Massenmedien und Schulpädagogik im Spätkapitalismus

Der Spätkapitalismus treibt heute vornehmlich über die Massenmedien die Wissenschaft vor die Hunde. Wissenschaft setzt innerste Konzentration voraus, auch um den roten Faden des Gesamtzusammenhangs bei Entfaltung seiner sich negierenden komplexen Teilprozesse, durch die sich erst Entwicklung bildet,  in der Hand zu behalten. Es ist heute besonders beim Konsum des Privatfernsehens unmöglich, ein Theaterstück, einen Film, eine (meist fehlerhafte und schlechte) Dokumentation oder eine Diskussion im Zusammenhang zu verfolgen, in regelmäßigen, nicht allzu langen Abständen, erfolgt die Unterbrechung durch Warenwerbung. Hier wird auf ekelhafte Weise systematisch auf eine Zerstörung der Grundlagen einer wissenschaftlichen Ausbildung gewirkt, auf eine Zerstörung des Denkens in Zusammenhängen, das eine Grundbedingung wissenschaftlichen Arbeitens ist. Der Quizmaster im Fernsehen verlangt von den Kandidaten fixierte, tote Wörter im Auswahlverfahren, was mit wissenschaftlicher Bildung allenfalls ganz rudimentär zu tun hat.  Diese Kulturbarbaren werden eines Tages nicht davor zurückschrecken, in Operationssäle einzudringen, da der Patient ja unter Halbnarkose oder örtlicher Betäubung noch einer geistigen Aufnahme für Produktwerbung fähig ist, ja über Radio und Fernsehen ist die mediale Kulturbarbarei mit ihrem US-amerikanischen Primitivismus bereits in die Krankenhäuser eingedrungen. Jeder Krankenhausdirektor, dem etwas an der Gesundheit seiner Patienten liegen würde, müsste diesen die Psyche krank machenden Schund in hohem Bogen zum Fenster rauswerfen. Die weltweite Zunahme der seelischen Krankheit ‚Depression‘ hängt mit den Massenmedien zusammen: Durch die Werbung wird eine große, weite, bunte und heile Welt suggeriert, die es in Wirklichkeit nicht gibt, aber über die Jahre betrachtet, immer wieder eingetrichtert, zermürbt es die Seele: Hier sitzt ich nun in meiner kleinen Mietwohnung im Fernsehsessel mit einer Bierflasche in der Hand, eingespannt zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, in alltäglicher Routine ergraut und gehöre nicht zu denen, zu den Erfolgreichen, zu den Reichen und Schönen dieser Glitzerwelt, in der die Neonsonne nicht untergeht.  Unsere Kulturbarbaren der Massenmedien haben auch eine eigentümliche Weise, Unrechtszustände, die in der Regel keine sozialen sind, zu beheben, wegen ihrer egoistisch-beschränkten Sichtweise setzen sie auf den heldenhaften Einzelgänger, der im Alleingang für kapitalistisches „Law & Order“, also letztendlich für Unrecht sorgt. Es siegt, wie vorgegeben wird, am Ende nicht das Gute. Diese „Kulturschaffenden“ können zum Beispiel nicht den Widerstand gegen eine Mieterhöhung als kollektive Protestform aller Mieter darstellen. Durch die Massenmedien schafft sich die Bourgeoisie eine künstliche Welt nach ihrem Bilde, diese spiegeln die für die kapitalistische Warenwelt charakteristische Isolierung von Privatproduzenten wider. In der Werbung wird der einzelne aufgefordert, sein Ding zu machen. Aber ’sein Ding zu machen‘ ist in der spätbürgerlichen Gesellschaft ein Ding für sich, selten geschieht in ihr das Gewollte. Das Scheitern ist dem Ausgang aus einer Depression nicht gerade förderlich.  Die Quintessent der Fernsehprogramme lautet heute „Mord und Totschlag“, sowohl in den Serien als auch in den Nachrichten, ohne dass in diesen die Klassenbedingtheit politisch oder religiös motivierter Gewalt aufgezeigt wird. Auch hier wird wider Willen die stinkende Fäulnis des Spätkapitalismus richtig wiedergegeben. Die Zusammenkünfte der Programmdirektoren unserer Medienzaren scheinen mir Wannseekonferenzen zu sein, auf denen die Endlösung der dialektischen Frage besprochen wird.

