Führer befiehl – wir folgen Dir

Die ‚unsichtbare Hand‘ vom Adam Smith aus dem Jahr 1776 ist Ausdruck, dass der Produktionsprozess der menschlichen Hand entglitten ist, dass das Gesellschaftliche in der bürgerlichen Gesellschaft ohne Selbstbewusstsein ist und die Monade Mensch ihre Bestimmung als Gattungswesen verfehlen muss. In ihr hat nur eine hauchdünne Minderheit die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung in der Arbeit, nur ganz wenige haben einen Beruf, der schöpferische Selbstentfaltung zulässt. Der Arbeitsprozess wird in einer Kette von Zuweisungen versklavt. Der Arbeiter ist unter kapitalistischen Bedingungen ein aus seiner eigenen Achse gesprungener Mensch, für den im Arbeitsprozess keine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung besteht. Die fichtesche Bestimmung des Menschen liegt vielmehr darin, irgendein Zubehör zu irgendeiner Maschine in irgendeiner Fabrik zu sein. Die bürgerliche Gesellschaft bewegt sich in einem ihr einsitzenden Terrorzusammenhang, der ihre Charakterisierung als freiheitlich-demokratische von vornherein als deplatziert verurteilt. Gegen die Humanisten forderte Marx immer die Verkürzung des Arbeitstages, die eine Einschränkung des Fabrikdespotismus beinhaltete. Ein Despotismus,  den sein Scwiegersohn Paul Lafargue mit den Worten brandmarkte, “ … es wäre besser, man vergiftete die Brunnen, man säte die Pest, als inmitten einer ländlichen Bevölkerung kapitalistische Fabriken zu errichten“ (Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit, Aus dem Französischen von Eduard Bernstein, Anaconda Verlag, Köln, 2015,22). Aus seinen eigenen Eingeweiden produziert der kapitalistische Produktionsprozess fortwährend Menschen ohne Selbstbewusstsein, verstümmelte Menschen, die allen möglichen religiösen und politischen Demagogen in die Hände fallen, um sich unter deren Hierarchien kauernd zur zweiten, ideellen Versklavung niederzulassen. Wer von der Möglichkeit der Politik faselt, sie könne den Arbeitsprozess per Gesetz demokratisch gestalten, gehört ganz einfach eingefangen und unter die Kängurus Australiens ausgesetzt. Wie kann man denn in einer wirtschaftlich despotisch angelegten Gesellschaft die Worte Republik und Demokratie überhaupt affirmativ in den Mund nehmen ? Eine Basis von Lohnsklaven kann in der Regel keinen Überbau von Republikanern und Demokraten produzieren, aber ihr Extrem: Kommunisten, die eine Welt ohne Herrschaft anstreben. Und deren Gegenpart: Faschisten, die die Weltherrschaft anstreben.

