Der Charakter des Imperialismus nach Lenin

In der in der Mitte des ersten Weltkrieges in Zürich im Frühjahr 1916 von Lenin verfassten Schrift: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, in der er unter Auswertung der Schriften führender bürgerlicher Ökonomen im Gesamtbild der kapitalistischen Weltwirtschaft ihre imperialistischen Zusammenhänge und internationalen Wechselbeziehungen mit der Weltpolitik darstellte, bezeichnete er den Imperialismus als ein besonderes historisches Stadium des Kapitalismus, in dem das Missverhältnis zwischen Industrie und Landwirtschaft noch größer geworden sei als bereits im klassischen Kapitalismus. Dieser Imperialismus sei in Europa, Amerika und in der Folge auch in Asien um die Jahrhundertwende, als der spanisch-amerikanische Bürgerkrieg (1898) und der Burenkrieg (1899 – 1902) stattfanden, im Kern von einem klassischen Konkurrenzkapitalismus, dessen Blüte in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu verzeichnen war, nach der Krise von 1873 nach und nach zu einem monopolistischen, parasitär-faulenden und sterbenden Kapitalismus mutiert, ein Prozess, der sich in der Krise von 1900 bis 1903 vollendete. Die Herrschaft des Kapitals und der Konkurrenz, die Dominanz des Warenexports wurden abgelöst durch die Herrschaft des Finanzkapitals, des Monopols und der Dominanz des Kapitalexports. Der Kapitalexport ist ein Mittel geworden, den Warenexport zu fördern. Jede Krise, besonders die wirtschaftliche, verstärke das Monopol mit seinen Institutionen von universalem Charakter. Die Produktion der ungeheuer wachsenden Industrie und das Kapital haben sich dermaßen konzentriert, dass sie monopolistische Kapitalistenverbände insbesondere der Schwerindustrie (Kohle, Eisen) hervorgebracht hat. „Einige zehntausend Großbetriebe sind alles; Millionen von Kleinbetrieben sind nichts“. (Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,201. Der englische Sozialliberale Hobson spricht von einer „neuen Finanzaristokratie“). Zugleich wird nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern alle Gebiete des öffentlichen Lebens der ökonomisch fortgeschrittensten Länder unabhängig von ihrer politischen Struktur von drei bis fünf Großbanken dominiert, die Resultate einer neuen Rolle der Banken geworden sind, die aus bescheidenen Vermittlern von Kapital zu allmächtigen Monopolinhabern gewachsen sind, die „fast über das gesamte Geldkapital aller Kapitalisten und Kleinunternehmer sowie über den größten Teil der Produktionsmittel und Rohstoffquellen des betreffenden Landes oder einer ganzen Reihe von Ländern verfügen“ (a.a.O.,214). Die Form einer allgemeinen Buchführung und Verteilung der Produktionsmittel auf gesellschaftlicher Stufenleiter sei gegeben, eine Tendenz, auf die Marx bereits im III. Band des Kapitals („aber auch nur die Form“) hinwies. Inhaltlich herrscht aber noch das Privateigentum, die Vergesellschaftung der Produktion ist eine formale. Im Laufe einer sozialistischen Revolution, in der alle Banken des Landes zu einer Nationalbank verschmolzen werden, die der Kontrolle durch Arbeiterräte unterliegen wird, werden sich diese Vorzeichen umkehren: bei einer gesellschaftlichen Produktion nach Plan liegt nur noch der Form nach zunächst Lohnarbeit vor. Unter imperialistischen Bedingungen hingegen haben einige Hundert Millionäre der Hochfinanz die ganze Wirtschaft zentralistisch unterjocht. Das monopolistische Industriekapital verschmilzt in Personalunion mit dem Bankkapital (oder es ‚verwächst‘, wie Bucharin treffend bemerkte) unter der Herausbildung einer Finanzoligarchie zum Finanzkapital, das die Epoche der Monopole erzeugt und das ohne Börse auskommt, Beamte aus der Regierung in den Bankdienst zieht, und das weltweit immer mehr ‚überschäumendes‘ Kapital statt Waren exportiert, Rohstoffquellen in Besitz nimmt und die Welt ökonomisch von internationalen Kartellen aufteilt, die den ganzen Weltmarkt, der dem Kapitalismus mit seiner Kombination von Binnen- und Außenmarkt eigentümlich ist, beherrschen. Es ist so entscheidend geworden, dass es sich Staaten unterwerfen kann oder sie nur formal selbständig lässt, wie zum Beispiel Portugal, das seit dem spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) unter dem Protektorat Englands steht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren alle kapitalistischen Staaten auf der Jagd nach Kolonien, der Kolonialbesitz hat im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts rapide zugenommen, aber ungleichmäßig: Frankreich zum Beispiel hat der Fläche nach im gleichen Zeitraum dreimal soviel Kolonien erworben wie Deutschland und Japan zusammen. 1852 sagte Disraeli, dass Kolonien Mühlensteine am Halse Englands seien, 1895 sagte Cecil Rhodes: „Das Empire ist eine Magenfrage. Wenn sie den Bürgerkrieg nicht wollen, müssen Sie Imperialisten werden“. Das Finanzkapital wirft seine Netze über die ganze Welt aus und gründet Banken und Niederlassungen in den Kolonien. Alle Beziehungen zwischen kleinen und großen Ländern werden nach und nach „Kettenglieder der Operationen des Weltfinanzkapitals“. (a.a.O.,268). Das Finanzkapital lässt in einem „tollen Kampf“ weltweit Ländereien erobern, „gleichviel welche, gleichviel wo, gleichviel wie“ (a.a.O., 266) und der Opportunismus (Sozialchauvinismus) in der Arbeiterbewegung arbeitet mit der imperialistischen Bourgeoisie darauf hin, „ein imperialistisches Europa auf dem Rücken Afrikas und Asiens zu schaffen …“. (Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,107). Die territoriale Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts ist vollendet. 1907 schlossen die US-amerikanische General-Electric Co. Und die deutsche AEG einen Vertrag über die Aufteilung der Welt. Der Planet ‚Erde‘ ist zum ersten mal in der Weltgeschichte völlig aufgeteilt, ist jegliche Herrenlosigkeit los geworden, was natürlich eine Neuaufteilung der Welt durch Kriege nicht ausschließt, sondern unvermeidbar macht. Der Übergang des Kapitals zum Finanzkapital ist mit einer Verschärfung des Kampfes um die Aufteilung der Welt verknüpft. Lenin spricht von einer „eigenartigen Epoche der kolonialen Weltpolitik“ (Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960. 259), die mit dem Finanzkapital verknüpft ist. Kapital ist in solch ungeheuren Mengen angehäuft, dass es exportiert werden muss. Die Flotten der imperialistisch führenden Länder sind zu Gerichtsvollziehern des Finanzkapitals geworden. „Der Kapitalismus ist zu einem Weltsystem kolonialer Unterdrückung und finanzieller Erdrosselung der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung der Erde durch eine Handvoll ‚fortgeschrittener‘ Länder geworden“. (a.a.O.,195). Es ist für das Finanzkapital die günstige Situation eingetreten, dass es ohne Rücksicht auf die bürgerliche Moral dem Ochsen das Fell gleich zweimal über die Ohren ziehen kann. Es macht Profit aus Anleihen und dann, wenn mit diesen Produkte des Anleihengebers gekauft werden. Die Vergesellschaftung der Produktion, insbesondere die der technischen Erfindungen und Vervollkommnungen hat ihr Höchstmaß erreicht und privatwirtschaftliche und Privateigentumsverhältnisse stellen nur noch eine faulende Hülle dar, allerdings, und darin hat Lenin bis heute Recht behalten, eine, die sehr zählebig sein kann, wenn sie vom Opportunismus gepflegt wird. (Vergleiche a.a.O.,308). Die Höhe der Möglichkeit der allseitigen Vergesellschaftung der Produktion ist fast erreicht, denn anders als im klassischen Kapitalismus der unabhängigen und zersplitterten Privatunternehmer, der kleinen und großen Betriebe, die für einen anonymen Markt produzierten, gelingt jetzt, nach Abwürgung der kleinen Betriebe, ein ‚ungefährer Überschlag‘ über alle Rohstoffe der Welt und ein ungefährer Marktüberschlag. „Aus den zersplitterten Kapitalisten entsteht ein einziger kollektiver Kapitalist“ (a.a.O. 218). Der Kreis der Magnaten des Bankkapitals, das als kleines Wucherkapital angefangen hat, die ein Land wirtschaftlich regieren, wird immer kleiner und das Bestreben kommt auf, einen Banktrust zu bilden, durch dessen riesiges Wucherkapital jede Kapitalverfügung erst möglich wird, wobei die Banken ihre größten Geschäfte mit Emissionen machen. 1. „Alle Verhältnisse des Wirtschaftslebens erfahren infolge dieser Wandlung des Kapitalismus eine tiefgehende Veränderung ?“ (a.a.O.,237). Lysis ist in seiner Untersuchung „Gegen die Finanzoligarchie in Frankreich“, die 1908 als Buch in fünfter Auflage erschien, zu dem Ergebnis gekommen, dass die französische Republik eine Finanzmonarchie ist ! „Die französische Republik ist eine Finanzmonarchie“, die volle Herrschaft der Finanzoligarchie; sie herrscht unumschränkt über Presse und Regierung“. (a.a.O.,238). Brutale Gewaltherrschaft, Dynamit gegen Konkurrenten, Parasitismus und politische Reaktion sind die Kennzeichen der imperialistischen Epoche. Wenn die Einnahmen der Kapitalanleger in England zum Beispiel fünfmal höher sind als die Einnahmen aus dem gesamten Außenhandel des Landes, kann man dann nicht von Parasitismus sprechen ? Von einem westlichen Parasitismus ? Und in der Politik ? „Das Finanzkapital will nicht Freiheit, sondern Herrschaft“. Dieser Satz Hilferdings ist zum geflügelten Wort geworden. Und die politische Reaktion auf der ganzen Linie ruft eine kleinbürgerlich-demokratisch-reaktionäre Opposition gegen den Imperialismus hervor. Lenin wird dann Kautsky vorwerfen, diese nicht zu bekämpfen, sondern sich mit ihr zu vereinen.

Summe der Emissionen in Milliarden Francs nach Jahrzehnten:

1871 – 1880 76,1

1881 – 189 64,5

1891 – 1900 100,4

1901 – 1910 197,8 (Siehe a.a.O.,243)

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