Hinweis auf eine Gefahr beim uz-Pressefest der DKP in Dortmund 2016

Die letzten Ausgaben der uz enthielten Beilagen zum uz-Pressefest mit Hinweisen auf ein überschäumendes Musikangebot auf dieser Veranstaltung.  Das kann nicht unwidersprochen bleiben, besonders wenn man Lenin als Vorbild einer wissenschaftlich-revolutionären Lebensgestaltung ansieht. Lenin hielt die Musik stets auf Distanz, sie wirke auf die Nerven und beeinträchtige die revolutionäre Wachsamkeit. Für ihn besaß die proletarische Revolution, die tiefste Revolution in der Weltgeschichte,  einen zu hohen Schwierigkeitsgrad, um von ihr Entspannung im Irrationalen suchen zu dürfen. Gegenüber der Objektivität revolutionärer  Politik ist das Dionysische Hochverrat. Erst Generationen, denen die Entstehung der kapitalistischen Mehrwertrate nicht mehr ständig präsent zu sein braucht, mögen sich den Genüssen hingeben, denen der Leninsche Berufsrevolutionär sich entsagt. Entsagen muss, nicht so der Weltverbesserer, dem es nicht um die Gründung einer neuen Gesellschaft geht. Es versteht sich von selbst, dass eine Leninsche Revolution auch diesen narzistischen Philanthropen hinwegspült. Gorki hat die Szene festgehalten, in der der Pianist Isaay Dubrowen Lenin Beethovens Appassionata vorspielte: „Ich kenne nichts Schöneres als die Appassionata und könnte sie jeden Tag hören. Eine wunderbare, nicht mehr menschliche Musik ! Ich denke immer mit vielleicht naiv kindlichem Stolz; daß Menschen solche Wunder schaffen können !“ Dann kniff er die Augen, lächelte und setzte unfroh hinzu: „Aber allzu oft kann ich Musik doch nicht hören. Sie wirkt auf die Nerven, man möchte lieber Dummheiten reden und Menschen den Kopf streicheln, die in einer schmutzigen Hölle leben und trotzdem solche Schönheit schaffen können. Aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln – die Hand wird einem sonst abgebissen. Schlagen muß man auf die Köpfe, unbarmherzig schlagen – obwohl wir im Ideal gegen jede Vergewaltigung der Menschen sind, Hm Hm – unser Amt ist höllisch schwer.“ Wie erbärmlich nimmt sich doch neben dieser Genialität die Anarchistin Emma Goldman aus, die zu vertreten pflegte: „Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Revolution !“. In einer wirklich tiefen Revolution ist niemandem nach Singen und Tanzen zumute, denn sie ist ein schmerzvoller Bürgerkrieg der kolossalsten und schrecklichsten Art, und nur auf diesen haben wir uns unter Berücksichtigung und Auswertung aller heute gängigen Kriegstypen (insbesondere imperialistische und die der Land- und Stadtguerilla) zu konzentrieren. Wir müssen die Arbeiterinnen und Arbeiter, die armen Bäuerinnen und Bauern in Deutschland, in Europa und weltweit bewaffnen, auch ihre Werkzeuge sind bereits Waffen, und auf eine Serie von Bürgerkriegen der schrecklichsten Art, auf einen „brutalen Widerspruch“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,182) vorbereiten.
Vor fast 170 Jahren konnte Friedrich Engels in den ‚Grundsätzen des Kommunismus‘ noch schreiben, dass es das Wünschenswerteste sei, wenn die Aufhebung des Privateigentums auf friedlichem Wege möglich sei „und die Kommunisten wären bestimmt die letzten, die sich dagegen auflehnen würden“. (Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,372). Das wäre auch heute noch zu wünschen, aber der Imperialismus hat alles verändert. Waren für Marx England, die USA und Holland Länder, in denen im 19. Jahrhundert eine friedliche proletarische Revolution noch möglich war, so hat Lenins Imperialismusanalyse den Krieg und den reaktionären Staatsterror zum Wesenskern des Imperialismus geschlagen, in dem Ausnahmen von einer gewaltsamen Revolution nicht mehr möglich sind. Stalin spricht vom Gesetz der gewaltsamen Revolution des Proletariats und vom Gesetz der Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschine als unumgängliche Gesetze der revolutionären Bewegung der imperialistischen Länder der Welt (Vergleiche Josef Stalin, Über die Grundlagen  des Leninismus, Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,104). Schon nach diesem uns von Lenin und Stalin in die Hand gelegten Maßstab wird deutlich, dass die Rede von einer friedlichen deutschen Revolution 1989 nur leeres Geschwätz sein kann. 
