Warum Lenin und Stalin keine dogmatischen Marxisten waren

Lenin träumte Anfang Oktober 1917 davon, dass der Aufruf zu einem weltweiten demokratischen Frieden einen gewaltigen, welthistorischen Sturm der Begeisterung auslösen würde. Auch 1918 träumte Stalin noch: „Achtungsgebietend und wuchtig schreitet die proletarische Revolution über den Erdball“. (Josef Stalin, Die Scheidewand, Werke Band 4, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,148). Und je mehr die realgeschichtliche Entwicklung des Imperialismus die Arbeiterbewegung desillusionieren und auch durch Bestechung aus Extraprofiten entrevolutionieren konnte, nach dem Scheitern der Politik der Einheitsfront am krassesten in Deutschland, desto mehr verfestigte sich die Gedanken einer Industrialisierung der Sowjetunion und der singulären Möglichkeit einer Errichtung des Sozialismus in der Isolation, in der Umlagerung, in der Hitler lauerte. Das Opfer dieses Widerspruchs wurde Trotzki. Ohne Zweifel sahen die führenden Bolschewiki die Oktoberrevolution anfangs als ein Glied in einer weltrevolutionären Kette, Stalin, der etwa ab 1925 Lenins Konzept der Möglichkeit des Aufbaus in einem Land, eine Notlösung, vertrat, hatte noch vor der Oktoberrevolution geschrieben, dass im Westen, in den kriegführenden Ländern bereits das Morgenrot eines neuen Lebens, das Morgenrot der großen Arbeiterrevolution dämmere. (Vergleiche Josef Stalin, An alle Werktätigen, an alle Arbeiter und Soldaten Petrograds, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,91). Stalin spricht auch von einer kommenden „Ära der Arbeiterrevolution in Europa“. (Josef Stalin, An alle Werktätigen, an alle Arbeiter und Soldaten Petrograds, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,127)  Und als im Westen die rote Sonne nicht aufstieg, musste radikal umgedacht werden, ähnlich abrupt wie bei der Einführung der NEP. Am wenigsten musste vielleicht Stalin umdenken, der bereits Anfang August 1917 gegen den Strom schwamm, der dagegen hielt: „Man muß die überlebte Vorstellung fallen lassen, daß nur Europa uns den Weg weisen könne. Es gibt einen dogmatischen und einen schöpferischen Marxismus. Ich stehe auf dem Boden des letzteren“.  (Josef Stalin, Reden auf dem VI. Parteitag der SDAPR (B), Werke Bande 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,173). Schon hier lag eine Diskrepanz zu Trotzkis Theorie der permanenten Revolution vor, die Lenin einen „Luftsprung“ nannte, mehr noch – schon hier liegt wohl die erste Äußerung Stalins vor, dass Russland den Sozialismus auch ohne westliche Revolutionsunterstützung wird aufbauen können. In der Tat haftete den Kritikern Stalins ein Dogmatismus an, der sie die tiefe Bedeutung der Oktoberrevolution nicht erkennen ließ, die sie zu eingefleischt immer nur mit westeuropäischen Augen anstierten und bewerten wollten. Die Dogmatiker kannten nur einen eurozentristischen Marxismus. Die Oktoberrevolution gehört nicht nur in den Kontext rein europäischer Revolutionen, sie schert als eurasische aus ihm heraus.

Und dieser schien ja auch zunächst zu greifen: Es gab eine Meuterei in deutschen Flotte in Kiel, Poincaré schreibt in seinen Memoiren, dass 1917 sowohl in Frankreich als auch in England eine objektiv revolutionäre Situation vorlag, die die Zensur zu verheimlichen suchte. England Frankreich, Deutschland – das war das klassische marxistische Dreieick der fortgeschrittenenIndustrienationen, die nach marxistischer Theorie zuerst reif waren für eine proletarische Revolution. In Bezug auf den klassischen Marxismus war die Welt 1917 also noch in Ordnung, Lenin war ganz begeistert von den Kieler Matrosen, von Kiel sollte der Funke ganz Europa in Brand stecken, er bezeichnete den Matrosenaufstand in Kiel als höchsten „Ausdruck des Heranreifens der sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa“(Lenin-Stalin, Das Jahr 1917, Moskau, 193,589). Warum sprang dieser Funke nicht über ? Was diesen Industrienationen fehlte, das war eine bolschewistische Kampfpartei, wie sie Lenin für Russland geschmiedet hatte. Das sollte sich wenig später als sogar entscheidend herausstellen und die Weltrevolution wurde immer mehr zu einer Fata Morgana. Es ist wenig bekannt, dass es schon vor den weltgeschichtlich zu nennenden Aufständen in Petrograd im Februar und im Oktober 1917 spontane Aufstände in Mittelasien gegeben hatte, im September zum Beispiel in Taschkent,  und in denen zeitweise die Kontrolle der Arbeiter über die Produktion durchgesetzt wurde. Aber sie verglimmten, weil eine starke bolschewistische Partei fehlte.