Unter der soeben skizzierten spezifischen Schizophrenie der bürgerlichen Gesellschaft liegt, bedingt durch die doppelte Versklavung, die Latenz des Faschismus, in dem insofern eine Pseudoidentität hergestellt wird, als die Lohnsklaven die demokratische Heuchelei abwerfen und ausrufen: Wir wollen gar keine Republikaner und Demokraten sein. Das ‚Führer befiehl, wir folgen Dir‘ ist nur die Verlängerung der Fabriktyrannei ins allgemein Politische. Der proletarische Produzent „produziert“ sich nicht nur sozial zum Pauper, er kann sich auch zum Kommunisten oder zum politischen Pauper: sprich: Sozialdemokraten und Faschisten hervorbringen. Das letztere aber ist die Volksgemeinschaft, in der sich sowohl die Lohnsklaven als auch die Kapitalisten unter Ausschaltung des Mehrparteiensystems in einer autoritären Identität vereinen und in der die Dialektik von Lohnarbeit und Kapital aufgehoben zu sein scheint. Die fixe Konstellation von Befehl und Gehorsam ist verinnerlicht worden und wird nicht mehr in Frage gestellt, die perverseste Form der Sklaverei wird von den faschistischen Ideologen und vom Spießer als „Gesetz und Ordnung“ hochgehalten. Die Ideologen einer bürgerlichen Republik verfahren im Unterjubeln einer Volksgemeinschaft raffinierter, indem sie die Wirklichkeit der kapitalistischen Produktion verkehrt, ja schizophren widerspiegeln im Rollentausch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Arbeiter ist nicht der Empfänger der Arbeit, die der Kapitalist ihm gibt. Das ist einer der roten Sterne, die trotz des Zusammenbruches der DDR der Arbeiterklasse voran leuchten, die marxistische Gesellschaftswissenschaft kann nicht mehr zurück und der kapitalistischen Ausbeutung irgendeinen humanistischen Kern bescheinigen, im Gegenteil, immer wird diese die Ausbeutung in ihrem Kern offenlegen und auf die Verbindung mit den Bedürfnissen der arbeitenden Massen hinarbeiten. Der Kommunismus ist nicht tot. Immer wieder muss es zur Frontbildung im Klassenkampf kommen, zu einem neuen Ansturm auf die kapitalistische Bastion, die fallen wird durch den Blitz, der aus der zündenden Vereinigung von Wissenschaft und Arbeiterbewegung welterschütternd einschlägt. Es war deshalb keineswegs eine intellektuelle Entgleisung, wenn der weiße Bürgerkriegsgeneral Horst Herold zwei Jahre nach der Auflösung der RAF im Mai 2000 zu der Einsicht kam, dass das Scheitern des Kommunismus Probleme hinterlassen habe, die zu seinem Entstehen geführt hätten (Vergleiche Horst Herold, Die Lehren des Terrors, Süddeutsche Zeitung Nr. 116, 30./31. Mai 2000,9).  In der naiven, darum perversen Malerei des Faschismus findet der Sklave sich als Sklave ab, aber als mit sich identisch, sich aufhebend über einen Dritten. Im Personenkult findet die Bestätigung dieser künstlichen Identität statt, in der das Sklavenbewusstsein über einen Dritten, über einen messianischen Mittler ausgelöscht ist. Die Affinität des Faschismus zur Religion liegt hier auf der Hand. Wenn Rudolf Hess auf einem Parteitag der NSDAP ausrief: Hitler ist Deutschland wie Deutschland Hitler ist, so weist dieser Satz genau auf die künstliche Identität hin, die naive Malerei „auszeichnet“. Es ist nun ein Leichtes für die Totalitarismustheoretiker, auf die Identität des sowjetischen und nationalsozialistischen Personenkultes hinzuweisen, auf Stalins Satz, bei uns im Lande Lenins kann es nur eine Partei geben, die Partei Lenins; aber sie verfahren nur einseitig, nach ihnen hätte es die Jahrhundertschlacht von Stalingrad, mit der die Schwangerschaft der DDR begann, nicht geben können – als Kampf der Gegensätze im Jahrhundert der Extreme. Diese auf den englischen Marxisten Eric Hobsbawm zurückgehende Charakterisierung, die er fünf Jahre vor dessen Ende vorgenommen hatte, ist insofern sehr treffend, nicht nur, weil sich das 20. Jahrhundert in vielem bei geringen Kontinuitätslinien gegen das 19. Jahrhundert kehrt,  sondern weil das Jahr 1900 genau den Zeitpunkt des Umschlags, des Beginns des imperialistischen Zeitalters des Kapitalismus anzeigt. Der Kern der materialistischen Dialektik des 19. Jahrhunderts, dass die Einheit der Gegensätze relativ, ihr Kampf aber absolut ist, kam rechtens im 20. Jahrhundert zur Explosion. Man könnte so die Charakterisierung von Hobsbawm auch leicht variieren: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der extremen Kriege und damit zugleich ein Jahrhundert der Dekadenz. Der erste war der Geburtshelfer der tiefsten Revolution in der Geschichte der Menschheit, die wie keine andere die Formen der gesellschaftlichen Beziehungen unter den Menschen in nur wenigen Monaten regelrecht durcheinandergewirbelt hatte. Der zaristische Doppeladler wurde eingezogen, die Trikolore, die rote Fahne wurde gehisst. Noch nie sind in der Geschichte der Menschheit die Landkarten so durcheinandergewirbelt und neu gestaltet worden worden wie im Zeitraum zwischen 1939 und 1945. Auch das sind Früchte der technisch-industriellen Revolution.  Hitler hatte va banque gespielt – und verloren. Die Folge war u.a., dass die Sowjetunion, die vernichtet werden sollte, stäkste Macht in Europa und eine Herausforderung für die USA wurde. Die McCarthy-Hysterie zeigte, dass für das politische Establishment in Washington die nicht vorliegende Bedrohung durch die SU weit gefärhlicher war als die frühere durch Hitler-Deutschland.  Der Ausbruch der französischen Revolution und der Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution geborenen Sowjetunion umfasst einen Zeitraum von zwei hundert Jahren; es ist, als schlösse sich ein Kreis.

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