Novemberdepression

 

Im Jahr 1917 ergab sich  in Russland auf Grund einer politisch noch nicht ausgereiften Bauernbewegung  nach der Februarrevolution die wohl bizarrste Konstellation des Klassenkampfes zwischen Altem und Neuem in der Geschichte der Volksaufstände, permanent den Bürgerkrieg der einen Hälfte gegen die andere enthaltend. Die Periode der Doppelherrschaft, die gleich in den ersten Tagen nach dem Sieg der Februarrevolution einsetzte und die selbst im Kern eine Bürgerkriegskonstellation ausdrückte, wurde von einer Regierung, die sich selbst eine „Regierung zur Rettung der Revolution““ nannte, für einige Monate in einem Meer von Bauernaufständen und unter den Gewitterwolken von Putschgerüchten, in einer fragilen Balance gehalten. Die sich immer wieder neu ausbalancierende Doppelherrschaft und das quälende Suchen nach einem Ausweg aus ihr im schwerfälligen Russland gehörte, obwohl sie in Russland fast das ganze Jahr 1917 ausfüllte, inhaltlich nicht dem 20. Jahrhundert an, einem Jahrhundert der Extreme, des Gedankenblitzes, der per se richtig sein muss, einem Jahrhundert der Stahlgewitter, der Blitzkriege. Konnte man aus dem ersten Weltkrieg noch Konturen des Rationalen eruieren, so wurde der zweite Weltkrieg von Hitler schon im Stil eines Amokläufers geführt.

Die Doppelherrschaft in Russland bewegte sich noch in einem anderen Milieu, in das aus dem Osten eine asiatische Trägheit hineinwehte und aus den USA das in großen Firmen einsetzbare Taylorsystem, während Westeuropa den cartesianischen Zweifel nicht mehr beachtete, der philosophisch an seiner Wiege stand, und das Unentschlossene, ja die Philosophie hinter sich gelassen hatte. Im Blitzkrieg öffnet sich urplötzlich ein Fatales immens, von dem Philosophie den Menschen immer entlasten wollte. Die Philosophie musste fallen, damit ein Zeitalter der Gleichgültigkeit sich durchsetzen konnte.

Durch das bäuerliche Übergewicht lag in Russland eine viel gewichtigere Naturverbundenheit vor als in Westeuropa, das sich im Zuge der technisch-industriellen Revolution immer mehr aus dieser löste und eine Autonomie des Individuums forderte, die heute von Robotern wiederum bedroht wird. Diese bürgerliche Autonomie war immer etwas Vordergründiges, in Ideologie Gehülltes. Zwei Weltkriege entlarvten diese Autonomie und zeigten zugleich an, dass der westliche Mensch das Band zwischen sich und der Natur endgültig zerschnitten hat. Im 20. Jahrhundert bildeten sich die USA als westliche Führungsmacht heraus und ihr blieb es vorbehalten, die Zeichen der Zeit amokhaft zu setzen: Hiroshima, Nagasaki, der ‚Agent Orange‘ in Vietnam.

Es wird damit zugleich angezeigt, dass das das Weltbild des Bürgertums von der Rousseau’schen Naturverherrlichung in das Gegenteil umgeschlagen ist: ihrer abgrundtiefen Verachtung, als ob Rousseau die Natur noch einmal zum Absoluten erhob und sie als solches dem Anblick der Europäer freigab, ehe die Konsumwellen und Bombenteppiche alles vernichteten. Die Zerstörung der urbanen Vernunft im 20. Jahrhundert, der die maoistische Bauernguerilla noch zu widerstehen schien, ist in diesem Jahrhundert vollendet worden und der sinnlose Amoklauf gibt heute den leeren Gehalt unserer Epoche am besten wieder. Er wird im 21. Jahrhundert noch mehr als im 20. zum Sinnbild unserer Zeit werden. So taumelt die Welt vor sich hin, ohne Sinn und ohne Ziel. In den Konsumwellen kehrt der Mensch das ihm innewohnende Animalische zur Priorität heraus und vielleicht tut er instinktiv gut daran, für die Wissenschaft ist die Auflösung unserer Sonnensysteme beschlossene Sache. Der Mensch sollte sich hüten, das Universum einem höheren Wesen zu unterstellen, das höher als er selbst ist. Dieses angeblich höhere Wesen wäre ein noch größerer Amokläufer als der Mensch selbst und hätte an Adolf Hitler seine helle Freude gehabt. Nicht Jesus Christus wäre der in Menschengestalt auf Erden wandelnde Gott, sondern Adolf Hitler.

 

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