Archive for Oktober 2016

Über einige wenige Beziehungen zwischen Revolutionen und politischer Bewusstheit

25. Oktober 2016

Beweist die schnelle und besondere Höherentwicklung der Februarrevolution zur Oktoberrevolution eine sich steigernde Entwicklung des bewußten planmäßigen und politischen Handelns der Menschen überhaupt, obwohl marxistische und bürgerliche Historiker inklusive Trotzki übereinkommen, dass die russische Doppelrevolution im Jahr 1917 sich in dieser Konkretheit, die den Zeitraum einer menschlichen Schwangerschaft einnahm, nicht mehr auch nur annähernd wird wieder ereignen können.  In Russland zum Beispiel folgte der Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen der Revolution, war ihre Wirkung, in China verkündete Mao Tse tung am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China, die sich aus dem Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen erst ergab. In der russischen Revolution setzte sich die Sowjetbewegung an der Nordfront viel zügiger durch als an der Südfront und an der Kaukasusfront. Im chinesischen Bürgerkrieg war es umgekehrt, nach der großen Offensive 1925 bis 1927 ging die fortschrittliche Nationalbewegung vom Süden aus.

In der klassischen bürgerlichen Revolution standen die im Feudalsystem ausgebeuteten Bauern und Handwerker noch ohne  politische Kampfpartei da, 1917 gab es eine mit allen Waffen des Marxismus hochgerüstete bolschewistische, mit den abscheulichen sozialdemokratischen prokriegerischen Kreditparteien in Westeuropa gar nicht zu vergleichende in Russland und am 1. Juli 1921 war die Kommunistische Partei Chinas in Shanghai gegründet worden. Insbesondere die deutsche Sozialdemokratie bewies ex negativo die Richtigkeit der Leninschen Parteitheorie.


Rousseau schrieb vor der bürgerlichen Revolution in Frankreich, dass alles Üble vom schlecht regierten Menschen herrühre. Erst der utopische Sozialist Saint-Simon deutete die französische Revolution 1802 in seinen ‚Genfer Briefen‘  als Klassenkampf, als einen zwischen Armen und Reichen, so dass man nicht länger ‚vom Menschen überhaupt‘ sprechen konnte. Damit erschien die Frage der Menschenrechte in einem ganz neuen Licht, sie erschien jetzt als Klassenfrage. Die Marxisten und Anarchisten wussten vor 1917, rousseauistisch ausgedrückt, dass alles Üble vom überhaupt regierten Menschen stamme. ! 1762 schon findet man im Erziehungsroman Rousseaus, im ‚Emile‘, die Vorhersage revolutionärer Ereignisse: Wir nähern uns jetzt, heißt es dort, mit raschen Schritten einer Periode großer Krisen und großer Revolutionen, die alle und alles erfassen werden.  Alle großen Monarchien Europas hätten geglänzt oder glänzten noch, aber Staaten, die glänzten, seien bereits im Untergang begriffen. Lenin beließ es nicht nur bei einer pauschalen Ankündigung, sondern skizzierte den Verlauf der Doppelrevolution von 1917 schon vor ihr erstaunlich vorausblickend.

Man kann gar nicht in Abrede stellen, dass auch die bürgerliche Aufklärung wenigstens minimal eine Anleitung zum Handeln enthielt, am meisten noch in der französischen,  in ihr auch schon in der frühen; durch Kant in der deutschen eine recht minimale, knickrige, verkümmerte; aber der Marxismus hat die Scheu der Philosophie abgelegt, und sich ganz explizit als eine weltzugewandte Anleitung zum Handeln begriffen, durch ihn und seinen Weiterentwickler Lenin befinden wir uns auf einer viel höheren Stufe politischer Bewusstheit. Das Verhältnis des Marxismus zur bürgerlichen Philosophie und ihrer Innerlichkeit und religiösen, weltabgewandten Tendenz ist auch ein Verhältnis zwischen Hand- und Kopfarbeit und der Marxismus ist dabei um so mehr auf der sicheren Seite, je mehr sich der fundamentale Irrtum, das Handeln der Menschen sei aus ihrem Denken statt aus ihren Bedürfnissen zu erklären,  in den Köpfen der Philosophen festsetzt, ja festsetzen muss. Die Bedürfnisse kommen im Kopf nur zum Bewußtsein und die Menschen machen Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. (Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag, Moskau, 1975,379).

Allerdings: Unter dem feudalen Regime hatten sich schon alle Megastrukturen einer bürgerlich-kapitalistischen Organisation der Wirtschaft herausgebildet und setzten sich relativ leicht durch, das Feudalsystem zerbrach in einer Nacht. Es geschah dies in der berühmten Nachtsitzung der Nationalversammlung vom vierten auf den fünften August 1789, in dieser wurden alle Privilegien des Adels und des Klerus aufgehoben, diese Privilegienaufhebung umfasste 150 Punkte, u. a. Abschaffung der Leibeigenschaft, die Aufhebung der Ausübung der gutsherrlichen Gerichtsbarkeit, die Abschaffung des ‚Zehnten‘ …. und und und … Unter dem spätkapitalistischen Regime, (müsste man 1917 in Russland nicht von einem frühkapitalistischen sprechen ?), hatte und hat die Vergesellschaft der Arbeit und die sich immer mehr konzentrierende Anarchie der Produktion einen so hohen Grad der Entwicklung erreicht, in dem sich ihre Übernahme in kollektive und also sozialistischen Formen mehr und mehr abzeichnet. Gleichwohl kann es keine schleichende Übernahme dieser durch eine sozialistische Regierung in einer Nacht- und Nebelaktion geben, denn es geht nicht ohne revolutionären Sprung ab, in dem die Gründung einer ganz neuen Gesellschaft mit einer Planwirtschaft liegt. Immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter, arme Bäuerinnen und arme Bauern fragen sich weltweit, wie kommt es, dass die Arbeit der Vielen in den Reichtum der Wenigen mündet und erkennen immer bewusster den schreienden Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung. Ihnen stellt sich die Frage nicht mehr, ob das kapitalistische Blutsaugersystem überwunden werden muss, sondern nur noch: wie ?

Um die Gründung einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation kümmerten sich die ‚großen‘ Geschäftsmänner der ‚großen‘ französischen Revolution nicht, obwohl die Etablierung einer Nationalökonomie auf kapitalistischer Grundlage der Hauptinhalt einer bürgerlichen Revolution ist. Diese Menschen wussten nicht, was sie taten. Aus der Anarchie der Produktion herkommend, beginnt das Proletariat dagegen beim Aufbau einer internationalen Ökonomie auf sozialistischer Grundlage von vorn, und um wieviel mehr in Russland, dass nach der Niederlage im Weltkrieg ökonomisch auf dem Boden kroch und auf dem letzten Loch pfiff, zudem angefeindet durch eine kapitalistische Staatengemeinde, die über ein ökonomisch und militärisch wesentlich höheres Potential verfügte, allerdings, die Imperialisten waren sich, wie es ihnen geziemt, nicht eins. Eins sein muss das Proletariat, das ist der Kommunismus ! Und die Oktoberrevolution hat zu diesem Menschheitswerk nach der Pariser Commune den zweiten Grundstein gelegt.

Für die rapide Entwicklung zu dieser hin gab es im Hintergrund einen großen Beschleuniger, einen großen Magister, das war der erste imperialistische Krieg.  „Der Krieg hat uns in drei Jahren um dreißig Jahre vorwärtsgebracht …“ (Lenin, Aus dem Tagebuch eines Publizisten, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,286). Es ist in der Periode, die Marx noch der Vorgeschichte der Menschheit zuschlägt, wohl  leider offensichtlich so, dass Revolutionen und Kriege aneinander gekoppelt sind:  „Die Dialektik der Geschichte ist gerade die, daß der Krieg, der die Umwandlung des monopolistischen Kapitalismus in den staatsmonopolistischen Kapitalismus ungeheuer beschleunigte, dadurch die Menschheit dem Sozialismus außerordentlich nahe gebracht hat“. (Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,370).

 

Bemerkungen zur „Dialektik“ Leo Trotzkis

23. Oktober 2016

Lenin  wies uns stets darauf hin, dass man  bei der Untersuchung und Lösung von Fragen des Klassenkampfes durch Berücksichtigung möglichst vieler Umstände sich ein möglichst vollständiges, möglichst genaues Lagebild erstellen muss, dass man Klassenkampfprozesse konkret untersuchen muss und nicht mit irgendwelchen vorgefassten Formeln an die Untersuchung herantreten darf, die zu einseitigen Urteilen führen.   Man vergleiche diese Überlegungen mit dem Satz aus Trotzkis Feder: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Schicksal jeder Revolution auf einer bestimmten Etappe durch den Umschwung in der Stimmung der Armee entschieden wird“. (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Februarrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,106). Wirklich jeder Revolution ? Das kann man so nicht pauschalisieren. Eine Revolution ist viel zu komplex, als dass man monokausale Erklärungsgründe anführen könnte. Die Stimmung der Soldatenmassen ist ein Faktor unter anderen, vielleicht noch wichtigeren Faktoren, denn was nützte beim Fehlen einer schlagkräftigen bolschewistischen Kaderpartei in Deutschland die beste revolutionäre Stimmung der Kieler Matrosen ? Dieses Gebrechen der Verkürzung wird im Kriegskommunismus bei der Frage der Militarisierung der Arbeit und des Durchrüttelns der Gewerkschaft wieder auftauchen und Lenins berühmte Wasserglasdialektik gegen Bucharins und Trotzkis Dialektikbegriff provozieren:Vergleiche Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften ?? … Werke Band, Dietz Verlag Berlin, Trotzki greift zu kurz, wenn er herausstellt, dass sich eine Revolution nur über Disproportionen (kleine bolschewistische Partei, gleichwohl große Wirkung) ihren Weg bahnen kann. ‚Disproportion‘ ist ein Begriff der Quantität. In dem Hin und Her von Ebbe und Flut bahnen sich Revolutionen vielmehr ihren Weg über phantastische Zickzackbewegungen. Das Resultat bei Trotzki ist, dass er uns eine Formel der Revolution anbieten zu können glaubt: „Damit der Bauer den Boden säubern und von Zäunen befreien konnte, musste an der Spitze des Staates der Arbeiter treten. Das ist die einfachste Formel der Oktoberrevolution“. (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,330). Das geht zwar nicht in die falsche Richtung, ist aber ungenügend. „Formel“, „Schema“, „Mechanik“, immer wieder tauchen bei dem politischen Schriftsteller Leo Trotzki diese Wörter auf. Nehmen wir mal ein Beispiel aus Trotzkis Kopenhagener Rede über die russische Revolution aus dem Jahr 1932: Er vergleicht in dieser prozentual den Anteil der in russischen und US-amerikanischen Fabriken beschäftigten Arbeiter mit über tausend Beschäftigten in den jeweiligen Ländern zur Gesamtzahl der Fabrikarbeiter mit dem Ergebnis, dass es in den USA nur 18 Prozent, in Russland aber 41 Prozent sind, die in diesen Megafabriken arbeiten. „Diese Tatsache läßt sich schlecht vereinbaren mit der banalen Vorstellung von der ökonomischen Rückständigkeit Rußlands. Sie widerlegt indes nicht die Rückständigkeit, sondern ergänzt diese dialektisch“. (Leo Trotzki, Die Russische Revolution, Kopenhagener Rede 1932, Voltaire Flugschrift 29, Edition Berlin, o.J.,12).  Sätze, über die man leicht drüberweglesen kann, aber was heißt denn das ? Dialektische Ergänzung. Ausgesagt wird lediglich ein quantitatives Verhältnis von 41 zu 18, das aber keineswegs stabil ist (Ausfall durch Krankheit, Entlassungen, Neueinstellungen; selbst die Relationen sind stets bewegliche) Wenn die Dialektik die Wissenschaft der allgemeinsten(!!) Bewegungsformen des Denkens der Natur und der menschlichen Gesellschaft ist, und das letztere käme hier in Betracht: die Dialektik ist die Wissenschaft der allgemeinsten Bewegungsgesetze der menschlichen Gesellschaft, wie kann Dialektik dann irgendwie einen ergänzerischen Status erhalten ? Hält man Trotzkis Schriften ins Licht der materialistischen Dialektik, so trüben sich diese ein, besonders wenn man sie mit den Hauptschriften Mao Tse tungs zur Dialektik vergleicht. Ja man könnte sagen, das Verhältnis zwischen Lenin und Trotzki in der russischen Revolution entspricht dem von Mao und Tschiang-Kai Tschek in der chinesischen Revolution, ersterer war ein Poet, letzterer ein Professor für Mathematik. Für den führenden preußischen General in den doppelgesichtigen, sowohl fortschrittlichen als auch reaktionären Befreiunsgskriegen gegen Napoleon, den aus dem Hannoverschen stammenden Bauernsohn Gerhard David Scharnhorst stand der Krieg der Dichtkunst näher als der Mathematik. In der Tat ist der Krieg mehr intuitiv-kreativ zu führen, als mathematisch-kalkulierend. Numerisch unterlegne Armeen können durch überragende militärische Kreativität stärkere besiegen. Die Berufsrevolutionäre schulen sich für die Revolution, um deren Qualen abzukürzen. In der Entwicklung der revolutionären Gärung gilt es genau den Zeitpunkt abzupassen, in dem der revolutionäre Apparat sich aufrichtet und in den Schnittlinien eingreift, um das ganze Geschehen kühn zu dominieren. Das Angriffssignal ist zu geben, wenn am entscheidenden Punkt das entscheidende Übergwicht massiert ist. Das ist der Unterschied zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution, die erste war eine spontane, elementare, ohne Andeutungen, sie lag nicht in der Luft, konnte nicht gespürt werden, unerwartet für die Massen selbst, die zweite eine Kaderrevolution, also auch in der fundamentalen Qualität der Revolutionen gab es einen Umschlag. Doch darf man sich die zweite Revolution nicht so vorstellen, als wäre sie einer umfassenden Planung unterworfen worden und dieser entsprechend abgelaufen. Schon Lenins von Napoleon übernommene Taktik: „On s‘ engage et puis on voit“ schränkt eine „Mathematisierung“ und „Mechanisierung“ dieser Revolution, zu der Trotzki neigt, ein. Trotzkis Formulierungen „Alltagsmechanik des politischen Lebens“ sowie „Schema der Entwicklung“ gehören nicht in den Wortschatz der Gesellschaftswissenschaften. Desgleichen die Formulierung, dass die sozialistische Gesellschaftsordnung nur möglich sei als ein System der ökonomischen Spirale durch Verteilung innerer Missverhältnisse eines einzelnen Landes auf eine ganze Ländergruppe, durch gegenseitige Hilfeleistungen verschiedener Länder und gegenseitige Ergänzung der verschiedenen Zweige ihrer Wirtschaft und Kultur …“ (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,656). Man stelle sich das vor: System der ökonomischen Spirale ? Es ist auch nicht wahr, dass Lenin in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht von einem Zahnradsystem gesprochen hat, er gebrauchte die Ausdrücke „Kette“ und „Kettenglied“. Ebenso vertritt Trotzki auch in der Frage des Aufstandes und in der des Bürgerkrieges eine mechanistische Auffassung, wenn er erstere als eine ansteigende Kurve darstellt, die sich über Monate hinziehen kann und von einer „Mechanik des Aufstandes“ und von einer „Mechanik des Bürgerkrieges“ XXX Leo Trotzki, Die Lehren des Oktobers, in: Oktoberevolution, Oberbaumpresse, Berlin, 1967,64 xx spricht. Ein Dialektiker, der Derartiges formuliert, ist auf den Hund gekommen.

Der Aufstand der Bolschewiki hätte nach Trotzki zeitverzögert auch noch im Dezember 1917 glücken können. Es ergibt sich dann aber die Problematik, dass der Umschlag vom alten Regime zum neuen nicht blitzartig erfolgen kann, was aber nach dem Gesetz der Dialektik geboten ist, dass es also einen ganz bestimmten Zeitpunkt im Prozess der Gärung, die keine Kurve darstellt, gibt, nur in dem der Aufstand erfolgreich ist und nur sein kann. Es hängt jetzt alles von Stunden ab, hatte der vorwärtsdrängende Lenin aus einer konspirativen Wohnung in Petrograd kurz vor dem Aufstand ans ZK geschrieben. In einem naturgeschichtlichen Prozess kann der Zeitpunkt des Umschlags nicht versäumt werden, er ergibt sich aus seinem Inneren und ist da, ist aber in einem gesellschaftlichen Prozess, in dem Menschen mit Bewußtsein handeln, der richtige Zeitpunkt des Aufstandes versäumt worden, dann können Jahrzehnte der Reaktion ins Land ziehen, können Jahrzehnte reaktionärer Herrschaft das Volk unterdrücken.

Sahra Wagenknecht entwaffnet die Arbeiterklasse

22. Oktober 2016

Auf der diesjährigen XXI. Internationalen Rosa Luxemburg Konferenz am 9. Januar in Berlin hat Sahra Wagenknecht als „Vorsitzende der Fraktion ‚Die Linke‘ im Bundestag“ einen Vortrag gehalten, den sie mit dem Titel versah: „Linke Politik statt ‚Rot-Rot-Grün‘, Über Prinzipientreue , den Neoliberalismus der EU, Freihandelsabkommen sowie die Förderung von Terror durch Krieg“. Offensichtlich mussten schon zu dieser Zeit Überlegungen im Umlauf gewesen sein, eine rot-rot-grüne Koalition zwecks Ablösung der Merkel-Regierung zu bilden, zu der sich erst jüngst am 19. Oktober in Berlin cirka hundert Bundestagsabgeordnete der SPD, der Linkspartei und der Grünen im Jakob-Kaiser-Haus des Bundestages trafen, um auszuloten, welche Chancen ein solches Bündnis elf Monate vor dem Bundestagswahlkampf für einen Machtwechsel hätte. Als Gastgeberin trat die Gruppe ‚Parlamentarische Linke‘ der SPD-Fraktion auf.

In dem Vortrag von Sahra Wagenknecht auf der Luxemburg-Konferenz ist besonders ihr konterrevolutionäres Kriegsbild deutlich geworden, das sie an den sogenannten westlichen Anti-Terror-Kriegen seit dem Afghanistan-Einsatz entwickelte: „Es geht hier nicht um Terror … Es geht um Pipelinerouten, es geht um wirtschaftliche Interessen, und deswegen möchte ich noch mal ganz, ganz klar sagen: Ja, ich finde, wenn wir über die Aufgaben von Linken reden, dann ist das Nein zum Krieg einer der ganz elementaren Grundsätze, die eine Linke immer berücksichtigen muss. Es gibt keine Menschenrechtskriege, denn Krieg ist das größte Menschenrechtsverbrechen. Und das ist auch die wichtigste Aufgabe, das immer wieder deutlich zu machen und auszusprechen !“ (Sahra Wagenknecht, Linke Politik statt ‚Rot-Rot-Grün‘, in: Rosa Luxemburg Konferenz, Die Broschüre, Verlag Mai, Berlin, 2016,10). Das einseitig-konterrevolutionäre Kriegsbild ist hier ganz offen an die Wand geworfen. Wir haben es hier mit einer ‚Linken‘ zu tun, die offensichtlich die „Internationale“ nicht kennt: „Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht (kursiv/H.A.), die „Internationale“ erkämpft das Menschenrecht !“ Es gibt also ganz offensichtlich doch Menschenrechtskriege.

Der Kardinalfehler Wagenknechts liegt in einer wissenschaftlich unzulässigen Pauschalverurteilung des Krieges überhaupt, im Fehlen der Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen, aus der sich für eine Linke die Aufgabe der Umwandlung eines ungerechten Krieges in einen gerechten ergeben würde. Wagenknecht löst mit dieser wissenschaftlich völlig haltlosen Pauschalverurteilung des Krieges diesen von der Politik der imperialistischen Regierungen und den hinter diesen stehenden Klassen ab. Reaktionäre Klassen sind es, die aus ausbeuterischen Interessen die Völker in die Hölle des Krieges hetzen und es gibt keinen anderen Ausweg aus dieser Hölle, als dass die Söhne und Töchter der Völker die Gewehre umdrehen und die Bajonette  in die Köpfe der imperialistischen Kriegsverbrecher rammen. Das sind doch Binsenweisheiten des Klassenkampfes gegen das Kapital und man fragt sich, was das wohl für Professoren an der Universität in  Utrecht gewesen sein mögen, die Frau Wagenknecht zur Magisterin (Meisterin der freien Künste) der Philosophie gekürt haben. Die Darbietungen der Magisterin ähneln doch allzu sehr dem Lamentieren pazifistischer Pfaffen, die den Krieg ebenfalls pauschal als das größte Menschenrechtsverbrechen bejammern. Nein ! Die Lohnsklavinnen und Lohnsklaven in Stadt und Land wären auf immer im Knechtsdienst des Kapitals, würden sie auf den bewaffneten Aufstand verzichten, im Gegenteil, im Verlauf des Klassenkampfes wird es unvermeidbar zu einem Punkt kommen, an dem dieser zu einem mehr oder minder blutigen Bürgerkrieg umschlagen wird, eben zum letzten Gefecht und es ist die Aufgabe von Revolutionärinnen und Revolutionären auf diesen Punkt unentwegt hinzuarbeiten.

Lenin lehrte den Lohnsklavinnen und Lohnsklaven: „Wir Marxisten sind nicht unbedingte Gegner eines jeden Krieges (wie Sahra Wagenknecht/H.A.). Wir sagen: Unser Ziel ist es, die sozialistische Gesellschaftsordnung zu errichten, die nach Aufhebung der Teilung der Menschheit in Klassen, nach Beseitigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und einer Nation durch andere Nationen unbedingt jede Möglichkeit von Kriegen überhaupt beseitigen wird. Aber im Krieg um diese sozialistische Gesellschaftsordnung werden wir unanbwendbar Verhältnisse antreffen, wo der Klassenkampf innerhalb einer jeden einzelnen Nation mit einem durch eben ihn, diesen Klassenkampf, erzeugten Krieg zwischen verschiedenen Nationen zusammentreffen kan, und wir können darum die Möglichkeit revolutionärer Kriege, d. h. solcher Kriege, die aus dem Klassenkampf entstanden sind, von revolutionären Klassen geführt werden und direkte, unmittelbare revolutionäre Bedeutung haben, nicht leugenen“. (Lenin, Krieg und Revolution, Werke Band 24,396).

Bereits 1792 schrieb der revolutionäre Kleinbürger Maximilien Robespierre seinen Jakobinern, den damals politisch fortschrittlichsten und dynamischten Kräften im Kampf gegen das Feudalregime, ins Stammbuch: „Keinen Vertrag, keinen Waffenstillstand mit Personen, die es nur auf die Ausplünderung des Volkes abgesehen haben, für die die Revolution eine Spekulation und die Politik ein Handwerk ist“. Aber die Grünen, die Sozialdemokraten und die Linken, diese Parteien bilden sich doch gerade aus solchen Personen,  die es nur auf die Ausplünderung des deutschen Volkes abgesehen haben, für die die Republik eine Spekulation und die Politik ein Handwerk ist, kurz: wenn Sahra Wagenknecht mit angeblich linken Friedenspredigten auf Distanz zu ‚Rot-Rot-Grün‘ gehen will, so fällt die Magisterin durch, sie gehört nicht in die Reihe der großen Revolutionärinnen wie Rosa Luxemburg oder Clara Zetkin, Rosa rief zusammen mit Karl Liebknecht in den Spartakusbriefen den Arbeitern zu: „Dreht die Gewehre um“, und: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“. Auf Clara Zetkin geht der Satz zurück: „Die proletarische Weltrevolution allein bringt den Weltfrieden“ (Die Kommunistische Fraueninternationale, Heft 5, 1923,15). Wagenknecht gehört dazu, sie gehört zu denen, mit denen es keinen Vertrag und keinen Waffenstillstand geben kann. Sie gehört wie die hundert Bundestagsabgeordneten aus dem Jakob-Kaiser-Haus zu den mittelalterlichen Elementen in Deutschland, die politisch, ideologisch und wissenschaftlich unter dem Niveau von 1792 stehen und den Völkern großen Schaden zufügen: Die sogenannten Anti-Terror-Kriege haben seit dem Afghanistan-Einsatz drei Millionen Menschen, überwiegend Zivilisten, das Leben gekostet !