Die Erde ist ein Garten. August Bebels „Frau und der Sozialismus“ und der Umweltschutz

DIE ERDE IST EIN GARTEN

AUGUST BEBELS „FRAU UND DER SOZIASLISMUS“ UND DER UMWELTSCHUTZ

Das Buch von August Bebel „Die Frau und der Sozialismus“ , das 1879 zum ersten Mal erschien, gehört ohne Zweifel zu den Klassikern der sozialistischen Literatur, erreichte es doch bis 1910 bereits fünfzig Auflagen. Es gab, so Erhard Lucas, kein sozialistisches Buch, dass Arbeiter und Arbeiterinnen häufiger in Bibliotheken ausliehen. Es wurde rasch eine Art Handbuch des Sozialismus und beeinflusste das Denken ganzer Generationen von Arbeitern und Arbeiterinnen. Bebel entwickelt und beantwortet in diesem Buch aus seinem Kernthema einen ganzen Komplex hochwichtiger Fragen der Arbeiterbewegung, so auch die Frage, wie wird in einer „sozialistischen Gemeinwirtschaft“ und wie in einer „bürgerlichen Individualwirtschaft“ mit der Umwelt umgegangen ?

Es war Friedrich Engels, der die Sozialisten bereits 1893 in seiner Schrift “Kann Europa abrüsten ?” auf die verheerenden Folgen der Entwaldung Russlands durch Holzexport und für den Bau des Eisenbahnnetzes hingewiesen hatte. Durch die Entwaldung wurde die Landwirtschaft arg in Mitleidenschaft gezogen, immer mehr konnten die aus Zentralasien herüberziehenden sehr staubhaltigen Trockenwinde (suchovej) den Schnee von agrarischen Nutzflächen wegfegen. Das Schneewasser und durch die Verstaubung auch Regenwasser wurden zum Frühling hin nicht mehr aufgesogen, Bäche und Ströme schwollen dagegen an zu Überschwemmungen. Im Sommer aber sank die Bodenfeuchtigkeit, so daß sie für die Wurzeln der Getreidehalme unerreichbar wurden. Hungersnöte in weiten Gebieten waren die Folge, erinnert sei nur an das sogenannte “böse Jahr” 1891, in dem der Viehbestand der Bauern rapide abnahm. (Vergleiche Friedrich Engels, Kann Europa abrüsten ?, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,390). Auch August Bebel wies in seinem Buch „Die Frau und der Sozialismus“ auf den Einfluß des Waldes auf die Feuchtigkeitsentwicklung der Region hin. In dem Buch von Parvus und Dr. Lehmann „Das hungernde Russland“ wird festgestellt, dass die Missernten ganz wesentlich mit den maßlosen Waldausrodungen zusammenhingen. Im Regierungsbezirk Stawropol verschwanden mit der Zeit fünf kleine Flüsse und sechs Seen, im Regierungsbezirk Busuluk vier Flüsschen und vier Seen, im Regierungsbezirk Samara sechs kleine Flüsse und im Regierungsbezirk Buguruslaw zwei kleine Flüsse. Dörfer hatten fließendes Wasser verloren und in manchen Regionen stieß man erst nach sechzig Meter Bohrung auf Wasser. Infolgedessen wurde der Ackerboden hart und war mit Rissen durchzogen. Mit dem Fällen der Wälder versiegten allmählich die Quellen und verminderten sich die Regen. (Vergleiche August Bebel, Die Frau und der Sozialimus, Dietz Verlag Berlin Bonn, 1980,335).

Wie später Lenin sieht auch Bebel in technischer Hinsicht in der Elektrizität die entscheidende Produktivkraft im Sozialismus. Für ihn ist sie die gewaltigste aller Naturkräfte, die eine revolutionierende Wirkung auch bei der Sprengung der bürgerlichen Gesellschaft ausüben wird. Durch sie werden die Schornsteine aus dem sozialistischen Stadtbild verschwinden, nachdem die Sonne und das Wasser als Energieträger die Kohle verdrängt haben werden. Professor Rehbock aus Karlsruhe hatte die Rohenergie des auf der ganzen Erdoberfläche abfließenden Wassers auf acht Milliarden Pferdestärken geschätzt. Energie werde im Sozialismus in der Natur im Überfluss vorhanden sein. „Unsere Wasserläufe, Ebbe und Flut des Meeres, der Wind, das Sonnenlicht liefern ungezählte Pferdestärken, sobald wir erst ihre volle und zweckmäßige Ausnützung verstehen“. (a.a.O.,353). Das kann nach Bebel aber erst im Sozialismus der Fall sein.

