Idealismus Materialismus Hand- und Kopfarbeit

Für den Ultraidealisten Hegel konnte die Philosophie, wie einer Äußerung zu Solger’s nachgelassenen Schriften zu entnehmen ist, keinen anderen Endzweck haben als die Erkenntnis Gottes. Diese Festlegung, ja Verengung angesichts des Aufblühens der Naturwissenschaften zeichnete dafür verantwortlich, dass Hegel seine kritische Auseinandersetzung mit der französischen Aufklärung allein auf deren Kritik der Religion fixierte, ihre sozialpolitischen Entwürfe blieben für ihn peripher. Im Denken Hegels trat in krasser Form die Affinität des Idealismus zur Religion und Ideologie sowohl in naturwissenschaftlicher- als auch in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht zu Tage. Ist die Idee der Ursprung der Natur,  so muss es irgendwann einmal zu einer Weltschöpfung irgendeiner Art gekommen sein, ist die Idee der Ursprung der Natur, so verfallen  Kopfarbeiter zwangsläufig dem Irrtum, ihre Ideen seien Resultate reinen Denkens und nicht Resultate der Widerspiegelung von in Systemen der ökonomischen Organisation begründeten Klasseninteressen. Der Idealismus wäre vermutlich niemals eine bedeutende Strömung in der Geschichte der Philosophie geworden, wenn es dem Menschen nicht möglich wäre, geplante Arbeit von anderen Händen ausführen zu lassen, die es nach dem Geplanten durch eine wie immer geartete Priesterkaste zu dirigieren gilt. Mit dem Arbeitsbereich schrieb diese Kaste zugleich auch den Erkenntnisbereich vor und zensierte Erkenntnisse, die die Souveränität der Dirigenten anzutasten drohte. „Dem Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns, wurde aller Verdienst an der rasch fortschreitenden Zivilisation zugeschrieben …“. (Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379). Wissenschaftsgeschichtlich ist festzuhalten, dass der dialektische und historische Materialismus beansprucht und aufträgt, die Zusammenhänge in der Natur und in der Geschichte in den Tatsachen zu entdecken, so dass Philosophieren sowohl aus den Naturwissenschaften als auch aus der Geschichtswissenschaft weitgehend zu vertreiben ist. „Für die aus Natur und Geschichte vertriebne Philosophie bleibt dann nur noch das Reich des reinen Gedankens, soweit es noch übrig: die Lehre von den Gesetzen des Denkprozesses selbst, die Logik und die Dialektik“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,306). Die klassische Philosophie wird also nicht total zerstört, sondern Logik und Dialektik werden aufgehoben, wobei in der Frage der Dialektik die kritische Auseinandersetzung mit der idealistischen aufgetragen bleibt. Mit dieser wissenschaftsgeschichtlichen Bestimmung von Engels schließt sich der Kreis einer jahrhundertelangen Aristoteleskritik, die in der Aufklärung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die Teleologie wurde einer Zweckrationalität des Nutzens geopfert. Zwar hatte Aristoteles selbst gesagt, dass alle wissenschaftlichen Disziplinen nützlicher seien als die Philosophie, aber keine sei vortrefflicher als diese. Dieser letzte Satz war nun arg zerzaust worden. Das Kriterium der Nützlichkeit war deshalb so eingängig, weil alle bisherigen Produktionsweisen nur auf Erzielung der nächsten unmittelbaren Nutzeffekte der menschlichen und tierischen Arbeit aus waren. Indem die bürgerliche Aufklärung diese Beschränkung zu einem Ideal erhob und die Weltgeschichte quasi tautologisch werden ließ, ist Hegel zuzustimmen, dass die Aufklärung über sich selbst nicht aufgeklärt sei und nur über den Dingen stehe, weil sie nicht in den Dingen sei. Der Käufer der Ware ist nur als Käufer der Ware von Interesse, als Mensch ansonsten gleichgültig wie es die Ware für den Verkäufer nach ihrem Verkauf ist. Das Wort „Volkseigentum“ ist ein Fremdwort im Vokabular der bürgerlichen Gesellschaft, diese Tatsache allein zeigt schon ihren mittlerweile ekelhaften Charakter an. Ihre Ideologen kommen heute nicht umhin, dem Stammvater der bürgerlichen Gesellschaft ständig ins Gesicht zu schlagen. Ich meine Jean Jacques Rousseau, der das Glück der Völker vom Volkseigentum abhängig gemacht hatte. Während der theoretischen Vorbereitung der französischen Revolution hatte er seinen Zeitgenossen zugerufen: „Ihr seid verloren,  wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde keinem !“ Marx und Engels konkretisierten den pauschalen Aufruf Rousseaus auf das Privateigentum an Produktionsmitteln, das zum Glück der Völker vergesellschaftet werden muss. Entscheidend wird die technisch-industrielle Revolution: sie ermöglichte es, die Produktion ins Unendliche zu vermehren und Malthus mit seiner Populationstheorie zu widerlegen, sodann machte sie zur Produktionsbedingung, dass die Produktionsmittel nur noch gemeinsam, gesamtgesellschaftlich in Bewegung gesetzt und in Bewegung gehalten werden können. Der Kapitalismus hebt die Zersplitterung der Produktivkräfte mehr und mehr auf und entwickelt kollektive Strukturen, die Produktion ist bereits gesellschaftlich, die Früchte gehören aber nicht allen, schon gar nicht ihren Produzenten. Das sind aber nur die äußeren Bedingungen. Alles, was die Menschen bewegt, muss durch ihren Kopf hindurch. Der ökonomische und politische Klassenkampf genügt nicht, der ideologische, auf wissenschaftlicher Grundlage geführte Klassenkampf ist das dritte Element: Wilhelm Liebknecht pflegte zu sagen: „Studieren – Propagieren – Organisieren“, in diesem Dreischritt sind die Aufgaben des proletarischen Klassenkampfes umrissen. Lenin hatte stets betont, dass dem sozialistischen Bewußtsein der Massen der Arbeiter und Arbeiterinnen beim Umsturz, beim Aufbau und bei der Absicherung des Sozialismus eine zentrale Bedeutung zukommt. Es ist „die einzige Grundlage, die uns den Sieg verbürgen kann“. (Lenin, Was tun ? Brennende Fragen unserer Bewegung, Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin, 1960,363). Sinkt das sozialistische Bewußtsein der Arbeiterklasse, kommt es zur Herausbildung einer Kaste, die Wissen wieder zu Herrschaftswissen verstümmelt. Die geistige Enteignung der Völker geht ihrer materiellen voraus, auch die Konterrevolutionäre studieren, propagieren, organisieren.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: