11. September 1962 Die Beatles nehmen mit „Love me do“ ihre erste Schallplatte auf

Es war Leo Mintz, der Besitzer eines Plattenladens in Cleveland (Ohio), der 1951 dem Discjockey Alan Freed den entscheidenden Tip gegeben hatte. Immer mehr weiße Jugendliche kaufen Platten von Schwarzen. Der 25jährige Ingenieur Alan Freed moderierte für die Radiostation WJW eine Wunschsendung für klassische Musik, setzte aber daraufhin auch durch, im Anschluß an diese Sendung die „Moon Dog Rock’n ‚ Roll House Party“ zu zelebrieren. Die Rassenschranke zwischen schwarzer Gettomusik und weißer Musik wurde damit langsam angehoben und der Weg für Elvis Presley freigemacht. Während die Kluft zwischen jung und alt im Konsumieren von Musik immer größer wurde und die Singlehörer und die LP-Hörer hervorbrachte, bewegten sich schwarze und weiße Musik aufeinander zu. Fats Dominos „The Fat Man“ war 1950 einer der ersten Songs, die von schwarzen und weißen Jugendlichen gekauft wurden. Zehn Jahre zuvor hatte der in seiner Jugend vom Ku-Klux-Klan verfolgte farbige Champion Jack Dupree aus New Orleans mit dem „Junker Blues“ die Vorlage für diesen Song gegeben. Man spürte, dass die Kluft nicht so groß war, sprach man doch von der naturalistischen Country Music als vom „Blues des weißen Underdog“ (poor white trash). Die von der RCA (Radio Corporation of America) 1948 auf den Markt geworfene kleine Schallplatte, Single genannt, als neues Plattenformat war das Markenzeichen jugendlicher Autonomiebestrebungen, wenn die Jugendlichen das nötige Taschengeld hatten. 1. Der Durchbruch gelang Bill Haley mit dem von Jimmy De Knight und Max C. Freedman kreierten „Rock Around The Clock“ erst im zweiten Anlauf. 1953 war er mit diesem Song noch durchgefallen, 1954 wurde er zu einem der wichtigsten Lieder des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit ihm begann der Aufschrei gegen die verwaltete Welt, ein Impuls, der der rote Faden der Rockmusik bei all ihren Verirrungen blieb. Das Lied Haleys ist in dem Film „Saat der Gewalt“ von 1955 zu hören; im gleichen Jahr erschien Marcuses „Triebstruktur und Gesellschaft“. Überhaupt gibt es in der Geschichte der Popmusik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nur vier Lieder mit einer Schlüsselfunktion, zu Haley gesellt sich Chuck Berry mit „Roll over Beethoven“ und die Beatles mit „Love me Do“. Die Quintessenz dieser kulturellen Fehlentwicklung findet sich in dem Lied „Anarchy in the UK“.

Der hämmernde Song von Haley geht ganz in der Gestik des Abwerfens auf, des Abwerfens der Rationalität einer mathematisch durchkalkulierten Gesellschaft. Der Tanz, zu dem der Song „zwingt“, ist die Verweigerung der Stechuhr und des Stechschritts. Erst tanzte man Tag und Nacht, dann kamen die leistungsverweigernden Gammler, dann der Griff zum LSD. Der Song von Haley richtet sich gegen eine verklemmte Arbeitswelt, die der Musik nur noch eine Feierabendstunde einräumt. Im Zeitalter der Abendmusik ist eine allmächtige Mauer mit Stacheldraht gezogen zwischen Arbeit und Musik. Der Song konnte diese Mauer für ein paar Minuten vergessen machen. Heute, nach sechzig Jahren Popmusik, kann man wohl sagen, dass der krisenanfällige Spätkapitalismus ohne Alternative der „Großen Illusion“ nicht auskommt. Der Schaukampf mit seinen Gegenentwürfen beruhigt das älterwerdende Gemüt, einst etwas gegen ihn getan zu haben und absorbiert die grosse Masse der Mitläufer der Revolution zu seiner Stabilisierung. Man muss Steine gegen Hollywood geworfen haben, um in den Tempel der Traumwelt eingelassen zu werden – um sodann in ihr an künstlicher Kunst abzustumpfen. Die anfängliche Aggressivität dieser Musik ist keine konstruktive, sondern eine aus Verzweiflung. Der aus Protest gegen die Popsklaverei seine Gitarre abfackelnde Jimi Hendrix erinnert an die anfängliche Opposition gegen die Große Industrie, die  im Luddismus  (Maschinensturm) bestand und in dem der Handelsartikel, die Ware Prolet, konkurrierende Waren vernichtete. Die Jugendmusik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist der individuell anarchistische  Protest gegen die mathematisierte, sprich durchkapitalisierte Natur- und Gesellschaftsmaschinerie. Er konnte nur ohnmächtig bleiben und flüchtete sich immer tiefer in einen Musik- und Drogenrausch. Die Egozentrik ist Trumpf in dieser Philosophie der Romantik. „Das Künstlerbild, das an den britischen Kunstschulen dominierte, war … nichts anderes als eine Neuauflage der romantischen Kunstphilosophie des neunzehnten Jahrhunderts“. 2. Das rein Rationale, Tabellen und Statistiken, geometrische Figuren scheinen den Menschen nicht zu erfüllen, in dem Maße, in dem die Arbeitswelt notgedrungen immer roboterhafter wird, desto destruktiver wird er in einer Kulturwelt, in der die Tänze immer fuchtelnder, beliebiger werden und sich der Pop als abendlicher Anhang des Taylorismus erweist, der das „Born to be wild“ geradezu herausfordert. Der monotone Roboter wird alternativ durch den zuckenden Gitarrenspieler ergänzt, der vielleicht nur ein Mittelglied zum musikkomponierenden Komplementärroboter der Zukunft darstellt. Der Freizeitroboter könnte dem Arbeitsroboter folgen. Schon hat die französische Roboterband, das Elektro-Duo Daft Punk am 26. Januar 2014 in Los Angeles fünf Grammys abgeräumt. Dem qualvollen Sterben der Menschen im Arbeitsprozess entspricht das Zertrümmern der Musikinstrumente am Ende des Arbeitsprozesses der Musiker auf der Bühne am Schluß des Popkonzertes. Es gibt wohl kaum einen eindeutigeren Beweis für den degenerativen Gehalt der spätbürgerlichen Gesellschaft. In sie nicht einzugehen war das Credo der von Marcuse inspirierten Verweigerungsideologen, Illusion zugleich, denn man ging in ihr wortwörtlich ein.

