Archive for Januar 2016

Der dialektische und historische Materialismus und der Zerfall des Sozialismus

25. Januar 2016

Der Kollaps der Sowjetunion über ihre Jahrzehnte betrachtet und die aus diesem sich hervor tuenden gesellschaftlichen Gebilde waren ein reaktionärer Rückfall. Daran kann es nicht den leisesten Zweifel geben, das ist unanfechtbar.  Die auf der Linie Chruschtschow-Gorbatschow Agierenden haben schwere historische Schuld auf sich geladen, da sie von Anfang an der Konfusion in den Gehirnen Vorschub leisteten, die Stalin mit seiner Studie über den historischen und dialektischen Materialismus gereinigt und geordnet hatte. Die Menschen brauchen in ihrem fragilen Leben einen leuchtenden roten Stern, der es sinnvoll weltgeschichtlich ausrichtet, der verhindert, dass sie sich auf intellektuelle Nullen einlassen, mit denen das Leben vergeudet wird. Diese Orientierung nun gab Stalins geniale Studie nach der Oktoberrevolution, gab das ‚Väterchen‘ in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, eine Orientierung, wie sie noch keine historische Epoche vorher kannte. Stalin gab den Gehirnen nach der Oktoberrevolution, was Marx und Engels ihnen vor ihr mit dem ‚Manifest‘ gaben. Warum ragen diese beiden Werke aus der Millionenflut schriftlicher Ergüsse heraus ? Weil sie für die gesamte arbeitende Menschheit die Fundamente in einer Präzision legten, auf denen der Sozialismus-Kommunismus aufgebaut werden kann. (Die psychologisch ausgefeilte kapitalistische Werbung versucht heute gerade über die Ware dem Konsumenten eine Selbstbestätigung unterzujubeln, einen trügerischen Schein eines Charakters, der hohl bleiben muss). Mit dem Abweichen vom Fundamentalen fing es dann an, das Zerbröckeln der Diktatur des Proletariats, der Kurs Richtung Sozialismus-Kommunismus verschwamm. Das Fundamentale bezieht seine Kraft dadurch, dass es die Wirklichkeit richtig widerspiegelt. Immer wieder müssen sich die mit Theorie Befassten dieser Überprüfung durch konkrete revolutionäre Praxis unterziehen, um nicht in einen ohnmächtigen Intellektualismus abzugleiten. Bloße Theorie verhält sich zu den Klassenkämpfen wie die Onanie zum Geschlechtsverkehr. Eine Theorie nun, die im Klassenkampf der Vernichtung der bürgerlichen Geldsäcke dient, ist schon von vornherein subversiv insofern, als sie in der Widerspiegelung des letzten entscheidenden Klassenkampfes in der Durchleuchtung der bürgerliche Ideologie die Fetische aufzuweisen hat, die diese durchziehen und die Gehirne durchkreuzen. Revolutionäre Theorie hat immer das Aufdecken von Fetischen zum Inhalt, ist Aufklärung, ist Zurückführung des Menschen auf ihn selbst, auf seinen Grund, auf sein Fundament. Mit der Zurückführung des Menschen auf ihn selbst, mit seiner geistigen Separierung aus dem Dornengeflecht des ekelhaften kapitalistischen Alltags hebt jede revolutionäre Theorie an. Sie zeigt heute auf, dass die Bestimmung des Menschen nicht darin liegen kann, irgendein Zubehör zu irgendeiner Maschine in irgendeiner irgendeinem Kapitalisten gehörenden Fabrik an irgendeinem Ort zu sein. Nach dem Kollaps der Sowjetunion, nachdem das Schiff der Revolution auf den Meeresgrund geschleudert worden ist, ist das heute aber alltägliche, weitgehend akzeptierte Praxis in ganz Europa. Es ist heute wie schon so oft in der Geschichte die Aufgabe der Marxisten, gegen den Strom zu schwimmen.

