Ketzerisches zur Oktoberrevolution – eine Provokation zur Kritik und Widerlegung im 99. roten Monat Oktober

Der Revolutionär und Materialist Lenin stellte sich gegen den absoluten Idealisten Hegel, der sich eingebildet hatte, das Wissen der Welt zu einem absoluten und also abschlusshaften Wissen entwickelt zu haben, der sich eingebildet hatte, der Menschheit mit dem Ende des menschlich-logischen Denkens (die Hegelianer halten die Philosophie ihres Meisters für die Philosophie) bzw. seines menschlich-logischen Denkens übereinkommend auch ihr geschichtliches Ende markiert zu haben. Hegel ließ in seinem Wahn, die Weltgeschichte zu Ende gedacht zu haben, keine Zukunft mehr zu, auf die der historische und dialektische Materialismus aus der Kernanalyse der Gegenwart heraus ausstreut. Das menschliche Wissen strebt nach unerreichbarer Reinheit und Vollkommenheit, die der Marxismus-Leninismus diesem eben nicht zubilligt. In der Geschichte der klassischen deutschen Philosophie ist es zu dem Phänomen gekommen, dass der junge Hegel, der sprachlich brilliant  gegen die ‚ekle Reinheit‘ Kants polemisierte, zum Verkünder des absoluten Wissens wird und am Ende seiner Pänomenologie des Geistes wie am Ende einer einmaligen Supersymphonie ausrufen müsste: es ist es ! Da aber das Christentum noch eine wichtige Bedeutung für sein Denken hatte, ruft er vielmehr aus: ER ist es ! Und mit ‚ER‘ meinte er Gott. Ich vermeide es, von einer sprachgewaltigen Polemik Hegels zu sprechen, denn es liegt eigentümlicherweise keine Gewalt in der Srache Hegels, wenn auch oft das Gegenteil behauptet wird. Sie gleicht sich Musik an in einer Hölderlin ähnlichen Virtuosität.

In seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Idealisten Hegel und dem Semi-Materialisten Ludwig Feuerbach bezeichnet Friedrich Engels als unvergängliches Bedürfnis des menschlichen Geistes, alle Widersprüche überwinden zu wollen (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,270). In seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Dialektikbegriff Trotzkis und mit dem Bucharins fordert Lenin zur Fehlervermeidung von dialektischen Wissenschaftlern das Streben nach einem vollständigen Wissen, seine Allseitigkeit; ohne es bzw. sie aber je ereichen zu können (Vergleiche Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften und die Fehler Bucharins und Trotzkis, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin, 1962,85). Trotzki zum Beispiel greift zu kurz, wenn er herausstellt, dass sich eine Revolution nur über Disproportionen (kleine bolschewistische Partei, gleichwohl große Wirkung) ihren Weg bahnen kann. ‚Disproportion‘ ist ein Begriff der Quantität. In dem Hin und Her von Ebbe und Flut bahnen sich Revolutionen vielmehr ihren Weg über phantastische Zickzackbewegungen. Das Resultat bei Trotzki ist, dass er uns eine Formel der Revolution anbieten zu können glaubt: „Damit der Bauer den Boden säubern und von Zäunen befreien konnte, musste an der Spitze des Staates der Arbeiter treten. Das ist die einfachste Formel der Oktoberrevolution“. (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,330)).

Das absolute Wissen ist für uns unerreichbar. Hier liegt der Schlüssel für Lenins Revolutionskonzept in weltrevolutionärer Hinsicht, denn sein angeblicher globale Utopismus basiert auf der richtigen philosophischen Einsicht, dass man das Absolute, hier die Weltrevolution, anstreben muss, um Fehler in untergeordneten Revolutionskonzepten zu vermeiden. Wer also über diese Revolution schreiben will, muss das Leninsche Konzept der Weltrevolution im Hinterkopf behalten, das es in seiner Totalität nicht gegeben hat und auch nicht geben konnte. Das menschliche Wissen bleibt letztendlich immer nur ein relatives, absolutes in sich enthaltend, zu einem Übersteigen verlockt, durch das dialektisches Denken Gefahr läuft, sofort und unweigerlich in metaphysisches und haltlos konstruierendes umzuschlagen. Damit kommt ein Element in die wissenschaftlich fundierte  Revolutionspraxis, die es streng wissenschaftlich nicht geben darf, die Intuition des Absoluten, die dem Hegelschen Absolutheitsanspruch noch geschuldet ist. Damit ist die Gefahr einer Metaphysik der Oktoberrevolution leicht gegeben, zumal der Revolutionsforscher im zerstreuten Material einer Revolution einem Puzzlespieler ähnelt, der Steinchen auf ihre Passform hin vergleicht. Die Gefahr ist gegeben, in eine Geschichtsphilosophie zurückzufallen, die die Lücken der traditionellen Geschichtswissenschaft aus der Intention des absoluten Wissens zu füllen hatte und die der historische Materialismus bereits überwunden hat. Die Stückelung des Puzzlespielers wird nie vollständig sein und notwendige Lücken verlocken aus einer Intuition des Absoluten heraus, sie „philosophisch“ zu schließen, eben weil der Geist alle Widersprüche überwinden will. Es müssten zu diesem Unterfangen nur genug Puzzlesteine vorhanden sein, aus denen sich eine Kontur  vermeintlich deutlich und vermeintlich zweifelsfrei ergäbe, aber die Lücken können auch dazu führen, dass Grübeln über eine Revolution mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Denn die Lücken sind gerade beim Gegenstand ‚Revolution‘ eher groß als klein, revolutionäre Massen handeln aus elementaren Bedürfnissen heraus ohne große weltgeschichtliche Erwägungen anzustellen, die russischen Bauern waren in der Regel keine Republikaner, sie wollten „nur“ das Joch der Gutsbesitzer zerbrechen und zerbrachen es auch erfolgreich. Und  dieser Jochbruch war neben der aus einer Lebensmittelkrise geborenen Arbeiterkontrolle in den städtischen Fabriken die Bedingung für eine abgesicherte und kontinuierliche Existenz der Sowjetrepubliken.  Russland wies 1917 eine hohe Analphabetenquote auf und es wurde daher mehr über die Revolution erzählt als geschrieben. Aber auch das mündlich Überlieferte hält sich ja und wird auch im Laufe der Zeit etwas Historisches, historisch Verwertbares. Eine Revolution gleicht einer zerklüfteten Landschaft und Clemenceau hatte Unrecht mit seiner Forderung, dass der Historiker eine Revolution en bloc zu nehmen hätte. Das geht schon deshalb nicht, weil eine Revolution, um es mit den Worten Brunos auszudrücken, in „die Unendlichkeit der Welten“ ausstrahlt und sich feine Verästelungen von ihr auf einem Eiland finden können, dessen Name selbst regelmäßigen Zeitungslesern nicht bekannt ist.

Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Es gehört zu einem der größten Widersprüche des 20. Jahrhunderts, dass der Theoretiker, der 1917 die russische Revolution als Weltrevolution anging, dennoch unter imperialistischen Bedingungen im Gegensatz zum klassischen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts den Sieg des Sozialismus in nur einem Land für den wahrscheinlichsten Fall hielt – und damit zunächst Recht behalten sollte. Der Leninismus hatte den Marxismus erweitert, indem er die Theorie der Weltrevolution auf die Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus nur in einem Land verkürzte. Als Lenin im plombierten Waggon mit der Intention durch Deutschland fuhr, aus seinen Feinden Nutzen zu ziehen, hatte er zumindest zwei Varianten der proletarischen Revolution im Hinterkopf: Die zu favorisierende Weltrevolution im Sinne einer vom revolutionären Russland initiierten Kettenreaktion mit globalen Ausmaßen, die zu seiner eigenen Imperialismustheorie allerdings in einer schiefen Position gestanden hätte; und zum Ärger der Trotzkisten einen Plan B: Das revolutionäre Russland bleibt vorerst das einzige sichtbare Glied einer weiterhin in weltgeschichtlicher Verborgenheit liegenden Kette der Weltrevolution. Es kam realgeschichtlich zum Plan B, der in der Theorie vorlag, der also mit dem Leninismus kongruent ging, wenn auch die aufklärende Sonne  der Imperialismustheorie nur einem kleinen Kreis von Bolschewiken beschien. Der Leninsche Plan B, durch den für Trotzki die Oktoberrevolution in gewisser Weise selbst nur eine Generalprobe der Weltrevolution wurde, er spricht offen davon, dass die Oktoberrevolution „ins Schlepptau der fortgeschrittenen Länder“ (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,664)  geraten müsse, passte im Gegensatz zu Trotzkis Theorie der permanenten Revolution zur Leninschen Theorie des Imperialismus. Trotzki erhebt gegen Stalin den unberechtigten Vorwurf, 1924 innerhalb weniger Monate eine radikale Kehrtwendung vollzogen zu haben, von der internationalen zur nationalen Revolution. Nein, Stalin entschied sich im Laufe dieses Jahres nur für den Plan B. Dagegen bekam der deutsche General Ludendorff, der die Reise Lenins durch Deutschland, das für einen Russen Feindesland war, abgesegnet hatte, Probleme. Er habe nicht für möglich gehalten, dass die russische Revolution sich eines Tages auch gegen die deutsche Regierung auswirken könne. Bekanntlich liquidierten sozialdemokratische Volksfeinde die Novemberräte und stellten damit die Weichen zum Faschismus. Kerenski wurde von Lenin bezwungen, der Monarchist Ebert ließ Liebknecht töten. Nicht von ungefähr galt für Kerenski Friedrich Ebert als ‚Ideal eines Staatsmannes‘.

Überhaupt werden wir Zeuge eines verkehrten Schauspiels: Ohne Zweifel ist die Pariser Commune noch ganz der prä-imperialistischen Phase zuzuordnen, der Epoche des klassischen Kapitalismus, durch den die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker durch die Gleichförmigkeit der industriellen Produktion mehr und mehr verschwinden (Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1974,479). Gerade in ihr sollten doch die internationalen Aspekte einer proletarischen Erhebung die nationalen Belange überwiegen, jedenfalls mehr als im Imperialismus, der geschichtlich mit Lenins auf Grund der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ausgearbeitetem nationalsozialistischem Konzept in der Hinterhand eine stärkere nationale Motivierung im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Nationen zeitigt und zulässt, und doch löste gerade der Oktoberaufbruch eine viel tiefere Debatte über seine internationalen Auswirkungen aus als die Pariser Commune. Ein Sechstel der Erdoberfläche hat offensichtlich mehr weltrevolutionäres Gewicht als die klassische Hauptstadt der Revolution.

