Zur Vorgesichte der russischen Oktoberrevolution

Die Vorgeschichte der russischen Revolution beginnt im marxistischen Kontext m. E. im Jahr 1848, als Russland noch in tiefster Leibeigenschaft steckte. Es war das Jahr, in dem Marx und Engels in London ihr Manifest schrieben und veröffentlichten und es war das Jahr der blutig niedergeschlagenen Juni-Insurrektion des Pariser Proletariats, ein Massaker, das die Trikolore in das Blut der roten Fahne eintauchte. Die Begründung einer aparten Partei des Proletariats durch Marx und Engels und die Erkenntnis der Pariser Arbeiter, dass sie den Bourgeoissozialisten nicht hätten trauen dürfen, Repräsentanten der Revolution zu sein, fielen zeitlich fast zusammen. Beide Revolutionäre legten dann auch ihr Hauptaugenmerk auf die Gründung und Hegung einer revolutionären Kampfpartei des Proletariats.

Endlich gab die Proklamation der Pariser Kommune 1871, zehn Jahre nach formaler Abschaffung der Leibeigenschaft in Russland, die Möglichkeit, eine proletarische Revolution in Aktion zu sehen und eine Theorie des Kommunehalbstaates zu entwickeln, die Marx im „Bürgerkrieg in Frankreich“ vorlegte. Das Wesen  der Kommune bestand aus zwei sich auseinander ergebenden Kernelementen: sie war eine Regierung der Arbeiterklasse, die die Abschaffung der Klassen, dieses wahre Geheimnis der proletarischen Bewegung, intendierte. Anläßlich des Slawischen Meetings zum 10. Jahrestag der Pariser Kommune schrieben Marx und Engels 1881 an den Vorsitzenden dieser Kundgebung: „Als die Pariser Kommune dem furchtbarem Massaker unterlagen, das die Verteidiger der Ordnung organisiert hatten, dachten die Sieger wohl nicht daran, daß keine zehn Jahre vergehen würden, bis sich im fernen Petersburg ein Ereignis abspielen würde, das, wenn auch vielleicht nach langen und heftigen Kämpfen letzten Endes und mit Sicherheit zur Errichtung einer russischen Kommune führen müsse“. (Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Briefe, Dietz Verlag Berlin, 1953,411). Aber Paris war urban, Russland rural, Frankreich das klassische Land der Revolution, das zaristische Russland das Bollwerk der europäischen Konterrevolution. Diese west-östliche Konstellation lag vor, als Lenin als marxistischer Theoretiker der proletarischen Revolution auftrat, der dem dialektischen und historischen Materialismus verplichtet war. Die Dialektik lehrt uns, dass man sein Augenmerk primär nicht auf das richten muss, was gegenwärtig dominiert, aber stagniert, sondern auf das zunächst Periphere, das sich aber entwickelt. Die große Mehrzahl der russischen Sozialismustheoretiker, die sogenannten Volkstümler, hatten sich auf die Bauernschaft als bestimmenden revolutionären Faktor der politischen und geschichtlichen Bewegung verlegt und stellten eine Theorie von der „Künstlichkeit“ des Kapitalismus in Russland auf, der gemäß ein Kapitalismus im Agrarland Russland keine Basis habe und eine Fehlgeburt sei. (Vergleiche Lenin, Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlein, 1977,32). Die Marxisten erkannten hingegen, dass die Zukunft vielmehr dem Proletariat gehören wird, das, so quantitativ unbedeutend es auch zunächst war, in ersten großen Streiks um 1895/96 seine Forderungen aufstellte und politisch rege wurde. Sie erkannten zudem, dass seine Kraft in der geschichlichen Bewegung unermeßlich größer ist als sein Anteil an der Gesamtbevölkerung. Lenin schrieb von 1896 bis 1899 basierend auf einem enormen Studium enormen Materials sein Werk „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“, dem er den Untertitel „Der Prozeß der Bildung des inneren Marktes für die Großindustrie“ gab, es erschien zwischen dem 26. und 31. März 1899, also ein Jahr, bevor sich der klassische westliche Kapitalismus in sein höchstes und letztes Stadium entwickelte: in den Imperialismus.

Lenin präzisierte die klassiche Parteitheorie für russische Verhältnisse, indem er das Element der Konspiration stärker betonte und 1902 die Forderung aufstellte: „Gebt uns eine Organisation von Berufsrevolutionären, und wir werden Russland aus den Angeln heben“. War die Pariser Kommune noch gescheitert, weil die Provinzen Frankreichs nicht mit ihr gingen, so verstärkte Lenin die Notwendigkeit, unbedingt den Schulterschluss zwischen Stadt und Dorf zu vollziehen und in Russland eine revolutionäre Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft anzustreben. Die rusische Revolution von 1905, die Lenin als Generalprobe der Oktoberrevolution würdigte, brachte die proletarische Revolution insofern voran, als in ihr ein bisher in der Geschichte der Revolution unbekanntes revolutionäres Kampforgan auftrat: die Sowjets oder die Räte. Gemäß der Rätetheorie waren die Gewählten an die Weisungen ihrer Wähler gebunden und waren jederzeit absetzbar. Das war nicht nur ein gewaltiger Fortschritt gegenüber dem lahmarschigen bürgerlichen Parlamentarismus, sondern hatte noch einen tieferen Kern, den nur wenige Berufsrevolutionäre erfassten. Für Lenin waren die Sowjets ‚Keimformen des Absterbens jedes Staates‘. Damit waren sie die endlich gefundene Organistionsform für den Kommunismus. Die Räte bildeten ein notwendiges Durchgangsstadium für ihn, bzw. ohne Räte konnte man nicht zum Kommunismus gelangen. Die Bolschewiki waren schlau genug, die Frage der Macht erst zu stellen, nachdem sie die Mehrheit in den Moskauer und Petersburger Räten erobert hatten. Zugleich offenbarte die bürgerliche Revolution von 1905 den zwiespältigen Charakter der Bauernschaft: sie war revolutionär angesichts der Überbleibsel der Leibeigenschaft und kleinbürgerlich, hatte eine proletarische und eine Besitzertendenz. (Vergleiche Lenin, Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland, Werke Band 3, Dietz Verlag Belin, 1956,17f.).

In der Mitte des ersten Weltkrieges, 1916, verfasste Lenin seine wichtigste ökonomische Schrift: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, in der er Marx und Engels auf den Kopf stellte: In der imperialistischen Phase wird nicht der gleichzeitige Ausbruch der Revolution in den fortgeschrittensten Ländern der Normalfall sein, sondern nur in einem Land, das nicht unbedingt zu den fortschrittlichen zu rechnen ist. Die Kette des Imperialismus wird an ihrem schwächsten Glied reißen. Im August und September 1917 hatte dann Lenin seine wichtigste politische Schrift verfasst: „Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution“. Sie blieb unvollendet, das letzte, siebente Kapitel „Die Erfahrungen  der russischen Revolution von 1905 und 1917“ wurde nicht mehr geschrieben, denn die proletarische Oktoberrevolution drängte am Horizont Russlands. Das Kapitel wäre aber für die Oktoberrevolution und ihrem Verständnis sehr wichtig gewesen. Im Nachwort zur ersten Auflage von „Staat und Revolution“ schrieb Lenin, “ .. es ist angenehmer und nützlicher, die ‚Erfahrungen der Revolution‘ durchzumachen, als über sie zu schreiben“. (Lenin, Nachwort zur ersten Auflage von ‚Staat und Revolution‘, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,382). So wurde ans Werk gegangen.

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