Die verfehlte Kritik Rosa Luxemburgs an der russischen Oktoberrevolution

Rosa Luxemburg setzte sich leidenschaftlich mit der Oktoberrevolution in einem Text ‚Die russische Revolution‘ auseinander, der ohne ausreichendes Quellenmaterial 1918 im Gefängnis geschrieben worden war. Zu ihren Lebzeiten wurde er nicht veröffentlicht, erst 1922 von Paul Levi und 1928 vollständig von Felix Weil. Clara Zetkin hat uns überliefert, dass Rosa Luxemburg selbst nach der Haftentlassung auf Distanz zu ihrem Text gegangen war, der m.E. in seiner Substanz, der Oktober habe weder Demokratie noch Sozialismus hervorgebracht, sondern deren Zerrbilder, misslungen ist, gleichwohl in einer Auseinandersetzung mit der Oktoberrevolution nicht übergangen werden darf, denn er strahlt eine gewisse Originalität aus, wirft essentielle Probleme dieser Revolution auf und sei es auch nur, um die Geistesverfassung von Rosa Luxemburg zur Zeit der Textabfassung zu untersuchen. Keinesfalls stellt aber dieser Text das „theoretische Vermächtnis“ dieser Revolutionärin dar, wie ihn  Susanne Hillmann bewertet.  (Vergleiche Susanne Hillman, Zum Verständnis der Texte, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,238f.). 

So kehrt sie zum Beispiel den allerorts zu hörenden Vorwurf, Russland sei zu einer sozialistischen Revolution noch nicht reif genug gewesen, um: der Krieg und die Revolution habe die Unreife des deutschen Proletariats erwiesen. Aber: ‚Bloß Nicht !‘ ruft sie aus, als Lenin die Oktoberrevolution als eine Art Muster für alle Länder hinstellen will. Erwägenswert vor allem auch ihr Gedanke, dass nicht der erste imperialistische Krieg die Oktoberrevolution ausgelöst habe, sondern dass dieser die ab 1912 wieder virulenter werdende russische Revolution unterbrochen habe. Ein Text von Rosa Luxemburg zur Oktoberevolution gehört trotz seiner Fehler nicht zur Sekundärliteratur. Die Schuld an den, wie sie es nennt, „Schiefheiten“ dieser Revolution gibt Rosa Luxemburg interessanterweise primär dem deutschen Proletariat. Es hätte in der geschichtlichen Prüfung durch den imperialistischen Krieg so schmählich versagt und ihm seien alle weltweiten Rückschläge der sozialistischen Emanzipation anzulasten, aber nicht nur ihm allein: auch das internationale Proletariat habe die Revolution verraten. Die ‚gebrochene‘ Revolution in Russland sei Ausdruck des Bankrotts des internationalen Sozialismus in diesem Weltkrieg, aber die notwendig unvollkommene Revolution Lenins sei „eine Ehrenrettung des internationalen Sozialismus“. Diese Auffassung lässt sie in schroffen Gegensatz zu Karl Kautsky treten, aber trotz aller Polemik gegen ihn geht sie mit ihm auch in einigen wesentlichen Punkten wie Demokratie und Duma, Wahlen und Pressefreiheit, kongruent. Wie er kritisiert sie deren Auseinanderjagung durch die Bolschewiki. Mit Trotzki stimmt sie gegen Lenin und Stalin darin überein, dass sich eine sozialistische Gesellschaftsordnung nur international durchführen lasse. „In Rußland konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Rußland gelöst werden“ (Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,193). Immer wieder kreisen die Gedanken Luxemburgs hasserfüllt um das Versagen des deutschen Proletariats in der Frage der Kriegskredite, dessen sozialdemokratische Partei Lenin noch als mustergültig betrachtet hatte. Dieser Hass kommt besonders in ihrer ‚Rede zum Programm‘, gehalten auf dem Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund), der vom 29. bis 31. Dezember 1918 in Berlin stattfand, zum Ausdruck: „ … daß die deutschen Gewerkschaftsführer und die deutschen Sozialdemokraten die infamsten und größten Halunken, die in der Welt gelebt haben, sind … (folglich) gehören diese Leute ins Zuchthaus“. Jede klassenbewusste Arbeiterin und jeder klassenbewusste Arbeiter