Archive for Mai 2016

Die Formen der Beziehungen unter den Menschen haben sich geändert

21. Mai 2016

Lenin wies uns den Weg: ‚Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes‘. Michail P. Gerasimow, ein Künstler des ‚Proletkultes‘, schrieb: ‚Das Herz in der Brust eines Bauern … eine elektrische Birne‘. So plump dieses Bild ist, so hölzern es klingt, richtig ist, dass durch eine Revolution alles pervertiert wird. Das zunächst an den französischen Arzt und mechanischen Materialisten La Mettrie erinnernde Bild verweist auf die Schwierigkeit des Revolutionärs, dass er sozusagen die Natur des Menschen austauschen muss, um aus dem verdorbenen Alltagsmenschen einen neuen Menschen zu formen, der jenseits steht. Der Revolutionär muss dem Menschen die ihm eigenen Kräfte rauben, um ihm fremde zu geben. Rousseau sah dies im ‚Gesellschaftsvertrag‘ als Aufgabe des Gesetzgebers an: aus einem natürlichen autonomen Anarchisten macht er einen Staatsbürger, einen künstlichen Menschen. „Mit einem Wort, es ist nötig, dass er dem Menschen die ihm eigenen Kräfte raubt, um ihm fremde zu geben, von denen er nur mit Hilfe anderer Gebrauch machen kann“. (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 2011,45). An die Stelle des Herzens setzt der revolutionäre Gesetzgeber eine Glühbirne ein, der Affe hat jetzt einen Personalausweis.

Das Kriterium einer erfolgreichen Revolution ist die fundamentale Veränderung der Beziehungen der Menschen untereinander.  „Die Stadt und alle Menschen waren wie ausgewechselt“, schrieb der Schriftsteller Konstantin Paukowskij in seiner 1955 erschienenen Autobiografie ‚Erzählung vom Leben‘ anläßlich der russischen Februarrevolution von 1917. Solange die Familie, der Staat und das Privateigentum existieren, also das, was Marx und Engels in der ‚Deutschen Ideologie‘ als „die ganze alte Scheiße“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,35) bezeichnet hatten, und sie hatten verdammt Recht damit, solange kann kein Mensch auf der Erde frei sein. Die französische Revolution änderte an den Ketten der Sklaverei nichts, aber sie brachte den utopischen Sozialisten Charles Fourier hervor, der alle drei ‚heiligen‘ Säulen des bürgerlichen Gefängnisses theoretisch angriff. Während die bürgerlichen Wissenschaftler den Visionär Fourier als Spinner, wie Eugen Dühring gar als ‚Idioten‘ zu marginalisieren versuchten, stellte Engels ihn als Dialektiker auf eine Stufe mit Hegel. Heute klingt es auf Grund der ständigen Höherentwicklung des Kommunikationsnetzes und der Lernmittel und entsprechend geänderter Lernmethoden nicht mehr so bizarr, dass die Revolution einen höherentwickelten „Neuen Menschen“ hervorbringen wird, so dass es auf der Erde 37 Millionen Dichter wie Homer, 37 Millionen Mathematiker wie Newton und 37 Millionen Autoren wie Molière geben kann. Was Fourier für die Gegenwart und Zukunft Aktualität verleiht, sind seine Konzepte kollektiver industrieller und landwirtschaftlicher Arbeits- und Wohnformen, in denen eine Kultivierung der zwischenmenschlichen Sexualität eingeschlossen ist.

Erst die bolschewistische Oktoberrevolution als Weiterentwicklung der Pariser Commune, schuf in einer in der Weltgeschichte bisher einmaligen Aufbruchstimmung die Besen, um den ganzen bürgerlich-mittelalterlichen Dreck beiseite zu fegen. Die Produktionsmittel in der Industrie wurden vergesellschaftet, die Arbeit wurde wissenschaftlich organisiert und der bürgerliche Parlamentarismus wurde zerschlagen. Von gleicher Wichtigkeit war eine Kulturrevolution, deren Ansatz 1918 die Einführung einer Einheitsarbeitsschule für Kinder ab acht Jahren bildete. Sie war eine Schule ohne ‚Büffeln‘, denn in ihr waren Strafen, Prüfungen und Hausaufgaben abgeschafft. (Die Überlegung drängt sich auf, ob nicht bereits hier der Grundstein gelegt worden war für den Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht, deren Offiziere in wilhelminisch-weimarischen Zuchtanstalten dressiert worden waren, allzeit bereit, auch den idiotischsten Befehl Hitlers auszuführen). Auf dem ersten Allrussischen Arbeiterinnen- und Bäuerinnenkongress im November 1918 entwarf Aleksandra Kollontaj den kühnen Plan, den familiären Haushalt zu zerschlagen und die private Kinderbetreuung abzuschaffen. Das Ehegesetz war vereinfacht worden und Paare konnten sich per Postkarte scheiden lassen, was natürlich die Trennung von Staat und Kirche zur Voraussetzung hatte (Vergleiche Carmen Scheide, Veränderungen von Lebenswelten – Hoffnungen, Enttäuschungen, in: Heiko Haumann (Herausgeber), Die Russische Revolution 1917, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien, 2007,124f.). Der gleiche Lohn für die Frau für gleiche Arbeit war zur Selbstverständlichkeit geworden. Heute ist das nicht mehr der Fall, im Gegenteil, die Frau ist wieder eine Ware, die an westeuropäische Bordelle verhökert wird. Carmen Scheide, die 2002 eine Dissertation mit dem Titel: „Kinder Küche Kommunismus, Das Wechselverhältnis zwischen Alltagsleben und Politik am Beispiel Moskauer Arbeiterinnen während der NEP 1921 bis 1930“ vorgelegt hat, weist im Zusammenhang mit den Bestrebungen, den Gegensatz zwischen Stadt und Land in der Sowjetunion aufzuheben, auf interessante Konzepte hin: Die Pläne reichten von einer vollständigen Urbanisierung des Landes bin hin zur völligen Auflösung aller Städte und Dörfer. Stattdessen sollten Wohneinheiten dezentral in einem fortlaufenden Park angelegt werden (Vergleiche a.a.O.,128).  In den städtebaulichen Konzepten war der Gedanke fest verankert, dass Wohnkomplexe durch Grünanlagen vor den Nebenwirkungen der Industriekomplexe zu schützen sind. Leonid M. Sabsovic hatte ein Stadtkonzept mit Wohnkombinaten vorgelegt, das eine Existenz einer bürgerlichen Familie bereits ausgeschlossen hatte. Jeder Person stand ein Zimmer mit gleicher Möblierung zur Verfügung und Kinder sollten ausschließlich von staatlichen Pädagogen in besonderen ‚Kinderhäusern‘ erzogen werden. Man denkt unwillkürlich an Fouriers ‚Phalanstères‘.

Die Oktoberrevolution beinhaltete einerseits die Auflösung der starren Geschlechtertrennung, der ‚Neue Mensch‘ wurde als ein doppelgeschlechtliches Wesen vorgestellt, andererseits brachte sie eine neue Raumorientierung. Es wäre verkürzt, die bolschewistische Revolution ausschließlich als eine global-terristische zu begreifen, es wurde wörtlich genommen, dass Karl Marx die Pariser Communardinnen und Communarden von 1871 als „Himmelsstürmer“ bezeichnet hatte.  Romane wie Bogdanows „Der rote Stern“ und Ciolkowskys „Außerhalb der Erde“ deuten darauf hin, dass eine Affinität zwischen Revolution und Weltraumforschung bestand, Ciolkowsky avancierte bald zum „Vater der sowjetischen Raumfahrt“, nachdem Lenin ihm 1921 wegen besonderer Verdienste als Gelehrter und Erfinder eine Pension auf Lebenszeit zuerkannte (Vergleiche Michael Hagemeister und Julia Richers, Utopien der Revolution: Von der Erschaffung des Neuen Menschen zur Erobrung des Weltraums, in: Heiko Haumann (Herausgeber), Die Russische Revolution 1917, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien, 2007,140). Während die klassische bürgerliche Revolution aus Frankreich sich durch den Russlandfeldzug Napoleons 1812 in den Weiten Russlands verlief, war die proletarische Revolution durch die Weltraumflüge Gagarins (1961) und Tereschkowas (1963) in den Weiten des Universums bahnbrechend.

Heinz Ahlreip

Advertisements

Gehören der Islam und das Christentum zu Deutschland ?

20. Mai 2016

Im finsteren Mittelalter, als die Philosophie als Vertreterin der Wissenschaft die Magd der Theologie, des Glaubens war, wurden Frauen als Hexen verbrannt und fürchterliche Religionskriege geführt. Sekten wie die im Namen der handwerktreibenden städtischen Bevölkerung gegen den Feudalismus auftretenden Albigenser wurden ab 1209 in einem fürchterlichen Kreuzzug, zu dem Papst Innocenz III. aufgerufen hatte, dezimiert und Ketzer mit damals fortschrittlichem Gedankengut wurden als Abweichler verfolgt, oft getötet. Der fortschrittliche Wissenschaftler Bruno, der das Kopernikanische Weltbild vertrat, wurde am 16. Februar 1600 zu Rom auf Geheiß der Inquisition verbrannt, 1633 hatte Galilei dieser famosen Institution Rede und Antwort zu stehen. Er widerrief, während die Lektüre der ungeheuer wertvollen, philosophisch ungeheuer reichhaltigen Werke Brunos, der nicht widerrief, noch heute Katholiken verboten ist. Das Aufkommen der urban ausgerichteten Albigenser kündigte an, dass eine neue Klasse auf den Schauplatz der Geschichte getreten war, die Bourgeoisie, die ideologisch gegen den Katholizismus, der eine ideologische Stütze des Feudaladels war, auftreten musste und dies damals nur in Gestalt der protestantischen Ketzerei tun konnte. Luther warf 1517 der ganzen katholischen Theologie den Fehdehandschuh hin und die von den Feudalherren geknechteten Bauern interpretierten die von Luther übersetzte Bibel auf ihre Art: ‚Als Adam grub und Eva spann, wo blieb denn da der Edelmann ?‘ Von allen Klassen, die damals gegen den Feudaladel aufstanden, waren die Bauern die fortschrittlichsten und vor allem die einzigsten, die wirklich mit der Waffe in der Hand Geschichte geschrieben haben, das feige Bourgeoispack in den Städten ließ sie im Stich. Aber wie reagierte der große Reformator Dr. Martin Luther, den Müntzer ‚Doktor Lügner‘ nannte, auf den Krieg der Bauern gegen ihre Blutsauger ? Der Reformator ergriff sofort Partei, indem er die aufrührerischen Bauern für vogelfrei erklärte und öffentlich aufrief, man solle sie totschlagen, sobald man ihrer habhaft werde („Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“). Dass die Bauern den ‚Zehnten‘ abschaffen wollten, widersprach seiner Intention, alle Laien in Pfaffen zu verwandeln. 1. Der ganze perverse mittelalterliche Dreck in Deutschland, Marx spricht von „Menschenkehricht“ 2., wird im kommenden Jahr die 500. Wiederkehr des Lutherischen Thesenanschlags an die Schlosskirche zu Wittenberg gedenken und den Mann feiern, der zum Massenmord am deutschen Volk aufgerufen hat. Ich weise in diesem Zusammenhang schon heute auf die sehr tiefe und treffende Bemerkung von Friedrich Engels hin, dass die lutherische Reformation Deutschland zugrunde gerichtet hat. 3. Die Reformation in Deutschland konnte keine entscheidende Bresche in den historisch überholten Feudalismus schlagen, erst die französische bürgerliche Aufklärung, die radikalste in Europa, vermochte dies. Sie brachte der damaligen Menschheit wirklich Licht und ging gegen alles mittelalterliche Gerümpel bis zur Verkündung des Atheismus vor. Keinem ideologischen Vertreter der bürgerlichen Aufklärung, weder Voltaire noch Diderot, weder Holbach noch d‘ Alembert wäre jemals der Satz über die Lippen gekommen: ‚Der Islam gehört zu Frankreich‘. Im Gegenteil, Voltaire fand für die Gefahr, die von der Aggressivität des Islams ausgeht, in seiner von Goethe ins Deutsche übersetzten Tragödie ‚Le Fanatisme ou Mahomet le Prophète‘ ‚ deutliche Worte. Als dieses glänzende Werk 1993 in Genf aufgeführt werden sollte, intervenierten Grüne (wen wundert’s !?) und Islamisten gegen diese Aufführung. Der grüne Kulturminister des Kantons Genf, Alain Vaissade, entblödete sich als erster mit der Behauptung, Voltaire verletze religiöse Gefühle. 4. Gibt es einen besseren Beleg für den fortschrittlichen Charakter der französischen Aufklärung als die Tatsache, dass im Vorbereitungsjahr zu Voltaires 300. Geburtstag, mittelalterliche Dunkelmänner auf den Plan treten, um wie im Mittelalter die Aufführung eines Theaterstücks zu verbieten ? Das war ein Angriff auf die französische bürgerliche Aufklärung, die es als einzige geschafft hatte, sich ganz aus der christlichen Bevormundung zu befreien und die Wissenschaft an die erste Stelle zu setzen. Und eine klassisch zu nennende Aufklärung hatte ein klassisch zu nennende Revolution im Gefolge, hatte diese ‚Revolution sondergleichen‘ (Lenin) ideologisch vorbereitet. Und worin symbolisierte sich die bürgerliche Revolution, die einzig wirkliche in Europa ? Delacroix, einer der großen Maler der Revolution, präsentierte uns eine „Marianne“ auf seinem großen Gemälde ‚Die Freiheit führt das Volk‘, barbusig, als Ausdruck der Befreiung von inhumanen Zwängen, die Renaissance des Matriarchats andeutend.  (Und hatte nicht Rousseau im Gesellschaftsvertrag geschrieben, dass der freie Mann es liebt, nackt zu kämpfen ?). So stehen sich zwei Frauenbilder, ja zwei Menschenbilder gegenüber: die barbusige Marianne und die Allah folgenden Frauen, die ihren ganzen Körper so verhüllen müssen, dass man, so der Sinn des Korans,  keine weiblichen Konturen mehr erblicken kann. Noch 1927 wurden in Usbekistan 250 Frauen von ihren Männern getötet, weil sie ohne Schleier auf die Straße gegangen waren. Hier kann es keinen gemeinsamen Nenner geben. Wir brauchen uns den Anblick dieser islamischen Nonnenkluft, dieser Vogelscheuche im Weichbild der Metropolen Europas nicht bieten  lassen. Schleudern wir diesen ganzen perversen militant auftretenden mittelalterlichen Dreck dorthin, wo er hergekommen ist, an die Ziegenberge Anatoliens und an die des Hindukusch ! Das sind wir dem Toleranzgedanken der europäischen Aufklärung schuldig.

