„Der Mensch ist von Natur aus böse … “ (Hegel)

Immanuel Kant hatte zusammen mit Laplace, aber unabhängig voneinander, den zukünftigen völligen Untergang unseres Universums in der Nebulartheorie dargelegt und Friedrich Engels würdigte ihn diesbezüglich als bahnbrechenden Denker. Leibniz hatte in seiner Monadologie noch die Unzerstörbarkeit des Universums, der besten aller Welten, mit einer waghalsigen metaphysischen Argumentation der l‘ harmonie préétablie (prästabilierten Harmonie) zu begründen versucht: “ … et que non seulement in n‘ y a aura point de generation, mais encore point de destruction entière , ni mort prise à la rigueur … Ainsi on peut dire que non seulement l‘ Ame (miroir d‘ un univers indestructible) est indestructible, mais ancore l‘ animal meme, quoique sa Machine perisse souvent en partie, et quitte ou prenne des depouilles organiques.“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, La Monadologie, Felix Miener Verlag, Hamburg, 2002,143 f.). 1888 wies Engels in seiner Rezension von Starckes Buch über Ludwig Feuerbach auf den Stand der Naturwissenschaft hin, nach dem der Bewohnbarkeit der Erde ein ziemlich sicheres Ende vorausgesagt wird. In der Kubakrise 1962 war die Menschheit nahe dran, einen Teil dieses Universums zu vernichten. Kants Entdeckung in seiner Dissertation „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ kann auch den Selbstmord des Menschen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Der Selbstmordattentäter, der ja die klassische Lehre, nach der es im Krieg darauf ankommt, sich selbst zu erhalten und den Feind zu vernichten, zur Hälfte auf den Kopf stellt, sogar mehr, wenn er unschuldige Zivilisten, die nicht der Feind sind, mit in seinen Tod reißt, wäre heute der höchste Ausdruck des Soldatseins. Er verliefe synchron vorwegnehmend mit der Selbstvernichtung unseres Universums, durch die alles gleichgültig und unser aller Leben entwertet wird, das blödsinnigerweise auf Anerkennung statt auf Lustgewinn ausgerichtet war und ist. Die Selbstvernichtung des Universums schlösse die Vernichtung einer ihr Leben verpfuscht habenden  Menschheit mit ein. Für Kant aber stimmt der Selbstmord des Menschen nicht mit dem kategorischen Imperativ überein, denn der Selbstmörder würdigt sich zu einem bloßen Mittel zur Erlangung einer Glückseligkeit (Befreiung von der Last des Lebens) herab. Der Nihilismus des Universums, der alles zum Mittel degradiert, und der kategorische Imperativ, der alles zum Zweck erhebt, werden immer ein merkwürdiger Widerspruch in der Philosophie Kants bleiben.