sollte sich diese Worte ausdrucken und an die Innenseite ihrer / seiner Wohnungstür kleben, so dass sie / er bei jedem Verlassen der Wohnung sich diese Worte einprägen kann. Trotz der für Luxemburg elementaren Widersprüche des roten Oktobers begreift sie die Revolution richtig als eine in aufsteigender Linie, als eine sich ständig radikalisierende, von der Ersetzung des Zaren Nikolaus durch seinen Bruder Michail, der auf den Thron verzichtet, der Absolutismus fiel für Luxemburg „wie ein abgestorbenes Organ, das nur angerührt zu werden brauchte, um dahin zu fallen“ (a.a.O.,166) dann die demokratische Republik, als „das fertige, innerlich reife Produkt gleich des ersten Ansturms der Revolution“ (a.a.O.,167), womit für die Menschewiki und für Kautsky (Demokratie, nicht Sozialismus, bzw. Sozialismus erst nach Erringung der Mehrheit im bürgerlichen Parlament) die Revolution beendet war, dann Lwow, Kerenski, eins teilte sich in zwei: die Revolution stellte nur noch die Alternative: Militärdiktatur oder bolschewistische Herrschaft, wie Marat musste sich auch Lenin verstecken, bis zum Ende der Alleinherrschaft der revolutionärsten Partei. 1. Für Luxemburg trieben nur die Bolschewiki eine wirklich sozialistische Politik. Der Friedens- und der Landhunger der Bauern sprengte den bürgerlichen Rahmen der Revolution, die Liberalen wollten den imperialistischen Krieg fortsetzen und den Bauern kein Land geben, die Einberufung der Konstituante, die diese Fragen erörtern sollte, wurde immer wieder verschoben. Aber jetzt kommt die Übereinstimmung mit Kautsky: wie dieser verurteilt auch sie die zersplitternde ‚wilde Landnahme‘ der Bauern als kontraproduktiv zum großraumwirtschaftlichen Konzept des Sozialismus. Das war ohne Zweifel eine „Schiefheit“, denn die Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie, „Hinwirken auf die allmähliche Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land“ war bereits eine Forderung (die neunte von zehn) im Kommunistischen Manifest. Die kleine Scholle aber festigte den Kleinbauern und das Dorf, stärkte vor allem die Kulaken, wirkte also nach der entgegengesetzten Richtung. Die Übereinstimmung mit Kautsky ist wortwörtlich: Beide sprechen von einem Rückfall der russischen Landwirtschaft in die Zeit der ägyptischen Pharaonen. Die russische Revolution habe laut Luxemburg den Bauern borniert, er horte Lebensmittel und boykottiere die Stadt für Wuchergeschäfte, „genau wie die preußischen Junker“ (a.a.O.,174).  Dieses Zitat macht deutlich, dass Rosa Luxemburg in ihrer Kritik die Bolschewiki keineswegs schonte. In Schutz nehmen muss man aber Lenin, wenn sie ihm eine Revolutionsmacherei andichtet. Napoleons Siegeszug durch Europa hätte auf dem Scholleneigentum des französischen Kleinbauern, dieses Revolutionsgewinnlers, gegeründet, vielleicht wollte Lenin mit den anarchistischen Kleinbauern ähnliche Triumphe feiern ? Das ist ganz abwegig, keiner wusste besser, dass man Revolutionen nicht machen kann, die Bolschewiki mussten einfach auf einer übermächtigen Welle mit schwimmen, wollten sie nicht untergehen. Das hatte dazu geführt, dass der Vorsprung der russischen Jakobiner vor den russischen Girondisten hauchdünn war. Einen analogen Fehler wie in der Landwirtschaft hatten die Bolschewiki für Rosa Luxemburg in der Nationalitätenfrage begangen, in der sie den Nationalitäten das Recht der staatlichen Lostrennung von Russland gaben. Auch hier wieder nur Zersplitterung ! In beiden Fällen gewannen die Bolschewiki keine Sympathien. Der Bauer wurde Preuße und die ukrainische Rada ließ 1918 österreichische und deutsche Truppen einmarschieren. Nicht der proletarischen Weltrevolution neigte man sich zu, sondern dem Imperialismus. „Es ist das fatale Los des Sozialismus, daß er in diesem Weltkrieg dazu ausersehen war, ideologische