Archive for Februar 2016

Die Vergänglichkeit des Marxismus

28. Februar 2016

Lenin lehrte uns: „Im eigentlichen Sinne ist die Dialektik die Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Dinge selbst: Nicht nur die Erscheinungen sind vergänglich, beweglich, fließend, nur durch bedingte Grenzen getrennt, sondern die Wesenheiten der Dinge ebenfalls“. 1. Jede Ideologie, die der Absicherung von Klassenherrschaft dient, muss sich gegen die Vergänglichkeit der Wesenheiten der Dinge sperren. “ ‚Aber‘, wird man sagen, ‚religiöse, moralische, philosophische, politische, rechtliche Ideen usw. modifizierten sich allerdings im Lauf der geschichtlichen Entwicklung. Die Religion, die Moral, die Philosophie, die Politik, das Recht erhielten sich stets in diesem Wechsel …‘ “ 2. In dieser Passage aus dem Kommunistischen Manifest gehen Marx und Engels auf die ewigen Wahrheiten der bürgerlichen Ideologie ein, die sich nicht eingestehen darf, dass ihre ewigen Wahrheiten auf der „Ausbeutung des einen Teils der Gesellschaft durch den anderen“ 3. basieren. Der dialektischen Abbildung als dialektischer Prozess steht die ideologische entgegen, die den lebendigen Weltprozess unter der Kategorie der Ewigkeit auf eine zeitlich befristete Klassenherrschaft deformativ fixiert. Aus der Fixierung von Prozessualität ergibt sich die ideologische Weltinterpretation als verzerrte Realität, als kristallin gefrorene, in der sich Klassenherrschaft als unabänderliche ergibt. In der Vereinnahmung einer historisch, also nur für einen bestimmten Zeitraum tätigen und gültigen Prozesskonstellation als ewige, spiegelt sich die prätendierte Allmacht einer bestimmten Eigentumsform über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Negierung von Weltprozess überhaupt. Marx und Engels haben dargelegt, dass adialektische Denkblockaden eigentumsbedingt sind: „Die interessierte Vorstellung, worin ihr eure Produktions- und Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, im Lauf der Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und Vernunftgesetze verwandelt, teilt ihr mit allen untergegangenen Klassen. Was ihr für das antike Eigentum begreift, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum“. 4. Der Kern der marxistischen Weltveränderung ist die revolutionäre Veränderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse. Ricardo zum Beispiel stößt auf diesen Kern nicht vor, weil er das Wesen begreift wie Newton seine Prinzipien, für immer gegeben. Was hier hemmte, war ideologischerseits die reaktionäre Seite des Spinozismus: Durch die Gleichsetzung von Gott und Natur schloss man auf die Ewigkeit der Naturgesetze, wir finden diese Fixierung noch bei Goethe und selbst noch im anschauenden Materialismus Feuerbachs, in dem er das religiöse Gemüt für sich fixieren muss. Deshalb auch der fatale Hang der Ökonomen, überall ewige Naturgesetze dort am Wirken zu sehen, wo nur die spezifischen Gesetze einer historisch vorübergehenden ökonomischen Gesellschaftsformation vorliegen. Dennoch waren die Forschungen Ricardos wissenschaftsgeschichtlich nicht nichtig so wie der mechanische Materialismus für den dialektischen durchaus eine Bedeutung hatte. „Die Dinge mußten erst untersucht werden, ehe die Prozesse untersucht werden konnten“. 5. Bereits vor der technisch-industriellen Revolution wurde die Welt der Dinge der Zeit unterworfen. Die Naturgeschichte transformierte zu einer Geschichte der Natur. Es gab etwas Neues unter der Sonne, ja es gibt jetzt ständig etwas Neues unter ihr. Die Entwertung der Chronologie, der Vergangenheit und der Abstammung wurde während der französischen Revolution fassbar im Namen ‚Capet‘ und im Erstellen eines neuen Kalenders. Bereits die Enzyklopädisten hatten mit einer Explosion des Wissens zu kämpfen, das Hegel noch einmal unter einem absoluten bannen wollte. Die Zoologie kannte um 1740 nur etwa 600 Tierarten. 6. Der Verlust des Fundamentalen im reißenden Strom der Prozesse, der sich in Spinozas Bibelkritik ankündigte, kulminierte im 20. Jahrhundert in der chinesischen Kulturrevolution in ihrem Toben selbst gegen die Kommunistische Partei. Heute potenziert sich das Volumen des für den Menschen Wissbaren im Sekundentakt, in jeder Sekunde finden im Universum Milliarden Explosionen statt, die in unserem Weltwissen einzufangen wären. Das ganze Wissen der gesamten Menschheit ist nur ein kleiner Punkt in einem unendlichen Puzzle. Es darf im vollendeten Kommunismus nicht die Illusion aufkommen, dass Koryphäen vereint in (für unsere heutigen Vorstellungen) Mega-Kollektiven das Weltwissen auf einen Nenner bringen könnten. Wir müssen vielmehr heute und in Zukunft den erreichbaren relativen Wahrheiten nachjagen auf dem Weg der positiven Wissenschaften und der Zusammenfassung ihrer Resultate vermittelst des dialektischen Denkens. 7. Lenins Feststellung, dass auch die Wesenheiten der Dinge vergänglich sind, ist auf den Marxismus selbst anzuwenden, insofern er als wissenschaftlicher Sozialismus das Wesen der letzten in Klassengesellschaften möglichen Gesellschaftswissenschaft ausmacht. Der Marxismus versteht sich als Anleitung zum Handeln gegen die bürgerliche Klassengesellschaft, um diese zu überwinden. Im vollendeten Kommunismus entfällt diese Anleitung und er geht einher mit der wissenschaftsgeschichtlichen Entwertung des Marxismus. Im Erlöschen des Klassenkampfes erlischt auch der Marxismus als die letztmögliche Gesellschaftswissenschaft in einer Klassengesellschaft, die die Klassengesellschaft negiert (hat). Der Kommunismus strebt nicht die Weltherrschaft an, sondern die Welt ohne Herrschaft, eine Welt ohne Marxismus. Der Marxismus ist nicht ewig, ist kein Modell einer Welterklärung und schon früh setzte sich Marx mit Proudhon, dem Stammvater des Anarchismus, auseinander, der sich eine ewige Gerechtigkeit (justice éternelle) als voranleuchtenden Stern seiner Gesellschaftslehre ausgesucht hatte. Steht endlich der Mensch im Mittelpunkt und nicht mehr der Profit, könnte es gut sein, dass die Humanmedizin die Sonne ist, um die alle anderen wissenschaftlichen Disziplinen kreisen, denn materieller Wohlstand und Überfluss ist ohne Wohlbefinden verdrießlich. Die neuzeitliche Philosophie hob an mit Descartes, der der Medizin bereits einen hervorragenden Platz in der Welt der Wissenschaften einräumte.

1.Lenin, Konspekt von Hegels ‚Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Die eleatische Schule, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Reclam Verlag, Leipzig, 1986,179.

2. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,480
3. a.a.O.

4. a.a.O.,478. Es kann heute nicht genug betont werden, dass einer der zentralen Begriffe unseres Daseins, der der Demokratie, hinter die sich die Konterrevolution flüchtet, zur Manipulierung ganzer Völker benutzt wird. ‚Demokratie bedeute die Aufhebung der Klassenherrschaft‘, sagen die Volksfeinde.

5. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,294. Da die metaphysische Weltanschauung die Dinge außerhalb ihres Zusammenhangs betrachtet, fehlt sie in der Angabe der Entwicklungstendenz.

6. Vergleiche Wolf Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte, Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 227, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1978,17

7. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,270

Idealismus Materialismus Hand- und Kopfarbeit

22. Februar 2016

Für den Ultraidealisten Hegel konnte die Philosophie, wie einer Äußerung zu Solger’s nachgelassenen Schriften zu entnehmen ist, keinen anderen Endzweck haben als die Erkenntnis Gottes. Diese Festlegung, ja Verengung angesichts des Aufblühens der Naturwissenschaften zeichnete dafür verantwortlich, dass Hegel seine kritische Auseinandersetzung mit der französischen Aufklärung allein auf deren Kritik der Religion fixierte, ihre sozialpolitischen Entwürfe blieben für ihn peripher. Im Denken Hegels trat in krasser Form die Affinität des Idealismus zur Religion und Ideologie sowohl in naturwissenschaftlicher- als auch in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht zu Tage. Ist die Idee der Ursprung der Natur,  so muss es irgendwann einmal zu einer Weltschöpfung irgendeiner Art gekommen sein, ist die Idee der Ursprung der Natur, so verfallen  Kopfarbeiter zwangsläufig dem Irrtum, ihre Ideen seien Resultate reinen Denkens und nicht Resultate der Widerspiegelung von in Systemen der ökonomischen Organisation begründeten Klasseninteressen. Der Idealismus wäre vermutlich niemals eine bedeutende Strömung in der Geschichte der Philosophie geworden, wenn es dem Menschen nicht möglich wäre, geplante Arbeit von anderen Händen ausführen zu lassen, die es nach dem Geplanten durch eine wie immer geartete Priesterkaste zu dirigieren gilt. Mit dem Arbeitsbereich schrieb diese Kaste zugleich auch den Erkenntnisbereich vor und zensierte Erkenntnisse, die die Souveränität der Dirigenten anzutasten drohte. „Dem Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns, wurde aller Verdienst an der rasch fortschreitenden Zivilisation zugeschrieben …“. (Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379). Wissenschaftsgeschichtlich ist festzuhalten, dass der dialektische und historische Materialismus beansprucht und aufträgt, die Zusammenhänge in der Natur und in der Geschichte in den Tatsachen zu entdecken, so dass Philosophieren sowohl aus den Naturwissenschaften als auch aus der Geschichtswissenschaft weitgehend zu vertreiben ist. „Für die aus Natur und Geschichte vertriebne Philosophie bleibt dann nur noch das Reich des reinen Gedankens, soweit es noch übrig: die Lehre von den Gesetzen des Denkprozesses selbst, die Logik und die Dialektik“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,306). Die klassische Philosophie wird also nicht total zerstört, sondern Logik und Dialektik werden aufgehoben, wobei in der Frage der Dialektik die kritische Auseinandersetzung mit der idealistischen aufgetragen bleibt. Mit dieser wissenschaftsgeschichtlichen Bestimmung von Engels schließt sich der Kreis einer jahrhundertelangen Aristoteleskritik, die in der Aufklärung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die Teleologie wurde einer Zweckrationalität des Nutzens geopfert. Zwar hatte Aristoteles selbst gesagt, dass alle wissenschaftlichen Disziplinen nützlicher seien als die Philosophie, aber keine sei vortrefflicher als diese. Dieser letzte Satz war nun arg zerzaust worden. Das Kriterium der Nützlichkeit war deshalb so eingängig, weil alle bisherigen Produktionsweisen nur auf Erzielung der nächsten unmittelbaren Nutzeffekte der menschlichen und tierischen Arbeit aus waren. Indem die bürgerliche Aufklärung diese Beschränkung zu einem Ideal erhob und die Weltgeschichte quasi tautologisch werden ließ, ist Hegel zuzustimmen, dass die Aufklärung über sich selbst nicht aufgeklärt sei und nur über den Dingen stehe, weil sie nicht in den Dingen sei. Der Käufer der Ware ist nur als Käufer der Ware von Interesse, als Mensch ansonsten gleichgültig wie es die Ware für den Verkäufer nach ihrem Verkauf ist. Das Wort „Volkseigentum“ ist ein Fremdwort im Vokabular der bürgerlichen Gesellschaft, diese Tatsache allein zeigt schon ihren mittlerweile ekelhaften Charakter an. Ihre Ideologen kommen heute nicht umhin, dem Stammvater der bürgerlichen Gesellschaft ständig ins Gesicht zu schlagen. Ich meine Jean Jacques Rousseau, der das Glück der Völker vom Volkseigentum abhängig gemacht hatte. Während der theoretischen Vorbereitung der französischen Revolution hatte er seinen Zeitgenossen zugerufen: „Ihr seid verloren,  wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde keinem !“ Marx und Engels konkretisierten den pauschalen Aufruf Rousseaus auf das Privateigentum an Produktionsmitteln, das zum Glück der Völker vergesellschaftet werden muss. Entscheidend wird die technisch-industrielle Revolution: sie ermöglichte es, die Produktion ins Unendliche zu vermehren und Malthus mit seiner Populationstheorie zu widerlegen, sodann machte sie zur Produktionsbedingung, dass die Produktionsmittel nur noch gemeinsam, gesamtgesellschaftlich in Bewegung gesetzt und in Bewegung gehalten werden können. Der Kapitalismus hebt die Zersplitterung der Produktivkräfte mehr und mehr auf und entwickelt kollektive Strukturen, die Produktion ist bereits gesellschaftlich, die Früchte gehören aber nicht allen, schon gar nicht ihren Produzenten. Das sind aber nur die äußeren Bedingungen. Alles, was die Menschen bewegt, muss durch ihren Kopf hindurch. Der ökonomische und politische Klassenkampf genügt nicht, der ideologische, auf wissenschaftlicher Grundlage geführte Klassenkampf ist das dritte Element: Wilhelm Liebknecht pflegte zu sagen: „Studieren – Propagieren – Organisieren“, in diesem Dreischritt sind die Aufgaben des proletarischen Klassenkampfes umrissen. Lenin hatte stets betont, dass dem sozialistischen Bewußtsein der Massen der Arbeiter und Arbeiterinnen beim Umsturz, beim Aufbau und bei der Absicherung des Sozialismus eine zentrale Bedeutung zukommt. Es ist „die einzige Grundlage, die uns den Sieg verbürgen kann“. (Lenin, Was tun ? Brennende Fragen unserer Bewegung, Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin, 1960,363). Sinkt das sozialistische Bewußtsein der Arbeiterklasse, kommt es zur Herausbildung einer Kaste, die Wissen wieder zu Herrschaftswissen verstümmelt. Die geistige Enteignung der Völker geht ihrer materiellen voraus, auch die Konterrevolutionäre studieren, propagieren, organisieren.

War Ernst May ein revolutionärer Architekt ? Sein Aufenthalt in der Sowjetunion von 1931 – 1933

14. Februar 2016

Nicht alles, was die Utopisten dachten, ist durch die Umwandlung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft falsch geworden. In der Staatsutopie von Thomas Morus finden sich zur Zeit des Höhepunktes des deutschen Bauernkrieges die Gedanken, die gewählten Volksvertreter müssen den Wählern rechenschaftspflichtig sein und können von diesen jederzeit abgesetzt werden. Die Pariser Commune unternahm den Versuch, diese Prinzipien in die Weltgeschichte einzubilden. Campanella hatte in seinem Sonnenstaat die Institution der Ehe abgeschafft, in der Beibehaltung der Ehe hatte auch der utopische Sozialist Fourier vehement das entscheidende Manko der franzöischen Revolution gesehen. Der wissenschaftliche Sozialist Karl Marx hatte in der vierten Feuerbachthese als Ziel der Arbeiterbewegung die praktische Vernichtung der Ehe, in der die Sklaverei latent ist, ausgegeben. Diese These kann nicht ohne Einfluss auf die sozialistische Architektur bleiben: Wohn- Lebens- und Arbeisstätten sind kollektiv und nicht familiär zu konzipieren. Wie ich dem Artikel in der Roten Fahne vom 22. Januar 2016 „Ernst May – hervorragender Planer sozialistischer Städte“ entnehme, hat May das in seinen „Standardstädten“ mit in ihnen vorgesehenen Großküchen und Großbäckereien berücksichtigt. Etwas Verwandtes, Einküchenhäuser, war auch schon im zwischen 1926 und 1930 nach Plänen von Karl Ehn gebauten Karl-Marx-Hof im 19. Bezirk Döbling in  Wien konzipiert worden, den man als „das Versailles der Arbeiter“ bezeichnete. Wir müssen uns auch auf die archtitektonischen Konzepte politischer Gebäude im Sozialismus in klarer Abgrenzung vom bürgerlichen Parlamentarismus konzentrieren. Sicherlich müssen sie in einer Größenordnung (etwa von Sitzplätzen für Arbeiter und Arbeiterinnen) konzipiert werden, neben der sich ein bürgerliches Parlament wie eine Zwergmißgeburt ausnimmt. Denn im Verlauf einer proletarischen Revolution erwachen Millionen und Abermillionen bisher geschundener Menschen zu einem Selbstbewußtsein und zu politisch-militanter Kreativität. Nicht unerwähnt zum Thema „Ernst May – hervorragender Planer sozialistischer Städte“ sollte allerdings seine Befürwortung der Kommunistenverfolgung durch die deutschen Faschisten bleiben, am 26. März 1933 schrieb er zusammen mit seiner Frau Ilse in einem Brief an seine Schwiegermutter Hartmann aus Sirmione sul Garda: „Einverstanden sind wir mit der restlosen Unterdrückung  des Kommunismus in Deutschland“ (Ernst und Ilse May, Brief an Ilses Mutter, Luise Hartmann, vom 26. März 1933, in: Thomas Flierl, Standardstädte – Ernst May in der Sowjetunion 1930 – 1933, Texte und Dokumente, edition suhrkamp 2643, Frankfurt/M., 2012,443). Die Nazi-Barbaren rotteten ab 1933 bekanntlich zirka die Hälfte der KPD-Mitglieder aus. Zu erwähnen ist wohl auch der  Versuch von Thomas Flierl, Ansätze von May für die Zukunft in einer wirklich unakzeptablen Weise zu aktualisieren: „Der kommende Ökokapitalismus wird ein Mehr an Demokratie und Sozialismus benötigen“ (a.a.O.,41). Oh je ! Drei Luftblasen in einem Satz. Und so ein Wirrkopf war von 1998 bis 2000 Baustadtrat in Berlin-Mitte und von 2002 bis 2006 sogar Kultur- und Wissenschaftssenator Berlins. Sein Buch über Ernst May krankt denn auch ganz erheblich an der  fehlenden Dialektik von Revolution und Konterrevolution, hier beim Thema ‚Architektur‘ an der nicht entwickelten Alternative zwischen proletarisch-kollektiver und bürgerlich-familiärer Baukonzepten. Die Arbeiterbewegung ist lange hinaus über den reaktionär-utopischen Sozialisten Étienne Cabet ! In seinem 1840 publizierten Phantasieroman „Voyage en Icarie“ lebt jede Familie für sich, „ohne Dienstboten, und macht einen kleinen Haushalt für sich aus“ (Étienne Cabet, Reise nach Ikarien, Die Ordnung der ikarischen Gemeinshaft, in: Die Frühsozialisten 1789 – 1848, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,206). Die Abschaffung von Dienstboten macht noch keinen Sozialismus aus.

 

Die Zerstörung der Geschichtsmetaphysik durch die materialistische Dialektik

7. Februar 2016

Was bedeutet es, wenn Lenin von der Dialektik als der Methode spricht, die Widersprüche zu erforschen, die sich im Wesen der Dinge selbst bewegen. Es bedeutet auch, dass die Widersprüche weltimmanent entstanden  und weltimmanent zu lösen sind. In Lenins Bestimmung laufen ideologische Prozesse zusammen, die sich über Jahrhunderte entfalteten, zum Beispiel über die Kritik am ‚unbewegten Beweger des Weltalls‘ des Aristoteles, der noch von einem äußeren Anstoß zur Weltbewegung ausging. Merkwürdig ist im Denken des Aristoteles – eine Merkwürdigkeit, die sich aus seinem Schwanken zwischen Idealismus und Materialismus ergibt – dass er in seiner Kritik am platonischen Idealismus zwar erkennt, das es verfehlt sei, das Wesen der Dinge außerhalb derselben auszumachen, zugleich aber einen überirdischen Gott benötigt, der den Sternenhimmel in Bewegung setzt. Sind die Sterne in ihrem Inneren, in ihrem Wesen widersprüchlich, so liegt die Quelle ihrer Bewegung in ihnen selbst, sind sie Himmelskörper, die sich aus sich selbst bewegen. In Lenins Bestimmung laufen ideologische Prozesse zusammen, die sich über ‚Ockham’s razor‘, über die kopernikanische Wende vom ptolomäischen zum heliozentrischen Weltbild, über Bacons aus seiner Kampfposition gegen die aristotelisch ausgerichtete Scholastik entsprungenen Forderung, sich „zu den Dingen selbst“ hinzuwenden, über Brunos These von der Unendlichkeit des Universums und der Pluralität der Welten, über Descartes Trennung der Physik von der Metaphysik, über die spinozistische Gleichsetzung von Gott und Natur, über den Bayle‘ schen Skeptizismus, über die von der Aufklärung im Jahrhundert der Lichter initiierte, über den Umweg des Deismus verlaufende  Säkularisierung bis hin zur klassischen deutschen Philosophie, in der mehrere erwähnenswerte, untereinander widersprüchliche  Ausführungen zur Dialektik vorliegen, entfalteten. Im groben Umriss sehen wir in der Geschichte der europäischen Philosophie, wie sich die Magd „Philosophie“ aus der Bevormundung der Theologie befreit, aber selbst zusehen muss, wie sich im Weiteren die wissenschaftlichen Disziplinen von ihr freimachen. Sie hat im 19. Jahrhundert nach Hegels Tod den Niedergang vorgelebt, der heute die Gesellschaftswissenschaften letal erfasst hat.

Im Jahrhundert der Lichter war es gerade ein Denker, der sich selbst nicht als Aufklärer verstand, der erste schmerzhafte Risse selbst schon in das bürgerliche Weltbild bewirkte. Während seines Venedigaufenthaltes 1743 erkannte der Deist Rousseau, dass in Zukunft das Schicksal der Menschen von der Politik bestimmt sein wird wie bisher von Metaphysik und Religion und legte damit den Schwerpunkt auf ein Gebiet, das „der Wirklichkeit am nächsten steht“. 1. Er erkannte im Privateigentum das für die Leiden der Menschen verantwortliche Krebsgeschwür in der menschlichen Geschichte und entwarf brillante dialektische Denkfiguren, die sowohl den utopischen Sozialisten Fourier als auch den Idealisten Hegel befruchteten. Im Gegensatz zu Hegel  wies Kant die dialektische Methode zwar aus der Philosophie zurück, trat aber als ‚Alleszermalmer‘ in zweierlei Hinsicht für deutsche Verhältnisse bahnbrechend auf: 1781 in seiner ‚Kritik der reinen Vernunft‘ als Zermalmer der Metaphysik, der jedem Gottesglauben die objektive Basis entzog und den Glauben zu einer rein subjektiven Ansicht degradierte: nur ich kann mir gewiss sein, dass nur für mich ein Gott existiere. Die radikalste Bresche in das metaphysische Weltbild aber schlug Kant 1755 in einer Schrift über die allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels. Unsere uns bekannten, aus rotierenden Nebelmasssen entstandenen Sonnensysteme sind dem Schicksal der völligen Auflösung geweiht, was einen radikalen Bruch  mit der philosophischen Tradition bedeutete, der letzte große Metaphysiker vor dem Alleszermalmer, Gottfried Wilhelm Leibniz, hatte 1714 in seiner Monadologie noch die Ewigkeit des Universums postuliert.

Hegel trat gegenüber Kant  reaktionär auf, insofern er als Metaphysiker die Objektivität der Religion wieder restaurierte und die Weltgeschichte als Gotteswerk ausgab. Für Hegel konnte die Philosophie, wie einer Äußerung zu Solger’s nachgelassenen Schriften zu entnehmen ist, keinen anderen Endzweck haben als die Erkenntnis Gottes. Im Denken Hegels tritt in krasser Form die Affinität des Idealismus zur Religion und Ideologie sowohl in naturwissenschaftlicher- als auch in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht zu Tage. Ist die Idee der Ursprung der Natur,  so muss es irgendwann einmal zu einer Weltschöpfung irgendeiner Art gekommen sein, ist die Idee der Ursprung der Natur, so verfallen  Kopfarbeiter zwangsläufig dem Irrtum, ihre Ideen seien Resultate reinen Denkens und nicht Resultate der Widerspiegelung von in Systemen der ökonomischen Organisation begründeten Klasseninteressen. Wissenschaftsgeschichtlich ist festzuhalten, dass der dialektische und historische Materialismus beansprucht und aufträgt, die Zusammenhänge in der Natur und in der Geschichte in den Tatsachen zu entdecken, so dass Philosophieren sowohl aus den Naturwissenschaften als auch aus der Geschichtswissenschaft weitgehend zu vertreiben ist. „Für die aus Natur und Geschichte vertriebne Philosophie bleibt dann nur noch das Reich des reinen Gedankens, soweit es noch übrig: die Lehre von den Gesetzen des Denkprozesses selbst, die Logik und die Dialektik“. 2. Mit dieser wissenschaftsgeschichtlichen Bestimmung von Engels schließ sich der Kreis einer jahrhundertelangen Aristoteleskritik, die in der Aufklärung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die Teleologie wurde einer Zweckrationalität des Nutzens geopfert. Zwar hatte Aristoteles selbst gesagt, dass alle wissenschaftlichen Disziplinen nützlicher seien als die Philosophie, aber keine sei vortrefflicher als diese. Dieser letzte Satz war nun arg zerzaust worden. Gegen die Nivellierung der Philosophie durch die vornehmlich französische Aufklärung mit ihrem eindeutig anti-metaphysischen Grundzug trat noch einmal Hegel an, in dessem Denken die Weltphilosophie ihren Höhepunkt und Abschluss fand. Mit Hegel endet die Philosophie. An ihrem Abend hat sie ein Gebäude vollendet, eine innere Sonne, und diese innere Sonne achtete der Idealist Hegel höher als die äußere, die unser Leben erhält.  Das ganze Gedankengebäude Hegels ist als ein finales angelegt, als ein Ineinanderübergehen von der Philosophie der Geschichte und der Geschichte der Philosophie. Obwohl den Sowjetenzyklopädien der Stalinzeit mit nur geringen Nuancierungen zuzustimmen ist, dass die Hegelsche Philosophie eine aristokratische Reaktion auf die bürgerliche französische Revolution gewesen war, da Hegel zur Restauration der Metaphysik des 17, Jahrhunderts geschritten war, die im 18. Jahrhundert die Aufklärer als Vorbereiter der Revolution bekriegt hatten, ist im Blickfeld zu behalten, dass auch der Idealist Hegel wie Kant bahnbrechend auftrat, aber er tat es auf eine andere Art.  Ab 1812 behauptete er, sein Hauptwerk, seine ‚Logik‘, d.i. seine Dialektik, enthalte die Gedanken Gottes vor der Schöpfung der Welt und eines endlichen Wesens. Und damit ist der christliche Gott völlig entwertet, nicht mehr er erlöst den Menschen, sondern der Philosoph Hegel erlöst Gott, der ohne die Hegelsche Logik nicht wissen könnte, wer er überhaupt ist. Erst mit der Logik schließt sich der Kreis der Weltschöpfung als die einer Selbstbewegung, vom Idealisten Hegel gefasst als sich selbst weitertreibender Begriff, als „Vermittlung des Sichanderswerden mit sich selbst“. (Sein-Nichts=Werden, als Werden Gottes zu sich selbst).  Wir sehen, wie das deutsche Bürgertum mit dem Gottesbegriff ringt, Gott aber nicht bezwingt, um zum Atheismus vorzustoßen, wie es die fortschrittlichsten Denker in Frankreich geschafft hatten. Immerhin rangiert im Denken Hegels die Philosophie vor der Kunst und vor der Religion. In der Kunst wird das Absolute nur angeschaut, in der Religion wird Gott nur vorgestellt und ist deshalb für die absolute Erkenntnis zugleich verstellt, erst durch die finale Philosophie werden Gott und die Welt begriffen. Weder der Deist Rousseau, noch der Agnostiker Kant, noch der absolute Idealist Hegel, alle drei Giganten des Geistes,  wurden Atheisten, die allein eine Selbstbewegung der Materie glaubhaft in Anspruch nehmen dürfen, ja mehr: für den 1647 geborenen Pierre Bayle hatte eine Gesellschaft von Atheisten ein höheres Kulturniveau als eine von Götzendienern, aber bei Hegel zeigte sich deutlich, dass seine Dialektik, die die objektiven Entwicklungsgesetze der Weltprozesse in idealistischer Form darstellt, etwas Neues, ja Revolutionäres in dem alten Schlauch der Metaphysik enthielt, in der Geschichte der Philosophie gilt das als der typisch Hegelsche Widerspruch zwischen seiner Methode und seinem System.

Hegel arbeitete die weltgeschichtliche Bedeutung der menschlichen Arbeit heraus, die er aber nur in ihrer abstrakt-theoretischen und positiven Seite anerkannte, er erklärte das Handeln der Menschen immer noch aus ihrem Denken, statt aus ihren Bedürfnissen. Die Menschen machen aber Geschichte, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen und auf diesen Produktionsprozess galt es, die Dialektik anzuwenden. Die Widersprüche liegen im Produktionsprozess selbst. Jahrhundertelang hatte sich die Wissenschaftler als reine Kopfarbeiter an den komplexen Formen des Überbaus aufgehalten und stießen in ihrer Staatsfixierung nicht auf die unter dem Staatsfetisch liegenden  einfachen und ursprünglichen Produktionsverhältnisse vor. Sie blieben trotz aller Intelligenz an der Oberfläche und kamen nicht darauf, diese herauszugreifen und speziell zu untersuchen. Die politisch-ökonomischen Strukturen hatten die Historiker in die Fußnoten verbannt. Gerade den entscheidenden und progressiven Antagonismus in der bürgerlichen Gesellschaft zwischen Lohnarbeit und Kapital, den Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie sahen weder der utopische Sozialist Fourier noch der Philosophieprofessor Hegel. Beide hatten nicht das Hauptkettenglied zu fassen bekommen, mit dem sich die mit dem Hauptwiderspruch zusammenhängenden Widersprüche lösen lassen. Zwar ist der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital der Hauptwiderspruch in der bürgerlichen Gesellschaft, aber das heißt nicht, dass es keine anderen Formen der Ausbeutung gibt. Versperrt Politik Gelehrten den Durchbruch zur Erkenntnis ihrer  ökonomischen Bedingung, so empfehlen diese kurioserweise den Ausgebeuteten nur den ökonomischen, nicht aber den politischen Kampf. Frankreich und Deutschland waren im Vergleich zu England recht agrarische Länder, Pionierleistungen auf dem Gebiet der politischen Ökonomie wurden von englischen Gelehrten erbracht, sie hatten, wenn auch unvollkommen, analysiert, was der Wert und was die Wertgröße ist, ohne sich die Frage vorzulegen, „warum sich … die Arbeit im Wert und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße des Arbeitsprodukts darstellt“. 3. Dennoch wäre es falsch, die Frage der Genesis des wissenschaftlichen Sozialismus rein soziologisch-quantitativ anzugehen. Die Kernaussagen des wissenschaftlichen Sozialismus wurden zu einer Zeit formuliert, als das arbeitende Volk zur Majorität aus Bauern bestand. Die Genialität von Marx bestand darin, früher als andere das Kommende aus dem Unentwickelten zu deuten, die sozialdemokratische Arbeiterbewegung setzte erst zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifestes ein. Marx war kein Hellseher, auch sein Erkenntnisstand war abhängig von dem Reifegrad des Gegensatzes zwischen Lohnarbeit und Kapital. Schon der französische Materialist und Aufklärer Helvétius wusste im 18. Jahrhundert, dass der Fortschritt der Industrie und der Fortschritt der Vernunft voneinander abhängen. Im Gegensatz zu den Utopisten verfolgte Marx nur ganz genau, wie ein Naturwissenschaftler, die Entwicklung und Zunahme der modernen Industrie, mit der die Entwicklung und Zunahme der Arbeiterbewegung verbunden ist. So gaben für ihn der Entwicklungsgrad der Arbeiterkoalitionen in einem Land den Rang dieses Landes in der Hierarchie des Weltmarktes an. „England, wo die Industrie am höchsten entwickelt ist, besitzt die umfangreichsten und bestorganisierten Koalitionen“. 4.

Professor Hegel sah in der menschlichen Arbeit zwar das Medium der Emanzipation des Knechtes: „Durch die Arbeit kömmt es (das knechtische Bewußtsein) aber zu sich selbst“, heißt es in der Phänomenologie des Geistes, durch die Arbeit wird aus dem knechtischen Bewußtsein ein Mensch mit Selbstbewußtsein. Das arbeitende Bewußtsein kommt durch die Hemmnis der Begierde im Arbeitsprozess „zur Anschauung des selbständigen Seyns, als seiner selbst“. 5. Die Emanzipation des arbeitenden Menschen vollzieht sich innerhalb des gesellschaftlichen Systems, Hegel sieht nicht die negative Seite der Arbeit, die immerhin Heinrich Heine in seinem Gedicht über den schlesischen Weberaufstand deutlich an die Wand malte: „Im düstern Auge keine Träne, Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne: Deutschland, wir weben dein Leichentuch …“. Wie die utopischen Sozialisten sah auch Hegel auf der Seite der Arbeitenden keine eigenständige politische Tätigkeit. Bereits in der ‚Jenenser Realphilosophie‘ von 1805/06, in der er die Widersprüche der industriellen Arbeit markierte, sprach er von einer „Armut, die sich nicht helfen kann“ 6. Und auch für den Materialisten Feuerbach steigerte sich sein Ausspruch: „In einem Palast denkt man anders als in einer Hütte“ nicht in die Aufforderung: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen !“

Das Neue im Denken Hegels, die zum ersten Mal wirklich konsequent durchdachte und ausformulierte Dialektik und die zentrale gesellschaftliche Bedeutung der menschlichen Arbeit, war für  Marx und Engels von primär-essentiellem Interesse. Beide Revolutionäre übernahmen keineswegs die Dialektik in ihrer vorliegenden idealistischen Form, so revolutionär diese auch in der Geschichte der Philosophie gewesen war, im Gegenteil, sie wurde so wie von Hegel dargestellt als unbrauchbar für eine wissenschaftliche Erforschung der Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft bezeichnet. „Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil “ 7., erklärte Marx im Nachwort zur zweiten Auflage des ersten Bandes des Kapitals. Erst die Erklärung der Bewegungsgesetze der Geschichte und der Gesellschaft durch Marx und Engels kommt ganz ohne Metaphysik aus. Erst die materialistische Dialektik als Prozesswissenschaft gibt uns die Möglichkeit, die Prozesse so zu erfassen, wie sie real, vor unseren Augen ablaufen und sie gibt uns die Möglichkeit der ständigen Überprüfung, ob wir in unserem Denken und in unserer Theoriebildung die Wirklichkeit noch richtig widerspiegeln. Ohne dieses Moment ist an eine wissenschaftliche Arbeit nicht zu denken. „Alles hängt ab von den Bedingungen, von Ort und Zeit“ 8. In der Wissenschaft spiegelt sich der gesellschaftliche Prozess selbsterfassend wider in seiner gegenwärtigen Konkretheit und klassenkämpferischen Epochalität zugleich. Durch sie ist die Möglichkeit einer immanenten Orts- und Zeitbestimmung im geschichtlichen Prozess gegeben, die ohne transzendente Krücken auskommt. Die utopischen Sozialisten verkannten die Bedeutung des Klassenkampfes und fingen deshalb an, von einer besseren Zukunft zu träumen, statt die scheußliche Gegenwart zu erklären. Diese muss zunächst ertragen werden, um sie zu analysieren. Wissenschaftliche Sozialisten, denen Weltflucht untersagt ist, konzentrieren sich auf die wirkliche Klassenkampfgeschichte und werden in ihr praktisch tätig, wissenschaftliche Sozialisten sind keine genialen Philosophen, die nach Lösungswegen jenseits der vor unseren Augen ablaufenden Klassenkämpfen suchen, die Lösung liegt im Wesen der Klassenkämpfe selbst und in der praktisch-politischen Tätigkeit in ihm. Mit der Entwicklung des Klassengegensatzes entwickelt sich die Erkenntnis dieses Gegensatzes. Dieser wird 1848 im Kommunistischen Manifest zum ersten Mal auf den Begriff gebracht, es ist eine Frucht des entwickelten Klassengegensatzes zwischen Lohnarbeitern und Kapitalisten. Indem der Proletarier einen Geldbesitzer suchen muss, der so gnädig ist, ihn aufzunehmen, um sich das Mehrprodukt seiner Arbeit anzueignen, wird dem Produzenten der tiefgehende Klassencharakter des Gegensatzes zwischen Lohnarbeit und Kapital von selbst klar. Aus Kreuznach schrieb Marx im September 1843 an Arnold Ruge: „Die Philosophie hat sich verweltlicht, und der schlagendste Beweis dafür ist, daß das philosophische Bewußtsein selbst in die Qual des Kampfes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich hineingezogen ist“. 9. Theoretische und praktische Tätigkeit verschmelzen deshalb, wobei die Haupttätigkeit auf die Organisierung der Arbeiterbewegung fällt. Die Vereinigung der Arbeiter bedeutet den Tod der Geschichtsmetaphysik. Das eigentliche Resultat der Kämpfe der Arbeiterklasse “ … ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter“. 10. Metaphysische und utopistische Weltbilder hatten trotz ihrer Praxisabstinenz ihre historische Berechtigung, aber jede Berechtigung ist eben vergänglich, ja mehr: „Im eigentlichen Sinne ist die Dialektik die Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Dinge selbst: Nicht nur die Erscheinungen sind vergänglich, beweglich, fließend, nur durch bedingte Grenzen getrennt, sondern die Wesenheiten der Dinge ebenfalls“. 11. Jede Ideologie, die der Absicherung von Klassenherrschaft dient, muss sich gegen die Vergänglichkeit der Wesenheiten der Dinge sperren. “ ‚Aber‘, wird man sagen, ‚religiöse, moralische, philosophische, politische, rechtliche Ideen usw. modifizierten sich allerdings im Lauf der geschichtlichen Entwicklung. Die Religion, die Moral, die Philosophie, die Politik, das Recht erhielten sich stets in diesem Wechsel …‘ “ 12. In dieser Passage aus dem Kommunistischen Manifest gehen Marx und Engels auf die ewigen Wahrheiten der bürgerlichen Ideologie ein, die sich nicht eingestehen darf, dass ihre ewigen Wahrheiten auf der „Ausbeutung des einen Teils der Gesellschaft durch den anderen“ 13. basieren. Der dialektischen Abbildung als dialektischer Prozess steht die ideologische entgegen, die den lebendigen Weltprozess unter der Kategorie der Ewigkeit auf eine zeitlich befristete Klassenherrschaft deformativ fixiert. Aus der Fixierung von Prozessualität ergibt sich die ideologische Weltinterpretation als verzerrte Realität, als kristallin gefrorene, in der sich Klassenherrschaft als unabänderliche ergibt. In der Vereinnahmung einer historisch, also nur für einen bestimmten Zeitraum tätigen und gültigen Prozesskonstellation als ewige, spiegelt sich die prätendierte Allmacht einer bestimmten Eigentumsform über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Negierung von Weltprozess überhaupt. Marx und Engels haben dargelegt, dass adialektische Denkblockaden eigentumsbedingt sind: „Die interessierte Vorstellung, worin ihr eure Produktions- und Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, im Lauf der Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und Vernunftgesetze verwandelt, teilt ihr mit allen untergegangenen Klassen. Was ihr für das antike Eigentum begreift, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum“. 14. Der Kern der marxistischen Weltveränderung ist die revolutionäre Veränderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse. Ricardo zum Beispiel stößt auf diesen Kern nicht vor, weil er das Wesen begreift wie Newton seine Prinzipien, für immer gegeben. Dennoch waren die Forschungen Ricardos wissenschaftsgeschichtlich nicht nichtig so wie der mechanische Materialismus für den dialektischen durchaus eine Bedeutung hatte. „Die Dinge mußten erst untersucht werden, ehe die Prozesse untersucht werden konnten“. 15. Lenins Feststellung, dass auch die Wesenheiten der Dinge vergänglich sind, ist auf den Marxismus selbst anzuwenden, insofern er als wissenschaftlicher Sozialismus das Wesen der letzten in Klassengesellschaften möglichen Gesellschaftswissenschaft ausmacht. Der Marxismus versteht sich als Anleitung zum Handeln gegen die bürgerliche Klassengesellschaft, um diese zu überwinden. Im vollendeten Kommunismus entfällt diese Anleitung und er geht einher mit der wissenschaftsgeschichtlichen Entwertung des Marxismus. Im Erlischen des Klassenkampfes erlischt auch der Marxismus als die letztmögliche Gesellschaftswissenschaft in einer Klassengesellschaft, die die Klassengesellschaft negiert (hat). Der Kommunismus strebt nicht die Weltherrschaft an, sondern die Welt ohne Herrschaft, eine Welt ohne Marxismus. Der Marxismus ist nicht ewig. Steht endlich der Mensch im Mittelpunkt und nicht mehr der Profit, könnte es gut sein, dass die Humanmedizin die Sonne ist, um die alle anderen wissenschaftlichen Disziplinen kreisen, denn materieller Wohlstand und Überfluss ist ohne Wohlbefinden verdrießlich. Die neuzeitliche Philosophie hob an mit Descartes, der der Medizin bereits einen hervorragenden Platz in der Welt der Wissenschaften einräumte.

Wir hatten gesehen: Rousseau, Kant und Hegel war der Durchbruch zu einem wissenschaftlichen Weltbild nicht gelungen. Sie erlagen der Selbsttäuschung der Philosophen, dass nur die Kraft des  reinen Gedankens sie vorantreibe. „Im Gegenteil, was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie“ 16. Hinter den vordergründigen ideologischen Triebkräften standen andere Triebkräfte, die einen sehr bestimmenden Einfluß auf die Gestaltung ideologischer Theorien hatten. Die theoretischen Sätze der Kommunisten sind keine Ideen von Weltverbesserern; um sie zu entwickeln, musste sich erst der fundamentale Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie so weit vereinfacht haben, dass die wissenschaftliche Erkenntnis und Lösung der gesellschaftlichen Grundfrage der Aufhebung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen möglich werden konnte. Je reiner die Gestalt der Ausbeutung der Lohnarbeiter durch die Kapitalisten realgeschichtlich in Erscheinung tritt, desto besser zeichnen sich die Konturen des auf beide Klassen zukommenden Klassenkampfes ab, „ohne irgendwelche verwirrenden Besonderheiten“ 17. Es besteht offensichtlich eine Wechselbeziehung zwischen der Reinheit von Klassenkampfkonstellationen und der objektiven Erkenntnistiefe der Gesellschaftswissenschaften und eine zwischen der Entfaltungshöhe der Produktivkräfte und der dialektischen Methode, die Friedrich Engels als „unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe“ 18. bezeichnete. Die treibenden Ursachen der Geschichte konnten vor der technisch-industriellen Revolution nicht ermittelt werden, erst durch sie ist deutlich geworden, dass die Geschichte eine von Klassenkämpfen ist. Dies in seiner Gedoppeltheit einmal erkannt, bedeutet das Ende jeder Metaphysik der Geschichte. Ihr Ende wird nachdrücklich im Manifest der Partei von 1848, eine véritable Bürgerkriegsschrift, verkündet: „Die Anklagen gegen den Kommunismus, die von religiösen, philosophischen und ideologischen Gesichtspunkten überhaupt erhoben werden, verdienen keine ausführlichere Erörterung“. 19. Vor dem Manifest hatte Marx bereits geschrieben: “Aber in dem Maße, wie die Geschichte vorschreitet und mit ihr der Kampf des Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie (die Arbeiter/H.A.) nicht mehr nötig, die Wissenschaft in ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur sich Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen abspielt, und sich zum Organ desselben zu machen“. 20. und nach dem Manifest:  “Eine Klasse, worin sich die revolutionären Interessen der Gesellschaft concentriren, sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären Thätigkeit, Feinde niederzuschlagen, durch das Bedürfniß des Kampfes gegebene Maßregeln zu ergreifen; die Consequenzen ihrer eigenen Thaten treiben sie weiter. Sie stellt keine theoretischen Untersuchungen über ihre eigene Aufgabe an.” 21. In der Commune unternahm die Pariser Arbeiterklasse den Versuch, sich ohne besondere intellektuelle Führer zu organisieren, zugleich zeigten diese Klassenkämpfe in Frankreich 1780 / 1781, zu welcher Brutalität bloße Kopfarbeiter fähig sind. Lenin zog die richtigen Konsequenzen aus der barbarischen Niederschlagung der Commune: Das Wesen des Dinges ‚proletarische Revolution‘ liegt in der völligen Vernichtung der Bourgeoisie als politisch-klassenkämpferische Konsequenz der Zerstörung der Geschichtsmetaphysik. 22.