Karl Marx sprach in einer sehr frühen Schrift, in der ‚Kritik der Hegelschen Rechtsphilosopie / Einleitung‘ von 1843/44 vom zurückgebliebenen Deutschland als einem ungeschickten Rekruten, der die abgedroschene Geschichte der fortgeschrittenen Länder Westeuropas nachzuexerzieren habe. (Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,383)  und das Gleiche könne man – den Dogmatikern gemäß – auch über Russland sagen, dieses Land sei seit Peter dem Großen ein Schüler Westeuropas gewesen, dass dem Zurückgebliebenen Nachhilfe zu erteilen hätte. „Russland ist, was Europa war“, schrieb T. G. Masaryk 1913 in seinem Buch ‚Russland und Europa‘, sehr präzise die gewohnte Sichtweise der bürgerlichen Soziologie und des traditionellen SPD-“Marxismus“ markierend. Der dynamische Marxismus zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er dieses Gesamtbild umkippt, dass er einen Umschlag für folgerichtig hält und zur Anerkennung nötigt, dass von der Sowjetunion lernen eine Zeitlang siegen lernen hieß. Deutschland hingegen ist ohne proletarische Revolution bis heute der ungeschickte Rekrut geblieben und ist es seit der Einverleibung der DDR mehr als je zuvor. Was kann man heute von Deutschland politisch lernen außer spießerhaftes politisches Gehabe der Reaktion, der modrigen Politikaster von gestern. Die Völker bedanken sich ! Gerade in der marxistischen Schule erfolgte der Umschlag vom Schüler zum Lehrer. Man hatte die russische Geschichte zu einseitig europäisch gedeutet und ihre asiatische Seite übersehen. Die größte Merkwürdigkeit der Oktoberrevolution bleibt aber die, dass die ach so fortschrittlichen Marxisten aus Westeuropa deren Ausbruch als unzeitgemäß denunzierten, sie selbst aber unter wesentlich fortgeschritteneren Bedingungen nichts zustande brachten, was man in der Weltgeschichte der Oktoberrevolution analog stellen könnte.

Die Oktoberrevolution korrigierte diese einseitige Sichtweise, dass die Westeuropäer in der russischen Gegenwart ihre Vergangheit anschauen. Valentin Gitermann spricht sogar von einer „Geschichtsfälschung“, die Oktoberrevolution habe diese Fälschung „rücksichtslos und plötzlich“ aufgedeckt. Schon die Periode der Doppelherrschaft, die den bürgerlichen Wissenschaftlern bizarr vorkommen musste, verdeutlichte, dass die westeuropäische Schablone der Entwicklung, der zeitlichen Abfolgeabstände der Gesellschaftsformationen brüchig geworden war. Das hebt Lenin und Stalin von den Kautskyanern ab, die den Abstand zwischen beiden Revolutionen in Jahrzehnten rechneten, ja rechnen mussten. Befangen in der westeuropäischen Tradition war ihnen eine Revolution, in der nicht die Bourgeoisie, sondern das Proletariat der Hegemon der Bauernbefreiung war, suspekt. Aber diese homogene Hegemonie der ungeheuren Mehrheit der arbeitenden und produktiven Klassen war einer der Gründe, warum die bürgerliche Revolution in Russland die kurzlebigste in Europa war. Die ungeheure Masse der russischen Bauern erwies sich als Reserve der Arbeiterklasse, nicht als eine der urbanen Bourgeoisie. Die Elementargewalt der proletarischen Revolution wurde durch das bäuerliche Element potenziert. Der Hinweis von Friedrich Engels, dass das Proletariat zum Zwecke der Machteroberung „von der Stadt aufs Land gehn muß“ ( Friedrich Engels, Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Band II, Dietz Verlag Berlin, 1976,395) trug erste satte Früchte. Die russischen Kommunisten hätten auf dem Dorf einen Einfluss und eine Stütze, „von denen unsere Genossen im Westen nicht einmal zu träumen wagen“. (Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Stalin Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,118).

Die Oktoberrevolution „hat die vorher so selbstverständliche Annahme eines ‚europäischen‘ Verlaufs der russischen Sozialgeschichte als Illusion, als bürgerlichen Wunschtraum entlarvt … es wird uns vielleicht auch gelingen, in Rußlands Vergangheit die Vorbedingungen und Keime seiner Gegenwart deutlicher zu erkennen.“. (Valentin Gitermann, Die Geschichte Russlands, Valentin Gitermann, Geschichte Russlands, Band I, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965,13f.). Dem Kursivgedruckten kann man nur sehr bedingt zustimmen, jedenfalls nicht für die Zeit der aufgehenden Sonne der Oktoberrevolution, denn sie hatte dafür gesorgt, dass nicht, wie in der kapitalistischen Gesellschaft die Vergangenheit über die Gegenwart herrscht, sondern umgekehrt, dass der Anfang gemacht worden war, dass die Gegenwart über die Vergangenheit triumphiere. Probleme entstanden durch die mechanische Übertragung westeuropäischer Revolutionsprozesse aus vergangenen Jahrhunderten auf die russische Revolution im Jahr 1917, manche intellektuelle Diskussion über diese war überflüssig. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat gezeigt, dass die Doppelherrschaft ‚Räte-Duma‘ mit der Machtergreifung der Kommunisten nicht erledigt war, dass die Duma fast 75 Jahre im Untergrund, von den Revisonisten totgesagt, schlummerte. Russland hat heute wieder eine Duma, wie unzulänglich auch immer, zur Täuschung der Massen. Und wir sehen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, Russland schließt sich Westeuropa nicht vorbehaltlos an, im Gegenteil, das Gefälle ist mittllereweile wieder so groß, dass von einem neuen ‚kalten Krieg‘ ohne ‚Iron Curtain‘ gesprochen werden kann.

Stalin hatte des weiteren insofern Recht mit seiner Behauptung, dass Westeuropa nicht unbedingt der Wegweiser der Zivilisation zu sein brauche, als der erste Weltkrieg tatsächlich den dekadenten Eiter Europas aufriss, das durch den italienischen und deutschen Faschismus, durch das Vichy-Regime, Franco und  Mannerheim  zum dekadenten Erdteil schlechthin wurde, in dem die Sowjetunion, damals das fortschrittlichste Land auf Erden, ums nackte Überleben kämpfen musste. 1912 gab Lenin an, dass drei Viertel der imperialistischen Bourgeoisie Europas schon verfault sei. (Vergleiche Lenin, Das erneuerte China, Werke Band 18, Dietz Verlag Berlin, 1957,393). Das Bürgertum Westeuropas bekam zwei Fronten: im Osten die sowjetische, im Westen die US-amerikanische, denn den USA wurden bereits durch den ersten imperialistischen Krieg die Tür nach Europa als Kreditgeber geöffnet. Diese Fronten vereinigen sich zeitweise zur Niederringung der kleinbürgerlichen faschistischen Bestie, die nach Lebensraum in einem Land lechzte, dass bis zur Kollektivierung 1929 das kleinbürgerlichste Land Europas war. Die Frontvereinigung fand auf beiden Seiten mit dem Wissen statt, dass der entscheidende Endkampf der Neuzeit beiden noch gegeneinander bevorstand, kaum war Deutschland okkupiert, demonstrierten die USA durch den militärisch sinnlosen, ja idiotischen Abwurf der Atombombe auf Japan ihre Stärke gegenüber der Sowjetunion. Der letzte große Akt des zweiten Weltkrieges war bereits der erste Akt eines Krieges, der als kalter in die Weltgeschichte eingehen sollte. Am Ende war gar keine Atombombe nötig, auf deren Abwurf sich das militärische Denken fixiert hatte. Wenn Lenin Recht hat, dass der Imperialismus faulender, stinkender und sterbender Kapitalismus ist, und er hat Recht, so wird in ihm der Gehalt der Fäulnis immer korpulenter. Der Imperialismus trägt eine Janusgesicht, er perfektioniert die Technik ins Erstaunliche, mit der dann dielletantisch umgegangen wird, zugleich verdeutlicht die hochentwickelte Technik den zunehmenden Fäulnisprozess selbst. Die Fäulnis breitet sich heute rasend aus wie die Pest im Mittelalter, so dass der entscheidende Kampf zwischen Lohnarbeit und Kapital eines Tages die ganze Tagesordnung einnehmen wird. Auch das konterrevolutionäre Kapital weiß, dass alles, was die Menschen bewegt, durch ihren Kopf hindurch gehen muss. Wurden im Mittelalter die Körper durch die Yersinia pestis vergiftet, so heute die Gehirne durch den Antikommunismus in all seinen Variationen und und in all seiner schillernden Vielfalt. Durch diesen kommt es, dass für uns im 21. Jahrhundert das Mittelalter gleich um die Ecke liegt.


		

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