Von Marx bis Gorbatschow

Die Vorgeschichte der russischen Oktoberrevolution beginnt im marxistischen Kontext m. E. im Jahr 1848, als Russland noch in tiefster Leibeigenschaft steckte. Es war das Jahr, in dem Karl Marx und Friedrich Engels in London das ‚Manifest der Kommunistischen Partei‘ schrieben und veröffentlichten und es war das Jahr der mit 3 000 Toten blutig niedergeschlagenen Juni-Insurrektion des Pariser Proletariats, ein Massaker, das die Trikolore in das Blut der roten Fahne eintauchte. Die Begründung einer aparten Partei des Proletariats durch Marx und Engels und die Erkenntnis der Pariser Arbeiter, dass sie den Bourgeoissozialisten nicht hätten trauen dürfen, Repräsentanten der Revolution zu sein, fielen zeitlich fast zusammen. Beide Revolutionäre legten dann auch ihr Hauptaugenmerk auf die Gründung und Hegung einer revolutionären Kampfpartei des Proletariats. Beim Ausbruch der Pariser Kommune waren Anhänger der Lehre von Karl Marx bereits tätig und Engels bezeichnete diese Kommune bereits als eine Diktatur des Proletariats. Die russische Revolution von 1905 brachte die proletarische Kampfform der Sowjets hervor und die Oktoberrevolution von 1917 nahm beide in der Geschichte angelegten Kampfformen auf und synthetisierte sie. Diese Revolution war im rückständigen Russland 1917 nach nur 14jähriger Vorbereitung – der Bolschewismus und die SDAPR geben als ihr Gründungsjahr das Jahr 1903 an – eine Doppelrevolution, in der es im Juli 1917 eine Niederlage der Bolschewiki gab. Als diese Revolutionen sich erhoben, existierte in England, im Land des klassischen Kapitalismus, in dem nach den Worten von Karl Marx im Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals der sozialistische Umwälzungsprozess bereits 1867 „mit Händen greifbar“ war, noch immer keine kommunistische Partei. Gleichwohl hielt Lenin bis an sein Lebensende am Traum einer weltumspannenden Sowjetrepublik fest, ja an seinem Lebensende ging es vor allem um die ökonomische Grundlegung für den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion, die es nach der Vertreibung der letzte imperialistischen Interventen (die Japaner) ab 1922 gab, und um die Propagierung einer weltpolitischen Bedeutung des Sowjetmodells. In der Theorie blieb das nach seinem Tod immer bestehen, aber die weltrevolutionäre Ausstrahlung der Sowjetunion fand keinen Funken, der die westeuropäischen Metropolen in Brand setzte und je mehr die realgeschichtliche Entwicklung des Imperialismus die Arbeiterbewegung entrevolutionieren konnte, am krassesten in Deutschland, desto mehr verfestigte sich der Gedanke einer Industrialisierung der Sowjetunion und der Möglichkeit einer singulären Errichtung des Sozialismus in der Isolation, in der Umlagerung. Das Opfer dieses Widerspruchs wurde Trotzki. Die Geschlossenheit des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern in der Sowjetunion war letztendlich der Koloss, der dem Ansturm der Wehrmacht standhielt. Das Desaster der Roten Armee im sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40 war der Lockvogel, den die Weltgeschichte auf Hitlers Schulter gesetzt hatte, um ihm liebliche Melodien über ein marodes Sowjetsystem ins Ohr zu zwitschern. Goebbels notierte am 14. November 1939 in sein Tagebuch: „Beim Führer. Er stellt noch einmal den katastrophalen Zustand der russischen Armee fest. Sie ist kämpferisch kaum zu gebrauchen“. Der imperialistischen Konterrevolution war es nach den militärischen Interventionen in die Wirren des russischen Bürgerkrieges und ihren nicht für möglich gehaltenen militärischen Niederlagen, als letzte zog sich die japanische Armee 1922 aus Sibirien zurück, nicht mehr gelungen, die kollektive Geschlossenheit der Sowjetvölker aufzubrechen. Es gab für die Konterrevolution keine zweite Chance von außen, die Hitler wahrzunehmen versucht hatte; der Sowjetkoloss implodierte 1991 von innen heraus. Ihren Fall nur aus einem außenpolitisch bedingten konkurrierenden Totrüsten durch den Westen zu erklären, greift zur kurz. Es ist natürlich angenehm für Sozialisten, eine Existenz des Sozialismus bei einer besseren weltpolitischen Großwetterlage zu garantieren. Wir müssen aber die Widersprüche im Inneren der Dinge selbst erforschen und dann wird es schon schwieriger, das Scheitern der Oktoberrevolution zu erklären. Für dieses gibt es einen Komplex von Ursachen, monokausale Erklärungsversuche lösen das Problem nicht.

Würde Lenin die heutige politische Weltkarte sehen, würde er die Weltgeschichte nicht mehr verstehen. 1920 hatte er die Kommunisten weltweit angehalten, den geradesten und raschesten Weg zum Sieg der Sowjetmacht und zur Diktatur des Proletariats zu finden. Herausgekommen ist eine Odyssee. Und man kann mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass 2020, hundert Jahre später, der Weltkommunismus noch keinen erheblichen Fortschritt gemacht haben wird. Doch halt ! Wer kann sich dessen sicher sein ?  In der Geschichte des Klassenkampfes kann es plötzlich zu Wendungen, Überraschungen und Zickzackbewegungen kommen, die keiner voraussagen kann. Möglich ist, dass eine kommunistische Revolution an unerwarteter Stelle ausbrechen kann. Lenin erwähnte die an und für sich geringfügige Dreyfusaffaffäre, die  unabsehbare gesellschaftliche Folgen bis hin zum Bürgerkrieg in sich bergen könne. (Vergleiche Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,632). Und gingen nach der Verkündung seiner Aprilthesen nicht eltiche Bolschewiki auf ihn los und verunglimpften die Aprilthesen als ‚Fieberphantasie‘ ? Aber kann man einen Revolutionär ankreiden, zu phantasieren ? Freilich haben wir an den Wahlergebnissen einen Gradmesser der Reife des Proletariats, aber es kommt auch auf die Qualität der kommunistischen Partei an. Ist diese gering, kann ein Umschlag von Quantität in Qualität fehlschlagen.

Heinz Ahlreip

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