Die Formen der Beziehungen unter den Menschen haben sich geändert

Lenin wies uns den Weg: ‚Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes‘. Michail P. Gerasimow, ein Künstler des ‚Proletkultes‘, schrieb: ‚Das Herz in der Brust eines Bauern … eine elektrische Birne‘. So plump dieses Bild ist, so hölzern es klingt, richtig ist, dass durch eine Revolution alles pervertiert wird. Das zunächst an den französischen Arzt und mechanischen Materialisten La Mettrie erinnernde Bild verweist auf die Schwierigkeit des Revolutionärs, dass er sozusagen die Natur des Menschen austauschen muss, um aus dem verdorbenen Alltagsmenschen einen neuen Menschen zu formen, der jenseits steht. Der Revolutionär muss dem Menschen die ihm eigenen Kräfte rauben, um ihm fremde zu geben. Rousseau sah dies im ‚Gesellschaftsvertrag‘ als Aufgabe des Gesetzgebers an: aus einem natürlichen autonomen Anarchisten macht er einen Staatsbürger, einen künstlichen Menschen. „Mit einem Wort, es ist nötig, dass er dem Menschen die ihm eigenen Kräfte raubt, um ihm fremde zu geben, von denen er nur mit Hilfe anderer Gebrauch machen kann“. (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 2011,45). An die Stelle des Herzens setzt der revolutionäre Gesetzgeber eine Glühbirne ein, der Affe hat jetzt einen Personalausweis.

Das Kriterium einer erfolgreichen Revolution ist die fundamentale Veränderung der Beziehungen der Menschen untereinander.  „Die Stadt und alle Menschen waren wie ausgewechselt“, schrieb der Schriftsteller Konstantin Paukowskij in seiner 1955 erschienenen Autobiografie ‚Erzählung vom Leben‘ anläßlich der russischen Februarrevolution von 1917. Solange die Familie, der Staat und das Privateigentum existieren, also das, was Marx und Engels in der ‚Deutschen Ideologie‘ als „die ganze alte Scheiße“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,35) bezeichnet hatten, und sie hatten verdammt Recht damit, solange kann kein Mensch auf der Erde frei sein. Die französische Revolution änderte an den Ketten der Sklaverei nichts, aber sie brachte den utopischen Sozialisten Charles Fourier hervor, der alle drei ‚heiligen‘ Säulen des bürgerlichen Gefängnisses theoretisch angriff. Während die bürgerlichen Wissenschaftler den Visionär Fourier als Spinner, wie Eugen Dühring gar als ‚Idioten‘ zu marginalisieren versuchten, stellte Engels ihn als Dialektiker auf eine Stufe mit Hegel. Heute klingt es auf Grund der ständigen Höherentwicklung des Kommunikationsnetzes und der Lernmittel und entsprechend geänderter Lernmethoden nicht mehr so bizarr, dass die Revolution einen höherentwickelten „Neuen Menschen“ hervorbringen wird, so dass es auf der Erde 37 Millionen Dichter wie Homer, 37 Millionen Mathematiker wie Newton und 37 Millionen Autoren wie Molière geben kann. Was Fourier für die Gegenwart und Zukunft Aktualität verleiht, sind seine Konzepte kollektiver industrieller und landwirtschaftlicher Arbeits- und Wohnformen, in denen eine Kultivierung der zwischenmenschlichen Sexualität eingeschlossen ist.

