Die Weltgeschichte macht manchmal Riesensprünge rückwärts … (Lenin)

„… denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig.“ (Lenin, Über die Junius Broschüre, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1972,315).  Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion war zweifellos so ein Riesensprung rückwärts, oder besser formuliert: Sie ergab sich aus einer Serie von Riesensprüngen rückwärts. Die Arbeiterbewegung selbst begann mit einem Riesensprung rückwärts, die Arbeiter zerschlugen fremde konkurrierende Waren („ihre“ Maschinen), „sie suchten „die untergegangene Stellung des mittelalterlichen Arbeiters wieder zu erringen“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977, 470). Nicht die Zerstörung der modernen Maschinen kann das Resultat der Arbeiterbewegung sein, sondern ihre Beherrschung durch die an ihr Tätigen. Tausend Köpfe und zweitausend Hände in einer Fabrik müssen sie sich untertänig machen und den Begriff erobern, den ihre Erfinder hatten. Gelänge dies nicht, und zwar weltgeschichtlich nicht, so hätte die Praxis nicht das Primat über die Theorie. Schon zu Beginn der Oktoberrevolution kam es zu einem Rückschritt: Die NEP musste zwangsläufig den kleinen Warenproduzenten in der Stadt und auf dem Land favorisieren. Und was ist der kleine Warenproduzent ? Quelle des Kapitalismus oder des Sozialismus ? War nicht der politische Sieg über die Sozialrevolutionäre ein Pyrrhussieg, wenn in der ökonomischen Praxis deren Parole galt: Jedem Bauern seine Scholle !?

Es gibt keine Entwicklung ohne Rückentwicklung, jede ist ein Zurück zum bereits Entwickelten, das ‚Zurück‘ ist elementar für das ‚Vorwärts‘, ist in ihm, erst mit dem Bruch beginnt die Reaktion. Der Kollaps der Sowjetunion über ihre Jahrzehnte betrachtet und die aus diesem sich hervor tuenden gesellschaftlichen Gebilde waren ein reaktionärer Rückfall. Die auf der Linie Chruschtschow-Gorbatschow Agierenden haben schwere historische Schuld auf sich geladen, da sie von Anfang an der Konfusion in den Gehirnen Vorschub leisteten, die Stalin mit seiner Studie über den historischen und dialektischen Materialismus gereinigt und geordnet hatte. Die Menschen brauchen in ihrem fragilen Leben einen leuchtenden roten Stern, der es sinnvoll weltgeschichtlich ausrichtet, der verhindert, dass sie sich auf intellektuelle Nullen einlassen, mit denen das Leben vergeudet wird. Diese Orientierung nun gab Stalins geniale Studie nach der Oktoberrevolution, gab das ‚Väterchen‘ in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, wie es noch keine historische Epoche vorher kannte. Stalin gab den Gehirnen nach der Oktoberrevolution, was Marx und Engels ihnen vor ihr mit dem ‚Manifest‘ gaben. Wollte man nach einer Schrift von Lenin fragen, die in diese Linie passt, so würde ich neben „Staat und Revolution“ vor allem die „Aprilthesen“ nennen, Thesen, die man jeden Morgen sofort nach dem Aufwachen lesen müsste, auf dass es kein vergeudeter Tag werde. Warum ragen diese Werke aus der Millionenflut schriftlicher Ergüsse heraus ? Weil sie für die gesamte arbeitenden Menschheit die Fundamente in einer Präzision legten, auf denen der Sozialismus-Kommunismus aufgebaut werden kann. Das Kennzeichen des Fundamentalen ist das Verstummen von Fragen, das Fundamentale berührt schon als Wort ‚Praxis‘.  Das Manifest, die Aprilthesen, der ‚Dialektische und Historische Materialismus‘ erschöpften alles, dem Fundamentalen ist nichts mehr hinzuzufügen. (Die psychologisch ausgefeilte kapitalistische Werbung versucht heute gerade über die Ware dem Konsumenten eine Selbstbestätigung unterzujubeln, einen trügerischen Schein eines festen Charakters, der innerlich hohl bleiben muss).