In diesem Zusammenhang ist es äußerst wichtig, die Marksteine zu eruieren, die die Verwässerung der materialistischen dialektischen Methode anzeigen, die Engels 1886 als „unser bestes Arbeitsmittel und unsere stärkste Waffe“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1977,293). bezeichnet hatte. Stalins Studie „Über dialektischen und historischen Materialismus“ hatte diese stärkste Waffe noch geschärft; ihre krasse dilettantische Handhabung kommt erst in Chruschtschows sogenannter Geheimrede zum Vorschein. (Schon die Anweisung, dass die Delegierten während dieser Rede keine Notizen machen durften, ist sehr bedenklich und hat mit dem wissenschaftlichen Sozialismus nichts zu tun. Natürlich muss man sich auf dem Gebiet der Wissenschaft Notizen machen, will man denn wissenschaftlich arbeiten). Eine friedliche Koexistenz zwischen Sozialismus und Kapitalismus und die Ersetzung der Diktatur des Proletariats durch einen Staat des ganzen Volkes zeigen allerdings die Verlotterung dialektischen Denkens ganz deutlich an. Bei Gorbatschow wurde daraus das „gemeinsame Haus Europa“, in dem am Ende keine zwei deutschen Zimmer vorgesehen waren. Der „Neue Mensch“, ein Klassenkämpfer durch und durch, der den Klassenkampf über alles stellte, wurde einem „Neuem Denken“ geopfert, das keine Reflexe der Konfrontation mehr enthielt. Am Ende hielt Gorbatschow auf der XIX. Unionskonferenz 1988 revolutionäre Sprünge für gefährlich. (Rede Michail Gorbatschows bei der Schlusssitzung der Konferenz am 1. Juli 1988, in: XIX. Unionskonferenz der KPdSU, Dokumente und Materialien, APN Verlag Moskau 1988,121). Gegen diesen ganzen revisionistischen Verrat, hier in Sachen Dialektik, ist eine Passage aus Stalins Studie zu halten: „Darum ergibt sich aus der dialektischen Methode, daß der Prozeß der Entwicklung von Niederem zu Höherem nicht in Form einer harmonischen Entfaltung der Erscheinungen verläuft, sondern in Form eines Hervorbrechens der Widersprüche, die den Dingen und Erscheinungen eigen sind, in Form eines „Kampfes“ gegensätzlicher Tendenzen, die auf der Grundlage der Widersprüche wirksam sind“. (Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, in: Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland. Berlin, 1946,131). Diese kurze Passage ist ein Spiegel, in denen sich die revisionistischen Fratzen abbilden.  Was hat der Revisionismus bei den Lohnsklaven angerichtet ?  Die Sklavenhalter werden als vom Volk legitimiert bezeichnet und in die Toga des Rechts gehüllt. Wenn denn aus der Geschichte erwiesen ist, dass während des Aufkommens der Bourgeoisie die besten Elemente dieser damals fortschrittlichen Klasse danach strebten, in den Adel aufzusteigen, so wird es auch in der proletarischen Emanzipation immer ehrgeizzerfressene Elemente geben, die danach streben, in die bürgerliche Klasse oder zumindest in die Arbeiteraristokratie aufzusteigen. Die Literatur dieser Elemente kann dann natürlich nicht mehr revolutionär sein. Man kann Lenins „Staat und Revolution“ vorwärts und rückwärts lesen, hin und her wenden, ins Licht halten, den Begriff „demokratischer Rechtsstaat“ findet man bei ihm nicht. Man findet diesen Begriff bei Lenin nicht, weil es einen demokratischen Rechtsstaat nicht gibt noch geben kann. Der bürgerliche Staat ist vielmehr, wie Marx in seiner Analyse  der Pariser Kommune erkannte, ein „nationales Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit“. Die Entwicklung des Niederen zu Höherem, die Entwicklung vom Kapitalismus zum Sozialismus verläuft nicht in Form einer harmonischen Entfaltung, sondern in Form eines Hervorbrechens der inneren Widersprüche, in Form eines Bürgerkrieges der schrecklichsten Art, in Form eines Kampfes gegensätzlicher Tendenzen. In seiner Rechtsphilosophie hatte Hegel geschrieben, dass man etwas Großes sagt, wenn man sagt, dass der Mensch gut ist, aber man vergißt, dass man etwas noch Größeres sagt, wenn man sagt, dass der Mensch böse ist. Es ist das Böse, worin die Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung sich zunächst darstellt, als Frevel gegen die alten, „durch die Gewohnheit geheiligten Zustände“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1977,287). Anders kann es auch gar nicht sein: Im Laufe der Emanzipation einer bisher unterdrückten Klasse kommt es zu einem Umschlag eines bisher elementaren Prozesses zu einem bewußten, in einer Revolution erwachen Millionen bisher geschundener Sklaven zu einem Klassenbewußtsein, zu Vernunft und neuen bahnbrechenden Ideen. „Der elementare Entwicklungsprozess macht der bewußten Tätigkeit der Menschen Platz, die friedliche Entwicklung der gewaltsamen Umwälzung, die Evolution der Revolution“ (a.a.O., 158). Kleinbürgerliche Radikale und Anarchisten verzweifeln nur allzu oft in der elementaren Evolution, weil sie deren kommenden Umschlag in eine Revolution nicht begreifen oder nicht abwarten können. Man muss den Volksmassen, insbesondere der Arbeiterbewegung vertrauen, die auch in geschichtlichen Ruhepausen lernen und ihre Erfahrungen bündeln. Es gibt Phasen, in denen sich die Arbeiterbewegung, wie Lenin es sehr schön zu Beginn seines  Vorwortes zur zweiten Auflage seines enormen Werkes „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland, Der Prozeß der Bildung des inneren Marktes für die Großindustrie“ im Juli 1907 formulierte, sich „gewissermaßen in sich selbst“ zurückzieht. Eine friedliche Evolution geht einer gewaltsamen Revolution voraus, aber der Umschlag ist ein objektiver, kein subjektiv zu machender. Man kann keine Revolution aus dem Stegreif machen, sie muss reifen, Revolutionäre können höchstens und müssen für die  Revolution arbeiten. Anarchisten greifen aus Verzweiflung zur Selbsthilfe und werfen einen Funken in die Steppe der Evolution, der noch nicht zünden kann. (Siehe RAF).

