Lenin Kautsky Demokratie Diktatur

Kautsky behauptete 1918 in seiner gegen den Bolschewismus gerichteten Broschüre ‚Die Diktatur des Proletariats‘, trotz der Existenz von Klassen gäbe es Demokratie in Reinkultur und folglich komme alle Macht von den Stimmzetteln her und nicht aus den Gewehrläufen. In der Demokratie schlechthin sind alle Klassen gleichberechtigt, durch die Oktoberrevolution aber wurden die Ausbeuter menschlicher Arbeitskraft von den Wahlen, von der Demokratie ausgeschlossen. Lenin empfand es als ungeheuerlich, dass man gegenüber einer Koryphäe des Marxismus wie Kautsky und gegenüber den Menschewiki die Frage aufwerfen musste, ob es eine Gleichheit zwischen Ausgebeuteten und Ausbeuter geben könne ? Aber weder Kautsky noch die Menschewiki haben von den Aprilthesen 1917 bis zu Kautskys Broschüre ‚Die Diktatur des Proletariats‘ „1918, in der er das Wort bürgerliche Demokratie vermeidet,  auch nur ein einziges Mal versucht, die Frage des Staates vom Typus der Kommune zu untersuchen“. (Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1960,266). Mit seiner Gegenbroschüre „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ wollte Lenin den Nachweis erbringen, dass die Politik der Bolschewiki in der Staatsfrage, also in der Frage der Diktatur des Proletariats als der wichtigsten Frage des ganzen proletarischen Klassenkampfes nicht verfehlt sei: demokratisch für die arme Mehrheit des Volkes, zugleich diktatorisch gegen die reiche Minderheit, der man, über die Pariser Commune hinausgehend, das Wahlrecht entzogen hatte. Das bewog Kautsky dazu, dem Bolschewismus in seiner Broschüre ‚Terrorismus und Kommunismus‘ eine terroristische Anlage zu unterschieben unter Verweis auf das uneingeschränkte Wahlrecht der Pariser Commune. Ohnehin war für Lenin das Rätekonzept der Kommune in Paris nicht völlig identisch mit dem der Sowjetbewegung: es gab für Lenin eine proletarische Revolution nach Pariser Modell, nach dem sowjetischen, „oder, sagen wir, von irgendeinem dritten Typus“ (Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1960,324).

 War dieser Rechtsentzug des aktiven und passiven Wahlrechts von Lenin auch keineswegs als obligatorisch für eine proletarische Revolution ausgegeben worden, vor der Oktoberrevolution hatte Lenin in seinem Fundamentalwerk ‚Staat und Revolution‘ die Frage der Einschränkung des Wahlrechts noch gar nicht aufgeworfen, so ging es ihm in seiner Polemik gegen Kautsky doch um die Behauptung des Bolschewismus „als Vorbild der Taktik für alle“ mit dem Ziel einer revolutionären, vorübergehenden Diktatur des Proletariats durch revolutionäre Gewalt unter der Anführerschaft einer Kaderpartei, für die die gewaltsame Unterdrückung der ‚Weißen‘ zunächst im Vordergrund stand. Im November 1918, ein Jahr nach der Oktoberrevolution, sah Lenin lediglich eine Wahrscheinlichkeit, dass nicht nur in Russland im Verlauf einer proletarischen Revolution das Wahlrecht für die Ausbeuter menschlicher Arbeitskraft situativ beschnitten werden könnte. Beide, Kautsky und Lenin, hatten sich in der Kontroverse nichts geschenkt: Kautsky deutete Lenin nicht als Fortsetzer der Idee von Karl Marx, sondern als Fortsetzer der Idee des Rohkommunisten Weitling, der die Lösung der sozialen Frage durch einen Messias erwartete. Für Lenin schloss die Diktatur der Ausgebeuteten die Verletzung der Demokratie gegenüber den Ausbeutern ein, für Kautsky nicht. Lenin spitze es zu: Selbst der Renegat Bernstein sei ein Waisenknabe im Vergleich zu dem Renegaten Kautsky gewesen (Vergleiche Lenin, a.a.O.,240), und er habe eine Revolution ohne Revolution gewollt (Vergleiche Lenin,a.a.O.,318), also er wiederholte den gleichen Vorwurf, den Robespierre an die Girondisten gerichtet hatte. Robespierre und Lenin hatten Recht. Was Kautsky nicht begriffen hatte, war, dass es Demokratie und Demokratie gibt: eine bürgerliche gegen den Feudalismus und eine proletarische gegen den Kapitalismus. Sein Verharren auf der bürgerlichen Demokratie und damit auf dem Parlamentarismus unter Missachtung des Klassenkampfes zusammen mit seinem Vorwurf des Sowjetterrorismus und seiner mittlerweile eingetretenen Unfähigkeit, die Sache aus der Sicht der unterdrückten Klassen zu deuten, veranlasste Trotzki zu dem Bild, dass Kautskys zentristisches Schiff der Revolution stille Buchten bevorzuge. Er sah in der Oktoberrevolution die letzte der bürgerlichen Revolutionen und nicht die erste der sozialistischen und in diesen letzten wollte er der revolutionären Diktatur keine Gewaltanwendung gegenüber der Bourgeoisie zubilligen. Durch die Anwendung der diktatorischen statt der demokratischen und friedlichen Methode versuchten die Bolschewiki, aus der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen zu springen und erstere wegzudekretieren. „Aber wenn man im Bilde bleiben will, dann gemahnt uns ihre Praxis mehr an eine schwangere Frau, die die tollsten Sprünge vollzieht, um die Dauer ihrer Schwangerschaft, die sie ungeduldig macht, abzukürzen und eine Frühgeburt herbeizuführen“ (Karl Kautsky, Die Diktatur des Proletariats, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand, Wien, 1919,43). Die Hauptkrankheit der Oktoberrevolution sah Kautsky in der Zersplitterung der Landwirtschaft, durch die sie einen kleinbäuerlichen Charakter angenommen hatte. „Das auffallendste Merkmal der jetzigen russischen Revolution ist ihre Arbeit im Sinne von Eduard David. Eduard David (1863 bis 1930), ein Anhänger Bernsteins und ab 1914 Hauptinitiator der Burgfriedenspolitik, stand auf dem rechten Flügel der SPD und vertrat eine Hinwendung dieser Partei zu bäuerlichen Wählergruppen. Er und nicht Lenin gibt dort die eigentliche Richtung der Revolution an“ (a.a.O.,44). Für Kautsky lief die russische Revolution auf eine Diktatur der Bauern hinaus, da das von den Leninisten angestrebte Bündnis zwischen Proletariat und Bauernschaft unter russischen Bedingungen zum Scheitern verurteilt sei. Der zwischen dem Dorf und der Stadt stattfindende Warenverkehr wird nach Kautsky unweigerlich zum Gegensatz zwischen den Bauern und den Proletariern führen: der Bauer sei selbstredend an hohen Preisen für landwirtschaftliche Produkte interessiert wie an niedrigen Preisen für Industrieprodukte. Im Gegensatz zur Staatsindustrie kann es ihm im Privatsektor der Industrie gleichgültig sein, wie diese niedrigen Preise zustandekommen, in der Staatsindustrie ist er aber aus Steuererwägungen an hohen Profite, also niedrigen Arbeitslöhnen interessiert, da niedrige Profite auf diesem Sektor für ihn mehr Steuern bedeuten würden, denn niedrige Staatseinnahmen werden  durch ein höheres, vornehmlich von den Bauern zu tragendes Steueraufkommen kompensiert werden.

Erstaunlich ist die relativ kurze Zeit, die die Bolschewiki brauchten, um an ihr Ziel zu kommen.  Wenn man berücksichtigt, dass es die Strömung des Bolschewismus erst seit 1903 gab, so benötigten die Leninisten 14 Jahre, bis ihr Weg zur Macht endete, eine atemberaubend kurze Zeit, in weltgeschichtlicher Hinsicht fast ein Nichts, in dem doch der erste Weltkrieg lag. Die Kommunistische Partei Chinas wurde am 1. Juli 1921 gegründet und am 1. Oktober 1949 rief Mao die Volksrepublik aus, kurz: Mao brauchte doppelt so lange wie Lenin. 14 Jahre bilden keine historische Epoche, und die revisionistischen Ablehner der bolschewistischen Revolutionsmethoden im Westen dachten vor allem epochal im flachen Sinn, sie hatten verlernt, dass die Geschichte manchmal phantastische Zickzackbewegungen aufweist.  In der Tat sah Kautsky in seiner ersten Broschüre gegen die Bolschewiki das Parlament und die alte zaristische Armee, dieser festesten Stütze des Eigentums und der bürgerlichen Verhältnisse, als Ordnungsfaktoren an und kritisierte die wilde Landnahme am Großgrundbesitz. Er begriff nicht den tiefen demokratischen Gehalt in der Diktatur des Proletariats und erhoffte sich eine Wiederherstellung einer Dumademokratie, während Engels bekanntlich vom Absterben der Demokratie im Sozialismus sprach, dass eben das Absterben des Staates auch das Absterben der Demokratie beinhalte. Kautsky sah in der Oktoberrevolution, die für ihn aus der glücklichen Situation einer Augenblickskonstellation entsprungen war, die letzte der bürgerlichen Revolutionen und nicht die erste der sozialistischen.

Galt es gegen Kaustky zunächst den Sowjetismus mit seinem demokratischen Gehalt zu verteidigen, so musste auch seine nationale Begrenzung durch Kautsky als eine rein russische Angelegenheit durchbrochen werden. Neben der explizit gegen Kautksy gerichteten Broschüre geschah das vor allem in der Schrift ‚Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus‘, in der Lenin die Geschichte des Bolschewismus als eine Erfolgsgeschichte der internationalen Arbeiterbewegung als Lehrbeispiel zu vermitteln versucht, da für ihn die Erfahrung bewiesen habe, dass „in einigen sehr wesentlichen Fragen der proletarischen Revolution alle Länder unvermeidlich dasselbe werden durchmachen müssen, was Rußland durchgemacht hat“. (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Band 31,Dietz Verlag Berlin, 1960,15). Diese Schrift, die Lenin im Frühjahr 1920 verfasste, ist als ein weiteres Hindernis zu werten, an dem Kautsky auf seinem Weg zum Klassikerruhm scheiterte. Ich möchte sie als eine Art politischen Vermächtnisses von Lenin bezeichnen, in dem er den Opportunismus als den Hauptfeind des Bolschewismus bezeichnete, ein Hauptfeind, der sich ab 1914 endgültig zum Sozialchauvinismus degenerierte. Der russische Bolschewismus ist ohne Zweifel im unablässigen leidvollen Kampf gegen alle Abweichungen vom Marxismus entstanden.

Heinz Ahlreip

 

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