Anthropologie

Ein Fundamentalsatz des historischen Materialismus lautet: Die Menschen machen  Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Helvétius, der am weitesten fortgeschrittene Gesellschaftstheoretiker der französischen Aufklärung, entwickelte diese Tatsache noch anthropologisch (siehe seine Schrift: „De l‘ homme, de ses facultés intellectuelles et de son education, London 1772), noch nicht als historisches Klasseninteresse. Die Schrift erschien erst ein Jahr nach seinem Tod, zudem noch im Ausland, denn auf jede offene Kritik an der Religion und an der Staatsordnung stand die Todesstrafe. Die Überwindung der Einseitigkeit der Anthropologie, eine Disziplin, die für Holbachs Rückführung der Religion auf einen Anthropomorphismus zeichnet und die noch für Feuerbach zentral war, ist nicht nur in der Studierstube erfolgt. Sowohl Diderot als auch Holbach gingen davon aus, dass man im ganzen Universum immer nur Menschen und keinen Gott finde, ihr anthropologischer Ansatz ließ sie auf die Priestertrugstheorie hereinfallen, die die gesellschaftlichen Wurzeln der Religion ignoriert. Das soziale Elend aber ist die Quelle der Religion und eines allgütigen Gottes, seine Überwindung ließe widerspruchsfrei auf eine Allgüte schließen, ein Schluss, der aber dann nicht mehr vorgenommen werden wird. Der Anthropomorphismus ist eine Kopie der rein subjektiven Fixierung des religiösen Menschen auf sich selbst, eine Wohlstandsgesellschaft wird zwangsläufig eine atheistisch ausgerichtete werden. Die Anthroplogie war einerseits progressiv im Rahmen der Erklärung der Religion und ihrer Kritik, andererseits auch reaktionär im Rahmen der Gesellschaftswissenschaften, insofern sie die Geschichte nicht als eine Massen- und Klassenbewegung erfasste. Bereits Luther hob den Einzelnen heraus und fertigte aus ihm einen Mönch, der sich selbst bespiegelt und sich zu Gott fixiert ohne Dazwischenkunft eines Priesters, Luther erneuerte die Religion unter einer Kritik an der Kirche. Die bürgerliche Aufklärung verstärkte diese Individualisierung durch eine Selbstdomestisierung der Triebe, die in der kantischen Aufklärung durch einen pietistischen Rigorismus ins Quadrat erhoben wurde. Kant stellte den normalen Menschen einem Priester und einem Seelsorger gleich, der genauso denken kann wie diese, wenn er nur sein Bequemlichkeit überwinde. Aber dadurch ist das Dialogische abgebrochen und das Brot der Kommunikation ist über die Jahrhunderte hart geworden. Die Linke gebärdet sich heute in verbaler Hinsicht kollektivistisch und bestätigt doch die Worte von Rosa Luxemburg: In jedem sibirischen Dorf herrsche mehr Humanität als unter deutschen Sozialdemokraten. Die derzeitige Erbärmlichkeit der Linken sollte nicht mit der Erbärmlichkeit der deutschen Vergangenheit und Gegenwart entschuldigt werden. Was den Linken heute vorrangig fehlt sind Berufsrevolutionäre Lenin’scher Prägung mit ihrer Vergatterung, die an Rigorismus in der Weltgeschichte ohnegleichen ist: Das Glück der Völker hängt an von der Kompetenzhöhe der Mitglieder des Schwertträgerordens.

Heinz Ahlreip
heinzahlreip@aol.com

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