Erst die bolschewistische Oktoberrevolution als Weiterentwicklung der Pariser Commune, schuf in einer in der Weltgeschichte bisher einmaligen Aufbruchstimmung die Besen, um den ganzen bürgerlich-mittelalterlichen Dreck beiseite zu fegen. Die Produktionsmittel in der Industrie wurden vergesellschaftet, die Arbeit wurde wissenschaftlich organisiert und der bürgerliche Parlamentarismus wurde zerschlagen. Von gleicher Wichtigkeit war eine Kulturrevolution, deren Ansatz 1918 die Einführung einer Einheitsarbeitsschule für Kinder ab acht Jahren bildete. Sie war eine Schule ohne ‚Büffeln‘, denn in ihr waren Strafen, Prüfungen und Hausaufgaben abgeschafft. (Die Überlegung drängt sich auf, ob nicht bereits hier der Grundstein gelegt worden war für den Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht, deren Offiziere in wilhelminisch-weimarischen Zuchtanstalten dressiert worden waren, allzeit bereit, auch den idiotischsten Befehl Hitlers auszuführen). Auf dem ersten Allrussischen Arbeiterinnen- und Bäuerinnenkongress im November 1918 entwarf Aleksandra Kollontaj den kühnen Plan, den familiären Haushalt zu zerschlagen und die private Kinderbetreuung abzuschaffen. Das Ehegesetz war vereinfacht worden und Paare konnten sich per Postkarte scheiden lassen, was natürlich die Trennung von Staat und Kirche zur Voraussetzung hatte (Vergleiche Carmen Scheide, Veränderungen von Lebenswelten – Hoffnungen, Enttäuschungen, in: Heiko Haumann (Herausgeber), Die Russische Revolution 1917, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien, 2007,124f.). Der gleiche Lohn für die Frau für gleiche Arbeit war zur Selbstverständlichkeit geworden. Heute ist das nicht mehr der Fall, im Gegenteil, die Frau ist wieder eine Ware, die an westeuropäische Bordelle verhökert wird. Carmen Scheide, die 2002 eine Dissertation mit dem Titel: „Kinder Küche Kommunismus, Das Wechselverhältnis zwischen Alltagsleben und Politik am Beispiel Moskauer Arbeiterinnen während der NEP 1921 bis 1930“ vorgelegt hat, weist im Zusammenhang mit den Bestrebungen, den Gegensatz zwischen Stadt und Land in der Sowjetunion aufzuheben, auf interessante Konzepte hin: Die Pläne reichten von einer vollständigen Urbanisierung des Landes bin hin zur völligen Auflösung aller Städte und Dörfer. Stattdessen sollten Wohneinheiten dezentral in einem fortlaufenden Park angelegt werden (Vergleiche a.a.O.,128).  In den städtebaulichen Konzepten war der Gedanke fest verankert, dass Wohnkomplexe durch Grünanlagen vor den Nebenwirkungen der Industriekomplexe zu schützen sind. Leonid M. Sabsovic hatte ein Stadtkonzept mit Wohnkombinaten vorgelegt, das eine Existenz einer bürgerlichen Familie bereits ausgeschlossen hatte. Jeder Person stand ein Zimmer mit gleicher Möblierung zur Verfügung und Kinder sollten ausschließlich von staatlichen Pädagogen in besonderen ‚Kinderhäusern‘ erzogen werden. Man denkt unwillkürlich an Fouriers ‚Phalanstères‘.

Die Oktoberrevolution beinhaltete einerseits die Auflösung der starren Geschlechtertrennung, der ‚Neue Mensch‘ wurde als ein doppelgeschlechtliches Wesen vorgestellt, andererseits brachte sie eine neue Raumorientierung. Es wäre verkürzt, die bolschewistische Revolution ausschließlich als eine global-terristische zu begreifen, es wurde wörtlich genommen, dass Karl Marx die Pariser Communardinnen und Communarden von 1871 als „Himmelsstürmer“ bezeichnet hatte.  Romane wie Bogdanows „Der rote Stern“ und Ciolkowskys „Außerhalb der Erde“ deuten darauf hin, dass eine Affinität zwischen Revolution und Weltraumforschung bestand, Ciolkowsky avancierte bald zum „Vater der sowjetischen Raumfahrt“, nachdem Lenin ihm 1921 wegen besonderer Verdienste als Gelehrter und Erfinder eine Pension auf Lebenszeit zuerkannte (Vergleiche Michael Hagemeister und Julia Richers, Utopien der Revolution: Von der Erschaffung des Neuen Menschen zur Erobrung des Weltraums, in: Heiko Haumann (Herausgeber), Die Russische Revolution 1917, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien, 2007,140). Während die klassische bürgerliche Revolution aus Frankreich sich durch den Russlandfeldzug Napoleons 1812 in den Weiten Russlands verlief, war die proletarische Revolution durch die Weltraumflüge Gagarins (1961) und Tereschkowas (1963) in den Weiten des Universums bahnbrechend.

Heinz Ahlreip

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