In sie mit destruktiver Intention einzugehen und sie durch eine schmerzhafte, für sie tödliche Operation über sie hinauszugehen, ist die Intention progressiver Bewegungen. Die durch die alle Lebensbereiche umfassende kapitalistische Kalkulation am meisten Leidenden werfen im Rausch der Musik und anderer Drogen die Fessel der Mathematik kurzzeitig ab, um ihr sodann in einer Welt des Kapitals um so mehr zu erliegen. Der Aristotelesschüler Aristoxenos weiß uns zu berichten, dass die Pythagoreer von dem Geschäftsgebaren der Kaufleute zu ihrer Zahlentheorie inspiriert worden seien. „Subjektivierung und Vergegenständlichung von Musik sind das Gleiche“. 3. Erst mit den Beatles wird dies alles vollends deutlich. Der Erfolg der „Fab Four“, die zunächst als Kopisten, dann als Kompilatoren auftraten und musikalisch nicht über das Niveau von Buddy Holly hinauskamen, bei unreifen Menschen basierte auf Banalität und Primitivität, es gibt kaum einen banaleren Song als ihr Durchbruchshit aus dem Jahr 1962 „Love me Do“. Entsprechend in der Pop Art: banale Dinge aus der Alltagswelt werden zu Kunstwerken hochstilisiert, Kunstwerke, denen es auf der Stirn geschrieben steht, dass sie einer Gesellschaftsformation angehören, worin der Produktionsprozess die Produzenten, der Produzent nicht den Produktionsprozess bemeistert. 4. Beim ersten Hören von „Love Me Do“ spürt man sofort seine Amateurhaftigkeit, und in ihr lag der Erfolg gegen die überzüchtete, auf Perfektion bedachte BBC-Musikindustrie. Die Scheinwerfer richteten sich auf die Beatles durch den Liebreiz des Amateurhaften. Der Punk in seiner ersten Stunde hatte auch diesen wohltuend primitiven Akkord gegen alles Überzüchtete und stellte ebenfalls eine musikkulturelle Revolution dar, in dessen späterem Wildwuchs popmusikalischer Strömungen immer Elemente des Merseybeats aufgehoben blieben. Die Beatles konnten nicht früher, konnten nicht später auftauchen, in ihnen spiegelte sich die „Substanz“ der spätbürgerlichen Kultur wider und die besteht eben aus Banalität. Das Bürgertum ist seiner eigenen Zivilisation müde. Harrison selbst bezeichnete am Beginn seiner skurrilen indischen Phase die Beatlessache als trivial. Es bleibt hinzuzufügen: das Triviale sucht das Geld und das Geld sucht das Triviale. 1962 kristallisiert sich auf einem Symposion im New Yorker Museum of Modern Art für banale neodadaistische Züge tragende Bilder der Begriff „Pop Art“ heraus. Die Popmusik der Beatles und die primär anglo-amerikanische Pop Art sind keine kulturellen Bestandteile der Arbeiterklasse, wie einige meinen, sondern ein Zeichen, wie die mediale Vermassung alles zunächst Schrille banalisiert. Einige nennen heute die Beatles und Jasper Johns wiederum Klassiker. Die Jugend der Arbeiterklasse kam zuerst in den Prozess der Maloche und hatte mehr Geld als die Söhne und Töchter der Mittelklasse, die noch in der Ausbildung steckten und auf Taschengeld angewiesen waren. Sie konnte sich daher mehr Popplatten kaufen, das ist alles.

Durch die Massenmedien findet heute eine ständige Verwandlung der Kunst ins Banale statt, der Welterfolg der Beatles begründete sich darauf, dass sie von Anfang an banal waren wie der „Kalte Krieg“, wie Abba und Boney M, ja wie das ganze alltägliche Leben und die wohl kaum als echte Künstler bezeichnet werden konnten. Yoko Ono und Lennon mußten sich einfach finden. „Give Peace A Chance“ konnte nicht davon ablenken, dass die Beatmusik die des „Kalten Krieges“ war. Man darf sich nicht von der Hektik ihrer Stilvariationen blenden lassen, die eben nur ausdrücken, dass die banale spätbürgerliche Kultur aus einer Kette kurzlebiger Moden besteht. Alles ist Stückwerk unter dem Fluch der Unübersichtlichkeit und die zweite LP des „Weißen Albums“ drückt das aus. Der Kulturpluralismus ist autoaggressiv – zutiefst fragmentarisch – Wissen verkommt zum Spezialwissen und wird als dieses fast Ignoranz. Der Ausstoß: „I can’t get no satisfaction…“ ging um die Welt, weil sich in ihm die Sackgasse ergibt, in die sich das Banale staut. Die spätbürgerliche Kultur erstickt daran Tag für Tag. Der Satisfactionsong der Stones kam nicht vor, sondern nach der Pille. So passt alles nicht zusammen. Ist es verwunderlich, dass der Song „Love Me Do“ 1982 erneut in der Hitparade auftauchte ? Der von Lennon geschriebene Song „Revolution“ sollte eigentlich epochal sein oder wenigstens leitmotivisch für die 60er Jahre – es lohnt nicht, irgendwie intellektuell auf diesen Schwachsinn einzugehen. Man kann mit Lennon nur Mitleid haben. John Hoyland hätte sich in der marxistischen Zeitung „Black Dwarf“ eigentlich nicht bemühen müssen, sich mit dem Revolutionslied der Beatles auseinanderzusetzen, aber ihn reizte wohl der Name „Lennon“, an den Musiker richtete er in ihr einen offenen Brief, den Lennon ebenso offen in ihr beantwortete. Der offene Brief von Lennon ist ein intellektuelles Armutszeugnis: Kranke Köpfe hätten den Kommunismus „abgewichst“. Ihm war es auch gleichgültig, ob eine Regierung faschistisch oder kommunistisch war. Ein Popidol, das Subjektivität zelebriert und dazu angehalten wird, glaubt, dass alles aufs Subjekt ankomme und dass die Menschen ihr Tun durch ihr Denken bestimmen, was philosophisch eine schwachsinnige idealistische Position darstellt. Peter Wilke spricht zu Recht von einer geradezu erschreckender Naivität. 5. „Wir sind ebenso gut wie Beethoven“ (Lennon). Die Beatles sind intellektuell viel zu hohl, als dass man auf sie eingehen könnte. Die intellektuellen Armutszeugnisse der Beatles sind auch Ausdruck eines maroden englischen Schulsystems, eine für Kontinentaleuropäer ganz unverständliche Primitivität an Gesinnung, Gebärde und Oberflächlichkeit. Und dass die Beatles mit ganz einfachen Mitteln Erfolg hatten sicherte ihnen die massenhafte Gefolgschaft der Zukurzgekommenen, deren Selbstbewußtsein anfing zu wachsen in der Hoffnung, auch etwas zu können. So hat die Jesusassoziation von Lennon etwas für sich, die gescheiterten Existenzen griffen immer weniger zur Bibel und immer mehr zu St. Pepper und zum LSD.

1. Erst die Pink Floyd verlegten sich fast ganz auf die LP. Ihre LP „The Dark Side of the Moon“ hielt sich 741 Wochen, über 14 Jahre, in den Bill Board Charts der USA. Rund 50 Millionen Exemplare wurden bis heute verkauft.

2. Peter Wicke, Rockmusik, Reclam Verlag Leipzig, 1987,140. Der us-amerikanische Darwinforscher Robert J. Richards vertritt die These, Darwins Denken hätte seine Quellen in der kontinentaleuropäischen Naturphilosophie der Romantik gehabt.

3. Theodor W. Adorno, Philosophie der neuen Musik, Ullstein Verlag, 1974,145

4. Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin 1960, 95

5. Peter Wicke, Rockmusik, Reclam Verlag Leipzig, 1987,155

 

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: