Über einige wenige Beziehungen zwischen Revolutionen und politischer Bewusstheit


Beweist die schnelle und besondere Höherentwicklung der Februarrevolution zur Oktoberrevolution eine sich steigernde Entwicklung des bewußten planmäßigen und politischen Handelns der Menschen überhaupt, obwohl marxistische und bürgerliche Historiker inklusive Trotzki übereinkommen, dass die russische Doppelrevolution im Jahr 1917 sich in dieser Konkretheit, die den Zeitraum einer menschlichen Schwangerschaft einnahm, nicht mehr auch nur annähernd wird wieder ereignen können.  In Russland zum Beispiel folgte der Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen der Revolution, war ihre Wirkung, in China verkündete Mao Tse tung am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China, die sich aus dem Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen erst ergab. In der russischen Revolution setzte sich die Sowjetbewegung an der Nordfront viel zügiger durch als an der Südfront und an der Kaukasusfront. Im chinesischen Bürgerkrieg war es umgekehrt, nach der großen Offensive 1925 bis 1927 ging die fortschrittliche Nationalbewegung vom Süden aus.

In der klassischen bürgerlichen Revolution standen die im Feudalsystem ausgebeuteten Bauern und Handwerker noch ohne  politische Kampfpartei da, 1917 gab es eine mit allen Waffen des Marxismus hochgerüstete bolschewistische, mit den abscheulichen sozialdemokratischen prokriegerischen Kreditparteien in Westeuropa gar nicht zu vergleichende in Russland und am 1. Juli 1921 war die Kommunistische Partei Chinas in Shanghai gegründet worden. Insbesondere die deutsche Sozialdemokratie bewies ex negativo die Richtigkeit der Leninschen Parteitheorie.


Rousseau schrieb vor der bürgerlichen Revolution in Frankreich, dass alles Üble vom schlecht regierten Menschen herrühre. Erst der utopische Sozialist Saint-Simon deutete die französische Revolution 1802 in seinen ‚Genfer Briefen‘  als Klassenkampf, als einen zwischen Armen und Reichen, so dass man nicht länger ‚vom Menschen überhaupt‘ sprechen konnte. Damit erschien die Frage der Menschenrechte in einem ganz neuen Licht, sie erschien jetzt als Klassenfrage. Die Marxisten und Anarchisten wussten vor 1917, rousseauistisch ausgedrückt, dass alles Üble vom überhaupt regierten Menschen stamme. ! 1762 schon findet man im Erziehungsroman Rousseaus, im ‚Emile‘, die Vorhersage revolutionärer Ereignisse: Wir nähern uns jetzt, heißt es dort, mit raschen Schritten einer Periode großer Krisen und großer Revolutionen, die alle und alles erfassen werden.  Alle großen Monarchien Europas hätten geglänzt oder glänzten noch, aber Staaten, die glänzten, seien bereits im Untergang begriffen. Lenin beließ es nicht nur bei einer pauschalen Ankündigung, sondern skizzierte den Verlauf der Doppelrevolution von 1917 schon vor ihr erstaunlich vorausblickend.

Man kann gar nicht in Abrede stellen, dass auch die bürgerliche Aufklärung wenigstens minimal eine Anleitung zum Handeln enthielt, am meisten noch in der französischen,  in ihr auch schon in der frühen; durch Kant in der deutschen eine recht minimale, knickrige, verkümmerte; aber der Marxismus hat die Scheu der Philosophie abgelegt, und sich ganz explizit als eine weltzugewandte Anleitung zum Handeln begriffen, durch ihn und seinen Weiterentwickler Lenin befinden wir uns auf einer viel höheren Stufe politischer Bewusstheit. Das Verhältnis des Marxismus zur bürgerlichen Philosophie und ihrer Innerlichkeit und religiösen, weltabgewandten Tendenz ist auch ein Verhältnis zwischen Hand- und Kopfarbeit und der Marxismus ist dabei um so mehr auf der sicheren Seite, je mehr sich der fundamentale Irrtum, das Handeln der Menschen sei aus ihrem Denken statt aus ihren Bedürfnissen zu erklären,  in den Köpfen der Philosophen festsetzt, ja festsetzen muss. Die Bedürfnisse kommen im Kopf nur zum Bewußtsein und die Menschen machen Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. (Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag, Moskau, 1975,379).

Allerdings: Unter dem feudalen Regime hatten sich schon alle Megastrukturen einer bürgerlich-kapitalistischen Organisation der Wirtschaft herausgebildet und setzten sich relativ leicht durch, das Feudalsystem zerbrach in einer Nacht. Es geschah dies in der berühmten Nachtsitzung der Nationalversammlung vom vierten auf den fünften August 1789, in dieser wurden alle Privilegien des Adels und des Klerus aufgehoben, diese Privilegienaufhebung umfasste 150 Punkte, u. a. Abschaffung der Leibeigenschaft, die Aufhebung der Ausübung der gutsherrlichen Gerichtsbarkeit, die Abschaffung des ‚Zehnten‘ …. und und und … Unter dem spätkapitalistischen Regime, (müsste man 1917 in Russland nicht von einem frühkapitalistischen sprechen ?), hatte und hat die Vergesellschaft der Arbeit und die sich immer mehr konzentrierende Anarchie der Produktion einen so hohen Grad der Entwicklung erreicht, in dem sich ihre Übernahme in kollektive und also sozialistischen Formen mehr und mehr abzeichnet. Gleichwohl kann es keine schleichende Übernahme dieser durch eine sozialistische Regierung in einer Nacht- und Nebelaktion geben, denn es geht nicht ohne revolutionären Sprung ab, in dem die Gründung einer ganz neuen Gesellschaft mit einer Planwirtschaft liegt. Immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter, arme Bäuerinnen und arme Bauern fragen sich weltweit, wie kommt es, dass die Arbeit der Vielen in den Reichtum der Wenigen mündet und erkennen immer bewusster den schreienden Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung. Ihnen stellt sich die Frage nicht mehr, ob das kapitalistische Blutsaugersystem überwunden werden muss, sondern nur noch: wie ?

Um die Gründung einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation kümmerten sich die ‚großen‘ Geschäftsmänner der ‚großen‘ französischen Revolution nicht, obwohl die Etablierung einer Nationalökonomie auf kapitalistischer Grundlage der Hauptinhalt einer bürgerlichen Revolution ist. Diese Menschen wussten nicht, was sie taten. Aus der Anarchie der Produktion herkommend, beginnt das Proletariat dagegen beim Aufbau einer internationalen Ökonomie auf sozialistischer Grundlage von vorn, und um wieviel mehr in Russland, dass nach der Niederlage im Weltkrieg ökonomisch auf dem Boden kroch und auf dem letzten Loch pfiff, zudem angefeindet durch eine kapitalistische Staatengemeinde, die über ein ökonomisch und militärisch wesentlich höheres Potential verfügte, allerdings, die Imperialisten waren sich, wie es ihnen geziemt, nicht eins. Eins sein muss das Proletariat, das ist der Kommunismus ! Und die Oktoberrevolution hat zu diesem Menschheitswerk nach der Pariser Commune den zweiten Grundstein gelegt.

Für die rapide Entwicklung zu dieser hin gab es im Hintergrund einen großen Beschleuniger, einen großen Magister, das war der erste imperialistische Krieg.  „Der Krieg hat uns in drei Jahren um dreißig Jahre vorwärtsgebracht …“ (Lenin, Aus dem Tagebuch eines Publizisten, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,286). Es ist in der Periode, die Marx noch der Vorgeschichte der Menschheit zuschlägt, wohl  leider offensichtlich so, dass Revolutionen und Kriege aneinander gekoppelt sind:  „Die Dialektik der Geschichte ist gerade die, daß der Krieg, der die Umwandlung des monopolistischen Kapitalismus in den staatsmonopolistischen Kapitalismus ungeheuer beschleunigte, dadurch die Menschheit dem Sozialismus außerordentlich nahe gebracht hat“. (Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,370).

 

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