Im Dezember 1971 wurde Georg von Rauch in Berlin erschossen

Karl Marx und Friedrich Engels sprachen am Anfang ihres Manifestes von einem Gespenst, das in Europa umgeht. Und dieses werde gejagt, vom Papst, vom Zaren, Metternich und Guizot, französischen Radikalen und von deutschen Polizisten. Am 4. Dezember 1971 wurde der Kommunarde Georg von Rauch im Alter von 24 Jahren gegen 17 uhr 25 in der Eisenacher Strasse in Schöneberg ein Opfer des schießwütigen deutschen Polizisten Hans-Joachim Schulz, seines Zeichens Hauptkommissar. Insgesamt fielen 25 Schüsse. Georg, geboren in Marburg als jüngster von drei Söhnen eines Slawistik-Professors, fiel irrtümlich in den Kreis der Großfahndung nach Mitgliedern der Baader-Meinhof-Gruppe (Deckname: ‚Trabrennen‘), in der Gudrun Ensslin es als erste ausgesprochen hatte, dass die Auschwitz-Generation bewaffnet sei und auch heute das deutsche Volk unterdrücke und die Linke und fortschrittliche Menschen zum Freiwild für deutsche Polizisten denunziere.  Die innere Logik der Ausbeutung und Selektion durch das Kapital kann immer noch ein neues Auschwitz hervorbringen. Aus dieser richtigen Erkenntnis, die sich auch nach dem Mord an Benno Ohnesorg durch den west-östlichen Polizisten Kurras ergab, entwickelten sich Widerstandsformen, die die anfänglichen teuflischen  Eugenspiegeleien bald ablegten und zur direkten bewaffneten Aktion übergingen. Man muß die Atmossphäre mitgespürt haben, die Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre die Frontstadt erfüllte. Diese vom preußischen Stechschrittsozialismus umschlossene Insel urbaner Dekadenz hatte dennoch eine rebellische Jugend hervorgebracht, die hier und jetzt alle Zwangsjacken einer formierten Gesellschaft abwerfen wollte. Der Hippie-Song ‚Let’s live for today‘ von den Grass Roots war aus den USA um die Welt gegangen und die Subkultur Berlin-West firmierte unter dem Namen „Berliner Blues“. Kommunen in großen Altbauwohnungen sollten die Pflanzstätten sein, in denen sich ganz andere Menschen mit der Sehnsucht nach Abschaffung der Klassen, diesem wahren Geheimnis der proletarischen Bewegung (Marx/Engels: Die angeblichen Spaltungen in der Internationalen, MEW 18,14) entfalten sollten. Dieser Kommunismus war als Stadtguerilla spontan auszuführen, nicht durch eine disziplinierte Kaderpartei Lenin’scher Prägung, die einem objektivistischen Geschichtsbegriff im Sinne Hegels und einem Reifegedanken im Sinne von Marx verpflichtet gewesen wäre. Man kann an keiner kommunistischen Revolution teilnehmen ohne Berücksichtung der Wahlergebnisse, des Stimmenanteils der proletarischen Partei. Man kann nicht mit einem Häuflein mit besten Absichten in die Schlacht ziehen und darauf hoffen, dass die Massen mit eben diesen  besten Absichten diesem Häuflein zuströmen werden. Man kann heute nicht mehr den Krieg wie ein Bauer führen, der mit einem Knüppel bewaffnet ist. Eine eigentümliche Mischung aus Libertinage, Haschkonsum und Militanz fügte sich ein in eine Halbmetropole, die durch die Spaltung der Stadt zum brennendsten Widerspruch der deutschen Geschichte geworden war. Von Rauch war neben Kunzelmann ein Gründungsmitglied der ‚Tupamaros West-Berlin‘. Diese Jugendrebellion passte in den Zeiten einer Politik der friedlichen Koexistenz weder Berlin-Ost noch Bonn. Die neue Kampfform, die Kombination von Banküberfällen und Stadtguerillaaktionen, machte „deutsche Polizisten“ nervös und ließ sie in einer regelrechten