Worte zu Pfingsten 2016: Das Salz der Erde ist dumm geworden (Matthäus-Evangelium 5,13 )

In Lenins letzter großen, im Frühjahr 1920 abgefassten politischen Schrift „Der ‚linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus“, eine Art politisches Vermächtnis von Lenin, findet sich der euphorische Satz: „Der Kommunismus ‚wächst‘ buchstäblich aus allen Zweigen des öffentlichen Lebens empor, seine Triebe sind entschieden überall zu finden, die ‚Seuche‘ (um den Lieblingsausdruck der Bourgeoisie und der bürgerlichen Polizei und den ihr ‚angenehmsten‘ Vergleich zu gebrauchen) ist in den Organismus sehr tief eingedrungen und hat den ganzen Organismus ergriffen. Wird der eine Kanal besonders beflissen ‚verstopft‘, so bricht die ‚Seuche‘ an einer anderen, mitunter ganz unerwarteten Stelle aus. Das Leben setzt sich durch“ (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit des Kommunismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,88f.). Doch  dieses fast 100 Jahre alte Zitat Lenins ist heute bitter wie Salz geworden, der Zerfall der UdSSR hat Licht und Schatten anders verteilt. Je älter Marx wurde, desto mehr legte er in seiner Theorie den Akzent auf einen langen und qualvollen Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, dessen Gesetzmäßigkeit erkannt zu haben er behauptete. Diese wissenschaftliche Erkenntnis diene, den qualvollen Weg abzukürzen.
Liest man die Schriften Lenins, etwa ab dem Attentat der linken Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan auf ihn am 30. August 1918, so häufen sich die Stellen, in denen er sich abquält, „dass es doch noch gelinge“. Es klingt wie eine Beschwörung, wenn  er 1919 einen japanischen Wissenschaftler anführt, der im Kampf gegen die Syphillis erst die Lösung beim 666. Präparat (Salvarsan) fand.  Hier irrte Lenin, denn das war der deutsche Mediziner Paul Ehrlich, der 1908 für die Wertbestimmung des Diphtherieserums den Nobelpreis für Medizin erhielt. Auch die Bolschewiki müssten in Russland Hunderte neuer Methoden ausprobieren, um die geeignetsten zum Aufbau des Sozialismus zu finden. 
Lenins politisches Testament ist alles andere als optimistisch. Meines Erachtens steht im Hintergrund der letzten Lebensjahre Lenins nach der großen Revolution als Unruheherd, zwar unausgesprochen, die gebrochene Anthropologie Kants, dass der Mensch aus so krummen Holz gemacht ist, dass kein ganz Gerades daraus gezimmert werden kann. Was, wenn Kant Recht hätte ? Der bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologe projizieren ja ihre verkorksten Lebenserfahrungen in die Ausgestaltung einer sozialistischen Gesellschaft hinein. Dass der Sozialismus nicht gelingen könne, spiegelt die im Kapitalismus für sie und für alle nicht zu meisternde innere und äußere Naturbeherrschung wieder. Das Abbrechen einer positiven Zukunftsvision durch die Lebenserfahrung einer Welt voller Widerstände und Missgeschicke spiegelt sich in einer gebrochenen Anthropologie wider. Selten geschieht ja im Kapitalismus das Gewollte und die Ideologen haben die Aufgabe, das Subjektiv-Negative zu verallgemeinern als der Gattung anhängend. Ideologie ergibt sich aus der fehlerhaften Verallgemeinerung einer subjektiv richtigen Erfahrung in etwas Überhistorisches, deshalb ist Ideologie nicht per se einfach falsches Bewußtsein, sondern notwendig falsches Bewußtsein als richtige Widerspiegelung des falschen Scheins. „Was ihr für das antike Eigentum begreift, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,478). Ideologiekritik verfehlt ihren Kern, wenn sie Ideologie lediglich als das Beharrende im Strom der Zeit festschreibt; kein Ideologe wird leugnen, dass alles relativ ist, dass alles fließt, dass alles sich ändert, er hat nur die gegenwärtige Kardinalfixierung vor der reißenden Zeit zu schützen.  Aus der  Existenz des Gegebenen als (s)einer Notwendigkeit wird bereits dessen Rechtmäßigkeit abgeleitet. Es kann nicht geleugnet werden, dass der absolute Idealismus Hegels in platte Ideologie umfällt: „Das was ist zu begreifen, ist Aufgabe der Philosophie, denn das, was ist, ist die Vernunft“. War die Philosophie im Mittelalter die Magd der Theologie, so wird sie im Idealismus und Positivismus die Magd der mit der Wirklichkeit zufriedenen gesättigten Klassen.  Damit ist aber die Philosophie ihrer Fruchtbarkeit und Zukunft beraubt, die sie allein dadurch behaupten kann, wenn sie der Welt als einer verkehrten, in sich perversen begegnet. Die Philosophie hat es mit Perversem zu tun, ohne das sie nur den Schatten ihrer selbst darstellt.
Bernstein hatte sich dem Kantianismus gebeugt, nicht aber Lenin, der jakobinistische Nachfolger des kleinbürgerlichen Revolutionärs Robespierre.  Lenin und Robespierre waren zu sehr Perfektionisten. Zu ihrer Menschheitsbeglückungsidee brauchten sie die Massen, das in dieser Idee steckende Ideal der Vollkommenheit aber isolierte sie zugleich von ihnen. Das machte den feinen Unterschied aus: Im ‚Linken Radikalismus‘ forderte Lenin seine Bolschewiki nicht etwa auf, sich vollends mit den Massen zu verschmelzen, sondern nur bis zu einem gewissen Grade (Vergleiche Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgewählte Werke, Progress Verlag, Moskau, 1975,587). Ist es dieser feine Unterschied, der den Kommunismus hinter den luftigen, schwammigen und süßlichen Vorhängen des Traumes verbleiben und ersterben läßt ? Es gibt linke Intellektuelle, die an dieser Diskrepanz leiden und sie künstlich durch ein Hineinzwingen einer sogenannten proletarischen Denkweise in ihre Gehirne überwinden wollen.
Die Menschheit scheint heute keinen Traum mehr von einem ‚Darüberhinausgehen‘ zu haben, man scheut die Grenze, die Aufopferung. Man ist buchstäblich eingesunken. Die Realisten an der Macht maßen sich eine alles durchdringende Kontroll- und Kommandogewalt an. Die Mächtigen träumen nicht mehr, sie fürchten die Revolution und sind deshalb zum Realismus gezwungen mit dem Entwurf einer   platten Ideologie, dass die Welt bereits gut eingerichtet sei und sie das Gute für immer garantieren können und dass es keinen Kampf zwischen zwei Linien gebe.  Revolutionäre dagegen zeigen bis an ihre eigene Schmerzgrenze gehend die „dieses Gute“ ins Absurde zersetzenden Widersprüche auf. Für den Dialektiker ist alles relativ, alles fließt, alles ändert sich; für den bürgerlichen Staatsbeamten ist alles absolut, alles starr und es ändert sich nichts. Er kennt nicht den Gegensatz des Wirklichen und Sollenden“, den der junge Karl Marx in einem Brief an den Vater vom 10. Nov 1837 wie eine Wunde empfindet, er liest nicht Weitlings Schrift ‚Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein soll‘ von 1838. Und wenn, würde er sie verstehen können ? Sie historisch richtig einordnen können ? Sie richtig kritisieren können ? Jede große Revolution heilt an dieser Wunde und der Wert eines Menschen ist danach zu beurteilen, inwiefern er einen Beitrag zu dieser Heilung geleistet hat, ob er sein Leben unter die Maxime gestellt hat, hart und grausam gegen die Reichen und Mächtigen zu sein oder unter die entgegengesetzte, hart und grausam gegen die Kleinen und Schwachen. Für diesen geht es hier entlang – direkt in den Staatsdienst. Wer die Welt so akzeptiert, wie sie ist, schwimmt mit dem Strom und mit dem Strom schwimmen heißt, am Ende nur für eine Statistik gelebt zu haben.
Für den marxistischen Revolutionär kommt es darauf an, an der primitiven Einheit der Arbeiterklasse und an dem Bündnis mit den armen Bauern, die die revolutionäre Tradition zum robusten Vandalismus des Bauernkrieges aufrecht erhalten, zu arbeiten und eine primitive Demokratie zur Entfaltung kommen zu lassen, der Staatsbeamte ergötzt sich an der vielgestaltigen Differenzierung der künstlichen bürgerlichen Staatsmaschine, an diesem ‚Wunderbau‘, der die ungeheure terroristische Potenz gegen das arbeitende Volk verkennen läßt, das durch seine Arbeit diesen ‚Wunderbau‘ überhaupt erst möglich macht. Aber dieser Zusammenhang muss von der bürgerlichen Ideologie zerrissen werden. Sie spiegelt die Wirklichkeit verkürzt und damit falsch wider, als sie dem bürgerlichen Staat eine Eigenständigkeit andichtet (oder aber von Gott geschaffen). Sie muss auch den Zusammenhang zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen zerreissen und stattdessen den bürgerlichen Staat rein technizistisch als Bedingung der rasanten Entwicklung der Produktivkräfte propagieren, obwohl er in Wirklichkeit diese hemmt.
Ein sich ständig perfektionierender Technizismus begleitet sich mit der ideologischen Blendung, es gäbe keine verkehrte, in sich widersprüchliche Welt mehr. Marx zeigt im ‚Kapital‘, dass die technische und die soziale Entwicklung disparat zueinander verlaufen, letztere systembedingt immer auf eine falsche Entwicklung hinauslaufe. Der Technizismus jedoch verführt heute zu der großen Täuschung, dass der Produktionsprozess bereits beherrschbar sei. Damit aber ist das Salz der Erde dumm geworden und die Gegenwart kann als ‚Taiping‘ besungen werden. Wir scheinen im Zeitalter der kopierenden Digitalisierung in einer sich ständig selbst kopierenden Realität festgezurrt zu sein. Die Realität scheint immer nur schmalspurig ihre eigene Kopie vor sich herzuschieben und in dieser stupiden und naiven Verdopplung scheint sich die Menschheit nun fortzuwälzen, ohne zu bemerken, dass sich im Hintergrund ihrer selbst eine abgrundtiefe Verdopplung der Welt fast unbemerkt tastend ausgestaltet, die – wann auch immer – die Gleichgeschalteten aus dem Ekel des Alltags, in dem man zu einer – widersprüchlich genug – fremdnormierten Kopie seiner selbst verkommt, herauszuschleudern hat. Das Leben setzt sich durch. „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier und selbst das ganz Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist, und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Die Heilige Familie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,39). Ich verweise in diesem Zusammenhang auch auf die Aussage von Marx, dass in der Geschichte zwanzig Jahre wie ein Tag auf den anderen verlaufen und dass dann ein Tag kommt, an dem sich zwanzig Jahre Geschichte in diesem einzigen Tag geballt konzentrieren und explodieren.
Wir stehen im 99. Jahr der Oktoberrevolution !  Es versteht sich von selbst, dass ein Gedenken nur mehr sein kann als nur Erinnerung. Auch wenn sich die Geschichte nicht wiederholt, der Schoß der Oktoberrevolution ist fruchtbar noch, ihr substantieller Gehalt ist nicht durch Zwerge wie Chrutschow und Gorbatschow oder durch den Idiotismus der Totalitarismustheorie historisch entwertet und abgetrieben worden, sondern bleibt zu entfalten im Beethov’schen Sinn. Es verbietet der humanistische Gehalt des Kommunismus, seine Weltherrschaft anzustreben, vielmehr das Gegenteil: eine Welt ohne Herrschaft, die im doppelten Sinn über die Herrschaft der Bourgeoisie geht. „Alle Menschen werden Brüder, was die Mode streng geteilt !“
Heinz Ahlreip
 

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