Bemerkungen zur „Dialektik“ Leo Trotzkis

Lenin  wies uns stets darauf hin, dass man  bei der Untersuchung und Lösung von Fragen des Klassenkampfes durch Berücksichtigung möglichst vieler Umstände sich ein möglichst vollständiges, möglichst genaues Lagebild erstellen muss, dass man Klassenkampfprozesse konkret untersuchen muss und nicht mit irgendwelchen vorgefassten Formeln an die Untersuchung herantreten darf, die zu einseitigen Urteilen führen.   Man vergleiche diese Überlegungen mit dem Satz aus Trotzkis Feder: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Schicksal jeder Revolution auf einer bestimmten Etappe durch den Umschwung in der Stimmung der Armee entschieden wird“. (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Februarrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,106). Wirklich jeder Revolution ? Das kann man so nicht pauschalisieren. Eine Revolution ist viel zu komplex, als dass man monokausale Erklärungsgründe anführen könnte. Die Stimmung der Soldatenmassen ist ein Faktor unter anderen, vielleicht noch wichtigeren Faktoren, denn was nützte beim Fehlen einer schlagkräftigen bolschewistischen Kaderpartei in Deutschland die beste revolutionäre Stimmung der Kieler Matrosen ? Dieses Gebrechen der Verkürzung wird im Kriegskommunismus bei der Frage der Militarisierung der Arbeit und des Durchrüttelns der Gewerkschaft wieder auftauchen und Lenins berühmte Wasserglasdialektik gegen Bucharins und Trotzkis Dialektikbegriff provozieren:Vergleiche Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften ?? … Werke Band, Dietz Verlag Berlin, Trotzki greift zu kurz, wenn er herausstellt, dass sich eine Revolution nur über Disproportionen (kleine bolschewistische Partei, gleichwohl große Wirkung) ihren Weg bahnen kann. ‚Disproportion‘ ist ein Begriff der Quantität. In dem Hin und Her von Ebbe und Flut bahnen sich Revolutionen vielmehr ihren Weg über phantastische Zickzackbewegungen. Das Resultat bei Trotzki ist, dass er uns eine Formel der Revolution anbieten zu können glaubt: „Damit der Bauer den Boden säubern und von Zäunen befreien konnte, musste an der Spitze des Staates der Arbeiter treten. Das ist die einfachste Formel der Oktoberrevolution“. (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,330). Das geht zwar nicht in die falsche Richtung, ist aber ungenügend. „Formel“, „Schema“, „Mechanik“, immer wieder tauchen bei dem politischen Schriftsteller Leo Trotzki diese Wörter auf. Nehmen wir mal ein Beispiel aus Trotzkis Kopenhagener Rede über die russische Revolution aus dem Jahr 1932: Er vergleicht in dieser prozentual den Anteil der in russischen und US-amerikanischen Fabriken beschäftigten Arbeiter mit über tausend Beschäftigten in den jeweiligen Ländern zur Gesamtzahl der Fabrikarbeiter mit dem Ergebnis, dass es in den USA nur 18 Prozent, in Russland aber 41 Prozent sind, die in diesen Megafabriken arbeiten. „Diese Tatsache läßt sich schlecht vereinbaren mit der banalen Vorstellung von der ökonomischen Rückständigkeit Rußlands. Sie widerlegt indes nicht die Rückständigkeit, sondern ergänzt diese dialektisch“. (Leo Trotzki, Die Russische Revolution, Kopenhagener Rede 1932, Voltaire Flugschrift 29, Edition Berlin, o.J.,12).  Sätze, über die man leicht drüberweglesen kann, aber was heißt denn das ? Dialektische Ergänzung. Ausgesagt wird lediglich ein quantitatives Verhältnis von 41 zu 18, das aber keineswegs stabil ist (Ausfall durch Krankheit, Entlassungen, Neueinstellungen; selbst die Relationen sind stets bewegliche) Wenn die Dialektik die Wissenschaft der allgemeinsten(!!) Bewegungsformen des Denkens der Natur und der menschlichen Gesellschaft ist, und das letztere käme hier in Betracht: die Dialektik ist die Wissenschaft der allgemeinsten Bewegungsgesetze der menschlichen Gesellschaft, wie kann Dialektik dann irgendwie einen ergänzerischen Status erhalten ? Hält man Trotzkis Schriften ins Licht der materialistischen Dialektik, so trüben sich diese ein, besonders wenn man sie mit den Hauptschriften Mao Tse tungs zur Dialektik vergleicht. Ja man könnte sagen, das Verhältnis zwischen Lenin und Trotzki in der russischen Revolution entspricht dem von Mao und Tschiang-Kai Tschek in der chinesischen Revolution, ersterer war ein Poet, letzterer ein Professor für Mathematik. Für den führenden preußischen General in den doppelgesichtigen, sowohl fortschrittlichen als auch reaktionären Befreiunsgskriegen gegen Napoleon, den aus dem Hannoverschen stammenden Bauernsohn Gerhard David Scharnhorst stand der Krieg der Dichtkunst näher als der Mathematik. In der Tat ist der Krieg mehr intuitiv-kreativ zu führen, als mathematisch-kalkulierend. Numerisch unterlegne Armeen können durch überragende militärische Kreativität stärkere besiegen. Die Berufsrevolutionäre schulen sich für die Revolution, um deren Qualen abzukürzen. In der Entwicklung der revolutionären Gärung gilt es genau den Zeitpunkt abzupassen, in dem der revolutionäre Apparat sich aufrichtet und in den Schnittlinien eingreift, um das ganze Geschehen kühn zu dominieren. Das Angriffssignal ist zu geben, wenn am entscheidenden Punkt das entscheidende Übergwicht massiert ist. Das ist der Unterschied zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution, die erste war eine spontane, elementare, ohne Andeutungen, sie lag nicht in der Luft, konnte nicht gespürt werden, unerwartet für die Massen selbst, die zweite eine Kaderrevolution, also auch in der fundamentalen Qualität der Revolutionen gab es einen Umschlag. Doch darf man sich die zweite Revolution nicht so vorstellen, als wäre sie einer umfassenden Planung unterworfen worden und dieser entsprechend abgelaufen. Schon Lenins von Napoleon übernommene Taktik: „On s‘ engage et puis on voit“ schränkt eine „Mathematisierung“ und „Mechanisierung“ dieser Revolution, zu der Trotzki neigt, ein. Trotzkis Formulierungen „Alltagsmechanik des politischen Lebens“ sowie „Schema der Entwicklung“ gehören nicht in den Wortschatz der Gesellschaftswissenschaften. Desgleichen die Formulierung, dass die sozialistische Gesellschaftsordnung nur möglich sei als ein System der ökonomischen Spirale durch Verteilung innerer Missverhältnisse eines einzelnen Landes auf eine ganze Ländergruppe, durch gegenseitige Hilfeleistungen verschiedener Länder und gegenseitige Ergänzung der verschiedenen Zweige ihrer Wirtschaft und Kultur …“ (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,656). Man stelle sich das vor: System der ökonomischen Spirale ? Es ist auch nicht wahr, dass Lenin in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht von einem Zahnradsystem gesprochen hat, er gebrauchte die Ausdrücke „Kette“ und „Kettenglied“. Ebenso vertritt Trotzki auch in der Frage des Aufstandes und in der des Bürgerkrieges eine mechanistische Auffassung, wenn er erstere als eine ansteigende Kurve darstellt, die sich über Monate hinziehen kann und von einer „Mechanik des Aufstandes“ und von einer „Mechanik des Bürgerkrieges“ XXX Leo Trotzki, Die Lehren des Oktobers, in: Oktoberevolution, Oberbaumpresse, Berlin, 1967,64 xx spricht. Ein Dialektiker, der Derartiges formuliert, ist auf den Hund gekommen.

Der Aufstand der Bolschewiki hätte nach Trotzki zeitverzögert auch noch im Dezember 1917 glücken können. Es ergibt sich dann aber die Problematik, dass der Umschlag vom alten Regime zum neuen nicht blitzartig erfolgen kann, was aber nach dem Gesetz der Dialektik geboten ist, dass es also einen ganz bestimmten Zeitpunkt im Prozess der Gärung, die keine Kurve darstellt, gibt, nur in dem der Aufstand erfolgreich ist und nur sein kann. Es hängt jetzt alles von Stunden ab, hatte der vorwärtsdrängende Lenin aus einer konspirativen Wohnung in Petrograd kurz vor dem Aufstand ans ZK geschrieben. In einem naturgeschichtlichen Prozess kann der Zeitpunkt des Umschlags nicht versäumt werden, er ergibt sich aus seinem Inneren und ist da, ist aber in einem gesellschaftlichen Prozess, in dem Menschen mit Bewußtsein handeln, der richtige Zeitpunkt des Aufstandes versäumt worden, dann können Jahrzehnte der Reaktion ins Land ziehen, können Jahrzehnte reaktionärer Herrschaft das Volk unterdrücken.

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