Die Reaktion ist heute bereits so dreist geworden, dass sie nicht nur gegen die marxistisch-leninistische Aufklärung angeht, sondern auch noch gegen die veraltete bürgerliche. Ihre eigene Klassenlage zwingt sie dazu. Marx hatte als ein Ergebnis der Pariser Commune früher als andere gesehen, daß der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen Nachfolger des ehemaligen Feudalherren ansieht“. 5. Das eröffnet dem Mullah mehrere Optionen: Während sich auf Paris, auf die Stadt der Aufklärung, der Wissenschaft, der Revolution, des ’savoir vivre‘, der Commune sein ganzer Hass richtet und er sich mit dem Herzog von Braunschweig, Bismarck und Hitler einig ist, diese Stadt, 1793 bereits von den Girondisten, 1871 von den Krautjunkern (décapiter et décapitaliser) angefeindet, auslöschen zu müssen, verfährt er gegenüber dem bigotten Deutschland, dieser laut Heinrich Heine „frommen Kinderstube“, anders. Für dieses Land besteht keine akute Terrorbedrohung. Hier wird auf eine andere Karte gesetzt: Der Mullah hofft durch einen islamisch-christlichen Dialog im Trüben zu fischen, sozusagen fifty-fifty zu machen und der Esel Wulff hat ihm bereits die Hand dazu gereicht. Oder ist etwa nicht wahr, dass im Februar 2015 rund um die Dresdner Frauenkirche 176 islamische Gebetsteppiche ausgerollt wurden ? Oder ist etwa nicht wahr, das im Februar des gleichen Jahres im Kölner Dom eine mit einem Kopftuch verhüllte Muslima bei einer christlichen Eucharasiefeier auf dem christlichen Altar ihren Propheten Allah mit Inbrunst anrufen konnte ? Oder ist etwa nicht wahr, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Bremer Pfarrer Latzel wegen Volksverhetzung ermittelte, weil er von der Kanzel entgegen dem Bundespräsidenten völlig zu Recht verkündetet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland ? 6. ‚Aufgeklärte Menschen‘ säuseln uns ins Ohr, man müsse zwischen radikalem und richtigem Islam, der weltweit am schnellsten wachsenden Weltreligion differenzieren. Nun, jedem Moslem obliegt es, dreimal in seinem Leben eine Wallfahrt zur heiligen Stätte Mekka zu unternehmen, dort kann man Kieselsteine auf drei monumentale Pfeiler werfen, die den Teufel verkörpern sollen. Und was passiert regelmäßig anläßlich dieser Haddsch ? Tausende werden zu Tode getrampelt, Hunderte bleiben vermisst ! Ist das richtig ?

Der Kampf gegen jeden Dogmatismus, sei es ein islamischer, sei es ein christlicher, tut besonders in Deutschland not. Luther hatte das  deutsche Volk zu sehr versaut, so dass es für lange Zeit keine wissenschaftliche Luft mehr atmen konnte. Immanuel Kant, der führende Kopf der bürgerlichen Aufklärung in Deutschland,  trat als Zwitter (als Materialist und als Idealist) auf und dieses Zwitterhafte zwischen Wissen und Glauben durchzieht die ganze deutsche Geistesgeschichte bis zur ‚Deutschen Ideolgie‘ von Marx und Engels, dem Werk, mit dem, die Halbheiten Feuerbachs überwindend, endlich auch in Deutschland der Durchbruch zu einer wissenschaftlichen Weltanschauung gelang. Kant hatte aus seiner theoretischen (erkenntnistheoretischen) Philosophie einen objektiven Gottesglauben verbannt, ihn aber in seiner Moralphilosophie wieder zurückgeholt: dass ein Mensch der Folter widersteht, sei ein Phänomen, das einer wissenschaftlichen Weltdeutung entzogen sei und also auf ein höheres Wesen zumindest hinweise. Hegel, der 1802 eine seiner Frühschriften den Titel ‚Wissen und Glauben‘ gab, die Hoffnungen erwecken konnte, dieser Autor werde sich vielleicht zu einer rein wissenschaftlichen Weltsicht emporarbeiten können, wollte dann jedoch nicht nur die Wissenschaft mit dem christlichen Glauben vereinen, sondern ging in einer Rezension zu Solgers nachgelassenen Schriften so weit, als alleinigen Endzweck der Philosophie die Erkenntnis Gottes zu behaupten, und das angesichts des Aufblühens der Naturwissenschaften. In seiner Antrittsvorlesung an der Berliner Universität fällt der auffällige Satz: „Ich habe mein Leben der Wissenschaft geweiht„.  Ein wirklich aufgeklärter Mensch kann hier nur das Wort ‚gewidmet‘ verwenden. Friedrich Engels bemerkte zu Hegel, dass er ein Deutscher war und ihm ein Stück Philisterzopfs hinten hing, den deutschen Philister sei er nie ganz losgeworden. 7.  In Deutschland steht also eine wirklich wissenschaftlich-atheistische Weltanschauung auf sehr dünnen Beinen und der Satz ‚Der Islam gehört zu Deutschland‘ macht sie nicht dicker. Der Islam gehört zu Deutschland, wenn man die Aufklärung aus der europäischen Geschichte streicht, wenn man davon ausgeht, Europa sei noch nicht aufgeklärt. Der Pfaffe hätt es gern. Die Ideologen in Deutschland, die sich zum Mittelalter bekennen und orientieren, unternehmen natürlich alle Anstrengungen, der Wissenschaft in Deutschland selbst die dünnen Beine noch wegzuschlagen. Denn eine neue Klasse ist auf den Schauplatz der Geschichte getreten und die Angst vor dem roten Proletariat jagt die bürgerlichen Ideologen zu allen finsteren Mitteln, lässt sie Schutz suchen bei allen Rückständigen, sei es das Christentum, sei es der Islam, Hauptsache religiöser Fusel, damit der Lohnsklave nicht die Dialektik seiner Ausbeutung verfolgen kann. Heute ist die Bourgeoisie nicht mehr fortschrittlich, die deutsche ist es ohnehin nie gewesen, und kann es auch nicht mehr sein. Sie sammelt heute alle ideologischen Waffen gegen fortschrittliche Arbeiterinnen und Arbeiter, ja gegen fortschrittliche Menschen überhaupt. Sie verkommt zu einem Rauschgiftdealer, dem es egal ist, womit er ‚cash‘ macht, ob mit christlichem Opium oder ob mit islamischem Heroin. Wir müssen uns im Klaren sein, dass dieser Dealer kein Tabu kennt. Er reißt den Armen in Deutschland, den Arbeitslosen und den Hartz-IV-Empfängern das letzte Stück Brot aus dem Mund, nur um sich auf einer Islamkonferenz herumzutreiben, auf der der Bau von Moscheen und die Errichtung von Lehrstühlen für islamische Religion beschlossen wird. So hängt das zusammen. Um seine mit Euros gefüllten Säcke vor dem Volk zu retten, ist der europäische Bourgeois auch bereit, in den After von Allah zu kriechen.

Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, im 21. Jahrhundert sei die Souveränität einer wissenschaftlichen Weltanschauung gesichert, da doch die Ausbeutung durch Lohnarbeit in einer warenproduzierenden Gesellschaft die soziale und primäre Wurzel der Religion ist und nicht so sehr die Unwissenheit. „Es heißt noch immer: der Mensch denkt und Gott (das heißt die Fremdherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise) lenkt“. 8. Hochgebildete Menschen fallen auf den religiösen Plunder rein. Am sogenannten ‚Heiligen Abend‘ treffen blökende Schafenherden in den Kirchenschiffen auf ihre Hirten. Im Kern glauben diese Schafe trotz aller Aufklärung und all ihrem Fachwissen noch immer an die unbefleckte Empfängnis Marias und legen ein beredtes Zeugnis ab, dass das Bewußtsein in sich erstarren und hinter der technischen Entwicklung zurückbleiben kann. Lenin war mit vierzehn Jahren schon so weit, dass er sein Taufkreuz in den Mülleimer warf. 9. Wir dürfen nie außer Acht lassen, dass in Deutschland und in anderen Ländern, die unter dem Titel ‚bürgerliche Republik‘ firmieren, das Mittelalter regelmäßig seine von der Verfassung geschützten infantil-perversen Orgien feiern kann. In diesem Zusammenhang gibt uns Friedrich Engels einen interessanten Hinweis: Selbst die materialistischsten Naturforscher der Darwinschen Schule hätten sich noch keine klare Vorstellung über die Entstehung des Menschen machen können, weil sie noch zu sehr unter dem Einfluss einer idealistischen Ideologie gestanden hätten, die ihnen nicht die Bedeutung der menschlichen Arbeit im Entstehungsprozess des Menschen erkennen ließ. 10. Es ist eben sehr schwierig, für  Naturwissenschaftler, die an irgendeiner Universität in irgendeinem Seminar irgendein paar Brocken Philosophie aufgeschnappt haben, sich ein wirklich materialistisch-dialektisches Weltbild, also auch ein atheistisches Weltbild zu erarbeiten. Man nehme nur den Physiker Max Planck, den Vater der Quantentheorie. Er hatte jahrzehntelang gegen idealistische Anschauungen in der Physik gekämpft, um im Alter von 75 Jahren umzufallen. Auf einmal faselte dieser Nobelpreisträger wie ein Primaner, dass ein idealer Geist alle „physikalischen Vorgänge des heutigen Tages allerorten bis ins kleinste durchschaut“ 11. Mit einem jederzeit alles sehenden Gott haben Eltern und Lehrer kleine Kinder in Schrecken gesetzt, um sie innerlich zur Normeinhaltung anzustacheln, wenn sie außer ihrer Aufsicht standen. Und jetzt steht ein Nobelpreisträger vor uns ! Die meisten bürgerlichen Wissenschaftler fallen früher oder später um, deshalb ist ja so wichtig und notwendig, das bürgerliche Bildungsprivileg zu brechen, um Jugendlichen proletarischer und kleinbäuerlicher Provenienz ein Universitätsstudium zu ermöglichen.

1. Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,386

2. Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,359

3.Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,305

4. Tribune de Genève, 28. September 1993

5. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,321

6. Vergleiche Udo Ulfkotte, Mekka Deutschland, Die stille Islamisierung, Kopp Verlag, Rottenburg, 2015,43 und 61

7. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosphie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,269

8. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,295

9. Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,25)

10. Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379

11. Scientia, Jahrgang I / 3, 1933,162 f.


 

 

 

 

 

 

50 Jahre chinesische Kulturrevolution Mao und der Widerspruch Auch in der roten Sonne gibt es dunkle Flecken

18. Mai 2016

Die chinesische Kulturrevolution wurde am 16. Mai 1966 durch  die erste Wandzeitung in der Pekinger Universität ausgelöst, in der die Philosophie-Dozentin Nieh Juan-tsu den Universitätspräsidenten angriff und zum Kulturkrieg gegen opportunistische, revisionistische und reaktionäre Strömungen in der kommunistischen Partei und in der ganzen chinesischen Gesellschaft aufgerufen hatte.  Diese zehn Jahre dauernde Revolution, die Konterrevolution spricht von „zehn schlimmen Jahren“, hatte ebensowenig einen Steuermann wie andere Revolutionen, es sei denn, man geht davon aus, dass Männer Geschichte machen und nicht in Klassen geteilte Volksmassen. Dann kann man von einer Kulturrevolution Maos sprechen, was irrig ist. Revolutionen kann man nicht machen, man kann höchstens für die Revolution arbeiten. Die Tatsache, dass der Dozentin wenig später nachgewiesen wurde, den Marxismus nicht richtig verstanden zu haben, widerspricht der These einer diktatorischen Massenmanipulierung, die bürgerliche Beobachter der Revolution dieser andichten, weil der autoritär eingefärbte Bourgeoisverstand einen Diktator  zur Orientierung in den Revolutionswirren  brauchte und ihn in Mao fand, dessen Zitate sich in den Gehirnen einprägten, was dialektischem Denken eher kontraproduktiv aufstößt. Das widerspricht der Vermittlung des wissenschaftlichen Sozialismus. Der Personenkult ist eine interessierte Machart, er benebelt den Klassencharakter einer Gesellschaft und wirft die Gesellschaftswissenschaften auf eine Feuerbach‘ sche Anthroplogie zurück: „Das Höchste, wozu der anschauende Materialismus kommt … ist die Anschauung der einzelnen Individuen und der bürgerlichen Gesellschaft“. 1. Die chinesische Kulturrevolution aber war objektiv ein Klassenkrieg, um objektive Widersprüche der chinesischen Gesellschaft zu lösen, die sich zu Widersprüchen zwischen kollektiven und individuellen Lebens- und Kampfformen  angesammelt hatten.  Nach dem Vorbild der Pariser Kommune ging es um eine völlige Vernichtung der Bürokratie, um die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Hand- und Kopfarbeit, um die Aufhebung der Intellektuellen und um die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Arbeitern und Bauern. Mit der Kampagne gegen die ‚Vier Alten Sitten‘ (Alte Idee, Alte Kultur, Alte Sitten, Alte Praktiken) und mit der gegen den Konfuzianismus wollte sie die Chinesinnen und Chinesen frei machen von einer jahrhundertealten Tradition obrigkeitsverherrlichender Demut. Sie richtete sich gegen die Staatspartei aus einem tiefen anarchistischen Impuls heraus. Die Kader um Mao erwogen die Abschaffung des Amtes des Staatspräsidenten, das anzustreben Lin Biao vorgeworfen wurde, ein Vorwurf, der zum Sturz des Kronprinzen führte. 

Wir brauchen uns nur die Pseudorevolutionäre betrachten, die in der BRD die marxistischen Parteien „bevölkern“ und können sowohl die Parteisäuberungen verstehen als auch die Richtigkeit der Worte von Rosa Luxemburg, dass in jedem sibirischen Dorf mehr Humanität herrsche als in der deutschen Sozialdemokratie. Eines der in der Kulturrevolution am häufigsten beanspruchten richtungsweisenden Zitate befindet sich im ‚Manifest der Kommunistischen Partei‘: „Die kommunistische Revolution ist das radikalste Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen; kein Wunder, daß in ihrem Entwicklungsgange am radikalsten mit den überlieferten Ideen gebrochen wird“. 2. Es ist für Mao bezeichnend, dass es ihm vor allem auf das radikalste Brechen alter Ideen ankam. Die Partei konnte kein Heiligtum bleiben. Die Kulturrevolution atmet etwas von der Rousseau’schen Aversion gegen Bildung und Aufklärung und wirkte auf die Schickeria des Spätkapitalismus ähnlich wie Rousseaus erster Diskurs mit seinem Kult des Primitiven auf die Schickeria des Spätfeudalismus. Sie warf empor, was das Dorf der verzärtelten Stadt entgegenzuschleudern hatte und schickte dazu über Kreuz ihre Kinder zur Kombination von Arbeit und Studium unter der bäuerlichen Bevölkerung aufs Dorf. Dieser anti-urbane Reflex ist keineswegs anti-marxistisch, hatte nicht Friedrich Engels in der Schrift „Zur Wohnungsfrage“ 1873 die Auflösung der Metropolen gefordert, weil sie sich immer weiter von der Einheit des Menschen mit der Natur entfernten. Es ist keine Zufall, dass in der BRD nach der Auflösung des maoistischen KBWs viele kleinbürgerliche Intellektuelle aus diesem Bund die ‚Grünen‘ gründeten, die heute in Baden-Württemberg mit mittelalterlichen christlichen Kreaturen, die nicht zu Deutschland gehören, sondern volksfeindlicher Abschaum sind, einen Pakt eingegangen sind. Revolutionen speisen ihre Faszination aus der urwüchsigen Primitivität der Volksmassen, die sich in zehn Jahren austoben konnte.  Mao galt in China als Meister des materialistischen Widerspruchs, auch das ein Irrtum, der sich erst mit dem Scheitern der Revolution offenbarte. Die chinesische Kulturrrevolution mit ihrer Intention, die absolute Gleichheit unter den Menschen herzustellen, griff zu kurz mit sehr schmerzhaften Folgen, sie erreichte ihr Gegenteil, eine Restauration des Kapitalismus, der heute Milliarden Menschen vor allem seelisch verkrüppelt. In China befinden sich laut David Shambaugh, dem Leiter des China Policy Program an der George Washington University, heute allein rund 200 Millionen Wanderarbeiter auf dem Weg. Die Ursache für diese Fehlentwicklung liegt in der unzureichenden dialektisch-philosophischen Methode, mit der Mao seine Maoisten ausgestattet hatte. Das Kernstück von Maos Lehre ist seine Theorie des Widerspruchs, und auf die gilt es jetzt, näher einzugehen.

Die Widersprüche sind absolut, die Methoden zur Lösung der Widersprüche sind verschieden. Revolutionäre müssen den Unterschied zwischen antagonistischen und nichtantagonistischen Widersprüchen herausarbeiten. Nichtantagonistische Widersprüche werden zu antagonistischen und vice versa. In der Anfangsperiode eines Prozesses treten die Widersprüche nicht sofort als antagonistische auf. Am Anfang der Arbeiterbewegung bekämpfen die Proletarier nicht ihre Feinde, „sondern die Feinde ihrer Feinde“. 3. Mao wählt als Beispiel für einen zunächst nichtantagonistischen Kampf zwei Strömungen in der KPdSU, die die Stalin, und die die Bucharin führte. Nach Ansicht Maos waren die Bucharinisten nicht bereit, ihre Fehler zu korrigieren, so dass sich der Konflikt zu einem antagonistischen auswuchs. Rechtzeitige Fehlerbehebung könne das Ausbrechen antagonistischer Widersprüche verhindern. Mao rät, bei auftretenden Fehlern (zum Beispiel in der KPCh) nachsichtig mit den irrenden Genossen umzugehen. Dagegen hat der Mensch als fehlerhaftes Wesen in kapitalistischen Leistungsgesellschaften kein Recht auf Irrtum, in diesem wird er bestraft. Den Kopf bürgerlicher Republiken bilden heute keine stolzen Adler, sondern gierige Aasgeier. Seit 1927 wandte die rote Partei Chinas die Methode „Einheit – Kritik – Einheit“ an, wobei in der Phase der Kritik die Widersprüche zu einer höheren gelöst werden. Die Widersprüche in der kapitalistischen Gesellschaft können nur in der sozialistischen Revolution gelöst werden, Widersprüche in der sozialistischen können immanent gelöst werden. In beiden Gesellschaftsformationenen haben die Widersprüche einen unterschiedlichen Charakter, einen antagonistischen in der alten, einen nichtantagonistischen in der neuen sozialistischen. Wenn die Irrenden aber ihre Fehler nicht einsehen und nicht umdenken, wird es zu antagonistischen Widersprüchen kommen. In Lenins Bemerkungen zu Bucharins Buch „Die Ökonomik der Transformationsperiode“ finden wir den sehr wichtigen Hinweis, dass Antagonismus und Widerspruch nicht dasselbe sind. Der Antagonismus (etwa der Klassenantagonismus) verschwindet im Sozialismus, der Widerspruch (Ausschreitungen einzelner Personen) bleibt. Der Kampf der Gegensätze ist nach Mao permanent. Er findet statt sowohl bei relativer Koexistenz der Gegensätze als auch augenfälliger bei ihrer wechselseitigen Verwandlung in ihrer Kampfphase, durch diese. Beim Studium der Besonderheiten der Widersprüche gilt es, den Unterschied zwischen den Hauptwidersprüchen und den Nebenwidersprüchen zu beachten und beim Studium der Allgemeinheit der Widersprüche und des Kampfes der Gegensätze müssen wir den Unterschied zwischen den mannigfaltigen Formen des Kampfes der Gegensätze beachten. Durch das Studium des Widerspruchs werden die chinesischen Kommunisten in der Lage sein, „ … die den Grundprinzipien des Marxismus-Leninismus zuwiderlaufenden und unsere revolutionäre Sache schädigenden dogmatischen Ansichten zu zerschlagen; zugleich wird es unseren erfahrenen Genossen ermöglichen, ihre Erfahrungen zu systematisieren und diese auf eine prinzipielle Höhe zu bringen, eine Wiederholung der Fehler des Empirismus zu vermeiden“. 4. Im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus erschöpfen sich die Antagonismen, die Widersprüche bleiben lebendig. Das Ideal, im chinesischen „Die Grosse Harmonie“, ist nur annähernd erreichbar, zugleich ist diese Harmonie schon, auf eine jeweils epochenspezifische Art, als sich negierende kommunistische Urgesellschaft präsent, auch auf eine bestimmte Art in der Kunst (die Symphonien Beethovens). Es ist eine historische Tatsache, dass der Kommunismus, der Gedanke an ihn (der zweite Diskurs von Rousseau), und Realisierungsversuche stets in allen Epochen auffindbar sind. Die bisherige Weltgeschichte ist eine unterbrochene Sklaverei, einige Seiten, wenn auch nicht Perioden, sind der Harmonie gewidmet. In revolutionären Glücksperioden müssen die radikalsten Vertreter der Revolution vorauseilen, indem sie aus den gegenwärtigen Konturen zukünftige herauslesen, um das von der Entwicklung der Produktivkräfte sachlich Erreichbare zu sichern. In jeder Revolution finden wir eine Übersteigerung nach links, wir sprechen dann eventuell von ihrem Höhepunkt, die dann nach rechts pragmatisiert wird. Aus Maos Widerspruchstheorie heraus ist zu verstehen, warum die Maoisten immer wieder das Gewonnene negierten, es war für sie immer auch das bereits Geronnene. Durch den „Großen Sprung“ sollte das chinesische Volk das erste sein, das den Himmel des Kommunismus berührt, durch die „Große Kulturrevolution“ sollte mit dem Kult der Slogans verhindert werden, dass sich die Widersprüche im Volk zu Antagonismen auswachsen. Beide historischen Grossereignisse sollten das chinesische Volk einen. Noch immer hingen über Maos Denken die Gewitterwolken der japanischen Aggression, weil das chinesische Volk nicht geeint, die Massen nicht organisiert waren, war es für die japanischen Soldaten so leicht, das Land zu terrorisieren. Die Slogans konnten tödlich sein, man suchte und fand Sündenböcke, denen man vorwarf, die „Grosse Harmonie“ sabotiert zu haben. Die Schuld Einzelsubjekten zuzuschieben blieb auf der Ebene der Widersprüche, die Kulturrevolution sollte nicht Ausdruck für eine noch antagonistische Gesellschaft sein. Nach der Proklamation der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949 durch Mao waren zwei grundlegende Widersprüche vorhanden: ein innerer zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie, und ein äußerer zwischen China und dem Imperialismus, zu dem sich der Konflikt mit der UdSSR gesellte. Heute ist die chinesische Gesellschaft eine antagonistische Klassengesellschaft. Maos Widerspruch hat sich verblüffend durchgehalten als Mischung sozialistischer und kapitalistischer Wirtschaftsformen. China ist zu kapitalistisch, um sozialistisch, zu sozialistisch, um kapitalistisch genannt zu werden. Beide Seiten sind gescheitert. Die revolutionäre Seite konnte ihre Ideale nicht durchsetzen, sie, die auf die Pariser Commune, die die militärischen Ränge abgeschafft hatte, rekurrierte, wollte in ihrem Vollzug die Demobilisierung der Eliten durch Mobilisierung der Massen herbeiführen, wobei das proletarisch-politische Denken vor der Steigerung der technischen Produktionseffizienz rangierte. Gerade dieser letzte Punkt hat sich in sein direktes Gegenteil gewandelt. Gleichwohl täuschen sich die westlichen Ideologen in ihrer Annahme, dass eine Modernisierung des Landes mit westlichen Methoden auch die westliche Weltanschauung nach China bringen werde. Die Tradition aller toten Geschlechter Chinas lastet wie ein Alp auf dem Gehirn der lebenden Chinesen. Das ist vor allem die zweieinhalb Jahrtausende währende geistige Tyrannei des Konfuzianismus. (Es genügt ein Blick nach Japan, wo eine technisch hochentwickelte Effizienzwirtschaft die alte Mentalität nicht gebrochen hat). Und die grosse maoistische Vision der grossen Volkseinheit ist in eine Zwittergestalt von arm und reich zerfallen. So geht der Widerspruch durchs Weltall, durch das geteilte China und durch Mao.

Eine tiefe philosophische Durchdringung des Widerspruchs ist Mao im Vergleich zu Hegel nicht gelungen, seine Stärke liegt in der Erläuterung seiner Widersprüche durch historische Beispiele, durch die man nach Lenin Dialektik nicht verständlich machen sollte. 5. Eine materialistische Weltanschauung beinhaltet nicht zugleich eine methodische Überlegenheit über eine idealistische. Es findet hier überhaupt ein verkehrtes Schauspiel statt: die Dialektik des Erzidealisten Hegel hat einen materialistischeren Kern als die des Berufsrevolutionärs Mao. Der Widerspruch zerlegt sich nicht einfach nur in seiner Permanenzerklärung nach dem Schneeballprinzip in immer komplexere Internbezüge seiner selbst, er pulsiert anders, er hat als Widerspruch den Widerspruch gegen sich, er widerspricht sich (auch) selbst, sein Eingehen auf sich zeitigt bei Hegel das „einfache (kursiv!) Wesen“. Es wird nicht verstanden, den Widerspruch an ihm selbst sich entfalten zu lassen, wie ihn Hegel, man muss schon sagen mustergültig, in seiner Logik entfalten läßt. Anders kann der Widerspruch, ihn an ihm selbst zu betrachten, auch gar nicht dargestellt werden. „En lisant Hegel … “, pflegte Lenin zu sagen. Für Mao ist der Widerspruch ein Werkzeug und zur Lösung verschiedener Widersprüche müsse man verschiedene Werkzeuge in Anwendung bringen. Damit ist aber über das innere Wesen des Widerspruchs (Hegel entfaltet den Widerspruch in der Logik des Wesens), über die Quelle seiner Lebendigkeit, seiner Selbstbewegung noch nichts gesagt, dass in ihm das Insichseiende zugleich immer nach außen gesetzt ist und es zugleich auch immer als Äußeres zugleich aufgehoben ist, er ist das Sichsetzen nach außen und nach innen zurück zugleich, damit auch sich selbst zerstörend. Das Widersprüchliche, das sich zunächst nur positiv entfalten kann, indem es sich negativ entfaltet, richtet sich nach Hegel schließlich selbst hin. Mao hätte herausarbeiten müssen, dass DER WIDERSPRUCH dieses „ZUGLEICH“ IST, EINER ZU SEIN UND NICHT ZU SEIN, (denn) DIE LÖSUNG (seine Auflösung) LIEGT NUR IN IHM. 6. Der Widerspruch ist ein Zugleich von Gegensätzlichem, so liegt in ihm zugleich (so ist in ihm zugleich begründet), dass er sich auflöst. Zu sein und nicht zu sein, das ist eben auch die Null, eben weil der Widerspruch ein Zugleich ist, die Null, die die Einheit von Sein und Nichts ist. (Null und Eins sind un-eins). Der Widerspruch löst sich auf, heißt es lapidar in Hegels „Logik“, er löst sich in nichts auf und geht in seine negative Einheit zurück. Marx formulierte: „Gegensätze in der Wissenschaft lösen sich aber durch die Wissenschaft selbst“. 7. Er formulierte das insbesondere in seiner Polemik gegen Proudhons „Système des contradictions économiques, ou philosophie de la misère“ (veröffentlicht im Oktober 1846, ein Brief von Karl Marx an P.W. Annenkow vom 28. Dezember 1846 aus Brüssel enthält bereits eine vernichtende Buchbesprechung. Proudhon liefere eine Phantasmagorie, die den Anspruch erhebt, dialektisch zu sein. 8. Insbesondere das Studium des zweiten Kapitels der Schrift von Marx „Die Metaphysik der politischen Ökonomie“ ist unverzichtbar zur Aufdeckung des Charakters des Widerspruchs, wie er von kleinbürgerlicher Seite historisch zu entwickeln ist. Denn der petit bourgeois tout pur Proudhon vergöttlichte den Widerspruch, weil der Widerspruch der Kern seines Wesens ist. „Er ist bloß der soziale Widerspruch in Aktion“. 9. Er ist der Denker des einerseits-andererseits, „daß Proudhon einerseits die Gesellschaft vom Standpunkt und mit den Augen eines französischen Parzellenbauern (später petit bourgeois) kritisiert, andererseits den von den Sozialisten ihm überlieferten Maßstab anlegt. 10. Er gab der Menschheit, deren letztes Wort zu sprechen er beanspruchte, weder eine Geschichte der logischen Kategorien noch eine Realgeschichte, sondern nur die Geschichte seiner subjektiven Widersprüche, die Widersprüche eines sehr ungeordneten Kopfes. Er sah nur den Widerspruch ohne Widerspruch, er schnitt das Negative des Widerspruchs einfach weg, er wollte die Bourgeoisie ohne das Proletariat (der Proudhon‘ sche Übersozialismus). Dieser „Sozialismus“ der Gleichheit lief darauf hinaus, die kapitalistische Warenproduktion vor Mißbräuchen zu schützen und den Tauschwert zu einem endgültig gerechten zu erheben, der frei von Krisen sei. Alle Ideologen, die bestehende Widersprüche versöhnen wollen, verfehlen, dass es darauf ankommt, die Grundlagen dieser Widersprüche umzustürzen. Proudhon schob der Weltgeschichte den Sinn unter, die Idee der Gleichheit zum Sieg zu verhelfen. Das Milieu seiner Philosophie war ein Land mit Bauernmajorität wie China, das eine wenig bekannte bemerkenswerte anarchistische Tradition vorzeigen kann. Die durch den Imperialismus „importierte“ Kapitalisierung verfing im Gegensatz zu Japan und Indien nur in den grossen Städten und und ließ die asiatische Produktionsweise in den ländlichen Regionen weitgehend in Kraft. Die Ware in der Stadt und die Parzelle auf dem Land schufen anarchistische Milieus, die sich überschnitten. Noch in der Kulturrevolution können wir diesen erregenden Wechsel zwischen der Destruktion von Institutionen und Organisationen und ihrer Revitalisierung oder der Gründung neuer verfolgen. Es gibt einen kleinbürgerlichen „Kult des Widerspruchs“ unterhalb des Verwandlungsbewußtseins, dass die Gegensätze in der Durchdringung des Objekts ineinander umschlagen. Auch der Widerspruch kann nur im Begreifen der Objektivität, wie sie an und für sich ist, begriffen werden und das (philosophische) Begreifen ist immer das Begreifen der Objektivität, wie sie an und für sich ist. Der Gegensatz in der Wesenslogik ist zum Beispiel „nur das sich an ihm selbst Aufhebende“. 11. Der materialistische Gehalt des objektiven Idealismus besteht darin, dass er verhindert, dass die Kategorien (wie bei Wieland, wie bei Proudhon) in subjektiver Reflexion behaust werden. Der kleinbürgerliche Kult ist in Marxens „Elend der Philosophie“, dem vor dem Manifest reifsten Werk des Marxismus, entzaubert worden. In ihm wird bereits 1846/47 der dialektische Materialismus konkret auf die Entwicklung der Klassenkämpfe angewandt. Das im Manifest stehende „unvermeidlich“ 12. ist deshalb unvermeidlich, weil der Kapitalismus an der Dialektik seiner eigenen Entwicklung zugrunde geht. 13. Wenn man die Kategorien nicht objektiv aus sich selbst entwickeln und sie an ihrer eigenen Widersprüchlichkeit brechen läßt, besteht die Gefahr, mit Kategorien, die der gegenwärtigen kapitalistischen Ökonomie entnommen sind, die zukünftige kommunistische Gesellschaft auszugestalten wie es Proudhon mit seinem Mutualismus, der englische Kommunist Bray und der utopische Sozialist Gray, ein Schüler Robert Owens, mit dem Tauschwert der Ware versuchten. Karl Rosenkranzens Aussage, dass Proudhon die Dialektik „nur in der Form der Guillotine“ kenne, ist daher wohl als übertrieben zu bewerten. In seinem Brief an Marx vom 17. Mai 1846 teilt er Marx mit, dass er das Eigentum lieber langsam zum Verschwinden bringen möchte, „ … als daß ich ihm neue Kraft gebe, dadurch daß ich eine Bartholomäusnacht der Eigentümer mache“. 14. 1849 eröffnete Proudhon eine Tauschbank in Paris, die schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt war. Rousseau warf den Naturrechtstheoretikern vor, den Naturzustand mit Kategorien zu ergründen, die sie ihrer Gegenwart entnommen hatten. Hobbes projiziere den Krieg (aller gegen alle) innerhalb der Zivilisation in den Naturzustand zurück. Marx warf Ricardo vor, die bürgerliche Vorstellung der Bodenrente auf den Grundbesitz aller Zeiten und aller Länder anzuwenden 15. und den sozialistischen Theoretikern, mit den Kategorien der kapitalistischen Ökonomie die zukünftige klassenlose Gesellschaft zu projizieren. Wissenschaftliche Forschung hat das innere Band der Kategorienabfolge freizulegen, so dass dann „die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt“ 16. werden kann. Kategorien der bürgerlichen Ökonomie als Reflexe der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zur Grundlegung einer sozialistischen zu nehmen, bedeutet, „ die Gesellschaft auf einer Basis rekonstituieren zu wollen, die selbst nur der verschönerte Schatten dieser Gesellschaft ist. In dem Maße, wie der Schatten Gestalt annimmt, bemerkt man, daß diese Gestalt weit entfernt ist, ihre erträumte Verklärung zu sein, just die gegenwärtige Gesellschaft ist“. 17. Im Gegensatz zu Hegel richtet Mao den Widerspruch nicht hin, sondern stilisiert ihn ausschließlich zur Kernkategorie schlechthin, die nicht zugrunde gehen darf. Aber auch wenn sich Gegensätze in der Wissenschaft selbst lösen, so ist passives Zusehen objektiver Lösungswege keineswegs eine richtige Schlußfolgerung. „Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun, uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“. Es retten uns auch keine Sozialismen, weder der feudale, noch der kleinbürgerliche, weder der deutsche oder „wahre“; noch der kritisch-utopistische Sozialismus. Das Proletariat muss selbst handeln, sich selbst befreien. Gebrauchte Marx in der Judenfrage noch die Formulierung „ aus ihren eigenen Eingeweiden“ („Aus ihren eigenen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden“), so wird seine klassische Formulierung: „in ihrem eigenen Schoß“, um auszudrücken, dass in einer Entwicklungsstufe selbst die Bedingungen zur Höherentwicklung heranreifen. Ideologische Vertreter und Verteidiger bestehender gesellschaftlicher Unterdrückungsverhältnisse vereinseitigen den Widerspruch, um eine Weiterentwicklung abzuwürgen. Bereits heute wird er so ausgelegt, als sei alles gelöst, als gäbe es keinen, als herrsche in der Gegenwart ‚Taiping‘.  Das Verbot der KPD 1956 durch das Bundesverfassungsgericht ist Ausdruck eines antagonistischen Widerspruchs im deutschen Volk. Es gilt in diesem kein Grundgesetz mehr, die Gewalt muss auf die Tagesordnung gesetzt werden. Einigen wir uns darauf, dass die Grenzen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Natur bewegliche sind. Die Wahrheit als Prozess ist immer ihre Totalität in ihrer wechselseitigen Durchdringung ihrer Momente, aber der Widerspiegelungsprozess des konkreten Entwicklungsprozesses kann nur die Grundzüge des Prozesses wiedergeben, niemals den Prozess in seiner Totalität selbst. Der berühmte Satz Hegels: „Das Wahre ist das Ganze“ ist meines Erachtens richtig und falsch: das Wahre ist das Ganze, wenn es sich aufeinander zubewegt, ohne sich je zu erreichen. Das menschliche Denken entwickelt sich von der Einseitigkeit zwar zu immer grösserer Allseitigkeit, aber soviel ist der Aufklärung geschuldet: eine totale Allseitigkeit ist nicht zu erreichen. So führt die geistige Strömung, die keinen hohen Wert auf die historische Betrachtungsweise legte, zur Einsicht in die historische Bedingtheit all unserer Erkenntnisse, die ihrer Entwertung harren.

1. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,7

2. Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,481

3. a.a.O.,470

4. Über den Widerspruch, in: Mao Tse tung, Über Praxis und Widerspruch, Rotbuch 5, Wagenbach Verlag, Berlin, 1968,70

5. Vergleiche Lenin, Zur Frage der Dialektik, Werke Band 38, Dietz Verlag, Berlin, 1960,338

6. Ich kann daher Rossana Rossanda nicht zustimmen, wenn sie Maos Schrift „Über den Widerspruch“ als stark hegelianisch beeinflusst deutet (Rossana Rossanda, Der Marxismus von Mao Tse-tung, Internationale Marxistische Diskussion, Merve Verlag, Berlin, 1971,17), dass die Maotsetungideen eine hegelianische Dialektik enthalten, die mit beiden Beinen auf der Erde steht. (a.a.O.,18)

7. Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag, Berlin, 1957,349. Die Menschheit stellt sich immer nur Aufgaben, die sie auch lösen kann. (Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, Werke Band 13, Dietz Verlag, Berlin, 1960,9). „Wir vernichten den Widerspruch einfach dadurch, daß wir ihn aufheben“. (Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,520).

8. Vergleiche Karl Marx, Brief an W. P. Annenkow vom 28. Dezember 1846, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,549

9. a.a.O.,557

10. Vergleiche Karl Marx, Brief an Johann Baptiste von Schweitzer vom 24. Januar 1865, in: Werke Band 16, Dietz Verlag Berlin, 1960,26

11. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik, Die Lehre vom Wesen, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1999,54

12. „Der Untergang der Bourgeoisie „ … und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,474).

13. Die Produktivkräfte entwickeln sich im schützenden Schoß der alten Gesellschaft mehr und mehr, die Produktionsverhältnisse werden entsprechend enger und enger, der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die historisch selbst produziert worden sind, arbeitet sich aufeinander zu, die Produktionsverhältnisse werden gesprengt – es ist die Dialektik der eigenen Entwicklung. Ähnlich sieht Engels die Entwicklung des Militarismus, er wird von innen heraus gesprengt.

