Merkwürdigkeiten der Oktoberrevolution

Es bleiben spezifische Merkwürdigkeiten der so überaus klippenreich und widersprüchlich verlaufenden, aus einer Doppelherrschaft resultierenden Oktoberrevolution, deren Existenz oft an einem seidenen Faden hing. Erstens: Sie brach aus in einem Land, in dem das Proletariat eine kleine Minderheit im Volk (mit einer hohen Analphabetenquote) war, woraus sich Lenins große Sorge um eine Spaltung im Proletariat oder um eine zwischen der Partei und der Masse des Proletariats ergab. Zweitens: Sie konnte sich nur halten durch eine Politik der richtigen Beziehungen zur Bauernschaft, was zur Folge hatte, dass das dem Sozialismus kontraproduktive kleinbäuerliche Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre mit Punkt und Komma übernommen wurde und nur so die Brücke zwischen Stadt und Dorf einstweilen hergestellt werden konnte, die tragfähige homogene Basis der Revolution. Irgendwie hat diese gehalten (Dieses ‚irgendwie‘ muss untersucht werden), denn die zersplitternde ‚wilde Landnahme‘ der Bauern war kontraproduktiv zum großraumwirtschaftlichen Konzept des Sozialismus. Das war ohne Zweifel eine „Schiefheit“, denn die Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, „Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land“ war bereits eine Forderung (die neunte von zehn) im Kommunistischen Manifest. Die kleine Scholle aber festigte zunächst den Kleinbauern und das Dorf, stärkte vor allem die Kulaken, wirkte also nach der entgegengesetzten Richtung. Die Kulaken waren sogar bis 1928 gesetzlich in ihrer Existenz geschützt. Aber die Basis hat besonders nach der Kollektivierung 1929, nach der Liquidierung der Kulaken als Klasse, gehalten, auch als die Wehrmacht 1941 einmarschiert war, nur hin- und wieder wurden den deutschen Unholden Brot und Salz gerreicht. Drittens hing ihr Überleben in einem Bauernland von einer richtigen Beziehung der kleinen roten Partei zu den sechs Millionen Mitgliedern der Gewerkschaft (Stand 1920) als einer Schule des Kommunismus ab, Lenin hatte gute Gründe, Trotzkis Konzept eines Durchrüttelns der Gewerkschaft von oben brüsk zurückzuweisen (er sei gegenüber Tomski, dem Führer der Gewerkschaft, „zutiefst im Unrecht“). Die Befolgung des trotzkistischen Säuberungskonzepts hätte nach Lenins Dafürhalten die Sowjetmacht zu Fall gebracht. Lenin sprach von seiner kleinen roten Partei als von einem Tropfen im Ozean. Warum erhielt sie sich fast 60 Jahre (von 1898 – Gründung der SDAPR in Minsk, die sich 1903 in London in Bolschewiki und Menschewiki spaltete – bis 1953/56, danach Mißbrauch des Namens durch die Revisionisten) ? Weil sie bis 1953/56 als einzige Partei konsequent die sozialen Interessen des Proletariats vertrat. Das machte sie gefährlich, deshalb wurde sie selbst noch von Kerenski verfolgt. Viertens blieb der bürgerliche Feind, dessen Ideologie viel älter ist als die sozialistische, mächtiger, besonders durch Geldbesitz, internationale Beziehungen und militärischem Wissen, und fünftens, dazu im Widerspruch stehend, erließen die Bolschewiki ein Aufnahmestopp für ihren Tropfen, für ihre Partei. ‚Lieber weniger, aber besser‘, so lautete die Überschrift eines Artikels von Lenin Anfang März 1923. Gerade dieser letzte Punkt macht deutlich, dass es sich bei der Oktoberrevolution nicht um eine in sich gebrochene Revolution gehandelt hat, wie die Menschewiken und Kautskyaner gleich nach dem Ausbruch der Revolution behaupteten. Diesen Herrschaften schmeckte gar nicht, dass Lenin sogleich erfolgreich eine Einparteienherrschaft anstrebte. Nur die Strasse des Marxismus führt zum Kommunismus, die Revisonisten stehen auf den Strassenbrücken und werfen wie die Hooligans schwere Gegenstände auf die Fahrbahn. Sie konnten auch nicht das Kind dieser Merkwürdigkeiten begreifen. Das Kind dieser Merkwürdigkeiten war 1921 die NEP, die ein bewußter vorübergehender Rückzug des Sozialismus vor dem Kapitalismus war. Wie hatte doch Rosa Luxemburg 1918 im Gefängnis über die bolschewistischen Oktoberrevolutionäre geschrieben ? „Sie sollen nicht Wunder wirken wollen“. Aber immerhin: Sie können mit Hutten ausrufen: ‚Ich hab’s gewagt !‘ (Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,192). Die größte Merkwürdigkeit der Oktoberrevolution bleibt aber die, dass die ach so fortschrittlichen Marxisten aus Westeuropa deren Ausbruch als unzeitgemäß denunzierten, sie selbst aber unter wesentlich fortgeschritteneren Bedingungen nichts zustande brachten, was man in der Weltgeschichte der Oktoberrevolution analog stellen könnte. Sie hatten überlesen, was Marx im Vorwort zur ‚Kritk der politischen Ökonomie‘ geschrieben hatte: „Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind“. Das gilt auch für den Oktober 1917.

Heinz Ahlreip


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