Das 20. Jahrhundert – eine Übersichtsskizze, mit einem Ausblick auf das 21.

 

Der französische Agronom und Ökologe René Dumont sieht das 20. Jahrhundert nur als ein Jahrhundert der Massaker und der Kriege an. Auf den ersten Blick mag das zutreffen wie es auf jedes bisherige Jahrhundert zutrifft. Man kann mit Fug und Recht das 20. Jahrhundert als das des totalen Krieges bezeichnen und das in einer Radikalität, die die bisherigen Jahrhunderte in den Schatten stellt.   Und doch scheinen mir die nach der Hälfte des Jahrhunderts Geborenen seine glücklicheren Kinder zu sein. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist wegen der beiden Weltkriege die tragischste Jahrhunderthälfte der Weltgeschichte, während in der zweiten Hälfte der Korea- und der Vietnamkrieg trotz aller Ausweitung der Kriegsherde relativ lokal begrenzt blieben, obwohl sie den fundamentalen Weltkonflikt zwischen Sozialismus und Kapitalismus zum Austrag und Ausdruck brachten. Der zweite Weltkrieg war viel zu kolossal und läßt uns die Frage aufwerfen, ob es in der Weltgeschichte ein vergleichbares Jahrhundert gibt, das in der Mitte einen vergelicbaren Bruch aufweist. Die USA, die noch im ersten Weltkrieg durch den Kriegseintritt am 6. April 1917 mit der Kriegerklärung an Deutschland den ersten Weltkrieg entschieden hatten, verloren im zweiten den Wettlauf um Berlin.  Mittlerweile zum Haupthort des Antikommunismus „aufgestiegen“, wollten die USA den Krieg in Vietnam, in den sie als einzige Großmacht frontaktiv verwickelt waren, mit einer Siegerpose beenden. Gerade diese frontaktive Verwicklung zeigt die Kehrtwendung der US-amerikanischen Außenpolitik seit 1898 an, die sich völlig von dem Rat ihres Gründergenerals George Washingtons abgewendet hatten, der die US-Amerikaner auf eine ’splendid isolation‘ eingeschworen hatte. Einen Sieg des Vietcong hielten die westlichen Militärexperten für völlig absurd.  Der Vietnamkrieg wurde erheblich durch die vom Fernsehen weltweit vermittelte Bilderwelt beeinflusst, ein Faktor, den die Experten nicht berücksitigt hatten und wohl auch zunächst gar nicht berücksichtigen konnten. Auf Grund einer Kommunikationstechnologie, die wesentlich höher entwickelt war als 1939, war es dieser Krieg, der den Begriff der Globalisierung als einen substantiellen an den Horizont der neueren Geschichte zeichnete, obwohl der Kernbegriff ‚Weltmarkt‘ in ihm aufgehoben blieb. Nicht Europa, Asien brachte im Zeitalter der Medien den Schlüsselgeneral des 20. Jahrhunderts hervor. Der vietnamesische Bauernsohn Giap ging als Bezwinger zweier Kolonialmächte in die Geschichte ein. Die Blamage der USA im Vietnamkrieg verhinderte, dass man das 20. Jahrhundert als ein amerikanisches bezeichnen konnte, ebenso wie die Perestroika zur Einsicht zwang, dass man es auch nicht als ‚das russische oder sozialistische Jahrhundert‘ in die Weltgeschichte eingehen  lassen konnte. Letzteres hätte man in der Mitte des Jahrhunderts behaupten können, denn nur 33 Jahr nach der Oktoberrevolution hatte das bolschewistische Prinzip ein Drittel der Menschheit zum aufrechten Gang angehalten. Als am 29. August 1949 in der Sowjetunion die erste Atombombe gezündet worden war, hatte die Welt eine zweite Supermacht. Die Sowjetunion war also nur 27 Jahre nach ihrer Gründung am 30. Dezember 1922 eine Supermacht geworden, aber Staaten, die als Supermacht glänzen, sind bereits im Abstieg begriffen. Auch die USA werden ihrem historischen Schicksal nicht entgehen können. Trotz der Niederlage des Kommunismus werden zukünftige Revolutionäre in zweifacher Hinsicht rückfällig werden: Das Lenin’sche Parteikonzept und die maoistische Guerillakriegführung haben kaum an Faszination eingebüßt. Hart gesottene Kommunisten sehen den Kommunismus natürlich noch nicht am Ende. Deutet man die Oktoberrevolution als eine gewonnene Schlacht im Weltrevolutionskrieg, der nach 1923 erst einmal erlosch, und die Stalin ab dieser Zeit in einen erfolgreichen Krieg selbst umschrieb, so galt ab 1991 die Niederlage im Weltrevolutionskrieg bis heute nur als eine verlorene Schlacht. Diese Sichtweise ist im Kontext der Sowjetideologie unvermeidbar. Der Koreakrieg, in dem der Kommunismus ja nicht nur in einem Land zur Disposition gestellt wurde,  und die Gründung der NATO zeigten nach 1945 an, dass der Ost-West-Konflikt auf dem Rücken der asiatischen und westeuropäischen Völker ausgetragen werden sollte. Ein neues Wort hatte sich im Wörterbuch des Krieges eingenistet: der Stellvertreterkrieg. Das 20. Jahrhundert begann für Europa unter einem ungünstigen Stern und sollte das Jahrhundert des Niedergangs des Eurozentrismus werden: 1905 wurde Russland, das größte von Weißen bewohnte Land auf Erden vom kleinen Japan, von den Gelben militärisch bezwungen. Die weiße Rasse war fassungslos. Die europäische Bourgeoisie hat heute kein Selbstbewußtsein mehr und zittert dem Amtsantritt des gewählten, designierten  US-Präsidenten Trump im Januar 2017 nicht nur mit einem Fragezeichen, sondern mit einem ganzen Bataillon von Fragezeichen entgegen.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Kurzlebigkeit der chinesischen Kulturrevolution, ja ihr Abbruch, haben den Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts stark beschattet, das sein einschneidendes Kriegserlebnis schon 1812 bei Borodino hatte. Karl Kraus bereitete ab 1915 in Wien ein Buch über den ersten Weltkrieg mit dem Titel ‚Die letzten Tage der Menschheit‘ vor. Zwei Weltkriege, der erste 99 Jahre nach der Schlacht von Waterloo ausbrechend, die Massaker von Shanghai und  Nanking, Auschwitz-Birkenau und Buchenwald, der Kommissarbefehl, Hiroshima und Nagasaki, überhaupt die Ausweitung des Krieges auf die Zivilbevölkerung – bekanntlich lehnte Hitler die Evakuierung der Zivilbevölkerung Berlins 1945 mit dem Satz ab: ‚Wir müssen auch hier eiskalt bleiben, in  diesem Krieg gibt es keine Zivilisten‘, was im übrigen auch die Denkweise der anglo-amerikanischen Luftwaffenkommandos war, wahre Barbaren in der Auslöschung der Zivilbevölkerung   – belasten die Zukunftshoffnungen schwer, sind aber geschichtskonform, wenn man den Imperialismus wie Lenin als stinkenden, faulenden und parasitären Kapitalismus begreift. So gesehen musste das 20. Jahrhundert, das Eric Hobsbawm für das mörderischste von allen hielt – vielleicht war der größte Ketzermord der Geschichte, der Eispickelmord 1940 in Mexiko, der Mord des Jahrhunderts ? – im Vergleich zum neunzehnten, das frisch nur elf Jahre nach 1789 einsetzte, ein dahinfaulendes sein.

Siebzehn Jahre nach 1900 und achtzehn Jahre nach 1950 gab es aber immerhin zwei große und einen kleinen Emanzipationsschub: die Oktoberrevolution proletarisch-bäuerlicher Provenienz, die von ihr eingeleitete anti-koloniale Emanzipation in Asien, Afrika und Lateinamerika und die 68er Bewegung bürgerlicher und kleinbürgerlicher Provenienz. Die 68er Bewegung war allerdings nur die Farce der Oktoberrevolution und der chinesischen Kulturrevolution. Sowenig es der 68er Bewegung gelang, zwei, drei, viele Vietnams zu schaffen, sowenig gelang es der Perestroika zwei, drei, viele Lenins hervorzubringen. Die wirklichen Revolutionen hatten die Gleichstellung der Frau gebracht, die es in Ländern, in denen die 68er Bewegung Schrecken der Spießbürger war, bis heute nicht gibt, man findet in ihnen nicht das Prinzip des gleichen Lohns für gleiche Arbeit gesetzlich verankert. Gleichwohl kann gar nicht geleugnet werden, dass im 20. Jahrhundert ‚das Feminine‘ mächtig aufgeholt hat gegenüber ‚dem Maskulinen‘. Im Fußball zum Beispiel spielt die deutsche Frauennationalmannschaft, die es erst ab 1982 gibt, mittlerweile erfolgreicher als die Herrenelf, die seit 1908 Länderspiele bestreitet. Den Höhepunkt erreichte die Frauenbewegung im 20. Jahrhundert allerdings in der Bildung eines roten Frauenbataillons in Shanghai, der Hochburg der chinesischen Kulturrevolution. In dieser Millionenmetropole zitterte die Volkspolizei vor der Schlagkraft dieser Truppe.

Ohne den endgültigen Kollaps der Sowjetunion im Dezember 1991 hätte man der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sogar einen optimistischen Unterton beipflichten können. Es sieht heute so aus, als habe sich die Menschheit nach dem zweiten Weltkrieg rascher gefangen als nach der Todesmelodie der Perestroika. Auch Korea erholte sich auffallend rasch von den Folgen des Bürgerkrieges. Die Perestroika brachte eine Sinnentleerung der Geschichte und nahm damit der Menschheit das Fundament weltweiter Homogenität und Solidarität. Die Angst vor der Verelendung geht heute weltweit, auch besonders in Russland,  als Gespenst umher. Der Satz aus dem ‚Kommunistischen Manifest‘, die Bourgeoisie gleiche dem Hexenmeister, der die von ihm heraufbeschworenen Kräfte nicht mehr bannen könne, ist heute aktueller als zur Zeit der KPdSU. Die Zerstörung des historischen Materialimus brachte sogar eine Zerstörung der aufklärerischen Vernunft mit sich. „Die Zerstörung der Vergangenheit, oder vielmehr die jenes sozialen Mechanismus, der die Gegenwartserfahrung mit derjenigen früherer Generationen verknüpft, ist eines der charakteristischsten und unheimlichsten Phänomene des späten 20. Jahrhunderts. Die meisten jungen Menschen am Ende dieses Jahrhunderts wachsen in einer Art permanenter Gegenwart auf, der jede organische Verbindung zur Vergangenheit ihrer eigenen Lebenszeit fehlt“ (Eric Hobawm, Das Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2014,17).  Der wirtschaftlichen Globalisierung unter kapitalistischer Flagge entspricht heute keine ideologische und kulturelle, bewußtseinsmäßige und kann es auch gar nicht. Unter kapitalistischen Lebensbedingungen kann es nur eine Pseudogegenwart geben, denn im Kapitalismus herrscht die Vergangheit über die Gegenwart, es wird geschuftet, nur um die bereits angehäufte Arbeit zu vermehren, diese dient nicht dazu, den Lebensprozess der Arbeiterinnen und Arbeiter  zu erweitern, im Gegenteil: Sie werden Krüppel „ihrer“ Arbeit.  Der in seinem Arbeitsprozess Fremde kann nicht gegenwartsbezogen leben und sich im Heute, im Hier und Jetzt wohlfühlen. Der Anspruch der Befreiung der Arbeiterinnen und Arbeiter liegt darin, die Künstlichkeit des Daseins, die sich in der Lohnarbeit manifestiert,  abzuschütteln, um als natürlicher Mensch unter natürlichen Menschen im Einklang mit der Natur zu leben. Im Milieu des Sozialismus kann im Gegensatz zur ekelhaften und perversen Arbeitshölle des Kapitalismus ausgerufen werden: ‚Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein !‘.

Die Perestroika hat nicht nur den großen europäischen Sieger des zweiten Weltkrieges auf die Straße der Verlierer gebracht, sie hat der Menscheit die Welt kaputt gemacht und das ausgeführt, wovon Hitler träumte. Der zweite Weltkrieg hatte die Frage ‚Kapitalismus oder Sozialismus‘ die sich bis 1939 konkret nur für die Sowjetvölker sozusagen intern stellte, nach 1945, nachdem sich das kriegsbedingte Bündnis zwischen Sozialismus und Kapitalismus verflüchtigt hatte, globalisiert und eine westliche und östliche Lagergeborgenheit gebracht, aus der heraus der kalte Krieg, der wie das Kaninchen vor der Schlange der thermonuklearen Weltkatastrophe starr blieb, nicht in einen heißen umschlug. Crutschows Staatsstreich zementierte den status quo. Ein Trump wäre zur Zeit des kalten Krieges nicht einmal auf die Kandidatenliste gekommen. Der Osten war revolutionsmüde geworden und der Westen war viel zu dekadent, um der formal gespaltenen Völkergemeinschaft noch einen globalen Hoffnungsimpuls vermitteln zu können. Die Frage kann höchstwahrscheinlich in ein paar Monaten mit Berechtigung aufgeworfen und bejaht werden, ob das Russland nach der Februarrevolution 1917 und nach der Oktoberrevolution 1917, als die zentralen Metropolen Europa noch unter dem Kriegsrecht darbten, nicht freier war als das Russland im Februar 2017 ?

