MARXISMUS UND SOZIOLOGIE Am 26. Dezember 1991 brach die UdSSR auseinander

In wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht wurde im 20. Jahrhundert ausgeführt, was im 19. Jahrhundert von Marx und Engels angelegt worden war: der Stern der Philosophie begann zu sinken, so dass sie im 20. Jahrhundert nicht mehr als wichtiger Gradmesser der Gewichtsverlagerungen in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution in Frage kam. Wir sind vielmehr Zeuge geworden, dass eine in der Sowjetunion fast totgeglaubte Disziplin ab 1956 als Folge des XX. Parteitages wieder erstarkte und nach etwa zehn Jahren Etablierungszeit eine Blüte erlebte, in einer Hitze, die sie zum Thermometer des Ansteigens konterrevolutionären Gedankenguts machte, bis die Quecksilbersäule am 26. Dezember 1991 auf über 42 Grad geklettert war. Exitus ! Gemeint ist die Soziologie, deren ab 1956 ständig steigende Beachtung in intellektuellen Kreisen von Helmstedt bis Wladiwostok anzeigte, dass die Formen der Beziehungen unter den Menschen zunehmend entfremdeten Charakter annahmen. Wie die Religion das Verhältnis Mensch : der wahre Gott reflektiert, so die Soziologie das Verhältnis der Ware Mensch zur Ware Mensch. Und so nahm auch das Verhältnis der Menschen zur Natur einen entfremdeten Charakter an, in einer warenproduzierenden Gesellschaft verlieren die Menschen die Übersicht über ihre Beziehungen, ihr Denken wird statt dialektisch metaphysisch. Grob gesprochen: Das Verhältnis zwischen Marxismus-Leninismus und Soziologie spiegelte das Verhältnis zwischen Planwirtschaft und Ware wider. Die dreisten Bubenstücke Gorbatschows auf dem Gebiet des Marxismus-Leninismus waren schon lange von einer immer positivistischer werdenden Soziologie vorbereitet worden. Der bürgerliche Soziologe Emil Schmickl hatte herausgearbeitet, dass das Interesse an Soziologie in der UdSSR und in der DDR damit zusammenhing, dass statt revolutionärer Sprünge immer mehr eine evolutionäre gesellschaftliche Entwicklung von den herrschenden kommunistischen Parteien favorisiert wurde. (Emil Schmickl, Soziologie in der DDR als Ergebnis sozialen Wandels und politischer Programmatik, in: IGW (Hg.): Erlangen: ABG 1/1975,112). Rainer Rilling polemisierte 1978 gegen Schmickl in seinem Aufsatz „Kommunismusforschung und marxistische Soziologie“ (Rainer Rilling, Kommunismusforschung und marxistische Soziologie, in: Peter Brokmeier, Rainer Rilling: Beiträge zur Sozialismusanaylse I, Pahl Rugenstein Verlag, 1978,99ff.), nach dem Kollaps der DDR ist heute festzustellen, dass der polemische Ton wohl nicht immer angebracht war, dass „etwas dran war“ an der Analyse der Entwicklung der Soziologie in der UdSSR und in der DDR. Oder ist etwa nicht wahr, dass Gorbatschow auf der 19. Unionskonferenz der KPdSU am 1. Juli 1988 ausführte: „Wir haben viel Zeit dafür aufwenden müssen, die Gesellschaft, in der wir leben, die Vergangenheit, in der viele heutige Erscheinungen wurzeln, die uns umgebende Welt und unsere Wechselbeziehungen zu ihr zu begreifen. All das mußte aufgefaßt werden, damit wir nicht in revolutionären Sprüngen verfahren, die außerordentlich gefährlich sind“ (kursiv von H.A.). (Rede Michail Gorbatschows auf der Schlußsitzung der Konferenz am 1. Juli 1988, in: XIX. Unionskonferenz der KPdSU, Dokumente und Materialien, APN-Verlag, Moskau, 1988,121).  Das war nicht nur so dahingesagt … die uns umgebende Welt und ihre Wechselbeziehungen zu ihr … das war fundamental, das war die Quintessenz der Perstroika !! Also war was dran an den Überlegungen von Schmickl. In den USA konstatierten Norman Birnbaum und Alvin W. Gouldner Anfang der 70er Jahre eine „zunehmende Konvergenz der Sozialwissenschaften“ (Norman Birnbaum, Toward A Critical Sociology, New York, 1971,182ff. und Alvin W. Gouldner, Die westliche Soziologie in der Krise, Band 2, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1974,56), der Sowjetsoziologie der UdSSR und der bürgerlichen Soziologie der USA, was in Europa besonders in der Partei der Arbeit Albaniens gerne zur Kenntnis genommen wurde, da im Land der Skipetaren ja die UdSSR als Hilfssheriff des Weltpolizisten Nr. 1 gehandelt wurde. War da etwas dran wie an der These bürgerlicher Soziologen, die technokratische Funktionalisierung der Soziologie im Ostblock diene der Herrschaftsstabilisierung der Staatsparteien ? Dazu diente sie im Westblock ganz bestimmt, in dem sie über eine Lehre vom Management der Gesellschaften unter dem Spätkapital nie hinausgekommen war, es wäre verfehlt, der bürgerlichen Soziologie einen Anstrich des Sozialen zu geben. Der bürgerliche Soziologe Hellmuth G. Bütow stellte 1967 fest, „daß die Wendung der marxistischen Soziologie zur positiven Wissenschaft den historischen Materialismus als Weltanschauung aushöhlen wird … in Richtung auf eine Auflösung des weltanschaulichen Fundaments“. (Hellmuth G. Bütow, Soziologie und empirische Sozialforschung II, Hochschulinformation der Zentralstelle für Gesamtdeutsche Hochschulfragen 1/1967,5). 1972 verkündete Ansgar Weymann, dass der Prozess der Verbürgerlichung bereits vollzogen sei, denn ein Strukturfunktionalismus in der Soziologie der DDR sei „die gegenwärtig dominierende Strömung“. (Ansgar Weymann, Gesellschaftswissenschaften und Marxismus, Düsseldorf, 1972,89). Die Quintessenz der 1978 aus marxistischer Überheblichkeit erfolgten intellektuellen Polemik Rillings, die hier folgt, ist real geschichtlich in einen tragischen Vollzug umgeschlagen: „Entstehung und Entwicklung der marxistischen Soziologie werden als Zersetzung des Wissenschafts- und Sinngebungsmonopols des Historischen Materialismus interpretiert, an dessen Ende eine vielfältige Struktur autonomer, pluraler Wissensproduktionen stehe. Es vollzieht sich nach Ansicht der Rezipienten (gemeint sind bürgerliche Soziologen in der BRD und in den USA/H.A.) ein Emanzipationsprozeß einer Einzelwissenschaft vom dogamatischen Historischen Materialismus; die Steigerung kognitiver Kapazität ist nur jenseits und gegen den Historischen Materialismus, nicht aber durch und mit ihm möglich“. (Rainer Rilling, Kommunismusforschung und marxistische Soziologie, in: Peter Brokmeier, Rainer Rilling: Beiträge zur Sozialismusanaylse I, Pahl Rugenstein Verlag, 1978 113). 1956 hatte Chruschtschow Stalins brillante Studie über den historischen und dialektischen Materialismus weggeworfen, heute ist von Wladiwostok bis Rotterdam der Marxismus fast ganz verworfen worden und die Völker irren ohne Licht umher, zermürbt von einer Pluralität von Weltanschauungen. Es ist in der Tat zu dem verkehrten Schauspiel gekommen, dass der Marxismus in der BRD unter den Schlägen der Feinde (Bundesverfassungsgericht 1956, der Anarchie der Produktion, der antikommunistischen Hetze der SPD, des kleinbürgerlichen ‚linken‘ Terrorismus, der Nazis, Springers Presse, dito der Verdummung des deutschen Volkes durch ‚Die LINKE‘) bis heute als quantité négligeable aber immerhin eisern durchgehalten hat. Auf der Seite der Konterrevolution hat sich Joachim Gauck am 3. Oktober 2015 in seiner Rede zum 25. Jahrestag der sogenannten deutschen Einheit nicht entblödet, sich damit zu brüsten, dass Deutschland immer mehr ein „Land der Verschiedenen“ werde. Wie verräterisch ist doch die Sprache der Konterrevolution, die stets auf die Zersetzung der Einheit des Volkes setzt. Die Herrschenden haben immer ein Interesse am Pluralismus der Meinungen, an einem Chaos, das als Liberalismus ausgegeben wird,  und an einer autonomen, pluralen Wissensproduktion, weil sie die Geschlossenheit des Volkes, auf die marxistisch-leninistische Revolutionäre hinwirken, fürchten. „Alles was das Volk zersetzt, taugt nichts“, wußte schon Jean Jacques Rousseau. Bürgerliche und kleinbürgerliche Intellektuelle tummeln sich mit Vorliebe im Narrenraum des Pluralen. Wie ist er zu schließen ? Zu verweisen ist auf die achte Forderung von Marx und Engels im Manifest: „Gleicher Arbeitszwang für alle“.

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