Die bürgerlichen Systempädagogen erweisen sich als unfähig, hier gegen den Strom der millionenfachen Gehirnwäsche zu schwimmen, zu wenige haben eine revolutionäre antikapitalistische Grundeinstellung, um ihre Funktion im Ausbeutungsprozess zu begreifen. Die Funktion der Pädagogen in spätkapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen ist in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht bestimmt keine periphere, im Gegenteil, nach einem der weisesten Männer aus der großen Zeit des Geistes vor der französischen Revolution ist die öffentliche Erziehung „sicher die wichtigste Staatsangelegenheit“ (Jean Jacques Rousseau, Über die politische Ökonomie, Artikel für die Enzyklopädie aus dem Jahr 1755, in: Jean Jacques Rousseau, Die Krisis der Kultur, Ausgewählte Werke, Alfred Kröner Verlag, 1956,245). Rousseau sah in der frühbürgerlichen Pädagogik noch die Quelle, ein glückliches Volk zu schaffen. Heute dagegen gilt es, den Widerspruch herauszukristallisieren, in dem die spätbürgerliche Pädagogik gefangen ist und quasi gegen sich selbst arbeitet: Die weltanschaulich neutralen mathematisch-naturwissenschaftlichen Wissenschaften, die den unmittelbaren Verwertungsprozessen an der betrieblichen Basis dienen, stehen unter dem Diktat einer sich ständig steigernden Wissensakkumulation analog einer rasanten Höherentwicklung technischer Produktivkräfte, und zu dieser wissenschaftlich-technischen Bildung bewegt sich der andere Strang der schulischen Ausbildung, der gesellschaftswissenschaftliche, kontraproduktiv. Bei aller Qualifizierung technisch versierter Professionalität muss die politische Unmündigkeit des Lohnsklaven auf der Agenda bleiben. In einer bürgerlichen Diktatur ist die gesellschafts“wissenschaftliche“ Bildung immer eine „Klassenbildung“, und für den Bourgeois ist „das Aufhören der Klassenbildung identisch mit dem Aufhören der Bildung überhaupt“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977, 477). Die ‚Werte und Normen‘, die die spätbürgerliche Klassenschulpädagogik vermittelt, sind genuin volksfeindlich und dienen nur einer kleinen Schmarotzerminderheit, ein glückliches Volk ist in weite Ferne gerückt. Es ist deshalb nicht möglich, der spätbürgerlichen Pädagogik einen gesamtwissenschaftlichen Charakter zu attestieren, das Auseinandergehen von Naturwissenschaft und Gesellschafts“wissenschaft“ verbunden mit dem Auseinandergehen von Theorie und Praxis (Ärzte zum Beispiel ohne polytechnischen Hintergrund in ihrer Ausbildung kennen den kapitalistischen Ausbeutungsprozess und damit die Quelle der Mehrzahl der Krankheiten nicht, was sehr hart zu Lasten der Volksgesundheit ausschlägt, an der sie wiederum verdienen) spricht eindeutig dagegen. Im Kapitalismus ist eine politische Schulung der Volksmassen nicht angesagt, eine Ware als Zubehör zu einem Maschinenkomplex braucht auch nicht den ‚Faust‘ gelesen zu haben. Noch heute muss die Bundesregierung zugeben, dass in der BRD 7 Millionen Menschen Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Bedarf es mehr Zahlen, um zu beweisen, dass es nur die Kommunisten der Arbeiterklasse sein können, die  “ … die Erziehung dem Einfluß der herrschenden Klasse“ (a.a.O., 478) entreißen müssen.

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3 Antworten to “Massenmedien und Schulpädagogik im Spätkapitalismus”

  1. Lupo Says:

    Die bürgerliche Pädagogik besteht darin ihren Opfern das Plappern wie ein Papagei beizubringen. Je schöner die Worte nachgeplappert werden, desto besser die Benotung. Heraus kommen dann Menschen die zwar ihr Mundwerk zu bedienen verstehen, aber sowie es in die Praxis geht, jämmerlich versagen. Dann heißt es Fachkräftemangel. Der Zuzug von polytechnisch gebildeten Menschen aus der DDR ist nun versiegt. Man hofft bei den Flüchtlingen noch diesen oder jenen herauszufischen. Deutsche Lehrlinge sind oft des Lesens und Schreibens unkundig und bei den Flüchtlingen hofft man mit Deutschkursen sie zurechzupauken. Die PISA-Stude hat es entlarvt, in Deutschland ist die Verblödung schon weit forgeschritten. Desto wichtiger ist die Schaffung von Arbeiterbildungsvereinen im Stile Wilhelm Brackes.

    • dierostigelaterne Says:

      hallo Lupo

      Genau !

      ARBEITERBILDUNGSVEREINE – das trifft den Kern. Nur in diesen Vereinen kann im Gegensatz zur verfaulten Bildung des Bürgertums die Grundlage einer notwendigen Kulturrevolution gelegt werden.

  2. Lupo Says:

    Die DGB Bundesschule in Springe ist dem Erdboden gleich gemacht worden. Dort betrieb ein Bildungssekretär namens Rolf Krüger sein Unwesen den Du gut kennst. Und sieht man sich Arbeit und Leben in Hustedt an, so findet da nur noch Biersaufen statt im Bildungsurlaub. Die marxistische Schulung dort ist längst passé. So genau ist das alles also nicht. Damit ist also der Kurze Lehrgang von J.W. Stalin als Schulung zu empfehlen falls mal Arbeiter zustoßen.
    L.

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