Humanismus und Terror

Kaum hatte die junge Sowjetrepublik das Licht der Welt erblickt, da wurde sie heimgesucht von konterrevolutionären Militäraufgeboten noch und noch, aus allen Himmelsrichtungen, aus allen Ecken und Enden. Angesichts dieser Vernichtungskonstellationen wie Kautsky in kantischer Tradition Frieden predigen wäre einem politischen und militärischen Selbstmord gleichgekommen. Revolutionäre Bürgerkriege polarisieren, sind brutal, und die Charta fliegt in zerrissenen Schnipseln davon. Der Terrorvorwurf der Bourgeoisie verläuft sich buchstäblich ins leere Universum. Zu dieser Beweisführung ist der tiefste Widerspruch im Marxismus-Leninismus zu thematisieren. Bekanntlich negiert die Dialektik alles Ewige, Heilige und Absolute, sie bricht jeden Maßstab entzwei, nachdem er historisch ausgedient hat. Das Absolutheit Beanspruchende erweist sich als historisch Vorübergehendes. Die Bourgoisie will und muss ihre Diktatur über das Proletariat verwewigen, während das Proletariat seine Diktatur über die Bourgeoisie (um nur die beiden Hauptklassen zu erwähnen) als historisch vorübergehnde begreift und begreifen muss. In der Diktatur der Bourgeoisie ist also ein tief sitzender Terror und eine genuine Menschenverachtung angelegt, der Faschismus bildet hier nur die Spitze eines Eisberges, während die Diktatur des Proletariats ein tief sitzender, völkerübergreifender Humanismus und ein fanatischer Vernichtungswille gegenüber der Bourgeoisie angelegt ist. Die Diktatur der Bourgeoisie war einmal fortschrittlich gegenüber den feudal-klerikalen Mächten und und sie wird in Deutschland von Hegel, der noch in seiner Jugendzeit schrieb, dass der Staat aufhören soll, da er Menschen wie mechanisches Räderwerk behandelt, 1821 in seiner Rechtsphilosophie in ein philosophisches System gegossen, in dem sie verewigt wird: Der Staat sei der Gang Gottes in der Welt und die Weltgeschichte sei Gotteswerk. Die Weltgeschichte laufe auf den preußischen Staat seiner Zeit zu und habe diesen zum Endzweck.

Es ist nun zunächst aufschlußreich, wie Friedrich Engels Hegels Finaldenken kritisiert. In Berufung auf den Stand der Naturwissenschaft zeichnet Engels nach, dass diese der Existenz der Erde selbst ein mögliches, ihrer Bewohnbarkeit aber ein ziemlich sicheres Ende voraussagt, die also der Menschengeschichte nicht nur einen aufsteigenden, „sondern auch einen absteigenden Ast zuerkennt“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,268). Was im übrigen Fourier immer behauptet hat. Heute wird immer deutlicher, dass wir uns bereits auf diesem befinden und angesichts dieser Tatsache könnten wir die Hände in den Schoß legen, denn unser Erdenende ist unabwendbar. Aber nein ! Eine Frucht der Oktoberrevolution war gerade eine intensive Weltraumforschung mit einer neuen Raumorientierung, Millionen und Abermillionen Menschen auf andere Planeten anzusiedeln. Aber in einem seiner Hauptwerke, der ‚Dialektik der Natur‘ geht Engels noch weiter: Entgegen der idealistischen Glorifizierung des Denkens in der klassischen deutschen Philosophie, auch der fichteschen und schillerschen Denkfreiheit, in der der Vernunftoptimismus der Aufklärung nachschwingt, ist eine weitgehend unbekannte  Eigenschaft des menschlichen Denkens zu ergründen, die zu töten. Die Schwierigkeit kommt durch das Denken, weil es als Denken die Weltbewegung, in eins die Weltgeschichte als ihre eigene Dialektik, als dialektische stets flüssige Kontinuität unterbrechen muß.

Denken unterbricht nach Lenin nicht nur das Prozeßhafte, sondern versimpelt, vergröbert, zerstückelt, tötet das Lebendige. „Die Abbildung der Bewegung durch das Denken ist immer eine Vergröberung, eine Ertötung…“ (Lenin, Zur Kritik der Vorlesungen Hegels über die Geschichte der Philosophie Bern 1915, Dietz Verlag Berlin, 1958,195). (Bereits hier wird deutlich, dass die ‚Lehre von der Denkweise‘ ein totgeborenes Kind ist). Ja Dialektisches ist ständig Selbstzerstörerisches an ihm selbst.  (a.a.O.,240). Stagnation ergibt sich aus Verstandesfixierungen wie es die formale Logik oder die Mathematik sind. Dialektik selbst als Prinzip aufgefasst, so ist ihre  Negativität als Quelle der Selbstbewegung nur in ihrer Immanenz. Als kritische Methode geht sie in radikaler Negativität auf Zerstörung des Kapitalismus, der eine zutiefst dynamisch flüssige aber eben damit auch überflüssige Gesellschaftsformation darstellt, diese Negativität des Marxismus ist für ihn selbst selbstzerstörerisch, denn im Kommunismus erlischt sein revolutionäres Potential und die Negativität greift auf ihn selbst über. In der Tat sind antike Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus nur verschwindende Momente des dialektischen Weltprozesses. 

Denn alles was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht. Engels sieht in der sich erschöpfenden Sonnenwärme das Todesurteil der Erde: „…verfolgt nur noch eine kalte, tote Kugel ihren einsamen Weg durch den Weltraum.“ (Friedrich Engels, Einleitung zur „Dialektik der Natur“, in. Marx Engels Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau 1975,369). Die von Descartes erkannte unveränderliche Quantität der in der Welt vorhandenen, an Materie gebundenen  Bewegung aber garantiert das Aufkommen bzw. Reproduzieren neuer Sonnensysteme, mit Leben und damit wahrscheinlich auch mit neuen kommunistischen VERSUCHEN. Denn der Kommunismus ist nicht zugesichert. „…denn es ist keinem Sozialisten je eingefallen, „zuzusichern“, daß die höhere Phase der Entwicklung des Kommunismus eintreten wird…“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,483f.). Gleichwohl, trotz all dieser negativen Vorzeichen für den Kommunnismus gehen die Kommunistinnen und Kommunisten ans Werk, die Vorgeschichte der Menschheit zu beenden, an die Stelle des Terrors Humanismus zu setzten, während diejenigen, die sich Humanisten nennen und im Ekel des Alltags dahinvegetieren, den Terror der geschichtlichen Klassenkämpfe verewigen wollen. Wie sagte doch Brecht: Die Schmutzigen nennen den Kommunismus schmutzig.

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