50 Jahre chinesische Kulturrevolution Mao und der Widerspruch Auch in der roten Sonne gibt es dunkle Flecken

Die chinesische Kulturrevolution wurde am 16. Mai 1966 durch  die erste Wandzeitung in der Pekinger Universität ausgelöst, in der die Philosophie-Dozentin Nieh Juan-tsu den Universitätspräsidenten angriff und zum Kulturkrieg gegen opportunistische, revisionistische und reaktionäre Strömungen in der kommunistischen Partei und in der ganzen chinesischen Gesellschaft aufgerufen hatte.  Diese zehn Jahre dauernde Revolution, die Konterrevolution spricht von „zehn schlimmen Jahren“, hatte ebensowenig einen Steuermann wie andere Revolutionen, es sei denn, man geht davon aus, dass Männer Geschichte machen und nicht in Klassen geteilte Volksmassen. Dann kann man von einer Kulturrevolution Maos sprechen, was irrig ist. Revolutionen kann man nicht machen, man kann höchstens für die Revolution arbeiten. Die Tatsache, dass der Dozentin wenig später nachgewiesen wurde, den Marxismus nicht richtig verstanden zu haben, widerspricht der These einer diktatorischen Massenmanipulierung, die bürgerliche Beobachter der Revolution dieser andichten, weil der autoritär eingefärbte Bourgeoisverstand einen Diktator  zur Orientierung in den Revolutionswirren  brauchte und ihn in Mao fand, dessen Zitate sich in den Gehirnen einprägten, was dialektischem Denken eher kontraproduktiv aufstößt. Das widerspricht der Vermittlung des wissenschaftlichen Sozialismus. Der Personenkult ist eine interessierte Machart, er benebelt den Klassencharakter einer Gesellschaft und wirft die Gesellschaftswissenschaften auf eine Feuerbach‘ sche Anthroplogie zurück: „Das Höchste, wozu der anschauende Materialismus kommt … ist die Anschauung der einzelnen Individuen und der bürgerlichen Gesellschaft“. 1. Die chinesische Kulturrevolution aber war objektiv ein Klassenkrieg, um objektive Widersprüche der chinesischen Gesellschaft zu lösen, die sich zu Widersprüchen zwischen kollektiven und individuellen Lebens- und Kampfformen  angesammelt hatten.  Nach dem Vorbild der Pariser Kommune ging es um eine völlige Vernichtung der Bürokratie, um die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Hand- und Kopfarbeit, um die Aufhebung der Intellektuellen und um die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Arbeitern und Bauern. Mit der Kampagne gegen die ‚Vier Alten Sitten‘ (Alte Idee, Alte Kultur, Alte Sitten, Alte Praktiken) und mit der gegen den Konfuzianismus wollte sie die Chinesinnen und Chinesen frei machen von einer jahrhundertealten Tradition obrigkeitsverherrlichender Demut. Sie richtete sich gegen die Staatspartei aus einem tiefen anarchistischen Impuls heraus. Die Kader um Mao erwogen die Abschaffung des Amtes des Staatspräsidenten, das anzustreben Lin Biao vorgeworfen wurde, ein Vorwurf, der zum Sturz des Kronprinzen führte. 

Wir brauchen uns nur die Pseudorevolutionäre betrachten, die in der BRD die marxistischen Parteien „bevölkern“ und können sowohl die Parteisäuberungen verstehen als auch die Richtigkeit der Worte von Rosa Luxemburg, dass in jedem sibirischen Dorf mehr Humanität herrsche als in der deutschen Sozialdemokratie. Eines der in der Kulturrevolution am häufigsten beanspruchten richtungsweisenden Zitate befindet sich im ‚Manifest der Kommunistischen Partei‘: „Die kommunistische Revolution ist das radikalste Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen; kein Wunder, daß in ihrem Entwicklungsgange am radikalsten mit den überlieferten Ideen gebrochen wird“. 2. Es ist für Mao bezeichnend, dass es ihm vor allem auf das radikalste Brechen alter Ideen ankam. Die Partei konnte kein Heiligtum bleiben. Die Kulturrevolution atmet etwas von der Rousseau’schen Aversion gegen Bildung und Aufklärung und wirkte auf die Schickeria des Spätkapitalismus ähnlich wie Rousseaus erster Diskurs mit seinem Kult des Primitiven auf die Schickeria des Spätfeudalismus. Sie warf empor, was das Dorf der verzärtelten Stadt entgegenzuschleudern hatte und schickte dazu über Kreuz ihre Kinder zur Kombination von Arbeit und Studium unter der bäuerlichen Bevölkerung aufs Dorf. Dieser anti-urbane Reflex ist keineswegs anti-marxistisch, hatte nicht Friedrich Engels in der Schrift „Zur Wohnungsfrage“ 1873 die Auflösung der Metropolen gefordert, weil sie sich immer weiter von der Einheit des Menschen mit der Natur entfernten. Es ist keine Zufall, dass in der BRD nach der Auflösung des maoistischen KBWs viele kleinbürgerliche Intellektuelle aus diesem Bund die ‚Grünen‘ gründeten, die heute in Baden-Württemberg mit mittelalterlichen christlichen Kreaturen, die nicht zu Deutschland gehören, sondern volksfeindlicher Abschaum sind, einen Pakt eingegangen sind. Revolutionen speisen ihre Faszination aus der urwüchsigen Primitivität der Volksmassen, die sich in zehn Jahren austoben konnte.  Mao galt in China als Meister des materialistischen Widerspruchs, auch das ein Irrtum, der sich erst mit dem Scheitern der Revolution offenbarte. Die chinesische Kulturrrevolution mit ihrer Intention, die absolute Gleichheit unter den Menschen herzustellen, griff zu kurz mit sehr schmerzhaften Folgen, sie erreichte ihr Gegenteil, eine Restauration des Kapitalismus, der heute Milliarden Menschen vor allem seelisch verkrüppelt. In China befinden sich laut David Shambaugh, dem Leiter des China Policy Program an der George Washington University, heute allein rund 200 Millionen Wanderarbeiter auf dem Weg. Die Ursache für diese Fehlentwicklung liegt in der unzureichenden dialektisch-philosophischen Methode, mit der Mao seine Maoisten ausgestattet hatte. Das Kernstück von Maos Lehre ist seine Theorie des Widerspruchs, und auf die gilt es jetzt, näher einzugehen.

Die Widersprüche sind absolut, die Methoden zur Lösung der Widersprüche sind verschieden. Revolutionäre müssen den Unterschied zwischen antagonistischen und nichtantagonistischen Widersprüchen herausarbeiten. Nichtantagonistische Widersprüche werden zu antagonistischen und vice versa. In der Anfangsperiode eines Prozesses treten die Widersprüche nicht sofort als antagonistische auf. Am Anfang der Arbeiterbewegung bekämpfen die Proletarier nicht ihre Feinde, „sondern die Feinde ihrer Feinde“. 3. Mao wählt als Beispiel für einen zunächst nichtantagonistischen Kampf zwei Strömungen in der KPdSU, die die Stalin, und die die Bucharin führte. Nach Ansicht Maos waren die Bucharinisten nicht bereit, ihre Fehler zu korrigieren, so dass sich der Konflikt zu einem antagonistischen auswuchs. Rechtzeitige Fehlerbehebung könne das Ausbrechen antagonistischer Widersprüche verhindern. Mao rät, bei auftretenden Fehlern (zum Beispiel in der KPCh) nachsichtig mit den irrenden Genossen umzugehen. Dagegen hat der Mensch als fehlerhaftes Wesen in kapitalistischen Leistungsgesellschaften kein Recht auf Irrtum, in diesem wird er bestraft. Den Kopf bürgerlicher Republiken bilden heute keine stolzen Adler, sondern gierige Aasgeier. Seit 1927 wandte die rote Partei Chinas die Methode „Einheit – Kritik – Einheit“ an, wobei in der Phase der Kritik die Widersprüche zu einer höheren gelöst werden. Die Widersprüche in der kapitalistischen Gesellschaft können nur in der sozialistischen Revolution gelöst werden, Widersprüche in der sozialistischen können immanent gelöst werden. In beiden Gesellschaftsformationenen haben die Widersprüche einen unterschiedlichen Charakter, einen antagonistischen in der alten, einen nichtantagonistischen in der neuen sozialistischen. Wenn die Irrenden aber ihre Fehler nicht einsehen und nicht umdenken, wird es zu antagonistischen Widersprüchen kommen. In Lenins Bemerkungen zu Bucharins Buch „Die Ökonomik der Transformationsperiode“ finden wir den sehr wichtigen Hinweis, dass Antagonismus und Widerspruch nicht dasselbe sind. Der Antagonismus (etwa der Klassenantagonismus) verschwindet im Sozialismus, der Widerspruch (Ausschreitungen einzelner Personen) bleibt. Der Kampf der Gegensätze ist nach Mao permanent. Er findet statt sowohl bei relativer Koexistenz der Gegensätze als auch augenfälliger bei ihrer wechselseitigen Verwandlung in ihrer Kampfphase, durch diese. Beim Studium der Besonderheiten der Widersprüche gilt es, den Unterschied zwischen den Hauptwidersprüchen und den Nebenwidersprüchen zu beachten und beim Studium der Allgemeinheit der Widersprüche und des Kampfes der Gegensätze müssen wir den Unterschied zwischen den mannigfaltigen Formen des Kampfes der Gegensätze beachten. Durch das Studium des Widerspruchs werden die chinesischen Kommunisten in der Lage sein, „ … die den Grundprinzipien des Marxismus-Leninismus zuwiderlaufenden und unsere revolutionäre Sache schädigenden dogmatischen Ansichten zu zerschlagen; zugleich wird es unseren erfahrenen Genossen ermöglichen, ihre Erfahrungen zu systematisieren und diese auf eine prinzipielle Höhe zu bringen, eine Wiederholung der Fehler des Empirismus zu vermeiden“. 4. Im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus erschöpfen sich die Antagonismen, die Widersprüche bleiben lebendig. Das Ideal, im chinesischen „Die Grosse Harmonie“, ist nur annähernd erreichbar, zugleich ist diese Harmonie schon, auf eine jeweils epochenspezifische Art, als sich negierende kommunistische Urgesellschaft präsent, auch auf eine bestimmte Art in der Kunst (die Symphonien Beethovens). Es ist eine historische Tatsache, dass der Kommunismus, der Gedanke an ihn (der zweite Diskurs von Rousseau), und Realisierungsversuche stets in allen Epochen auffindbar sind. Die bisherige Weltgeschichte ist eine unterbrochene Sklaverei, einige Seiten, wenn auch nicht Perioden, sind der Harmonie gewidmet. In revolutionären Glücksperioden müssen die radikalsten Vertreter der Revolution vorauseilen, indem sie aus den gegenwärtigen Konturen zukünftige herauslesen, um das von der Entwicklung der Produktivkräfte sachlich Erreichbare zu sichern. In jeder Revolution finden wir eine Übersteigerung nach links, wir sprechen dann eventuell von ihrem Höhepunkt, die dann nach rechts pragmatisiert wird. Aus Maos Widerspruchstheorie heraus ist zu verstehen, warum die Maoisten immer wieder das Gewonnene negierten, es war für sie immer auch das bereits Geronnene. Durch den „Großen Sprung“ sollte das chinesische Volk das erste sein, das den Himmel des Kommunismus berührt, durch die „Große Kulturrevolution“ sollte mit dem Kult der Slogans verhindert werden, dass sich die Widersprüche im Volk zu Antagonismen auswachsen. Beide historischen Grossereignisse sollten das chinesische Volk einen. Noch immer hingen über Maos Denken die Gewitterwolken der japanischen Aggression, weil das chinesische Volk nicht geeint, die Massen nicht organisiert waren, war es für die japanischen Soldaten so leicht, das Land zu terrorisieren. Die Slogans konnten tödlich sein, man suchte und fand Sündenböcke, denen man vorwarf, die „Grosse Harmonie“ sabotiert zu haben. Die Schuld Einzelsubjekten zuzuschieben blieb auf der Ebene der Widersprüche, die Kulturrevolution sollte nicht Ausdruck für eine noch antagonistische Gesellschaft sein. Nach der Proklamation der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949 durch Mao waren zwei grundlegende Widersprüche vorhanden: ein innerer zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie, und ein äußerer zwischen China und dem Imperialismus, zu dem sich der Konflikt mit der UdSSR gesellte. Heute ist die chinesische Gesellschaft eine antagonistische Klassengesellschaft. Maos Widerspruch hat sich verblüffend durchgehalten als Mischung sozialistischer und kapitalistischer Wirtschaftsformen. China ist zu kapitalistisch, um sozialistisch, zu sozialistisch, um kapitalistisch genannt zu werden. Beide Seiten sind gescheitert. Die revolutionäre Seite konnte ihre Ideale nicht durchsetzen, sie, die auf die Pariser Commune, die die militärischen Ränge abgeschafft hatte, rekurrierte, wollte in ihrem Vollzug die Demobilisierung der Eliten durch Mobilisierung der Massen herbeiführen, wobei das proletarisch-politische Denken vor der Steigerung der technischen Produktionseffizienz rangierte. Gerade dieser letzte Punkt hat sich in sein direktes Gegenteil gewandelt. Gleichwohl täuschen sich die westlichen Ideologen in ihrer Annahme, dass eine Modernisierung des Landes mit westlichen Methoden auch die westliche Weltanschauung nach China bringen werde. Die Tradition aller toten Geschlechter Chinas lastet wie ein Alp auf dem Gehirn der lebenden Chinesen. Das ist vor allem die zweieinhalb Jahrtausende währende geistige Tyrannei des Konfuzianismus. (Es genügt ein Blick nach Japan, wo eine technisch hochentwickelte Effizienzwirtschaft die alte Mentalität nicht gebrochen hat). Und die grosse maoistische Vision der grossen Volkseinheit ist in eine Zwittergestalt von arm und reich zerfallen. So geht der Widerspruch durchs Weltall, durch das geteilte China und durch Mao.