Insbesondere hat das Jahr 1917 in Russland gezeigt, dass die Bourgeoisie sich noch einmal die Kommandomacht zurückeroberte, die bereits durch die Februarrevolution erheblich gebrochen worden war. Für drei Monate (von Anfang  März bis Ende Mai) gab es eine Doppelherrschaft, in der sich die Staatsmacht den Sowjets zuneigte, Russland als das freieste Land der Welt galt und eine friedliche Revolution im Bereich des Möglichen lag. Aber durch eine konterrevolutionäre Terrorwelle Anfang Juli 1917 kehrte sich die Lage um, die Sowjets wurden jetzt ein Anhängsel der (kleinbürgerlichen) Provisorischen Regierung zur Rettung der Revolution unter den Sozialrevolutionären Kerenski, dem Oberbefehlshaber der Armee, und Sawinkow. Lenin zog aus diesen historischen Ereignissen die richtige Schlußfolgerung: „Der friedliche Weg der Entwicklung ist unmöglich gemacht worden. Es beginnt ein nichtfriedlicher, äußerst schmerzvoller Weg“. (Lenin, Zu den Losungen, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,183). Das wurde vier Monate nach den Erschütterungen einer demokratischen Revolution geschrieben und noch heute träumen Revolutionsromantiker von einer friedlichen proletarischen Revolution, sogar ohne vorherige demokratische !!
Eugen Kogon, den die Nazis bis zu ihrem Ende ins KZ Buchenwald eingesperrt hatten, nannte Lenin einmal einen  ‚Mönch des Marxismus‘, ich halte das für eine gute Beobachtung. Wer die Menschheit vom Joch des Kapitals befreien will, für den kann es nur ein eindimensionales Leben geben, ein Leben, das oft ‚grau in grau‘ ist. Lieber einen kleinen harten Kern grauer Revolutionäre, die in der Revolution und nur in ihr aufblühen, als ein Gewimmele von Pseudomarxisten der buntscheckigsten Art oder ein Gewimmele von lumpenproletarischen Elementen, die sich auf Pressefesten gleich einem doppelten Rausch hingeben werden: Alkohol und Musik. Und wir wissen, dass „die Lumpen“ primär auf die Köpfe der Revolutionäre einschlagen.
„What is there to celebrate ?“ rief Angela Davis 1972 auf dem Campus der Berkeley-Universität während einer Protestveranstaltung gegen den Vietnamkrieg in Richtung eines lärmenden, von Musik umrahmten und also störenden Studentenfestes zu. „What is there to celebrate ?“. Wir sind noch nicht soweit, dass wir im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus die Zügel eventuell ganz leicht schleifen lassen können, wenn die konterrevolutionäre Gefahr so gut wie gebannt ist. Die politische Führung der DDR hatte mit der Zulassung irrationaler anglo-amerikanischer Popmusik, mit Udo Lindenberg, dessen „Musik“ (besser ist wohl: Geplärre) man im Vergleich zu Beethovens Appassionata wirklich nur als Dreck bewerten kann, auf die Gehirne der Jugend verheerend gewirkt. Wenn in den Köpfen junger Menschen Lennon wichtiger ist als Lenin – in der englischen Sprache klingen beide Namen fast gleich – so ist es um den Sozialismus bereits geschehen: die Zukunft gehört dem Kapitalismus. Das interessiert die heutigen Kulturbabaren nicht, die nur Geld hecken wollen, noch und noch. Heute ist dem Herrn Lindenberg die DKP wohl zu marginal, um nach einen ‚Sonderzug nach Dortmund‘ zu krächzen. Eines der fürchterlichsten Bücher der letzten 25 Jahre ist ein Buch von Lothar Bossle aus dem Jahr 1992: „Beethovens Sieg über Lenin“, im Creator-Verlag erschienen. Was würde ein solcher Sieg bedeuten ? Es würde den Triumph der bürgerlichen Revolution über die proletarische bedeuten, den Sieg von 1789 über 1917, den Sieg des Geldsacks über den Malocher. In der chinesischen Kulturrevolution hatte es aus guten Gründen eine ‚Anti-Konfuzius / Anti-Beethoven Kampagne‘ gegeben.
Auch auf den Neujahrsempfängen der DKP in Hannover wurde in den letzten Jahren gesündigt noch und noch. Eine musikalische Darbietung nach der anderen und der Platz für den wissenschaftlichen Sozialismus tendierte auf Null. Cromwell gab seinen antiroyalistischen Elitesoldaten, den furchterregenden ‚Ironsides‘ (die eisernen Häute), eine klugen Befehl: Nicht Wirts- und Theaterhäuser aufzusuchen, sondern täglich in der Bibel zu lesen. Das Kapital von Karl Marx ist die Bibel der Arbeiterklasse. Das Studium von, sagen wir zehn bis fünfzehn Seiten, ist wertvoller als die ganzen Musikdarbietungen auf einem Pressefest. Ist überhaupt ein Kapital-Studienkreis auf dem Pressefest in Dortmund vorgesehen ? Im Programm des Festes findet man nichts !
Ich schrieb, dass die politische Rolle der DKP heute marginal zu nennen ist. Das hat mehrere Gründe, objektive und subjektive. Ein Thema für sich, das hier nicht zu erschöpfen ist. Aber sicherlich spielt die fehlende demokratische Tradition in Deutschland eine gewichtige Rolle, die Niederlage der fortschrittlichen Kräfte im deutschen Bauernkrieg, die Tatsache, dass die Deutschen alle europäischen Konterrevolutionen mitgemacht haben, aber keine einzige Revolution, die Feigheit der deutschen Bourgeoisie, das Verpennen der Kehre von 1956 durch damals führende Kommunisten, so dass Crutschow immer noch als Kommunist gehandelt wurde … usw. usf. … Wären nur die Frühschriften von Marx bis 1844 überliefert, so könnte man leicht ableiten, der Kommunismus sei bei ihm aus Hass gegen den deutschen Spießer und Philister entwickelt worden. An Ruge schreibt er im Mai 1843: „Es lohnt sich, diesen Herrn der Welt zu studieren“ (Karl Marx an Ruge, Köln, im Mai 1843, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,338). Die großen objektiven Tragödien der deutschen Geschichte, die sehr tief im Fleisch sitzen, lasten wie ein Alp auf den Gehirnen und haben ein Gewicht, das man nicht einfach so zur Seite räumen kann. Aber auch auf der subjektiven Seite sieht es nicht gerade rosig aus. ‚Viele Deutsche gehen an innerer Haltlosigkeit zugrunde‘, hatte Friedrich Engels in seiner „Geschichte des Bundes der Kommunisten“ von 1885 festgestellt. (Vergleiche Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1975, 209). Aber an diesem subjektiven Faktor kann man arbeiten, hier läßt sich etwas leichter bewegen als auf der schwerfälligen objektiven Seite, die nicht von Revolutionären allein zu bewegen ist.  Die Frage, ob die Irrationalität der Musik, der Alkoholkonsum und, zur Vervollständigung der heiligen Trinität, die religiös bedingte Verstümmelung des Menschen seine Haltlosigkeit festigen, beantwortet sich mit ihrer Stellung. In einer russischen Biographie über Felix Edmundowitsch Dzierschinskij steht der Satz: Er arbeitete zwanzig Stunden am Tag, Nachtruhe gönnte er sich kaum, es kam vor, dass man ihn zum Essen zwingen musste. Das man ihn zum Essen zwingen musste – da müssen wir hin !
Heinz Ahlreip

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