Ich will ein kleines, aber nicht unerhebliches Beispiel in kleinbürgerlicher Befangenheit in den geltenden Umständen aus der DDR anführen. Marx‘ Kritik an Ludwig Feuerbach, dass dieser trotz seiner atheistischen Religionskritik eine doppelte Welt bestehen ließ, dass er in der irdischen Familie zwar das Geheimnis der himmlischen erkannte, aber erstere nicht auch der Kritik unterwarf, dass er nur Religionskritiker blieb und kein Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und kein Kämpfer gegen sie wurde, bekanntlich trat Feuerbach erst 1869 in die von Liebknecht und Bebel gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei ein, läuft für Marx auf die Forderung hinaus, die Familie praktisch zu vernichten. (Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1977,6). Von der Ersetzung der bürgerlichen Familie durch eine proletarische ist hier nicht die Rede. Die Kritik von Charles Fourier an der französischen Revolution, dass diese nicht auf die Vernichtung der Ehe zielte, lässt sich auch auf die russische Oktoberrevolution übertragen, obwohl es in den sowjetischen Fabrikstädten zum Bau von Einküchenhäusern kam, wie das auch beim zwischen 1927 bis 1930 gebauten Karl-Marx-Hof in Wien, dem „Versailles der Arbeiter“, der Fall war. 1972 erschien in der DDR im ‚Verlag der Frau‘ ein Buch, das den Titel trug: „Marx Engels Lenin, Über die Frau und die Familie“. In der Einleitung breitet sich ein Joachim Müller aus, dass die Existenz der Familie ewig sei. (Marx Engels Lenin, Über die Frau und die Familie, Verlag für die Frau, Leipzig, 1980,10). Zwischen den Seiten 144 und 145 ist ein Schwarzweißbild eingebunden, auf dem eine Frau, ein Mann und drei Kinder in lockerer Atmosphäre gezeigt werden. Unter dem Bild liest man: „Entspannung für die ganze Familie“. Wenn man eine erfolgreiche Revolution daran erkennt, dass sich die Formen der Beziehungen unter den Menschen geändert haben, so ist auf dem Bild davon nichts zu bemerken, Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es zwar Kommunen in Westberlin, nicht aber in Ostberlin. Im Gegenteil, für die SED-Spießer waren die Kommunen rote Tücher, es gab in der DDR Plattenbauten, aber keine Architekten, die Wohnungen explizit für eine kommunale Lebensweise von Kollektiven entwickelten. Wie sollten sie auch ? Führte doch Kurt Hager in seinem Referat auf der Internationalen Wissenschaftlichen Konferenz des ZK der SED zum 125. Jahrestag des ‚Manifests der Kommunistischen Partei‘ am 15. März 1973 aus: „Die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft hat auch in der DDR die Grundlagen für eine sozial gesicherte Existenz der Familie geschaffen, für die Entwicklung von harmonischen sozialistischen Gemeinschaftsbeziehungen der durch Zuneigung, Achtung und Vertrauen einander verbundener Ehepartner, Eltern und Kinder“. (Kurt Hager, Das ‚Manifest der Kommunistischen Partei‘ und der revolutionäre Weltprozeß, Referat auf der Internationalen Wissenschaftlichen Konferenz des ZK der SED zum 125. Jahrestag des ‚Manifests der Kommunistischen Partei‘ am 15./16. März 1973, Dietz Verlag Berlin, 1973,43). Das war Linie, alles was Hager sagte, war Linie. Aber man braucht nur wenig Wortersetzungen vornehmen, und der Satz hätte auch in einer Fibel des Bonner Familienministeriums stehen können. Aber diese eigentümliche Gesellschaft-Familie-“Dialektik“ musste in der Sackgasse enden, Marx war zurechtgestutzt auf das Niveau von Étienne Cabet, in seinem Ikarien lebt jede Familie für sich, „ohne Dienstboten, und macht einen kleinen Haushalt für sich aus“. (Étienne Cabet, Reise nach Ikarien, Die Ordnung der ikarischen Gemeinschaft, in: Die Frühsozialisten 1789 – 1848, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,206). In Hagers Referat zieht sich im Weiteren wie ein roter Faden die Kritik an dem rechten Flügel der SPD in der BRD, der linke Flügel bleibt dagegen ausgespart. Aber das ist ein schwerer taktischer Fehler, gerade der linke Flügel der SPD täuscht die arbeitenden Menschen viel raffinierter als der rechte, in ihm ist nicht weniger faschistisches Potential als im rechten, eher noch mehr.

Massenmedien und Schulpädagogik im Spätkapitalismus

7. Januar 2016

Der Spätkapitalismus treibt heute vornehmlich über die Massenmedien die Wissenschaft vor die Hunde. Wissenschaft setzt innerste Konzentration voraus, auch um den roten Faden des Gesamtzusammenhangs bei Entfaltung seiner sich negierenden komplexen Teilprozesse, durch die sich erst Entwicklung bildet,  in der Hand zu behalten. Es ist heute besonders beim Konsum des Privatfernsehens unmöglich, ein Theaterstück, einen Film, eine (meist fehlerhafte und schlechte) Dokumentation oder eine Diskussion im Zusammenhang zu verfolgen, in regelmäßigen, nicht allzu langen Abständen, erfolgt die Unterbrechung durch Warenwerbung. Hier wird auf ekelhafte Weise systematisch auf eine Zerstörung der Grundlagen einer wissenschaftlichen Ausbildung gewirkt, auf eine Zerstörung des Denkens in Zusammenhängen, das eine Grundbedingung wissenschaftlichen Arbeitens ist. Der Quizmaster im Fernsehen verlangt von den Kandidaten fixierte, tote Wörter im Auswahlverfahren, was mit wissenschaftlicher Bildung allenfalls ganz rudimentär zu tun hat.  Diese Kulturbarbaren werden eines Tages nicht davor zurückschrecken, in Operationssäle einzudringen, da der Patient ja unter Halbnarkose oder örtlicher Betäubung noch einer geistigen Aufnahme für Produktwerbung fähig ist, ja über Radio und Fernsehen ist die mediale Kulturbarbarei mit ihrem US-amerikanischen Primitivismus bereits in die Krankenhäuser eingedrungen. Jeder Krankenhausdirektor, dem etwas an der Gesundheit seiner Patienten liegen würde, müsste diesen die Psyche krank machenden Schund in hohem Bogen zum Fenster rauswerfen. Die weltweite Zunahme der seelischen Krankheit ‚Depression‘ hängt mit den Massenmedien zusammen: Durch die Werbung wird eine große, weite, bunte und heile Welt suggeriert, die es in Wirklichkeit nicht gibt, aber über die Jahre betrachtet, immer wieder eingetrichtert, zermürbt es die Seele: Hier sitzt ich nun in meiner kleinen Mietwohnung im Fernsehsessel mit einer Bierflasche in der Hand, eingespannt zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, in alltäglicher Routine ergraut und gehöre nicht zu denen, zu den Erfolgreichen, zu den Reichen und Schönen dieser Glitzerwelt, in der die Neonsonne nicht untergeht.  Unsere Kulturbarbaren der Massenmedien haben auch eine eigentümliche Weise, Unrechtszustände, die in der Regel keine sozialen sind, zu beheben, wegen ihrer egoistisch-beschränkten Sichtweise setzen sie auf den heldenhaften Einzelgänger, der im Alleingang für kapitalistisches „Law & Order“, also letztendlich für Unrecht sorgt. Es siegt, wie vorgegeben wird, am Ende nicht das Gute. Diese „Kulturschaffenden“ können zum Beispiel nicht den Widerstand gegen eine Mieterhöhung als kollektive Protestform aller Mieter darstellen. Durch die Massenmedien schafft sich die Bourgeoisie eine künstliche Welt nach ihrem Bilde, diese spiegeln die für die kapitalistische Warenwelt charakteristische Isolierung von Privatproduzenten wider. In der Werbung wird der einzelne aufgefordert, sein Ding zu machen. Aber ’sein Ding zu machen‘ ist in der spätbürgerlichen Gesellschaft ein Ding für sich, selten geschieht in ihr das Gewollte. Das Scheitern ist dem Ausgang aus einer Depression nicht gerade förderlich.  Die Quintessent der Fernsehprogramme lautet heute „Mord und Totschlag“, sowohl in den Serien als auch in den Nachrichten, ohne dass in diesen die Klassenbedingtheit politisch oder religiös motivierter Gewalt aufgezeigt wird. Auch hier wird wider Willen die stinkende Fäulnis des Spätkapitalismus richtig wiedergegeben. Die Zusammenkünfte der Programmdirektoren unserer Medienzaren scheinen mir Wannseekonferenzen zu sein, auf denen die Endlösung der dialektischen Frage besprochen wird.

