Archive for Dezember 2015

Im Dezember 1971 wurde Georg von Rauch in Berlin erschossen

31. Dezember 2015

Karl Marx und Friedrich Engels sprachen am Anfang ihres Manifestes von einem Gespenst, das in Europa umgeht. Und dieses werde gejagt, vom Papst, vom Zaren, Metternich und Guizot, französischen Radikalen und von deutschen Polizisten. Am 4. Dezember 1971 wurde der Kommunarde Georg von Rauch im Alter von 24 Jahren gegen 17 uhr 25 in der Eisenacher Strasse in Schöneberg ein Opfer des schießwütigen deutschen Polizisten Hans-Joachim Schulz, seines Zeichens Hauptkommissar. Insgesamt fielen 25 Schüsse. Georg, geboren in Marburg als jüngster von drei Söhnen eines Slawistik-Professors, fiel irrtümlich in den Kreis der Großfahndung nach Mitgliedern der Baader-Meinhof-Gruppe (Deckname: ‚Trabrennen‘), in der Gudrun Ensslin es als erste ausgesprochen hatte, dass die Auschwitz-Generation bewaffnet sei und auch heute das deutsche Volk unterdrücke und die Linke und fortschrittliche Menschen zum Freiwild für deutsche Polizisten denunziere.  Die innere Logik der Ausbeutung und Selektion durch das Kapital kann immer noch ein neues Auschwitz hervorbringen. Aus dieser richtigen Erkenntnis, die sich auch nach dem Mord an Benno Ohnesorg durch den west-östlichen Polizisten Kurras ergab, entwickelten sich Widerstandsformen, die die anfänglichen teuflischen  Eugenspiegeleien bald ablegten und zur direkten bewaffneten Aktion übergingen. Man muß die Atmossphäre mitgespürt haben, die Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre die Frontstadt erfüllte. Diese vom preußischen Stechschrittsozialismus umschlossene Insel urbaner Dekadenz hatte dennoch eine rebellische Jugend hervorgebracht, die hier und jetzt alle Zwangsjacken einer formierten Gesellschaft abwerfen wollte. Der Hippie-Song ‚Let’s live for today‘ von den Grass Roots war aus den USA um die Welt gegangen und die Subkultur Berlin-West firmierte unter dem Namen „Berliner Blues“. Kommunen in großen Altbauwohnungen sollten die Pflanzstätten sein, in denen sich ganz andere Menschen mit der Sehnsucht nach Abschaffung der Klassen, diesem wahren Geheimnis der proletarischen Bewegung (Marx/Engels: Die angeblichen Spaltungen in der Internationalen, MEW 18,14) entfalten sollten. Dieser Kommunismus war als Stadtguerilla spontan auszuführen, nicht durch eine disziplinierte Kaderpartei Lenin’scher Prägung, die einem objektivistischen Geschichtsbegriff im Sinne Hegels und einem Reifegedanken im Sinne von Marx verpflichtet gewesen wäre. Man kann an keiner kommunistischen Revolution teilnehmen ohne Berücksichtung der Wahlergebnisse, des Stimmenanteils der proletarischen Partei. Man kann nicht mit einem Häuflein mit besten Absichten in die Schlacht ziehen und darauf hoffen, dass die Massen mit eben diesen  besten Absichten diesem Häuflein zuströmen werden. Man kann heute nicht mehr den Krieg wie ein Bauer führen, der mit einem Knüppel bewaffnet ist. Eine eigentümliche Mischung aus Libertinage, Haschkonsum und Militanz fügte sich ein in eine Halbmetropole, die durch die Spaltung der Stadt zum brennendsten Widerspruch der deutschen Geschichte geworden war. Von Rauch war neben Kunzelmann ein Gründungsmitglied der ‚Tupamaros West-Berlin‘. Diese Jugendrebellion passte in den Zeiten einer Politik der friedlichen Koexistenz weder Berlin-Ost noch Bonn. Die neue Kampfform, die Kombination von Banküberfällen und Stadtguerillaaktionen, machte „deutsche Polizisten“ nervös und ließ sie in einer regelrechten Baader-Meinhof-Hysterie zurück. Georg, Aktivist der APO und der Kommune in der Wielandstrasse in Charlottenburg,  war völlig unbewaffnet, als er vor der Schaufensterfront des Möbelkaufhauses Christians durch Kopfschuß ins Auge getötet wurde. Es ergab sich sofort eine spontane Demo, die vor dem Möbelhaus halt machte, um dort die ‚Internationale‘ zu singen. Auf der Demo wurde die Parole gerufen: „Rauch durch Presse und Polizei hingerichtet“. Am Turm der Gedächtniskirche wurde das Bild von Rauchs, rote Fahnen und Transparente befestigt. (Siehe ‚Die Rote Hilfe‘ 4/2015,58). Georg war nach Berlin gekommen, um an der Wirkstätte von Hegel, Fichte und Schelling Philosophie zu studieren. Aber er erkannte bald, dass es heute primär nicht darum geht, wie das Ich das Nicht-Ich setzt, sondern wie die Bourgeoisie durch Bewaffnung des Proletariats völlig zu vernichten ist. Der Berliner Verleger Klaus Wagenbach hatte die Hinrichtung Georgs Mord genannt und wurde auf Antrag des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Klaus Hübner bestraft. Leider zeigte sein Verteidiger Otto Schily nicht die Zusammenhänge auf: Als der Widerstandskämpfer vom 20. Juli, Ulrich-Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, vor dem Volksgerichtshof von Morden sprach, begangen von  deutscher Wehrmachtssoldaten an polnischen Zivilisten in Warschau, brüllte Freisler ihn an: „Morde ? Sie sind ja ein ganz schäbiger Lump“. Und nun war eben der Verleger Klaus Wagenbach ein ganz schäbiger Lump !  Na also, es geht auch ohne Brüllen ! Im Vergleich zu Hübner war während der Weimarer Republik der aus Brandenburg an der Havel stammende Sozialdemokrat Gustav Noske, erster sozialdemokratischer Minister für die Reichswehr im Kabinett Scheidemann, doch viel ehrlicher: Er bezeichnete sich selbst als Bluthund und er wurde einer gegen fortschrittliche Menschen: er war mitbeteiligt an der bestialischen Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. (Siehe die Memoiren des Reichswehroffiziers Waldemar Pabst, der die Morde veranlasst hatte).  Vier Tage nach der Hinrichtung von Rauchs fand in Berlin ein Konzert der Rockgruppe „Ton-Steine-Scherben“ statt, nach dessem Ende mehrere hundert junge Aktivisten und Aktivistinnen das seit Jahren leerstehendes Krankenhaus ‚Bethanien‘ am Mariannenplatz in Kreuzberg besetzten. Ein Block in der Anlage bekam den Namen ‚Georg-von-Rauch-Haus‘. Georg war immer bereit, für die ‚Kommune‘ sein Leben in die Kampfarena zu werfen und auf ihn trifft zu, was Lenin über die Intellektuellen aus dem Mittelstand Rußlands schrieb, die 1881 Alexander den II. hinrichteten: „Sie haben den höchsten Opfermut entwickelt und die ganze Welt durch ihre heldenhafte terroristische Methode des Kampfes in Erstaunen versetzt. Sicher fielen diese Opfer nicht umsonst, sicher haben sie – sowohl in direkter als auch in indirekter Weise – zur späteren revolutionären Erziehung des russischen Volkes beigetragen. Aber ihr unmittelbares Ziel, das Erwachen einer Volksrevolution, haben sie nicht erreicht und nicht erreichen können“. (Lenin, Ein Vortrag über die Revolution von 1905, Lenin Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1959,251).

