Zur Dialektik der proletarischen Revolution in der Kontroverse Kautsky-Lenin anläßlich der Oktoberrevolution

Kautsky setzt sich mit der Oktoberrevolution u. a. in zwei 1919 in sozialistischen Kreisen viel beachteten Broschüren auseinander, die einmal schwerpunktmäßig den Vorwurf erhebt, die Bolschewiki hätten durch Auflösung der Duma, des Wahlverbotes für ehemalige kapitalistische Ausbeuter und durch die Pressezensur die Demokratie verletzt, zum anderen, die Revolution in eine blutig-terroristische Phase geführt, die unnötig gewesen wäre. Die erste Broschüre trägt demgemäß auch den Titel „Die Diktatur“, die zweite demgemäß auch den Titel: „Terrorismus und Kommunismus“. Beinhaltete die erste Broschüre ein Konzept eines merkwürdigen Gemisches aus einem Räte- und einem parlamentarischen Sozialismus, so nimmt Kautsky in der zweiten Broschüre eine sophistische Trennung des Terrors der französischen Revolution von 1789 vor, um zu zeigen, dass eine proletarische Revolution ohne Terror auskommen könne. Kautsky unterscheidet zwischen einem rohen wilden Terrorismus des Pöbels und einem kultivierten und planvollen Terrorismus der führenden Jakobiner. Die Exzesse entsprangen den rohesten Teilen der Bevölkerung, „das Schreckensregiment wurde getragen durch höchst kultivierte, von den humansten Empfindungen erfüllte Menschen“ (Karl Kautsky, Terrorismus und Kommunismus, Ein Beitrag zur Naturgeschichte der Revolution, Verlag Neues Vaterland, Berlin, 1919,95). Diese Differenzierung des Terrors dient Kautsky zur Beweisführung, dass in der bürgerlichen Revolution der Terror unvermeidbar war, wobei nicht beachtet wird, dass sich der jakonistische Terror sowohl gegen die führenden Vertreter der alten feudalen Mächte als auch gegen die führenden Vertreter der unteren politisch linksorientierten Volksklassen richtete, der Terror also synchron gegen die alten Feinde als auch disparat immanent unter revolutionären Kräften selbst zur Anwendung kam. War nach Kautsky im Vorfeld der bürgerlichen Revolution eine Kultivierung der revolutionären Kräfte nicht möglich, der Feudalismus läßt Menschen nur verroht zurück, so doch im Vorfeld der proletarischen. Und nun soll nach ihm gerade der Marxismus als wissenschaftlicher Sozialismus dafür gesorgt haben, dass eine proletarische Revolution ohne Gewalt, Terror und Bürgerkrieg auskomme. Der Kampf zwinge zum Studium der ökonomischen Verhältnisse und dieses Studium zur Einsicht, dass sich das Proletariat immer nur politisch-revolutionäre Aufgaben stellen kann, die es im Rahmen des Gegeben schrittweise auch lösen kann. Im Originaltext: “ … zunächst nur soviel an Sozialismus durchzuführen, als unter den gegebenen Verhältnissen möglich war … Die Durchführung des Sozialismus konnte nach dieser Auffassung nicht das Werk eines Handstreichs sein; sie wurde das Ergebnis eines längeren historischen Prozesses“ (a.a.O.,100). Man muss vor diesem Satz verweilen unter Berücksichtigung, dass er sich gegen die Bolschewiki richtet und dass das Wort ‚Handstreich‘ auf ihren angeblichen ‚Staatsstreich‘ im Oktober 1917 hinweist. Wären sie gemäß der marxistischen Lehre vorgegangen, Kautsky verwendet hier das Wort ’sachkundig‘, wären sie nicht in eine verzweifelte Situation hineingeraten, „die sie wider den Geist des Proletariats und des Sozialismus zu blutigem Massenterror zwang“ (a.a.O.).

Die Periode zwischen der Pariser Kommune 1871 bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 war in Westeuropa primär eine relativ friedliche Periode und Kautsky stellt richtig fest, dass die Gedanken der Revolution, des Terrors und des revolutionären Bürgerkrieges aus den Köpfen der Arbeiter verschwunden war. Die Bewilligung der Kriegskrdite durch die sozialchauvinistischen Sozialdemokraten zeigte das offen. Zudem sei zu dieser Zeit die Demokratie aus einem Kampfobjekt zu einer festen (kursiv/H.A.) Basis des politischen Lebens geworden (a.a.O.). Das ist aber falsch, weil nicht dialektisch durchdacht. Es gibt Demokratie und Demokratie. Die bürgerliche Demokratie, die einst fortschrittlich gegen den Feudalismus aufgetreten war, und nur die scheint Kautsky zu kennen, war in der Tat veraltet, eine feste Basis des politischen Lebens geworden, war in sich gesättigt, keines historischen Fortschritts mehr möglich, aber die proletarische Demokratie, die sich gegen die Bourgeoisie richtet und deshalb nicht auf den Parlamentarismus rekurrieren kann, sondern ihn zerschlagen muss,  war noch jung, lebendig wie der Frühling mit dem substantiellen Gehalt des ‚Einschlafens der Demokratie‘ (Engels). Ich glaube, das Dargelegte ist schon ausreichend, um aufzuzeigen, dass Kautsky die ‚Aprilthesen‘ von Lenin ebenso abgelehnt hätte wie Plechanow, der sie als ‚Fieberphantasie‘ verspottet hatte. Es ist der Nachweis zu führen, dass Kautsky nach der Oktoberrevolution weder ein Demokrat noch ein Dialektiker war und also auch kein Revolutionär mehr sein konnte. Das ist nicht schwer, denn schon allein die Wortwahl Kautskys verrät sein Einschwenken auf eine kleinbürgerliche Kritik an der Oktoberrevolution. Er will die Revolution nüchtern („sachkundig“) und sachte angehen, realistisch, ohne zu bedenken, dass jede effektive Revolution im Sinne eines historischen Fortschritts einen Überschuss an Radikalität haben muss, der solange durchhalten muss, bis der Durchbruch unwidderruflich gelungen ist. Gerade dieser überschäumende Radikalismus ist in der Regel militant und kann nur militant terroristisch und diktatorisch auftreten. „Ohne Vorbereitung der Diktatur kann man kein wirklicher Revolutionär sein“ (Lenin, Geschichtliche zur Frage der Diktatur (Notizen), in: Lenin, Gegen den rechten und linken Opportunismus und den Trotzkismus, Progress Verlag Moskau, 1974, 465). Gerade die revolutionär-demokratische Diktatur lehnt aber Kautsky ab und versteift sich auf einen Demokratiefetisch, den Engels in einem Brief an Bebel vom 11. Dezember 1884 nach einer erfolgreichen proletarischen Revolution hat kommen sehen: “ … daß die reine Demokratie im Moment der Revolution als letzter Rettungsanker der ganzen bürgerlichen und selbst der feudalen Wirtschaft momentan Bedeutung bekommen kann …“. War Kautskys Broschüre eine Kritik von rechts, so der Kronstädter Matrosenaufstand im März 1921 eine von links, auch die Matrosen forderten freie Wahlen, dazu noch Sowjets ohne Bolschewiki.

Der Hauptmangel Kautskys besteht in der Ersetzung der Dialektik durch den Eklektizismus. Die Dialektik einer Revolution zeitigt mitunter grelle Resultate, ein Dialektiker spürt der tief innerlichen und  ruhelosen Dialektik der Geschichte nach, die auf der Oberfläche nicht zu sehen ist und sprach nicht Lenin von phantastischen Zickzackbewegungen der Geschichte ? Die Revolution ist listig insgesamt, wie das Meer, es ist ruhig und bedächtig und kann durch einen herannahenden Sturm plötzlich hochgepeitscht werden. Wer behauptet, dass der Kommunismus in Deutschland auch in 10, 15 Jahren keine Chance hätte, ist eben auf das gerade vorherrschende ‚Biedermännische‘ verengt. Kautsky würde heute so reden. Das ‚Biedermännische‘ stumpft ab und erfasst nicht die ersten Wellen einer revolutionären Krise. Im Jahr 1906 hatte Lenin eine Kontroverse mit R. Blank über die Notwendigkeit einer Diktatur in der Revolution (von 1905), die dieser ablehnte. Lenin sprach von den „vernünftigen“ Sozialisten im Gegensatz zum „Wahnwitz“ der Bolschewiki (Vergleiche a.a.O.,469). Folgt man den eingetretenen Pfaden der bürgerlichen Publizistik und den Massenmedien, so ist der Kommunismus heute in Deutschland, ja weltweit eine periphere, äußerst periphere Angelegenheit. Und er wird es für die heutigen Evolutionisten bleiben. Aber weder geht es in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft noch in der der Natur evolutionistisch zu, deren Entwicklungskonzeptionen sind  „tot,farblos, trocken“ (Lenin). Nur das dialektische Prozessdenken genügt wissenschaftlichen Ansprüchen: nur es „liefert den Schlüssel  zu den ‚Sprüngen‘, zum ‚Abbrechen der Allmählichkeit‘, zum ‚Umschlagen in das Gegenteil‘, zum Vergehen des Alten und des Entstehen des Neuen“. (Lenin, Zur Frage der Dialektik, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Reclam Verlag, Leipzig, 1986,44).

