Eine Buchempfehlung der Roten Fahne der MLPD zur Pariser Kommune

In der Roten Fahne der MLPD vom 18. März 2016 erschien ein Artikel zur Pariser Kommune („Vor 145 Jahren: Erste Arbeitermacht der Welt“), zu dem auch eine Buchempfehlung beigegeben war: Thankmar von Münchhausen, 72 Tage Die Parsier Kommune 1871 – die erste „Diktatur des Proletariats“, Deutsche Verlags-Anstalt, München, 1. Auflage 2015, 527 Seiten, 24,99 €. Der Autor würde anhand einer riesigen Fülle von Originaldokumenten und Protokollen die spannende und widersprüchliche Geschichte dieser revolutionären Erhebung erzählen. Er habe Jahrzehnte in Paris gelebt, Bücher über die Geschichte Frankreichs geschrieben und war von 1976 bis 1998 Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Wenn das keine erste Adresse ist ?

Nun ist aber die FAZ ein Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, eine reaktionäre Zeitung, die das publizistische Flaggschiff der deutschen Konterrevolution darstellt. Das muss nicht heißen, dass die Autoren aus diesem „Saustall“ nur schlechte Bücher schreiben können, Ausnahmen können hier die Regel bestätigen. Übrigens „erzählt“ von Münchhausen nicht, sein Buch erhebt vielmehr einen wissenschaftlichen Anspruch. Es hat einen Anmerkungsapparat, eine umfangreiche Literaturliste und ein Register. Prüfen wir also, ob von Münchhausen eine Ausnahme von der Regel darstellt ? Eine Ausnahme wie Marx, eine wie Engels, eine wie Lenin, die ja keine proletarische Provenienz aufzuweisen haben.

In seiner Analyse der unvorbereitet ausgebrochenen Pariser Revolution arbeitet Karl Marx in seinem „Bürgerkrieg in Frankreich“ heraus, dass sich die bürgerliche Regierung in Versailles und die Kommune in Paris  antagonistisch zueinander verhielten: Stand die Thiers-Administration in Versailles in der Staatsfrage ganz in der Tradition des aufgeblähten Bonapartismus, so war die Volksbewaffnung in Paris nach Engels schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr, denn das bewaffnete Volk kann nicht über sich selbst herrschen. Im Frühjahr 1871 trafen in Paris, der Hauptstadt eines damals kleinbürgerlichen Landes,  zum ersten Mal, lässt man einmal die Februarinsurrektion von 1848 außer Acht,  die alte bürgerliche Ausbeuterwelt, die ein stehendes Heer, eine Polizei und einen Beamtenapparat zum Blutsaugen benötigt, und die neue Welt der vom Kapital befreiten Arbeit in einem Bürgerkrieg direkt aufeinander. Es prallten auch zwei Städte aufeinander: das Paris des Luxus und der jeunesse dorée und das Paris des Elends und der Plackerei, alibi balneae popinaeque, alibi proelia et vulnera. Die  brutalen Massaker der Konterrevolution hatten es nicht zu verhindern vermocht, dass sich aus dem Pariser Blutmeer die rote Fahne der ökonomischen Emanzipation der Arbeit erhob und seitdem der fortschrittlichen Menschheit voranleuchtet. Das Buch von Müchhausen beginnt dagegen mit einer anderen Sichtweise der Dinge. Er spricht gleich am Anfang der Kommune eine weltgeschichtliche und europäische Bedeutung ab und sieht in ihr nur zerstörerischen Terror. „In Erinnerung blieb die Kommune vor allem durch das Ausmaß der Zerstörungen und die große Zahl der Toten während des Endkampfes“. Das ist der vierte Satz des Buches und er geht d’accord mit der landläufigen Auffassung der Reaktion, dass das Elementare einer Revolution („vor allem“) Chaos und Anarchie, Mord und Totschlag beinhaltet. Er assoziiert das Wort ‚Kommune‘ direkt mit ‚Blut‘, mit „Abschlachten von politischen Gefangenen“ (S.96f.), mit Septemberwirren (S.159), mit Alkoholexzessen (um nur ein Beispiel zu nennen: ein angetrunkener Leutnant im Polizeigefängnis führt die Gefangenen ab / S.271), mit Zuhälterei (S.390), mit gestörter Rechtsfindung (Nentes Kapitel) und mit Plünderei (S.268f.). Das ist tiefster bundesrepublikanischer Antikommunismus der 50er Jahre, aus jeder dritten Seite tropft Blut und die alkoholisierte Unzivilisiertheit der Pariser Kommune heraus.  Fakt ist, dass die Kommunarden die Guillotine verbrannten und dass Lavrow in seinem Buch über die Kommune den Historiker Arthur Arnould mit der Aussage, noch nie sei eine Versammlung von Menschen mit einer Abscheu vor Blutvergießen und einer solchen unbesiegbaren Antipathie gegen die Todesstrafe zusammengenkommen, zitiert. (Vergleiche P. L. Lawrow, Die Pariser Kommune von 1871, Berlin (West) 1971,128).

Es wird übersehen, dass Marx und Engels im Kommunistischen Manifest ausführten, dass  im Laufe der proletarischen Revolution despotische „Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,481) unvermeidbar sind. Die Beschlagnahmung des Eigentums der Pariser Bankiers Pereire und Laffitte wird als ‚Plünderung‘ verkauft (S.268). In zwei Kapiteln, im achten und im neunten, unternimmt von Münchhausen den Versuch, die Pariser Arbeiterklasse als unfähig zu denunzieren, ihre eigene Emanzipation in die Hand  nehmen zu können: Die Überschriften lauten: „Chaotisches Regieren“ und „Die Kommune an der Macht“, darunter der Abschnitt: „Eine Volksarmee ohne Führung“ (S.275f.). Dahinter steckt die alte Sklavenhalterideologie:  die Ausgebeuteten können nicht ohne die Ausbeuter auskommen ebenso wie laut dem römischen Senator Menenius Agrippa der Kopf und die übrigen Körperteile nicht ohne den Magen auskommen können. Während Engels den Kommunarden Vaillant lobend hervorhebt, wirft von Müchhausen diesem Revolutionär „Verzettelung“ vor (S.248), generell wimmele es in dem Rat der Pariser Kommune nur so von Fehlbesetzungen (S.256), die Kommunarden hatten für ihn ‚keine Ahnung‘ gehabt, waren jenseits der Zivilisation („Was war von einer Sicherheitsbehörde zu erwarten,deren ‚bewaffneter Arm‘ nicht mehr aus Polizisten bestand – die waren von den neuen Machthabern stets als Feind angesehen und bekämpft worden -, sondern aus undisziplinierten Nationalgardisten? / S.267), denn sie hatten den „Boden des Rechts“ verlassen (S.263), es liege in der Pariser Kommune ein „Verlust der Rechtssicherheit“ (S.274) vor. Tatsache ist, dass die Kriminalität unter der Kommune rapide zurückging. „Keine Leichen mehr in der Morgue, keine nächtlichen Einbrüche und fast keine Diebstähle mehr; seit den Februartagen von 1848 waren die Straßen von Paris wirklich einmal wieder sicher, und das ohne irgendwelche Polizei“. (Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,311). Nun, wer sich hier also verzettelt, wer unzivilisiert ist, das ist vor allem von Münchhausen selbst ! Die Kommunarden hatten ein ganz klares Bewußtsein über die geschichtliche Bedeutung ihres politischen Handelns, in einer Proklamation des Zentralkomitees der Nationalgarde hieß es, dass es sich im Bürgerkrieg in Frankreich um den großen Kampf zwischen Parasitentum und Arbeit, zwischen Ausbeutung und Produktion handele. Im Wahlaufruf konnte man lesen, dass die Kommunerepublik für immer die Ära der Invasionen und des Bürgerkriegs abschließen werde. In einer ‚Erklärung an das französische Volk‘ hieß es, dass die Kommune das Ende der alten Welt von Regierung und Kirche, von Militarismus und Beamtenherrschaft, von Ausbeutung, Spekulation, Monopolen, Privilegien, dass sie die fruchtbarste Revolution in der Geschichte sei.  Die Geistlichkeit war im Denken der Pariser Kommune mitschuldig an den Verbrechen der Monarchie. Und es lag das klare Bewußtsein vor, dass der Blutzoll einer sozialen Revolution kaum ins Gewicht fällt zu den Kriegen, die die Bourgeoisie aus Habsucht führt: “ … es wäre besser, wenn die kurzen Schreckenstage wiederkehrten und das Blut einiger Elender vergossen wird, als dass diese das Blut von zehntausend Familienväter vergießen lassen …“ (so zu lesen in der revolutionären Zeitung ‚Père Duchene‘ / Zitat S.295 bei von Müchhausen). Die Kommune verweltlichte im Dekret vom 2. April 1871 Schulen und Krankenhäuser, von Münchhausen aber lobt den Proudhonisten  Léopold Paget-Lucipin, der die Augustinerinnen im Krankenhaus auf der Ile de la Cité nicht nach Hause schickte (S.245). Nach der Kommune hatte der Proudhonismus dann auch ausgespielt. Die Kommandeure der Nationalgarde im Generalsrang erkennt er nicht an, er setzt das Wort General in ‚Gänsefüßchen‘, wie die Springer-Presse in kalten Krieg einst „DDR“ schrieb. Schließlich zitiert er den Politiker und Arzt Clemenceau herbei, um sich von der medizinischen Fakultät wissenschaftlich bestätigen zu lassen, dass wir es bei der Kommune mit einem ‚pathologischen Phänomen‘ zu tun haben: „Die Revolution als Ausbruch von Massenwahnsinn: Diese Diagnose wird der Kommune anhaften“ (S. 147). Die Gegenrevolution unternahm Versuche, die Kommunarden als kranke Menschen, dem Wahnsinn verfallen, zu denunzieren (Vergleiche Florian Grams, Die Pariser Kommune, PapyRossa Verlag, Köln, 2014,65), Lullier, den General der Kommune, bezeichnet von Müchhausen als „vielleicht etwas verrückt, wie mancher,der in diesen Tagen nach oben kommt“ (S.160), die Revolutionäerin Louise Michel sei immer ein „äußerst überspanntes“ (S.428) Weib gewesen. Das trifft sich mit der Einschätzung von Émile Zola, für den die Kommunarden in der Regel „schwache Leute“ waren, „ein wenig verrückt vielleicht“ (Le Sémaphore de Marseille vom 17. August 1871). Um die Pariser Kommune als Massenwahnsinn zu denunzieren, wobei die Tatsache des Kollektivdrucks durch die preußische Belagerung von Paris, die Stadt war ab Anfang Oktober 1870 eingeschlossen gewesen,  argumentativ verwendet wird, greift er zum Mittel der Geschichtsfälschung: er lastet die Erschießung der reaktionären Generäle Lecomte und Thomas der Kommune an („Lynchmord von Montmarte“ / S. 159) und bestätigt die Deutung der Kommune durch die bürgerliche Konterrevolution, in deren Augen die Kommune ’staatsfeindliches Banditentum‘ ist (bis heute sind die Kämpfer von 1871 nicht rehabilitiert, trotz der Eingaben des Vereins „Freunde der Kommune“, eine Amnestie gab es 1880). Was wird hier verschwiegen ? Lecomte und Thomas wurden von ihren eigenen Leuten erschossen, nachdem Lecomte dem 81. Linienregiment viermal vergeblich befohlen hatte, auf wehrlose Frauen und Kinder zu schießen. Thomas hatte Mitte März 1871 dem Kriegsminister Le Flo der Thiers-Administration einen eigenen Plan vorgelegt zur „Ausrottung der Blüte der Pariser Kanaille“. (Vergleiche Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,294f.). Den personellen Hauptfeind der Kommune, den intriganten bürgerlichen Politiker und Napoleon-Verehrer Adolphe Thiers, stellt er in einem positiven Licht dar, während Marx ihn als ‚mischievous avorton‘ abkanzelte. Die Mitglieder des Rates der Kommune verrichteten ihre Verwaltungsarbeit nach Arbeiterlohn, von Münchhausen verfälscht diese Tatsache, indem er den Kommunarden Tagesgelder von 15 Franc andichtet, „das Doppelte oder Dreifache ( ?? !! Was denn nun ?) des Tagelohns eines Arbeiters“ (S.214), eine Quellenangabe fehlt natürlich ! Den Gipfel stellt allerdings die Übernahme der bürgerlichen Version dar, die Kommunarden hätten in einer Art Nerowahnsinn Paris mit Petroleum abbrennen wollen (S.362 und S.366f.). Es wurde das Bild von „Pétroleusen“, wüsten Weibern, die durch die Straßen schlichen, um Petroleum in Kellerfenster zu gießen und anzuzünden, fabriziert. Drei Viertel aller Brände im Bürgerkrieg, so der bürgerliche Stadthistoriker Stéphane Rials, seien von den Revolutionären gelegt worden. Das ist sehr strittig, aber Tatsache ist, dass die Verteidiger von Paris Zuflucht zum Feuer erst dann nahmen, „als die Versailler Truppen bereits mit den Massenmorden der Gefangenen begonnen hatten“ (a.a.O.,319). Paris war der Konterrevolution schon immer ein Dorn im Auge, Bismarck und Hitler wollten die Stadt ausradieren. Die Konterrevolution unter Thiers und MacMahon richtete schon während des Feldzuges gegen Paris ein Sondertribunal nach dem anderen ein („Wir müssen sie in  ihren Verstecken wie wilde Tiere verfolgen“. / Le Figaro vom 29. Mai 1871), das Seine-Departement blieb nach 1871 fünf Jahre im Ausnahmezustand, so wie Hitler einen speziellen Kommissarbefehl erließ. Auch hier fällt wieder ein trauriges Licht auf Émile Zola, für den die Massenhinrichtungen der Revolutionäre eine Notwendigkeit war (Le Sémaphore de Marseille vom 1. Dezember 1871). Für den Polizei-General Valentin war jeder Pariser Bürger schuldig schon allein dadurch, weil er während der Kommune in Paris geblieben war. 538 Kommunekinder wurden der Militärjustiz unterworfen !

Marx, der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus,  krönt sein  Werk über die Pariser Kommune mit den Sätzen: „Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebote ihrer Pfaffen ohnmächtig sind“ (Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,323). Bei Bakunin findet sich der bemerkenswerte Satz, dass die im Blut erstickte Pariser Kommune durch das Niedermetzeln nur lebendiger und machtvoller wurde in der Vorstellung und im Herz der Arbeiterklasse (Michail Bakunin, Die Kommune von Paris und der Staatsbegriff, in: Michail Bakunin, Gott und der Staat und andere Schriften, rororo 240/242, Rowohlt Verlag Hamburg, 1969,195f.). Ganz offensichtlich haben von Münchhausen, Karl Marx und Bakunin entgegengesetzte Erinnerungskulturen. Die Kommune wurde nach 72 Tage zusammengeschossen, weil die Produktivkräfte im Frankreich von 1870 noch nicht die Höhe hatten, einen Kommunestaat auf Dauer zu behaupten.

Die ökonomische Emanzipation der Arbeit beinhaltet, dass die bürgerliche Ausbeutergesellschaft durch einen höheren Typus der Arbeit abgelöst wird, durch eine bewußte Planwirtschaft, die die bisherige grundlegende organisierende Kraft in der anarchisch ausgerichteten kapitalistischen Gesellschaft ablöst, den Markt. In den bürgerlichen Revolutionen, die lediglich der Durchsetzung dieses Marktes dienten, wurde die zerstörerische Arbeit von den Massen übernommen, während die aufbauende Tätigkeit das Privileg der wohlhabenden bürgerlichen Minderheit blieb. Ganz anders war es in der Pariser Kommune, sie erregte den Zorn der Wohlhabenden gerade deshalb, weil in ihr die konstruktive Arbeit die Arbeiter und Arbeiterinnen selbst übernahmen: Die Kommune war nach Engels schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr mit allen Anlagen zum zukünftigen Einschlafen der Demokratie ! Zwar noch ein Staat, aber primär nur einer zur Unterdrückung der alten Ausbeutercanaillen, die sich in einer eindeutigen Minderheit befanden. Damit aber sind wir zur theoretischen Hauptkontroverse über die Kommune gekommen: zur Auseinandersetzung zwischen Karl Marx und Bakunin, denn die Anarchisten sträubten sich dagegen, dass die Kommune einen neuen Staatsapparat zu erzeugen habe. Ohne Zweifel ist Bakunins Werk „Die Kommune von Paris und der Staatsbegriff“, bereits 1871 erschienen, das die Pariser Kommune mit dem Licht des Anarchismus beleuchtet, hier als Primärliteratur ersten Ranges zu werten. Inhaltlich finden wir zu dieser Hauptkontroverse: ein neuer Typus des Staates – ja oder nein ?, die sich wie ein roter Faden durch die Schriften von Marx, Engels und Lenin zur Pariser Kommune zieht, bei Müchhausen  — nichts ! Das ist ungeheuerlich ! Die Kommune wird lediglich ausgegeben als „Modell für den Aufbau des Staates“ (S.9). Die menschliche Gesellschaft ist immer das Produkt des wechselseitigen Handelns der Individuen und seit dem Ausgang aus dem Urzustand und vor dem Erreichen des Kommunismus wird immer irgendwo, irgendwann , irgendwie am Staat gebaut. Man fragt sich doch, an welchem ? Am bürgerlichen oder am proletarischen ? Die Festlegung von Münchhausen ist näher betrachtet falsch, richtig muss es doch lauten: die Pariser Kommune war ein Modell für die Zerstörung des bürgerlichen Staates, der die Werktätigen knechtet, und ein Modell für den Aufbau eines Rätestaates, der historisch ein halber Staat war und in theoretischer Hinsicht für die kommende proletarische Revolution heute noch zu sein hat, da er die ehemaligen Ausbeuter knechtet. Der Marxismus hatte und hat in der Frage des Kommunehalbstaates sowohl gegen den Anarchismus als auch gegen den sozialdemokratischen Opportunismus zu kämpfen: gegen die Anarchisten galt es zu behaupten, dass in einer revolutionären Situation ein Staatsapparat noch notwendig sei, gegen den Sozialdemokratismus, dass dieser Staat nicht eine gewöhnliche parlamentarische Republik sein könne. (Vergleiche Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,53).

Lenin hat mit seinem Fundamentalwerk „Staat und Revolution“ der Arbeiterklasse eine wesentliche Vertiefung der Staatsfrage im marxistischen Kontext hinterlassen, im III. Kapitel: „Die Erfahrungen der Pariser Kommune vom Jahr 1871. Die Analyse von Marx“ finden wir noch heute das letzte Wort der Wissenschaft zur Pariser Kommune und es hätte einer ‚Roten Fahne‘ gut angestanden, ihre Leser und Leserinnen auf das ‚letzte Wort der Wissenschaft‘ zu diesem Thema hinzuweisen. Es gibt nur ganz wenige Texte in den Gesellschaftswissenschaften, die man in so kurzer Zeit durchlesen kann und die einen so reich beschenken. (Lenin Werke Band 25, S. 426 bis 445). Diese Passage von knapp zwanzig Seiten kostet nicht 24,99 € wie das hier zu besprechende Buch, sondern ist in jeder großen Bibliothek auch für Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger im Band 25 von Lenins Werken kostenlos einzusehen. Ob von Müchhausen von diesem Buch Kenntnis hat, wissen wir nicht, wir können hier nur die traurige Feststellung treffen, dass ein Schreiberling der FAZ es in seiner Literaturliste nicht aufführt. Wahrlich, die Börse hat andere Namen im Kopf ! Der Name Lenin wird einmal (!) erwähnt, aber mit Kinkerlitzchen: „Hinter Lenins Sarkophag im Mausoleum an der Kreml-Mauer hing eine rote Fahne der Pariser Kommune“. (S.449). Das ist alles ! Eine paar Zeilen zu Lenin ! Dagegen zwanzig Seiten zu Napoleon III: „Der Kaiser als Stadtplaner“. Sind diese Kinkerlitzchen 24,99 € wert ? Haarsträubendes in diesem Zusammenhang auch zur glorreichen Oktoberrevolution: „Aus der Revolte (!) der russischen Arbeiter- und Soldatenräte, die dem Vorbild der Kommunarden entsprachen, entwickelte sich die erste totalitäre (!) Diktatur des 20. Jahrhunderts“ (a.a.O.). Die bolschewistische Diktatur, die sich als Nachfolge“staat“ der Pariser Kommune verstand, war nicht totalitär, sondern zutiefst demokratisch, demokratischer als es eine bürgerliche Diktatur je sein kann, sie war eine Demokratie für die bisher Ausgebeuteten und eine Diktatur gegen die bisherigen Ausbeuter, denen das Wahlrecht entzogen worden war. Des weiteren meint von Münchhausen in der Pariser Kommune die Unterlegenheit der sozialistischen Wirtschaft gegenüber der Marktwirtschaft entdeckt zu haben (S.255), dazu ist er als langjähriger Mitarbeiter der FAZ geradezu verpflichtet. Von Müchhausen hat ein dickes Buch von 527 Seiten über die Pariser Kommune geschrieben – und aus ihr nichts gelernt ! Für ihn strebt der Kommunismus immer noch die Weltherrschaft an statt eine Welt ohne Herrschaft. Das sind eben die eingewurzelten Vorurteile der bürgerliche Ideologensoldateska. Man nehme den letzten Abschnitt des ersten Kapitels der ’72 Tage‘ mit der großmauligen Überschrift ‚Die Entstehung des Proletariats‘ zur Hand (Seite 26ff.). Von Münchhausen beschreibt hier Zustände des Pariser Arbeiterlebens, von der Entstehung des Proletariats erfahren wir — nichts ! „Was ist die Kommune, diese Sphinx, die den Bourgeoisverstand auf so harte Proben setzt ?“ (Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,298).