PS: Otto Schily wurde Strafverteidiger von Gudrun Ensslin und war von 1998 bis 2005 Bundesinnenminister. Der Strafverteigier Ensslins als Innenminister ? Was will die Linke mehr ? Spaß beiseite !

 

 


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MARXISMUS UND SOZIOLOGIE Am 26. Dezember 1991 brach die UdSSR auseinander

28. Dezember 2015

In wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht wurde im 20. Jahrhundert ausgeführt, was im 19. Jahrhundert von Marx und Engels angelegt worden war: der Stern der Philosophie begann zu sinken, so dass sie im 20. Jahrhundert nicht mehr als wichtiger Gradmesser der Gewichtsverlagerungen in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution in Frage kam. Wir sind vielmehr Zeuge geworden, dass eine in der Sowjetunion fast totgeglaubte Disziplin ab 1956 als Folge des XX. Parteitages wieder erstarkte und nach etwa zehn Jahren Etablierungszeit eine Blüte erlebte, in einer Hitze, die sie zum Thermometer des Ansteigens konterrevolutionären Gedankenguts machte, bis die Quecksilbersäule am 26. Dezember 1991 auf über 42 Grad geklettert war. Exitus ! Gemeint ist die Soziologie, deren ab 1956 ständig steigende Beachtung in intellektuellen Kreisen von Helmstedt bis Wladiwostok anzeigte, dass die Formen der Beziehungen unter den Menschen zunehmend entfremdeten Charakter annahmen. Wie die Religion das Verhältnis Mensch : der wahre Gott reflektiert, so die Soziologie das Verhältnis der Ware Mensch zur Ware Mensch. Und so nahm auch das Verhältnis der Menschen zur Natur einen entfremdeten Charakter an, in einer warenproduzierenden Gesellschaft verlieren die Menschen die Übersicht über ihre Beziehungen, ihr Denken wird statt dialektisch metaphysisch. Grob gesprochen: Das Verhältnis zwischen Marxismus-Leninismus und Soziologie spiegelte das Verhältnis zwischen Planwirtschaft und Ware wider. Die dreisten Bubenstücke Gorbatschows auf dem Gebiet des Marxismus-Leninismus waren schon lange von einer immer positivistischer werdenden Soziologie vorbereitet worden. Der bürgerliche Soziologe Emil Schmickl hatte herausgearbeitet, dass das Interesse an Soziologie in der UdSSR und in der DDR damit zusammenhing, dass statt revolutionärer Sprünge immer mehr eine evolutionäre gesellschaftliche Entwicklung von den herrschenden kommunistischen Parteien favorisiert wurde. (Emil Schmickl, Soziologie in der DDR als Ergebnis sozialen Wandels und politischer Programmatik, in: IGW (Hg.): Erlangen: ABG 1/1975,112). Rainer Rilling polemisierte 1978 gegen Schmickl in seinem Aufsatz „Kommunismusforschung und marxistische Soziologie“ (Rainer Rilling, Kommunismusforschung und marxistische Soziologie, in: Peter Brokmeier, Rainer Rilling: Beiträge zur Sozialismusanaylse I, Pahl Rugenstein Verlag, 1978,99ff.), nach dem Kollaps der DDR ist heute festzustellen, dass der polemische Ton wohl nicht immer angebracht war, dass „etwas dran war“ an der Analyse der Entwicklung der Soziologie in der UdSSR und in der DDR. Oder ist etwa nicht wahr, dass Gorbatschow auf der 19. Unionskonferenz der KPdSU am 1. Juli 1988 ausführte: „Wir haben viel Zeit dafür aufwenden müssen, die Gesellschaft, in der wir leben, die Vergangenheit, in der viele heutige Erscheinungen wurzeln, die uns umgebende Welt und unsere Wechselbeziehungen zu ihr zu begreifen. All das mußte aufgefaßt werden, damit wir nicht in revolutionären Sprüngen verfahren, die außerordentlich gefährlich sind“ (kursiv von H.A.). (Rede Michail Gorbatschows auf der Schlußsitzung der Konferenz am 1. Juli 1988, in: XIX. Unionskonferenz der KPdSU, Dokumente und Materialien, APN-Verlag, Moskau, 1988,121).  Das war nicht nur so dahingesagt … die uns umgebende Welt und ihre Wechselbeziehungen zu ihr … das war fundamental, das war die Quintessenz der Perstroika !! Also war was dran an den Überlegungen von Schmickl. In den USA konstatierten Norman Birnbaum und Alvin W. Gouldner Anfang der 70er Jahre eine „zunehmende Konvergenz der Sozialwissenschaften“ (Norman Birnbaum, Toward A Critical Sociology, New York, 1971,182ff. und Alvin W. Gouldner, Die westliche Soziologie in der Krise, Band 2, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1974,56), der Sowjetsoziologie der UdSSR und der bürgerlichen Soziologie der USA, was in Europa besonders in der Partei der Arbeit Albaniens gerne zur Kenntnis genommen wurde, da im Land der Skipetaren ja die UdSSR als Hilfssheriff des Weltpolizisten Nr. 1 gehandelt wurde. War da etwas dran wie an der These bürgerlicher Soziologen, die technokratische Funktionalisierung der Soziologie im Ostblock diene der Herrschaftsstabilisierung der Staatsparteien ? Dazu diente sie im Westblock ganz bestimmt, in dem sie über eine Lehre vom Management der Gesellschaften unter dem Spätkapital nie hinausgekommen war, es wäre verfehlt, der bürgerlichen Soziologie einen Anstrich des Sozialen zu geben. Der bürgerliche Soziologe Hellmuth G. Bütow stellte 1967 fest, „daß die Wendung der marxistischen Soziologie zur positiven Wissenschaft den historischen Materialismus als Weltanschauung aushöhlen wird … in Richtung auf eine Auflösung des weltanschaulichen Fundaments“. (Hellmuth G. Bütow, Soziologie und empirische Sozialforschung II, Hochschulinformation der Zentralstelle für Gesamtdeutsche Hochschulfragen 1/1967,5). 1972 verkündete Ansgar Weymann, dass der Prozess der Verbürgerlichung bereits vollzogen sei, denn ein Strukturfunktionalismus in der Soziologie der DDR sei „die gegenwärtig dominierende Strömung“. (Ansgar Weymann, Gesellschaftswissenschaften und Marxismus, Düsseldorf, 1972,89). Die Quintessenz der 1978 aus marxistischer Überheblichkeit erfolgten intellektuellen Polemik Rillings, die hier folgt, ist real geschichtlich in einen tragischen Vollzug umgeschlagen: „Entstehung und Entwicklung der marxistischen Soziologie werden als Zersetzung des Wissenschafts- und Sinngebungsmonopols des Historischen Materialismus interpretiert, an dessen Ende eine vielfältige Struktur autonomer, pluraler Wissensproduktionen stehe. Es vollzieht sich nach Ansicht der Rezipienten (gemeint sind bürgerliche Soziologen in der BRD und in den USA/H.A.) ein Emanzipationsprozeß einer Einzelwissenschaft vom dogamatischen Historischen Materialismus; die Steigerung kognitiver Kapazität ist nur jenseits und gegen den Historischen Materialismus, nicht aber durch und mit ihm möglich“. (Rainer Rilling, Kommunismusforschung und marxistische Soziologie, in: Peter Brokmeier, Rainer Rilling: Beiträge zur Sozialismusanaylse I, Pahl Rugenstein Verlag, 1978 113). 1956 hatte Chruschtschow Stalins brillante Studie über den historischen und dialektischen Materialismus weggeworfen, heute ist von Wladiwostok bis Rotterdam der Marxismus fast ganz verworfen worden und die Völker irren ohne Licht umher, zermürbt von einer Pluralität von Weltanschauungen. Es ist in der Tat zu dem verkehrten Schauspiel gekommen, dass der Marxismus in der BRD unter den Schlägen der Feinde (Bundesverfassungsgericht 1956, der Anarchie der Produktion, der antikommunistischen Hetze der SPD, des kleinbürgerlichen ‚linken‘ Terrorismus, der Nazis, Springers Presse, dito der Verdummung des deutschen Volkes durch ‚Die LINKE‘) bis heute als quantité négligeable aber immerhin eisern durchgehalten hat. Auf der Seite der Konterrevolution hat sich Joachim Gauck am 3. Oktober 2015 in seiner Rede zum 25. Jahrestag der sogenannten deutschen Einheit nicht entblödet, sich damit zu brüsten, dass Deutschland immer mehr ein „Land der Verschiedenen“ werde. Wie verräterisch ist doch die Sprache der Konterrevolution, die stets auf die Zersetzung der Einheit des Volkes setzt. Die Herrschenden haben immer ein Interesse am Pluralismus der Meinungen, an einem Chaos, das als Liberalismus ausgegeben wird,  und an einer autonomen, pluralen Wissensproduktion, weil sie die Geschlossenheit des Volkes, auf die marxistisch-leninistische Revolutionäre hinwirken, fürchten. „Alles was das Volk zersetzt, taugt nichts“, wußte schon Jean Jacques Rousseau. Bürgerliche und kleinbürgerliche Intellektuelle tummeln sich mit Vorliebe im Narrenraum des Pluralen. Wie ist er zu schließen ? Zu verweisen ist auf die achte Forderung von Marx und Engels im Manifest: „Gleicher Arbeitszwang für alle“.

Die Weltgeschichte macht manchmal Riesensprünge rückwärts … (Lenin)

26. Dezember 2015

„… denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig.“ (Lenin, Über die Junius Broschüre, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1972,315).  Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion war zweifellos so ein Riesensprung rückwärts, oder besser formuliert: Sie ergab sich aus einer Serie von Riesensprüngen rückwärts. Die Arbeiterbewegung selbst begann mit einem Riesensprung rückwärts, die Arbeiter zerschlugen fremde konkurrierende Waren („ihre“ Maschinen), „sie suchten „die untergegangene Stellung des mittelalterlichen Arbeiters wieder zu erringen“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977, 470). Nicht die Zerstörung der modernen Maschinen kann das Resultat der Arbeiterbewegung sein, sondern ihre Beherrschung durch die an ihr Tätigen. Tausend Köpfe und zweitausend Hände in einer Fabrik müssen sie sich untertänig machen und den Begriff erobern, den ihre Erfinder hatten. Gelänge dies nicht, und zwar weltgeschichtlich nicht, so hätte die Praxis nicht das Primat über die Theorie. Schon zu Beginn der Oktoberrevolution kam es zu einem Rückschritt: Die NEP musste zwangsläufig den kleinen Warenproduzenten in der Stadt und auf dem Land favorisieren. Und was ist der kleine Warenproduzent ? Quelle des Kapitalismus oder des Sozialismus ? War nicht der politische Sieg über die Sozialrevolutionäre ein Pyrrhussieg, wenn in der ökonomischen Praxis deren Parole galt: Jedem Bauern seine Scholle !?

Es gibt keine Entwicklung ohne Rückentwicklung, jede ist ein Zurück zum bereits Entwickelten, das ‚Zurück‘ ist elementar für das ‚Vorwärts‘, ist in ihm, erst mit dem Bruch beginnt die Reaktion. Der Kollaps der Sowjetunion über ihre Jahrzehnte betrachtet und die aus diesem sich hervor tuenden gesellschaftlichen Gebilde waren ein reaktionärer Rückfall. Die auf der Linie Chruschtschow-Gorbatschow Agierenden haben schwere historische Schuld auf sich geladen, da sie von Anfang an der Konfusion in den Gehirnen Vorschub leisteten, die Stalin mit seiner Studie über den historischen und dialektischen Materialismus gereinigt und geordnet hatte. Die Menschen brauchen in ihrem fragilen Leben einen leuchtenden roten Stern, der es sinnvoll weltgeschichtlich ausrichtet, der verhindert, dass sie sich auf intellektuelle Nullen einlassen, mit denen das Leben vergeudet wird. Diese Orientierung nun gab Stalins geniale Studie nach der Oktoberrevolution, gab das ‚Väterchen‘ in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, wie es noch keine historische Epoche vorher kannte. Stalin gab den Gehirnen nach der Oktoberrevolution, was Marx und Engels ihnen vor ihr mit dem ‚Manifest‘ gaben. Wollte man nach einer Schrift von Lenin fragen, die in diese Linie passt, so würde ich neben „Staat und Revolution“ vor allem die „Aprilthesen“ nennen, Thesen, die man jeden Morgen sofort nach dem Aufwachen lesen müsste, auf dass es kein vergeudeter Tag werde. Warum ragen diese Werke aus der Millionenflut schriftlicher Ergüsse heraus ? Weil sie für die gesamte arbeitenden Menschheit die Fundamente in einer Präzision legten, auf denen der Sozialismus-Kommunismus aufgebaut werden kann. Das Kennzeichen des Fundamentalen ist das Verstummen von Fragen, das Fundamentale berührt schon als Wort ‚Praxis‘.  Das Manifest, die Aprilthesen, der ‚Dialektische und Historische Materialismus‘ erschöpften alles, dem Fundamentalen ist nichts mehr hinzuzufügen. (Die psychologisch ausgefeilte kapitalistische Werbung versucht heute gerade über die Ware dem Konsumenten eine Selbstbestätigung unterzujubeln, einen trügerischen Schein eines festen Charakters, der innerlich hohl bleiben muss).

Mit dem Abweichen vom Fundamentalen fing es dann an, das Zerbröckeln der Diktatur des Proletariats, der Kurs Richtung Sozialismus-Kommunismus verschwamm. Das Fundamentale bezieht seine Kraft dadurch, dass es die Wirklichkeit richtig widerspiegelt. Immer wieder müssen sich die mit Theorie Befassten einer Überprüfung durch konkrete revolutionäre Praxis unterziehen, um nicht in einen ohnmächtigen Intellektualismus abzugleiten. Bloße Theorie verhält sich zu den Klassenkämpfen wie die Onanie zum Geschlechtsverkehr. Eine Theorie nun, die im Klassenkampf der Vernichtung der bürgerlichen Geldsäcke dient, ist schon von vornherein subversiv insofern, als sie in der Widerspiegelung des letzten entscheidenden Klassenkampfes in der Durchleuchtung der bürgerliche Ideologie die Fetische aufzuweisen hat, die diese durchziehen und die Gehirne durchkreuzen. Revolutionäre Theorie hat immer das Aufdecken von Fetischen zum Inhalt, ist Aufklärung, ist Zurückführung des Menschen auf  ihn selbst, auf seinen Grund, auf sein Fundament. Mit der Zurückführung des Menschen auf ihn selbst, mit seiner Separierung aus dem Dornengestrüpp der ekelhaften Alltäglichkeit hebt jede revolutionäre Theorie an. Der Mensch muss wieder zur Besinnung kommen, die eine ausgekügelte Unterhaltungsindustrie vereitelt. Revolutionäre Theorie zeigt heute auf, dass die Bestimmung des Menschen nicht darin liegen kann, irgendein Zubehör zu einer irgendeiner Maschine in irgendeiner irgendeinem Kapitalisten gehörenden Fabrik an irgendeinem Ort zu sein und nach Feierabend verlangt ein Quizmaster im Fernsehen von den Kandidaten fixierte, tote Sätze, durch die sich ein hohler Charakter anolg zur Manipulierung durch Werbung einstellt. Damit ergibt sich ein Verhältnis des Subjekts zur Objektivität, zur Veräußerung seiner Intellektualität, seines Lebens- und Weltzusammenhangs wie es typisch innerhalb warenproduzierender Gesellschaften ist. Das Zubehör zur Maschine betet den Fetisch Ware an im Immanenzgitter einer wesensfremden Kommunikation, die über das Zubehör übergreift und seine periphere Lebensbestimmung theoretisch festschreibt. Der Kult des Individuums vervollständigt seine Daseinsweise als Registriernummer endgültig. Nicht mehr nachdenken soll der Arbeiter über den Zusammenhang seiner Klasse mit den Fetischen Gott-Gold-Geld, zum Kapital, die Atomisierung in „das Eins“ (Hegel) verhindert über die Zerstörung des dialektischen Denkens der Zusammenhänge den Zusammenhalt der Klasse, den die modernen Produktionsmittel faktisch herbeiführen. Die Zusammenkünfte unserer Medienzaren scheinen mir Wannseekonferenzen zu sein, auf denen die Endlösung der dialektischen Frage besprochen wird.

Nach dem Kollaps der Sowjetunion, nachdem das Schiff der Revolution auf den Meeresgrund geschleudert worden ist, ist das heute aber alltägliche, weitgehend akzeptierte Praxis in ganz Europa um so mehr, als durch die Computertechnologie die instrumentelle Vernunft zur bestimmenden geworden ist, obwohl es an der Basis dialektisch mehr rumort, als die bürgerlichen Laptop-Massenmedien uns weismachen wollen. Punkte zum Anknüpfen revolutionärer Praxis gibt es im Spätkapitalismus allemal, aber zur Zeit ist es heute wie schon so oft in der Geschichte die Aufgabe der Marxisten, gegen den Strom zu schwimmen.

„Der Mensch ist von Natur aus böse … “ (Hegel)

18. Dezember 2015

Immanuel Kant hatte zusammen mit Laplace, aber unabhängig voneinander, den zukünftigen völligen Untergang unseres Universums in der Nebulartheorie dargelegt und Friedrich Engels würdigte ihn diesbezüglich als bahnbrechenden Denker. Leibniz hatte in seiner Monadologie noch die Unzerstörbarkeit des Universums, der besten aller Welten, mit einer waghalsigen metaphysischen Argumentation der l‘ harmonie préétablie (prästabilierten Harmonie) zu begründen versucht: “ … et que non seulement in n‘ y a aura point de generation, mais encore point de destruction entière , ni mort prise à la rigueur … Ainsi on peut dire que non seulement l‘ Ame (miroir d‘ un univers indestructible) est indestructible, mais ancore l‘ animal meme, quoique sa Machine perisse souvent en partie, et quitte ou prenne des depouilles organiques.“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, La Monadologie, Felix Miener Verlag, Hamburg, 2002,143 f.). 1888 wies Engels in seiner Rezension von Starckes Buch über Ludwig Feuerbach auf den Stand der Naturwissenschaft hin, nach dem der Bewohnbarkeit der Erde ein ziemlich sicheres Ende vorausgesagt wird. In der Kubakrise 1962 war die Menschheit nahe dran, einen Teil dieses Universums zu vernichten. Kants Entdeckung in seiner Dissertation „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ kann auch den Selbstmord des Menschen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Der Selbstmordattentäter, der ja die klassische Lehre, nach der es im Krieg darauf ankommt, sich selbst zu erhalten und den Feind zu vernichten, zur Hälfte auf den Kopf stellt, sogar mehr, wenn er unschuldige Zivilisten, die nicht der Feind sind, mit in seinen Tod reißt, wäre heute der höchste Ausdruck des Soldatseins. Er verliefe synchron vorwegnehmend mit der Selbstvernichtung unseres Universums, durch die alles gleichgültig und unser aller Leben entwertet wird, das blödsinnigerweise auf Anerkennung statt auf Lustgewinn ausgerichtet war und ist. Die Selbstvernichtung des Universums schlösse die Vernichtung einer ihr Leben verpfuscht habenden  Menschheit mit ein. Für Kant aber stimmt der Selbstmord des Menschen nicht mit dem kategorischen Imperativ überein, denn der Selbstmörder würdigt sich zu einem bloßen Mittel zur Erlangung einer Glückseligkeit (Befreiung von der Last des Lebens) herab. Der Nihilismus des Universums, der alles zum Mittel degradiert, und der kategorische Imperativ, der alles zum Zweck erhebt, werden immer ein merkwürdiger Widerspruch in der Philosophie Kants bleiben.

Friedrich Engels pflichtete Kant bei, dass unser ganzes Sonnensystem eines Tages verschwunden sein wird. Das ist ein ganz anderes „Ende der Geschichte“, als es Francis Fukuyama sich ausdachte. Alles wird relativiert, ja seiner Substanz beraubt, selbst der Begriff des Fortschritts verkommt zu einer leeren Worthülse. Condorcet sah die menschliche Vernunft noch auf ihrem Weg zur Vervollkommnung über ein zehnstufiges Entwicklungsmodell, er huldigte „une idole d‘ échelle“. Aber was, wenn die Leiter am Ende selbst zerbricht ? Irrt dann der Mensch, solange er strebt ? Wenn alle Erfindungen der Menschen letztendlich keinen Zweck erfüllen können ? Engels tat die Idee der von bürgerlichen Aufklärern vertretenen ständigen Vervollkommnungsfähigkeit des menschlichen Geschlechts (Perfectibilité) als „Gerede“ ab.  Ist die Frage noch wert, untersucht zu werden, ob die beiden Höhepunkte der Weltphilosophie, die antike und die klassische deutsche, synchron gehen mit den  Höhepunkten des Humanismus ? Ja eine wissenschaftliche Disziplin wie die Medizin, die auf den ersten Blick den Anspruch und die Aufgabe hat, das menschliche und tierische Leben zu erhalten und Leiden zu lindern und zu beenden,  wäre in ihrer christlich-humanistischen Ausrichtung in Frage gestellt. Dr. Stefan Sahm, Chefarzt am Offenbacher Ketteler-Krankenhaus und Ethiklehrer an der Universität Frankfurt am Main, hat sich zum Thema Sterbehilfe durch einen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ festgelegt: „Es ist die Grundlage eines jeden Gemeinwesens, jeglicher staatlichen Gemeinschaft und letztlich der durch unverbrüchliche Rechte verbundenen Menschheitsfamilie, dass die Existenz eines jeden Mitgliedes der Gemeinschaft seiner Nichtexistenz vorzuziehen ist. Diese Regel gilt ausnahmslos. Grundlage der Menschenrechte ist eine Präferenz für das Leben. Was abstrakt anmutet, ist auch der Alltagsintuition zugänglich. Daher sind Handlungen, die auf die Unterstützung eines Suizids gerichtet sind, verwerflich und ein unmoralisches Angebot“ (Stephan Sahm, Ein unmoralisches Angebot, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. November 2015,8). Dass die Existenz der Nichtexistenz vorzuziehen ist, ist eine assertorische Aussage, denn wir wissen heute, dass das Universum letztendlich die Nichtexistenz der Existenz vorzieht, unterlassene Sterbehilfe könnte von daher auch als widernatürlich (ergo pervers) gedeutet werden. Adolf Hitler gab in einem seiner letzten Befehle, in dem sogenannten Nerobefehl, Albert Speer den Auftrag, alle ökonomischen Grundlagen und Infrastrukturen in Deutschland radikal zu vernichten, damit das deutsche Volk (quasi vorzeitig) aus der Weltgeschichte ausgelöscht werde. Mao Tse Tung sah einer thermonuklearen Weltkatatsrophe mit einer stoischen Gelassenheit entgegen, einige Chinesen werden es sein, die sie überleben, um dann den Sozialismus-Kommunismus aufzubauen.

Epikur, ein Philosoph der Freude und der Weltbejahung, wollte der Menschheit die Angst vor dem Tod nehmen, er scheint mir von allen antiken Philosophen der wahre Inspirator der Renaissance und ihrem Ideal des allseits gebildeten Menschen zu sein, wie ihn in der Antike Aristoteles, in der Neuzeit Leibniz und Hegel verkörperten. Nur in der besten aller Welten kann auch das absolute Wissen statthaben, ein Agnostiker kann ein Buch nicht mit einem Kapitel über das absolute Wissen beenden. Das Motiv der Philosophie Hegels bestand darin, durch Selbstdenken in allem sich selbst zu finden und sich selbst zu erkennen, und die alte Metaphysik hätte mit keinem erhabeneren Motiv enden können. Das gehört nun ganz der Vergangenheit an und kein geistiger Funke kann das heute tief verschüttete Motiv wieder entflammen. In den Augenblicken, in denen ich diese Zeilen schreibe, hat sich das dem Menschen mögliche Wissen milliardenfach potenziert und in den Augenblicken, in denen diese Zeile gelesen werden ebenso. Leibniz war in seiner Aussage der Monadologie,  dass in die Denk- Schreibarbeit nicht nur der Philosophen „eine Unendlichkeit an gegenwärtigen und vergangegen Gestalten und Bewegungen“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadolgie, in: Gottfried Wilelm Leibniz, Monadolgie und andere metaphysische Schriften, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2002,125) eingeht, ganz Metaphysiker. Unser Denken ist für Metaphysiker immer schwer, angesammelt von unserer Geburt an, ja diese bis ins Unendliche transzendierend, ist unser Denken immer omnipotent, der Mensch ist für Leibniz ein Spiegel des Universums und ein kleiner Gott, der auf Erden wandelt. War für Leibniz das Universum in allen unseren Akten omnipräsent, so war es für Hegel zunächst verborgen, aufzuschließen. Mit der prozesshaften Offenlegung des Universums in Dreierschritten, und der prozesshaften Darstellung des  Weltwissens, ebenfalls in Dreierschritten,  hatte sich für Hegel die Allmacht der Philosophie im Reich der Wissenschaften etabliert. Feuerbach, zunächst ein nicht ganz orthodoxer Anhänger Hegels, rebellierte gegen seinen Übervater und gegen die übermächtige Disziplin mit der Behauptung, dass es vor der Philosophie eine Natur gegeben habe, die als das Primäre zu deklarieren und  von der die Philosophie abzuleiten sei. Aber Feuerbach war kein konsequenter Materialist und hielt an einer Verdopplung der Welt fest, die vierte These von Marx über ihn moniert, dass Feuerbach nur Religionskritiker geworden war, kein Gesellschaftskritiker. Er konnte den Weg aus dem ihm selbst tödlich verhassten Reich der Abstraktionen zur lebendigen Wirklichkeit nicht finden. Schließlich sahen Marx und Engels bei den Linkshegelianern, bei denen es sich von selbst verstand, und selbst bei den Vulgärmaterialisten metaphysische Residuen. Ihr erkenntnistheoretischer Ansatz war schlicht und bescheiden: „Allerdings heißt materialistische Naturanschauung weiter nichts als einfache Auffassung der Natur so wie sie sich gibt, ohne fremde Zutat …“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1977,299). Wer das schreibt, der hat keine philosophische Brille mehr auf der Nase.

Im Marxismus lacht uns die Materie an, er ist die höchstentwickelte Materie, in der ihr Untergang beginnt. Der Marxismus ist heute in der Zeit, in ihrer Endphase. Für Engels war ein kommender Wendepunkt in der Geschichte wissenschaftlich ausgemacht, „von wo an es mit der Geschichte der Gesellschaft abwärtsgeht“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,268). Harich sah ihn bereits in der globalen Ökokrise und plädierte für einen Kommunismus ohne Wachstum. Es war nach Friedrich Engels der utopische Sozialist Charles Fourier, der mit einer Hegel ebenbürtigen Dialektik hervorhob, dass jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast habe (Vergleiche Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschft, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975, 424). Der absteigende Ast wird das „Duell“ gewinnen. Die klassiche deutsche Literatur hat das im „Faust“ zum Ausdruck gebracht und die klassiche deutsche Philosophie in der „Phänomenologie des Geistes“. Hegel zitiert Goethes Faust in der Vorrede zu seiner Rechtsphilosophie, in der er den bemerkenswerten Satz formulierte: „Man glaubt etwas sehr Großes zu sagen, wenn man sagt: Der Mensch ist von Natur gut; aber man vergißt, daß man etwas weit Größeres sagt mit den Worten: Der Mensch ist von Natur böse“. Die Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung stellt sich in der Form des Bösen dar.

Für Heraklit waren in aristokratischer Überheblichkeit die meisten Menschen anwesend-abwesend – und das ist auch ganz gut so, auch wenn Heraklit unterschlägt, dass in präsozialistischen Klassengesellschaften  nur die wenigsten Menschen Zugang zu Kultur und Bildung haben und deshalb die Mehrheit anwesend-abwesend ist. Was bürgerliche Ideologen als Bildungsgesellschaft bezeichnen, ja loben, ist heute in Wirklichkeit das Abrichten unschuldiger Kinder für die Verwertung des Kapitals. In ökonomischen Systemen, die auf der Ausbeutung des Volkes basieren, ist seine Verdummung qua Religion oder ‚Werte und Normen‘ elementarer Bestandteil der staatlich verordneten Halbbildung. Heute ist es das Einpauken der instrumentellen Vernunft, die für den globalimmanenten Hausgebrauch als zur Weltorientierung ausreichend angesehen wird und auf die man sich einstweilen festgelegt hat. Hand in Hand mit der Versklavung des Volkes geht die Ausmerzung dialektischen Denkens einher, vor dem nichts Ewiges besteht, das also die Wirklichkeit auch in ihrer universellen Dimension richtig widerspiegelt. Die meisten Menschen wissen ebenso nichts über das zukünftige Schicksal unseres Universums wie über die Tatsache, dass Marx, Shakespeares Gedicht „Timaios“ interpretierend, das Geld als „allgemeine Hure“ bezeichnete und leben geistig abwesend und borniert in den Tag hinein auf der Jagd nach der „allgemeinen Hure“. Wahrscheinlich ließe sich ein Leben mit der ständigen Präsenz des absoluten Nichts, mit dem ständigen Denken an das ständig Verschwindende und dem ständigen Kontakt mit einer Hure nicht durchhalten. Es gilt, sich nicht einzugestehen, dass der Tod der absolute Herr ist. “ … aber man vergißt, daß man etwas weit Größeres sagt mit den Worten: Der Mensch ist von Natur böse“. Das Glück der Naiven besteht darin, ohne cartesianischen Zweifel dahin zu vegetieren, ohne einen Begriff des Ekels vor dem Alltäglichen je aufkommen zu lassen, ohne zu wissen, dass es unser Denken ist, das fortgestzt tötet, indem es den Fluß des Lebens ständig unterbricht. Rousseau hat die Frage aufgeworfen und beantwortet, ob die Wissenschaft unser Leben lebendiger gestaltet oder es abtötet. Eine treusorgende Mutter schlägt ihrem Kind ein Buch aus der Hand als wäre es eine gefährliche Waffe. Das ist versäumt worden. Heute ist die Wissenschaft nicht der Rettungsanker vor der Apokalypse, sie ist die rationale totgeweihte Reaktion auf sie, ihre Schwester. Der Drang der Menschheit zur Wissenschaft ist unaufhaltsam, da sie im Todestrieb der Wissenschaft auf ihren eigenen trifft.

Sinnlosigkeit ist das Insich-Einsinken der Kommunikation, in dem der allseitig gebildete Mensch verkümmern würde.  Sensible Menschen, die dieses von Beckett auf die Bühne gebrachte Grauen irgendwie vernehmen, können zur Droge getrieben werden, um sich im Rausch unbewusst dem Nichts einzustellen. Der Misere der Klassenkampfgeschichte ist es geschuldet, dass dem Humanismus Gegenwart versagt wird, dass er nur perspektivisch auf zukünftiges Glück heute konzipierbar zu sein scheint. Auch der Kommunismus als vollendeter Humanismus und Naturalismus wäre in der totalen Depression seiner Substanz beraubt. Lenin schrieb in seinem Fundamentalwerk „Staat und Revolution“, dass es keinem Sozialisten je eingefallen ist, zuzusichern, dass die höhere Phase des Kommunismus jemals eintreten wird. Und doch setzen heute Menschen ihr Leben für den Sieg des Kommunismus ein, für einen Zustand, in dem, nach den Worten Auguste Blanquis „kein einziger Mensch mehr der Narr eines anderen sein wird“ (Louis-Auguste Blanqui, Der Kommunismus, die Zukunft der Gesellschaft, in: Louis-Auguste Blanqui, Schriften zur Revolution, Nationalökonomie und Sozialkritik, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1971,126) und in der alle bewußt dialektisch denken. Soviel ist wahr im deutschen Idealismus und wohl bei Fichte am vehementesten ausgeprägt, das die Beendigung der Narretei erreicht werden muss, und sollten sich Millionen und Abermillionen Sonnensysteme zu Tode explodieren. Wenn überhaupt nach einer Gültigkeit des Kant‘ schen kategorischen Imperativs heute gefragt wird, so sind es, widersprüchlich genug, diese Kommunisten, die aus besonderem Material geformt sind, die ihn bestätigen. Ist dieser Imperativ in Klassengesellschaften ungültig, kann er in ihnen höchstens zur Täuschung der Ausgebeuteten missbraucht werden, so würde erst im Kommunismus, in der Aufhebung der Zweck-Mittel-Relation unter Menschen, sein humaner Kern relevant sein. Ich erinnere mich noch an eine Demo gegen Hartz IV und Sozialabbau in Berlin, die auch an den letzten Ruinen des Palastes der Republik vorbeikam. Welches Lied wurde spontan angestimmt ? Es war die Internationale !