Setzte schon die NEP Anfang der 20er Jahre einen jähen Umschwung im Denken voraus, so die Mitte der 20er Jahre von Stalin vorgenommene Konzentration auf den singulären Aufbau des Sozialismus in der UdSSR um so mehr. (Die russische Oktoberrevolution blieb allein, war aber nicht vereinsamt). Ein Vorgang, den man mit gutem traditionellen kommunistischen Gewissen eine Zumutung nennen darf. Stalins Stärke war, in dieser Frage kein eigenes Konzept gehabt zu haben. So lapidar kann Weltgeschichte manchmal sein. Vielmehr war es für Stalin ausgemacht, dass die russische Gesellschaft in ihrem Kern nach acht Jahren breits von den Bolschewiki auf den Leninismus eingeschworen war, so dass es darauf ankam, in den Werken von Lenin die Passagen zusammenzustellen, aus denen eindeutig hervorging, dass Lenin den Aufbau des Sozialismus in Russland und ab 1922 in der UdSSR als aussichtsreich ausführte. Zunächst kompilierte Stalin bloß, um sich ein leninistisches Fundament zurechtzulegen, was sein gutes Recht war, um dann Lenins Theorie des Aufbaus des Sozialismus in einem Land durch die praktischen Erfahrungen des Aufbaus zu bereichern, vor allem aber um nachzuweisen, dass die Ideen der führenden bolschewistischen Theoretiker trotz aller Originalität oder gerade wegen aller Originalität mit denen Lenins nicht mithalten konnten, ja mehr, von ihm abwichen. Allen großen Säuberungen in der Sowjetunion gingen Zitatenkriege voraus. Natürlich war es auf der anderen Seite ein Leichtes, in den Werken Lenins Zitate zu finden, aus denen eindeutig hervorgeht, dass es aussichtslos sei, eine sozialistische Revolution in nur einem Land als kongruent mit der Theorie der proletarischen Weltrevolution auszugeben und der Menschewik Raphael Abramovitch hat das in seinem Buch ‚Die Sowjetrevolution‘ ansatzweise unternommen  genauso wie Trotzki in seiner Geschichte der russischen Revolution ausführlicher. Nachteilig  gegenüber Abramovitch aber ist Trotzki in seiner Unverfrorenheit, uns Zitate Lenins ohne Quellenangabe vorzusetzen. (Vergleiche Raphael Abramovitch, Die Sowjetrevolution, Dietz Verlag Nachf. Hannover, 1963,200ff.). Lenins theoretische Entwicklung machte einen Prozess durch und in dieser Beziehung wurde das Jahr 1916 zu einem Schlüsseljahr: in diesem schrieb er seine Fundamentalschrift über das Wesen des Imperialismus, die erst nach dem Sturz des Zaren veröffentlicht wurde, und schon ein Jahr früher hatte er in der Schrift „Über die Losung der ‚Vereinigten Staaten von Europa’“ seine Theorie des Aufbaus des Sozialismus in (nur) einem Land dargelegt. Folgt man der Stalin’schen „Geschichte der KPdSU (Bolschewiki)“, so war diese Theorie schon zehn Jahre früher, 1905 in Lenins „Zwei Taktiken“ wenigstens angedeutet (Vergleiche Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Berlin, 1946,92). Auch betonte er zuerst mehr den bürgerlich-demokratischen Charakter der nächsten Revolution in Russland, auch den vorhandenen Gegensatz zwischen dem eigentumslosen Proletarier und dem eigentumsfixierten Kleinbauern. „Wohl kaum jemand wird bestreiten, daß es nicht unsere Sache ist, als Projektmacher aller möglichen Bodenreformen aufzutreten, daß wir vielmehr die Verbindungen mit dem Proletariat festigen und die Bauernbewgung unterstützen müssen, ohne dabei die Eigentümertendenzen des selbständigen Bauern außer acht zu lassen, Tendenzen, deren Feindseligkeit gegenüber dem Proletariat um so schneller und deutlicher zutage treten wird, je schneller die Revolution vorwärtsschreitet“ (Lenin, Über unser Agrarprogramm, (Brief an den III: Parteitag), Werke Band 8, Sietz Verlag Berlin, 1960,237). Immer mehr verdichtete sich im Werk Lenins die Variante: proletarisch-kleinbäuerliche Revolution mit der Intention, den Sozialismus in Russland aufbauen zu können. Diese radikale Variante lässt sich aus Lenins Gesamtwerk, natürlich besonders ab 1916 herausfiltern, und es kann auch nicht bestritten werden, dass diese zum klassischen Marxismus in wichtigen Punkten kontrovers steht. Gegenüber Parvus hatte Lenin geäußert, dass es keineswegs die Absicht der Bolschewiki sei, am revolutionärsten von allen zu sein. Lenin wusste, dass der Faden zu den Massen nicht aus irgendwelchen ultrarevolutionären, in der Geschichte spurlos bleibenden Ideen abreissen darf.

Trotz des gerade in der deutschen Philosophie statthabenden Kultes des Absoluten kann es eine restlose Klarheit über eine Revolution, die auch das schematische akkumulative Denken erlangen zu können anschlägt, nicht geben. Es ist auf das Zwiespältige zu verweisen, das der Revolutionstheorie Lenins eignet. Was sie auszeichnet und in der gesellschaftlichen Wirklichkeit verfangen ließ ist eine Spannung zwischen dem Streben nach einer immer tiefer gehenden Erkenntnis der Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft unter dem Banner einer absoluten Erkenntnis in der Theorie und einer Nüchternheit in den praktischen Belangen der revolutionären Tätigkeit in der menschlichen Gesellschaft. „Lenins Schule war die Schule des revolutionären Realismus“. (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,265f.). Nicht nur hielt Lenin eine absolute Erkenntnis für eine Utopie, auch der Kommunismus wird nicht in seiner radikalen Totalität zu Ende gedacht und ausformuliert. Das Werk „Staat und Revolution“ jongliert zwischem dem absoluten Kommunismus in weltrevolutionärer Hinsicht, beliebige Mengen Trüffel, Autos und Klaviere für alle versprechend (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,483), und dem politisch Machbaren im rückständigsten Land Europas. Dieser Kontrast bestimmte die Weltpolitik im 20. Jahrhundert, in dem der Weltkommunismus erwartet wurde und ausblieb. So konnten und können die Feinde des Leninismus weiterhin ihre These vertreten, dass es eine fataler Irrtum gewesen sei, das aus der Februarrevolution geborene Russland sofort durch die Aprilthesen in eine Basis der Weltrevolution umzukippen. Für sie sollte Russland nur ein bürgerlich regierter Staat im globalen, aber gespaltenen System des Imperialismus bleiben, was natürlich eine Schwächung der proletarischen Weltrevolution bedeutet hätte. 

Gerade diese Rückständigkeit Russlands kontrastiert zur Reinheit der Theorie und führt zu dem verblüffenden Satz: „ … denn es ist keinem Sozialisten je eingefallen, „zuzusichern“, daß die höhere Phase der Entwicklung des Kommunismus eintreten wird (a.a.O,483f.). Ohne spezifische Betonung dieses Satzes ist der Nerv des Fundamentalwerkes von Lenin nicht getroffen worden. Lenin sagt lediglich, dass der Kommunismus voraussichtlich kommen werde. Da Lenin davon ausgeht, dass es weder in der Naturentwicklung noch in der Entwicklung der Gesellschaft reine Verhältnisse gibt, dass jede Revolution experimentelle, unter Missverhältnissen leidende Züge aufweist, kann lediglich ein unversehrter Sozialismus erreicht werden. Der Satz Lenins ist sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache. Natürlich weiß jeder ABC-Schüler des Marxismus, dass die Klassiker sehr wohl mehrmals das Kommen des Kommunismus als welthistorisch unvermeidbar betont hatten. Das ist so lapidar, dass man beim entsprechenden Zitieren eher die Qual der Wahl hat. Wer den Kommunismus nur als subjektive Annahme ausgibt, muss die geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation ignorieren. Ein Zitatnachweis kann hier getrost unterbleiben. Friedrich Engels war noch nicht einmal 23 Jahre alt, als er von der Unvermeidbarkeit eines philosophischen Kommunismus in Deutschland überzeugt war und seine und Marxens Fortschritte im Studium der Ökonomie des Weltkapitalismus verfestigten sich zur Vorhersage einer Unvermeidbarkeit eines weltkommunistischen Triumphes (Vergleiche Friedrich Engels, Fortschritte der Sozialreform auf dem Kontinent, Deutschland und die Schweiz, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,495). Nicht länger war die Weltphilosophie die Kernwissenschaft, sondern die Weltökonomie. Das war der Fortschritt von Hegel zu Marx, der über das um die Jahreswende 1843/44 in Manchester geschriebene geniale Jugendwerk von Engels ‚Umrisse zu einer Krirtik der Nationalökonomie‘ verlief. Die vorsichtige Voraussicht Lenins ist ein neuralgischer Punkt, Lenin dreht hier an der Schraube des Marxismus, er dreht sie hin zum Imperialismus, dessen die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der einzelnen Länder beinhaltendes Wesen sich im Leninismus widerspiegelt. Marx und Engels gingen davon aus, dass die Entwicklungsunterschiede zwischen den einzelnen fortgeschrittenen Ländern sich immer mehr nivellieren.  Durch die ab cirka 1900 zu beobachtende Ungleichmäßigkeit der Entwicklung ist der Kommunismus als eine Folge einer komplikationslos verlaufenden Kettenreaktion obsolet geworden, ja die Frage drängt sich auf, ob er nicht  für lange Zeit eine Torso bleiben muss bzw. nur als dieser endet. Insofern kommt  durch Lenin ein Moment des perspektivisch ausgerichteten Situativen in den Marxismus, das in seiner für die Oktoberrevolution von Napoleon entliehenden Taktik ‚On s’engage et puis on voit‘ (‚Man engagiert sich und dann wird man sehen‘) zum Ausdruck kommt. In einem Bericht auf dem Parteitag im März 1919 betont er, dass sich die Bolschewiki stets tastend und experimentell vorwärtsbewegen mussten. Der Dialektiker und Poet Mao tse Tung besiegte in China den Mathematikprofessor Tschiang Kai tschek. Es sind viele Bücher über die Gesetze der Revolution geschrieben worden, aber keines wird durch eine als ganz richtig zu bestätigen sein, schon gar nicht die Oktoberrevolution, die eine viel tiefere Dimension hatte als die Commune, als 1905 und die Februarrevolution. Auch wenn sie auf einem viel höheren Niveau des Bewußtseins als die Februarrevolution stand, war ihr Verlauf nicht vorhersehbar.

Teilt man nicht Lenins Imperialismusanalyse, ist man zurückgeworfen auf das Kommunistische Manifest von 1848. In der Geschichte der russischen Revolution war es Trotzki, der darauf beharrte, dass eine Folgerevolution im fortgeschritteneren Westeuropa der bolschewistischen nach relativ kurzer Zeit voranleuchten müsse, damit diese sich behaupten könne. Für ihn konnte der Umweg der proletarischen Weltrevolution über ein großflächiges Agrarland nur in einer Sackgasse enden, wenn der Funke nicht aus Kronstadt, Petrograd und Moskau in den Boden der industriell fortgeschrittensten Ländern einschägt und dort einen riesigen Flächenbrand verursacht. Dass die primär durch den ersten Weltkrieg und einer mit ihm zusammenhängenden Lebensmittekrise ausgelöste Arbeiterrrevolution in Russland ihre Inhalte nicht in die Regionen projizieren konnte, in denen sie nach der klassischen Theorie ihr Heimspiel gehabt hätte, ist wiederum durch soziale Veränderungen bedingt, für die der Imperialismus verantwortlich zeichnet. Dieser hatte mittlerweile aus seinen Extraprofiten eine sozialdemokratische Arbeiteraristokratie herangezüchtet, die sich nunmehr in entscheidenden historischen Situationen schützend vor das Finanzkapital stellte, insbesondere auch die Austromarxisten, die sich 1918 vor der Wiener Kreditanstalt postierten,  und der Bourgeoisie halfen, den Ansturm der Oktoberrevolution auf Metropolen des Finanzkapitals, den es ja gegeben hat (Deutschland 1918, Ungarn, Bayern, italienische Revolution 1919),  abzuwehren. Die Spaltung des Imperialismus, deren krasser und eindeutiger Ausdruck der Krieg der Imperialisten untereinander war, und der für die Sozialisten von Vorteil war, wurde quasi wieder kompensiert durch den  Nachteil der Spaltung der Sozialisten untereinander und der Sieg der revolutionären Arbeiterbewegung über die falschen Sozialisten wurde zur Bedingung für den über die Imperialisten. Der Bürgerkrieg zwischen den beiden großen Lagern ‚Proletariat und  Bourgeoisie‘, von dem Marx und Engels im Manifest sprachen, erweiterte sich für das Proletariat im Imperialismus zu einem Zwei-Fronten-Krieg. Die vom Kapital geschundenen und zertretenen Arbeiterinnen und Arbeiter können die Bourgeosie ohne vorherige Vernichtung der Pseudomarxisten nicht vernichten. Die Oktoberrevolution wurde durch den Verrat der Arbeiteraristokratie in ihr rurales Prokrustesbett zurückgeworfen, aus dem sie nur mit Hilfe der NEP aufstehen konnte. Die Verantwortung für die immensen Schwierigkeiten bei der Industrialisierung der Sowjetunion geht allein auf das Konto der Spießbürger in der Arbeiterbewegung, die sich mittlerweile ein Bäuchlein angefressen hatten und denen das Schicksal des Weltproletariats gleichgültig geworden war. Einmal, nach dem ersten Weltkrieg, erwies sich die Geschichte als gnädig, beim zweiten Mal konnte der Weltimperialimus in seiner faschistischen Variante nicht die Stadt erobern, die den Namen Stalins trug.

In der Tat klammerte sich die westeuropäische Orthodoxie, deren Oberhirte Karl Kautsky war, an die Ausführungen der Klassiker im Manifest. Diese Orthodoxie hatte sich einem Shematismus der proletarischen Revolution verpflichtet mit einer strengen Gesetzeslogik, die das Situative augemerzt hatte und einem evolutionären, rein objektiv statthabenden Automatismus des Geschichtsverlaufs verfallen war. Sie bezichtigten denn auch den Leninismus aus ihrer Sichtweise zu Recht des Blanquismus und des Anarchismus. Das war natürlich verfehlt, Lenin ließ sich bei der Verkündung der Aprilthesen nicht vom breiten Strom der Ereignisse mitreissen, sondern verlangte von den Bolschewiki die alte bolschewistische Tugend, gegen den Strom zu schwimmen, was nicht alle, was nicht viele konnten – immer wieder brachen gegen die Aprilthesen die Februarillusionen durch in Form einer demokratischen Duselei – und das waren natürlich auch  falsche Schlußfolgerungen aus der Tatsache, dass sich der Marxismus durch die Lenin’sche Imperialismusanalyse in der Theorie gegen sich selbst gekehrt hatte und Trotzki Stalin den Vorwurf machen ließ, dieser kümmere sich nur nationalsozialistisch um Russland, nicht um die Menschheit.  Die Theorie war in sich gebrochen und ließ den Satz zu: Kein Kommunist hat den Kommunismus „zugesichert“. Deshalb ist der Satz sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache. War der westeuropäische Marxismus festgefahren in einem starren Formationsshema, nach dem Russland zum Beispiel nach der Februarrevolution 1917 für Jahrzehnte unter einer bürgerlich-liberalen Regierung à la Kerenski zu stehen habe, weil sich mit der Entwicklung der russichen Bourgeoisie erst allmählich ein revolutionäres, zur Machtübernahme fähiges Proletariat herauszubilden habe, bekanntlich war der Spuk der Kerenskiade nach etwas mehr als neun Monaten vorbei, ein Zeichen, dass die Bourgeoisie alles ausgeschöpft hatte und ihre Gesellschaftsformation zum Untergang verurteilt war, so lag in der Imperialismusanalyse Lenins auf Grund der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung eine lockere Streuung einer Pluralität von Revolutionsvarianten: Es wird beim Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus „eine ungeheure Fülle und Mannigfaltigkeiten der politischen Formen geben“ (a.a.O.,425), eine große Breite von Varianten der Diktatur des Proletariats. Der Lenin gemachte Vorwurf einer Dogmatisierung des Marxismus kann also umgedreht werden.

Ein weiterer Satz in Lenins Fundamentalwerk „Staat und Revolution“ teilt das Schicksal, sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache zu sein: „Man könnte wetten, daß von 10. 0000  Menschen, die vom ‚Absterben‘ des Staates gelesen oder gehört haben, 9. 990 überhaupt nicht wissen oder sich nicht entsinnen, daß Engels seine Schlußfolgerungen aus diesem Satz nicht nur gegen die Anarchisten richtete. Und von den übrigen zehn Menschen wissen neun sicherlich nicht, was der ‚freie Volksstaat‘ ist und warum auf den Angriff auf diese Losung ein Angriff auf die Opportunisten steckt. So wird Geschichte geschrieben“ (a.a.O.,410). Man rechne das hoch auf 160 Millionen Menschen, siebzig Millionen Großrussen, neunzig Millionen mit einem nichtussischen Stamm. Zunächst ist zu bemerken, dass Lenin von 10 000 Menschen, nicht von 10 000 Marxisten bzw. Bolschwiken spricht. Einen Satz von dieser drastischen Formatierung findet sich nicht in den Werken von Marx und Engels. Er steht ganz konträr zum Geist der französischen Aufklärung, die von der perfectibilié des Menschen ausging, vor allem aber – man verzeihe mir diesen Ausdruck – zum Geist des Kommunismus. Wie kann dieser verwirklicht werden, wenn von 10. 000 Menschen nur einer die Klassiker versteht ? 9. 999 Esel strampeln sich vergeblich ihr Leben lang ab, nur einer erreicht die Spitze des kommunistischen Mount Everest. Wer wird dieser in Wilhelm Weitlings christlichem Kommunismuskonzept vorgesehene Messias ? Beim Studium von Hegels Logik notierte Lenin zudem den Satz, dass man ohne diese das ‚Kapital‘ von Marx nicht verstehen könne. Folglich habe in den letzten fünfzig Jahren kein Marxist das ‚Kapital‘ verstanden. Ist es dann verwunderlich, dass der wissenschaftliche Kommunist Lenin nach der Revolution verkündete, sie hätte in Russland nicht ohne Phantasten begonnen werden können ?  Für Gramsci war die Oktoberrevolution eine gegen das Kapital von Karl Marx. Der Kommunismus ist hier an einen neuralgischen Punkt angekommen: Null in den letzten fünfzig Jahren und: Nur einer von 10. 000 !!!  Man stelle sich einmal die Vergeudung von wissenschaftlichen Kapazitäten vor ! Es ist deshalb lächerlich, wenn Trotzki behauptet, dem Bolschewismus sei die aristokratische Verachtung der Massen absolut fremd. (Vergleiche Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,265). Trotzki widerspricht sich auch selbst, wenn seine Zunge den Gedanken ausspricht, er sei zwar ein später Schüler Lenins, habe ihn dann aber besser begriffen als  viele andere. (Vergleiche a.a.O.,269). Schon auf Trotzki trifft in gewisser Weise der berühmt gewordene Satz Gorbatschows zu: ‚Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben‘. Stalin war schon fast zwanzig Jahre lang Mitglied der Partei Lenins, ehe Trotzki den Weg zu ihr fand und er dachte, diese Jahre als Leichtgewicht bzw. als Mittelgewicht behandeln zu können. Der (zu) spät Gekommene bezeichnete Stalin als die hervorragendste Mittelmäßigkeit der Partei. („Vor großen Problemen zieht sich Stalin stets zurück, nicht infolge mangelnden Charakters wie Kamenew, sondern infolge der Enge seines Horizonts und des Mangels an schöpferischer Phantasie“. / Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Februarrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,440). Eine Analogie zur französischen Revolution drängt sich geradezu auf. Das in sozialrevolutionärer Hinsicht wichtigste Buch des Jahrhundertereignisses war der zweite Diskurs von Rousseau über die Entstehung der Ungleichheit unter den Menschen, ein Buch, über das der Autor vermerkt, dass es in Europa nur wenig Leser fand, „die es verstanden, und keinen unter diesen, der darüber sprechen wollte“ (Jean Jacques Rousseau, Les Confessions, Oevres complètes, Bibliothèque de la Pléiade, Paris, 1959,389). Über das akuteste Problem der französischen Revolution, über die Aufhebung der Ungleichheit unter den Menschen, wollte niemand sprechen !

Lenins weitgehend unbekannt gebliebener Satz  ‚Nur einer von 10. 000‘ ist sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache, denn in der Tat hat das 20. Jahrhundert verschiedene Formen des Personenkultes hervorgebracht, auf die Lenins Satz genau passt. Auch die französische Revolution lief ja bereits in einen Personenkult aus. In theoretischer Hinsicht in den Kult, den Rousseau um seine eigene Person zelebrierte, in praktisch-politischer Hinsicht in den Napoleonkult. Der Personenkult ist aber kontraproduktiv, er wirft den Marxismus auf den Philosophen Feuerbach zurück, dass statt eines ins Jenseits hinausgeschleuderten Ebenbildes des Menschen der Mensch selbst angebetet werden muss, was eine Weiterentwicklung der Religionsphilosophie Hegels beinhaltete, in der Gott schon nicht mehr den Menschen, sondern der Mensch Gott erlöste, konkreter ist es die Hegelsche Logik, durch die Gott sich selbst erkennt und zum Bewußtsein seiner selbst kommt. Die Hegelsche Logik enthält nach den Worten des Meisters die Gedanken Gottes vor der Schöpfung der Welt und eines endlichen Wesens. Sowohl mit Hegel als auch mit Feuerbach verharren wir aber im Umkreis der neunten Feuerbachthese (Vergleiche Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,7), wir schauen einzelne Individuen an, wie im Personenkult. (Wir brauchen den Zeigefinger nicht anklagend auf Russland richten, das klassische Land des Personenkultes war, ist und bleibt Deutschland. Goethes „Götz“ und „Faust“ sind nach den Worten von Lukàcs „Selbsthelfer in wilder anarchischer Zeit“. Schon ein erheblicher Teil der Arbeiter zur Zeit einer noch intakten SPD blickte zum deutschen Kaiser auf, Friedrich Ebert war Monarchist durch und durch – ehe Hitler und die Vaterfigur Adenauer kamen. Marx, Engels und Lenin hatten zu Genüge auf die spezifisch deutsche Krankheit der Staatsvergötzung hingewiesen).  Es ist deshalb die Frage aufzuwerfen, ob nicht durch Lenins radikaler Überzeichnung eine vormarxistische philosophische Fragestellung  aktualisiert wird, die Immanuel Kant als kardinale thematisiert hatte:  „Was ist der Mensch ?“ Genau diese Fragestellung legte sich Bucharin in seiner Gefängniszelle vor dem großen Prozess in Moskau als in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht zentrale vor und beim Durchwandern seiner nächtlichen Labyrinthe mag es ihm gedämmert haben, dass nicht der Revolutionär den Revolutionsprozess, sondern der Revolutionsprozess den Revolutionär beherrscht. Es ist fraglich, ob dieser Satz Ausdruck einer erfolgreichen Revolution ist ? Lenin sah das selbst, im ‚Politischen Bericht des ZK auf dem XI. Parteitag der KPR (B)“ vom 27. März 1922 sagte er, dass nicht die Kommunisten die Leiter sind, sondern dass diese geleitet werden. „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, trediton Verlag, Hamburg, o.J.,43f.).  Sowohl Kant als auch Lenin favorisieren eine gebrochene, negative Anthropologie. Mit der Subbotnikbewegung schien zwar die Geschichte Lenin zu gehorchen, aber die NEP hatte bereits einen thermidorianischen Beigeschmack, den er selbst bestätigte. „Wir machen selbst Thermidor !“ (Vergleiche Victor Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs 1901 bis 1941, Hamburg, 1991,150). Kant hatte den Einwand gegen den Fortschrittsoptimismus der Aufklärung, dem Condorcet und Robespierre vorbehaltlos anhingen, formuliert: Der Mensch sei aus so krummen Holz geschnitzt, dass aus ihm nie etwas ganz Gerades gezimmert werden kann. So warf die Gestalt  Kants einen Schatten auf die aufgehende Sonne von 1789. Kein Sozialist hat zugesichert, dass der Kommunismus seine Vollendung erreicht. So warf die Gestalt Lenins einen Schatten auf die aufgehende Sonne von 1917. Der Hauer Alexei Stachanow, einst Vorbild der sowjetrussischen Arbeiterklasse, starb 1977 in tiefer Depression als schwerkranker Alkoholiker in Tores bei Donezk. Am 29. August 1991 wurde die KPdSU aufgelöst.

Im Hintergrund des Satzes über die 9. 999 Esel stehen Lenins Erfahrungen im April 1917, nachdem er seine Aprilthesen verkündet hatte. Man kann in Aufzeichnungen von Zeitgenossen Lenins nachlesen, wie diese auf die Massen wirkten. Entsetzen, Schocks, Fassungslosigkeiten, Erstaunen und Rätselraten, „schlugen wie eine Bombe ein“ (Trotzki).  Für den Menschewiken Boris Bogdanow, einer der Gründer des Petersburger Sowjets (1905), entsprangen die Aprilthesen aus dem „Delirium eines Irren“. Lenin wurde verhöhnt, Plechanow bezeichnete die Aprilthesen als Fieberphantasie, und der zukünftige Revolutionsführer, der Millionemassen bewegen wird, geriet zunächst in eine völlige Isolierung unter den Kommunisten. Man nahm Lenin nicht ernst, Kamenew bemerkte zur Veröffentlichung der Thesen in der Prawda, es handele sich um eine persönliche Meinung des Genossen Lenin. Plechanow richtete einen unter Marxisten ungeheuerlichen Vorwurf an Lenin: Er urteile ‚außerhalb der Bedingungen von Ort und Zeit‘, verfahre also undialektisch. Plechanow sprach von einer Revision des Marxismus (Vergleiche Helmut Bock, Warum die Russen aufbegehrten. Die ‚Februarrevolution‘ und Lenins ‚Aprilthesen‘, in: Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, „Die Wache ist müde“, Neue Sichten auf die russische Revolution von 1917 und ihre Wirkungen, hrsg. Von Wladislaw Hedeler / Klaus Kinner, Dietz Verlag Berlin, 2008,45. Zu Plechanow siehe: Georgi W. Plechanow, Über Lenins Thesen und warum Fieberphantasien bisweilen interessant sind (Jedinstwo, 9. bis 12. April 1917. In: Wladislaw Hedeler / Ruth Stoljarowa (Hrsg.): Plechanow: 1917 – zwischen Revolution und Demokratie. Eine Auswahl von Artikeln und Reden aus den Jahren 1917 / 1918, Berlin, 2001,23ff.).

Lenins Satz über die 9. 999 Esel ist sachlich falsch, aber nicht falsch in der Sache. Über die Aprilthesen könnte das Motto stehen: Einer gegen alle, einer gegen  687 Mitglieder des Petrograder Sowjets.  Einer gegen alle – das ist aber das direkte Gegenteil der kommunistischen Idee: Alle für einen, einer für alle. Wie im April nach der Verkündung seiner Thesen kämpfte Lenin auch im Herbst 1917 wieder als Einzelkämpfer gegen das ZK und drohte sogar mit Austritt aus ihm. Es gab einen Aufstand Lenins gegen das ZK vor dem weltgeschichtlichen Oktoberaufstand. Bucharin berichtete, dass alle anfangs ganz fassungslos waren, als sie Lenins Aufstandskonzept zur Kenntnis genommen hatten. Es gab bei führenden Bolschewiki erhebliche Zweifel an diesem, dass der Sowjetkongress die Macht aus den Händen des Petrograder Sowjets erhalten soll, also per Machtübertragung. Erst Kerenski niederwerfen, dann dem Petrograder Kongress die frische Macht übertragen, keinesfalls den Allrussischen Sowjetkongress abwarten, Tage können jetzt alles entscheiden. Und der Einzelkämpfer Lenin war ja kein Einzellfall: Karl Liebknecht war 1914 der einzige Sozialdemokrat, der die Kriegskredite abgelehnt hatte, der Rest der SPD erwies sich als aus Eseln bestehend.

Keine wissenschaftliche Durchdringung der Oktoberrevolution kommt ohne den Satz aus, diese Revolution vollziehe sich dialektisch durch und durch – aber zunächst sagt dieser Satz nichts aus. Eine Revolution setzt widersinnigerweise Substanz an durch ihre Geschichte, die sie aber auch vertrocknen lassen kann. Ein reiner Faktenverlauf ist bar des Substantiellen, so sehr der historische Materialismus zunächst auf diesen insistiert, insistieren muss. Seine Voraussetzungen sind die „wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen … Diese Vorausstzungen sind also auf rein empirischem Weg konstatierbar“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,20).  Der historische Materialismus kann bei seinen materiellen Voraussetzungen nicht stehenbleiben, er muss die im Hintergrund sich bewegenden Triebkräfte dieser Voraussetzungen aufdecken. Im Gegensatz zur traditionellen Geschichtsphilosophie, die diese Triebkräfte metaphysisch verortete, Hegel spricht von der Weltgeschichte als Gotteswerk, sucht der historische Materialismus diese Triebkräfte weltimmanent auf, sieht sie in der Fundamentalität der epochebestimmenden ökonomischen Grundlagen einer Gesellschaftsformation. Der Faktenverlauf offenbart die vordergründigen Triebkräfte der Geschichte, nicht aber ihre hintergründigen, nicht die „Triebkräfte der Triebkräfte“ (Engels), die nur der Avantgarde bekannt sind, die das politische Milieu transzendiert, in dem die Menschen immer nur „Opfer von Betrug und Selbstbetrug“ (Lenin) sind. Es ist also, um wissenschaftliches Selbstbewusstsein zu erlangen, die Aufgabe gestellt, durch die Erscheinung der Oktoberrevolution zu ihrem Wesen durchzudringen. Die Oktoberrevolution war eine in sich gebrochene Totalität permanenter Selbstkorrektur per Bürgerkrieg, eine sich quälende, wie es Karl Marx im ’18. Brumaire‘ einer proletarischen Revolution vorhergesagt hatte. Die Bolschewiki waren in den Massen stets stärker als in den Sowjets, was für den Ausschlag der Revolution nicht unbedeutend war. War der Krieg der große Beschleuniger der Geschichte, so war die Revolution ihre große Lehrerin. Der Krieg hat uns in drei Jahren um dreißig Jahre vorwärtsgebracht …“ (Lenin, Aus dem Tagebuch eines Publizisten, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,286). Die Revolution zeigte, dass die Massen oft weiter waren als die Partei oder die Sowjets (zum Beispiel als der in Moskau), dass es in revolutionären Situationen extrem schwierig ist, mit den Massen Schritt zu halten. Nicht zufällig nannte General Denikin sein Buch über die Oktoberrevolution „Geschichte der russischen Wirren“. Verkürzt ist die Formel Trotzkis, mit der er die  Oktoberrevolution erklärt, die er bezeichnenderweise von dem zaristischen General Lewitzki übernimmt: „Im Allgemeinen hat man den Eindruck, als befände sich die Provisorische Regierung in der Hauptstadt eines feindlichen Staates, der die Mobilsierung durchgeführt, aber aktive Handlungen noch nicht übernommen hat“. So Lewitzki. Das sei die beste Erklärung der Oktoberumwälzung. So Trotzki.  (Vergleiche Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,495).

Es erwies sich nun, dass zwar die Revolution als elementare Naturgewalt näher kam, dass sie unvermeidbar war, dass sie aber nicht auf einer graden Landstraße der Vernunft daherkam, sondern phantastische Zickzackbewegungen vollzog. Die Politik der Revolution ist eine Wissenschaft und Kunst zugleich, in der die allgemeine Formel und die Eigenart sinnvoll verbunden werden müssen. Mit dem Ausbleiben der Weltrevolution musste die Revolution sich gegen sich selbst in ihrer ganzen Intention kehren. Diese Umkehr beinhaltete den Aufbau des Sozialismus in nur einem Land. Das war mehr als nur ein bizarrer Widerspruch in der Theorie, das war eine klaffende Wunde in der Praxis. Für Trotzki würde das russische Proletariat Selbstmord begehen, wenn es das Bündnis mit russischen Bauern dem mit europäischen Klassengenossen vorziehen würde. Die Trotzkisten können hier ganz beruhigt sein: Zu einem  rein nationalen Bündnis, das gewichtiger war als der Internationalismus, war es in der Sowjetunion nicht gekommen, denn die Oktoberrevolution war primär nicht die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bauernkrieg oder wie Martow sie umdeutete, in eine Soldatenströmung, so sehr die Revisionisten auf das aproletarische Primat zur Verunglimfung der proletarischen Revolution, in der der Arbeiter den Bauern führt,  pochten.  Die Revisionisten stellten die Sache so dar, dass die Oktoberrevolution ideologisch durch geschickte Sprachadvokaten und Wortakrobaten in eine proletarische umfrisiert worden sei. Auf der anderen Seite darf man aus der Oktoberrevolution keinen Fetisch machen, der größte Fehler, der hier unterlaufen kann, ist, sie ’schön zu schreiben‘, da schaut dann der Personenkult schon um die Ecke: Der Führer mach keine Fehler und also ist auch alles richtig.  Lenin warnte davor, das Wort Revolution mit großen Buchstaben zu schreiben. Man hat die Geschichte der Sowjetunion und ihrer Staatspartei so schön geschrieben, dass sie zugrunde gegangen sind.

Im ‚Kommunistischen Manifest‘ ist Russland als potentielles Land der Revolution jedenfalls nicht einmal erwähnt worden, es lag noch abseits der Straße der Weltzivilisation und der Weltrevolution. Noch 1917 gab es in Ostrussland  Nomaden und sesshafte Völker, deren Wirtschaft allein auf Viehzucht basierte. Unter den Begriffen ‚Proletariat‘ und ‚Bourgeoisie‘ konnte sich hier niemand etwas vorstellen. Noch Anfang Januar 1923 konstatiert Lenin nüchtern, dass das Land aus der halbasiatischen Kulturlosigkeit noch nicht herausgekommen sei (Vergleiche Lenin, Tagebuchblätter, Werke Band 33, Dietz Verlag Berlin, 1960,448). Und niedriges Kulturniveau verhindert nach Lenin eine Diktatur des Proletariats und führt zu einer über das Proletariat, führt zu „einer Verwaltung durch die fortgeschrittene Schicht des Proletariats, nicht aber durch die werktätigen Massen selbst“ (Lenin, VIII. Parteitag der KPR (B), 1919, Bericht über das Parteiprogramm, Werke Band 29, Dietz Verlag Berlin, 1960,168f.). Für Clara Zetkin fand die Oktoberrevolution unter den denkbar „ungünsigsten Bedingungen“ (Clara Zetkin, Um Rosa Luxemburgs Stellung zur russischen Revolution, in: Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1957,469)  statt. Andererseits kann die Lenin bewußte Frage aufgeworfen und vielleicht sogar positiv beantwortet werden, ob es denn so bizarr ist, dass der Marxismus gerade vom rückständigsten Land Europas (oder von einem der rückständigsten) sogar weiterführende Impulse erhielt ? Von einem Land, das Claude Anet als das einfachste Land der Welt bezeichnet hatte. Für Hegel war die sinnliche Gewißheit bereits das noch zu sich selbst zu entwickelnde absolute Wissen. Trotzki hatte schon 1906 in seiner Schrift ‚Ergebnisse und Perspektiven‘ herausgestrichen, dass das Proletariat in einem ökonomisch rückständigeren Land die Macht eher zufallen könne als in einem kapitalistisch fortgeschrittenen Lande (Vergleiche Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,666),  elf Jahre später, 1917, kreuzte sich das einfachste Land der Welt  mit dem wissenschaftlichen Sozialismus Marx’scher Provenienz, ist nicht der Kommunismus das Einfache, das so schwierig zu machen ist ?

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