Welche Argumente trägt der ‚Biedermann‘ Kautsky nun vor, um nachzuweisen, dass wir über die historische Phase der Notwendigkeit der Anwendung von Terror während der Revolution hinaus sind ? Engels hatte ja durch seinen Aufenthalt in Manchester 1842 Eindrücke gewonnen, die ihn vom blutigsten Krieg zwischen den Armen und den Reichen sprechen ließ. Das industrielle Proletariat habe sich über das blutrünstige Niveau des Lumpenproletariats erhoben, der Marxismus sei entwickelt worden und die – wohlgemerkt bürgerlich-parlamentarische – Demokratie sei in sich gefestigt. (Vergleiche Karl Kautsky, Terrorismus und Kommunismus, Ein Beitrag zur Naturgeschichte der Revolution, Verlag Neues Vaterland, Berlin, 1919,100).  Und zwischen den schlimmen Befürchtungen von Engels und 1917 hatte Kautsky nun eine geschichtliche Entwicklung zur Humanität herausgelesen, nur die von Frankreich ausgehende allgemeine Wehrpflicht mit der ihr immanenten Verrohung habe da erheblich gestört. Bereits die Pariser Kommune sei positiv mild verlaufen und ein Jahr später habe Marx für die USA, England und Holland friedliche Revolutionen in Aussicht gestellt. Vor dem ersten Weltkrieg hätte dann eine soziale Lage vorgelegen, die die sofortige sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft für die Arbeiter nicht zu einer Frage von Leben und Tod gemacht hätte. Man gewinnt den Eindruck, als habe sich Kautsky ein friedliches Hineinwachsen der proletarischen Revolution in die bürgerliche gewünscht sowie Bucharin sich ein Hineinwachsen der Kulaken in den Sozialismus wünschte. „Ohne Anwendung von Gewalt gegen die Gewalttäter, in deren Händen sich die Waffen und Machtorgane befinden, kann das Volk nicht von den Gewalttätern befreit werden“. (Lenin, Geschichtliches zur Frage der Diktatur (Notizen), in: Lenin, Gegen den rechten und linken Opportunismus und den Trotzkismus, Progress Verlag Moskau, 1974,473). Hegel spricht in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes vom „ruhigern Bette des gesunden Menschenverstandes“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1980,47).  Es ist darauf zu insistieren dass in einer Revolution das Gebilde der neuen Welt , Hegel sagt, „in einemmahle“ hervorbricht, wie ein Blitz aufblendet. (Vergleiche a.a.O.,15).  Wie ein Blitz schlugen die Aprilthesen in den russischen Boden ein. Nach landläufiger marxistisch-zentristsicher Auffassung lagen diese außerhalb der Schulbücher und nun verkehrte sich alles: statt auf die Entwicklung der ökonomischen Gesetzmäßigkeit zu setzen, machten sich die Bolschewiki abhängig von der Massenpsyche und waren gezwungen, die Marxsche Denkweise über Bord zu werfen. (Vergleiche Karl Kautsky, Terrorismus und Kommunismus, Ein Beitrag zur Naturgeschichte der Revolution, Verlag Neues Vaterland, Berlin, 1919,110). Hier gipfelt die Polemik Kautskys zugleich mit dem Tadel, die Bolschewiki hätten durch die Auflösung der Armee der deutschen Offiziersclique Vorteile verschafft, zum Ausbruch der deutschen Novemberrevolution 1918 hätten sie keinen Beitrag geleistet. Soweit ist Rosa Luxemburg in ihrer Kritik an der Lenin‘ schen Oktoberrevolution nicht gegangen, sie hat nicht wie Kautsky den Bolschewisten einen Taschenspielertrick vorgeworfen bezüglich der Frage der Diktatur. Scheinheilig fragt Kautsky, was gibt es für einen Sinn und Fortschritt, wenn statt der zaristischen Knute nun die Fabrikdisziplin von einzelnen bolschewistischen Betriebsleitern eingepeitscht wird ? Man durchdenke diese Frage und man wird auf einen qualitativen Unterschied stoßen. Auf das Lebensprinzip der alten Welt mit Geld: ‚Jeder für sich, Gott für uns alle‘ und auf das Lebensprinzip der neuen Welt: ‚Alle für einen und einer für alle‘. Ging es im Zarismus und Kapitalismus um Kapitalakkumulation, so im Sozialismus in eine Zukunft, in der das Geld einer Welt von gestern angehört.

Heinz Ahlreip

.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: