophie sei „ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zeiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden von Hermann Glockner, Band 16, Stuttgart Bad Canstatt, Friedrich Fromann Verlag, 1965,356).  Was auf den ersten Blick als Schwäche aussah, lediglich eine Theorie der Emanzipation geliefert zu haben, erwies sich bei näherer Betrachtung als Vorteil. Tiefer als die französische Aufklärung hatte Hegel das dialektische Denken entwickelt und einen enormen Fortschritt vorerst nur in der Geschichte der Philosophie gebracht. Marx begriff sein theoretisches Werk als das Praktischwerden der Philosophie, als ihre Aufhebung im historischen Materialismus. Endlich hat dieser in einer Sprengung der Geschichte der Philosophie die Verurteilung des Privateigentums und die intellektuelle Hochschätzung der Dialektik kritisch aufnehmend, den Anfang und das Ende der Klassenkampfgeschichte als historische Notwendigkeiten expliziert. Dass die Klassenkampfgeschichte historisch notwendig war, kann allein an ihrem Anfang nicht, erst an ihrem Ende erwiesen werden.