Die bürgerlichen Systempädagogen erweisen sich als unfähig, hier gegen den Strom der millionenfachen Gehirnwäsche zu schwimmen, zu wenige haben eine revolutionäre antikapitalistische Grundeinstellung, um ihre Funktion im Ausbeutungsprozess zu begreifen. Die Funktion der Pädagogen in spätkapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen ist in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht bestimmt keine periphere, im Gegenteil, nach einem der weisesten Männer aus der großen Zeit des Geistes vor der französischen Revolution ist die öffentliche Erziehung „sicher die wichtigste Staatsangelegenheit“ (Jean Jacques Rousseau, Über die politische Ökonomie, Artikel für die Enzyklopädie aus dem Jahr 1755, in: Jean Jacques Rousseau, Die Krisis der Kultur, Ausgewählte Werke, Alfred Kröner Verlag, 1956,245). Rousseau sah in der frühbürgerlichen Pädagogik noch die Quelle, ein glückliches Volk zu schaffen. Heute dagegen gilt es, den Widerspruch herauszukristallisieren, in dem die spätbürgerliche Pädagogik gefangen ist und quasi gegen sich selbst arbeitet: Die weltanschaulich neutralen mathematisch-naturwissenschaftlichen Wissenschaften, die den unmittelbaren Verwertungsprozessen an der betrieblichen Basis dienen, stehen unter dem Diktat einer sich ständig steigernden Wissensakkumulation analog einer rasanten Höherentwicklung technischer Produktivkräfte, und zu dieser wissenschaftlich-technischen Bildung bewegt sich der andere Strang der schulischen Ausbildung, der gesellschaftswissenschaftliche, kontraproduktiv. Bei aller Qualifizierung technisch versierter Professionalität muss die politische Unmündigkeit des Lohnsklaven auf der Agenda bleiben. In einer bürgerlichen Diktatur ist die gesellschafts“wissenschaftliche“ Bildung immer eine „Klassenbildung“, und für den Bourgeois ist „das Aufhören der Klassenbildung identisch mit dem Aufhören der Bildung überhaupt“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977, 477). Die ‚Werte und Normen‘, die die spätbürgerliche Klassenschulpädagogik vermittelt, sind genuin volksfeindlich und dienen nur einer kleinen Schmarotzerminderheit, ein glückliches Volk ist in weite Ferne gerückt. Es ist deshalb nicht möglich, der spätbürgerlichen Pädagogik einen gesamtwissenschaftlichen Charakter zu attestieren, das Auseinandergehen von Naturwissenschaft und Gesellschafts“wissenschaft“ verbunden mit dem Auseinandergehen von Theorie und Praxis (Ärzte zum Beispiel ohne polytechnischen Hintergrund in ihrer Ausbildung kennen den kapitalistischen Ausbeutungsprozess und damit die Quelle der Mehrzahl der Krankheiten nicht, was sehr hart zu Lasten der Volksgesundheit ausschlägt, an der sie wiederum verdienen) spricht eindeutig dagegen. Im Kapitalismus ist eine politische Schulung der Volksmassen nicht angesagt, eine Ware als Zubehör zu einem Maschinenkomplex braucht auch nicht den ‚Faust‘ gelesen zu haben. Noch heute muss die Bundesregierung zugeben, dass in der BRD 7 Millionen Menschen Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Bedarf es mehr Zahlen, um zu beweisen, dass es nur die Kommunisten der Arbeiterklasse sein können, die  “ … die Erziehung dem Einfluß der herrschenden Klasse“ (a.a.O., 478) entreißen müssen.

Zur Vorgesichte der russischen Oktoberrevolution

4. Januar 2016

Die Vorgeschichte der russischen Revolution beginnt im marxistischen Kontext m. E. im Jahr 1848, als Russland noch in tiefster Leibeigenschaft steckte. Es war das Jahr, in dem Marx und Engels in London ihr Manifest schrieben und veröffentlichten und es war das Jahr der blutig niedergeschlagenen Juni-Insurrektion des Pariser Proletariats, ein Massaker, das die Trikolore in das Blut der roten Fahne eintauchte. Die Begründung einer aparten Partei des Proletariats durch Marx und Engels und die Erkenntnis der Pariser Arbeiter, dass sie den Bourgeoissozialisten nicht hätten trauen dürfen, Repräsentanten der Revolution zu sein, fielen zeitlich fast zusammen. Beide Revolutionäre legten dann auch ihr Hauptaugenmerk auf die Gründung und Hegung einer revolutionären Kampfpartei des Proletariats.

Endlich gab die Proklamation der Pariser Kommune 1871, zehn Jahre nach formaler Abschaffung der Leibeigenschaft in Russland, die Möglichkeit, eine proletarische Revolution in Aktion zu sehen und eine Theorie des Kommunehalbstaates zu entwickeln, die Marx im „Bürgerkrieg in Frankreich“ vorlegte. Das Wesen  der Kommune bestand aus zwei sich auseinander ergebenden Kernelementen: sie war eine Regierung der Arbeiterklasse, die die Abschaffung der Klassen, dieses wahre Geheimnis der proletarischen Bewegung, intendierte. Anläßlich des Slawischen Meetings zum 10. Jahrestag der Pariser Kommune schrieben Marx und Engels 1881 an den Vorsitzenden dieser Kundgebung: „Als die Pariser Kommune dem furchtbarem Massaker unterlagen, das die Verteidiger der Ordnung organisiert hatten, dachten die Sieger wohl nicht daran, daß keine zehn Jahre vergehen würden, bis sich im fernen Petersburg ein Ereignis abspielen würde, das, wenn auch vielleicht nach langen und heftigen Kämpfen letzten Endes und mit Sicherheit zur Errichtung einer russischen Kommune führen müsse“. (Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Briefe, Dietz Verlag Berlin, 1953,411). Aber Paris war urban, Russland rural, Frankreich das klassische Land der Revolution, das zaristische Russland das Bollwerk der europäischen Konterrevolution. Diese west-östliche Konstellation lag vor, als Lenin als marxistischer Theoretiker der proletarischen Revolution auftrat, der dem dialektischen und historischen Materialismus verplichtet war. Die Dialektik lehrt uns, dass man sein Augenmerk primär nicht auf das richten muss, was gegenwärtig dominiert, aber stagniert, sondern auf das zunächst Periphere, das sich aber entwickelt. Die große Mehrzahl der russischen Sozialismustheoretiker, die sogenannten Volkstümler, hatten sich auf die Bauernschaft als bestimmenden revolutionären Faktor der politischen und geschichtlichen Bewegung verlegt und stellten eine Theorie von der „Künstlichkeit“ des Kapitalismus in Russland auf, der gemäß ein Kapitalismus im Agrarland Russland keine Basis habe und eine Fehlgeburt sei. (Vergleiche Lenin, Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlein, 1977,32). Die Marxisten erkannten hingegen, dass die Zukunft vielmehr dem Proletariat gehören wird, das, so quantitativ unbedeutend es auch zunächst war, in ersten großen Streiks um 1895/96 seine Forderungen aufstellte und politisch rege wurde. Sie erkannten zudem, dass seine Kraft in der geschichlichen Bewegung unermeßlich größer ist als sein Anteil an der Gesamtbevölkerung. Lenin schrieb von 1896 bis 1899 basierend auf einem enormen Studium enormen Materials sein Werk „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“, dem er den Untertitel „Der Prozeß der Bildung des inneren Marktes für die Großindustrie“ gab, es erschien zwischen dem 26. und 31. März 1899, also ein Jahr, bevor sich der klassische westliche Kapitalismus in sein höchstes und letztes Stadium entwickelte: in den Imperialismus.

Lenin präzisierte die klassiche Parteitheorie für russische Verhältnisse, indem er das Element der Konspiration stärker betonte und 1902 die Forderung aufstellte: „Gebt uns eine Organisation von Berufsrevolutionären, und wir werden Russland aus den Angeln heben“. War die Pariser Kommune noch gescheitert, weil die Provinzen Frankreichs nicht mit ihr gingen, so verstärkte Lenin die Notwendigkeit, unbedingt den Schulterschluss zwischen Stadt und Dorf zu vollziehen und in Russland eine revolutionäre Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft anzustreben. Die rusische Revolution von 1905, die Lenin als Generalprobe der Oktoberrevolution würdigte, brachte die proletarische Revolution insofern voran, als in ihr ein bisher in der Geschichte der Revolution unbekanntes revolutionäres Kampforgan auftrat: die Sowjets oder die Räte. Gemäß der Rätetheorie waren die Gewählten an die Weisungen ihrer Wähler gebunden und waren jederzeit absetzbar. Das war nicht nur ein gewaltiger Fortschritt gegenüber dem lahmarschigen bürgerlichen Parlamentarismus, sondern hatte noch einen tieferen Kern, den nur wenige Berufsrevolutionäre erfassten. Für Lenin waren die Sowjets ‚Keimformen des Absterbens jedes Staates‘. Damit waren sie die endlich gefundene Organistionsform für den Kommunismus. Die Räte bildeten ein notwendiges Durchgangsstadium für ihn, bzw. ohne Räte konnte man nicht zum Kommunismus gelangen. Die Bolschewiki waren schlau genug, die Frage der Macht erst zu stellen, nachdem sie die Mehrheit in den Moskauer und Petersburger Räten erobert hatten. Zugleich offenbarte die bürgerliche Revolution von 1905 den zwiespältigen Charakter der Bauernschaft: sie war revolutionär angesichts der Überbleibsel der Leibeigenschaft und kleinbürgerlich, hatte eine proletarische und eine Besitzertendenz. (Vergleiche Lenin, Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland, Werke Band 3, Dietz Verlag Belin, 1956,17f.).

In der Mitte des ersten Weltkrieges, 1916, verfasste Lenin seine wichtigste ökonomische Schrift: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, in der er Marx und Engels auf den Kopf stellte: In der imperialistischen Phase wird nicht der gleichzeitige Ausbruch der Revolution in den fortgeschrittensten Ländern der Normalfall sein, sondern nur in einem Land, das nicht unbedingt zu den fortschrittlichen zu rechnen ist. Die Kette des Imperialismus wird an ihrem schwächsten Glied reißen. Im August und September 1917 hatte dann Lenin seine wichtigste politische Schrift verfasst: „Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution“. Sie blieb unvollendet, das letzte, siebente Kapitel „Die Erfahrungen  der russischen Revolution von 1905 und 1917“ wurde nicht mehr geschrieben, denn die proletarische Oktoberrevolution drängte am Horizont Russlands. Das Kapitel wäre aber für die Oktoberrevolution und ihrem Verständnis sehr wichtig gewesen. Im Nachwort zur ersten Auflage von „Staat und Revolution“ schrieb Lenin, “ .. es ist angenehmer und nützlicher, die ‚Erfahrungen der Revolution‘ durchzumachen, als über sie zu schreiben“. (Lenin, Nachwort zur ersten Auflage von ‚Staat und Revolution‘, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,382). So wurde ans Werk gegangen.