14. Pierre Joseph Proudhon, Brief an Karl Marx vom 17. Mai 1846, in: Briefe zur Weltgeschichte, Von Cicero bis Roosevelt, herausgegeben von Karl Heinrich Peter, dtv dokumente, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1964,173

15. Vergleiche Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,170

16. Karl Marx, Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, in: Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1964,27

17. Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,105

Heinz Ahlreip

 

Worte zu Pfingsten 2016: Das Salz der Erde ist dumm geworden (Matthäus-Evangelium 5,13 )

14. Mai 2016
In Lenins letzter großen, im Frühjahr 1920 abgefassten politischen Schrift „Der ‚linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus“, eine Art politisches Vermächtnis von Lenin, findet sich der euphorische Satz: „Der Kommunismus ‚wächst‘ buchstäblich aus allen Zweigen des öffentlichen Lebens empor, seine Triebe sind entschieden überall zu finden, die ‚Seuche‘ (um den Lieblingsausdruck der Bourgeoisie und der bürgerlichen Polizei und den ihr ‚angenehmsten‘ Vergleich zu gebrauchen) ist in den Organismus sehr tief eingedrungen und hat den ganzen Organismus ergriffen. Wird der eine Kanal besonders beflissen ‚verstopft‘, so bricht die ‚Seuche‘ an einer anderen, mitunter ganz unerwarteten Stelle aus. Das Leben setzt sich durch“ (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit des Kommunismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,88f.). Doch  dieses fast 100 Jahre alte Zitat Lenins ist heute bitter wie Salz geworden, der Zerfall der UdSSR hat Licht und Schatten anders verteilt. Je älter Marx wurde, desto mehr legte er in seiner Theorie den Akzent auf einen langen und qualvollen Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, dessen Gesetzmäßigkeit erkannt zu haben er behauptete. Diese wissenschaftliche Erkenntnis diene, den qualvollen Weg abzukürzen.
Liest man die Schriften Lenins, etwa ab dem Attentat der linken Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan auf ihn am 30. August 1918, so häufen sich die Stellen, in denen er sich abquält, „dass es doch noch gelinge“. Es klingt wie eine Beschwörung, wenn  er 1919 einen japanischen Wissenschaftler anführt, der im Kampf gegen die Syphillis erst die Lösung beim 666. Präparat (Salvarsan) fand.  Hier irrte Lenin, denn das war der deutsche Mediziner Paul Ehrlich, der 1908 für die Wertbestimmung des Diphtherieserums den Nobelpreis für Medizin erhielt. Auch die Bolschewiki müssten in Russland Hunderte neuer Methoden ausprobieren, um die geeignetsten zum Aufbau des Sozialismus zu finden. 
Lenins politisches Testament ist alles andere als optimistisch. Meines Erachtens steht im Hintergrund der letzten Lebensjahre Lenins nach der großen Revolution als Unruheherd, zwar unausgesprochen, die gebrochene Anthropologie Kants, dass der Mensch aus so krummen Holz gemacht ist, dass kein ganz Gerades daraus gezimmert werden kann. Was, wenn Kant Recht hätte ? Der bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologe projizieren ja ihre verkorksten Lebenserfahrungen in die Ausgestaltung einer sozialistischen Gesellschaft hinein. Dass der Sozialismus nicht gelingen könne, spiegelt die im Kapitalismus für sie und für alle nicht zu meisternde innere und äußere Naturbeherrschung wieder. Das Abbrechen einer positiven Zukunftsvision durch die Lebenserfahrung einer Welt voller Widerstände und Missgeschicke spiegelt sich in einer gebrochenen Anthropologie wider. Selten geschieht ja im Kapitalismus das Gewollte und die Ideologen haben die Aufgabe, das Subjektiv-Negative zu verallgemeinern als der Gattung anhängend. Ideologie ergibt sich aus der fehlerhaften Verallgemeinerung einer subjektiv richtigen Erfahrung in etwas Überhistorisches, deshalb ist Ideologie nicht per se einfach falsches Bewußtsein, sondern notwendig falsches Bewußtsein als richtige Widerspiegelung des falschen Scheins. „Was ihr für das antike Eigentum begreift, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,478). Ideologiekritik verfehlt ihren Kern, wenn sie Ideologie lediglich als das Beharrende im Strom der Zeit festschreibt; kein Ideologe wird leugnen, dass alles relativ ist, dass alles fließt, dass alles sich ändert, er hat nur die gegenwärtige Kardinalfixierung vor der reißenden Zeit zu schützen.  Aus der  Existenz des Gegebenen als (s)einer Notwendigkeit wird bereits dessen Rechtmäßigkeit abgeleitet. Es kann nicht geleugnet werden, dass der absolute Idealismus Hegels in platte Ideologie umfällt: „Das was ist zu begreifen, ist Aufgabe der Philosophie, denn das, was ist, ist die Vernunft“. War die Philosophie im Mittelalter die Magd der Theologie, so wird sie im Idealismus und Positivismus die Magd der mit der Wirklichkeit zufriedenen gesättigten Klassen.  Damit ist aber die Philosophie ihrer Fruchtbarkeit und Zukunft beraubt, die sie allein dadurch behaupten kann, wenn sie der Welt als einer verkehrten, in sich perversen begegnet. Die Philosophie hat es mit Perversem zu tun, ohne das sie nur den Schatten ihrer selbst darstellt.
Bernstein hatte sich dem Kantianismus gebeugt, nicht aber Lenin, der jakobinistische Nachfolger des kleinbürgerlichen Revolutionärs Robespierre.  Lenin und Robespierre waren zu sehr Perfektionisten. Zu ihrer Menschheitsbeglückungsidee brauchten sie die Massen, das in dieser Idee steckende Ideal der Vollkommenheit aber isolierte sie zugleich von ihnen. Das machte den feinen Unterschied aus: Im ‚Linken Radikalismus‘ forderte Lenin seine Bolschewiki nicht etwa auf, sich vollends mit den Massen zu verschmelzen, sondern nur bis zu einem gewissen Grade (Vergleiche Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgewählte Werke, Progress Verlag, Moskau, 1975,587). Ist es dieser feine Unterschied, der den Kommunismus hinter den luftigen, schwammigen und süßlichen Vorhängen des Traumes verbleiben und ersterben läßt ? Es gibt linke Intellektuelle, die an dieser Diskrepanz leiden und sie künstlich durch ein Hineinzwingen einer sogenannten proletarischen Denkweise in ihre Gehirne überwinden wollen.
Die Menschheit scheint heute keinen Traum mehr von einem ‚Darüberhinausgehen‘ zu haben, man scheut die Grenze, die Aufopferung. Man ist buchstäblich eingesunken. Die Realisten an der Macht maßen sich eine alles durchdringende Kontroll- und Kommandogewalt an. Die Mächtigen träumen nicht mehr, sie fürchten die Revolution und sind deshalb zum Realismus gezwungen mit dem Entwurf einer   platten Ideologie, dass die Welt bereits gut eingerichtet sei und sie das Gute für immer garantieren können und dass es keinen Kampf zwischen zwei Linien gebe.  Revolutionäre dagegen zeigen bis an ihre eigene Schmerzgrenze gehend die „dieses Gute“ ins Absurde zersetzenden Widersprüche auf. Für den Dialektiker ist alles relativ, alles fließt, alles ändert sich; für den bürgerlichen Staatsbeamten ist alles absolut, alles starr und es ändert sich nichts. Er kennt nicht den Gegensatz des Wirklichen und Sollenden“, den der junge Karl Marx in einem Brief an den Vater vom 10. Nov 1837 wie eine Wunde empfindet, er liest nicht Weitlings Schrift ‚Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein soll‘ von 1838. Und wenn, würde er sie verstehen können ? Sie historisch richtig einordnen können ? Sie richtig kritisieren können ? Jede große Revolution heilt an dieser Wunde und der Wert eines Menschen ist danach zu beurteilen, inwiefern er einen Beitrag zu dieser Heilung geleistet hat, ob er sein Leben unter die Maxime gestellt hat, hart und grausam gegen die Reichen und Mächtigen zu sein oder unter die entgegengesetzte, hart und grausam gegen die Kleinen und Schwachen. Für diesen geht es hier entlang – direkt in den Staatsdienst. Wer die Welt so akzeptiert, wie sie ist, schwimmt mit dem Strom und mit dem Strom schwimmen heißt, am Ende nur für eine Statistik gelebt zu haben.
Für den marxistischen Revolutionär kommt es darauf an, an der primitiven Einheit der Arbeiterklasse und an dem Bündnis mit den armen Bauern, die die revolutionäre Tradition zum robusten Vandalismus des Bauernkrieges aufrecht erhalten, zu arbeiten und eine primitive Demokratie zur Entfaltung kommen zu lassen, der Staatsbeamte ergötzt sich an der vielgestaltigen Differenzierung der künstlichen bürgerlichen Staatsmaschine, an diesem ‚Wunderbau‘, der die ungeheure terroristische Potenz gegen das arbeitende Volk verkennen läßt, das durch seine Arbeit diesen ‚Wunderbau‘ überhaupt erst möglich macht. Aber dieser Zusammenhang muss von der bürgerlichen Ideologie zerrissen werden. Sie spiegelt die Wirklichkeit verkürzt und damit falsch wider, als sie dem bürgerlichen Staat eine Eigenständigkeit andichtet (oder aber von Gott geschaffen). Sie muss auch den Zusammenhang zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen zerreissen und stattdessen den bürgerlichen Staat rein technizistisch als Bedingung der rasanten Entwicklung der Produktivkräfte propagieren, obwohl er in Wirklichkeit diese hemmt.
Ein sich ständig perfektionierender Technizismus begleitet sich mit der ideologischen Blendung, es gäbe keine verkehrte, in sich widersprüchliche Welt mehr. Marx zeigt im ‚Kapital‘, dass die technische und die soziale Entwicklung disparat zueinander verlaufen, letztere systembedingt immer auf eine falsche Entwicklung hinauslaufe. Der Technizismus jedoch verführt heute zu der großen Täuschung, dass der Produktionsprozess bereits beherrschbar sei. Damit aber ist das Salz der Erde dumm geworden und die Gegenwart kann als ‚Taiping‘ besungen werden. Wir scheinen im Zeitalter der kopierenden Digitalisierung in einer sich ständig selbst kopierenden Realität festgezurrt zu sein. Die Realität scheint immer nur schmalspurig ihre eigene Kopie vor sich herzuschieben und in dieser stupiden und naiven Verdopplung scheint sich die Menschheit nun fortzuwälzen, ohne zu bemerken, dass sich im Hintergrund ihrer selbst eine abgrundtiefe Verdopplung der Welt fast unbemerkt tastend ausgestaltet, die – wann auch immer – die Gleichgeschalteten aus dem Ekel des Alltags, in dem man zu einer – widersprüchlich genug – fremdnormierten Kopie seiner selbst verkommt, herauszuschleudern hat. Das Leben setzt sich durch. „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier und selbst das ganz Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist, und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Die Heilige Familie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,39). Ich verweise in diesem Zusammenhang auch auf die Aussage von Marx, dass in der Geschichte zwanzig Jahre wie ein Tag auf den anderen verlaufen und dass dann ein Tag kommt, an dem sich zwanzig Jahre Geschichte in diesem einzigen Tag geballt konzentrieren und explodieren.
Wir stehen im 99. Jahr der Oktoberrevolution !  Es versteht sich von selbst, dass ein Gedenken nur mehr sein kann als nur Erinnerung. Auch wenn sich die Geschichte nicht wiederholt, der Schoß der Oktoberrevolution ist fruchtbar noch, ihr substantieller Gehalt ist nicht durch Zwerge wie Chrutschow und Gorbatschow oder durch den Idiotismus der Totalitarismustheorie historisch entwertet und abgetrieben worden, sondern bleibt zu entfalten im Beethov’schen Sinn. Es verbietet der humanistische Gehalt des Kommunismus, seine Weltherrschaft anzustreben, vielmehr das Gegenteil: eine Welt ohne Herrschaft, die im doppelten Sinn über die Herrschaft der Bourgeoisie geht. „Alle Menschen werden Brüder, was die Mode streng geteilt !“
Heinz Ahlreip
 

Lenins Dekret über den Frieden vom 26. Oktober 1917

14. Mai 2016

Nur einen Tag nach der Oktoberrevolution, nach der Ablösung der ‚Provisorischen Regierung zur Rettung der Revolution‘ durch die ‚Provisorische Arbeiter- und Bauernregierung Russlands‘, nahm der Zweite Gesamtrussischen Sowjetkongress am 26. Oktober 1917 das Dekret über den Frieden an, dessen weltgeschichtlich überragende Bedeutung kaum zu überschätzen ist. Die russischen Bolschewiki standen hier in der Tradition fortschrittlicher Arbeiter Westeuropas, die den herrschenden Klassen schon im Vorfeld des deutsch-französischen Krieges das Wort ‚Frieden‘ zuriefen. Das Dekret allein schon, dann mit seinem Anliegen, allen kriegführenden Mächten einen sofortigen dreimonatigen Waffenstillstand vorzuschlagen, dann die Tatsache, dass es nur einen Tag nach der Revolution zur Aussprache vorgelegt wurde (Lenin hatte es dem Sowjetkongress verlesen) sind schallende Ohrfeigen in die widerwärtig blutige Fratze der Imperialisten. Allen kriegführenden Völkern und ihren Regierungen wurden Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden vorgeschlagen, also Verhandlungen über einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen, unabhängig davon, ob es sich um das Kriegsgeschehen in Europa oder in Übersee handele. Die Fortsetzung des Krieges wird in diesem Dekret als das größte Verbrechen an der Menschheit bezeichnet. Eine weitere schallende Ohrfeige in die widerwärtig blutige Fratze der Imperialisten. Der erste deutsche Spielfilm nach dem zweiten Weltkrieg trug den Titel: „Die Mörder sind unter uns“, es hätte zunächst richtiger heißen müssen: Die Völkermörder sind unter uns ! Und dann ist auch noch zu fragen: Was bedeutet ‚unter uns‘ ? Waren nicht führende faschistische Völkermörder am Aufbau der Terrorstrukturen der BRD beteiligt, in denen, um nur einen Namen für viele zu nennen,  Ulrike Meinhof ermordet wurde ? 1. Diese faschistische Pest lähmt noch heute das deutsche Volk, das seinen Nacken noch zusätzlich unter dem US-amerikanischen Stiefel zu beugen hat. Die Zusammenarbeit zwischen deutschen Faschisten und US-amerikanischen Imperialisten nach dem Zweiten Weltkrieg ist selbst von bürgerlichen  US-amerikanischen Historikern bestätigt worden. Doch zurück zum Sowjetdekret: es versteifte sich nicht auf einen demokratischen Frieden, sondern ließ die Erwägung anderer Friedensbedingungen zu. Geradezu bahnbrechend war dann die Ankündigung, die Geheimdiplomatie abzuschaffen und dass die Regierung ihrerseits fest entschlossen sei, „alle Verhandlungen völlig offen vor dem ganzen Volk zu führen; sie wird unverzüglich darangehen, alle Geheimverträge zu veröffentlichen, die von der Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten in der Zeit vom Februar bis zum 25. Oktober 1917 bestätigt oder abgeschlossen wurden. Alle Bestimmungen dieser Geheimverträge, soweit sie, wie es zumeist der Fall war, den Zweck hatten, den russischen Gutsbesitzern und Kapitalisten Vorteile und Privilegien zu verschaffen, die Annexionen der Großrussen aufrechtzuerhalten oder zu erweitern, werden von der Regierung bedingungslos und sofort für ungültig erklärt“ (Lenin, Die ersten Dekrete der Sowjetmacht, Berlin Verlag, Berlin, 1970,25). Besonders hervorzuheben ist auch, dass sich das Friedensdekret insbesondere an die klassenbewussten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der Menschheit – England, Frankreich und Deutschland – wendet. Auf sie sei das Vertrauen zu lenken, denn sie hätten durch die Chartistenbewegung, durch weltgeschichtliche Revolutionen in Frankreich und durch die Schaffung von disziplinierten Massenorganisationen in Deutschland dem Fortschritt des Sozialismus größte Dienst erwiesen. Das Dekret endet mit dem Gedanken, „die Sache des Friedens und zugleich damit die Sache der Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu führen“ (a.a.O.,26). Das Dekret ist nur von Lenin unterschrieben.

1. Sie starb durch Abdrücken der Hauptschlagader, so dass ein Herzstillstand folgte, eine Todesursache, die sich nicht durch Erhängen  herbeiführen läßt. Es wurde außerdem Samenflüssigkeit an ihren Geschlechtsteilen gefunden. Auch auf der Glühbirne in ihrer Zelle fand man eigentümlicherweise keine identifizierbaren Fingerabdrücke, obwohl die Schließerin Frede zu Protokoll gab, um 22 Uhr die Birne aus der Zelle geholt zu haben. Warum wurden ihre Fingerabdrücke verwischt ? Oder wurde eine andere Birne vorgelegt ? (Vergleiche Rote Hilfe, Ortsgruppe Hamburg, Glaubt den Lügen der Mörder nicht, in: Die Rote Hilfe, 2.2016,50f.).


 

Hegel Feuerbach Marx Engels Lenin Stalin Trotzki Vom Kopf auf die Füße gestellt

13. Mai 2016

Es ist eine Binsenweisheit in der Geschichte der Philosophie und in der des wissenschaftlichen Sozialismus, dass die Materialisten Karl Marx und Friedrich Engels das dialektische Denken des Idealisten Hegel in weltanschaulicher Sicht vom Kopf auf die Füße gestellt haben. Ludwig Feuerbach hatte den Grundstein des Materialismus nur im Bereich der Natur gelegt, verstand es aber nicht, die Hegelsche Dialektik materialistisch umzukehren und sowohl auf die Natur als auch auf die Geschichte anzuwenden. Aber auch Marx und Engels widerfuhr das Schicksal, vom Kopf auf die Füße gestellt zu werden, und zwar in einem entscheidenden Komplex ihrer Theorie der proletarischen Weltrevoluion. Als sie 1845 die ‚Deutsche Ideologie‘ verfassten, schleuderten sie den Gedanken aufs Papier, dass sich die kommunistische Revolution nur universell ausführen könne. Das galt siebzig Jahre, bis Lenin dies alles umwarf:  In der imperialistischen Phase wird nicht der gleichzeitige Ausbruch der Revolution in den fortgeschrittensten Ländern der Normalfall sein, sondern nur in einem Land, das nicht unbedingt zu den fortschrittlichen zu rechnen ist. Die Kette des Imperialismus wird an ihrem schwächsten Glied reißen. Damit war eine kettenreaktionäre Weltrevolution ad absurdum geführt und man darf die ketzerische Frage stellen, ob die Beschwörung der Weltrevolution im Jahr 1917 nur als Stimulans für das russische Proletariat gedacht und also nur einen rein funktionalen Charakter trug und nur von ideologischem Wert war ? Die Bolschewiki wussten es besser. Angedeutet war die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs der Revolution nur in einem Land laut der Stalin’schen Geschichte der Kommunistischen Parteider Sowjetunion (Bolschewiki) bereits in Lenins Schrift von 1905 „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“. Das mag vielleicht noch eine saftlose Wurzel sein (es fällt beim ersten Lesen nicht auf), aber ganz explizit hat das Lenin zehn Jahre später, 1915, in zwei kleinen Artikeln unmissverständlich ausformuliert: „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“ und „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“. Die Theorie, dass der Aufbau des Sozialismus in einem Land ein Stalin’sches Eigengewächs sei, greift zu kurz und wurde zum Verhängnis der Trotzkisten, nachdem Lenins Wort in der Sowjetunion Gesetzescharakter trug. Vielmehr werden wir Zeuge eines phantastischen und vor allem folgewirksamen Umschlags der Gegensätze ineinander. Hielten Marx und Engels 1845 einen Ausbruch einer Revolution nur auf ein Land beschränkt für ganz unmöglich, so bezeichnete Lenin gerade einen solchen Fall als den wahrscheinlichsten. Es war die Bauernschläue Stalins, aus der heraus er als erster erkannt hatte, dass nicht so sehr die Gedanken von Marx und Engels, sondern primär die von Lenin die Gehirne von Millionen Menschen in Russland zum Nachvollzug bestimmten. Die Soldaten Stalins hatten Lenin im Kopf und die Waffen in der Hand. (Gegen den Willen der Krupskaja wurde ein Lenin-Mausoleum errichtet, während die Asche von Engels ihren Platz noch in einem Seemannsgrab in der Nordee gefunden hatte). Je mehr man Stalin hier ein theoretisches Konzept andichtet, ihn aus Unwissenheit zum Inaugurator der Theorie vom Aufbau des Sozialismus in einem Land stempelt, desto undurchsichtiger werden seine Verurteilungen von Marxisten-Leninisten, die den qualitativen Umschlag, für den Lenin in der marxistischen Theorie verantwortlich zeichnet, nicht begriffen hatten. Zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution schwankten viele selbst namhafte Bolschewiken, ob man tatsächlich dem Sowjetkonzept folgen solle, das nach ihrer Auffassung zum Scheitern verurteilt war, sollten nicht Folgerevolutionen im industriell hochentwickelten Westeuropa ausbrechen. Sie mögen im guten marxistischen Glauben gedacht haben, bis der Blitz von Lenins Aprilthesen in diesen traditionellen siebzigjährigen Gedankenboden einschlug. In diesen war kein Schwanken mehr vorhanden, in ihnen wurde glasklar die Machtfrage gestellt und so beantwortet, dass nur die bolschewistische Partei die bürgerlich-demokratische Revolution vom Februar in eine sozialistische hinüberleiten kann. Lenin war bereit, nur mit seiner Partei allein die gesamte Macht in Russland zu übernehmen. Führende Theoretiker des Marxismus, zum Beispiel Plechanow in seiner Zeitung ‚Jedinstwo‘ (Einheit), bezeichneten die Aprilthesen als Fieberphantasie. Sie waren in Stalins Augen Anhänger eines dogmatischen, buchstabengläubigen Marxismus und als sich die Lenin’sche Elite zwischen 1936 und 1938 als Angeklagte vor dem Obersten Militärkollegium der Sowjetunion wiederfand, kam dem im Exil lebenden Trotzki beim Lesen der Telegramme über den Verlauf der Prozesse jedes Schriftstück wie eine Fieberphantasie vor. Auch hier waren die Gegensätze ineinander umgeschlagen.

Heinz Ahlreip

Von Marx bis Gorbatschow

6. Mai 2016

Die Vorgeschichte der russischen Oktoberrevolution beginnt im marxistischen Kontext m. E. im Jahr 1848, als Russland noch in tiefster Leibeigenschaft steckte. Es war das Jahr, in dem Karl Marx und Friedrich Engels in London das ‚Manifest der Kommunistischen Partei‘ schrieben und veröffentlichten und es war das Jahr der mit 3 000 Toten blutig niedergeschlagenen Juni-Insurrektion des Pariser Proletariats, ein Massaker, das die Trikolore in das Blut der roten Fahne eintauchte. Die Begründung einer aparten Partei des Proletariats durch Marx und Engels und die Erkenntnis der Pariser Arbeiter, dass sie den Bourgeoissozialisten nicht hätten trauen dürfen, Repräsentanten der Revolution zu sein, fielen zeitlich fast zusammen. Beide Revolutionäre legten dann auch ihr Hauptaugenmerk auf die Gründung und Hegung einer revolutionären Kampfpartei des Proletariats. Beim Ausbruch der Pariser Kommune waren Anhänger der Lehre von Karl Marx bereits tätig und Engels bezeichnete diese Kommune bereits als eine Diktatur des Proletariats. Die russische Revolution von 1905 brachte die proletarische Kampfform der Sowjets hervor und die Oktoberrevolution von 1917 nahm beide in der Geschichte angelegten Kampfformen auf und synthetisierte sie. Diese Revolution war im rückständigen Russland 1917 nach nur 14jähriger Vorbereitung – der Bolschewismus und die SDAPR geben als ihr Gründungsjahr das Jahr 1903 an – eine Doppelrevolution, in der es im Juli 1917 eine Niederlage der Bolschewiki gab. Als diese Revolutionen sich erhoben, existierte in England, im Land des klassischen Kapitalismus, in dem nach den Worten von Karl Marx im Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals der sozialistische Umwälzungsprozess bereits 1867 „mit Händen greifbar“ war, noch immer keine kommunistische Partei. Gleichwohl hielt Lenin bis an sein Lebensende am Traum einer weltumspannenden Sowjetrepublik fest, ja an seinem Lebensende ging es vor allem um die ökonomische Grundlegung für den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion, die es nach der Vertreibung der letzte imperialistischen Interventen (die Japaner) ab 1922 gab, und um die Propagierung einer weltpolitischen Bedeutung des Sowjetmodells. In der Theorie blieb das nach seinem Tod immer bestehen, aber die weltrevolutionäre Ausstrahlung der Sowjetunion fand keinen Funken, der die westeuropäischen Metropolen in Brand setzte und je mehr die geschichtliche Entwicklung des Imperialismus die Arbeiterbewegung entrevolutionieren konnte, am krassesten in Deutschland, desto mehr verfestigte sich der Gedanke einer Industrialisierung der Sowjetunion und der Möglichkeit einer singulären Errichtung des Sozialismus in der Isolation, in der Umlagerung. Das Opfer dieses Widerspruchs wurde Trotzki. Die Geschlossenheit des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern in der Sowjetunion war letztendlich der Koloss, der dem Ansturm der Wehrmacht standhielt. Das Desaster der Roten Armee im sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40 war der Lockvogel, den die Weltgeschichte auf Hitlers Schulter gesetzt hatte, um ihm liebliche Melodien über ein marodes Sowjetsystem ins Ohr zu zwitschern. Goebbels notierte am 14. November 1939 in sein Tagebuch: „Beim Führer. Er stellt noch einmal den katastrophalen Zustand der russischen Armee fest. Sie ist kämpferisch kaum zu gebrauchen“. Der imperialistischen Konterrevolution war es nach den militärischen Interventionen in die Wirren des russischen Bürgerkrieges und ihren nicht für möglich gehaltenen militärischen Niederlagen, als letzte zog sich die japanische Armee 1922 aus Sibirien zurück, nicht mehr gelungen, die kollektive Geschlossenheit der Sowjetvölker aufzubrechen. Es gab für die Konterrevolution keine zweite Chance von außen, die Hitler wahrzunehmen versucht hatte; der Sowjetkoloss implodierte 1991 von innen heraus. Ihren Fall nur aus einem außenpolitisch bedingten konkurrierenden Totrüsten durch den Westen zu erklären, greift zur kurz. Es ist natürlich angenehm für Sozialisten, eine Existenz des Sozialismus bei einer besseren weltpolitischen Großwetterlage zu garantieren. Wir müssen aber die Widersprüche im Inneren der Dinge selbst erforschen und dann wird es schon schwieriger, das Scheitern der Oktoberrevolution zu erklären. Für dieses gibt es einen Komplex von Ursachen, monokausale Erklärungsversuche lösen das Problem nicht.

Würde Lenin die heutige politische Weltkarte sehen, würde er die Weltgeschichte nicht mehr verstehen. 1920 hatte er die Kommunisten weltweit angehalten, den geradesten und raschesten Weg zum Sieg der Sowjetmacht und zur Diktatur des Proletariats zu finden. Herausgekommen ist eine Odyssee. Und man kann mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass 2020, hundert Jahre später, der Weltkommunismus noch keinen erheblichen Fortschritt gemacht haben wird. Doch halt ! Wer kann sich dessen sicher sein ?  In der Geschichte des Klassenkampfes kann es plötzlich zu Wendungen, Überraschungen und Zickzackbewegungen kommen, die keiner voraussagen kann. Möglich ist, dass eine kommunistische Revolution an unerwarteter Stelle ausbrechen kann. Lenin erwähnte die an und für sich geringfügige Dreyfusaffaffäre, die  unabsehbare gesellschaftliche Folgen bis hin zum Bürgerkrieg in sich bergen könne. (Vergleiche Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,632). Und gingen nach der Verkündung seiner Aprilthesen nicht eltiche Bolschewiki auf ihn los und verunglimpften die Aprilthesen als ‚Fieberphantasie‘ ? Aber kann man einen Revolutionär ankreiden, zu phantasieren ? Freilich haben wir an den Wahlergebnissen einen Gradmesser der Reife des Proletariats, aber es kommt auch auf die Qualität der kommunistischen Partei an. Ist diese gering, kann ein Umschlag von Quantität in Qualität fehlschlagen.

Heinz Ahlreip

Zur Spezifik der Oktoberrevolution

6. Mai 2016

Als einen Erfolgsgaranten der russischen Revolution 1917 bezeichnet Lenin die eiserne Disziplin seiner Partei, deren Mitglieder die ‚Felsenfesten‘ genannt wurden. Diese Disziplin wurde nach Lenin vor allem durch das Klassenbewusstsein der Parteimitglieder aufrechterhalten, auf das Lenin stets großen Wert legte, obwohl sich Marx und Engels über die Bedeutung des Bewusstseins eher abfällig äußerten. Ich denke an die Passage aus der ‚deutschen Ideologie‘, in der das menschliche Bewusstsein erst an fünfter Stelle der Momente der ursprünglichen geschichtlichen Verhältnisse des Menschen genannt wird. (Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,30). Lenin machte es seinen Bolschewiken zur Pflicht, sich mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletarischen werktätigen Massen bis zu einem gewissen Grade zu verschmelzen und in dieser Verschmelzung mit Vorbehalt vor jeder politischen Aktion „die Klassenkräfte und ihre Wechselbeziehungen streng objektiv abzuwägen“. (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,17)  Der Bolschewismus gedeiht im Milieu des Massenkampfes. Man kann für die Arbeiter kein Rezept für alle Fälle des Lebens erfinden, vielmehr gibt uns Lenin an die Hand, dass die Massen in Klassen aufgeteilt sind, „daß die Klassen gewöhnlich und in den meisten Fällen, wenigstens in den modernen zivilisierten Ländern, von politischen Parteien geführt werden; daß die politischen Parteien in der Regel von mehr oder minder stabilen Gruppen der autoritativsten, einflußreichsten, erfahrensten, auf die verantwortungsvollsten Posten gestellten Personen geleitet werden, die man Führer nennt“.  (Lenin, a.a.O.,26) Das ist der Kompass, den Lenin uns gab, um uns zunächst ganz elementar auf dem Gebiet der Politik zurechtzufinden, wobei er noch hinzufügt, dass die Klassen auch noch jahrelang nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat bestehen bleiben werden (Vergleiche a.a.O.,29). Die nichtbolschewistischen Parteien wurden nicht unmittelbar nach der Oktoberrevolution verboten und konnten auch nicht verboten werden. Die Abschaffung der Klassen blieb zunächst ein Ideal. Die Bolschewiki waren also noch von Feinden umgeben und stützten sich primär auf die Gewerkschaften, die eine unentbehrliche ‚Schule des Kommunismus‘ sind, auch auf parteilose Arbeiter und Bauern, auf parteilose Arbeiterinnen und Bäuerinnen und auf die Sowjets. Eine Revolution kann nicht von Revolutionären allein durchgeführt werden. Sie bedarf einer spezifischen Situation, in Russland war dies die Verbindung der Oktoberrevolution mit der Beendigung des Krieges, die Ausnutzung des Krieges der Imperialisten untereinander, das Überstehen eines langen Bürgerkrieges und das Vorhandensein einer tiefgehenden bürgerlich-demokratischen revolutionären Bewegung der Bauern. War dies eine einzigartig-seltene Situation, gar eine einmalige ? War und ist eine solche in Westeuropa überhaupt möglich ? Es bleiben spezifische Merkwürdigkeiten der Oktoberrevolution zurück. Erstens: Sie brach aus in einem Land, in dem das Proletariat eine Minderheit im Volk war. Zweitens: Sie konnte sich nur halten durch eine Politik der richtigen Beziehungen zur Bauernschaft, was zur Folge hatte, dass das dem Sozialismus kontraproduktive kleinbäuerliche Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre mit Punkt und Komma übernommen wurde und nur so die Brücke zwischen Stadt und Dorf hergestellt werden konnte, die tragfähige homogene Basis der Revolution. Drittens blieb der Feind mächtiger und viertens, dazu im Widerspruch stehend, erließen die Bolschewiki ein Aufnahmestop für ihre Partei. ‚Lieber weniger, aber besser‘, so lautete die Überschrift eines Artikels von Lenin Anfang März 1923.

Heinz Ahlreip

 

Kritik am Aufruf der DKP zum 1. Mai 2016

4. Mai 2016

Heute am 5. Mai 2016, am 198. Geburtstag von Karl Marx, sehe ich mich gezwungen, mich kritisch mit dem Aufruf der DKP zum 1. Mai 2016 auseinanderzusetzen. Der Aufruf beginnt mit dem Satz: „Wir Kommunistinnen und Kommunisten in diesem Land unterstützen den DGB und seine Einzelgewerkschaften im Kampf um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen“. (uz, 29.4.2016,3). Der DGB wird hier in ein zu positives Licht gesetzt, es muss betont werden, dass wir es bei dem DGB auch mit einer reaktionären Gewerkschaft zu tun haben, mit einer Organisation, in der sich reaktionäre Arbeiterinnen und Arbeiter niedergelassen haben, mit denen man nicht zusammenarbeiten kann, sondern die man bekämpfen muss. Ist nicht die Gewerkschaft der Polizei Mitglied im DGB und ist nicht die Polizei ein Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit ? Man hätte sich an die fortschrittlichen und pro-sozialistischen Kräfte im DGB wenden sollen, die es in dieser Gewerkschaft schwer genug haben.  Lenin lehrte uns: „Als die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier, die revolutionäre Partei des Proletariats … sich herauszubilden anfing, da begannen die Gewerkschaften unvermeidlich gewisse reaktionäre Züge zu offenbaren …“ (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,35). Und anders kann es auch gar nicht sein: Sobald die rote Fahne erscheint, trennt sich in den Gewerkschaften die Spreu vom Weizen. Vergessen wir nicht die Worte von Rosa Luxemburg, die sie Ende 1918 in Berlin anlässlich der Gründung der KPD ausgesprochen hat:‚ „ … daß die deutschen Gewerkschaftsführer und die deutschen Sozialdemokraten die infamsten und größten Halunken, die in der Welt gelebt haben, sind … (folglich) gehören diese Leute ins Zuchthaus“. Jede klassenbewusste Arbeiterin und jeder klassenbewusste Arbeiter sollte sich diese Worte ausdrucken und an die Innenseite ihrer / seiner Wohnungstür kleben, so dass sie / er bei jedem Verlassen der Wohnung sich diese Worte einprägen kann.

Mit dem internationalen Einsatz der Bundeswehr und der Aufrüstung wird begründet, „dass ein grundsätzlicher Politikwechsel notwendig ist“. (uz, 29.4.2016,3). Ein Politikwechsel allein wird dem wissenschaftlichen Sozialismus nicht gerecht, das Qualitativ-Neue der sozialistischen Politikkonzeption ist eben, dass das Politische zugleich zusammengedacht wird mit dem Nicht-Politischen, Politik und ihre Negierung, dass das Proletariat sich aus dem Politischen heraushauen muss. „Die Revolution überhaupt – der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse – ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg“. (Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,409). Auf dieses Fortschleudern der Politik kommt alles an. Man muss politisch arbeiten, aber immer im Hinterkopf behalten, dass man auch gegen-politisch arbeiten, die eingelaufene Bahn des Politischen sprengen muss. Die MLPD begeht mit ihrer Parole: ‚Neue Politiker braucht das Land !‘ einen sehr ähnlichen Fehler. Das versprochene Land liegt jenseits der Politik und ein Vollblutpolitiker ist ein entartetes Tier. In der kleinbürgerlichen Utopie Rousseaus gibt es zum Beispiel keine Regierung, wenn das ganze Volk auf dem Marktplatz versammelt ist. Wenn doch nur über die Aussage von Lenin nachgedacht werden würde, dass die Menschen in der Politik stets Opfer von Betrug und Selbstbetrug sind. (Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin 1960,9). Das war eine Aussage vor der Oktoberrevolution und nach dieser vertiefte Lenin den Gedanken auf dem VIII. Gesamtrussischen Sowjetkongress Ende 1920: „Von der Tribüne der Gesamtrussischen Kongresse werden fortan nicht nur Politiker und Administratoren, sondern auch Ingenieure und Agronomen sprechen. Damit bricht die glücklichste Epoche an, in der es immer weniger Politik gehen wird, in der man seltener und nicht so lange über Politik sprechen wird, sondern mehr die Ingenieure und Agronomen zu Worte kommen werden“ (Lenin, Referat über die Konzessionen, gehalten in der Sitzung der KPR(B)-Fraktion des VIII: Sowjetkongresses 21. Dezember 1920, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,510). Man muss hier nicht nur Lenin, sondern auch dem Volk aufs Maul schauen: Es steckt Weisheit in seinen Aussagen, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist und den Charakter verdirbt. Die Konterrevolution dagegen suhlt sich immer ohne jedes Ekelgefühl im Politischen herum. Nach dem Machtantritt Adolf Hitlers schrieb der Propagandist des totalen Führerstaates Carl Schmitt: „Inzwischen haben wir das Politische als das Totale erkannt“. (Carl Schmitt, Vorbemerkung zur zweiten Ausgabe der ‚Politischen Theologie‘ im November 1933). Das ist die Festschreibung der Versklavung des Menschen. Also die Marxisten wollen das Politische wegschleudern, das die Volksfeinde totalisieren. In der Regierung Hitler saßen 1933 viele neue Politiker.

 In der Mitte des Aufrufs wird auf die nach Deutschland kommenden Flüchtlingsströme und auf die Hilfsbereitschaft von Millionen Menschen eingegangen, um dann zu sagen: „Gemeinsam werden wir den Kampf für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für ALLE Menschen führen“. (uz, 29.4.2016,3). Hier ist sowohl der Klassenkampf zur „völligen Vernichtung der Bourgeoisie“ (Lenin) als auch die Dialektik von Revolution und Konterrevolution verschwunden. Der Sozialismus verbessert nicht das Leben aller Mitglieder der Gesellschaft, im Gegenteil, die Ausbeuter der menschlichen Arbeitskraft qua Lohnzahlung werden entthront, fallen von ganz oben nach ganz unten und werden völlig vernichtet. Die völlige Vernichtung der Bourgeoisie, zu der Lenin uns in seinem Fundamentalwerk „Staat und Revolution“ verpflichtete, Marx und Engels sprachen von „Totengräbern“, ist wohl kaum als eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu werten. Über die kritischen utopischen Sozialisten und Kommunisten schrieben Marx und Engels im Manifest: „Sie wollen die Lebenslage aller Gesellschaftsmitglieder, auch der bestgestellten, verbessern“: (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,490). 1885 hatte Engels den Schriftsetzer Stephan Born kritisiert, dass er mit seiner „Arbeiterverbrüderung“, die bis 1850 bestand, „allen alles sein“ wollte (Vergleiche Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,219).

Die DKP fordert ein bundesweites Sofortprogramm  für den Bau von Wohnungen, Bildungseinrichtungen und Infrastruktur. Aber hier werden wieder die Vermieter geschont. Engels wies in seiner Schrift ‚Zur Wohnungsfrage‘ auf die Notwendigkeit der Bequartierung leerstehenden Wohnraums hin. Im letzten Winter sind wieder Obdachlose erfroren. Um das im kommenden Winter zu verhindern, müssen die städtischen Behörden leerstehende Wohnraum ermitteln und diesen kostenlos den Obdachlosen zur Verfügung stellen. Es versteht sich von selbst, dass diese soziale Maßnahme weder mit der SPD noch mit den Linken durchzuführen ist, diese Maßnahme berührt das ‚heilige‘ Eigentum und an diesem trennt sich die Spreu vom Weizen. Und aus dem Weizen blüht die Diktatur des Proletariats (Verbot der Parteien des Privateigentums, u.a. SPD und Linke).

Im Aufruf zum 1. Mai werden weder die verarmten Kleinbauern noch die Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen in den Dörfern erwähnt, die sehr oft noch schikanöser ausgebeutet werden als die Arbeiterinnen und Arbeiter in den großen städtischen Fabriken. Es gibt in der BRD Kulaken, Blutsauger der finstersten mittelalterlichen Art, umgeben von Pfaffen, die kein anderes Schicksal verdienen, als in einer sozialistischen Revolution bestraft zu werden. Die Ausbeutung durch Lohnarbeit findet doch nicht nur in den Städten statt ! Die Provinz entscheidet nicht das Schicksal der Revolution, aber die Stadt allein auch nicht. „Einzig und allein die revolutionären Arbeiter sind imstande, wenn sie von den armen Bauern unterstützt werden (kursiv/H.A.), den Widerstand der Kapitalisten zu brechen …“ (Lenin, Die Lehren der Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,244). In der Provinz aber kann sich das Wasser anstauen, in dem sich die schwarzen Fische der Reaktion tummeln können. Der Sozialismus bleibt eine Utopie, wenn ein Bündnis zwischen den städtischen und ländlichen Proletariern nicht zustande kommt.