Eine tiefe philosophische Durchdringung des Widerspruchs ist Mao im Vergleich zu Hegel nicht gelungen, seine Stärke liegt in der Erläuterung seiner Widersprüche durch historische Beispiele, durch die man nach Lenin Dialektik nicht verständlich machen sollte. 5. Eine materialistische Weltanschauung beinhaltet nicht zugleich eine methodische Überlegenheit über eine idealistische. Es findet hier überhaupt ein verkehrtes Schauspiel statt: die Dialektik des Erzidealisten Hegel hat einen materialistischeren Kern als die des Berufsrevolutionärs Mao. Der Widerspruch zerlegt sich nicht einfach nur in seiner Permanenzerklärung nach dem Schneeballprinzip in immer komplexere Internbezüge seiner selbst, er pulsiert anders, er hat als Widerspruch den Widerspruch gegen sich, er widerspricht sich (auch) selbst, sein Eingehen auf sich zeitigt bei Hegel das „einfache (kursiv!) Wesen“. Es wird nicht verstanden, den Widerspruch an ihm selbst sich entfalten zu lassen, wie ihn Hegel, man muss schon sagen mustergültig, in seiner Logik entfalten läßt. Anders kann der Widerspruch, ihn an ihm selbst zu betrachten, auch gar nicht dargestellt werden. „En lisant Hegel … “, pflegte Lenin zu sagen. Für Mao ist der Widerspruch ein Werkzeug und zur Lösung verschiedener Widersprüche müsse man verschiedene Werkzeuge in Anwendung bringen. Damit ist aber über das innere Wesen des Widerspruchs (Hegel entfaltet den Widerspruch in der Logik des Wesens), über die Quelle seiner Lebendigkeit, seiner Selbstbewegung noch nichts gesagt, dass in ihm das Insichseiende zugleich immer nach außen gesetzt ist und es zugleich auch immer als Äußeres zugleich aufgehoben ist, er ist das Sichsetzen nach außen und nach innen zurück zugleich, damit auch sich selbst zerstörend. Das Widersprüchliche, das sich zunächst nur positiv entfalten kann, indem es sich negativ entfaltet, richtet sich nach Hegel schließlich selbst hin. Mao hätte herausarbeiten müssen, dass DER WIDERSPRUCH dieses „ZUGLEICH“ IST, EINER ZU SEIN UND NICHT ZU SEIN, (denn) DIE LÖSUNG (seine Auflösung) LIEGT NUR IN IHM. 6. Der Widerspruch ist ein Zugleich von Gegensätzlichem, so liegt in ihm zugleich (so ist in ihm zugleich begründet), dass er sich auflöst. Zu sein und nicht zu sein, das ist eben auch die Null, eben weil der Widerspruch ein Zugleich ist, die Null, die die Einheit von Sein und Nichts ist. (Null und Eins sind un-eins). Der Widerspruch löst sich auf, heißt es lapidar in Hegels „Logik“, er löst sich in nichts auf und geht in seine negative Einheit zurück. Marx formulierte: „Gegensätze in der Wissenschaft lösen sich aber durch die Wissenschaft selbst“. 7. Er formulierte das insbesondere in seiner Polemik gegen Proudhons „Système des contradictions économiques, ou philosophie de la misère“ (veröffentlicht im Oktober 1846, ein Brief von Karl Marx an P.W. Annenkow vom 28. Dezember 1846 aus Brüssel enthält bereits eine vernichtende Buchbesprechung. Proudhon liefere eine Phantasmagorie, die den Anspruch erhebt, dialektisch zu sein. 8. Insbesondere das Studium des zweiten Kapitels der Schrift von Marx „Die Metaphysik der politischen Ökonomie“ ist unverzichtbar zur Aufdeckung des Charakters des Widerspruchs, wie er von kleinbürgerlicher Seite historisch zu entwickeln ist. Denn der petit bourgeois tout pur Proudhon vergöttlichte den Widerspruch, weil der Widerspruch der Kern seines Wesens ist. „Er ist bloß der soziale Widerspruch in Aktion“. 9. Er ist der Denker des einerseits-andererseits, „daß Proudhon einerseits die Gesellschaft vom Standpunkt und mit den Augen eines französischen Parzellenbauern (später petit bourgeois) kritisiert, andererseits den von den Sozialisten ihm überlieferten Maßstab anlegt. 