Sich zum Organ dessen zu machen, was sich vor unseren Augen abspielt – sind die Triebkräfte der Triebkräfte erst einmal freigelegt, erübrigt sich jede metaphysische Fragestellung. Es ist ebenso wenig ein Zufall, dass in demselben Jahr, in dem die letzten großen französischen Metaphysiker des 17. Jahrhunderts, Malebranche und Arnauld starben, Helvétius und Condillac geboren wurden, wie  es ein Zufall ist, dass der Beginn der technisch-industriellen Revolution und das Geburtsjahr Hegels zusammenfallen ? Zwischen ihr und der Entwicklung dialektischen Denkens besteht ein Korrespondenzverhältnis: „Wie die Bourgeoisie durch ihre große Industrie, die Konkurrenz und den Weltmarkt alle stabilen, altehrwürdigen Institutionen praktisch auflöst, so löst diese dialektische Phiolosphie (Hegels/H.A.) alle Vorstellungen von endgültiger absoluter Wahrheit und ihr entsprechenden absoluten Menschheitszuständen auf“. 23. Der permanenten Produktionsrevolution in der gesellschaftlichen Praxis konnte nur ein dialektisches Denken in den Natur- und Gesellschaftswissenschaften entsprechen. Im Gegensatz zur modernen Bourgeoisie war die unveränderte „Beibehaltung der alten Produktionsweise … die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen“ 24. Und gerade, als die fortschrittliche industrielle Bourgeoisie gegen die feudale Beibehaltung der Hemmnisse ihrer Entfaltung rebellierte, fand sie in Rousseau, in Diderot, der sich intensiv mit der bereits Dun Scotus bewegenden Frage befasste, wie sich Intelligenz aus Materie entwickeln könne, und in Darwin, der unter strenger Tatsachenbeachtung den Nachweis erbrachte, dass die heutigen organischen Produkte der Natur Resultate eines langen Entwicklungsprozesses aus ganz wenigen,  anfangs nur einzelligen Keimen sind, ihr würdige Denker. Darwin, dessen Hauptwerk „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“ Ende November 1859 in London, der Stadt, in der Karl Marx wohnte, erschien, hatte, nach einem Ausdruck von Engels, die Teleologie kaputt gemacht, er hatte in der Naturgeschichte eine wissenschaftliche Leistung vollbracht analog der von Marx in der Geschichtswissenschaft. Am Grab von Karl Marx wies Engels auf die große wissenschaftliche Leistung Darwins hin: Wie Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte entdeckte, so Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur.  25.

1. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,39. Es ist deshalb im Zuge der bürgerlichen Emanzipation nur folgerichtig, daß Marat die Wissenschaft von der Politik für die wichtigste hielt, für Napoleon war die Politik eine unentrinnbare Schicksalsmacht.

2. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,306

3. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,95

4. Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,180

5. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1980,115

6. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Sämtliche Werke, Herausgegeben von Georg Lasson, Band XX, Jenenser Realphilosophie, Herausgegeben von Johannes Hoffmeister, Leipzig, 1931,232

7. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960, 27

8.  Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, in: Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang, Verlag der sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin, 1946,132. „… die Wahrheit ist in der Einbildung des Ideologen etwas, was sich nicht auf bestimmte, materielle Verhältnisse, sondern nur auf sich selbst bezieht“ (Moses Hess, Die ‚ewigen Wahrheiten‘ der Bourgeoisie, Deutsche Brüsseler Zeitung vom 11. November 1847, in: Der deutsche Vormärz, Texte und Dokumente, Reclam Verlag, Stuttgart, 1967,251). Wenn alles von der Zeit, vom Raum und von den Bedingungen abhängt, so ist das menschliche Wissen immer nur relativ, nicht absolut, wie Hegel meinte. Die Geschichtsschreiber kommen nicht umhin, immer auch Geschichtsschreiber des Todes zu sein.

9. Karl Marx an Arnold Ruge: Kreuznach, im September 1842, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,344

10. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,471. „Die kapitalistische Ordnung, die die Abhängigkeit der Arbeiter vom Kapital steigert, schafft gleichzeitig die gewaltige Macht der vereinigten Arbeit“ (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,7).

11. Lenin, Konspekt von Hegels ‚Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Die eleatische Schule, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Reclam Verlag, Leipzig, 1986,179. Diese Bestimmung Lenins schließt die Auflösung der uns bekannten Sonnensysteme nicht aus, sondern ein, der Kommunist Friedrich Engels wusste als Naturwissenschaftler, lange vor dem Aufkommen der Ökologiebewegung, dass der Bewohnbarkeit der Erde für Menschen eines Tages ein Ende gesetzt sein wird.  (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,268).

12. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,480

13. a.a.O.

14. a.a.O.,478

15. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,294

16. a.a.O.,277

17. Lenin, Was sind die ‚Volksfreunde‘ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,303

18. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,293

19. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,480

20. Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Marx Engels Ausgewählte Werke Band I, Dietz Verlag Berlin,1974,302. Siehe auch folgende Ausführung in Lenins erster fundamentalen politischen Schrift: Für den Klassenkampf sei es keinesfalls erforderlich, den Arbeiter „durch irgendwelche ‚Perspektiven‘ mitzureißen – dazu ist nur erforderlich, daß man ihn über seine Stellung aufklärt, über die politisch-ökonomische Struktur des ihn unterdrückenden Systems und über die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit des Klassenanatgonismus in diesem System. Diese Stellung des Fabrikarbeiters im Gesamtsystem der kapitalistischen Verhältnisse macht ihn zum einzigen Kämpfer für die Befreiung der Arbeiterklasse, denn erst das höchste Entwicklungsstadium des Kapitalismus, die maschinelle Großindustrie, bringt die für diesen Kampf notwendigen materiellen Bedingungen und sozialen Kräfte hervor“.  (Lenin, Was sind die ‚Volksfreunde‘ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,303f.). Es war und ist die Überzeugung der wissenschaftlichen Sozialisten, im doppelt vogelfreien Proletarier (frei von Produktionsmitteln und frei von einem Stück Ackerland) die empfänglichste soziale Kraft für die Ausführung ihrer Theorie zu finden.

21. Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin 1977,126. „Zur wirklichen Bourgeoisie werden sich die Proletarier verhalten, wie zu einem Feinde, den man nicht theoretisch zu widerlegen, sondern praktisch unschädlich zu machen sucht“ (Moses Hess, Die ‚ewigen Wahrheiten‘ der Bourgeoisie, Deutsche Brüsseler Zeitung vom 11. November 1847, in: Der deutsche Vormärz, Texte und Dokumente, Reclam Verlag, Stuttgart, 1967,252). Heute ist in den Gesellschaftswissenschaften nicht mehr die Frage angesagt, ob man die Bourgeoisie vernichten muss, sondern nur noch die Frage: wie ?

22. Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,425. In der Frage des Zieles war sich Lenin mit den Anarchisten einig. Bakunin, am Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn auch ein Schüler Hegels, hatte 1842 in den ‚Deutschen Jahrbüchern für Wissenschaft und Kunst‘ einen Aufsatz veröffentlicht, den er mit „Die Reaktion in Deutschland“ überschrieb, die er so sehr hasste, dass ihm der Satz unterlief: „Laßt uns  darum dem ewigen Geiste vertrauen, der nur deshalb zerstört und vernichtet, weil er der unergründliche und ewig schaffende Quell allen Lebens ist. Die Lust der Zerstörung ist auch eine schaffende Lust !“

23. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,267

24. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,465

25. „Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte. die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt“. (Friedrich Engels, Das Begräbnis von Karl Marx, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,335f.).

Die deutsche Arbeiterbewegung ist die Erbin der deutschen klassischen Philosophie (Friedrich Engels)

6. Februar 2016

In der um die Jahreswende 1843/44 geschriebenen „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung“ wies Marx uns darauf hin, dass die revolutionäre französische Bourgeoisie 1789 nur zur Herrschaft über den alten Adel und Klerus kommen konnte durch ihre Fraternisierung mit dem ganzen französischen Volk. „Nur im Namen der allgemeinen Rechte der Gesellschaft kann eine besondere Klasse sich die allgemeine Herrschaft vindizieren“ (Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,388). Bereits die französische Aufklärung hatte vor 1789 mehr als die in anderen europäischen Ländern den Menschen nicht individualpsychologisch gedeutet, sondern primär als ein die gesamte Menschheit verkörperndes Wesen, die radikalen französischen Jakobiner gingen über das französische Volk hinaus und wollten die ganze Menschheit emanzipieren, das hieß, von feudalen Ständen befreien.  Die Geschichte der französischen Bourgeoisie nach 1789 ist die Geschichte der Freimachung dieser Klasse von der historisch notwendigen Fraternisierung, die angesichts des bereits in Keimform vorhandenen antagonistischen Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital ideologisch war.   1791 wird vom Parlament folgerichtig das Gesetz „Le Chapelier“ erlassen, dass einen Zusammenschluß der Lohnarbeiter als einen Rückfall in die Zunftzeit verbietet. Nicht unwichtig in dieser Freimachung von Fesseln, die die Revolution den Wohlhabenden geschmiedet hatte, ist die Tatsache, dass nach der Guillotinierung Robespierres die revolutionären Clubs Beitrittspreise einführten und diese ständig erhöhten, so fand eine Selektion der Mittellosen statt, die in Babeuf, der am 27. Mai 1797 hingerichtet wurde, ihren Sprecher gefunden hatten. Diese „Emanzipation“ geht über Napoleons Erklärung vom 15. Dezember 1799, dass die Revolution beendet sei, über die Niederschlagung der Pariser Insurrektion der Arbeiter in der 48er Revolution bis zur aus dem deutsch-französischen Krieg geborenen Pariser Commune, in deren gewaltsamen und gemeinsamen Niederschlagung durch französische und preußische Truppen sich der Kreis schloss. In ihr wurde der Beweis erbracht, “ … daß der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen Nachfolger des ehemaligen Feudalherren ansieht …“ (Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,321). Die Bourgeoisie war endgültig eine konterrevolutionäre Klasse geworden, statt Befreiung der gesamten Menschheit vom Feudalismus ‚Waffenbrüderschaft‘ mit dem neben Russland reaktionärsten Feudalstaat Europas zum gemeinsamen Abschlachten des Pariser Proletariats. Heute beim Bürgertum revolutionäres Potential zu suchen käme einem Unterfangen gleich, bei einem Bordellwirt edle Charkterzüge zu entdecken.

Eine ähnliche Bewegung ging auf dem Gebiet der Ideologie vor sich. 1770 wurde Hegel geboren, der auf allen Gebieten des Wissens die Notwendigkeit des historischen und objektiven Sinnes vertrat. Aber schon seine Rechtsphilosophie aus dem Jahr 1821 rechtfertigte die reaktionäre preußische Monarchie und während die Pariser Commune in Schutt und Asche fiel, wies der Wiener Farbrikant Mayer darauf hin, “ … daß der große theoretische Sinn, der als deutsches Erbgut galt, den sogenannten gebildeten Klassen Deutschlands durchaus abhanden gekommen ist, dagegen in seiner Arbeiterklasse neu auflebt“ (Karl Marx, Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,19). Marx stimmte in diesem Nachwort Mayer bei. Hatte die Bourgeoisie politisch die noch von Abbé Sièyes beschworenen Kollektivität des dritten Standes aufgegeben, so ideologisch den ‚großen theoretischen Sinn‘. In Deutschland kam aber noch das Unglück hinzu, dass dieses Land niemals eine wirklich revolutionäre Bourgeoisie gehabt hat. Friedrich Schiller wollte nicht wie radikale französische Jakobiner, von denen er sich abwandte, die ganze Menschheit mit Waffengewalt von feudalen Hemmnissen befreien, sondern hauchte lediglich einen kosmopolitischen Kuss „der ganzen Welt“. Auch Goethe bezog eine Position gegen den Jakobinismus und die Ablehnung der die staatsbürgerliche Gleichstellung für Juden bringende französischen Revolution aus Weimar sollte sich für die Weltgeschichte im XX. Jahrhundert verhängnisvoll auswirken. Der Grundstein für Buchenwald wurde in Weimar angefertigt. Noch im Vormärz hatte Moses Hess geschrieben, dass die lahme Opposition des deutschen Bürgertums es zu keiner Revolution mehr bringt (Vergleiche Moses Hess, Die ‚Ewigen Wahrheiten‘ der Bourgoisie, Deutsche Brüsseler Zeitung vom 11. November 1847, in: Der deutsche Vormärz, Texte und Dokumente, Reclam Verlag, Stuttgart, 1967,253).

Die bürgerlichen Feudalherren hatten 1914 nach dem Ausbruch des  ersten Weltkrieges gelechzt wie 1939 nach dem des zweiten.  Sie hatten am 10. Mai 1933 Bücher, die für gesellschaftlichen Fortschritt eintraten, verbrannt und auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 zur Endlösung der Judenfrage hatten alle Teilnehmer außer dem Konferenzvorsitzenden Reinhard Heydrich den Doktotgrad einer deutschen Universität. Die sogenannten ‚Helden vom 20. Juli‘ waren Feudalherren durch und durch und wollten Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion nach dem tödlichen Attentat auf ihn fortsetzten. Adenauer nahm nach 1945 Faschisten in den Staatsapparat auf mit dem „Argument“, schmutziges Wasser sei besser als gar kein Wasser. Der heutige Innenminister Thomas de Maizière ist der Sohn des deutschen Soldaten Ulrich de Maizière, der noch mit Hitler 1945 im Führerbunker unter der Reichskanzelei zusammenkam, um den bolschewistischen Welthumanismus doch noch niederzuringen und die proletarischen Jakobiner, insbesondere Politkommissare, auszurotten. Von 1966 bis 1972 war der Vater des heutigen Innenminister Generalsinspekteur der Bundeswehr und damit der ranghöchste Soldat der BRD. Ulrich de Maizière erklärte in einer Fernsehdokumentation mit leuchtenden Augen, dass das Charisma Hitlers durch seine krankheitsbedingte Hinfälligkeit noch zugenommen habe. Heute hetzt diese Kloakenbourgeoisie Soldaten der Bundeswehr, die während der Existenz des Warschauer Paktes als reine Verteidigungsarmee präsentiert wurde, in ein Land nach dem anderen, um bei der imperialistischen Neuaufteilung der Welt nicht zu kurz zu kommen. Wer heute von den sogenannten gebildeten Klassen Deutschlands noch irgendeine wissenschaftliche Leistung von weltgeschichtlichem Rang besonders auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften erwartet, gleicht einem Bauern, der in den Sand der  Sahara Samen für Wassermelonen einsetzt.

War es den Propagandisten der westdeutschen Millionäre bei einfältigen Menschen gelungen, die Bundeswehr als eine den Frieden liebende Armee unterzujubeln, so gelingt es ihnen heute bei unaufgeklärten Menschen, Deutschland als ein reiches Land auszugeben. Am 5. November 2015 erschien in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung ein Artikel von Linda Tonn mit der Überschrift: „Sind alle satt ? Immer mehr Kinder sitzen hungrig in der Schule“. Petra Günther, die Konrektorin der Peter-Ustinov-Schule in Hannover-Ricklingen, weiß aus Erfahrung: „Wenn ich vor der Klasse stehe, weiß ich, dass etwa die Hälfte der Kinder nicht gefrühstückt hat“. Die Kinder sind unkonzentriert, nervös, müde und klagen über Kopfschmerzen. Fürwahr ein Armutszeugnis ersten Ranges des spätbürgerlichen Schulsystems: Schmerzen statt Wissen … Kein Wunder, dass der große theoretische Sinn, der als deutsches Erbgut galt, abhanden gekommen ist. Es ist in einer proletarischen Revolution unabdingbar, der verfaulten Kloakenbourgeoisie die Erziehung der Kinder des deutschen Volkes aus der Hand zu nehmen, um sie einer Klasse anzuvertrauen, die „die Erbin der deutschen klassischen Philosophie“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,307) ist.