Vorwände für die konterrevolutionäre Politik zu liefern“ (a.a.O.,179f.). Die vehementeste Kritik am Leninismus übt die Revolutionärin wohl an der Ausgestaltung der Demokratie, wie sie sich im Jahr 1917 ergab. Sie nennt die Auflösung der Duma durch die Leninisten „verblüffend“, obwohl spätestens seit den Aprilthesen Lenins Absicht ganz deutlich war: den Parlamentarismus in Russland zu zerschlagen und ihn durch einen Räte“staat“ nach dem Vorbild der Pariser Commune zu ersetzen. Die Auflösung konnte also nicht überraschend kommen, sondern lag im Konzept. Rosa Luxemburg denkt in dieser Frage genau so undialektisch wie Karl Kautsky. Die Diktatur des Proletariats bedeutet eine Diktatur gegen die Reichen und eine Demokratie für die Armen, Demokratie und Diktatur sind nicht schematisch zu trennen, denn es gibt keine Demokratie als Nichtdiktatur. Auch Demokratie beinhaltet staatliche Gewalt und in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution gehen die Begriffe ineinander über. Völlig verfehlt ist der Vorwurf von Luxemburg, Lenin stelle genau wie Kautsky die Diktatur der Demokratie entgegen. Hier kommt einiges durcheinander. Man muss beachten, dass gerade die härteste Diktatur gegen die ehemaligen Ausbeuter das höchste Maß an Demokratie für die Volksmassen bedeutet. Dass diese ein Recht haben, Konterrevolutionäre zu bestrafen, das scheinen sowohl Rosa Luxemburg als auch Karl Kautsky übersehen zu haben. Bei Rosa Luxemburg wird das fast noch deutlicher als bei dem geschickt schreibenden Kautsky: „Sowohl Sowjets als Rückgrat wie Konstituante und allgemeines Wahlrecht“ (a.a.O.,185). Das ist eben falsch, die revolutionäre Entwicklung war bereits über die Phase der Doppelherrschaft hinausgegangen, eine Revolution in aufsteigender Linie, die Luxemburg ja bescheinigt, muss sich in ihrer Radikalität auf eine Einparteienherrschaft und auf die Ausrottung der Konstituante bei Strafe des Untergangs konzentrieren. In der Anfang 1921 geschriebene Broschüre von Lenin „Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Trotzkis und Bucharins“ finden sich brillante Überlegungen zur Dialektik – und siehe da: „Sowohl das eine als auch das andere“, „einerseits-anderseits“ – … Das ist eben Eklektizismus. Die Dialektik erheischt die allseitige Berücksichtigung der Wechselbeziehungen in ihrer konkreten Entwicklung …“ (Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Trotzkis und Bucharins, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin, 1960,81f.). Wie konnte Rosa Luxemburg in ihrer kargen Gefängniszelle die Wechselbeziehungen der russischen Revolution in ihrer konkreten Entwicklung allseitig berücksichtigen ? Es bekümmert schon, wenn man verfolgen muss, wie so viele, die sich für dialektische Materialisten halten, auf Rosa Luxemburgs literarisches Talent, das sie mit Trotzki teilt, hereinfallen, ohne hinter die Fassade zu blicken. Sie irrt wie Kautsky, wenn sie Lenin unterjubelt, für ihn sei der sozialistische Staat nur der auf den Kopf gestellte kapitalistische Staat. Ein flüchtiges Durchblättern von Lenins „Staat und Revolution“ genügt hier zur Widerlegung, man wird sofort fündig, etwa: er spricht vom „Übergangsstaat, der „kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“ ist, die Unterdrückung der Minderheit der Kapitalisten ist eine „so verhältnismäßig leichte, einfache und natürliche Sache … die Notwendigkeit einer besonderen Maschine zur Unterdrückung beginnt zu schwinden … Die Ausbeuter sind natürlich nicht imstande, das Volk niederzuhalten ohne eine sehr komplizierte Maschine zur Erfüllung dieser Aufgabe, das Volk aber vermag die Ausbeuter mit einer sehr einfachen ‚Maschine‘, ja nahezu ohne ‚Maschine‘, ohne einen besonderen Apparat niederzuhalten, durch die einfache Organisation der bewaffneten Massen (in der Art der Arbeiter- und Soldatendeputierten, sei vorgreifend bemerkt).