10. Er gab der Menschheit, deren letztes Wort zu sprechen er beanspruchte, weder eine Geschichte der logischen Kategorien noch eine Realgeschichte, sondern nur die Geschichte seiner subjektiven Widersprüche, die Widersprüche eines sehr ungeordneten Kopfes. Er sah nur den Widerspruch ohne Widerspruch, er schnitt das Negative des Widerspruchs einfach weg, er wollte die Bourgeoisie ohne das Proletariat (der Proudhon‘ sche Übersozialismus). Dieser „Sozialismus“ der Gleichheit lief darauf hinaus, die kapitalistische Warenproduktion vor Mißbräuchen zu schützen und den Tauschwert zu einem endgültig gerechten zu erheben, der frei von Krisen sei. Alle Ideologen, die bestehende Widersprüche versöhnen wollen, verfehlen, dass es darauf ankommt, die Grundlagen dieser Widersprüche umzustürzen. Proudhon schob der Weltgeschichte den Sinn unter, die Idee der Gleichheit zum Sieg zu verhelfen. Das Milieu seiner Philosophie war ein Land mit Bauernmajorität wie China, das eine wenig bekannte bemerkenswerte anarchistische Tradition vorzeigen kann. Die durch den Imperialismus „importierte“ Kapitalisierung verfing im Gegensatz zu Japan und Indien nur in den grossen Städten und und ließ die asiatische Produktionsweise in den ländlichen Regionen weitgehend in Kraft. Die Ware in der Stadt und die Parzelle auf dem Land schufen anarchistische Milieus, die sich überschnitten. Noch in der Kulturrevolution können wir diesen erregenden Wechsel zwischen der Destruktion von Institutionen und Organisationen und ihrer Revitalisierung oder der Gründung neuer verfolgen. Es gibt einen kleinbürgerlichen „Kult des Widerspruchs“ unterhalb des Verwandlungsbewußtseins, dass die Gegensätze in der Durchdringung des Objekts ineinander umschlagen. Auch der Widerspruch kann nur im Begreifen der Objektivität, wie sie an und für sich ist, begriffen werden und das (philosophische) Begreifen ist immer das Begreifen der Objektivität, wie sie an und für sich ist. Der Gegensatz in der Wesenslogik ist zum Beispiel „nur das sich an ihm selbst Aufhebende“. 11. Der materialistische Gehalt des objektiven Idealismus besteht darin, dass er verhindert, dass die Kategorien (wie bei Wieland, wie bei Proudhon) in subjektiver Reflexion behaust werden. Der kleinbürgerliche Kult ist in Marxens „Elend der Philosophie“, dem vor dem Manifest reifsten Werk des Marxismus, entzaubert worden. In ihm wird bereits 1846/47 der dialektische Materialismus konkret auf die Entwicklung der Klassenkämpfe angewandt. Das im Manifest stehende „unvermeidlich“ 12. ist deshalb unvermeidlich, weil der Kapitalismus an der Dialektik seiner eigenen Entwicklung zugrunde geht. 13. Wenn man die Kategorien nicht objektiv aus sich selbst entwickeln und sie an ihrer eigenen Widersprüchlichkeit brechen läßt, besteht die Gefahr, mit Kategorien, die der gegenwärtigen kapitalistischen Ökonomie entnommen sind, die zukünftige kommunistische Gesellschaft auszugestalten wie es Proudhon mit seinem Mutualismus, der englische Kommunist Bray und der utopische Sozialist Gray, ein Schüler Robert Owens, mit dem Tauschwert der Ware versuchten. Karl Rosenkranzens Aussage, dass Proudhon die Dialektik „nur in der Form der Guillotine“ kenne, ist daher wohl als übertrieben zu bewerten. In seinem Brief an Marx vom 17. Mai 1846 teilt er Marx mit, dass er das Eigentum lieber langsam zum Verschwinden bringen möchte, „ … als daß ich ihm neue Kraft gebe, dadurch daß ich eine Bartholomäusnacht der Eigentümer mache“. 14. 1849 eröffnete Proudhon eine Tauschbank in Paris, die schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt war. Rousseau warf den Naturrechtstheoretikern vor, den Naturzustand mit Kategorien zu ergründen, die sie ihrer Gegenwart entnommen hatten. Hobbes projiziere den Krieg (aller gegen alle) innerhalb der Zivilisation in den Naturzustand zurück. Marx warf Ricardo vor, die bürgerliche Vorstellung der Bodenrente auf den Grundbesitz aller Zeiten und aller Länder anzuwenden 15. und den sozialistischen Theoretikern, mit den Kategorien der kapitalistischen Ökonomie die zukünftige klassenlose Gesellschaft zu projizieren. Wissenschaftliche Forschung hat das innere Band der Kategorienabfolge freizulegen, so dass dann „die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt“ 16. werden kann. Kategorien der bürgerlichen Ökonomie als Reflexe der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zur Grundlegung einer sozialistischen zu nehmen, bedeutet, „ die Gesellschaft auf einer Basis rekonstituieren zu wollen, die selbst nur der verschönerte Schatten dieser Gesellschaft ist. In dem Maße, wie der Schatten Gestalt annimmt, bemerkt man, daß diese Gestalt weit entfernt ist, ihre erträumte Verklärung zu sein, just die gegenwärtige Gesellschaft ist“. 17. Im Gegensatz zu Hegel richtet Mao den Widerspruch nicht hin, sondern stilisiert ihn ausschließlich zur Kernkategorie schlechthin, die nicht zugrunde gehen darf. Aber auch wenn sich Gegensätze in der Wissenschaft selbst lösen, so ist passives Zusehen objektiver Lösungswege keineswegs eine richtige Schlußfolgerung. „Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun, uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“. Es retten uns auch keine Sozialismen, weder der feudale, noch der kleinbürgerliche, weder der deutsche oder „wahre“; noch der kritisch-utopistische Sozialismus. Das Proletariat muss selbst handeln, sich selbst befreien. Gebrauchte Marx in der Judenfrage noch die Formulierung „ aus ihren eigenen Eingeweiden“ („Aus ihren eigenen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden“), so wird seine klassische Formulierung: „in ihrem eigenen Schoß“, um auszudrücken, dass in einer Entwicklungsstufe selbst die Bedingungen zur Höherentwicklung heranreifen. Ideologische Vertreter und Verteidiger bestehender gesellschaftlicher Unterdrückungsverhältnisse vereinseitigen den Widerspruch, um eine Weiterentwicklung abzuwürgen. Bereits heute wird er so ausgelegt, als sei alles gelöst, als gäbe es keinen, als herrsche in der Gegenwart ‚Taiping‘.  Das Verbot der KPD 1956 durch das Bundesverfassungsgericht ist Ausdruck eines antagonistischen Widerspruchs im deutschen Volk. Es gilt in diesem kein Grundgesetz mehr, die Gewalt muss auf die Tagesordnung gesetzt werden. Einigen wir uns darauf, dass die Grenzen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Natur bewegliche sind. Die Wahrheit als Prozess ist immer ihre Totalität in ihrer wechselseitigen Durchdringung ihrer Momente, aber der Widerspiegelungsprozess des konkreten Entwicklungsprozesses kann nur die Grundzüge des Prozesses wiedergeben, niemals den Prozess in seiner Totalität selbst. Der berühmte Satz Hegels: „Das Wahre ist das Ganze“ ist meines Erachtens richtig und falsch: das Wahre ist das Ganze, wenn es sich aufeinander zubewegt, ohne sich je zu erreichen. Das menschliche Denken entwickelt sich von der Einseitigkeit zwar zu immer grösserer Allseitigkeit, aber soviel ist der Aufklärung geschuldet: eine totale Allseitigkeit ist nicht zu erreichen. So führt die geistige Strömung, die keinen hohen Wert auf die historische Betrachtungsweise legte, zur Einsicht in die historische Bedingtheit all unserer Erkenntnisse, die ihrer Entwertung harren.

1. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,7

2. Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,481

3. a.a.O.,470

4. Über den Widerspruch, in: Mao Tse tung, Über Praxis und Widerspruch, Rotbuch 5, Wagenbach Verlag, Berlin, 1968,70

5. Vergleiche Lenin, Zur Frage der Dialektik, Werke Band 38, Dietz Verlag, Berlin, 1960,338

6. Ich kann daher Rossana Rossanda nicht zustimmen, wenn sie Maos Schrift „Über den Widerspruch“ als stark hegelianisch beeinflusst deutet (Rossana Rossanda, Der Marxismus von Mao Tse-tung, Internationale Marxistische Diskussion, Merve Verlag, Berlin, 1971,17), dass die Maotsetungideen eine hegelianische Dialektik enthalten, die mit beiden Beinen auf der Erde steht. (a.a.O.,18)

7. Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag, Berlin, 1957,349. Die Menschheit stellt sich immer nur Aufgaben, die sie auch lösen kann. (Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, Werke Band 13, Dietz Verlag, Berlin, 1960,9). „Wir vernichten den Widerspruch einfach dadurch, daß wir ihn aufheben“. (Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,520).

8. Vergleiche Karl Marx, Brief an W. P. Annenkow vom 28. Dezember 1846, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,549

9. a.a.O.,557

10. Vergleiche Karl Marx, Brief an Johann Baptiste von Schweitzer vom 24. Januar 1865, in: Werke Band 16, Dietz Verlag Berlin, 1960,26

11. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik, Die Lehre vom Wesen, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1999,54

12. „Der Untergang der Bourgeoisie „ … und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,474).

13. Die Produktivkräfte entwickeln sich im schützenden Schoß der alten Gesellschaft mehr und mehr, die Produktionsverhältnisse werden entsprechend enger und enger, der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die historisch selbst produziert worden sind, arbeitet sich aufeinander zu, die Produktionsverhältnisse werden gesprengt – es ist die Dialektik der eigenen Entwicklung. Ähnlich sieht Engels die Entwicklung des Militarismus, er wird von innen heraus gesprengt.

14. Pierre Joseph Proudhon, Brief an Karl Marx vom 17. Mai 1846, in: Briefe zur Weltgeschichte, Von Cicero bis Roosevelt, herausgegeben von Karl Heinrich Peter, dtv dokumente, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1964,173

15. Vergleiche Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,170

16. Karl Marx, Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, in: Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1964,27

17. Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,105

Heinz Ahlreip

 
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