Mit dem Abweichen vom Fundamentalen fing es dann an, das Zerbröckeln der Diktatur des Proletariats, der Kurs Richtung Sozialismus-Kommunismus verschwamm. Das Fundamentale bezieht seine Kraft dadurch, dass es die Wirklichkeit richtig widerspiegelt. Immer wieder müssen sich die mit Theorie Befassten einer Überprüfung durch konkrete revolutionäre Praxis unterziehen, um nicht in einen ohnmächtigen Intellektualismus abzugleiten. Bloße Theorie verhält sich zu den Klassenkämpfen wie die Onanie zum Geschlechtsverkehr. Eine Theorie nun, die im Klassenkampf der Vernichtung der bürgerlichen Geldsäcke dient, ist schon von vornherein subversiv insofern, als sie in der Widerspiegelung des letzten entscheidenden Klassenkampfes in der Durchleuchtung der bürgerliche Ideologie die Fetische aufzuweisen hat, die diese durchziehen und die Gehirne durchkreuzen. Revolutionäre Theorie hat immer das Aufdecken von Fetischen zum Inhalt, ist Aufklärung, ist Zurückführung des Menschen auf  ihn selbst, auf seinen Grund, auf sein Fundament. Mit der Zurückführung des Menschen auf ihn selbst, mit seiner Separierung aus dem Dornengestrüpp der ekelhaften Alltäglichkeit hebt jede revolutionäre Theorie an. Der Mensch muss wieder zur Besinnung kommen, die eine ausgekügelte Unterhaltungsindustrie vereitelt. Revolutionäre Theorie zeigt heute auf, dass die Bestimmung des Menschen nicht darin liegen kann, irgendein Zubehör zu einer irgendeiner Maschine in irgendeiner irgendeinem Kapitalisten gehörenden Fabrik an irgendeinem Ort zu sein und nach Feierabend verlangt ein Quizmaster im Fernsehen von den Kandidaten fixierte, tote Sätze, durch die sich ein hohler Charakter anolg zur Manipulierung durch Werbung einstellt. Damit ergibt sich ein Verhältnis des Subjekts zur Objektivität, zur Veräußerung seiner Intellektualität, seines Lebens- und Weltzusammenhangs wie es typisch innerhalb warenproduzierender Gesellschaften ist. Das Zubehör zur Maschine betet den Fetisch Ware an im Immanenzgitter einer wesensfremden Kommunikation, die über das Zubehör übergreift und seine periphere Lebensbestimmung theoretisch festschreibt. Der Kult des Individuums vervollständigt seine Daseinsweise als Registriernummer endgültig. Nicht mehr nachdenken soll der Arbeiter über den Zusammenhang seiner Klasse mit den Fetischen Gott-Gold-Geld, zum Kapital, die Atomisierung in „das Eins“ (Hegel) verhindert über die Zerstörung des dialektischen Denkens der Zusammenhänge den Zusammenhalt der Klasse, den die modernen Produktionsmittel faktisch herbeiführen. Die Zusammenkünfte unserer Medienzaren scheinen mir Wannseekonferenzen zu sein, auf denen die Endlösung der dialektischen Frage besprochen wird.

Nach dem Kollaps der Sowjetunion, nachdem das Schiff der Revolution auf den Meeresgrund geschleudert worden ist, ist das heute aber alltägliche, weitgehend akzeptierte Praxis in ganz Europa um so mehr, als durch die Computertechnologie die instrumentelle Vernunft zur bestimmenden geworden ist, obwohl es an der Basis dialektisch mehr rumort, als die bürgerlichen Laptop-Massenmedien uns weismachen wollen. Punkte zum Anknüpfen revolutionärer Praxis gibt es im Spätkapitalismus allemal, aber zur Zeit ist es heute wie schon so oft in der Geschichte die Aufgabe der Marxisten, gegen den Strom zu schwimmen.

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