Wer war Wilhelm Wolff, dem Marx das Kapital gewidmet hatte ? Wolff wies in einer Artikelserie in der ‚Neuen Rheinischen Zeitung‘, deren Chefredakteur Karl Marx war, nach, wie die armen Bauern in Schlesien von den Grundherren ausgepresst wurden. Die Artikelserie, veröffentlicht als Buch unter dem Titel ‚Die schlesische Milliarde‘, gehört zu den eindruckvollsten sozialkritischen Schriften, die jemals im deutschen Sprachraum erschienen sind. Marx hatte bekanntlich Engels in einem Brief vom 16. April 1856 mitgeteilt, dass es um die Revolution in Deutschland gut stünde, wenn sie ergänzt werden würde „durch irgendeine zweite Ausgabe des Bauernkrieges“…. Dass die Diktatur des Proletariats das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und armen Bauern einschließt, ist eine Binsenwahrheit, die ab 1912 von Lenin maßgeblich gestaltete Zeitung ‚Prawda‘ hatte stets eine Rubrik „Bäuerliches Leben“ in ihren Seiten, denn diese Zeitung legte in ihrer Gestaltung den Leninschen Leitsatz vom Bündnis des Proletariats mit der armen Bauernschaft als Vorbedingung des Sieges der sozialistischen Revolution zu Grunde. Stalin wusste, dass man die Konterrevolution nur „gemeinsam mit der Provinz“ (Stalin, Über die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,1). vernichten kann. Aufschlussreich ist auch, was Rosa Luxemburg in ihrer Rede zum Programm auf dem Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) Ende 1918 in Berlin zu dieser Thematik gesagt hat: „Es wäre Wahn, den Sozialismus ohne Landwirtschaft zu verwirklichen“ (Rosa Luxemburg, Rede zum Programm, in; Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spoantaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,217). Diese Revolutionärin kann uns noch einige Lektionen erteilen, für sie, und nicht nur für sie, war die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land der wichtigste Gedanke der sozialistischen Wirtschaftsordnung. „Wenn wir Ernst machen wollen mit einer sozialistischen Umgestaltung, müssen Sie ihr Augenmerk ebenso auf das flache Land richten wie auf die Industriezentren …“ (a.a.O.). Stalin hat es auf den Punkt gebracht: Die Gleichgültigkeit gegenüber der Bauernfrage „ist ein unzweifelhaftes Merkmal des direkten Verrats am Marxismus“. (Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,110).

FAZIT: Ein wirkliches Interesse an einer proletarischen Revolution in Deutschland liegt bei der DKP nicht vor !

Heinz Ahlreip


Lenin Kautsky Demokratie Diktatur

4. Mai 2016

Kautsky behauptete 1918 in seiner gegen den Bolschewismus gerichteten Broschüre ‚Die Diktatur des Proletariats‘, trotz der Existenz von Klassen gäbe es Demokratie in Reinkultur und folglich komme alle Macht von den Stimmzetteln her und nicht aus den Gewehrläufen. In der Demokratie schlechthin sind alle Klassen gleichberechtigt, durch die Oktoberrevolution aber wurden die Ausbeuter menschlicher Arbeitskraft von den Wahlen, von der Demokratie ausgeschlossen. Lenin empfand es als ungeheuerlich, dass man gegenüber einer Koryphäe des Marxismus wie Kautsky und gegenüber den Menschewiki die Frage aufwerfen musste, ob es eine Gleichheit zwischen Ausgebeuteten und Ausbeuter geben könne ? Aber weder Kautsky noch die Menschewiki haben von den Aprilthesen 1917 bis zu Kautskys Broschüre ‚Die Diktatur des Proletariats‘ „1918, in der er das Wort bürgerliche Demokratie vermeidet,  auch nur ein einziges Mal versucht, die Frage des Staates vom Typus der Kommune zu untersuchen“. (Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1960,266). Mit seiner Gegenbroschüre „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ wollte Lenin den Nachweis erbringen, dass die Politik der Bolschewiki in der Staatsfrage, also in der Frage der Diktatur des Proletariats als der wichtigsten Frage des ganzen proletarischen Klassenkampfes nicht verfehlt sei: demokratisch für die arme Mehrheit des Volkes, zugleich diktatorisch gegen die reiche Minderheit, der man, über die Pariser Commune hinausgehend, das Wahlrecht entzogen hatte. Das bewog Kautsky dazu, dem Bolschewismus in seiner Broschüre ‚Terrorismus und Kommunismus‘ eine terroristische Anlage zu unterschieben unter Verweis auf das uneingeschränkte Wahlrecht der Pariser Commune. Ohnehin war für Lenin das Rätekonzept der Kommune in Paris nicht völlig identisch mit dem der Sowjetbewegung: es gab für Lenin eine proletarische Revolution nach Pariser Modell, nach dem sowjetischen, „oder, sagen wir, von irgendeinem dritten Typus“ (Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1960,324).

 War dieser Rechtsentzug des aktiven und passiven Wahlrechts von Lenin auch keineswegs als obligatorisch für eine proletarische Revolution ausgegeben worden, vor der Oktoberrevolution hatte Lenin in seinem Fundamentalwerk ‚Staat und Revolution‘ die Frage der Einschränkung des Wahlrechts noch gar nicht aufgeworfen, so ging es ihm in seiner Polemik gegen Kautsky doch um die Behauptung des Bolschewismus „als Vorbild der Taktik für alle“ mit dem Ziel einer revolutionären, vorübergehenden Diktatur des Proletariats durch revolutionäre Gewalt unter der Anführerschaft einer Kaderpartei, für die die gewaltsame Unterdrückung der ‚Weißen‘ zunächst im Vordergrund stand. Im November 1918, ein Jahr nach der Oktoberrevolution, sah Lenin lediglich eine Wahrscheinlichkeit, dass nicht nur in Russland im Verlauf einer proletarischen Revolution das Wahlrecht für die Ausbeuter menschlicher Arbeitskraft situativ beschnitten werden könnte. Beide, Kautsky und Lenin, hatten sich in der Kontroverse nichts geschenkt: Kautsky deutete Lenin nicht als Fortsetzer der Idee von Karl Marx, sondern als Fortsetzer der Idee des Rohkommunisten Weitling, der die Lösung der sozialen Frage durch einen Messias erwartete. Für Lenin schloss die Diktatur der Ausgebeuteten die Verletzung der Demokratie gegenüber den Ausbeutern ein, für Kautsky nicht. Lenin spitze es zu: Selbst der Renegat Bernstein sei ein Waisenknabe im Vergleich zu dem Renegaten Kautsky gewesen (Vergleiche Lenin, a.a.O.,240), und er habe eine Revolution ohne Revolution gewollt (Vergleiche Lenin,a.a.O.,318), also er wiederholte den gleichen Vorwurf, den Robespierre an die Girondisten gerichtet hatte. Robespierre und Lenin hatten Recht. Was Kautsky nicht begriffen hatte, war, dass es Demokratie und Demokratie gibt: eine bürgerliche gegen den Feudalismus und eine proletarische gegen den Kapitalismus. Sein Verharren auf der bürgerlichen Demokratie und damit auf dem Parlamentarismus unter Missachtung des Klassenkampfes zusammen mit seinem Vorwurf des Sowjetterrorismus und seiner mittlerweile eingetretenen Unfähigkeit, die Sache aus der Sicht der unterdrückten Klassen zu deuten, veranlasste Trotzki zu dem Bild, dass Kautskys zentristisches Schiff der Revolution stille Buchten bevorzuge. Er sah in der Oktoberrevolution die letzte der bürgerlichen Revolutionen und nicht die erste der sozialistischen und in diesen letzten wollte er der revolutionären Diktatur keine Gewaltanwendung gegenüber der Bourgeoisie zubilligen. Durch die Anwendung der diktatorischen statt der demokratischen und friedlichen Methode versuchten die Bolschewiki, aus der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen zu springen und erstere wegzudekretieren. „Aber wenn man im Bilde bleiben will, dann gemahnt uns ihre Praxis mehr an eine schwangere Frau, die die tollsten Sprünge vollzieht, um die Dauer ihrer Schwangerschaft, die sie ungeduldig macht, abzukürzen und eine Frühgeburt herbeizuführen“ (Karl Kautsky, Die Diktatur des Proletariats, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand, Wien, 1919,43). Die Hauptkrankheit der Oktoberrevolution sah Kautsky in der Zersplitterung der Landwirtschaft, durch die sie einen kleinbäuerlichen Charakter angenommen hatte. „Das auffallendste Merkmal der jetzigen russischen Revolution ist ihre Arbeit im Sinne von Eduard David. Eduard David (1863 bis 1930), ein Anhänger Bernsteins und ab 1914 Hauptinitiator der Burgfriedenspolitik, stand auf dem rechten Flügel der SPD und vertrat eine Hinwendung dieser Partei zu bäuerlichen Wählergruppen. Er und nicht Lenin gibt dort die eigentliche Richtung der Revolution an“ (a.a.O.,44). Für Kautsky lief die russische Revolution auf eine Diktatur der Bauern hinaus, da das von den Leninisten angestrebte Bündnis zwischen Proletariat und Bauernschaft unter russischen Bedingungen zum Scheitern verurteilt sei. Der zwischen dem Dorf und der Stadt stattfindende Warenverkehr wird nach Kautsky unweigerlich zum Gegensatz zwischen den Bauern und den Proletariern führen: der Bauer sei selbstredend an hohen Preisen für landwirtschaftliche Produkte interessiert wie an niedrigen Preisen für Industrieprodukte. Im Gegensatz zur Staatsindustrie kann es ihm im Privatsektor der Industrie gleichgültig sein, wie diese niedrigen Preise zustandekommen, in der Staatsindustrie ist er aber aus Steuererwägungen an hohen Profite, also niedrigen Arbeitslöhnen interessiert, da niedrige Profite auf diesem Sektor für ihn mehr Steuern bedeuten würden, denn niedrige Staatseinnahmen werden  durch ein höheres, vornehmlich von den Bauern zu tragendes Steueraufkommen kompensiert werden.

Erstaunlich ist die relativ kurze Zeit, die die Bolschewiki brauchten, um an ihr Ziel zu kommen.  Wenn man berücksichtigt, dass es die Strömung des Bolschewismus erst seit 1903 gab, so benötigten die Leninisten 14 Jahre, bis ihr Weg zur Macht endete, eine atemberaubend kurze Zeit, in weltgeschichtlicher Hinsicht fast ein Nichts, in dem doch der erste Weltkrieg lag. Die Kommunistische Partei Chinas wurde am 1. Juli 1921 gegründet und am 1. Oktober 1949 rief Mao die Volksrepublik aus, kurz: Mao brauchte doppelt so lange wie Lenin. 14 Jahre bilden keine historische Epoche, und die revisionistischen Ablehner der bolschewistischen Revolutionsmethoden im Westen dachten vor allem epochal im flachen Sinn, sie hatten verlernt, dass die Geschichte manchmal phantastische Zickzackbewegungen aufweist.  In der Tat sah Kautsky in seiner ersten Broschüre gegen die Bolschewiki das Parlament und die alte zaristische Armee, dieser festesten Stütze des Eigentums und der bürgerlichen Verhältnisse, als Ordnungsfaktoren an und kritisierte die wilde Landnahme am Großgrundbesitz. Er begriff nicht den tiefen demokratischen Gehalt in der Diktatur des Proletariats und erhoffte sich eine Wiederherstellung einer Dumademokratie, während Engels bekanntlich vom Absterben der Demokratie im Sozialismus sprach, dass eben das Absterben des Staates auch das Absterben der Demokratie beinhalte. Kautsky sah in der Oktoberrevolution, die für ihn aus der glücklichen Situation einer Augenblickskonstellation entsprungen war, die letzte der bürgerlichen Revolutionen und nicht die erste der sozialistischen.

Galt es gegen Kaustky zunächst den Sowjetismus mit seinem demokratischen Gehalt zu verteidigen, so musste auch seine nationale Begrenzung durch Kautsky als eine rein russische Angelegenheit durchbrochen werden. Neben der explizit gegen Kautksy gerichteten Broschüre geschah das vor allem in der Schrift ‚Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus‘, in der Lenin die Geschichte des Bolschewismus als eine Erfolgsgeschichte der internationalen Arbeiterbewegung als Lehrbeispiel zu vermitteln versucht, da für ihn die Erfahrung bewiesen habe, dass „in einigen sehr wesentlichen Fragen der proletarischen Revolution alle Länder unvermeidlich dasselbe werden durchmachen müssen, was Rußland durchgemacht hat“. (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Band 31,Dietz Verlag Berlin, 1960,15). Diese Schrift, die Lenin im Frühjahr 1920 verfasste, ist als ein weiteres Hindernis zu werten, an dem Kautsky auf seinem Weg zum Klassikerruhm scheiterte. Ich möchte sie als eine Art politischen Vermächtnisses von Lenin bezeichnen, in dem er den Opportunismus als den Hauptfeind des Bolschewismus bezeichnete, ein Hauptfeind, der sich ab 1914 endgültig zum Sozialchauvinismus degenerierte. Der russische Bolschewismus ist ohne Zweifel im unablässigen leidvollen Kampf gegen alle Abweichungen vom Marxismus entstanden.

Heinz Ahlreip