Der Sado-Masochismus der Geschichte

Vor der bürgerlichen Revolution in Frankreich schrieb Rousseau bereits 1762, dass alles Üble vom schlecht regierten Menschen herrühre. Die Marxisten und Anarchisten wussten vor 1917, dass alles Üble vom überhaupt regierten Menschen stamme ! Weder 1917 noch danach wusste der letzte Ministerpräsident der bürgerlichen Regierung vor der Oktoberrevolution, der von den Bolschewiki gestürzte Alexander Kerenski dies. Nach der Februarrevolution, schrieb er in seinen Memoiren, begann Russland wieder „Befehle zu geben und ihnen zu gehorchen“. Das ist das alte Weltbild, das schon mit den Parolen selbst der bürgerlichen Revolution nicht zu vereinbaren ist. Unter Brüdern gibt es weder Befehle noch Gehorsam, ebensowenig wie unter ‚Freien und Gleichen‘. Kurz nach der Oktoberrevolution wurde den Soldaten der Roten Armee in einer ‚Instruktion des Soldaten‘ mitgeteilt, dass ihre Vorgesetzten Brüder seien. Eine Revolution ohne Intention, den aus der Geschichte der Arbeitsteilung stammenden Herr-Knecht-Mechanismus ‚zu knacken‘, ist bereits von vornherein gescheitert. In einem Telegramm des Vertreters des Außenministeriums im militärischen Hauptquartier der Februararmee, die sich aus  der Februarrevolution 1917 in Petrograd gebildet hatte, dem Fürsten Gregorij Trubetzkoi, fällt kurz vor der Oktoberrevolution im Zusammenhang mit der Befürwortung des Kornilow-Putsches der markante Satz, dass die Mehrheit der ländlichen und städtischen Massen nur der Peitsche gehorcht. Das ist Anti-Kommunismus schlechthin und wir sind für diese Aussage außerordentlich dankbar. Obwohl der Sozialrevolutionär Kerenski sich in seinen Memoiren gegen die rechten Kornilowputschisten reinwaschen will, im Antikommunsimus geben sich Kornilow und Kerenski nicht viel, beide sind Sklaven, gebannt im Rahmen eines vulgären Weltbildes. Hier stimmt die Chemie zwischen ihnen.

Seit der Pariser Commune, auch das macht ihre weltgeschichtliche Bedeutung aus, zeichnen sich den Völkern Konturen eines neuen Weltbildes am Horizont der Weltgeschichte ab. Diese Konturen werden nicht ständig deutlicher, sondern sie verflüchtigen sich auch immer wieder. Ab und zu taucht heute die rote Fahne wieder vereinzelt auf, einen neuen Anlauf kontinuierlich und diszipliniert zustrebend. Der Menschheit bleibt kein anderer Ausweg aus der spätkapitalistischen Barbarei als eine Massenbewegung, die auf dem wissenschaftlichen Sozialismus basiert. Gäbe es eine Alternative, einen anderen Ausweg, gäbe es keinen wissenschaftlichen Sozialismus. Nur in ihm finden die Völker den Gehalt an Humanismus, der in der Menschheitsentwicklung vorhanden sein muss, damit sinnvolles Leben auf diesem Planeten überhaupt dereinst möglich werden kann.

Im Kern ist die Geschichte der bisherigen Klassenkämpfe trotz aller in ihr vollzogenen Fortschritte eine Orgie aus Gewalt, Perversion und Bestialität. Die Zarin Alexandra schrieb kurz vor der Oktoberrevolution an ihren Gatten: „Seien Sie Peter der Große, Iwan der Schreckliche, Seien Sie Zar Paul – zertreten sie alle unter ihren Füßen … Liebster, zeige die Macht Deiner Faust – das ist es, was die Russen brauchen … Sie selber verlangen danach … Wir brauchen die Knute !“ Habgier und Herrschsucht treiben die sogenannte Zivilisation voran. Zwei verheerende Weltkriege bilden konsequenterweise den ganzen Stolz dieser bürgerlichen Zivilisation. Die Peitsche ist das Symbol des Sado-Masochismus und einstweilen gelingt es den Soziologen und Politologen im Dienste des Kapitals noch, die Peitsche des Fürsten Trubetzkoi zu kultivieren, sie aus einem Morast kultureller, von der Religion vorangetriebener  Dekadenz herauszuheben und mit ihr zu drohen. Das für sie Fatale ist nur, dass sie immer tiefer in einen Morast einsinken und schon die Gefahr droht, dass ihr Kultobjekt mit dem Morast in Berührung kommt. Wie im Mittelalter ist auch heute das Ziel aller staatlich-pädgogischen Bemühungen von der Schultüte bis zum Universitätsdiplom: die devote Kreatur ! Marx spricht vom „Menschenkehricht“.

Es ist in diesem Zusammenhang auf ein Phänomen hinzuweisen: Ein kleiner Teil der Lohnsklavinnen und Lohnsklaven werden den Masochsimus so sehr verinnerlicht haben, dass sie auch nach einer erfolgreichen proletarischen Revolution als Menschenkehricht nach der kapitalistischen Peitsche winseln werden. Schon während der Pariser Commune ging ein kleiner Teil der Arbeiterinnen und Arbeiter ‚mit den Versaillern‘. Das war sogar noch harmlos im Vergleich zur deutschen Sozialdemokratie, deren ganzes Spießertum am 4. August 1914 bei der Bewilligung der Kriegskredite zum Vorschein kam. Die Nachricht über die Bewilligung hielt Lenin zunächst für eine Fälschung des deutschen Geheimdienstes ! Diese ekelhaften masochistischen Spießer haben den Schatten des Faschismus über das ganze 20. Jahrhundert und darüber hinaus geworfen, bis heute. Nur Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hielten im August 1914 bis zu ihrer Ermordung mit Unterstützung durch die SPD die rote Fahne hoch. Es gibt heute in Deutschland kein besseres Kriterium für  Volksfeindlichkeit als ein Aussprechen für den Erhalt dieser politischen Partei, die wohl eher einer kriminellen Vereinigung gleicht. Kann es verwundern, dass sich die devoten Kreaturen der Linken und der Grünen zu dieser hingezogen fühlen ?

Dagegen mahnen Revolutionen, die in der Geschichte einen sozialen Fortschritt gebracht haben, an eine Natürlichkeit in den Formen der zwischenmenschlichen Beziehungen, ja an eine Schlichtheit. In den Bauernkriegen werden wir Zeugen einer urwüchsigen Primitivität der Volksmassen. In der französischen Revolution tritt die Primitivät der Volksmassen auf in einer von Robespierre kultivierten Tugend und auch proletarischen Revolutionen ist eine spezifische Primitivität inne, die Lenin in seinem Werk ‚Staat und Revolution‘ explizit betont, die zwingend auch aus dem Grunde ist, weil Revolutionen immer auch auf etwas tief in der Weltgeschichte liegendes Archaisches zurückgehen, auf einen Zustand, in dem die Menschen ohne Staat, ohne Peitsche auskamen. Die proletarische Revolution beinhaltet keineswegs eine Verfeinerung der aufgeblähten, künstlichen und ineffektiven bürgerlichen Staatsmaschinerie, die sich mit einem spezifischen Idiotismus der Bürokratie krönt, sondern diese Revolutionen konzentrieren die ganze Primitivität der Volksmassen auf die Vernichtung der bürgerlichen Staatsmaschine. Der Staatsbürger ist ein künstlicher Sado-Masochist, kein natürlicher Mensch. Auf diesen natürlichen Menschen ohne religiöse, politische, philosophische und sonstige ideologische Schlangenhäute wollte schon der junge Karl Marx hinaus. Es kann kein Zufall sein, dass Clara Zetkin 1917 in ihrer Erörterung der bolschewistischen Revolution  auf den Spruch kommt: „Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, wo Mensch dem Menschen gegenübersteht“ (Clara Zetkin, Der Kampf um Macht und Frieden in Russland, in: Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,775). Die Massen haben nicht vergessen, dass in der chinesischen Kulturrevolution den bürokratischen Idioten Schandtüten auf die Köpfe gesteckt wurden.

Nach der Oktoberrevolution blühte zum Beispiel die Folklore der russischen Völker auf, über deren Naivität die Intellektuellen die Nase rümpfen, die immer Schwierigkeiten mit einer revolutionären Materie haben werden. Intellektuelle müssen zu „einfachen“ Arbeitern und Bauern umerzogen werden, schließlich muss auch im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus der Unterschied zwischen Arbeitern und Bauern fallen. Ein Punkt, den man beim Ausmalen des Kommunismus, beim Ausmalen eines Lebens ohne Staat und ohne Peitsche nicht übersehen darf.

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