“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,477). Und so weiter und so fort. Auch hier liegt bei Rosa Luxemburg wiederum ein Mangel an dialektischer Sensibilität vor. Ich möchte die Leserin / den Leser auch noch darauf hinweisen, dass Lenin hier, also vor der Oktoberrevolution, bereits von Sowjets spricht als eine Form des Halbstaats, der absterben muss. Und weiter: an dieses Absterben des Halbstaates ist das ‚Einschlafen der Demokratie‘, ein Ausdruck von Engels, geknüpft. Wenn man dieses ‚Einschlafen der Demokratie‘ nicht versteht, das nur durch die Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei, nach der Zerschlagung des Parlaments möglich ist, gerät man in die Irre, wie Luxemburg, sie deutet die bolschewistische Diktatur als Abschaffung der Demokratie und gibt ein beredtes Zeugnis ab, wie auch bei einer Revolutionärin das Bewusstsein hinter der tatsächlichen politisch-historischen Entwicklung zurück bleiben kann. Direkt urbürgerlich ist das Denken von ihr und von Kautsky, wenn wir zu den Wurzeln des Konflikts zwischen Arbeiterdemokratie und Nationalversammlung zurückgehen, die bis zur französischen Revolution zurückreichen. Gleich zu Beginn des Revolutionssturms verbot die französische Bourgeoisie den Arbeiterinnen und Arbeitern, sich zu versammeln. Sie gab das Fortschrittliche als reaktionär aus: Eine Assoziation der produktiven Klasse sei ein Rückfall in die durch die französische Konstitution abgeschaffte Korporation. Und im Grunde bewegen sich Rosa Luxemburg und Karl Kautsky immer noch auf dem Level von Le Chapelier, dem Inspirator des arbeiterfeindlichen Gesetzes, das seinen Namen trägt, denn die Dialektik erheischt den Umschlag der Gegensätze ineinander. Warum solle die produktive Klasse nach ihrer Machteroberung nicht das Recht haben, Koalitionen unter den unproduktiven Klassen zu verbieten ? Warum sollte sie nicht das Recht haben, den Schmarotzern das Wahlrecht zu entziehen ? Worauf Lenin besonderen Wert legt, die einfache Organisation der bewaffneten Massen, das ist weder von Karl Kautsky noch von Rosa Luxemburg verstanden worden. Die Volksbewaffnung ist aber der elementare Boden der proletarischen Demokratie. Und die proletarische Revolution ist eben die Organisation der bewaffneten Massen in Aktion gegen die Minderheit der Ausbeuter, über die sich Millionen Speerspitzen sammeln müssen. Die Organisation der bewaffneten Massen ist eine in einer Revolution notwendige Schreckensherrschaft und Rosa Luxemburg hat Unrecht, wenn sie eine Schreckensherrschaft als demoralisierend ausgibt, gerade durch sie blühen Millionen und Abermillionen bisher Geknechteter auf und kommen zum Bewusstsein ihrer Würde. Blauäugig dahin geschrieben ist Rosa Luxemburgs berühmter Satz: „Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden“ (Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, hamburg, 1970,186). Ihn finden ‚Akademiker‘ sympathisch, die sich nicht in die proletarische Revolution hineindenken können; diese ist ein Bürgerkrieg der kolossalsten und schrecklichsten Art mit Millionen und Abermillionen Toten, in dem es primär nicht auf das alternative Denken ankommt, sondern darauf, die Todesquote unter den Kämpfern in der Tradition der Pariser Commune so niedrig wie möglich zu halten, die unter den Konterrevolutionären so hoch wie möglich zu steigern. Der Revolution im Weg stehen die Akademiker, die von Rosa, von der lieben Rosa, von der lieben Mutter Rosa schwärmen bis zum jüngsten Tag.

1. Dann, fügen wir hinzu, Personenkult Lenin-Stalin. Der Personenkult ist deshalb so übel, weil er den Kreis vom Zarenkult bis zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei zu schließen scheint.

Heinz Ahlreip

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