War Ernst May ein revolutionärer Architekt ? Sein Aufenthalt in der Sowjetunion von 1931 – 1933

Nicht alles, was die Utopisten dachten, ist durch die Umwandlung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft falsch geworden. In der Staatsutopie von Thomas Morus finden sich zur Zeit des Höhepunktes des deutschen Bauernkrieges die Gedanken, die gewählten Volksvertreter müssen den Wählern rechenschaftspflichtig sein und können von diesen jederzeit abgesetzt werden. Die Pariser Commune unternahm den Versuch, diese Prinzipien in die Weltgeschichte einzubilden. Campanella hatte in seinem Sonnenstaat die Institution der Ehe abgeschafft, in der Beibehaltung der Ehe hatte auch der utopische Sozialist Fourier vehement das entscheidende Manko der franzöischen Revolution gesehen. Der wissenschaftliche Sozialist Karl Marx hatte in der vierten Feuerbachthese als Ziel der Arbeiterbewegung die praktische Vernichtung der Ehe, in der die Sklaverei latent ist, ausgegeben. Diese These kann nicht ohne Einfluss auf die sozialistische Architektur bleiben: Wohn- Lebens- und Arbeisstätten sind kollektiv und nicht familiär zu konzipieren. Wie ich dem Artikel in der Roten Fahne vom 22. Januar 2016 „Ernst May – hervorragender Planer sozialistischer Städte“ entnehme, hat May das in seinen „Standardstädten“ mit in ihnen vorgesehenen Großküchen und Großbäckereien berücksichtigt. Etwas Verwandtes, Einküchenhäuser, war auch schon im zwischen 1926 und 1930 nach Plänen von Karl Ehn gebauten Karl-Marx-Hof im 19. Bezirk Döbling in  Wien konzipiert worden, den man als „das Versailles der Arbeiter“ bezeichnete. Wir müssen uns auch auf die archtitektonischen Konzepte politischer Gebäude im Sozialismus in klarer Abgrenzung vom bürgerlichen Parlamentarismus konzentrieren. Sicherlich müssen sie in einer Größenordnung (etwa von Sitzplätzen für Arbeiter und Arbeiterinnen) konzipiert werden, neben der sich ein bürgerliches Parlament wie eine Zwergmißgeburt ausnimmt. Denn im Verlauf einer proletarischen Revolution erwachen Millionen und Abermillionen bisher geschundener Menschen zu einem Selbstbewußtsein und zu politisch-militanter Kreativität. Nicht unerwähnt zum Thema „Ernst May – hervorragender Planer sozialistischer Städte“ sollte allerdings seine Befürwortung der Kommunistenverfolgung durch die deutschen Faschisten bleiben, am 26. März 1933 schrieb er zusammen mit seiner Frau Ilse in einem Brief an seine Schwiegermutter Hartmann aus Sirmione sul Garda: „Einverstanden sind wir mit der restlosen Unterdrückung  des Kommunismus in Deutschland“ (Ernst und Ilse May, Brief an Ilses Mutter, Luise Hartmann, vom 26. März 1933, in: Thomas Flierl, Standardstädte – Ernst May in der Sowjetunion 1930 – 1933, Texte und Dokumente, edition suhrkamp 2643, Frankfurt/M., 2012,443). Die Nazi-Barbaren rotteten ab 1933 bekanntlich zirka die Hälfte der KPD-Mitglieder aus. Zu erwähnen ist wohl auch der  Versuch von Thomas Flierl, Ansätze von May für die Zukunft in einer wirklich unakzeptablen Weise zu aktualisieren: „Der kommende Ökokapitalismus wird ein Mehr an Demokratie und Sozialismus benötigen“ (a.a.O.,41). Oh je ! Drei Luftblasen in einem Satz. Und so ein Wirrkopf war von 1998 bis 2000 Baustadtrat in Berlin-Mitte und von 2002 bis 2006 sogar Kultur- und Wissenschaftssenator Berlins. Sein Buch über Ernst May krankt denn auch ganz erheblich an der  fehlenden Dialektik von Revolution und Konterrevolution, hier beim Thema ‚Architektur‘ an der nicht entwickelten Alternative zwischen proletarisch-kollektiver und bürgerlich-familiärer Baukonzepten. Die Arbeiterbewegung ist lange hinaus über den reaktionär-utopischen Sozialisten Étienne Cabet ! In seinem 1840 publizierten Phantasieroman „Voyage en Icarie“ lebt jede Familie für sich, „ohne Dienstboten, und macht einen kleinen Haushalt für sich aus“ (Étienne Cabet, Reise nach Ikarien, Die Ordnung der ikarischen Gemeinshaft, in: Die Frühsozialisten 1789 – 1848, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,206). Die Abschaffung von Dienstboten macht noch keinen Sozialismus aus.

 

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