Friedrich Engels pflichtete Kant bei, dass unser ganzes Sonnensystem eines Tages verschwunden sein wird. Das ist ein ganz anderes „Ende der Geschichte“, als es Francis Fukuyama sich ausdachte. Alles wird relativiert, ja seiner Substanz beraubt, selbst der Begriff des Fortschritts verkommt zu einer leeren Worthülse. Condorcet sah die menschliche Vernunft noch auf ihrem Weg zur Vervollkommnung über ein zehnstufiges Entwicklungsmodell, er huldigte „une idole d‘ échelle“. Aber was, wenn die Leiter am Ende selbst zerbricht ? Irrt dann der Mensch, solange er strebt ? Wenn alle Erfindungen der Menschen letztendlich keinen Zweck erfüllen können ? Engels tat die Idee der von bürgerlichen Aufklärern vertretenen ständigen Vervollkommnungsfähigkeit des menschlichen Geschlechts (Perfectibilité) als „Gerede“ ab.  Ist die Frage noch wert, untersucht zu werden, ob die beiden Höhepunkte der Weltphilosophie, die antike und die klassische deutsche, synchron gehen mit den  Höhepunkten des Humanismus ? Ja eine wissenschaftliche Disziplin wie die Medizin, die auf den ersten Blick den Anspruch und die Aufgabe hat, das menschliche und tierische Leben zu erhalten und Leiden zu lindern und zu beenden,  wäre in ihrer christlich-humanistischen Ausrichtung in Frage gestellt. Dr. Stefan Sahm, Chefarzt am Offenbacher Ketteler-Krankenhaus und Ethiklehrer an der Universität Frankfurt am Main, hat sich zum Thema Sterbehilfe durch einen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ festgelegt: „Es ist die Grundlage eines jeden Gemeinwesens, jeglicher staatlichen Gemeinschaft und letztlich der durch unverbrüchliche Rechte verbundenen Menschheitsfamilie, dass die Existenz eines jeden Mitgliedes der Gemeinschaft seiner Nichtexistenz vorzuziehen ist. Diese Regel gilt ausnahmslos. Grundlage der Menschenrechte ist eine Präferenz für das Leben. Was abstrakt anmutet, ist auch der Alltagsintuition zugänglich. Daher sind Handlungen, die auf die Unterstützung eines Suizids gerichtet sind, verwerflich und ein unmoralisches Angebot“ (Stephan Sahm, Ein unmoralisches Angebot, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. November 2015,8). Dass die Existenz der Nichtexistenz vorzuziehen ist, ist eine assertorische Aussage, denn wir wissen heute, dass das Universum letztendlich die Nichtexistenz der Existenz vorzieht, unterlassene Sterbehilfe könnte von daher auch als widernatürlich (ergo pervers) gedeutet werden. Adolf Hitler gab in einem seiner letzten Befehle, in dem sogenannten Nerobefehl, Albert Speer den Auftrag, alle ökonomischen Grundlagen und Infrastrukturen in Deutschland radikal zu vernichten, damit das deutsche Volk (quasi vorzeitig) aus der Weltgeschichte ausgelöscht werde. Mao Tse Tung sah einer thermonuklearen Weltkatatsrophe mit einer stoischen Gelassenheit entgegen, einige Chinesen werden es sein, die sie überleben, um dann den Sozialismus-Kommunismus aufzubauen.

Epikur, ein Philosoph der Freude und der Weltbejahung, wollte der Menschheit die Angst vor dem Tod nehmen, er scheint mir von allen antiken Philosophen der wahre Inspirator der Renaissance und ihrem Ideal des allseits gebildeten Menschen zu sein, wie ihn in der Antike Aristoteles, in der Neuzeit Leibniz und Hegel verkörperten. Nur in der besten aller Welten kann auch das absolute Wissen statthaben, ein Agnostiker kann ein Buch nicht mit einem Kapitel über das absolute Wissen beenden. Das Motiv der Philosophie Hegels bestand darin, durch Selbstdenken in allem sich selbst zu finden und sich selbst zu erkennen, und die alte Metaphysik hätte mit keinem erhabeneren Motiv enden können. Das gehört nun ganz der Vergangenheit an und kein geistiger Funke kann das heute tief verschüttete Motiv wieder entflammen. In den Augenblicken, in denen ich diese Zeilen schreibe, hat sich das dem Menschen mögliche Wissen milliardenfach potenziert und in den Augenblicken, in denen diese Zeile gelesen werden ebenso. Leibniz war in seiner Aussage der Monadologie,  dass in die Denk- Schreibarbeit nicht nur der Philosophen „eine Unendlichkeit an gegenwärtigen und vergangegen Gestalten und Bewegungen“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadolgie, in: Gottfried Wilelm Leibniz, Monadolgie und andere metaphysische Schriften, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2002,125) eingeht, ganz Metaphysiker. Unser Denken ist für Metaphysiker immer schwer, angesammelt von unserer Geburt an, ja diese bis ins Unendliche transzendierend, ist unser Denken immer omnipotent, der Mensch ist für Leibniz ein Spiegel des Universums und ein kleiner Gott, der auf Erden wandelt. War für Leibniz das Universum in allen unseren Akten omnipräsent, so war es für Hegel zunächst verborgen, aufzuschließen. Mit der prozesshaften Offenlegung des Universums in Dreierschritten, und der prozesshaften Darstellung des  Weltwissens, ebenfalls in Dreierschritten,  hatte sich für Hegel die Allmacht der Philosophie im Reich der Wissenschaften etabliert. Feuerbach, zunächst ein nicht ganz orthodoxer Anhänger Hegels, rebellierte gegen seinen Übervater und gegen die übermächtige Disziplin mit der Behauptung, dass es vor der Philosophie eine Natur gegeben habe, die als das Primäre zu deklarieren und  von der die Philosophie abzuleiten sei. Aber Feuerbach war kein konsequenter Materialist und hielt an einer Verdopplung der Welt fest, die vierte These von Marx über ihn moniert, dass Feuerbach nur Religionskritiker geworden war, kein Gesellschaftskritiker. Er konnte den Weg aus dem ihm selbst tödlich verhassten Reich der Abstraktionen zur lebendigen Wirklichkeit nicht finden. Schließlich sahen Marx und Engels bei den Linkshegelianern, bei denen es sich von selbst verstand, und selbst bei den Vulgärmaterialisten metaphysische Residuen. Ihr erkenntnistheoretischer Ansatz war schlicht und bescheiden: „Allerdings heißt materialistische Naturanschauung weiter nichts als einfache Auffassung der Natur so wie sie sich gibt, ohne fremde Zutat …“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1977,299). Wer das schreibt, der hat keine philosophische Brille mehr auf der Nase.

Im Marxismus lacht uns die Materie an, er ist die höchstentwickelte Materie, in der ihr Untergang beginnt. Der Marxismus ist heute in der Zeit, in ihrer Endphase. Für Engels war ein kommender Wendepunkt in der Geschichte wissenschaftlich ausgemacht, „von wo an es mit der Geschichte der Gesellschaft abwärtsgeht“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,268). Harich sah ihn bereits in der globalen Ökokrise und plädierte für einen Kommunismus ohne Wachstum. Es war nach Friedrich Engels der utopische Sozialist Charles Fourier, der mit einer Hegel ebenbürtigen Dialektik hervorhob, dass jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast habe (Vergleiche Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschft, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975, 424). Der absteigende Ast wird das „Duell“ gewinnen. Die klassiche deutsche Literatur hat das im „Faust“ zum Ausdruck gebracht und die klassiche deutsche Philosophie in der „Phänomenologie des Geistes“. Hegel zitiert Goethes Faust in der Vorrede zu seiner Rechtsphilosophie, in der er den bemerkenswerten Satz formulierte: „Man glaubt etwas sehr Großes zu sagen, wenn man sagt: Der Mensch ist von Natur gut; aber man vergißt, daß man etwas weit Größeres sagt mit den Worten: Der Mensch ist von Natur böse“. Die Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung stellt sich in der Form des Bösen dar.

Für Heraklit waren in aristokratischer Überheblichkeit die meisten Menschen anwesend-abwesend – und das ist auch ganz gut so, auch wenn Heraklit unterschlägt, dass in präsozialistischen Klassengesellschaften  nur die wenigsten Menschen Zugang zu Kultur und Bildung haben und deshalb die Mehrheit anwesend-abwesend ist. Was bürgerliche Ideologen als Bildungsgesellschaft bezeichnen, ja loben, ist heute in Wirklichkeit das Abrichten unschuldiger Kinder für die Verwertung des Kapitals. In ökonomischen Systemen, die auf der Ausbeutung des Volkes basieren, ist seine Verdummung qua Religion oder ‚Werte und Normen‘ elementarer Bestandteil der staatlich verordneten Halbbildung. Heute ist es das Einpauken der instrumentellen Vernunft, die für den globalimmanenten Hausgebrauch als zur Weltorientierung ausreichend angesehen wird und auf die man sich einstweilen festgelegt hat. Hand in Hand mit der Versklavung des Volkes geht die Ausmerzung dialektischen Denkens einher, vor dem nichts Ewiges besteht, das also die Wirklichkeit auch in ihrer universellen Dimension richtig widerspiegelt. Die meisten Menschen wissen ebenso nichts über das zukünftige Schicksal unseres Universums wie über die Tatsache, dass Marx, Shakespeares Gedicht „Timaios“ interpretierend, das Geld als „allgemeine Hure“ bezeichnete und leben geistig abwesend und borniert in den Tag hinein auf der Jagd nach der „allgemeinen Hure“. Wahrscheinlich ließe sich ein Leben mit der ständigen Präsenz des absoluten Nichts, mit dem ständigen Denken an das ständig Verschwindende und dem ständigen Kontakt mit einer Hure nicht durchhalten. Es gilt, sich nicht einzugestehen, dass der Tod der absolute Herr ist. “ … aber man vergißt, daß man etwas weit Größeres sagt mit den Worten: Der Mensch ist von Natur böse“. Das Glück der Naiven besteht darin, ohne cartesianischen Zweifel dahin zu vegetieren, ohne einen Begriff des Ekels vor dem Alltäglichen je aufkommen zu lassen, ohne zu wissen, dass es unser Denken ist, das fortgestzt tötet, indem es den Fluß des Lebens ständig unterbricht. Rousseau hat die Frage aufgeworfen und beantwortet, ob die Wissenschaft unser Leben lebendiger gestaltet oder es abtötet. Eine treusorgende Mutter schlägt ihrem Kind ein Buch aus der Hand als wäre es eine gefährliche Waffe. Das ist versäumt worden. Heute ist die Wissenschaft nicht der Rettungsanker vor der Apokalypse, sie ist die rationale totgeweihte Reaktion auf sie, ihre Schwester. Der Drang der Menschheit zur Wissenschaft ist unaufhaltsam, da sie im Todestrieb der Wissenschaft auf ihren eigenen trifft.

Sinnlosigkeit ist das Insich-Einsinken der Kommunikation, in dem der allseitig gebildete Mensch verkümmern würde.  Sensible Menschen, die dieses von Beckett auf die Bühne gebrachte Grauen irgendwie vernehmen, können zur Droge getrieben werden, um sich im Rausch unbewusst dem Nichts einzustellen. Der Misere der Klassenkampfgeschichte ist es geschuldet, dass dem Humanismus Gegenwart versagt wird, dass er nur perspektivisch auf zukünftiges Glück heute konzipierbar zu sein scheint. Auch der Kommunismus als vollendeter Humanismus und Naturalismus wäre in der totalen Depression seiner Substanz beraubt. Lenin schrieb in seinem Fundamentalwerk „Staat und Revolution“, dass es keinem Sozialisten je eingefallen ist, zuzusichern, dass die höhere Phase des Kommunismus jemals eintreten wird. Und doch setzen heute Menschen ihr Leben für den Sieg des Kommunismus ein, für einen Zustand, in dem, nach den Worten Auguste Blanquis „kein einziger Mensch mehr der Narr eines anderen sein wird“ (Louis-Auguste Blanqui, Der Kommunismus, die Zukunft der Gesellschaft, in: Louis-Auguste Blanqui, Schriften zur Revolution, Nationalökonomie und Sozialkritik, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1971,126) und in der alle bewußt dialektisch denken. Soviel ist wahr im deutschen Idealismus und wohl bei Fichte am vehementesten ausgeprägt, das die Beendigung der Narretei erreicht werden muss, und sollten sich Millionen und Abermillionen Sonnensysteme zu Tode explodieren. Wenn überhaupt nach einer Gültigkeit des Kant‘ schen kategorischen Imperativs heute gefragt wird, so sind es, widersprüchlich genug, diese Kommunisten, die aus besonderem Material geformt sind, die ihn bestätigen. Ist dieser Imperativ in Klassengesellschaften ungültig, kann er in ihnen höchstens zur Täuschung der Ausgebeuteten missbraucht werden, so würde erst im Kommunismus, in der Aufhebung der Zweck-Mittel-Relation unter Menschen, sein humaner Kern relevant sein. Ich erinnere mich noch an eine Demo gegen Hartz IV und Sozialabbau in Berlin, die auch an den letzten Ruinen des Palastes der Republik vorbeikam. Welches Lied wurde spontan angestimmt ? Es war die Internationale !

 

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