Zur Spezifik der Oktoberrevolution

Als einen Erfolgsgaranten der russischen Revolution 1917 bezeichnet Lenin die eiserne Disziplin seiner Partei, deren Mitglieder die ‚Felsenfesten‘ genannt wurden. Diese Disziplin wurde nach Lenin vor allem durch das Klassenbewusstsein der Parteimitglieder aufrechterhalten, auf das Lenin stets großen Wert legte, obwohl sich Marx und Engels über die Bedeutung des Bewusstseins eher abfällig äußerten. Ich denke an die Passage aus der ‚deutschen Ideologie‘, in der das menschliche Bewusstsein erst an fünfter Stelle der Momente der ursprünglichen geschichtlichen Verhältnisse des Menschen genannt wird. (Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,30). Lenin machte es seinen Bolschewiken zur Pflicht, sich mit den proletarischen, aber auch mit den nichtproletarischen werktätigen Massen bis zu einem gewissen Grade zu verschmelzen und in dieser Verschmelzung mit Vorbehalt vor jeder politischen Aktion „die Klassenkräfte und ihre Wechselbeziehungen streng objektiv abzuwägen“. (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,17)  Der Bolschewismus gedeiht im Milieu des Massenkampfes. Man kann für die Arbeiter kein Rezept für alle Fälle des Lebens erfinden, vielmehr gibt uns Lenin an die Hand, dass die Massen in Klassen aufgeteilt sind, „daß die Klassen gewöhnlich und in den meisten Fällen, wenigstens in den modernen zivilisierten Ländern, von politischen Parteien geführt werden; daß die politischen Parteien in der Regel von mehr oder minder stabilen Gruppen der autoritativsten, einflußreichsten, erfahrensten, auf die verantwortungsvollsten Posten gestellten Personen geleitet werden, die man Führer nennt“.  (Lenin, a.a.O.,26) Das ist der Kompass, den Lenin uns gab, um uns zunächst ganz elementar auf dem Gebiet der Politik zurechtzufinden, wobei er noch hinzufügt, dass die Klassen auch noch jahrelang nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat bestehen bleiben werden (Vergleiche a.a.O.,29). Die nichtbolschewistischen Parteien wurden nicht unmittelbar nach der Oktoberrevolution verboten und konnten auch nicht verboten werden. Die Abschaffung der Klassen blieb zunächst ein Ideal. Die Bolschewiki waren also noch von Feinden umgeben und stützten sich primär auf die Gewerkschaften, die eine unentbehrliche ‚Schule des Kommunismus‘ sind, auch auf parteilose Arbeiter und Bauern, auf parteilose Arbeiterinnen und Bäuerinnen und auf die Sowjets. Eine Revolution kann nicht von Revolutionären allein durchgeführt werden. Sie bedarf einer spezifischen Situation, in Russland war dies die Verbindung der Oktoberrevolution mit der Beendigung des Krieges, die Ausnutzung des Krieges der Imperialisten untereinander, das Überstehen eines langen Bürgerkrieges und das Vorhandensein einer tiefgehenden bürgerlich-demokratischen revolutionären Bewegung der Bauern. War dies eine einzigartig-seltene Situation, gar eine einmalige ? War und ist eine solche in Westeuropa überhaupt möglich ? Es bleiben spezifische Merkwürdigkeiten der Oktoberrevolution zurück. Erstens: Sie brach aus in einem Land, in dem das Proletariat eine Minderheit im Volk war. Zweitens: Sie konnte sich nur halten durch eine Politik der richtigen Beziehungen zur Bauernschaft, was zur Folge hatte, dass das dem Sozialismus kontraproduktive kleinbäuerliche Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre mit Punkt und Komma übernommen wurde und nur so die Brücke zwischen Stadt und Dorf hergestellt werden konnte, die tragfähige homogene Basis der Revolution. Drittens blieb der Feind mächtiger und viertens, dazu im Widerspruch stehend, erließen die Bolschewiki ein Aufnahmestop für ihre Partei. ‚Lieber weniger, aber besser‘, so lautete die Überschrift eines Artikels von Lenin Anfang März 1923.

Heinz Ahlreip

 

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