DER GEIST DES KOMMUNISMUS UND SEIN SCHICKSAL

Der junge Hegel hatte in seiner erst 1907 veröffentlichten Schrift „Der Geist des Christentums und sein Schicksal“ den Weg des Niedergangs des Christentums von einer Religion der Liebe zur orthodoxen Verhärtung des Vatikanstaates nachgezeichnet und für diesen Verfallsprozess den Begriff „Positivität“ geprägt. Die Assoziation zum Niedergang des europäischen Kommunismus ist zu naheliegend, als dass man sie unter dem Diktat des historischen Materialismus ganz unterdrücken könnte, zumal ja Engels in seinem Artikel „Zur Geschichte des Urchristentums“ 1894 ausführte, dass das Christentum merkwürdige Berührungspunkte mit der modernen Arbeiterbewegung biete. Walter Benjamin wies 1927 in seinem Essay „Moskau“ darauf hin, dass Russland die gleiche Gefahr drohe wie einst der Kirche: die Eröffnung einer „schwarzen Börse der Macht“ wäre das Ende des Kommunismus. Auch der Marx‘ sche Kommunismus war ja wie Jesus und seine Jünger zunächst eine Sekte, der Herrschaft und Unterdrückung fremd waren und die nach den Worten des jungen Friedrich Engels die Einheit der Menschheit mit der Natur und mit sich selbst anstrebte (Vergleiche Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,505). Aber der Einfluss von Marx und Engels in der internationalen Arbeiterbewegung wuchs, 1864, sechzehn Jahre nach der 48er Revolution und dem Erscheinen des „Manifestes der Kommunistischen Partei“ gründete Marx die erste Internationale Arbeiterassoziation, die acht Jahre Bestand hatte. Der Marxismus setzte sich zwischen dem Ende der Kommune und dem Ausbruch der russischen Revolution von 1905 durch und lieferte die theoretische Grundlage einer Massenbewegung. Die sozialdemokratische Partei Deutschlands galt vor der Pariser Kommune durch ihre mustergültige ablehnende Haltung zum deutsch-französischen Krieg und nach dem Desaster dieser Kommune als die organisatorisch vorbildlichste Partei auf dem Kontinent, die Lenins Anerkennung fand. In theoretischer Hinsicht allerdings wies bereits der Gothaer Programmentwurf von 1875 erhebliche Schnitzer aus und Marx und Engels verhielten sich in ihrer Kritik des Programmentwurfs wie das wissenschaftliche Bewusstsein zum unwissenschaftlichen, beide schienen füreinander das Verkehrte der Wahrheit zu sein. Im Zusammenhang mit dem ersten Weltkrieg versagte dann diese deutsche Elite der Sozialisten bis auf Liebknecht, Luxemburg und Mehring kläglich und Lenins Aprilthesen waren das vielleicht letzte Dokument eines genuin revolutionären Marxismus, dass schon so sehr außerhalb eines schablonenhaften Denkens der Sozialisten lag, dass sie den in den Thesen liegenden revolutionären Gehalt gar nicht mehr witterten. Lenin wollte im April 1917 die Revolution hier und jetzt, ein Ansinnen, das ihn leicht in die anarchistische Ecke bringen konnte. Auf der anderen Seite aber lässt sich gerade auf Lenin eine Organisationsbesessenheit und ein Kult der Disziplin zurückführen, die jeden anarchistischen Gedanken ausmerzen. In diesem Zusammenhang ist es äußerst wichtig, die Marksteine zu eruieren, die die Verwässerung der materialistischen dialektischen Methode anzeigen, die Engels 1886 als „unser bestes Arbeitsmittel und unsere stärkste Waffe“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975,293) bezeichnet hatte. War schon Stalins Studie „Über dialektischen und historischen Materialismus“ kein Glanzstück, aber völlig korrekt; so kommt ihre dilettantische Handhabung in der Geheimrede Chruschtschows zum Vorschein. Eine friedliche Koexistenz zwischen Sozialismus und Kapitalismus und die Ersetzung der Diktatur des Proletariats durch einen Staat des ganzen Volkes zeigen allerdings die Verlotterung dialektischen Denkens ganz deutlich an. Ich will ein kleines, aber nicht unerhebliches Beispiel aus der DDR anführen. Marx‘ ens Kritik an Ludwig Feuerbach, dass dieser trotz seiner atheistischen Religionskritik eine doppelte Welt bestehen ließ, dass er in der irdischen Familie zwar das Geheimnis der himmlischen erkannte, aber erstere nicht auch der Kritik unterwarf, dass er nur Religionskritiker blieb und kein Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und kein Kämpfer gegen sie wurde, bekanntlich trat Feuerbach erst 1869 in die von Liebknecht und Bebel gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei ein, läuft für Marx auf die Forderung hinaus, die Familie praktisch zu vernichten (Vergleiche Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,6). Von bürgerlicher Familie und ihrer Ersetzung durch eine proletarische ist hier nicht die Rede. Die Kritik von Charles Fourier an der französischen Revolution, dass diese nicht auf die Vernichtung der Ehe zielte, lässt sich mühelos auch auf die russische Oktoberrevolution übertragen, obwohl es in den sowjetischen Fabrikstädten zum Bau von Einküchenhäusern kam, wie das auch beim zwischen 1927 bis 1930 gebauten Karl-Marx-Hof in Wien, dem „Versailles der Arbeiter“, der Fall war. 1972 erschien in der DDR im ‚Verlag der Frau‘ ein Buch, das den Titel trug: „Marx Engels Lenin, Über die Frau und die Familie“. In der Einleitung breitet sich ein Joachim Müller aus, dass die Existenz der Familie ewig sei. (Vergleiche Marx Engels Lenin, Über die Frau und die Familie, Verlag für die Frau, Leipzig, 1980,10).  Zwischen den Seiten 144 und 145 ist ein Schwarzweißbild eingebunden, auf dem eine Frau, ein Mann und drei Kinder in lockerer Atmosphäre gezeigt werden. Unter dem Bild liest man: „Entspannung für die ganze Familie“. Wenn man eine erfolgreiche Revolution daran erkennt, dass sich die Formen der Beziehungen unter den Menschen geändert haben, so ist auf dem Bild davon nichts zu bemerken, Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es zwar Kommunen in Westberlin, nicht aber in Ostberlin. Im Gegenteil, für die SED-Spießer waren die Kommunen rote Tücher, es gab in der DDR Plattenbauten, aber keine Architekten, die Wohnungen explizit für eine kommunale Lebensweise von Kollektiven entwickelten. Durch die verhängnisvolle Vereinigung der KPD mit der SPD unter der „Schirmherrschaft“ von Tulpanow, wurde nur bestätigt, was Marx und Engels im Manifest über das deutsche Kleinbürgertum geschrieben hatte: Das Kleinbürgertum bildet die „eigentliche gesellschaftliche Grundlage der bestehenden Zustände“. Man sieht, wozu Revolutionen in der Geschichte für eine Zeitlang gut sind: In Russland konnte Lenin nach 1905, nach dem Februar und nach dem Oktober 1917 den kühnen Satz aussprechen, dass die Kommunisten nur ein Tropfen im Volksmeer seien, im klassischen Land der Konterrevolution hätte eine SED als ein Tropfen im Spießermeer keine Chance gehabt. Kurz vor dem Ende der Sowjetunion warnte Gorbatschow dann vor revolutionären Sprüngen. Der offizielle Marxismus war ganz Positivität geworden.

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