Ich glaube, ich habe keine Striche mehr nötig, die konterrevolutionäre Physiognomie von Münchhausens ist bereits fertig gezeichnet. Er spricht dem französischen Volk das Recht ab, Konterrevolutionäre zu bestrafen. Zu diesem Übel kommt noch hinzu, dass bei dem zweiseitigen Artikel in der  ‚Roten Fahne‘ der MLPD zirka die Hälfte der Seiten durch Kinkerlitzchen vergeudet wird, durch Bilder, die den wissenschaftlichen Sozialismus nicht einen Millimeter voranbringen. Anstatt fast eine viertel Seite mit der Abbildung des Titelcovers  des für die wissenschaftlichen Communeforschung überflüssigen Buches von Müchhausen zu verschleudern (S.37), hätte man im Text auf Lenins Vertiefung der Frage nach der weltgeschichtlichen Bedeutung der Pariser Kommune in seinem Fundamentalwerk ‚Staat und Revolution‘ hinweisen sollen, statt den Versuch zu unternehmen, den Arbeitern und Arbeiterinnen 24,99 € für Schrott eines Lügenbarons aus der Tasche zu ziehen. Es steht damit der gewichtige, leicht abgewandelte Satz von Robespierre im Raum: ‚Keinen Vertrag, keinen Waffenstillstand mit Personen, welche im Bunde mit dem publizistischen Flaggschiff der deutschen Konterrevolution nur auf die Ausplünderung des Volkes bedacht sind und welche diese Ausplünderung ungestraft zu vollbringen hoffen‘. Aber nicht der pekuniäre Schaden ist hier entscheidend, sondern der geistige. Bleibt nach Marx die Pariser Commune eine Sphinx für den Bourgeoisverstand, so bleibt für Lenin die Sozialdemokratie für den bürgerlichen Philosophen oder für den bürgerlichen Publizisten letztendlich „a  book with seven seals“. Das ist ja gerade der große Vorteil der weltweiten Arbeiterbewegung, dass ihre wegbestimmenden Wissenschaftler sowohl den Bourgeoisstaat als auch den Communestaat nach allen revolutionären Belangen hin ausleuchtet haben, während die Pariser Commune für bürgerliche Ideologen eine Sphinx bleiben muss. Durchdenken wir sorgfältig, was Lenin zum Verständnis der Sozialdemokratie durch bürgerliche Publizisten äußert und behalten wir dabei den FAZ-Publizisten von Münchhausen im Hinterkopf: „Ein bürgerlicher Philosoph oder ein bürgerlicher Publizist wird die Sozialdemokratie nie richtig verstehen, weder die menschewistische noch die bolschewistische Sozialdemokratie. Wenn er aber ein auch nur halbwegs kluger Publizist ist, so wird ihn sein Klasseninstinkt nicht täuschen, und er wird die Bedeutung der einen oder anderen Richtung innerhalb der Sozialdemokratie für die Bourgeoisie immer im Wesentlichen richtig erfassen, wenn er sie auch verkehrt darstellt. Der Klasseninstinkt unseres Feindes und sein Klassenurteil verdienen daher stets ernsteste Aufmerksamkeit jedes klassenbewußten Proletariers“ (Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Werke Band 9, Dietz Verlag Berlin, 1960,107f). Für die Beurteilung eines bürgerlichen Publizisten der FAZ geben diese Bemerkungen Lenins eine Menge her: 1. von Müchhausen kann seinen klassenantagonistischen Gegenstand, hier die Pariser Commune, nicht richtig verstehen, 2. was er richtig erfasst, basiert nicht auf seiner Ratio, sondern auf seinem Klasseninstinkt, vorausgesetzt er ist halbwegs klug. (Dieser bürgerliche Klasseninstinkt ist manchmal erstaunlich gut, siehe das Gesetz Le Chapelier vom 14. Juni 1791, in dem der Kern der Sache getroffen wird: wir Besitzbürger müssen vor allem die Vereinigung der Arbeiter verhindern !),  3. die Darstellung der Pariser Commune durch einen bürgerlichen Publizisten mit seinem falschen Bewußtsein muss daher notwendig falsch sein. Die Kommune ist für bürgerliche Ideologen eine Sphinx wie die Ware für sie eine Hieroglyphe bleibt, die zu entziffern sie vergeblich versuchen.

Wie kann es dazu kommen, dass eine Partei, die so großen Wert darauf legt, eine kleinbürgerliche Denkweise zu bekämpfen, einer großbürgerlichen, von jeher antirevolutionären Tür und Tor öffnet ?  Denn nichts anderes liegt vor, das Buch  ’72 Tage‘ ist ohne jeden kritischen Vorbehalt angepriesen worden, sogar von „people to people“.  Als sei es aus der proletarischen Denkweise geschöpft worden ? Einer proletarischen Denkweise muss präsent sein, dass die großbürgerliche Presse der Arbeiterklasse schädlich ist. Man studiere dazu einmal die 17. der sowjetrussischen ‚Thesen der sozialistischen Revolution‘ aus dem Jahr 1918 (Siehe Karl Kautsky, Die Diktatur des Proletariats, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand, Wien 1919,62).   Ein Publizist der FAZ kann natürlich nur dann eine proletarische Denkweise haben, wenn man  dem Klasseninstinkt unseres Feindes und seinem Klassenurteil nicht die ernsteste Aufmerksamkeit schenkt ! Man kann sich denken, in welchen Kreisen sich von Münchhausen in Paris herumgetrieben hat, bestimmt nicht in Kreisen, in denen eine proletarische Denkweise verfolgt wurde. Von Münchhausen wirft der Arbeiterklasse ein paar Bildungsbrocken hin wie etwa: Paris war 1870 die zweitgrößte Stadt in Europa (1,8 Millionen Einwohner), die Pariser Commune brach vier Jahre nach der Weltausstellung  aus, Paris galt als die größte Festungsstadt der Welt, der Versailler Justizminister Dufaure schlief im Schlafzimmer von Marie Antoinette … u.s.w., aber das Wesentliche, die Lehre für heute bleibt unerwähnt. Das Wesentliche konzentriert sich auf zwei Punkte: 1. Ist das Proletariat bewaffnet ? 2. Hat es den Bewaffnungs- und Ausbildungsstand erreicht, um das Ziel der Commune mit Aussicht auf Erfolg zu erreichen: die völlige Vernichtung der Bourgeoisie. Das ist der Kern der Sache ! Zur völligen Vernichtung der Bourgeoisie leistet von Münchhausen mit seinem Buch keinen Beitrag, im Gegenteil, wer sich mit der Pariser Commune derart dilettantisch auseinandersetzt, kann kein ‚Ami du peuple‘ sein. Liest man sein Buch, so kommt er einem wie ein feudaler Sozialist vor: er erweist sich als gänzlich unfähig, den Gang der modernen Geschichte zu begreifen und das Volk erblickt auf seinem Hintern die alten feudalen Wappen und verläuft „sich mit lautem und unehrerbietigem Gelächter“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,483). Es stellen sich nun zwangsläufig zwei Fragen: Hat man in der Redaktion der ‚Roten Fahne‘ das Buch über die Pariser Kommune von Müchhausen gelesen ? – dann liegt bei einer unkritischen Empfehlung eine Sabotage am wissenschaftlichen Sozialismus vor, oder hat man es gar nicht gelesen ? – dann ist diese Redaktion keinen Leser wert !

 

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