Hegel Feuerbach Marx Engels Lenin Stalin Trotzki Vom Kopf auf die Füße gestellt

Es ist eine Binsenweisheit in der Geschichte der Philosophie und in der des wissenschaftlichen Sozialismus, dass die Materialisten Karl Marx und Friedrich Engels das dialektische Denken des Idealisten Hegel in weltanschaulicher Sicht vom Kopf auf die Füße gestellt haben. Ludwig Feuerbach hatte den Grundstein des Materialismus nur im Bereich der Natur gelegt, verstand es aber nicht, die Hegelsche Dialektik materialistisch umzukehren und sowohl auf die Natur als auch auf die Geschichte anzuwenden. Aber auch Marx und Engels widerfuhr das Schicksal, vom Kopf auf die Füße gestellt zu werden, und zwar in einem entscheidenden Komplex ihrer Theorie der proletarischen Weltrevoluion. Als sie 1845 die ‚Deutsche Ideologie‘ verfassten, schleuderten sie den Gedanken aufs Papier, dass sich die kommunistische Revolution nur universell ausführen könne. Das galt siebzig Jahre, bis Lenin dies alles umwarf:  In der imperialistischen Phase wird nicht der gleichzeitige Ausbruch der Revolution in den fortgeschrittensten Ländern der Normalfall sein, sondern nur in einem Land, das nicht unbedingt zu den fortschrittlichen zu rechnen ist. Die Kette des Imperialismus wird an ihrem schwächsten Glied reißen. Damit war eine kettenreaktionäre Weltrevolution ad absurdum geführt und man darf die ketzerische Frage stellen, ob die Beschwörung der Weltrevolution im Jahr 1917 nur als Stimulans für das russische Proletariat gedacht und also nur einen rein funktionalen Charakter trug und nur von ideologischem Wert war ? Die Bolschewiki wussten es besser. Angedeutet war die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs der Revolution nur in einem Land laut der Stalin’schen Geschichte der Kommunistischen Parteider Sowjetunion (Bolschewiki) bereits in Lenins Schrift von 1905 „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“. Das mag vielleicht noch eine saftlose Wurzel sein (es fällt beim ersten Lesen nicht auf), aber ganz explizit hat das Lenin zehn Jahre später, 1915, in zwei kleinen Artikeln unmissverständlich ausformuliert: „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“ und „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“. Die Theorie, dass der Aufbau des Sozialismus in einem Land ein Stalin’sches Eigengewächs sei, greift zu kurz und wurde zum Verhängnis der Trotzkisten, nachdem Lenins Wort in der Sowjetunion Gesetzescharakter trug. Vielmehr werden wir Zeuge eines phantastischen und vor allem folgewirksamen Umschlags der Gegensätze ineinander. Hielten Marx und Engels 1845 einen Ausbruch einer Revolution nur auf ein Land beschränkt für ganz unmöglich, so bezeichnete Lenin gerade einen solchen Fall als den wahrscheinlichsten. Es war die Bauernschläue Stalins, aus der heraus er als erster erkannt hatte, dass nicht so sehr die Gedanken von Marx und Engels, sondern primär die von Lenin die Gehirne von Millionen Menschen in Russland zum Nachvollzug bestimmten. Die Soldaten Stalins hatten Lenin im Kopf und die Waffen in der Hand. (Gegen den Willen der Krupskaja wurde ein Lenin-Mausoleum errichtet, während die Asche von Engels ihren Platz noch in einem Seemannsgrab in der Nordee gefunden hatte). Je mehr man Stalin hier ein theoretisches Konzept andichtet, ihn aus Unwissenheit zum Inaugurator der Theorie vom Aufbau des Sozialismus in einem Land stempelt, desto undurchsichtiger werden seine Verurteilungen von Marxisten-Leninisten, die den qualitativen Umschlag, für den Lenin in der marxistischen Theorie verantwortlich zeichnet, nicht begriffen hatten. Zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution schwankten viele selbst namhafte Bolschewiken, ob man tatsächlich dem Sowjetkonzept folgen solle, das nach ihrer Auffassung zum Scheitern verurteilt war, sollten nicht Folgerevolutionen im industriell hochentwickelten Westeuropa ausbrechen. Sie mögen im guten marxistischen Glauben gedacht haben, bis der Blitz von Lenins Aprilthesen in diesen traditionellen siebzigjährigen Gedankenboden einschlug. In diesen war kein Schwanken mehr vorhanden, in ihnen wurde glasklar die Machtfrage gestellt und so beantwortet, dass nur die bolschewistische Partei die bürgerlich-demokratische Revolution vom Februar in eine sozialistische hinüberleiten kann. Lenin war bereit, nur mit seiner Partei allein die gesamte Macht in Russland zu übernehmen. Führende Theoretiker des Marxismus, zum Beispiel Plechanow in seiner Zeitung ‚Jedinstwo‘ (Einheit), bezeichneten die Aprilthesen als Fieberphantasie. Sie waren in Stalins Augen Anhänger eines dogmatischen, buchstabengläubigen Marxismus und als sich die Lenin’sche Elite zwischen 1936 und 1938 als Angeklagte vor dem Obersten Militärkollegium der Sowjetunion wiederfand, kam dem im Exil lebenden Trotzki beim Lesen der Telegramme über den Verlauf der Prozesse jedes Schriftstück wie eine Fieberphantasie vor. Auch hier waren die Gegensätze ineinander umgeschlagen.

Heinz Ahlreip

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