Bebel, der am 13. August vor 102 Jahren starb, aktualisierte sein Buch bis 1913 ständig und bezog sich in seinen Forschung zur Umwelt und ihrer Darstellung auch auf Koryphäen der bürgerlichen Wissenschaft, so auch auf das 1900 erschienene Buch von Professor Kohlrausch (Universität Berlin): „Die Energie der Arbeit und die Anwendung des elektrischen Stromes“, in dem der Professor auch auf die Bedeutung der Sonnenenergie für die Wirtschaft aufmerksam gemacht hatte. Er pflichtet Kohlrausch in technischer Hinsicht zu, dass einige Quadratmeilen mit Kollektoren in Nordafrika ausreichten, den Energiebedarf des Deutschen Reiches zu decken. Bebel führt des weiteren ein Zitat aus der Eröffnungsrede des englischen Physikers Sir S. Thomson auf dem 79. Kongress der „British Association“ in Winnipeg an: „Nicht all zu fern ist der Tag, da die Ausnutzung der Sonnenstrahlen unser Leben revolutionieren wird, von der Abhängigkeit von Kohle und Wasserkraft befreit sich der Mensch, und alle großen Städte werden umringt sein von gewaltigen Apparaten, regelrechte Sonnenstrahlenfallen, in denen die Sonnenwärme aufgefangen und die gewonnene Energie in mächtigen Reservoirs aufgefangen wird …“ (a.a.O.,354). Das ist heute wenigstens zu einem kleinen Teil der Fall. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgte Bebel auch die geothermischen Forschung des französischen Professors Berthelot, der neben der Sonnenwärme noch auf die Hitze des Erdinneren als regenerativen Energieträger hinwies. Man sei heute technisch in der Lage, einen Schacht bis 4. 000 Meter zu bohren, so dass man gleichbleibende Energievorräte für Jahrhunderte hätte. So sei eine Zukunft in Aussicht gestellt, in der die Erde ein Garten (kursiv von A.B.) sein wird, „in dem man nach Belieben Gras und Blumen, Busch und Wald wachsen lassen könne …“ (a.a.O.,359f.).

Ich habe bei der Wiedergabe vorstehender professoraler Gedanken, denen Bebel weitgehend beipflichtete, betont, dass sie nur erst in technischer Hinsicht zu verstehen sind. Gerade um die Jahrhundertwende bildeten sich in Deutschland kleinbürgerliche Gartenvereine heraus, die Konzepte von Gartenstädten entwickelten. Ohnehin gab es eine Flut utopischer Literatur, die sich um ein „naturgemäßes Leben“ in der Zukunft drehte. (Vergleiche Gerd Spelsberg, Rauchplage, Zur Geschichte der Luftverschmutzung, Kölner Volksblatt Verlag, 1988,193ff.). Spelsberg weist auf Bellamys Roman „Im Jahr 2000“ (ein fiktiver Rückblick aus einem kommunistisch gewordenen Boston, in dem es kein Geld mehr gibt mit einer auf ein Minimum reduzierten Bürokratie) hin, der sowohl in den USA als auch in Deutschland (in preiswerten Reclamausgaben) in sehr hohen Auflagen erschien. 1902 wurde die „Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft“ auf genossenschaftlicher Grundlage gegründet, deren Vorstand u.a. Werner Sombart und Franz Oppenheimer angehörten. Die Gesellschaft betont „deutlich die völkische Entwicklungslinie“ (a.a.O.,226). 1891 erschien in England eine Schrift gegen Bellamy mit dem Titel „News from Nowhere“ von William Morris, der die Fabrikstädte vor allem aus ästhetischen Gründen ablehnte. Morris war einer der letzten Maschinenstürmer des Jahrhunderts und ein Agrarromantiker, der von der Auflösung der großen Städte träumte. In der „Deutschen Ideologie“ hatten Marx und Engels festgestellt, dass die Individuen in ihrer Vorstellung unter der Bourgeoisherrschaft freier sind als früher … in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie,  Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,76). Das ist die Entzauberung des Menschen, gegen die die Romantik rebellierte. 1896 hatten der antisemitische Ingenieur Theodor Fritsch (Die Stadt der Zukunft) und 1897 der Engländer Ebenezer Howard (Garden Cities of Tomorrow) Konzepte von Gartenstädten entworfen. Allen Utopisten ist eine Verherrlichung der Elektrizität als eine Art Allheilmittel gemein. Durch Lenins Aussage, der Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes, ist zwar eine griffige Parole entstanden, die aber im innersten Kern noch nicht den Kommunismus verbürgen kann. Um den entscheidenden Schritt zur Abgrenzung von kleinbürgerlichen und technizistischen Gartenstadtkonzepten zu vollziehen, müssen wir fragen, was denn für Lenin zu seinen Lebzeiten das sichtbarste Zeichen des Kommunismus war ? Es waren dies die kommunistischen Subbotniks, die er als den „faktischen Beginn des Kommunismus“ (Lenin, Die Große Initiative, in: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,536) wertete: Kollektives Arbeiten mit Gattungsbewusstsein ohne Geld. Kollektives Arbeiten mit Gattungsbewusstsein ohne Geld war aber in den kleinbürgerlichen Gartenstadtkonzepten nicht vorgesehen.

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