Der Würfel der Weltrevolution war 1917 nun mal auf Russland gefallen und damit auf die Bauermassen. Mit dem maoistischen Kommunismus erlangte der Bauer und die Bauernguerilla eine weltpolitische Bedeutung, an die im 19. Jahrhundert noch nicht gedacht werden konnte. Das ‚Kommunistische Manifest‘ hätte in manchen Passagen ganz anders geschrieben werden müssen. Mit ständig zunehmender hochentwickelter Industrietechnologie in den westeuropäischen Metropolen Paris, London und Berlin werden im 20. Jahrhundert weltpolitisch nicht ihre Industriearbeiter, sondern die armen Bauern in der äußeren Mongolei zur Avantgarde der Welrevolution. Die Maobibel war das massenwirksamste Buch in der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, sie erreichte eine Auflage von cirka einer Milliarde. Nach den Bauern, durch die der Kommunismus im 20. Jahrhundert hängengeblieben ist, treten heute weitere Gesellen auf, die das marxistische Weltbild vielleicht tödlich durcheinander bringen können. Diese soeben von ruraler Seite dargelegte Entwertung des klassischen Subjekts gesellschaftlichen Fortschritts in den Metropolen wird rapide zunehmen, wenn Roboterkompanien ganze Divisionen von Indutriearbeitern aus kollektiver Organisiertheit herausreissen und vor die Werkstore (ab)schieben, die nach anfänglichem Protest zersplittern und in ihrer isolierten Individualität an von  Massenmedien betriebener Vereinsamung einknicken werden. Amokläufe und Drogenmißbrauch werden Dimensionen erreichen, in die wir uns heute noch gar nicht hineindenken können. Denn soviel kann festgestellt werden, die Massenmedien, die aus Profitgier unterhaltugssüchtig machen müssen, müssen zwecks Steigerung dieser zugleich individuell unterhaltungssüchtig machen, nicht kollektiv. In der Primitivität der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie wird der Einzelkämpfer à la John Wayne favorisiert, nicht darf stattfinden, dass Kollektive Problemlösungen finden.

Vielleicht müssen die Kapitalisten schon heute mehr darauf achten, dass die Roboter mit ihrer technischen Autonomie ihnen unterlegen bleibt als dass der noch aktive Industriearbeiter sich mit revolutionärer Intention mit seinesgleichen organisiert. Millionen und Abermillionen werden außer Brot sein, werden auf allen Kontinenten verhungern und ihren Ansturm auf die kapitalistischen Bastionen werden panzerfahrende Werkschutzroboter mühelos niederschlagen. Der Marxismus selbst steht zur Disposition, weil ihm sein Material, die organisierte Arbeiterklasse ausgehen wird, er befindet sich in einem Wettlauf, in dem es um das Schicksal der Gattung geht. Die technische Entwicklung ist jetzt in eine Phase eingetreten, in der die Hegemonie der Klasse nach und nach, aber unbarmherzig und unaufhaltsam aufgefressen wird, die nach der Vorstellung der marxistischen Klassiker in der Großproduktion zum Klassenkämpfer ausgebildet und organisiert wird. Oder es kann zu der anderen Entwicklungsvariante kommen: Dass die Roboter, den Menschen an Intelligenz überlegen, sich zu einem Kommunismus vereingen, und die Menschen wie ihnen nützliche Tiere ansehen. Gelingt der menschlichen Gattung aber der Eingang in den Sozialismus-Kommunismus bei Aufrechterhaltung ihrer geistigen Souveränität über die Technik, die nur nach diesem Eingang möglich sein wird, so würde die Verrichtung der bisher von Menschen zu ertragenden gesellschaftlich notwendigen Arbeit derart peripher werden, das jeder Mensch morgens wird jagen, nachmittags wird fischen und abends wird Viehzucht treiben können. Aber auch dies nur bei Bedarf, denn natürlich werden Roboter auch in der Landwirtschaft einsetzbar sein und die für den Kommunismus notwendige Aufhebung des Gegensatzes zwischen Arbeitern und Bauern, die im 20. Jahrhundert misslang, immens beschleunigen. Von Robotern niedergehaltene Humantiere brauchen ebensowenig ein ‚Kommunistisches Manifest‘ wie die durch revolutionären Akt gegen die Kapitalisten befreite Gattung, die natürlich der Anleitung zu klassenkämpferischen Handeln dann nicht mehr bedarf. So oder so, der Marxismus geht seinem Schicksal entgegen.

 
 

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