Baader-Meinhof-Hysterie zurück. Georg, Aktivist der APO und der Kommune in der Wielandstrasse in Charlottenburg,  war völlig unbewaffnet, als er vor der Schaufensterfront des Möbelkaufhauses Christians durch Kopfschuß ins Auge getötet wurde. Es ergab sich sofort eine spontane Demo, die vor dem Möbelhaus halt machte, um dort die ‚Internationale‘ zu singen. Auf der Demo wurde die Parole gerufen: „Rauch durch Presse und Polizei hingerichtet“. Am Turm der Gedächtniskirche wurde das Bild von Rauchs, rote Fahnen und Transparente befestigt. (Siehe ‚Die Rote Hilfe‘ 4/2015,58). Georg war nach Berlin gekommen, um an der Wirkstätte von Hegel, Fichte und Schelling Philosophie zu studieren. Aber er erkannte bald, dass es heute primär nicht darum geht, wie das Ich das Nicht-Ich setzt, sondern wie die Bourgeoisie durch Bewaffnung des Proletariats völlig zu vernichten ist. Der Berliner Verleger Klaus Wagenbach hatte die Hinrichtung Georgs Mord genannt und wurde auf Antrag des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Klaus Hübner bestraft. Leider zeigte sein Verteidiger Otto Schily nicht die Zusammenhänge auf: Als der Widerstandskämpfer vom 20. Juli, Ulrich-Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, vor dem Volksgerichtshof von Morden sprach, begangen von  deutscher Wehrmachtssoldaten an polnischen Zivilisten in Warschau, brüllte Freisler ihn an: „Morde ? Sie sind ja ein ganz schäbiger Lump“. Und nun war eben der Verleger Klaus Wagenbach ein ganz schäbiger Lump !  Na also, es geht auch ohne Brüllen ! Im Vergleich zu Hübner war während der Weimarer Republik der aus Brandenburg an der Havel stammende Sozialdemokrat Gustav Noske, erster sozialdemokratischer Minister für die Reichswehr im Kabinett Scheidemann, doch viel ehrlicher: Er bezeichnete sich selbst als Bluthund und er wurde einer gegen fortschrittliche Menschen: er war mitbeteiligt an der bestialischen Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. (Siehe die Memoiren des Reichswehroffiziers Waldemar Pabst, der die Morde veranlasst hatte).  Vier Tage nach der Hinrichtung von Rauchs fand in Berlin ein Konzert der Rockgruppe „Ton-Steine-Scherben“ statt, nach dessem Ende mehrere hundert junge Aktivisten und Aktivistinnen das seit Jahren leerstehendes Krankenhaus ‚Bethanien‘ am Mariannenplatz in Kreuzberg besetzten. Ein Block in der Anlage bekam den Namen ‚Georg-von-Rauch-Haus‘. Georg war immer bereit, für die ‚Kommune‘ sein Leben in die Kampfarena zu werfen und auf ihn trifft zu, was Lenin über die Intellektuellen aus dem Mittelstand Rußlands schrieb, die 1881 Alexander den II. hinrichteten: „Sie haben den höchsten Opfermut entwickelt und die ganze Welt durch ihre heldenhafte terroristische Methode des Kampfes in Erstaunen versetzt. Sicher fielen diese Opfer nicht umsonst, sicher haben sie – sowohl in direkter als auch in indirekter Weise – zur späteren revolutionären Erziehung des russischen Volkes beigetragen. Aber ihr unmittelbares Ziel, das Erwachen einer Volksrevolution, haben sie nicht erreicht und nicht erreichen können“. (Lenin, Ein Vortrag über die Revolution von 1905, Lenin Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1959,251).

PS: Otto Schily wurde Strafverteidiger von Gudrun Ensslin und war von 1998 bis 2005 Bundesinnenminister. Der Strafverteigier Ensslins als Innenminister ? Was will die Linke mehr ? Spaß beiseite !

 

 


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